Was ich durch Karlsson gelernt habe

Karlssons Geburtstag naht und wie jedes Jahr werde ich deswegen ein klein wenig sentimental. Heute zum Beispiel wurde mir bewusst, was ich durch ihn alles gelernt habe. Also, ich meine jetzt mal abgesehen vom Muttersein, Windeln wechseln, stillen, verrückt sein vor lauter Liebe und so. 

Durch Karlsson habe ich gelernt,…

…dass es Kinder gibt, die über Jahre hinweg immer und immer und immer wieder das gleiche Buch erzählt bekommen wollen und dass sie sich dabei auch dann noch nicht langweilen, wenn du das Zeug schon fast im Schlaf runterbetest. 

…wie man als Vegetarierin Leberpastete zubereitet, ohne dabei auf den Fussboden zu k….

…dass es Menschen gibt, die lieber mit blosser Faust eine Scheibe einschlagen, als den angefangenen Joghurt auszuessen.

…wie unglaublich vernünftig die Jugend von heute sein kann, wenn sie es denn will. 

…wie Trüffel stinkt riecht.

…wie man einen Trotzanfall schiebt, weil Mama sich weigert, einem einen stinkenden weissen Trüffel als Souvenir zu kaufen. 

…dass entzündete Blinddärme sich nicht immer so aufführen, wie es im Gesundheitsratgeber für Eltern steht. 

…dass es auch heutzutage noch richtige Plattenspieler zu kaufen gibt. 

…wie man seiner Mutter ohne zu erröten einen Witz erzählt, den diese ihrer Mutter nie und nimmer erzählt hätte. 

…dass es Babys gibt, bei denen man sagt: „Wahnsinn! Seine Füsschen sind ja riesig!“

…wie man schon ganz jung ganz sich selbst sein kann.

…dass manche Kinder ihre Fischstäbchen nur geschält essen, weil sie Knuspriges nicht mögen.

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Teenagerträume

Vor etwas mehr als 26 Jahren sprach ein Vater zu seiner Tochter, die gerade ihren fünfzehnten Geburtstag feierte: „Hättest du Lust, für ein Jahr in die USA zu gehen?“ Die Tochter, ein echter Teenager halt, sah vor ihrem inneren Auge eine dieser knallbunten Hollywood-Teeniekomödien ablaufen und antwortete in totaler Selbstüberschätzung: „Klar! Warum nicht?“ Auf das Anmeldeformular schrieb sie, sie würde ganz gerne zu einer Gastfamilie fahren, die in der Nähe des Meeres lebt, was die Austauschorganisation auf die Idee brachte, den Teenager auf einer abgelegenen Farm in Nebraska zu platzieren, denn dort, zwischen endlosen Maisfeldern, gab es einen seichten Tümpel. Der Teenager sah zwar nicht, wie man diesen Tümpel mit dem pazifischen Ozean hatte verwechseln können, flog dann aber im Sommer, noch vor dem sechzehnten Geburtstag, trotzdem nach Nebraska. Dort gab es eine Schule, die eben erst von den letzten Asbestresten gesäubert war, sonntags ging es morgens und abends zum Gottesdienst, „Scheisse“ sagen war streng verboten und das Essen kam von Tiefkühler in die Mikrowelle und dann ungewürzt auf den Tisch. Da man an diesem verlassenen Ort Menschen aus dem Ausland mit Aliens gleichsetzte, fühlte sich die Fünfzehnjährige ziemlich einsam. Trotz schlimmstem Heimweh versuchte sie, das Beste aus der Sache zu machen, frass sich ein paar Kilo Kummerspeck an, lernte fleissig Englisch, gab am Sonntagabend fast nie vor, an Kopfweh zu leiden um den Gottesdienst zu schwänzen und liess nur ganz wenige der Fettnäpfchen aus, die unreife Schweizerinnen in den USA eigentlich meiden sollten. Hin und wieder setzte sie sich an den seichten Tümpel, um über das Leben im Allgemeinen und die Trostlosigkeit Nebraskas im Besonderen nachzudenken und irgendwann war das Jahr um. Sie kehrte um ein paar Erfahrungen reicher und ein paar Illusionen ärmer in die Schweiz zurück, jetzt immerhin fliessend Englisch sprechend. 

Nächste Woche feiert ein anderer Teenager seinen fünfzehnten Geburtstag, aber er wird vergeblich darauf warten, dass ihn seine Eltern fragen, ob er nicht vielleicht alleine ins Ausland fahren wolle. Die Träume des Teenagers, für ein paar Monate ins Ausland zu entschwinden, sind den Eltern zwar bekannt und sie werden auch versuchen, diese irgendwann wahr werden zu lassen, aber die Mama findet, für so etwas sei man mit fünfzehn ganz einfach noch zu jung, man müsse erst noch ein wenig reifen, ehe man in der Lage sei, sein Glück in der grossen, weiten Welt zu versuchen, sie rede da aus Erfahrung. Sie ist froh, dass sie diesen Grund vorschieben kann. Mit dem Argument: „Kindchen, du bist doch noch so klein und eben erst geschlüpft. Wie kannst du es wagen, nur schon daran zu denken, deiner armen Mama so etwas anzutun?“, liesse sich der Teenager vermutlich nicht davon abhalten, zu gehen.

Wo er doch gar nicht über den Ozean will, sondern nur nach Frankreich und das liegt doch sozusagen im Quartier, findet er. 

british lady; prettyvenditti.jetzt

british lady; prettyvenditti.jetzt

Unsere Abendkarte

Geschätzte Gäste

Wie immer an Wochentagen verwöhnen wir Sie auch heute wieder mit einem abwechslungsreichen, währschaften Menü aus der Küche unseres Familienbetriebes. Wir arbeiten ausschliesslich mit besten Zutaten aus streng kontrolliertem pädagogischem Anbau, produziert in den lokalen Schulbetrieben. Mit viel Einfallsreichtum und Witz zaubert unser junges, topmotiviertes Küchenteam damit jeden Tag einzigartige Kreationen. Das heutige Menu:

Eine luftige Kreation aus „Cello Time Starters“
verfeinert mit zarten „Ich will keine Hausaufgaben machen“-Schluchzern aus dem Nebenzimmer
und einem Hauch von Prinzlicher Allwissenheit

*****

Ein reichhaltiger Blattsalat aus
Elternbriefen, Znünikiosk-Anmeldungen, Infobroschüren und Absenzenmeldungen,
angerichtet mit einer süsslich-säuerlichen Vinaigrette von Glanzleistungen und schlechten Noten 

*****

Eine herzhafte Pastete, gefüllt mit gut abgehangenen vergessenen Hausaufgaben, Frustration und Versagensängsten, 
apart gewürzt mit rezenten Rückmeldungen aus dem Lehrerzimmer und leicht salzigen Tränen,
garniert mit fein gehackten Kopfschmerzen

*****

Ein leichtes Süppchen von Englischen Adverbien,
Französischen Konjugationen und gelungenen Zeichnungen
fein bestäubt mit brillant erkannten physikalischen Formeln

*****

Eine ausgefallene Dessertkreation mit Anekdoten aus dem Schulalltag,
Schnitzern von Mitschülern,
dem neuesten Social Media-Hit 
und ganz viel Teenagerhumor

*****

Wir wünschen Ihnen Guten Appetit!

Liebe Miteltern

Können wir bitte endlich wieder ehrlich sein miteinander? Einfach damit aufhören, so zu tun, als hätten wir fehlerlosen Wesen das Leben geschenkt? Ja, sie sind toll unsere Kinder, sie versetzen uns immer wieder in Staunen mit ihren einzigartigen Fähigkeiten. Immer mal wieder geben sie uns guten Grund, stolz auf sie zu sein. Unser Herz möchte zerspringen vor lauter Liebe, wenn wir sie anschauen. Es ist ein unbezahlbares Privileg, sie beim Aufwachsen begleiten zu dürfen. 

Aber Himmel, es gibt doch auch eine andere Seite. Die Momente, in denen wir im Boden versinken könnten vor lauter Scham. Die Tage, an denen sie uns so lange reizen, bis wir platzen möchten vor lauter Wut. Die Lebensphase, in der sie so leise wie nur immer möglich sind, um das riesige, wunderbare Potential, das in ihnen schlummert, nicht aufzuwecken. 

Liebe Miteltern, mich dünkt, wir hätten offener miteinander reden können, als sie noch klein waren. Damals hinderte uns die abgrundtiefe Übermüdung daran, einander ein Theater vorzuspielen. Wir konnten gar nicht anders, als hin und wieder laut und tief zu seufzen. Heute aber, wo wir alle wieder besser schlafen, achten wir sorgsam darauf, dass nur noch das Lobenswerte nach aussen dringt. Die tiefen Seufzer aber… na ja, ich weiss gar nicht so recht, ob die bei euch noch vorkommen. Bei mir gehören sie weiterhin zum Alltag, genauso wie die Momente des puren Glücks, aber wenn ich euch so zuhöre, komme ich mir manchmal vor, als sei ich die Einzige, die unvollkommenen – und trotzdem wunderbaren – Menschen das Leben geschenkt hat.

un; prettyvenditti.jetzt

un; prettyvenditti.jetzt

Bon appétit!

Inzwischen sind wir also soweit, dass wir, wenn Karlsson in der Abenddämmerung den Kopf aus dem Fenster streckt, um seine im Garten buddelnden Eltern daran zu erinnern, dass er Hunger hat, zu ihm sagen können: „Könntest nicht du heute das Kochen übernehmen? Wir müssten das hier noch ganz dringend fertig machen.“ Vielleicht zögert er dann einen Augenblick lang, weil man als Teenager ja nicht einfach ohne zu zögern ja sagen kann, wenn die Eltern etwas von einem verlangen, doch dann fragt er zurück: „Was soll ich denn kochen?“ Zwei oder dreimal kommt er danach noch ans Fenster, um zu fragen, ob es so, wie er es macht, auch sicher richtig ist und nach einer halben Stunde ruft er zum Essen, als wäre es schon immer seine Aufgabe gewesen, die Familie zu füttern. Klar, er kocht nicht zum ersten Mal, aber bis jetzt waren das immer Dinge, die man halt so kocht, wenn man kochen lernt. Tomatensauce oder Risotto oder Toast Hawaii. Jetzt aber schmeckt das Essen nicht mehr nach „Ich lerne gerade kochen und Mama hat mir gesagt, wie man das macht“, sondern nach „Mama hat gesagt, ich soll etwas aus dem Kürbis machen, der im Kühlschrank liegt und ich finde, dass auf diese Weise sein Aroma am besten zur Geltung kommt.“ Also ein richtiges Abendessen, mit eigener Karlsson-Handschrift, so gut, dass man sich viel mehr schöpft, als der Hunger eigentlich gebieten würde. 

Eines von unzähligen Erziehungszielen wäre somit also erreicht. 

nell'acqua; prettyvenditti.jetzt

nell’acqua; prettyvenditti.jetzt

Jetzt wird es richtig kompliziert

Sommerferien 1999:

„Wollen wir nicht doch noch ein wenig wegfahren?“, fragte ich „Meinen“ eines schönen Morgens. „Warum nicht? Hast du eine Idee, wohin?“, antwortete er. „Hmmm, man sagt, Sardinien sei noch schön“, gab ich zurück. Wir starteten den Computer auf, um ins Internet zu gelangen, was damals noch eine ganze Weile dauerte, suchten nach ansprechenden Angeboten, was ebenfalls eine ganze Weile dauerte, weil die Verbindung zu jenen Zeiten noch sehr sehr langsam war, doch irgendwann fanden wir eine halbwegs vertrauenswürdige Seite, auf der man Fährverbindungen buchen konnte. Drei Tage später waren wir unterwegs nach Sardinien, fünf Tage später überlegten wir uns, ob wir die Insel nicht wieder fluchtartig verlassen sollten, weil wir die Langeweile des Strandlebens kaum aushalten konnten. Wir entschlossen uns, zu bleiben und klapperten in der Folge sämtliche Museen Sardiniens ab, um uns irgendwie die Zeit bis zur Rückreise totzuschlagen. 

Sommerferien zwischen 2001 und 2009:

Viel wichtiger als das Ziel waren die Dauer des Anfahrtsweges, die Babyausstattung am Ferienort und die Möglichkeit, sich zweimal am Tag an einen gedeckten Tisch setzen zu können. Ziemlich kleinkariert, fanden wir, für spannendere Dinge waren wir aber schlicht zu müde. Ziemlich kompliziert, fanden wir auch, denn das Kofferpacken fühlte sich jeweils an, als würden wir in den Dschungel auswandern und nicht etwa, als würden wir für zwei Wochen ins Nachbarland fahren. 

Sommerferien zwischen 2010 und 2015:

Reiseziel aussuchen, im Internet Ferienhäuser anschauen, buchen, Transport organisieren, Koffer packen, abreisen, Ferien geniessen. Fast so einfach wie in kinderlosen Zeiten, wenn auch mit etwas mehr Gepäck. Würde es so weitergehen, kämen wir glatt in Versuchung, uns allmählich nach etwas exotischeren Reisezielen umzusehen, weil es ja inzwischen so gut läuft mit den Familienferien.

Aber eben, es wird nicht so weitergehen, denn nächsten Sommer wird es kompliziert: 

Zuerst einmal sind da die verschobenen Feriendaten. Die Kinder müssen eine Woche länger durchhalten als „Meiner“, dafür werden sie noch in den Federn liegen, wenn er nach den Sommerferien seine neuen Schüler begrüsst. Auf dem Papier sind das immerhin vier gemeinsame Ferienwochen. In der Praxis aber gehen zwei dieser vier Wochen für Ferienlager drauf, die unsere Kinder um nichts in der Welt verpassen wollen. Je nachdem, in welcher Ferienwoche diese Lager stattfinden, bleiben uns eine oder zwei Wochen, um gemeinsam zu verreisen. Okay, theoretisch könnten wir die Kinder natürlich dazu zwingen, sich unserem Programm anzupassen, aber unser Leidenswille ist nicht gross genug, um uns einen Sommer lang anzuhören: „Eigentlich könnte ich jetzt mit meinen Freunden am Lagerfeuer sitzen, aber ihr habt mich ja dazu genötigt, mit euch an diesen öden Ort zu fahren. Ich werde jetzt vier Wochen lang schmollen. Und glaubt bloss nicht, dass ich mit euch in dieses doofe Museum komme.“ Dann stellt sich natürlich auch die Frage, was wir mit den Kindern anstellen, die während der Lagerwochen zu Hause bleiben. Ein Spezialprogramm organisieren, das die Abtrünnigen vor Neid erblassen lässt? Oder doch lieber jemanden suchen, bei dem sie unterkommen können, damit wir mal ein paar Tage für uns haben? Was dann allerdings die Gefahr mit sich brächte, dass wir völlig kopflos spontan irgendwo hin verreisen, nicht wissen, was wir dort anstellen sollen und dann wären wir fast wieder dort, wo wie angefangen haben. 

sorgenfrei; prettyvenditti.jetzt

sorgenfrei; prettyvenditti.jetzt

Nebenschauplatz

Zum Streiten kommt man in so einer Ehe mit Kindern ja nicht mehr richtig. Sind die Kinder noch wach, wird ihnen Angst und Bange, wenn Mama und Papa einander gegenseitig anbrüllen und mit Tellern um sich schmeissen. Sind die Kinder im Bett ist man zu müde, um sich noch Gehässigkeiten an den Kopf zu werfen. Sollte man es tatsächlich mal schaffen, ein paar Stunden ohne Kinder zu sein, gibt es noch so viele andere Dinge zu tun, dass Streit nicht den ersten Platz auf der Prioritätenliste einnehmen kann. Also muss man die Kämpfe, die ja irgendwie zu einer funktionierenden Beziehung dazugehören, auf einem Nebenschauplatz austragen. Bei uns ist das aktuell gerade der Garten.

Ich demontiere ganz und gar respektlos die potthässliche, instabile, klotzige Rankhilfe, die er vor einem oder zwei Jahren in mühevoller Kleinarbeit gebaut hat. 

Um sich an mir zu rächen, führt er das Mäuerchen des Halbrundbeetes einfach zur anderen Seite des Gartenpfades weiter, obschon ich ihm klipp und klar gesagt habe, dass ich das nicht haben will. Und dann erwartet er auch noch Komplimente, für sein unglaublich tolles Gartendesign.

Ich würde mir natürlich lieber die Zunge abbeissen, als ihm das erwünschte Kompliment zu schenken. (Obschon das Resultat seiner Bemühungen ganz ansprechend aussieht, aber wehe, einer von euch verrät mich!)

Er kritisiert, ich hätte das Moorbeet ganz und gar falsch angelegt. Nicht dass er etwas vom Anlegen von Moorbeeten verstünde –  den Ratgeber habe ich gelesen -, aber optisch passt es dem Herrn Gemahl nicht. 

Dann ändere ich halt die Form des Moorbeets, weil ich diese Niederlage aber nicht einfach so einstecken kann, schnappe ich mir das einzige gerade auffindbare Schäufelchen und buddle Tulpenzwiebeln in den Boden, wohl wissend, dass er ohne das Schäufelchen an seinem Mäuerchen nicht weiter werkeln kann. (Das hat man eben davon, wenn man ohne Rücksprache mit mir längere Mäuerchen baut und an meinen Moorbeeten rummäkelt.)

Irgendwann gelingt es ihm, sich das Schäufelchen zu schnappen und dann stehe ich da mit meinen Tulpenzwiebeln und weiss nicht, wie ich die in den Boden bringen soll und dann beginne ich zu jammern, weil das zweite Schäufelchen mal wieder spurlos verschwunden ist und daran ist ganz bestimmt nur „Meiner“ schuld, denn der schiebt ja immer die Steine von einem Ort zum anderen, anstatt sie endlich zu entsorgen, aber das sage ich natürlich nicht laut, sonst würden wir ja offen streiten. 

Ihn lässt das alles kalt, denn er muss jetzt schaufeln, sonst trocknet der Mörtel ein. 

Die Menschen, die am Haus vorbeigehen, freuen sich an dem netten Paar, das in froher Eintracht in der Erde wühlt, die kleineren Kinder machen fröhlich den Handlanger, die grösseren Kinder plündern oben in der Wohnung den Kühlschrank und keiner merkt, dass wir einen erbitterten Kampf austragen, weil wir bei all dem nicht ein einziges böses Wort verlieren. Warum sollten wir auch, wo doch das Resultat unseres kleinen Machtkampfes durchaus ansprechend aussieht? (Also ja, mal abgesehen von dem verlängerten Mäuerchen, das ich im Kreise der Familie erst dann als schön bezeichnen werde, wenn „Meiner“ vergessen hat, wie sehr ich mich gegen seine Idee gestemmt habe.)

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Mode für die Frau ab ääähm 12

Luise ist im Klassenlager, weil aber im Klassenlager wandern angesagt ist und Luise noch immer mit Gips unterwegs ist, habe ich heute Hütedienst in der Westschweiz. Luise zu hüten bedeutet, durch die Kleiderläden zu ziehen und Geld loszuwerden. Kleiderläden, die für heutige Teenager attraktiv sind, sehen in dieser Saison aus, wie Kleiderläden für die Generation 50+ aussahen, als ich ein Teenager war. Also so:

Gesteppte Daunengilets in Bordeaux, Marineblau und Schlammbraun

Hosen in den dazu passenden Farben, wenn’s ganz bunt sein soll, vielleicht noch in Senfgelb

Pullover mit Rosenaufdruck

Kleider mit Mustern, die irgendwie an Erbrochenes erinnern

Karohemden fürs Country-Konzert

Blazer im Hahnentrittmuster

Blümchenblüschen

Kunstpelzbesetzte Parkas in Schlammgrün, wie ich sie zuletzt vor Jahren in einer BBC-Doku über die Fuchsjagd gesehen habe (Diese Doku habe ich mir nur aus Höflichkeit angesehen, weil Schwiegermama irgendwann mal erkannt hat, dass ich kein italienisches Fernsehen mag, weshalb sie auf BBC umschaltete, denn ohne Fernsehen kann man ihrer Meinung nach unmöglich glücklich sein.)

Fehlen nur noch die Mephisto-Schuhe, der Faltenrock und der Pullunder und die Ü-50-Kluft meiner Jugendzeit wäre komplett. Luise, die natürlich nicht wissen kann, was ich weiß, fragt mich allen Ernstes, was sie sich von dem Zeug kaufen soll und mir fällt nichts anderes ein als: „Kind, spar dir dein Geld, bis der Neokonservatismus nicht mehr in Mode ist. Kannst doch nicht rumlaufen wie eine Oma.“

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Sysiphus muss mal wieder jammern

Sie bekommen Guetzli geschenkt und ich darf zwei Tage später unters Sofa kriechen, um die leere Schachtel zu entsorgen. 

Sie essen Hafer, ich sauge die Flocken auf, die den Weg vom Beutel in die Schale nicht überstanden haben.

Schleppe ich am Vormittag zwei Kilo Trauben an, sind sie spätestens um vier weggefuttert, um fünf nach vier motzt der Erste, weil kein frisches Obst da ist.

Kippt einer die Klobürste um, bleibt sie umgekippt, bis ich mich ihrer erbarme und sie wieder aufrichte.

Ich sammle die herumliegenden Farbstifte ein, sie verteilen sie wieder in der Wohnung, ich sammle sie wieder ein, sie verteilen sie wieder, ich sammle sie wieder ein, sie verteilen sie wieder…

Sie spielen mit Marmeladefingern Klavier, ich spiele weder Klavier noch schmiere ich mir die Finger mit Marmelade voll und trotzdem putze ich die Tasten.

Ich abonniere Zeitschriften, damit sie diese lesen können und ich sie vom Fussboden aufheben darf. 

Ich rede mir den Mund fusselig, weil das alles so nicht weitergehen kann. Sie starren mich verständnislos an und fragen, ob sie noch ein zweites Sandwich bekommen.

So geht das auch heute noch, obschon sie doch schon so gross sind und ich frage mich, in welcher geistigen Umnachtung ich den Vertrag unterschrieben habe, in diesem Haus ganz ohne Bezahlung den Job des Sisyphus zu machen. 

  

Diebstahl!

Vor vielen Jahren gab es in unserem Leben eine Sache, die wirklich kostbar war, aber da sie uns in rauen Mengen zur Verfügung stand, wussten wir ihren Wert nicht richtig zu schätzen, weshalb wir sie oft für unsinnige Dinge wie Endlossitzungen, Pflichteinladungen und Streitigkeiten verschwendeten. Als die Kinder kamen, begannen wir zu erkennen, was wir vergeudet hatten, aber da die Sache nur umkämpft, nicht aber verschwunden war, lernten wir mit der Zeit, sie zu geniessen. Jetzt erkannten wir erst, wie unglaublich wertvoll sie war und wir schätzten uns ausserordentlich glücklich, sie zu besitzen. Okay, an gewissen Tagen sah es so aus, als hätten wir sie verloren, aber je grösser die Kinder wurden, umso seltener war dies der Fall. Ja, zwischenzeitlich fühlten wir fast wieder so sicher wie zu kinderlosen Zeiten, so dass wir uns gar verstiegen, zu glauben, die Sache stünde uns zu. 

Tja, und dann wurden aus unseren Kindern Teenager und auf einmal war die Sache weg. Einfach so, mochten wir auch noch so lange danach suchen, sie war fort. Erst dachte ich ja, wir hätten sie einfach am falschen Ort versorgt und müssten nur mal gründlich unser Leben auf den Kopf stellen, um sie wieder zu finden. Doch seitdem Luise auch an der Oberstufe ist, gibt es keinen Zweifel mehr: Man hat uns beraubt, hat uns den Feierabend, der uns im Laufe der Jahre so kostbar geworden ist, brutal entrissen und ich fürchte, es wird eine Ewigkeit dauern, bis der Dieb gefasst ist und wir zurückbekommen, war wir so schmerzlich vermissen. 

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