Die Glucke und die Grüne, die hatten einen Streit…

Einmal mehr befinde ich mich in einem dieser banalen Dilemmata, in die nur Mütter geraten, die einerseits der Meinung sind, an Geburtstagen seien sämtliche erfüllbaren Wünsche zu erfüllen, die aber andererseits den tiefen Wunsch verspüren, so umweltbewusst wie nur immer möglich durchs Leben zu gehen. Diesmal geht es um Luise und die Erdbeeren.

Luise ist ein Frühlingskind. Leider aber eines, das das Licht der Welt ein paar Wochen vor Beginn der hiesigen Erdbeersaison erblickt hat. Dies hindert sie aber nicht daran, sich zum Geburtstag einen Berg Erdbeeren mit Schlagrahm zu wünschen. Die Glucke in mir drängt mich natürlich dazu, eine Ausnahme zu machen und ihr diesen Wunsch zu erfüllen, aber die Grüne, die eben auch in mir steckt, sträubt sich mit Haut und Haaren dagegen.

Man weiss ja, woher die Erdbeeren kommen, die jetzt schon in den Regalen liegen. Mit der Frage, weshalb dies ökologisch bedenklich ist, hat man sich selbstverständlich eingehend befasst und natürlich hat man sich auch unzählige Male darüber geärgert, dass das Zeug rundum in Plastik verpackt daherkommt. Kurz: Man weiss, dass die Erdbeeren, die um diese Zeit bei uns zu haben sind, ganz schrecklich böse sind.

Und sie sind ja nicht nur böse, sie sind auch furchtbar fade und wässrig. Kommt hinzu, dass es ganz schön peinlich wäre, wenn ich beim Einkauf ertappt würde. Wie stünde ich denn da, mit hochrotem Kopf, peinlich berührt stammelnd, ich würde sowas ja eigentlich nie tun, aber es sei nun mal Luises Geburtstag und da könne man doch nicht so sein…

Der Fall wäre eigentlich klar: Luise muss an ihrem Geburtstag auf umweltverträglichere Weise glücklich werden. Doch wenn sie mich dann ansieht mit ihren grossen, himmelblauen Augen, dann schmelzen meine Grundsätze dahin wie der letzte Schnee an der Frühlingssonne. 

Noch ist der Streit zwischen der Glucke und der Grünen nicht entschieden, doch schon heute steht fest, dass eine der beiden am Ende zutiefst beleidigt sein wird. 

Krokus

Familienbeobachtungen

Ist ein Kind für ein paar Tage verreist, wird es nicht ruhiger im Haus. Die anderen füllen einfach die Lücke, die durch die Abwesenheit entsteht, mit umso mehr Geplapper. Soll bitte keiner behaupten, die dauerquasselnden Geschwister müssten eben die einmalige Gelegenheit nutzen, auch mal endlich zu Wort zu kommen. Diese Regel gilt nämlich auch, wenn das abwesende Kind zur schweigsamen Sorte gehört. 

Im Normalfall klingt die Geschwisterallergie sofort ab, wenn zwischen dem Bruder und der Schwester, die einander gerade nicht ausstehen können, eine genügend grosse Distanz liegt. Bei ausgeprägter Unverträglichkeit zeigt die räumliche Trennung leider keinerlei Wirkung. Schon die Nennung des Namens des abwesenden Kindes löst ein zorniges Knurren aus. Sieht ganz so aus, als müsse man in solch schweren Fällen mit der Behandlung der Allergie zuwarten, bis die Pubertät durchgestanden ist.

Manche Kinderfilme wirken auf den ersten Blick vollkommen harmlos, entfalten aber im Nachhinein eine derart beängstigende Wirkung, dass Schlafen im eigenen Bett für mindestens eine Woche ausgeschlossen ist. 

Wenn zwei durch einen Film dauerhaft verängstigte Kinder in einem Bett schlafen, um einander gegenseitig die Angst zu nehmen, sind die Kinder nach kurzer Zeit nicht mehr verängstigt. Dafür stehen bald einmal verärgerte Eltern im Zimmer. 

So weit sind wir jetzt also schon

Es ist kurz vor Mittag und weil im Kühlschrank gähnende Leere herrscht, hetze ich noch schnell in die Migros. Wie immer, wenn ich Essen für die Familie einkaufe, flüstert mir eine leise Stimme ins Ohr: „Mehr Poulet! Du weisst doch, wie sehr sie das lieben. Und unbedingt zwei Becher Crème Fraîche. Einer reicht nie und nimmer. Willst du nicht ein ganzes Kilo rote Bohnen nehmen? Die mögen sie doch auch so gern. Halt! Stop! Mehr Käse! Mehr Mais! Mehr Oliven! Und mehr Tortillas! Himmel, nun greif schon zu. Die hungrige Meute wird das innert Sekunden vertilgt haben.“

Fünfzehn Minuten später stehe ich am Herd und rühre in den Töpfen. Luise kommt nach Hause, wenig später der Zoowärter, dann keiner mehr. Ach so, ist ja Mittwoch. Prinzchen wird also wie immer bei seinem besten Freund essen. Der FeuerwehrRitterRömerPirat ist im Skilager. „Meiner“ ist in der Stadt, um dem Zoowärter eine neue Jacke und mir neues Henna zu besorgen. Karlsson bleibt an seinem freien Nachmittag in der Schule. Er hat sich vorgenommen, mit Freunden zu lernen,  was – wenn ich mich recht erinnere – bei Gymnasiasten meist zu einer ausgedehnten und äusserst unterhaltsamen Diskussionsrunde führt. Vor fünf ist nicht mit ihm zu rechnen.

„So fängt das also an“, murmle ich vor mich hin, als der Zoowärter, Luise und ich hinter einem riesigen Berg Essen am fast unbesetzten Tisch sitzen.

Tja, ich fürchte, bald werden sie über mich lachen, so wie wir jeweils über unsere Mutter gelacht haben, wenn sie für die Neun kochte, die früher am Tisch sassen, anstatt für die Zwei, die tatsächlich zum Essen erschienen.

img_6418

Peinlich? Mir doch egal!

Man legt uns Müttern nahe, unsere Teenager nicht mehr in aller Öffentlichkeit zu umarmen, wenn sie ein gewisses Alter erreicht haben. Peinlich sei das für die Kinder und vielleicht auch ein Anzeichen von Überbehütung. Als ich heute den FeuerwehrRitterRömerPiraten zum Reisecar begleitete, der ihn ins Skilager bringt, habe ich ihn trotzdem umarmt, bevor er das Treppchen hochstieg. 

Erstens, weil er mein Kind bleibt, auch wenn er mich inzwischen um gute sieben Zentimeter überragt. Das ändert aber nichts daran, dass er mir fehlen wird, wenn er fünf Tage lang nicht hier ist, um auf meinen Nerven herumzutanzen, also lasse ich es mir nicht nehmen, ihn noch einmal in den Arm zu nehmen und insgeheim ein bisschen sentimental zu werden, weil er jetzt auch schon so gross ist. 

Zweitens, weil er jetzt in dem Alter ist, in dem Eltern vordergründig nicht mehr viel zu bieten haben. Als Mass aller Dinge gilt die Meinung der Schulfreunde. Als Vorbild dienen offiziell die Stars und Sternchen, inoffiziell die Klassenlehrer und Leiter verschiedener Freizeitangebote. Brauchen sie mal jemanden, dem sie das Herz ausschütten können, kommen Grossmütter, Tanten und Gotten zum Zug. Was bleibt mir da als Mutter noch zu tun? Nur eines: Für diese kleine Prise Peinlichkeit in ihrem Leben zu sorgen. Damit sie jetzt bei ihren Freunden etwas zum Lästern haben und später dann – wenn ich in ihren Augen schon längst nicht mehr peinlich, sondern so etwas wie eine Heilige bin – ein paar Erinnerungen, die sie hemmungslos verklären können. 

img_3055

 

Fastenfragen

Da wir die Zügel in Sachen gesunder Ernährung in letzter Zeit etwas haben schleifen lassen, habe ich die beginnende Fastenzeit für pädagogische Zwecke missbraucht und für die kommenden Wochen ein generelles Süssigkeiten-, Dessert-  und Colaverbot verhängt. Seither werde ich mit sonderbaren Fragen konfrontiert:

„Dürfen wir jetzt bis Ostern nur noch Wasser trinken?“

(Natürlich. Es gibt auf diesem Planeten ja nur zwei Getränke: Wasser und Cola.)

„Muss ich auch im Skilager aufs Dessert verzichten?“

(Aber klar doch! Ich werde deine Mitschüler dafür bezahlen, dir ganz genau auf die Finger zu schauen und mir jeden Regelverstoss umgehend zu melden. Für jeden Bissen Dessert wird die Fastenzeit um eine Woche verlängert. Aber nur für dich. Wir anderen essen dann wieder Kuchen.)

„Sind Früchte noch erlaubt? Die enthalten doch auch Zucker…“

(Früchte? Lasst um Himmels Willen die Finger von diesem Zuckerzeugs! Immer, nicht bloss in der Fastenzeit!)

„Aber Luise bekommt trotzdem eine Geburtstagstorte?“

(Warum denn? Luise kann ja nächstes Jahr wieder feiern. Vorausgesetzt, ihr Geburtstag fällt nicht wieder in die Fastenzeit.)

„Warum hast du Lasagne mit Fleisch gekocht? Das ist ist doch jetzt nicht mehr erlaubt.“

(Ihr glaubt also, die Vegetarierin, die euch noch nie dazu gezwungen hat, es ihr gleich zu tun, würde euch jetzt plötzlich dazu verdonnern, Pilzlasagne zu essen? Vergesst es! Dieses Gemotze würde ich nicht aushalten.)

„Müsstest du nicht auch auf Kaffee verzichten?“

(Liebe Kinderlein, ihr möchtet doch nicht im Ernst riskieren, dass eure ohnehin schon launenhafte Mama gänzlich auf Koffeinentzug kommt? Das Colaverbot ist mir Herausforderung genug.)

Himmel, die glauben allen Ernstes, mir sei der gesunde Menschenverstand abhanden gekommen. Dabei will ich doch bloss, dass wir uns wieder mit etwas mehr Verstand ernähren.

Hitzige Debatte, dreistimmig

Vor nicht allzu langer Zeit schrieb ich, wie schön ich es finde, wenn die Kinder anfangen, das Familienleben mitzugestalten. Dass mich Karlsson beim Wort nehmen und mir ein paar Tage später ein Heft mit dem Titel „Kleine Vortragsstücke für die Altblockflöte“ aus dem Brockenhaus mitbringen würde, ahnte ich damals natürlich nicht. „Das könntest du doch üben und ich könnte dich am Klavier begleiten“, meinte er und als ich ein paar Tage später noch keinen Ton gespielt hatte, liess er mich wissen, er habe das ernst gemeint mit dem gemeinsamen Musizieren. Da ich ein typisches Kind meiner Zeit bin, lieferten sich darauf drei innere Stimmen eine erbitterte Debatte:

1. Stimme (panisch): „Altblockflöte? Nein, bitte nicht! Ich bin noch immer traumatisiert von dieser schrecklich langweiligen Lehrerin, die mich dazu gezwungen hat, die Sopranblockflöte aufzugeben.“

2. Stimme (genervt): „Nun hab dich mal nicht so. Hast du es nicht immer und immer wieder bereut, dass du die Musik komplett aufgegeben hast? Das ist deine Chance, endlich wieder dort anzuknüpfen, wo du vor Jahren aufgehört hast.“

1. Stimme (jammernd): „Aber ich kann doch nicht! Diese Griffe verwirren mich komplett. Das habe ich schon damals nicht geschafft und wenn ich mir heute diese Grifftabelle ansehe, wird mir ganz mulmig zumute. Sopranblockflöte ginge ja noch. Aber Altblockflöte? Das schaffe ich nie und nimmer. Ich hab dir doch gesagt, ich bin traumatisiert. Ohne Therapie kriege ich das nicht hin…“

3. Stimme (mahnend): „Stichwort Therapie: Was glaubst du, was Karlsson tun wird, wenn du dich verweigerst?“

1. Stimme (etwas kleinlaut): „Er wird vielleicht ein bisschen sauer sein…“

3. Stimme (entrüstet): „Ein bisschen sauer? Weisst du denn nicht mehr, was junge Menschen tun, wenn sie von ihren Eltern enttäuscht werden? Die rennen zum Therapeuten und jammern ihm die Ohren voll über ihre herzlosen Eltern, die ihnen mit der kaltblütigen Ablehnung ihrer Passion fast das Herz aus der Brust gerissen haben. Wenn dir Karlsson etwas bedeutet, machst du dich gleich morgen ans Üben.“

1. Stimme (kläglich): „Aber ich kann doch nicht. Ich bin total blockiert.“

3. Stimme (drohend): „Du willst doch wohl nicht riskieren, dass er dich eines schönen Tages ins Altersheim abschiebt…“

1. Stimme (schluchzend): „Nein, aber ich kann doch nicht… Glaub mir doch bitte, diese Flötenstunden waren der reinste Horror. Mir rinnt jetzt noch der kalte Schweiss über den Rücken, wenn ich dran denke.“

2. Stimme (beschwichtigend): „So schlimm war das nun auch wieder nicht. Okay, diese Lehrerin war tatsächlich eine Schlaftablette und du warst ja auch mitten in der Pubertät und hattest andere Sorgen. Aber später dann, am Gymnasium, hat dir das Flötenspiel doch wieder richtig Spass gemacht.“

1. Stimme (kleinlaut): „Schon, aber…“

3. Stimme (barsch): „Kein Aber! Denk ans Altersheim…“

1. Stimme (ängstlich): „Du machst mir Angst. Ich kann das doch nicht. Karlsson wird mich auslachen. Er hat mich in Sachen Musik doch längst überholt.“

3. Stimme (belehrend): „Das scheint ihm aber nichts auszumachen. Er will mit seiner Mutter musizieren und wenn du ihm diesen Wunsch nicht erfüllst, landet er auf der Couch des Psychiaters und dann kannst du ja sehen, ob du deine Enkelkinder jemals zu Gesicht bekommst.“

1. Stimme (flehend): „Nun hör doch endlich auf, den Teufel an die Wand zu malen. So schaffe ich das erst recht nicht. Unter Druck kriege ich nichts zustande, das weisst du doch.“

3. Stimme (angewidert): „Ich kann es ja nicht fassen, dass du noch immer dieses Psychogeschwätz aus den Neunzigern drauf hast. Man sollte meinen, das Leben mit fünf Kindern hätte dich gelehrt, Hürden zu meistern. Stattdessen ziehst du jammernd den Schwanz ein.“

1. Stimme (wehklagend): „Ich gebe mir doch jede erdenkliche Mühe und mit neuen Herausforderungen werde ich ja auch irgendwie fertig. Aber wie soll ich meistern, was ich in meiner Jugend schon nicht geschafft habe? Ich kann das einfach nicht…“

3. Stimme (spöttisch): „Pffff! Wer lässt sich denn schon von einer Grifftabelle kleinkriegen?“

2. Stimme (resolut): „Könnt ihr wohl endlich die Klappe halten? Ich muss mich konzentrieren. Ich mag eine Niete sein auf der Altblockflöte, aber irgendwie habe ich richtig Lust bekommen, es noch einmal zu versuchen. Macht doch bestimmt Spass, mit Karlsson zu musizieren und vielleicht kann ich von ihm ja noch ein paar Dinge lernen. Also lasst mich gefälligst in Ruhe diese Grifftabelle studieren, damit ich bald mit Üben anfangen kann. Karlsson wird allmählich ungeduldig…“

So schwer kann das ja wohl wirklich nicht sein…

string

 

 

 

Back to normal

Die Winterferien, die mit ihrer Geruhsamkeit meinen Alltag gehörig auf den Kopf gestellt haben, sind seit gestern vorbei. Jetzt herrscht endlich wieder die gute alte Routine:

Kaum steige ich gestern Morgen in Zürich, wo ich einen Gesprächstermin habe, aus dem Zug, erreicht mich ein Anruf aus der Schule. Der FeuerwehrRitterRömerPirat fühlt sich nicht wohl und möchte nach Hause. Ich bin erleichtert. So werde ich wenigstens von jemandem erwartet, wenn ich aus der bösen, kalten Grossstadt nach Hause zurückkehre.  

Am Nachmittag dann ein Informationsbrief: Am Schmutzigen Donnerstag und am Fasnachtsdienstag fällt nachmittags der Unterricht aus. Ich stosse einen Freudenschrei aus. Jetzt muss ich wenigstens nicht alleine über das närrische Getue schimpfen, sondern kann mit den Kindern gemeinsam jammern. 

Der FeuerwehrRitterRömerPirat ist heute Morgen wieder auf den Beinen. Damit ich trotzdem nicht einsam bin, übergibt sich der Zoowärter. Er hat sich eigens darum bemüht, sich schon am ersten Schultag nach den Ferien in Sachen Käfer auf den neuesten Stand zu bringen.

Später dann eine Nachkontrolle im Kantonsspital, zu der die Versicherung Luise – und damit auch mich – eingeladen hat. Ach, wie bin ich doch dankbar für die vierzig Minuten im Wartezimmer und die halbe Stunde, die ich mehr oder weniger stumm an Luises Seite verbringen darf. Ich wüsste ja sonst nicht, was ich mit meiner Zeit anfangen sollte.

Wie schön, dass man jetzt endlich wieder mit der täglichen Portion Planänderung rechnen kann. Seitdem die Kinder an schulfreien Tagen immer erst kurz vor Mittag aus ihren Betten gekrochen kommen, sind Ferientage in diesem Haus so gefährlich ruhig geworden, dass man sich glatt daran gewöhnen könnte. 

16830372_1286533391382773_1887737687_n

Fast schon wundersam

Nahezu Unglaubliches hat sich bei uns zu Hause ereignet. Zwei grosse Tafeln Schokolade – die Riesendinger, die etwa 400 Gramm auf die Waage bringen – haben drei volle Monate in unserem Küchenschrank überlebt. 

Keiner hat ihnen das Papier vom Leib gerissen.

Keiner hat sich heimlich ein Stück abgebrochen.

Keiner hat sie bis auf den letzten Würfel verdrückt und dann das leere Papier mit ein paar Krümeln liegen gelassen.

Ja, es sieht gar so aus, als wären sie während der ganzen langen Zeit nicht ein einziges Mal berührt worden. 

Sie liegen einfach da, zufrieden und ganz und gar unbesorgt, gerade so, als hielten sie sich nicht an einem für Schokolade brandgefährlichen Ort auf. Wo doch die durchschnittliche Lebensdauer einer Tafel Schokolade in diesem Haus eine halbe Stunde beträgt.

Ein Wunder, könnte man fast denken. Wenn es denn keine Zartbitterschokolade wäre…

morotter

 

Typischer Elternmoment

Nach einem langen Tag lässt du gegen Mitternacht deinen müden Kopf aufs Kissen sinken. Eine Weile lang noch dreht sich das Karussell deiner Gedanken, dann fallen dir die Augen zu und du gleitest allmählich in eine surreale Welt. Kaum bist du dort angekommen, erscheint eine sehr reale Gestalt an deinem Bett: „Mama, kannst du mir erklären, warum ich heute plötzlich so traurig geworden bin?“, fragt sie. Erst denkst du, diese Gestalt sei Teil der anderen Welt, in der du gerade unterwegs bist, doch als sie die Frage wiederholt, weisst du,  dass sie zur Realität gehört, aus der du eben erst geflüchtet bist. In dieser Realität ignoriert man Gestalten, die wichtige Fragen stellen, nicht einfach und darum murmelst du: „Lass uns morgen darüber reden. Mitternacht ist längst vorbei und wir brauchen unseren Schlaf.“ Die Gestalt verschwindet und du lässt deinen Kopf zurück aufs Kissen sinken. Doch zurück in die surreale Welt gelangst du nicht mehr so leicht, denn morgen wirst du eine wichtige Frage beantworten müssen. Also machst du dir gewissenhaft deine Gedanken, damit du der Gestalt erklären kannst, was der Grund für ihre plötzliche Traurigkeit gewesen sein könnte. 

Am nächsten Morgen dauert es sehr lange, bis die Gestalt aus ihrem Zimmer kommt. Sie muss sich von ihrer nächtlichen Wanderung erholen. Als du sie endlich zu Gesicht bekommst, willst du mit ihr über die Frage, die sie in der Nacht so beschäftigt hat, reden: „Du wolltest doch heute Nacht wissen, weshalb du gestern plötzlich…“, fängst du an, doch die Gestalt schaut dich mit grossen Augen verständnislos an: „Ich kann mich nicht erinnern…“ „Doch, du standest plötzlich an meinem Bett und danach konnte ich stundenlang nicht mehr einschlafen.“ „Kann mich nicht erinnern…“ „Ja, aber du wolltest doch wissen, warum du gestern so plötzlich traurig wurdest. Ich habe mir dazu ein paar Gedanken gemacht…“ „Ist schon gut, Mama. Ich kann mich wirklich nicht erinnern. Ist also nicht mehr so wichtig.“

Und du fragst dich, ob sie denn jemals damit aufhören werden, dich wegen „Ist nicht mehr so wichtig“ aus dem Land der Träume zu vertreiben. 

img_6184

Wie haben die das bloss geschafft?

In meiner Kindheit erzählte mir ein Mädchen von einer sechsköpfigen Familie, in der die Kinder im Turnus dazu verdonnert wurden, täglich das Lavabo im Badezimmer zu reinigen. Wir waren beide entsetzt.

Sie, weil sie aus einem tadellos geführten Haushalt stammte, in dem das Lavabo gar nie die Chance hatte, schmutzig zu werden, da die treusorgende Hausfrau bereits mit dem Schwamm angerannt kam, wenn ein Kind sich nur schon dem Waschtrog näherte. Das Mädchen wusste also gar nicht, dass Lavabos dreckig sein können.

Ich, weil ich damals in kindlicher Selbstüberschätzung tatsächlich glaubte, wenn ich beim gemeinsamen samstäglichen Hausputz das Lavabo sauber mache, bleibe es danach eine ganze Woche lang blitzblank. Offenbar war ich ausgesprochen erfolgreich darin, nicht zu bemerken, wie meine Mutter an allen anderen Wochentagen die Spuren beseitigte, die sieben Kinder im einzigen Badezimmer hinterliessen. 

Noch heute versetzt mich jene sechsköpfige Familie in Erstaunen. Ich kann mir nämlich beim besten Willen nicht vorstellen, wie um alles in der Welt die es geschafft haben, ihr Lavabo sauber zu halten, wenn sie es bloss einmal am Tag geputzt haben.

img_4952