Aus dem Gröbsten raus…

Wenn du kleine Kinder hast, so zwei, drei Jahre alte, dann sitzt du manchmal seufzend da und betrachtest die Scherbenhaufen, die sie angerichtet haben, währenddem du zwei Minuten auf dem WC warst. „Wenn sie erst mal grösser sind“, sagst du zu dir selber, „dann wird es ruhiger und es wird kein Problem mehr sein, sie mal eine Weile lang unbeaufsichtigt zu lassen.“ Eine nette Überzeugung, die ich auch lange für richtig gehalten habe. Hier ein paar Gründe, weshalb ich inzwischen daran zweifle:

  • Ein Spiegel, der bei dem ewigen Gerenne durch den Flur in die Brüche gegangen ist.
  • Eine Tube Badeschaum, vorgesehen als Geschenk für ein Patenkind, deren gesamter Inhalt grundlos auf Wände und Fussboden verteilt wurde.
  • Eine Flasche wertvolles Koffeingesöff – vorgesehen für Mamas und Papas Nerven -, die auf dem Heimweg vom Einkauf auf der Strecke bleibt und eine zweite, die ohne Kohlensäure, dafür mit Loch und folglich mit reduziertem Inhalt zu Hause ankommt. Das alles nur, weil man verbotenerweise mit dem Trottinett in die Migros gefahren ist (und den kleinen Bruder, der hätte mitkommen wollen, schluchzend und schniefend zu Hause gelassen hat). 
  • Ein mit Rosenblütenblättern verstopfter Badewannenabfluss. 
  • Eine löchrige Giesskanne. Der FeuerwehrRitterRömerPirat hat neun Löcher gezählt, jedoch keine Ahnung, wie sie entstanden sind.
  • Eine Nachbarin, die mit zitternden Knien im Treppenhaus steht und darauf hinweist, dass sich gerade drei Kinder gefährlich weit aus dem Dachfenster gelehnt haben. 
  • Ein Stilleben auf der Küchenkombination: Angebranntes Porridge, daneben ein fast leerer Beutel mit matschigen Tiefkühlerdbeeren, diverse verklebte Löffel und Löffelchen, das Ganze umflossen von gut einem Liter teurer Bio-Milch. Und natürlich keiner in Sicht, der etwas von der Sache weiss.
  • Ein hartgekochtes Ei, das auf dem Kopf der einzigen Schwester landet. Nein, nicht zufällig.
  • Eine am Morgen noch volle Flasche Shampoo speziell für langes Haar, die abends leer ist und das ohne dass eine der beiden Langhaarigen an diesem Tag die Flasche in den Händen gehabt hätte. Und auch von den anderen hat keiner die Haare gewaschen.
  • Rasant schwindende Schokoladenvorräte. 
  • Karottenschalen unter dem Küchentisch. Keiner war’s, aber wie sollte man dagegen etwas einwenden können? Immerhin haben sie Karotten gegessen und nicht Schokolade.
  • Stofftiere im Regen. Tagelang.
  • Fehlende Latten im Bettrost, die lange Zeit unauffindbar bleiben und später auf wundersame Weise als Waffen wieder auferstehen. Leider nicht mehr ganz  in Form, so dass eine Wiedereingliederung in den Lattenrost nicht möglich ist.
  • Ein verstörter Kater namens Gottegris in Mamas Handtasche, die an einem Kinderarm baumelt.
  • Ein halb voller Beutel Katzenfutter im Kühlschrank. Die Erklärung: „Weisst du, ich hab Gottegris auf Diät gesetzt und jetzt bekommt er immer nur noch einen halben Beutel.“ 

Dies nur ein kleiner Ausschnitt aus dem Alltag einer Familie, in der sämtliche Kinder „aus dem Gröbsten raus sind“, wie man so gerne sagt. Ruhiger? Von wegen! Aber ganz sicher schwerer zu verstehen, warum die noch immer solchen Mist anstellen, kaum dreht man ihnen den Rücken zu. Als sie kleiner waren, konnte man sich immerhin der Illusion hingeben, sie wüssten es eben nicht besser…

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Aussensicht

Sie sei immer ganz brav, meinte der Lehrer. Vielleicht fast ein wenig zu schüchtern, man dürfte ruhig mehr von ihr hören. Mal auf den Tisch klopfen, das könnte sie sich durchaus erlauben. Sich etwas mehr zu Wort melden und auch mal sagen, wenn ihr etwas nicht passt.

Sie sei wirklich nett, sagten die Klassenkameraden. Vielleicht eher still, aber ganz bestimmt keine Zicke.

Gut, dass uns wieder mal jemand gesagt, wie sie auswärts ist. Zu Hause läuft das nämlich ein wenig anders.

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Tussispiel

Angeblich studieren sie, doch davon bekommt man herzlich wenig mit, denn man kann sie stets nur dabei beobachten, wie sie sich in Pose werfen, von einem noch hübscheren Kleidchen träumen und das Smartphone zücken. Trotzdem bekommen sie regelmässig ein nettes Sümmchen ausbezahlt, wenn sie aufräumen, finden sie haufenweise Geld, Schmuck, Tablets und Kristallgläser, sogar ihre Kätzchen spüren in jedem Winkel des stets grösser werdenden Hauses Geld und Gold auf. Wenn ihr Angebeteter ihnen eine Rose überreicht gibt’s noch ein wenig Taschengeld dazu, doch einen Angebeteten bekommt man nur, wenn man sich richtig verhält: Er gibt das Thema vor, sie muss entsprechend antworten und erobert damit sein Herz. Antwortet sie falsch, verzieht er angewidert sein Gesicht und sie bricht in Tränen aus. Ach ja, natürlich sind sie alle gertenschlank, grossäugig und charmant.

Woher ich das alles weiss? Nun, nach unserem letzten Reinfall lasse ich Luise nicht mehr einfach so Spiele ab 12 spielen, ich will wissen, welches Frauenbild ihr dort vermittelt wird. Damit ich das weiss, muss ich stets eine Nasenlänge voraus sein. So kommt es, dass sie und ich nach dem Mittagessen auf dem Bett liegen und das Tussispiel spielen. Was zu erstaunlich tiefen Gesprächen führt, Gesprächen, die wir ohne das Spiel vielleicht nicht so ungezwungen führen würden.

Meist fängt es damit an, dass wir uns überlegen, welches Kleid in der endlosen Garderobe uns auch noch gefallen könnte. Was uns ganz natürlich zur Frage führt, wo der Unterschied zwischen chic und billig liegt, was wiederum das Thema aufkommen lässt, welcher Rock zu kurz ist, um noch als anständig durchzugehen. Damit  richten wir unseren Fokus auf die unnatürlich langen und dünnen Beine der Tussis, womit wir beim Thema „schön muss nicht schlank sein“ angelangt wären. Und plötzlich befinden wir uns nicht mehr in einem virtuellen Tussispiel, sondern in einem ganz realen, ziemlich fiesen Tussispiel, das sich tagtäglich auf dem Pausenhof abspielt: Wie schwer bist du? Und du? Und du? Wir sind bei den Lügen, die einige Mädchen erfinden, damit sie ihr wahres Gewicht nicht nennen müssen, bei der Frage, wie man dieses ungesunde Spiel endlich unterbinden könnte, ohne in den Augen aller anderen die blöde Kuh zu sein und schliesslich beim grossen Thema, wie Frau es schafft, sich ihrer Schönheit zu freuen, ohne dabei zu verdummen. 

Nein, natürlich ist dies nicht im Sinne der Erfinder des Tussispiels, dennoch bin ich ihnen dankbar, dass sie mir dabei helfen, Luise vor Augen zu führen, worum es im Leben einer Frau nicht geht. 

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Es ist wieder diese Zeit im Jahr…

…in der unsere kleineren Kinder die Sommerkleider aus dem Schrank zerren und halb nackt aus dem Haus rennen würden, wenn wir sie nicht rechtzeitig erwischten.

…in der ich Stunden damit verbringe, das Internet nach dem perfekten Ferienhaus an perfekter Lage abzusuchen und weil es noch eine halbe Ewigkeit dauert, bis der Sommer da ist, bilde ich mir ein, wir könnten vielleicht zwischendurch doch noch ein paar Tage irgendwohin…Halt! Erst mal den Kontostand wieder ins Lot bringen!

…in der wir fast jedes Wochenende Gäste haben oder eingeladen sind, weil man im alten Jahr alles aufs neue verschoben hat.

…in der Luise fragt, ob wir nicht wieder einmal, eventuell, wenn wir Eltern nichts dagegen hätten, Skifahren gehen könnten. Und wenn wir antworten, wir wüssten es nicht, schnappt sie sich den neuesten Kleiderkatalog und zeigt uns, was sie in ihrer Sommergarderobe alles haben möchte.

…in der ich mindestens einmal wöchentlich träume, ich hätte den richtigen Zeitpunkt zum Ansäen von Setzlingen verpasst und stünde zum Frühlingsbeginn ohne Pflänzchen da.

…in der man sich einbildet, es dauere noch ewig, bis die Nichte heiratet, bis Markttag sei, bis der runde Geburtstag da sei… und auf einmal steht man wieder völlig unvorbereitet da, weil die Zeit mal wieder schneller war als die Einbildung.

…in der ich den Frühling kaum erwarten kann.

Jedes Jahr im Winter ist es wieder so, auch dann, wenn der Winter sich nicht wie ein Winter aufführt.

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Einfach unersättlich, diese Majestäten

Okay, ich weiss, ich bin ein Feigling. Ich bringe es einfach nicht übers Herz, einem einzigen Familienmitglied die Krone für einen Tag zu gönnen. Jeder Aufwand ist mir recht, wenn ich mir damit den Anblick enttäuschter Kinderaugen ersparen kann. Schief geht es trotzdem jedes Jahr. Am heutigen Dreikönigstag lief das alljährliche Drama folgendermassen ab:

Sonntag, 5. Januar 2014, ca. 22:00 Uhr

Mama Venditti schiebt den fairsten Königskuchen aller Zeiten in den Ofen und legt fest, welcher Brötcheninhalt für welchen Titel steht:

  • Rosine = König Christian I. von Dänemark, Schweden und Norwegen
  • Erdnuss= Queen Elizabeth I.
  • Kaffeebohne = Lous XIV.
  • Roter Bonbon = König Carl XIV Johan von Schweden
  • Gelber Bonbon = King Arthur
  • Getrocknete Rose = Zarin Katharina die Grosse
  • Kandierte Früchte = Kaiser Karl der Grosse

Ja, ich weiss, ein echter Adelskenner würde in dieser Aufstellung schon einige Standesunterschiede ausfindig machen, aber wir wollen es mal nicht übertreiben, gekrönt ist gekrönt. Auf das Basteln von Kronen wird übrigens verzichtet, der Titel muss reichen. 

Sonntag, 5. Januar 2014, ca. 22:05 Uhr

Luise kommt verbotenerweise noch einmal aus dem Bett und lässt mich wissen, dass ein Dreikönigstag ohne  „richtigen“ Königskuchen auch kein „richtiger“ Dreikönigstag sei. Und ein „richtiger“ Königskuchen sei einer, der im Laden gekauft wird. Mama Venditti beschliesst, ihrer Tochter den Gefallen zu tun und einen zusätzlichen Kuchen zu kaufen, weil das arme Kind in der letzten Zeit doch immer wieder geklagt hat, man würde sie zu wenig ernst nehmen.

Montag, 6. Dezember, 07:05 Uhr

Queen Elizabeth I., in diesem Hause besser bekannt als Zoowärter, tauscht ihren Titel mit König Carl XIV. Johan, im Alltag Luise genannt. Nach diesem Tausch schauen beide gekrönten Häupter deutlich fröhlicher aus der Wäsche. Wenig später dankt König Christian I., manchmal auch Prinzchen genannt, freiwillig ab und bittet seinen Vater untertänigst, er möge ihm den Thron von King Arthur überlassen. Der Vater, in royalen Dingen vollkommen unbedarft, gewährt seinem Sohn diesen Wunsch und macht sich auf, um seinem ganz und gar bürgerlichen Broterwerb nachzugehen. Wie zu erwarten war, ist Louis XIV. mit seiner Rolle voll und ganz zufrieden, dafür widerstrebt es ihm, als FeuerwehrRitterRömerPirat in die Schule gehen zu müssen. Karl der Grosse ist leider krank und Katharina die Grosse zieht sich nach durchwachter Nacht noch einmal in ihr Schlafgemach zurück, nachdem sie in der Migros zwei „richtige“ Königskuchen mit Papierkronen erstanden hat. Ja, zwei, weil einer alleine nur sechs potentielle Königsbrötchen hat. Also doch Potential für Streit, weil nur zwei eine Krone haben können. 

Montag, 6. Dezember, 11:45 Uhr

King Arthur, vormals König Christian I, kommt freudenstrahlend vom Kindergarten nach Hause. Er, sein bester Freund und „so ein Mädchen“ haben einen König und damit auch eine Krone ergattert. Katharina die Grosse, von ihren Kindern noch immer als Mama angesprochen, atmet hörbar auf. Einer ist bereits gekrönt, also einer weniger, der enttäuscht werden kann. 

Montag, 6. Dezember, 12:35 Uhr

König Christian I., auch „Meiner“ genannt, darf sich eine Krone aufsetzen. Mist! Die hätte doch eines der Kinder bekommen sollen! Wer die zweite Krone bekommt, wird sich beim Zvieri zeigen.

Montag, 6. Dezember, 15:11 Uhr

Queen Elizabeth I. kommt verschwitzt und hungrig von einer freiwilligen Joggingrunde zurück – fragt mich bloss nicht, was in sie gefahren ist – und der Zufall belohnt sie für diesen Einsatz mit einer Krone. Weil sie von der sportlichen Betätigung so ausgehungert ist, verschlingt sie zu viel Königskuchen und muss deshalb in der Bäckerei Nachschub holen. Sonst reicht es nicht für alle zum Zvieri.

Montag, 6. Dezember, 15:30 Uhr

Queen Elizabeth I. kehrt mit zwei überteuerten Königskuchen aus der Bäckerei zurück. Die Augen von Louis XIV. glänzen hoffnungsfroh. Vielleicht wird er doch noch eine Krone bekommen.

Montag, 6. Dezember, 15:56 Uhr

Louis XIV. sitzt schluchzend am Tisch. Karl der Grosse und König Carl XIV. Johan haben sich die zwei letzten Kronen geschnappt. König Christian I., der ja ohnehin kein echter Royalist ist, bietet dem traurigen Sonnenkönig seine Krone an, doch dieser schlägt das Angebot aus, weil zu dieser Krone eine Königinnenfigur gehört. Katharina die Grosse, die übrigens auch auf eine Krone verzichten musste, bittet Queen Elizabeth I., sie möge doch bitte mit dem armen Sonnenkönig Erbarmen haben und ihm ihre Königsfigur überlassen. Im Gegenzug dürfe sie König Christians Königinnenfigur haben. Doch Queen Elizabeth I. zeigt sich unnachgiebig und so bleibt dem armen Sonnenkönig nichts anderes, als sich mit einem Säcklein Süssigkeiten aus der Bäckerei zu trösten, das er sich erst noch hinter Katharinas Rücken und mit dem eigenen Taschengeld kaufen musste. King Arthur findet das trotzdem vollkommen unfair und muss wegen lauten und andauernden Heulens auf sein Zimmer geschickt werden. 

Montag, 6. Dezember, 23:48 Uhr

Alle gekrönten Häupter haben sich zur Ruhe begeben. Alle? Nein, Zarin Katharina die Grosse ist noch wach und fragt sich, was sie nun wieder falsch gemacht hat, an welchem Punkt die Sache aus dem Ruder gelaufen ist, ob sie es wagen soll, den Dreikönigstag im Reiche Venditti um des lieben Frieden Willens abzuschaffen, oder ob sie damit riskiert, auf dem Schafott zu landen. 

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Tochtertag

Natürlich war es wunderschön, Luises Traum zu erfüllen.

Mal wieder mit einem staunenden, glücklichen Schulmädchen unterwegs zu sein, anstatt mit einem vorpubertären, schlecht gelaunten Ding, das im Alltag immer öfter unsere süsse, blauäugige Tochter kidnappt und sich an ihrer Stelle an unseren Tisch setzt.

Zu erleben, dass ich nicht ganz so ängstlich bin, wie es manchmal den Anschein macht, und sie nicht ganz so mutig, wie man denken könnte.

Zu sagen: „Okay, für dich mache ich das, auch wenn mir ein wenig mulmig ist dabei.“ Und zu hören: „Wenn du mitkommst, dann traue ich mich, aber ohne dich mache ich es nicht.“

Zu merken, dass wir beide die gleichen Leute lächerlich finden. Zum Beispiel die Teenie-Tussi, die aller Welt ihre Schlittschuhkünste vorführt, die beste Freundin, die ziemlich wackelig auf den Kufen steht, mit gelungenen Pirouetten in den Schatten stellt und dann mit voller Wucht auf dem Hosenboden landet. Oder die Oma, die in Samichlaus-Mantel und Samichlaus-Mütze gekleidet mit ihrer Sippe zu Mittag isst und nicht ein einziges Mal ihr Gesicht zu einem Lächeln verzieht. 

Im Looping-Restaurant noch ein zweites Dessert zu bestellen, bloss weil es so viel Spass macht, dabei zuzusehen, wie das Essen an den Tisch gesaust kommt. 

Gemeinsam über die Macken von „Meinem“ zu witzeln und dann doch wieder zu überlegen, ob es ihm auf dem Riesenrad wohl gefallen würde, oder ob er im Café besser aufgehoben wäre. 

Nach dem ganzen Lichterzauber in der Dunkelheit nach Hause zu fahren, den halben Weg darüber zu reden, warum eine Ehe, die in Las Vegas geschlossen wurde, selten ein ganzes Leben lang hält und irgendwann ein sehr zufriedenes aber sehr müdes Kind neben sich sitzen zu haben, dem es nur mit Mühe gelingt, die Augen bis zum Schluss offen zu halten, damit es zu Hause noch dem Papa erzählen kann, wie unglaublich schön es war, diesen Traum erfüllt zu bekommen. 

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Ihr Traum, der mal meiner war

Was sie denn nun machen wolle, fragten wir sie. Die Zeit dränge allmählich, ihr elfter Geburtstag stehe schon bald vor der Tür und darum solle sie sich endlich entscheiden, was sie denn Besonderes unternehmen wolle. Einen Tag mit Papa und einen mit Mama bekommen die Knöpfe geschenkt, wenn sie zehn werden und natürlich muss es etwas Grosses sein, denn die Gelegenheit kommt so bald nicht wieder. Luise überlegte lange. Monatelang. Dann wusste sie endlich, wohin sie wollte: In den Europa Park und zwar mit Mama. Erst wollte sie ja mit Papa gehen, weil der im Alltag mehr Witz versprüht, doch dann erlebte sie, wie er blass und blasser wurde, als wir ihn Kopenhagen zu einer Fahrt auf einer mittelmässigen Berg- und Talbahn überredeten. Und sie erlebte, wie Mama auf der gleichen Bahn vergnügt kreischte und dann war klar, wer mit ihr nach Rust fährt.

Ich will mich ja nicht beklagen. Immerhin war es vor dreissig Jahren mein grösster Traum, in den Europa Park zu fahren, doch daran war bei uns nicht zu denken. Nicht mal fragen musste ich, so etwas war einfach klar bei uns. Jetzt geht dieser Traum doch noch in Erfüllung, einfach mit etwas Verspätung. Gut, einmal war ich schon dort, als „Meiner“ und ich im achten Monat schwanger mit Karlsson eine Gruppe Teenager hin- und zurück karrten. Aber hochschwanger lassen die dich ja keinen Spass haben dort, also trieb ich mich den ganzen Tag lang auf diesen Kleinkinder-Attraktionen herum. Diesmal sollte dem Vergnügen nichts mehr im Wege stehen.

Nichts, ausser mein Alter, das mir keine allzu heftigen Berg- und Talfahrten mehr verzeiht. Und meine inzwischen etwas andere Sicht der Welt. Heute beeindruckt mich eher das Natürliche, die künstliche Welt eines Freizeitparks hat für mich ihren Reiz schon längst verloren.  Nein, von einem Tag im Europa Park träume ich schon längst nicht mehr, aber ich habe nicht vergessen, wie es war, aussichtslosen Träumen nachzuhängen. Luises Traum aber soll in Erfüllung gehen und ich werde mit grossem Vergnügen alles mitmachen, was ihr Freude bereitet. 

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Ein Happen für zwischendurch

Luise hat mal wieder eine Einladung zu einer Geburtstagsparty bekommen. Also, genauer gesagt ist es eine Einladung zu einer Geburtstag’s Party, zu der Luise, wenn sie „lust“ hat, verkleidet kommen darf. Die Einladung schliesst mit der höflichen Bitte „wenn nicht kommen kannst sag mir bescheid“. Nachdenklich studiere ich die Einladungskarte. Nicht ein einziges Komma hat sich in den kurzen Text verirrt, obschon es an einigen Stellen herzlich willkommen wäre, auch die Grossschreibung kommt viel zu kurz. Nur der Apostroph ist da, obschon er hier wirklich nichts zu suchen hätte. Dieser miese Gatecrasher hat es mal wieder geschafft, dabei zu sein obschon er nicht dazu gehört.

Woher kennen Kinder, die weder mit Kommata noch Gross- und Kleinschreibung vertraut sind, diesen Kerl überhaupt?

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Moralkeule

Es kommt immer alles zu mir: Die Klagen über den FeuerwehrRitterRömerPiraten, der immer so nervige Geräusche von sich gibt, das Gemotze über „Meinen“, der immer nur ans Aufräumen denkt, das Gejammer über die Kinder, die nie ans Aufräumen denken, das Geheule über das Prinzchen, der schon wieder Zoowärters Spielzeug entwendet hat, das Gezeter über die kleinen Geschwister, die sich immer an Karlssons Preziosen vergreifen, das Zetermordio, weil Luise beim FeuerwehrRitterRömerPiraten wieder einen Allergieschub ausgelöst hat, der Trotzanfall, weil die Grossen viel mehr dürfen als das Prinzchen, das Donnerwetter, weil „der andere“ wieder etwas hat verschwinden lassen oder gar etwas kaputt gemacht hat, das Affentheater, weil irgend einer irgend einem anderen wegen irgend einer Sache ins Gehege geraten ist. Mit allem bestürmen sie mich, jeder erhofft sich, dass ich für ihn Partei ergreife, jeder will verstanden und getröstet werden und jedem versuche ich zu erklären, er solle doch mal versuchen, die Dinge aus der Warte des anderen zu betrachten. Tag für Tag versuche ich zu schlichten, zu vermitteln, gut zuzureden und zu kitten und meist rede ich mir dabei bloss den Mund fusselig.

Heute ist mir der Kragen geplatzt, darum habe ich die sechs Streithähne – ja, auch „Meiner“ musste antraben – zu einer Moralpredigt inklusive „Geht so mit den anderen um, wie ihr selber behandelt werden möchtet“ und „Es schmerzt mich, wenn die Menschen, die ich am meisten liebe so miteinander umgehen“ verdonnert. Ich bezweifle, dass ich damit mehr bewirkt habe als eine zeitweilige Betroffenheit. Aber, hach, tat das gut, mal so richtig die Moralkeule zu schwingen!

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Advent, Advent…

Irgendwann, zwischen zwei und drei Uhr nachts verirrt sich eine Gestalt in unser Schlafzimmer und bittet um Asyl im Elternbett. Die Gestalt ist weiblich und inzwischen so gross, dass nicht für alle Platz ist im Bett. Weshalb „Meiner“ seinen Schlafplatz kampflos aufgibt und sich aufs Sofa zurückzieht, ist ein Rätsel, das ich mitten in der Nacht nicht lösen mag, also schlafe ich weiter. Nicht lange jedoch, denn bald verirrt sich eine weitere Gestalt ins Elternschlafzimmer, eine kleine diesmal, dafür in Begleitung eines riesengrossen Bären. Nun sind wir also doch zu dritt im Bett – oder vielleicht zu viert, wenn man davon ausgeht, dass der Bär ein beseeltes Wesen ist – und es wird ziemlich eng. Im Morgengrauen nähert sich eine weitere Gestalt dem Elternbett, eine sehr grosse. Diese Gestalt verlangt jedoch kein Bleiberecht, sie will mir nur mitteilen, dass heute nichts wird mit Schule, weil der Magen rebelliert. „Hurra! Die Käfersaison fängt an!“, jubelt es in mir drin. Der Jubelschrei fühlt sich irgendwie ähnlich an wie Magenschmerzen. 

Ich dämmere noch einmal weg, werde aber Momente später durch lautes Schimpfen geweckt. „Meiner“ und der FeuerwehrRitterRömerPirat sind wegen unerledigter Hausaufgaben aneinandergeraten. Ja, genau, die Hausaufgaben, nach denen ich gestern Abend vier- oder fünfmal gefragt habe und die angeblich nicht existierten. Also erst mal kein Adventsritual, sondern Kopfrechnen vor dem Frühstück, was natürlich nicht ohne Tränen geht, denn der FeuerwehrRitterRömerPirat hatte eigentlich damit gerechnet, sich heute Morgen als erstes mit seinem Adventspäckli beschäftigen zu dürfen. Irgendwann ist die letzte Zahlenmauer notdürftig gebaut, zwischen Tür und Angel zelebrieren wir noch so etwas wie ein Adventsritual. Zoowärter und Prinzchen bekommen sogar noch ihre Geschichte, doch dann ist Schluss mit lustig, denn es stellt sich heraus, dass das Prinzchen nicht heult, weil er heute kein Adventspäckli bekommt, sondern weil ihn das Fieber plagt. Na gut, immerhin muss ich ihn so nicht in den Kindergarten begleiten und kann noch im Pyjama bleiben, bis die gröbste Hausarbeit erledigt ist. Aber das muss jetzt schnell gehen, denn wenn die Käfer erst mal da sind, muss man stets damit rechnen, dass im Laufe des Tages die eine oder andere kreidebleiche Gestalt von der Schule nach Hause geschlichen kommt. Oder, dass es einen selber erwischt. 

Oh ja, der Advent ist da und wie jedes Jahr schert sich der Alltag einen Dreck darum. 

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