Karlsson lernt die Warteschleife kennen

Karlsson möchte sich ein Konzertticket kaufen, doch um dies online zu erledigen, braucht er seine neunstellige Kontonummer. Die Kontonummer, die er natürlich mal wieder nicht zur Hand hat, weil man in seinem Alter solche Sachen nie zur Hand hat, wenn man sie dringend braucht. Er greift zum Telefon, um beim Kundenzentrum Hilfe zu holen. Wohl wissend, wie lange solche Telefonate in der Regel dauern, mache ich es mir mit Netflix bequem. Doch mehr als die ersten Dialogfetzen des Vorspanns schaffe ich nicht, ehe er wieder im Wohnzimmer steht.

„Bei denen ist gerade alles besetzt“, sagt er. 

„Tja, dann musst du eben warten“, erkläre ich.

Er schaut mich verwundert an. „Warten? Ich bleibe doch jetzt nicht zehn Minuten am Telefon.“

Ich kann mir das Lachen nicht verkneifen. „Zehn Minuten? Du befindest dich in der Warteschleife. Das kann gut und gerne eine halbe Stunde dauern.“

„Ich bleibe doch nicht eine halbe Stunde am Telefon. Machst du das etwa jeweils so?“

„Na ja, anders kommt man leider nicht weiter. Du musst einfach den Lautsprecher einschalten und dann gehst du ran, wenn sich jemand meldet“, erkläre ich.

Doch meine Erklärungen sind umsonst, Karlsson hat schon aufgelegt. „Du glaubst doch nicht etwa, ich höre mir jetzt eine halbe Stunde lang diese schreckliche Musik an?“

Nein, wie könnte er auch? Für einen jungen Menschen, der im Begriffe ist, ein Mendelssohn-Ticket zu erstehen, wären dreissig Minuten seichtes Warteschleifen-Gedudel nun wirklich nicht zumutbar. 

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Die Fragen bleiben

Hat man Kinder, die allmählich daran denken, erwachsen zu werden, stellen sich plötzlich ganz neue Fragen. Zum Beispiel diese hier:

  • Haben wir ihnen genügend Liebe mit auf den Weg gegeben, damit unsere Fehler, die sie nun allmählich zu analysieren beginnen, dadurch aufgewogen sind?
  • Sind wir schon alt genug, um hemmungslos peinlich sein zu dürfen, oder müssen wir uns noch anstrengen, uns halbwegs normal zu benehmen, wenn die Freunde unserer Kinder zugegen sind?
  • Wann sind sie gross genug, um zu erfahren, wie die Dinge zwischen Schwiegermama und mir wirklich stehen?
  • Wie offen dürfen wir darüber reden, warum die Dinge zwischen Schwiegermama und mir so stehen, wie sie jetzt stehen?
  • Wie detailreich dürfen jetzt, wo sie mehr verstehen, die Erzählungen über die Fehler unserer Jugendjahre ausfallen?
  • Ist es schon okay, wenn ich in Gegenwart der Teenager gewisse in Stein gemeisselte Regeln aus Kindertagen breche, oder beschädige ich dadurch noch meine Glaubwürdigkeit? (Ich meine jetzt nichts Gravierendes. Nur mit den Händen aus der Schüssel essen, mehr Schokolade nehmen als offiziell vereinbart und solche Sachen.) 
  • Darf ich jetzt endlich beleidigt sein, wenn die grösseren Kinder mich fragen, ob es schon das Frauenstimmrecht gab, als ich achtzehn war, oder muss ich ihnen immer noch ein kleines Stück Unwissenheit zugestehen?

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So ginge das also mit dem Feierabend…

Kein Zweifel: Diese dritte Herbstferienwoche mit ihren unzähligen Fahrdiensten, den andauernd unterbrochenen Arbeitszeiten und dem verzweifelten Versuch, all den unterschiedlichen Bedürfnissen gerecht zu werden, bringt wieder mal meine schlechtesten Seiten zum Vorschein. Wie sich das zeigt? Nun, wenn ich abends bloss ein einziges Mal sagen muss: „Kinder, ich brauche heute Abend einfach mal Zeit für mich. Bitte geht nach dem Essen gleich ins Bett“ und danach absolute Ruhe herrscht, kann dies nur eins bedeuten: Die haben mich und meine Launen dermassen satt, dass sie lieber schlafen gehen, als noch einen Moment länger in meiner Nähe zu sein.

Auch wenn es ganz nett ist, für einmal völlig kampflos Feierabend zu bekommen, finde ich, es sei allmählich an der Zeit, dass diese Herbstferien ein Ende nehmen. Ich mag es nicht, wenn sie lammfromm sind, bloss weil sie den Drachen in mir nicht aufwecken wollen. 

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Kompliment

Das muss man sich mal vorstellen. Ich, 

… die Frau, die täglich maximal drei Minuten vor dem Spiegel steht,

… die morgens ihre knallbunten Kleider ziemlich wahllos aus dem Schrank zerrt,

… die vorzugsweise online shoppt, weil sie es in Kleiderläden keine fünf Minuten aushält, ohne nervös zu werden,

… die zwar nichts dagegen hat, sich hübsch anzuziehen, aber im Grossen und Ganzen auf Mode pfeift,

… die von ihrer Tochter immer und immer wieder zu hören bekommt, sie sei zwar ein netter Mensch, aber ihr Stil sei zum Davonlaufen, 

… ich also wurde heute von eben dieser Tochter gefragt: „Leihst du mir mal deine neue Jacke? Die ist sooooooooo schön.“

Dass ich den Tag noch erlebe, an dem ich fürchten muss, meine ausgesprochen modebewusste Tochter würde mir mein Lieblingsstück aus dem Schrank klauen, habe ich mir bisher in meinen kühnsten Träumen nicht vorstellen können. Bisher hat sie sich nur an meinen Sachen vergriffen, wenn sie beim Verkleiden möglichst lächerlich aussehen wollte.

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Einige Umbau-Gedanken

Der Küchenumbau befindet sich in seiner zweitletzten Phase und es wird allmählich Zeit, einige Lehren aus der ganzen Sache zu ziehen:

  • Es gibt durchaus Gründe, weshalb „Meiner“ und ich keinen handwerklichen Beruf ergriffen haben. Sehr viele, sehr gute Gründe. 
  • Hat man die Vierzig überschritten, darf man sich nicht wundern, wenn die bestellten Küchenmöbel und der nicht bestellte Hexenschuss am gleichen Tag geliefert werden. (Die Hexe traf nicht mich, sondern „Meinen“, aber er hat ganz furchtbar tapfer auf die Zähne gebissen.)
  • Dass Teenager immer hungrig sind, haben wir bereits an anderer Stelle festgestellt. Dieser Hunger lässt sich leider durch einen Küchenumbau ganz und gar nicht beeindrucken. Du hast also die Wahl: Entweder, du arrangierst dich damit, dass  die Halbwüchsigen andauernd wie hungrige Wölfe in der Küche herumschleichen, um zwischen Schrauben, Bohrmaschinen und Brettern etwas Essbares zu ergattern, oder du schickst sie auf die Kebab-Jagd, damit du endlich in Ruhe schrauben kannst. 
  • Hilft Karlsson mit, bist du immer froh, wenn er sich bald einmal wieder dem Klavier oder der Geige zuwendet. (Auch bei ihm sind die Gründe, weshalb er keinen handwerklichen Beruf ergriffen hat, zahlreich.)
  • Hilft das Prinzchen mit, bist du immer traurig, wenn er sich wieder seinen Zeichnungen oder dem Spiel mit seinen Brüdern zuwendet. (Sieht zwar nicht so aus, als wolle er mal einen handwerklichen Beruf ergreifen, aber ich glaube, er könnte, wenn er wollte.)
  • Es gibt auch Kinder, die von dem ganzen Durcheinander gar nichts mitbekommen und die dich ganz verwundert anschauen, wenn du sie fragst, ob sie mal kurz helfen könnten. Helfen? Wozu? Soll die Küche denn nicht bleiben, wie sie jetzt gerade ist?

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Wie man sich selber an die Leine legt

„Wenn du mich heute noch einmal am Handy erwischst, darfst du es mir für die ganzen Herbstferien wegnehmen“, sagte er am Abend vor den Ferien. „Du bist aber ganz schön hart mit dir selber. Willst du dich wirklich dieser Versuchung aussetzen?“, fragte ich. Er wollte und natürlich ging es schief. Ich erwischte ihn und das Handy verschwand – auf seinen ausdrücklichen Wunsch – in einem Versteck.

In diesem Versteck war es heute nicht mehr, weil er es aufgespürt hatte. Zu dumm, dass ich ihm schon wieder auf die Schliche kam und so wird halt die handyfreie Zeit auf nach den Herbstferien verlängert.

Manche Kinder sind wirklich unglaublich talentiert darin, sich das Leben schwerer zu machen als nötig.

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17 Gebote für reisende Teenager

Egal, ob Klassenlager oder Ferienwoche in der Toscana, einige Gebote sollten reisende Teenager beherzigen:

1. Du sollst keinen gestellten Wecker zurücklassen. Erst recht keinen, der ab fünf Uhr früh alle 30 Minuten aufs Neue losgeht. (Dieses Gebot gilt auch für Teenager mit erlesenem Musikgeschmack, die sich von Johann Sebastian Bach, Mahalia Jackson und anderen Grössen wecken lassen.)

2. Wenn du schon Gebot Nummer 1 nicht einhältst, dann sollst du deinen Eltern wenigstens den Code für dein Gerät geben, damit sie den Wecker bis zu deiner Rückkehr zum Schweigen bringen können. 

3. Du sollst nicht die einzige sich im Haushalt befindliche volle Zahnpastatube mit in die Ferien nehmen.

4. Da du Gebot Nummer 3 ohnehin brichst: Du sollst nach deiner Rückkehr die jetzt natürlich nicht mehr ganz volle Zahnpastatube umgehend zurück ins Badezimmer stellen, damit sie der Tube, die deine Eltern in der Zwischenzeit gekauft haben, Gesellschaft leisten kann.

5. Da du dich selbstverständlich auch nicht an Gebot Nummer 4 hältst: Du sollst die jetzt natürlich nicht mehr ganz volle Zahnpastatube nicht bis zum nächsten Aufräumanfall in deinem Zimmer vergammeln lassen.

6. Du sollst nicht erst im letzten Moment vor der Abreise daran denken, dass du noch Kleider waschen musst.

7. Weil du Gebot Nummer 6 ohnehin übertreten wirst: Du sollst deinen Ärger über die zu langsam trocknende Wäsche nicht an deiner Mutter auslassen.

8. Du sollst erst recht nicht von deiner ziemlich grün eingestellten Mutter fordern, sie solle sich endlich einen Tumbler zulegen. 

9. Du sollst nicht klammheimlich das Handykabel deines Bruders mitnehmen.

10. Du sollst die allerbeste, bei sämtlichen Familienmitgliedern beliebte Haarbürste zu Hause lassen. 

11. Du sollst die Frage „Hast du uns vermisst?“ nicht wahrheitsgetreu beantworten, es sei denn, du hättest vor lauter Heimweh die ganze Woche nichts essen mögen. 

12. Du sollst nicht behaupten, du hättest nichts mehr anzuziehen und müsstest ganz dringend shoppen gehen, ehe du deinen Koffer ausgepackt hast. (Dieses Gebot gilt auch dann, wenn dein Koffer drei Monate nach deiner Rückkehr noch immer in deinem Zimmer vor sich hin gammelt.)

13. Du sollst den Proviant, den du auf der Hinreise nicht hast aufessen mögen, nicht mehr mit nach Hause nehmen. 

14. Du sollst keine Käfer und Seuchen aus dem Klassenlager mit nach Hause bringen.

15. Du sollst deine Packliste vor der Abreise sehr genau durchlesen und überprüfen, ob du alles dabei hast.

16. Weil du auch Gebot Nummer 16 missachtest: Du sollst nach deiner Heimkehr nicht jammern, du hättest es ohne Regenjacke, Sonnencreme und Shampoo kaum ausgehalten. 

17. Du sollst dich nach der Rückkehr nicht über Schlafmangel beklagen. Es hat dir keiner befohlen, bis tief in die Nacht mit den anderen zu quatschen.

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Entlarvt

Gestern im Zug eine Schülergruppe, begleitet von zwei Erwachsenen. Eine der beiden Frauen perfekt getarnt, damit sie unter den vielen jungen Menschen nicht so mittelalterlich aussieht, wie sie ist. Also eine Latzhose, die an den richtigen Stellen zerrissen ist und nur an einem Träger hängt, Jeansjacke, top moderne Sonnenbrille, an den Füssen ein Paar dieser schrecklichen Sneakers, die eigentlich aussehen wie orthopädische Schuhe und die trotzdem der letzte Schrei sind bei den Teenagern. Erst als sie zu reden anfängt, kann sie nicht mehr verbergen, welcher Generation sie angehört: „Hattet ihr denn viele schwierige Proben?“, fragt sie. Proben? Himmel, wer so genau weiss, wie sich die heutige Jugend kleidet, sollte auch wissen, dass kein Mensch mehr Proben schreibt. Tests, oder vielleicht auch Lernzielkontrollen, aber ganz bestimmt keine Proben.  

Es ist halt doch so, wie es immer schon war: Alle Anstrengungen, nicht alt aussehen zu wollen, helfen nichts, wenn man noch immer die Sprache seiner eigenen Jugendzeit spricht. (Was ja nicht verboten wäre. Mann sollte dann einfach nicht so krampfhaft darum bemüht sein, cool zu wirken.)

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Die sind imfall schon fast erwachsen

Es ist zwar schon eine Weile her, aber die Sache geht mir trotzdem nicht aus dem Kopf. Da sitze ich mit Karlsson in dieser Infoveranstaltung. Scharenweise sind die Teenager gemeinsam mit ihren bereits leicht angegrauten Eltern in die Aula gekommen, um zu lauschen, was ein Lehrer über Auslandaufenthalte, Eigeninitiative und Projektarbeiten zu sagen hat. Wie bei solchen Veranstaltungen üblich, gibt es am Ende Gelegenheit, Fragen zu stellen. Ein Vater hebt die Hand und will wissen: „Können Sie garantieren, dass die Kinder bis zum Ende ihrer Schulzeit mit den gleichen Gspänli in der Klasse bleiben werden?“

Himmel, diese „Kinder“ und „Gspänli“ stehen an der Schwelle zum Erwachsenenalter, einige von ihnen werden vielleicht schon bald für ein paar Monate alleine ins Ausland gehen, manche sind alt genug, um sich ganz legal Bier zu kaufen. Wäre es da nicht allmählich an der Zeit, nicht mehr über sie zu reden, als hätten sie eben erst ihren ersten Kindergartentag hinter sich?

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Näher

Sie können den Moment, in dem sie sich für ein paar Tage von dir verabschieden, kaum erwarten.

Sie finden es peinlich, wenn du sie noch einmal umarmen willst, bevor sie wegfahren.

Sie lachen dich aus, wenn du sagst, sie sollten gut auf sich aufpassen.

Sie lachen erst recht, wenn du fragst, ob sie dich vielleicht doch ein kleines bisschen vermissen werden.

Sie geben dir das Gefühl, ohne dich sei ihr Leben so viel spannender und lustiger.

Und doch greifen sie, kaum sind sie ein paar Stunden von zu Hause weg, zum Handy, um dir zu erzählen, was sie tagsüber alles erlebt haben. 

Manchmal bist du ihnen halt einfach näher, wenn sie etwas weiter weg sind.

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