Bad Mommy’s Terrible Saturday

Wieder so ein Samstag.

„Meiner“ irgendwo unterwegs zum letzten Aufklärungskurs des Jahres.

Ein Haufen Arbeit, die nachzuholen wäre, weil ich es in der ersten Wochenhälfte mal wieder vorgezogen habe, mich mit einer Grippe zu vergnügen, anstatt mich meinem Job zu widmen.

Traurige Kinder, die es nicht fassen können, dass wegen eines kaputten Telefons und einer blöden E-Mail-Panne das Freizeitprogramm, auf das sie sich seit Wochen gefreut haben, ins Wasser fällt.

Ein zorniger Teenager, der in Rage gerät, weil „Meiner“ sich geweigert hat, die 120 Kilometer in die Ostschweiz zu Fuss zu gehen, wo er doch genau wusste, dass ich das Auto für Chauffeurdienste ins Nachbardorf gebraucht hätte. 

Zwei verstopfte Toiletten, für die ich keine Verantwortung übernehmen will, da inzwischen jeder, der in diesem Haus lebt, die fachgerechte Toilettenbenützung und -reinigung beherrschen sollte.

Ein Wäscheberg, der einfach nicht verschwinden will, so sehr ich ihn auch dränge, endlich aus meiner Waschküche abzuhauen. 

Eine Teigmaschine, die mir auf eine passiv-aggressive Weise zu verstehen gibt, dass ich zu viel von ihr verlange und dass sie nicht gewillt ist, mir in dem von mir gewünschten Umfang zu Diensten zu sein.

Zwei Heidelbeerbüsche und ein Johannisbeerstrauch, die vorwurfsvoll im Eingang stehen und darauf warten, endlich Boden unter ihre Wurzeln zu bekommen. 

Dieses nagende Gefühl, niemandem auch nur für fünf Sekunden den Rücken zukehren zu dürfen, weil bestimmt eine leere Flasche, eine vergessene Mandarinenschale, eine halbfertige Zeichnung, ein Schokoladenpapier oder sonst etwas Unwillkommenes herumliegt, wenn ich wieder hinschaue. 

Kurzum: Einer dieser Samstage, an dem ich auf jedem Bild mit finsterem Blick und einer dicken, schwarzen Wolke über dem Kopf zu sehen wäre, wenn mein Leben ein Comicbuch wäre. (Der Titel würde dann vermutlich „Bad Mommy’s Terrible Saturday“ oder so ähnlich lauten und auf dem Cover wäre eine Karikatur meiner selbst zu sehen, wie sie zähnefletschend und mit irrem Blick durch ihr Revier streift und ihren Nachwuchs das Fürchten lehrt.)

Eine einzige Sache vermag mich an einem solchen Tag aufzuheitern: Ein Mittagessen, bei dem einer – nachdem er mein angespanntes Schweigen gründlich satt hat – auf die Idee kommt, mich zu fragen, wie ich denn die aktuelle Weltlage beurteilen würde, was mir die Gelegenheit bietet, meine miese Laune für eine Weile in die Ecke zu stellen, um des Langen und Breiten darüber zu referieren, weshalb ich die aktuelle Situation der Medien als äusserst problematisch beurteile, warum mir die politische Lage in diversen Ländern schlimme Bauchschmerzen bereitet und was in meinen Augen getan werden müsste, damit jene, die sich noch nicht von der grossen Wut haben mitreissen lassen, verhindern könnten, dass die Welt gänzlich vor die Hunde geht. 

Natürlich stehe ich eine halbe Stunde später schon wieder mit meiner schwarzen Wolke über dem Kopf am Spültrog, aber immerhin kann ich mir jetzt einreden, ich hätte heute ein ganz kleines bisschen zum Weltfrieden beigetragen. 

Falls die Knöpfe mir mein pazifistisches Gequatsche noch abnehmen, nachdem ich einmal mehr bewiesen habe, wie laut und unfreundlich ich an einem Tag wie heute werden kann… 

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Schwacher Trost

Auf dem Bildschirm das fast fertige Interview, das auf den letzten Schliff wartet, damit ich es zum Gegenlesen geben kann.

Unten an der Tür der Lieferant, der mit lautem Klingeln ankündigt, dass der Wocheneinkauf die Treppen hochgetragen werden will.

Drei Kinder, die eigentlich beim Schleppen helfen müssten, die sich stattdessen aber verbotenerweise im Garten des leerstehenden Nachbarhauses herumtreiben. 

Im Keller die Waschmaschine, die darauf wartet, geleert und wieder neu gefüllt zu werden. Dann natürlich noch die trockene Wäsche, die abgehängt werden müsste, um dem nassen Zeug Platz zu machen.

Vier verschiedene Abendprogramme („Meiner“ hat Elternabend, Karlsson geht ins Konzert, Luise ist zum Babysitten engagiert und der FeuerwehrRitterRömerPirat sollte endlich wieder einmal in die Trompetenstunde, die wir andauernd vergessen) und ein grosser Wunsch (Prinzchen möchte dringend sein Geburtstagsgeld loswerden), der leider nicht auch noch erfüllt werden kann. 

Eine unaufgeräumte Küche und ein Brummschädel, der entweder gegen einen bevorstehenden Wetterwechsel oder aber gegen das allgemeine donnerstägliche Familienchaos rebelliert. 

Als dann auch noch die Baguettes nicht im Ofen, sondern auf dem Fussboden landen, ist die mütterliche Explosion nicht mehr zu vermeiden. 

Früher hätten mich in einem solchen Moment ein paar pausbackige, engelsgleiche Kinder getröstet. „Sei nicht traurig, Mama“, hätte vielleicht der eine oder die andere gesagt und mir ein Lächeln oder eine Umarmung geschenkt.

Heute muss ich froh und dankbar sein, wenn im Moment der Explosion kein Teenager zugegen ist, der meint: „Krieg dich wieder ein. Hat dir ja keiner befohlen, an einem Tag wie heute auch noch Brot zu backen.“

(Und natürlich hätten sie nicht das geringste Verständnis, wenn ich erklären würde, als ich heute Nachmittag den Kühlschrank geöffnet hätte, habe der Brotteig geschrien: „Verarbeite mich sofort und schieb mich in den Ofen, ich bin reif!“ Früher hätten sie geglaubt, ich sei Goldmarie…)

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Ein Ende in Sicht

Wie es unserer Küche gehe, wollte neulich jemand von mir wissen. Sie sei auf dem Wege der Besserung, antwortete ich und das ist sie tatsächlich.

Die Kühlgerät-Komödie hat ein gutes Ende gefunden. Das unnütze Ding, das nach wenigen Monaten bereits seinen Dienst verweigerte, ist auf Kosten der Firma abtransportiert und entsorgt. Das neue Gerät ist so wunderbar, dass mich jedesmal, wenn ich seine Türen öffne, leicht fröstelt, was ja bei einem Kühlschrank eigentlich normal ist, mich aber dennoch überwältigt, weil es sein Vorgänger nicht mehr unter die 10-Grad-Marke schaffte. 

Der Herd meiner Träume ist installiert, Schwiegermamas heilige Pfannen sind entsorgt uns seither wird nur noch in pinkfarbenen und hellgrünen Töpfen gekocht. Eine wahre Freude, die man allerdings immer nur ganz kurz geniessen kann, weil dieses Induktionszeug so wahnsinnig schnell ist.

Das Abwaschen in der Badewanne hat bereits vor einigen Wochen ein Ende gefunden und seit heute steht sogar wieder eine Maschine da, die uns bereitwillig die Arbeit abnimmt.

Wenn alles läuft wie geplant, sollten nächste Woche die Küchenmöbel fertig werden und dann ist er hoffentlich endlich Geschichte, der Umbau, der als eine der nervenaufreibendsten und zugleich eine der wunderbarsten Haushaltangelegenheiten in die Familiengeschichte eingehen wird. Nervenaufreibend, weil wir dabei Murphys Gesetz von vorne bis hinten und wieder zurück durchbuchstabiert haben. Wunderbar, weil immer dann, wenn wir uns nicht mehr zu helfen wussten, von irgendwo ein rettender Engel angeflogen kam, der uns aus der Patsche half. (Wo wir heute ohne diese Engel stünden, möchte ich mir lieber nicht ausmalen…)

Und so überwiegt jetzt, wo das Ende in Sicht ist, die Dankbarkeit, die die den Ärger allmählich verblassen lässt. Wobei er nicht gänzlich vergessen gehen soll, sonst kommen „Meiner“ und ich am Ende noch auf die Idee, uns ins nächste Abenteuer zu stürzen.

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Der Spass will einfach kein Ende nehmen…

Vielleicht hat meine geschätzte Leserschaft allmählich die Nase voll von meinen Küchendramen, aber da das Ganze nun wirklich groteske Züge annimmt, sehe ich mich verpflichtet, noch ein wenig weiter darüber zu berichten. Einerseits, damit das irgendwo dokumentiert ist, denn in ein paar Monaten glaube ich sonst die Sache selber nicht mehr. Andererseits, weil die Menschheit sehen soll, dass auch unser Leben im Luxus seine Tücken hat. 

Die Ausgangslage heute Morgen war so…

Ich rechnete fest damit, spätestens heute Mittag wieder über ein funktionierendes Kühlgerät zu verfügen, denn der Monteur, der mir vor zweienhalb Wochen hoch und heilig versprochen hatte, die Reparatur werde bestimmt nicht länger als sieben Tage auf sich warten lassen, hatte heute endlich Ersatzteile und Zeit, um sich der Sache anzunehmen. Die Telefonate, die „Meiner“ geführt hat, um diesen Termin zu bekommen, habe ich nicht gezählt, aber es waren viele.

Im Weiteren hatte ich die feste Zusage, dass am Montag der neue Herd geliefert werden soll. Vom gleichen Anbieter wie das Kühlgerät, diesmal aber wieder wie gewohnt mit Garantieverlängerung, da ich mich darum bemühe, den gleichen Fehler nur einmal im Leben zu machen. (Beim Kühlgerät hatten wir darauf verzichtet, weil man sich mit dem Geld, das wir über all die Jahre für ungenutzte Garantieverlängerungen bezahlt haben, eine  neue Luxusküche leisten könnte. Wie wir jetzt wissen, spüren die Geräte so etwas sofort und beschliessen, kurz nach Ablauf der regulären Garantiezeit in Streik zu treten.)

Ausserdem freute ich mich wie ein kleines Kind auf den nächsten Dienstag, denn dann soll derjenige kommen, der die verkalkten Leitungen reinigt. Wenn das Wasser erst mal wieder fliesst, können wir uns auch des defekten Geschirrspülers annehmen und dann bestehen gute Chancen, dass wir noch vor den Herbstferien wieder halbwegs normal kochen, abwaschen und kühlen. 

Wie sich die Lage präsentierte, als der Monteur da war…

Die Gute Nachricht wie immer zuerst: Der Termin mit dem „Leitungsreiniger“ steht weiterhin, es besteht also durchaus Hoffnung, dass wir in einer Woche nicht mehr in der Badewanne abwaschen.

Der ganze Rest aber ist Sch…

Das Kühlgerät, so weiss ich jetzt, ist nicht mehr zu retten. Verlust von Kühlflüssigkeit, Rost, Reparatur wäre teurer als eine Neuanschaffung bla bla bla. Und das ein gutes Jahr nach dem Kauf. Okay, man hat uns damals das Ganze als Ausstellungsmodell vergünstigt angeboten, aber billig war es deswegen noch lange nicht. Ausserdem „absolut vertrauenswürdige Marke, beste Qualität, Sie werden lange Freude haben daran“ und was die einem sonst noch so sagen, wenn sie einen zum Kauf bewegen wollen. Heute dann so: „Solche Geräte stehen monatelang irgendwo herum, vielleicht schon mal bei einem Kunden als Ersatzgerät im Einsatz, keiner schaut, ob wirklich alles in Ordnung ist.“ Also alles, was sie so sagen, wenn keiner die Schuld auf sich nehmen will.

Nun gut, die Schuld liegt natürlich ohnehin bei mir, denn ich war ja, wie gesagt, einmal – ein EINZIGES Mal-  in meinem Leben fahrlässig genug, um auf die Garantieverlängerung zu verzichten und dafür soll ich jetzt tüchtig Busse tun. Ich soll ihnen gefälligst auf Knien danken, dass sie so kulant sind, mir ein sensationell gutes, noch nie gebrauchtes und ganz bestimmt perfekt durchgestyltes Gerät zum sagenhaften Preis von 1500 Franken zu offerieren. Und natürlich soll ich auch keine Minute lang überlegen, ob ich das will und kann, denn so ein Angebot bekomme ich nie wieder im Leben. Ob ich denn wirklich mehr Entgegenkommen erwarten hätte? (Wie gierig die Hausfrauen heutzutage sind… Tssss!)

Während ich am Telefon verhandle, steht hinter mir ein fassungsloser Monteur der findet, Kulanz sähe anders aus. Was ich natürlich auch finde und deshalb dem aalglatten Typen am Telefon – der es nicht fassen kann, dass ich ob seines Angebots nicht in dankbaren Jubel ausbreche – so unmissverständlich klar mache, dass meine Freunde, die mir immer vorwerfen, ich sei zu nett, wahrlich stolz auf mich wären. (Okay, sie würden vielleicht sagen, ich hätte mich am Ende nicht für meinen Ausbruch entschuldigen sollen, aber immerhin war da ein Ausbruch.) 

Wie sich die Lage jetzt, wo ich das alles weiss, präsentiert…

Kühlgerät:

  • Entweder wir toben so lange, bis sich in dem Saftladen, in dem wir das Gerät erstanden haben, ein anständiger Mensch findet, der weiss, was das Wort „Kulanz“ bedeutet,…
  • … „Meiner“ und ich sind blöd genug, um das „sensationelle Angebot“ anzunehmen und zwacken die 1500 Franken – die wir bei der Küchenrenovation nicht budgetiert haben, da wir nicht auf ein neues Kühlgerät eingestellt waren – irgendwo sonst ab,…
  • … oder wir strecken die Waffen, bestehen darauf, dass die wenigstens kostenlos das defekte Gerät aus unserer Wohnung befördern und entsorgen und machen uns bei einem hoffentlich vertrauenswürdigeren Händler auf die Suche nach einem neuen Gerät. 

Wie auch immer die Sache ausgeht, wir werden auf alle Fälle noch wochenlang ohne anständiges Kühlgerät leben müssen. Wir werden weiterhin verzweifelt versuchen, unser Kühlgut irgendwie in den winzigen Kühlschrank, den wir Gott sei Dank noch im Keller hatten, zu stopfen. Und wir werden leider immer mal wieder verdorbene Lebensmittel entsorgen müssen, weil a) schlicht keine Möglichkeit besteht, Resten zu kühlen und b) in dem Kühlschränkchen alles drunter- und drüber liegt, so dass man allzu leicht etwas übersehen kann. 

Und natürlich hat das auch Konsequenzen für den Ofen, der am Montag geliefert werden soll, denn nicht mal ich bin naiv genug, dieser Firma noch einmal mein Vertrauen – und viel Geld – zu schenken, Garantieverlängerung hin oder her. Dabei wäre es der Ofen meiner Träume gewesen. Und das Kochen auf drei Platten geht mir allmählich auch auf den Geist.

Aber ich kann mich wenigstens noch auf den „Leitungsreiniger“ freuen…

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Meine lieben Mütter-Kolleginnen

Ich hätte da einen kleinen Hinweis: Wenn eure Kinder sich andauernd am Hinterkopf kratzen, vielleicht auch hinter den Ohren und manchmal auch oben auf dem Kopf, wenn sich dann auf der Kopfhaut auch noch so kleine, schwarze Punkte zeigen und ihr am Ende sogar noch einen Brief der Schulleitung bekommt, dann könnte es vielleicht sein, dass eure Familie Opfer von Läusen geworden ist. Ja, ich weiss, sowas hört man gar nicht gern und ich möchte auch nicht felsenfest behaupten, dass eure Kinder wirklich Ungeziefer auf dem Kopf haben, aber es könnte vielleicht, unter gewissen Umständen, wenn man die Dinge als Ganzes betrachtet, so sein.

Und wisst ihr, was man tut, wenn es vielleicht, unter gewissen Umständen, wenn man die Dinge als Ganzes betrachtet, sein könnte, dass eure Kinder Läuse haben? Dann greift man als Erstes mal zum Lauskamm und kämmt den Kindern brav die Haare aus. Oh ja, bei manchen wird es ein ziemliches Geschrei geben, aber das ist mir egal. Mit etwas Glück bleibt im Kamm nichts Weiteres hängen als ein paar Fusseln, mit ziemlich viel Pech finden sich darin winzig kleine, weisse Dinger, die Fachleute zweifelsfrei als Nissen erkennen können. Mit noch mehr Pech hängen da auch ein paar hässliche Viecher mit vielen Beinen drin. Diese Viecher nennt man Läuse und die gehören eigentlich nicht auf Kinderköpfe, auch wenn sie sich dort ausgesprochen wohl fühlen. Und wenn es auf den euch anvertrauten Kinderköpfen von dem weissen Zeug oder gar ein paar von diesen hässlichen Viechern gibt, dann gibt es nur eins: Lauskur und zwar so lange, bis keine einzige Laus, keine einzige Nisse mehr zu finden ist. Zugegeben, das ist ziemlich Scheisse, aber anders geht’s nicht.

Nein, kommt mir jetzt nicht mir der Ausrede, ihr hättet keine Zeit, stundenlang zu behandeln, zu kämmen, zu waschen und wieder zu kämmen. Ich habe auch keine Zeit und muss trotzdem. In diesem Winter bereits zum dritten Mal und weil ich die Hand dafür ins Feuer legen kann, dass Prinzchen & Co. nach der letzten Kur voll und ganz läusefrei waren, muss eine von euch Schuld daran sein, dass ich jetzt schon wieder Abend für Abend im Badezimmer sitze und kämme. 

bonjour, je m' appelle Jean; prettyvenditti.jetzt

bonjour, je m‘ appelle Jean; prettyvenditti.jetzt

Gewohnt ungewöhnlich

Er ist gekommen, der Tag, an dem ich zur nicht ganz schmerzfreien Erkenntnis komme, dass es gewöhnliche Tage in meinem Leben ganz einfach nicht gibt. Ich meine diese Tage, an denen du abends zufrieden sagen kannst, dass du mehr oder weniger das erreicht hast, was du dir am Morgen vorgenommen hast. Tage, die so vollkommen frei waren von Drama, dass du abends nicht so recht weisst, was du bloggen sollst. Okay, manchmal schreibe ich abends wirklich nicht mehr, dann aber meistens, weil ich vollkommen durch den Wind bin, weil der Tag mal wieder gemacht hat, was er will.

Dabei gibt es in meinem Leben inzwischen durchaus Tage, die das Potential dazu hätten, ganz vorhersehbar und langweilig zu werden. Heute zum Beispiel standen die Chancen so gut wie noch selten: Vier Kinder von acht bis halb drei auf Sternwanderung, „Meiner“ mit seiner Schulklasse ebenfalls irgendwo im Wald und Karlsson auf einer Betriebsbesichtigung im Medienhaus, weil er sich – unter gewissen Umständen, vielleicht, wenn nichts anderes interessanter ist – vorstellen könnte, irgendwann mal in Mamas journalistische Fussstapfen zu treten. Eine seltene Gelegenheit also, mal in aller Seelenruhe meine Zeitungskolumne zu schreiben, ein paar Interviewpartnerinnen anzurufen, einen Text fertig zu stellen und später vielleicht bei einem Waldspaziergang die Herbstsonne zu geniessen. Mit etwas Glück würde ich sogar noch ein wenig an meinem Nicht-Pflichtstoff weiter schreiben. Ein halbes Kapitel, vielleicht sogar ein ganzes…

Natürlich kam es mal wieder anders: Ein Anruf der Kindergärtnerin aus dem Wald. Das Prinzchen habe sich am Kopf verletzt, ich müsse ihn holen kommen. Kein Problem, Frau Kindergärtnerin, ich lasse selbstverständlich alles stehen und liegen, teile der Redaktion mit, dass die Kolumne sich verspätet und dann sehe ich mal, wo ich ein Auto auftreiben kann, weil unseres gerade nicht zu Hause ist. Meine Schwester kann einspringen, allerdings nicht allzu lange, denn nachher muss ihr Mann zur Arbeit. Eine halbe Stunde lang kurven wir durch den Wald, finden zahlreiche Schulklassen, doch leider nicht die Kindergartenklasse des Prinzchens und weil die Leute aus dem Dorf leider auch nicht wissen, wo der gesuchte Weg ist, fahren wir zurück nach Hause, wo ich noch einmal die Kindergärtnerin anrufe (Nein, ich habe leider derzeit kein Handy und nein, ich will nicht erzählen, wie es dazu gekommen ist. Diese Geschichte ist schlicht zu langweilig.) Ich bekomme eine etwas exaktere Wegbeschreibung, der Nachbar ist so freundlich, mich diesmal in den Wald zu chauffieren. Wieder finden wir den gesuchten Weg nicht, wieder nach Hause, um die Kindergärtnerin um eine noch etwas genauere Wegbeschreibung zu bitten. Und ihr zu sagen, sie solle doch bitte, bitte, bitte, wenn es sich irgendwie machen liesse, an die Strasse runter kommen mit dem Prinzchen, damit wir ihn diesmal auch ganz sicher finden würden.

Das klappt, fast zwei Stunden nach dem Anruf und damit auch deutlich nach dem Abgabetermin meiner Kolumne nehme ich ein ziemlich trauriges aber Gott sei Dank nur leicht verletztes Prinzchen in Empfang. Nach der Erstversorgung ist klar, dass es für einmal ohne Notarzt geht und so kann ich mich –  ohne mir vorwerfen zu müssen, eine Rabenmutter zu sein –  meinem Text zuwenden, bis die Mittagspause der Apotheke vorbei ist und ich Pflasterstreifen holen kann.

Ist es unzerbrüchlicher Optimismus oder grenzenlose Naivität, dass ich mir am Ende des Schreibens und vor der Apotheke ein kurzes Bad gönnen will, um wenigstens noch einen Hauch von Freiheit zu geniessen? Egal, was von beidem es ist, nach dem dritten Anruf innerhalb von zehn Minuten ist klar, dass so etwas einfach nicht geht. Mama Venditti soll sich unterstehen, mitten in der Woche so zu tun, als hätte sie Anrecht auf eine kleine Verschnaufpause. 

Tja, und dann, als Prinzchens Wunde endlich geklebt ist, sind auch schon wieder alle zu Hause und der Teil des Tages, der für einmal ganz langweilig und vorhersehbar mir hätte gehören sollen, ist in gewohnter Ungewöhnlichkeit an mir vorbeigegangen. 

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Schon wieder fremdbestimmt

Als unsere Kinder klein waren, war mein Leben fast rund um die Uhr fremdbestimmt. Ich nahm mir am Morgen fest vor, ein entspannendes Bad zu nehmen, wenn die Kleinen Mittagsschlaf hielten und stattdessen kroch ich nach dem Mittagessen auf dem Fussboden herum und wischte Erbrochenes auf. Ich ging früh zu Bett, um endlich mal wieder zu schlafen, doch just als mir die Augen zufielen, drang aus dem eben noch stillen Kinderzimmer vielstimmiges Geschrei, das bis morgens um drei anhielt. Anstatt den dringend nötigen Wohnungsputz vorzunehmen, sass ich gelangweilt am Planschbecken und passte auf, dass keiner ertrinkt, zum Mittagessen gab es Milchreis anstelle von scharf gewürztem Curry und in den Ferien fuhren wir mit der Familienkutsche ins Kinderhotel, anstatt mit dem Nachtzug nach irgendwo.

Zugegeben, es war nicht immer einfach und auch wenn ich heute oft mit verklärtem Blick auf jene Tage zurückschaue, so erinnere ich mich doch noch an viele Momente der Überforderung und des Frusts. Dennoch war es okay so, wie es war. Ich stellte meine eigenen Interessen ja nicht für irgendwen in den Hintergrund, sondern für die Kinder, die ich über alles liebe. Die Kinder, für die wir uns ganz bewusst entschieden haben und die das Beste sind, was das Leben und hat schenken können. Ja, ich war fremdbestimmt – und „Meiner“ auch – aber das gehört sich so in der Phase, in der die Kinder zu klein sind, um für sich selber zu schauen. 

Heute ist das anders. Unsere Kinder werfen zwar immer noch hie und da meine Pläne über den Haufen und überschreiten meine Grenzen, aber im Grossen und Ganzen haben sie begriffen, dass ich eine eigenständige Person bin, die auch ab und zu ihre Freiheit braucht. Darum wage ich allmählich wieder, an einen – bis zu einem gewissen Grad – geregelten und planbaren Tagesablauf zu glauben. Ich stehe morgens nicht mehr mit dem Bewusstsein auf, dass alles, was ich mir für den Tag vorgenommen habe, ohnehin liegen bleiben wird. Wenn ich genug geschlafen habe, bin ich voller Tatendrang, weil es so viele Dinge gibt, die ich machen darf oder will. Zwar sorgen die Menschen und Tiere in unserem Haus noch immer für viel Unvorhergesehenes, aber im Vergleich zu früher ist das ein Klacks und das verleiht mir neue Energie.

Neue Energie, aber auch eine gewisse Überempfindlichkeit gegenüber jenen, die mir andauernd mit kleinen Störungen die Freiheit rauben, die ich nach Jahren der berechtigten Fremdbestimmung nun wieder geniessen möchte. Solange es liebe Freunde oder Verwandte sind, macht mir das nichts aus, denn für sie hatte ich in den vergangenen Jahren ja auch nicht gerade viel Zeit. Auf alle anderen aber reagiere ich derzeit ziemlich allergisch. Auf die fremden Kinder, die ohne zu klingeln und ohne um Erlaubnis zu fragen plötzlich bei mir in der Küche stehen und sich nicht abwimmeln lassen. Auf die Anrufer, die mir mit unsinnigem Werbegeschwätz Zeit stehlen. Auf Leute, die mir irgend eine ehrenwerte Aufgabe aufschwatzen wollen, weil ich jetzt ja wieder mehr Zeit habe. Auf Telefontechniker, die anstatt ihrer Arbeit nachzugehen, mit mir über unsere Katzen quatschen wollen. Auf inhaltlosen Smalltalk beim Einkauf, weil gewisse Leute sich nicht mit einer kurzen Begrüssung und einem Nachfragen nach der Befindlichkeit zufrieden geben können. Auf Anrufer, die eigentlich „Meinen“ sprechen möchten, aber nicht daran denken, dass Lehrer am Vormittag gewöhnlich nicht zu Hause zu erreichen sind. 

Klar, das alles sind Kleinigkeiten, aber wenn mehrere von diesen Kleinigkeiten an einem Tag zusammenkommen, bin ich am Ende ebenso fremdbestimmt wie früher, als die Kinder noch keinen Augenblick ohne meine Anwesenheit zurechtkamen. Der einzige Unterschied ist, dass ich jene, die heute meine Zeit stehlen, nicht über alles liebe und deshalb alles für sie tun würde. Und darum werde ich einen Weg finden müssen, sie in die Schranken zu weisen. 

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