Ferienreif

Die Batterien sind leer. Und zwar nicht nur ein bisschen, sondern sehr. So sehr:

Mein Bürotisch (Ja, genau der Bürotisch, den ich vor etwa zwei Wochen perfekt aufgeräumt habe und von dem ich mir geschworen hatte, dass er aufgeräumt bleiben würde):

Meine nicht mehr ganz scharfe Sicht auf den Terminkalender:

Mein derzeitiger Drogenkonsum:

Wie, ihr wollt noch mehr Beweise? Na dann, da werde ich euch wohl Einblick in die untersten Schubladen meines Geschmacks gewähren müssen….

Meine derzeitige Lektüre:

Wie, ihr wollt noch mehr Beweise? Dann eben zum Schluss noch….

…. meine neueste Errungenschaft (Bitte tut so, als sähet ihr den überquellenden Abfalleimer daneben nicht. Die Müllabfuhr kommt morgen vorbei.):

Glaubt ihr mir jetzt endlich, dass ich wirklich ganz dringend Ferien nötig habe?

Ach, mein Prinzchen….

Der heutige Tag begann mit einem dumpfen Gepolter, gefolgt von lautem Prinzchen-Gebrüll. Nachdem mein Jüngster sich von seiner abenteuerlichen Kletterpartie aus dem Gitterbett erholt hatte, döste ich weiter. „Meiner“ war ohnehin schon aus dem Bett und so dachte ich mir, ich könnte das Kerlchen ruhigen Gewissens ein wenig durch die Wohnung strolchen lassen. Leider hatte ich vergessen, dass gestern jemand bei uns ein paar diese Zuckerschaum-und-Milchschokolade-Dinger (politisch unkorrekt in der Schweiz nach wie vor „Mohrenköpfe“ genannt) bei uns deponiert hatte und so wurde ich beim nächsten Erwachen eines Zuckerschaum-und-Milchschokolade-verschmierten Prinzchens gewahr. Dieses war sein erster Streich…. aber ein wahres Prinzchen hat auch am frühen Morgen schon viel mehr in Petto. Zum Beispiel, auf den Trip Trap klettern und mit der grossen Schöpfkelle Kakao in die daneben stehende Pfanne zu schaufeln, während Mama Karlsson dabei hilft, zu üben, wie er der Lehrerin gestehen könnte, dass er vergessen hat, das Zeugnis abzugeben. Oder sich an den Bonbons gütlich zu tun, die eigentlich für Karlssons morgige Schulreise bestimmt gewesen wären. Gut, die Dinger waren zuckerfrei, aber das Prinzchen hat wohl nicht daran gedacht, dass auf der Schachtel steht, das Zeug könne „bei übermässigem Verzehr abführend wirken“. Zwischendurch schaffte es der Schlingel auch noch, sich einen Stock tiefer zur Grossmama abzusetzen, waghalsige physikalische Versuche mit einem – Gott sei Dank leeren – Trinkglas durchzuführen, zu testen, ob der Tonkrug auch nach dreissig Jahren, die er schon in Gebrauch ist, noch stabil ist, noch einmal zur Grossmama durchzubrennen, mit dem FeuerwehrRitterRömerPiraten um den „Bä!“ren zu streiten und dann noch ein paar Dinge mehr, die ich inzwischen vergessen habe, weil ich ja so ganz nebenbei noch Luises Rucksack für die Schulreise packen musste, dafür zu sorgen hatte, dass alle geputzt, gestriegelt und obendrein noch rechtzeitig aus dem Haus gehen und zwischendurch versuchen musste, ein paar Bissen Frühstück in mich hineinzubringen.

Das alles brachte unser Prinzchen in weniger als neunzig Minuten zustande und jetzt frage ich mich natürlich, ob die Zeit noch reicht, ein Baugesuch für einen Tischlerschuppen einzureichen, bevor unser Jüngster richtig loslegt. Denn ganz wie bei Michel aus Lönneberga scheint mir, dass beim Prinzchen Unfug einfach geschieht, ob er es nun will oder nicht. Ausserdem frage ich mich, ob dieser verrückte Start in einen sehr langen Donnerstag genügt, um das zu entschuldigen, was ich danach tat: Ich liess mich bei einem weiteren Zwischendurcheinkauf vom Zoowärter dazu erweichen a) fünf Schweizerfähnchen aus Plastik zu kaufen und b) für meine zwei Jüngsten je ein mit Mickey Mouse verziertes Fläschchen mit diesem abscheulichen überzuckerten Gesöff zu erstehen. Zwei mütterliche Todsünden in einem klitzekleinen Zwischendurcheinkauf, ist das nicht etwas viel? Gut, zu meiner Entlastung darf ich vielleicht anführen, dass der klitzekleine Zwischendurcheinkauf nötig wurde, weil unsere Kinder von gestern Mittag bis heute Morgen zwei Kilo Nektarinen und ein Kilo Aprikosen verdrückt hatten und ich die Früchteschale dringend wieder auffüllen musste. Aber ich weiss nicht so recht, ob die Plastikfähnchen und das Gesöff meine ehrenvolle Tat nicht gleich wieder zunichte machen. Mal ganz abgesehen davon, dass die Früchte aus Spanien kommen, was ja ethisch und ökologisch auch nicht unbedingt vertretbar ist, wenn man an die Schauergeschichten aus der Huelva denkt…

Ja, da sieht man, mit welchen Fragen man sich als Mutter und Hausfrau bereits am frühen Morgen herumschlagen muss. Gut, dass inzwischen wenigstens mein kleines, süsses Monstrum schläft. So kann ich wenigstens meine Gedanken ein wenig ordnen, bevor das Chaos weitergeht….

Zuviel

Spätestens am Donnerstag hätte es eigentlich klar sein sollen, was abgeht. Die Brustentzündung aus heiterem Himmel war ein deutliches Zeichen: Genug gestresst, Zeit, eine Pause einzulegen. Aber wie denn? Wo doch das Au-Pair krank  – oder zumindest so ähnlich – war? Wie denn, wenn „Meiner“ am Samstag seine Arbeitskollegen zum Essen eingeladen hat, weil er sich nach zwölf Jahren aus dem Kollegium verabschiedet? Wie denn, wenn du ein Elterngespräch im Kindergarten hast? Wie denn, wenn der ganz banale Alltag schon genug Action bietet? Du kannst das Leben nicht anhalten, so sehr du dir dies zuweilen wünschen würdest. Und deshalb tust du so, als hättest du die Warnsignale, die dein Körper dir sendet, nicht bemerkt. Du machst weiter, weil du weisst, dass eine Pause nicht drinliegt. Jetzt noch nicht, du musst noch ein paar Wochen warten.

Und deshalb spulst du das Programm ab wie geplant. Du gibst dein Bestes für die Familie, du planst die Einladung in allen Details, du machst alles bereit, damit die Gäste sich wohlfühlen. Du spürst zwar, dass du es kaum mehr schaffst, die Schüsseln für das Buffet die Treppe hochzutragen. Du merkst, dass du immer reizbarer wirst. Du ahnst, dass die Kraft nachlässt. Aber du machst weiter, weil die Familie sich freut, weil die Gäste es verdient haben, dass man sie verwöhnt. Und dann, mitten in der Party, bricht der Damm. Du kannst nicht mehr, du bringst kein Lächeln mehr zustande, du schaffst es kaum mehr, einen zusammenhängenden Satz zu formulieren. Du ziehst dich zurück, denn du weisst, wenn du jetzt mit jemandem redest, dann wirst du verletzend sein, denn du siehst nur noch schwarz. Oder du wirst verletzt, denn deine Haut ist wiedermal so dünn, dass du in jedem Wort einen Vorwurf siehst. Du gehst den Gästen aus dem Weg, nicht, weil du sie nicht magst, sondern weil du weisst, dass du im Moment so ungeniessbar bist, dass du ihnen die Party verderben würdest. Also räumst du auf, damit du niemandem zur Last fällst. Und irgendwann, währenddem du Teller schleppst, leere Flaschen entsorgst, Speisereste in den Kühlschrank stellst, irgendwann, mittendrin, beginnen die Tränen zu fliessen. Du weisst nicht warum, es hat dir keiner etwas Böses getan und du schimpfst dich selbst eine dumme Kuh, die alles verdirbt. Aber die Tränen fliessen dennoch weiter.

Erst später, als die letzten Gäste gegangen sind, wird dir endlich bewusst, was los ist: Du hast einmal mehr die Grenze überschritten. Du hast vergessen, dass du noch nicht gesund bist, auch wenn es dir schon so viel besser geht als noch vor einem Jahr. Du hast übersehen, dass dein Energietank schon fast leer war, du hast die Signale deines Körpers nicht ernst genommen und du bist mal wieder zu verschwenderisch umgegangen mit deinen Kräften. Und deswegen  bist du einmal mehr im schwarzen Loch gelandet. Weil du keine Möglichkeit gesehen hast, dem Trubel eine Grenze zu setzen. Und wie so oft, wenn du im schwarzen Loch sitzt – was Gott sei Dank nur noch selten vorkommt -, schaffst du es nicht, einzuschlafen. Und deshalb bloggst du und hoffst, dass das, was du zu später Stunde in die Tasten haust, irgend einer überforderten Mutter auf diesem Planeten zeigt, dass sie nicht alleine im schwarzen Loch sitzt, sondern dass da mindestens noch eine andere ist, die es auch nicht immer schafft, das Leben mit Schwung und voller Freude zu meistern.

Wann sind wir endlich da?

Es gibt Zeiten, da befindet sich meine mütterliche Autorität im Keller. Tief im Keller, fast schon ganz unter der Erde. So eine Zeit erlebe ich gerade jetzt. Und dann kommt es zu folgenden Szenen:

Mama Venditti, freundlich aber bestimmt: „Nein, es gibt jetzt kein Eis. Zuerst räumt ihr euer schmutziges Geschirr vom Tisch.“
Kinder rennen zum Gefrierschrank, drängeln einander zur Seite und kämpfen um den vordersten Platz an der Eisschublade.
Mama Venditti, streng, aber noch nicht übermässig laut: „Habe ich nicht gesagt, ihr sollt zuerst den Tisch abräumen? Ihr schliesst jetzt sofort den Eisschrank und kommt hierher!“
Kinder scheren sich einen Dreck um Mama, kämpfen jetzt mit Ellbogeneinsatz darum, wer der Erste ist.
Mama Venditti, zornig und laut, aber offenbar nicht laut genug:
„Hallo! Ihr kommt jetzt hierher und räumt den Tisch auf. Sonst gibt es heute gar kein Eis!“
Kinder balgen weiter, vielleicht versucht Luise oder Karlsson, sich aus dem Knäuel zu befreien, um doch noch zu tun, was Mama gesagt hat, aber ohne Erfolg, also wird weiter um den ersten Platz am Eisschrank gestritten.
Mama Venditti, sehr zornig, sehr laut und sehr böse:  „
Jetzt reicht’s! Ihr kommt augenblicklich hierher, räumt euer Geschirr weg und dann verschwindet ihr für eine halbe Stunde in eure Zimmer!“
Kinder
stimmen unisono in ein lautes Geheul ein: „Mama, du bist soooooo unfair! Nie dürfen wir ein Eis haben. Immer schreist du uns an!“

Dann räumen sie sehr widerwillig ihr Geschirr weg und verziehen sich schluchzend in ihre Zimmer, wo sie wohl über ihre ganz ganz böse Mama herziehen, die ihnen nie eine Freude gönnt und die immer rumschreit.

Diese Szene wiederholt sich im Laufe des Tages mit unterschiedlichen Streitpunkten und zuweilen auch in etwas reduzierter Besetzung unzählige Male am Tag. Ob es nun darum geht, rechtzeitig für die Schule bereit zu sein, den Tisch abzuräumen, die Schuhe am richtigen Ort zu versorgen, die Zähne zu putzen, nach der spontanen Gartenparty, welche die Kinder mit elterlichem Segen ganz alleine bezahlt, organisiert und gefeiert haben, den Garten wieder aufzuräumen, ins Bett zu gehen oder wie die vielen überrissenen elterlichen Forderungen noch heissen mögen. Immer das gleiche Muster: Mama verlangt etwas Kleines, das eigentlich schon längst selbstverständlich sein sollte, Kinder tun so, als hätten sie nichts gehört und fordern stattdessen etwas Cooles, Mama ermahnt, Kinder überhören geflissentlich, Mama droht Konsequenzen an, Kinder tun noch immer so, als hätten sie Petersilie in den Ohren und hörten nichts, Mama schlägt mit der Faust auf den Tisch, gibt lautstark den Tarif durch und streicht sämtliche Privilegien, Kinder parieren gesenkten Hauptes und heulen dazu, als hätte man sie geschlagen. Manchmal, wenn Mama ganz viel Glück hat, kommt später eines der grösseren Kinder und entschuldigt sich. Manchmal aber auch nicht.

Bevor ihr jetzt denkt, das sei bei uns zu Hause immer so und ich sei eine pädagogische Niete, muss ich zu unser aller Verteidigung sagen, dass das nicht immer so läuft bei uns. Im Gegenteil: Wir alle können auch ganz anders. Aber zuweilen, wenn die Kinder schulmüde sind, wenn die Mama ein riesiges, für einmal nicht selbstverschuldetes, Schlafmanko mit sich herumschleppt, wenn das Wetter schön ist, die Sommerferien aber noch nicht da sind, wenn der Zoowärter eine ganz schlimme Rebellionsphase durchmacht und damit die Grossen ansteckt, wenn der Terminkalender aller Familienmitglieder zu voll ist, wenn zu wenig Zeit für Nähe und zu viel Zeit für Verpflichtungen da war, kurz: Wenn Mama und Kinder keine Zeit finden, immer wieder Momente des gemeinsamen Auftankens zu finden, dann laufen die Dinge aus dem Ruder.

Ich weiss, es wird wieder besser, ich weiss wir werden einander wieder finden, dann, wenn der ganze Frühsommerstress vorbei ist und wir endlich wieder Zeit finden, Familie zu sein. Alles, was wir brauchen, sind wiedermal ein paar Tage, an denen wir einfach Zeit haben zum Leben, zum Nachdenken, ein paar Tage, an denen nicht irgend einer oder vielleicht auch alle schon längst irgendwo sein müssten, ein paar Tage, die einfach Vendittis gehören und die wir mit niemandem teilen müssen.

Wann fangen endlich diese Sommerferien an…..




Das darf doch nicht wahr sein!

Als Karlsson noch ganz winzig war und ich, kaum hatten wir das Spital verlassen, wieder für eine Woche einrücken mussten, weil das kleine Kerlchen es nicht schaffte, alle Milch zu trinken, die ich in meiner mütterlichen Überschwenglichkeit im Angebot hatte, da hatte ich noch kein Problem damit. Klar, die Brustentzündung war äusserst schmerzhaft, aber für meinen lieben kleinen Karlsson war ich noch so gerne bereit, trotz wiederholter Entzündungen acht Monate lang zu stillen, bis er eines Morgens im Urlaub die Brust von sich schob und jeden weiteren Tropfen Muttermilch verweigerte. Und mir damit prompt eine weitere Entzündung bescherte.

Auch als Luise unter Tränen stillen musste, weil sich da heimlich still und leise ein riesiger Abszess gebildet hatte, der entfernt werden musste, nahm ich das noch so gerne auf mich. Hauptsache, ich konnte meine Tochter so lange wie möglich stillen. Was dann leider nur drei Monate dauerte, aber immerhin. Ich hatte auch kein Problem damit, für den FeuerwehrRitterRömerPiraten zuerst voll abzustillen, um dann die Milch in der für ihn richtigen Menge wieder kommen zu lassen. Hauptsache, ich konnte meinem dritten Kind, für das so wenig Zeit blieb im aufreibenden Alltag, diese Stillzeiten mit mir ganz alleine schenken. Auch für den Zoowärter und das Prinzchen nahm ich es noch so gerne in Kauf, dass ich hin und wieder mit schmerzhaften Milchstaus und Brustentzündungen flach lag und das eine oder andere Familienfest sausen lassen musste. Ich möchte nie und nimmer behaupten, dass jede Mutter das so sehen muss, aber für mich war das Stillen enorm wichtig und ich scheute keinen Schmerz, wenn ich dafür diese ganz spezielle Zeit mit jedem meiner Kinder geniessen konnte.

Soweit so gut, aber das ist jetzt wirklich zu viel: Da quäle ich mich heute früh aus dem Bett und spüre dieses vertraute Gefühl. Lange Zeit dämmert mir nicht, was mit mir los ist. Warum sollte es auch, habe ich doch vor einem guten Jahr abgestillt. Als ich mich aber immer schlapper fühle, die Schmerzen in der Brust immer schlimmer werden, als ich schliesslich laut aufheule, als das Prinzchen auf mir rumklettert, da geht mir endlich ein Licht auf: Ich habe eine Brustentzündung. Ohne Stillen, ohne Baby, einfach so. Während ich all die anderen Brustentzündungen mehr oder weniger klaglos auf mich genommen habe, weigere ich mich diesmal, das einfach so hinzunehmen. Leiden für meine Kinder ist okay, aber leiden, einfach weil mein Körper findet, er könne mal wieder meine Schwachstelle angreifen, das geht zu weit. Entweder bekomme ich jetzt gleich das Baby, das zur Brustentzündung einfach dazugehört, oder ich mache nicht mehr mit.

Verstanden, mein guter alter Körper?

Und dann noch eine Bemerkung am Rande: Wer darf sich ins Bett legen? Das Au-Pair, das  einen Angina-Rückfall hat, weil sie die Antibiotika nicht nach ärztlicher Vorschrift eingenommen hat oder die Mama, die sich ohne Stillen eine Brustentzündung zugezogen hat? Ist doch klar: Das Au-Pair, denn sie hat ja auch noch nicht erleben dürfen, dass Frau immer auf die Zähne beisst, egal, wie elend ihr ist. Und wer rennt am Nachmittag wieder im Garten herum? Das Au-Pair oder die Mama? Beide natürlich. Die Mama, weil sie verhindern muss, dass sich das Prinzchen unter ein Auto wirft,  das Au-Pair, weil sie den Rest des unerwarteten freien Tages geniessen darf.

Uuufffffff

Am Anfang sah es ja noch so aus, als würde dieser Fronleichnam gar nicht so schlimm wie gestern befürchtet. Ein Tag, der erst um neun Uhr morgens damit beginnt, dass dir ein freudenstrahlendes Prinzchen seinen Nuggi an den Kopf wirft, kann ja nicht wirklich schlimm werden, oder? Ha, von wegen! Natürlich kann er, auch wenn er anfangs noch so tut, als sei er ganz nett. Wie ein Tag so tun kann, als sei er nett? Na eben, indem er erst um neun Uhr damit beginnt…, ach, ich wiederhole mich. Aber das Riesenpaket von La Redoute, das kurz darauf in unserer Wohnung landete, war auch nicht schlecht. Im Gegenteil, es war perfekt, denn für einmal passen alle Kleider wie angegossen. Und billig sind sie obendrein.

Das war’s dann aber mit dem netten Tag, denn kaum war ich in meine hübschen neuen Kleider geschlüpft, ging es nur noch bergab. Die Details erspare ich meiner geschätzten Leserschaft. Nur ein paar Stichworte, damit ihr euch vorstellen könnt, womit mich der heutige Tag erfreut hat: Stempeltinte auf dem frisch geputzten Bürotisch, auf dem Bürostuhl und an den Prinzchenhänden, dazu 150 Büroklammern über den ganzen Bürofussboden verteilt; Joghurtessen mit Strohhalm; ein Glas Confiture im freien Fall; eine äusserst zickige Luise und ein äusserst unkooperativer Zoowärter; Regenwetter; PMS; brüllende Kinder, die das Prinzchen aus dem Schlaf reissen, bevor er ausgeschlafen ist und das gleich zweimal; ein Anruf einer Mutter zur besten Tageszeit, nämlich abends um Viertel vor sechs und noch Einiges mehr, aber das habe ich verdrängt. Deshalb nur noch das Schlimmste am Ganzen: Keine Hefe im Haus und kein Laden offen, wo ich Hefe hätte kaufen können, damit ich Teig zum Abreagieren hätte machen können. Also blieb mir nichts anderes übrig, als meine Wut an der armen Wohnungstüre auszulassen und zwar heftig.

Am Ende eines solchen Tages kann ich nur sagen: Gott sei Dank bin ich nicht katholisch. Sonst müsste ich auch noch ein schlechtes Gewissen haben, weil der Feiertag so gar nicht feierlich war. Aber Fronleichnam kann mir zum Glück egal sein, so dass ich mir jetzt nur ein Gewissen machen muss, weil ich den ganzen Tag eine mies gelaunte, ungeduldige, unausstehliche Mama war.

Um aber den Tag nicht ganz so pessimistisch zu beenden hier noch die neuste Glanzleistung des Prinzchens: Das schlaue Kerlchen hat heute zum ersten Mal seinen Teller abgeräumt, als er mit dem Essen fertig war. Hach, was bin ich stolz auf meinen Jüngsten!

Krisenmanagement

Halb fünf Uhr Nachmittags, ein beschaulicher, fast schon ein wenig langweiliger Büronachmittag neigt sich seinem Ende zu. „Meiner“ hat um fünf seine erste Sitzung am zukünftigen Arbeitsort und deshalb lasse ich meine Arbeit zu einem Ende kommen. Gerade will ich mich innerlich auf das Chaos vorbereiten, das vor der Bürotür auf mich wartet, da öffnet sich dieselbe Tür und unser Gast meldet, dass er mich ganz dringend braucht, weil er sich eine Verletzung zugezogen hat. Der Zoowärter braucht mich auch ganz dringend, weil er beschlossen hat, dass er mit seiner Freundin nach Hause gehen will, was Papa aber nicht einsehen will. Aber ich will es auch nicht einsehen und deshalb haben wir bald schon einen heulenden Zoowärter. Und einen FeuerwehrRitterRömerPiraten, welcher dem übermüdeten Prinzchen den Bä! wegschnappt, worauf wir auch noch ein heulendes Prinzchen haben. Und eine Luise, die nicht dann zu Hause ist, wenn sie zu Hause hätte sein sollen. Und einen Karlsson, der seine Hausaufgaben erst später machen will, was aber nicht geht, weil er später eine Konzertprobe hat.

Irgendwann wird klar, dass der Gast ärztliche Behandlung braucht, worauf die halbe Horde mit mir im Auto verschwindet, während „Meiner“ mit dem Auto meiner Mama zur Sitzung düst und Karlsson zu Hause die Stellung hält. Gast in ärztliche Behandlung übergeben, dann wieder zurück nach Hause, die Rückführung von Luise veranlassen, Pizzateig herstellen, Karlsson zur Konzertprobe fahren, Pizza backen, Prinzchen ins Bett bringen und kontrollieren, ob der inzwischen auf dem Fussboden eingeschlafenen Zoowärter noch tief genug schläft, „Meinen“ anrufen um ihm zu sagen, dass er Karlsson abholen soll, weil ich jetzt den Gast abholen werde, wieder zu Hause allen Pizza servieren und dafür sorgen, dass alle Hausaufgaben gemacht sind, Luises Probleme beim Häkeln lösen, dem FeuerwehrRitterRömerPiraten von den Wikingern erzählen und ihn danach beruhigen, weil der Zoowärter heute nicht bei ihm im Zimmer schlafen wird, weil er ausnahmsweise bei uns schlafen darf, damit wir ihn nicht wecken müssen, Augenblicke später einen Zoowärter trösten, der mit nasser Hose völlig verschlafen aus unserem Schlafzimmer kommt und noch immer nach seiner Freundin brüllt, Karlsson vom Computer loseisen, weil jetzt fertig ist mit „Fritz & Fertig“, Küche aufräumen, jedem Kind ein Liedchen singen, Luise ermahnen, dass jetzt Schluss sei mit dem Herumgerenne, Karlsson trösten, weil der Schmetterling, den er vor zwei Jahren in der Schule gemacht hat, kaputt gegangen ist und sonst noch ein paar kleinere und grössere Krisen, wie zum Beispiel eine Taschenlampe, die neue Batterien braucht.

Jetzt scheint das Haus langsam zur Ruhe zu kommen. Endlich hätte ich Zeit, mich in mein Lehrbuch zum Thema Krisenmanagement zu vertiefen. Aber ob ich diesem Thema überhaupt gewachsen bin?

Was kann ich denn schon dafür?

Habt doch bitte endlich Erbarmen mit uns und lasst die Sommerferien beginnen! Nicht, dass ich ferienreifer wäre als gewöhnlich. Ich lechze immer gleich stark nach Erholung. Nicht dass ich mich danach sehne, fünf Wochen lang eine Horde unterbeschäftigter Kinder daran zu hindern, einander die Köpfe abzureissen. Aber so langsam habe ich die Nase voll davon, mich jeden Morgen anraunzen zu lassen, weil die Kinder nicht mehr aufstehen mögen. Als ob ich Schuld daran wäre, dass die Knöpfe jetzt einfach ausgelaugt sind vom langen Schuljahr. Als ob ich die Sommerzeit eingeführt hätte, die abends das Einschlafen erschwert. Als ob ich dafür gesorgt hätte, dass in den letzten Schulwochen noch alles rein muss: Sporttag, Schulreise, Elterngespräch, Jugendfest, verpassten Schulstoff aufarbeiten, Fussballturnier, Schülerkonzerte, Schnuppermorgen, Abschlussfeiern und was einem sonst noch in den Sinn kommen könnte, um auch noch den letzten weissen Fleck auf dem Kalender zu füllen.

Es ist einfach zum Heulen im Moment und das, bevor die Post-it-Tage offiziell begonnen haben. Und so kommt es, dass ich momentan mal wieder den Abfallkübel der Familie mache: „Mama, wo hast du meine Schuhe versteckt?“ „Mama, ich will jetzt einfach nicht zur Schule gehen, also lass mich schlafen.“ „Mama, warum hast du mir meine Lernzielkontrolle nicht in den Schulsack gelegt, nachdem du sie unterschrieben hast?“ „Mama, warum hast du keine ganz roten Äpfel gekauft?“ „Mama, wegen dir komme ich noch zu spät.“ Meine sonst so lieben und bescheidenen Kinderlein, die mich an gewöhnlichen Tagen vergöttern,  haben mich zum Sündenbock auserkoren und das alles nur, weil sie ihren Frust und ihre Übermüdung nicht an der Lehrerin auslassen können. Oder am Schulleiter. Oder am Bildungsdirektor.

Dabei hätten die Bildungsdirektoren eigentlich die Schelte verdient. Die bringen es nämlich tatsächlich fertig, dass „Meiner“, der im Aargau unterrichtet, eine Woche früher Schulferien hat als unsere Kinder, die im Kanton Solothurn zur Schule gehen. Ich fürchte, das wird eine sehr sehr schwierige letzte Schulwoche. Vielleicht frage ich mal den Bildungsdirektor, ob an den letzen Schultagen bei uns zu Hause das Wecken und Kinder-zur- Schule-schicken übernimmt.

N-E-I-N

Mama Venditti dreht mal wieder im roten Bereich. Termine beim Kinderarzt, Elterngespräche, Konzepte verfassen, Kindern zeigen, wie sehr man sie liebt, weiterbilden, Newsletter schreiben, gute Ehefrau sein, vollwertig kochen, Wäscheberge abtragen, Vorsprechen bei Parteien und Gemeinderat, Freundschaften pflegen, Buchprojekt vorantreiben, Kindern zeigen, wie zermürbend es ist, wenn sie nicht gehorchen wollen, Hüpfburg organisieren, Mails beantworten… und der Tag hat noch immer bloss 24 Stunden. Was zur Folge hat, dass es nicht ganz ohne Getöse abgeht, wenn Mama Venditti einen der Bälle fallenlässt, mit denen sie tagtäglich jongliert. Was wiederum zur Folge hat, dass Personen, die Mama Vendittis Zusammenbruch vor zwei Jahren miterlebt haben, schüchtern fragen: „Hast du nicht gesagt, du würdest jetzt kürzer treten?“

Wenn Mama Venditti mit solchen Fragen konfrontiert wird, dann geht sie in sich, und zwar ganz tief. „Genügt es, wenn ich nur noch die Dinge tue, die ich mit Leidenschaft tun kann?“, fragt sie sich zum Beispiel. „Oder zehrt am Ende die Leidenschaft ebenso sehr an den Kräften, wie das halbherzige Durchbeissen?“ Sie forscht nach, ob sie sich selbst belügt, wenn sie behauptet, sie würde sich jetzt mehr Zeit zur Erholung nehmen. Sie überlegt, ob sie tatsächlich mehr Zeit zum Schreiben findet, oder ob die neuen Verpflichtungen schon Überhand gewonnen haben. Und das alles mündet in der überlebenswichtigen Frage: „Bin ich noch auf gutem Wege, oder bin ich schon wieder dabei, den Weg für einen nächsten Zusammenbruch zu bahnen?“

Manchmal zweifelt Mama Venditti, ob sie es schaffen wird, ob sie stark genug ist, die Aufgaben zu meistern. Doch dann fällt ihr wieder ein, dass sie ein neues Wort gelernt hat, ein Wort mit nur vier Buchstaben, aber mit einer unglaublichen Macht. Das Wort heisst N-E-I-N und Mama Venditti versucht, es dann anzuwenden, wenn jemand mit einer Bitte an sie herantritt, die sie nicht erfüllen kann oder nicht erfüllen will. Immer gelingt ihr das natürlich nicht, denn was man ein Leben lang nicht geschafft hat, lernt man nicht von heute auf morgen. Doch immer öfter kommt es vor, dass Mama Venditti nicht sagt: „Lass mich mal sehen. Vielleicht kann ich ja auf meinen freien Abend mit ‚Meinem‘ verzichten…“, sondern dass sie sagt: „Tut mir leid, im Moment bin ich vollkommen ausgelastet. Mit mir kannst du in nächster Zeit nicht rechnen.“ Und sie sagt es nicht nur dann, wenn tatsächlich jeder Abend ausgebucht ist, sondern auch dann, wenn sie nicht auf ihre Freiräume verzichten will. Denn Mama Venditti hat gelernt, dass man im Leben auch Zeit zum Erholen braucht, wenn man überleben will.

Manchmal ist Mama Venditti gar so verwegen, dass sie Nein sagt, wenn der Wäscheberg mit seinen Forderungen an sie tritt, oder der leere Kühlschrank, oder der unaufgeräumte Bürotisch. Aber bitte sagt „Meinem“ nichts davon. Der findet nämlich, bei uns sehe es momentan ziemlich schlimm aus und die Hauptverantwortung im Haushalt trägt leider noch immer Mama Venditti…