Motivationssuche im Morgengrauen

Das linke Auge öffnet sich. „Dunkel“, brummt es. Das Rechte öffnet sich ebenfalls einen Spaltbreit. Eine Weile lang starren beide Augen ins Leere. „Viel zu dunkel“, brummen sie beide und schliessen sich wieder. „Aber der Wecker!“, schreit das Ohr hysterisch. „Lass ihn doch klingeln, den alten Tyrannen“, murmeln die Augen. „Aber dieser Lärm. Der ist nicht zum Aushalten“, jammert das Ohr. „Na, dann bring den Kerl doch einfach zum Schweigen“, schaltet sich die linke Hand ein und verpasst dem iPad, das heute die Rolle des Weckers spielt, einen Klaps. Ruhe. Himmlische Ruhe.

Acht Minuten lang, dann geht das Spiel wieder von vorne los, diesmal einfach mit dem Unterschied, dass sich auch noch die Zehen in die Diskussion einbringen. Das Ohr schon wieder vollkommen hysterisch, die Augen noch immer nicht bereit, sich offen zu halten – „Mich dünkt, ich hab‘ da noch ein bisschen was von dem Sandmännchenzeugs drin, ich mach lieber wieder zu.“ -, die linke Hand schon bereit, den Wecker wieder abzuwürgen. „Halt, lass ihn noch, ich teste mal die Temperatur da draussen“, ruft der linke grosse Zeh und streckt sich unter der Decke hervor. „Na ja, ist ganz angenehm. Von mir aus können wir es wagen…“ „Bist du verrückt geworden?“, meldet sich der rechte grosse Zeh, der sich von allen unbemerkt ebenfalls unter der Decke hervorgewagt hat, zu Wort. „Saukalt ist es ja nicht gerade, aber hier unter der Decke ist es allemal wärmer. Ihr anderen könnt von mir aus machen, was ihr wollt, aber ich bleibe hier und geniesse die Wärme.“ „Aber der Wecker!“, schreit das Ohr. „Halt die Klappe“, brummt die linke Hand, verpasst dem iPad einen weiteren Klaps und zieht dann mithilfe des linken Arms die Decke über den Kopf. „Zufrieden? Jetzt hörst du nichts mehr und kannst uns anderen in Frieden lassen.“

Diesmal herrscht länger Ruhe, denn das Ohr bekommt jetzt nicht mehr mit, dass der Wecker schon wieder meckert. Schliesslich fängt es aber doch wieder an zu stänkern: „Ich hör‘ da was…“, sagt es. „Du hörst immer irgendwas“, gibt der rechte grosse Zeh zurück. „Lass uns in Ruhe mit deinen Hörübungen“, motzen die Augen. „Immer diese übereifrigen Streber“, raunzt die linke Hand. „Nun seid doch mal still, ich höre wirklich etwas“, beharrt das Ohr. „Es klingt, als ob Luise und ‚Meiner‘ sich in den Haaren lägen. Irgend so eine Sache mit einer Hausaufgabe, die sie nicht erledigt hat. Ziemlich ernste Sache, dünkt mich. Ich rechne jederzeit mit einem lauten Türknall…“

„Ach, Sch…., dann müssen wir wohl“, meldet sich das Gehirn zum ersten Mal an diesem Tag zu Wort. „Tut mir leid, meine Lieben, es ist ja wirklich nett hier, aber wenn Luise und ‚Meiner‘ bereits vor dem ersten Türknall stehen, dann sind wir ganz eindeutig zu lange liegen geblieben. Also los, auf zur Friedensmission!“

Und jetzt endlich schafft es die demotivierte Bande, unter der Decke hervorzukriechen, den Wecker ein für alle mal zum Schweigen zu bringen und in die Küche zu schlurfen, um einer anderen demotivierten Bande Beine zu machen. 

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Tochterfragen

Ist das deine Tochter, die mit den langen, blonden Haaren und den blauen Augen? Die sieht ja toll aus.

Die Jungs stehen sicher auf sie, nicht wahr?

Woher hat sie bloss ihre wunderbaren Augen?

Wow, diese langen Haare. Dauert sicher eine Ewigkeit, bis sie die gewaschen, getrocknet und gekämmt hat?

Hat sie schon ihre Tage? (Im Ernst, meine lieben Mitmütter, hättet ihr wirklich gewollt, dass wildfremde Frauen euren Müttern solch indiskrete Fragen über euch gestellt hätten?)

Habt ihr nicht Angst, dass sie euch gestohlen wird?

Wie fühlt sich das so an, wenn die Tochter allmählich erwachsen und immer hübscher wird?

Wie ich sie doch satt habe, diese Fragen. Wenn ihr schon unbedingt etwas über meine Tochter erfahren wollt, dann fragt mich doch bitte: „Und, weiss sie schon, was sie aus ihrem Leben machen will, wenn sie gross ist?“ Von mir aus auch: „Wusste sie schon immer so genau, was sie will?“ Oder, wenn’s unbedingt sein muss: „Und, wie läuft’s in der Schule?“

Was ihr mich eben so fragt, wenn wir auf Karlsson zu reden kommen.

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Fazit nach dem Samichlausbesuch

  • Karlsson und Luise finden den Mann im roten Mantel nur noch peinlich, der  FeuerwehrRitterRömerPirat und der Zoowärter wissen zwar, dass er nicht echt ist, freuen sich aber trotzdem noch immer über seinen Besuch, das Prinzchen glaubt noch felsenfest, obschon der Zoowärter versucht, ihm die Sache auszureden. Ich schätze mal, in drei oder vier Jahren sind wir soweit, dass wir den Samichlaus nicht mehr einladen müssen. Jetzt erscheint mir diese Perspektive geradezu himmlisch, aber ich könnte wetten, dass auf dieser Seite am 6. Dezember 2018 – vielleicht auch ein Jahr später – ein ziemlich sentimentaler Text erscheint. 
  • Unser Dyson mag keine Erdnussschalen.
  • Weil unser Dyson keine Erdnussschalen mag, mag ich sie auch nicht und darum wird an dem Tag, an dem der Samichlaus zum letzten Mal unser Haus verlässt, ein striktes Erdnussverbot verhängt. Ausser Peanut Butter und von mir aus auch dieses scheussliche, versalzene, aber immerhin geschälte Apéro-Zeugs kommt mir dann nichts Erdnussiges mehr ins Haus. 
  • Wenn der Chlaus mit seinen Schmutzlis vor mir steht, werde ich immer ganz klein und nervös. Warum? Weil die sehen können, wer ich bin, ich mir aber nicht ganz sicher bin, wer hinter den Bärten steckt, weshalb ich nicht weiss, wer hier einen ziemlich tiefen Einblick in unser Familienleben erhascht. Folglich weiss ich auch nicht, vor wem ich mich in Zukunft beim Wocheneinkauf verstecken muss.
  • Es war keine gute Idee, diesmal dem Prinzchen zuliebe nur positive Dinge über unsere Kinder zu verraten. Der Chlaus hat doch tatsächlich geglaubt, unsere Kinder seien so brav, wie ich ihm erzählt habe. Oder habe ich da in seinem Lob vielleicht einen leicht spöttischen Unterton vernommen?
  • Wenn ich unseren Kindern noch einmal erklären muss, warum der Samichlaus nichts mit dem kitschigen Kerl von Coca-Cola zu tun hat, verlange ich von Coca-Cola ein Schmerzensgeld, weil ich mir den Mund in all den Jahren fusselig geredet habe. 
  • Je langweiliger der Grittibänz, umso grösser die Chance, dass er nach dem Backen noch als solcher erkannt wird. 
  • Ich hätte nie gedacht, dass ich das jemals zugeben würde, aber der katholische Samichlaus hat die Nummer eindeutig besser drauf als derjenige vom Turnverein, den wir letztes und vorletztes Jahr hatten. 

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Unausstehlich

Heute war mal wieder so ein richtiger „mies gelaunte Mama“-Tag. So einer mit „Nun hört mal endlich auf, mir auf den Nerven rumzutanzen! Seht ihr denn nicht, dass mir heute alles krumm läuft?“, herumbrüllen und kurz angebundenen Antworten. Erst ein kurzer Schwatz mit einem lieben Menschen vermochte mich ein wenig aufzuheitern. „Mama, du hast ja plötzlich wieder gelacht“, bemerkte Luise erstaunt, als wir wieder alleine waren. „Ich weiss, ich bin heute unausstehlich“, sagte ich seufzend und schämte mich für meine miserable Mama-Performance an diesem miesen Tag. „Ach, mach dir nichts draus“, schaltete sich Karlsson ins Gespräch ein. „Ich bin manchmal auch mies drauf und ziehe mich in mein Zimmer zurück. Du kannst dich ja nie zurückziehen, wir nehmen dich immer in Beschlag.“

An einem gewöhnlichen Tag würde ich mich über meinen sozialkompetenten Sohn freuen, an einem „mies gelaunte Mama“-Tag aber denke ich nur: „Oh je, der Arme. Hat sich so lange mit einer aufbrausenden Mama herumschlagen müssen, dass er schon ganz genau weiss, was er sagen muss, um sie wieder auf den Boden zu holen.“

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Sie sind alle so irr und ich bin ihr Chef

Schuld an allem ist dieser Asthmaanfall. Keiner von diesen gewöhnlichen, die mit ein paar Hüben aus dem Inhalator abgewendet sind, sondern ein richtig heftiger. Einer, der dich tagelang ins Bett zwingt, der dich dazu veranlasst, mit schwacher Stimme bei der medizinischen Hotline ein Rezept für Notfallmedikamente zu erbetteln und der deine medizinisch ausgebildete Schwester zur Drohung verleitet, sie würde dich auf die Notfallstation bringen, wenn du nicht brav dein Kortison schlucken würdest. Ein Asthmaanfall, der dafür sorgt, dass du in deinem eigenen Familienleben nicht mehr der (meistens nicht wirklich) ruhende Pol bist, sondern lediglich ein Statist, der zwar hin und wieder mit heiserer Stimme einen kurzatmigen Befehl bellen darf, ansonsten aber nur dabei zuschauen kann, was diese Irren, die du deine Liebsten nennst, den ganzen Tag so treiben.

In diesem Haus kann es dir zum Beispiel passieren, dass du morgens um zwanzig nach fünf von Edith Piaf, die im Wohnzimmer ein äusserst melancholisches Konzert gibt, geweckt wirst. Gut, so etwas passiert dir nur, wenn du am Vorabend entschieden hast, auf dem Sofa zu schlafen, weil du „Deinem“ mit deinem andauernden Gebell nicht den Schlaf rauben willst. Netflix reinziehen kannst du dir ja auch nicht, wenn er neben dir schlafen sollte und Netflix brauchst du, weil das Kortison der Meinung ist, Schlaf sei eine vollkommen überbewertete Sache, die nur für Kinder und Memmen erschaffen worden ist. (Was zu Netflix noch zu sagen wäre: Dass ich nach den letzen Überbleibseln von „House of Cards“, zwei äusserst deprimierenden Independent-Filmen und einer mittelmässigen Literaturverfilmung inzwischen bei „Gossip Girl“ gelandet bin, sagt rein gar nichts über meinen Filmgeschmack aus, dafür aber sehr viel über die Auswirkungen von mangelhafter Sauerstoffzufuhr.)

Nun aber zurück zu Edith Piaf, die dich zu vollkommen unchristlicher Stunde aus dem doch noch gefundenen Schlaf reisst. Eingeladen hat sie dein fleissiger Ältester, der zu eben dieser unchristlichen Stunde die Zeit gekommen sieht, am Wohnzimmertisch an seinem Vortrag zu arbeiten und sich von Edith Mut zusingen zu lassen. Und Mut braucht er, denn er schreibt seinen Vortragstext gerade von Hand auf sehr viele Seiten Papier. Nicht etwa, weil er dich im Morgengrauen vor der Bitte um das Passwort für deinen Laptop hat verschonen wollen, sondern weil „man sich die Dinge viel besser merken kann, wenn man sie von Hand geschrieben hat“. Ich sag’s doch, dieses „Kind“ ist eindeutig im falschen Jahrhundert zur Welt gekommen…

Noch so eine Episode aus diesem Irrenhaus: Das Prinzchen bringt Guetzli aus dem Kindergarten nach Hause. Selber gebacken und nahezu rabenschwarz. Nein, nicht Oreo-Schwarz, sondern „Wir waren etwas zu lange im Ofen, vielleicht sieben oder acht Minuten“-Schwarz. Augenblicke später vernimmst du heftige Kampfgeräusche aus dem Prinzchenzimmer, bald darauf sind drei am heulen. Was ist geschehen? Das Prinzchen hat nicht auf Anhieb erkannt, dass die Tatsache, dass ihm der FeuerwehrRitterRömerPirat neulich einen Franken und ein Disney-Figürchen geschenkt hat, ihn automatisch dazu verpflichtet, ungefragt ein paar angebrannte Guetzli abzutreten. Es fliegen Fäuste und Gegenstände, der Zoowärter als eigentlich unbeteiligter Dritter wird irgendwie auch noch in die Sache hereingezogen, lautes Geheul und keiner ist Schuld. Höchste Zeit für die Statistin, mal wieder ein wenig zu bellen. Momente später ist alles wieder friedlich, der FeuerwehrRitterRömerPirat kommt mit einem rabenschwarzen Guetzli aus dem Prinzchenzimmer. „Es ist angebrannt“, sagt er. „Mir egal, nach dem Theater, das du veranstaltet hast, um eines zu bekommen, wird das Ding gegessen“, antwortet die Statistin vollkommen ungerührt. 

Dann noch diese Szene hier, die schon fast rührend ist: Du liegst im Bett und versuchst zu stricken, damit du zumindest ein wenig produktiv bist. Die Katze, die partout nicht begreifen will, dass du es nicht magst, wenn sie sich auf deinen Beinen niederlässt, stellt sich so ungeschickt an, dass du die Zopfstricknadel fallen lässt. Unter Jammern und Stöhnen begibst du dich unters Bett, um die Nadel zu suchen. In dem Moment betritt einer deiner Söhne das Zimmer, er sieht dich am Boden, fragt was los sei und meint dann: „Leg dich wieder hin, Mama. Ich such dir die Nadel. Du bist jetzt viel zu schwach für solche Sachen.“ 

Ach ja, dann war da noch die Sache mit der Katze, die Karlssons Sportschuhe mit dem Katzenklo verwechselt hat, oder Luise, die beweisen wollte, dass sie in der Cello-Hülle schlafen könnte, wenn sie wollte, oder der Moment, als der Zoowärter vollkommen frei von Ironie erzählte, die Lehrerin hätte vergessen, dass sie nicht angeschriebene aber richtig gelöste Blätter der Schüler nicht mehr zerreissen dürfe und habe es deshalb trotzdem getan, aber sie habe sich danach entschuldigt, darum sei es nicht weiter schlimm.

Nachdem du ein paar Tage lang dieses Geschehens von der Seitenlinie aus betrachtet hast, bleibt dir nichts anderes übrig, als in Anlehnung an Römer Strategus aus „Asterix und die Goten“ zu seufzen: „Sie sind alle so irr und ich bin ihr Chef.“ 

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Konservative Bande!

Gestern war Kolumnen-Tag und wie so oft begann er damit, dass morgens um acht die Schreibblockade an der Tür klingelte. „Du schon wieder?“, fragte ich entgeistert, als sie vor mir stand. „Wir haben uns doch schon soooooo lange nicht mehr gesehen“, säuselte sie mit Unschuldsmiene und drängte sich rasch an mir vorbei, ehe es mir gelang, ihr die Tür vor der Nase zuzuknallen. „Machst du mir einen Kaffee?“, fragte sie. „Vergiss es“, gab ich unfreundlich zur Antwort. „Wenn ich erst anfange, mit dir Kaffee zu trinken, dann werde ich dich den ganzen Tag nicht mehr los. Von mir aus kannst du mit mir in die Sauna kommen. Hab‘ mir beim Stricken die Schulter verspannt, ich brauche ein wenig Wärme…“ „Ach, was bist du doch gemein!“, protestierte die Schreibblockade. „Du weisst genau, dass ich es in der Sauna nie lange aushalte. Kaum bin ich da drin, muss ich flüchten und dann schleichst du dich davon, um an deinen Texten zu arbeiten.“ Die Schreibblockade sah mich mit traurigem Hundeblick an und fuhr dann fort: „Warum willst du mich immer so schnell als möglich loswerden? Magst du mich etwa nicht?“ „Na ja, wenn ich ganz viel Zeit habe, stören mich deine gelegentlichen Besuche nicht. Aber ich hab‘ nun mal selten Zeit, mit dir rumzuhängen. Meistens gibt es da einen Abgabetermin. Oder das Essen muss auf den Tisch. Oder…“ „Alles faule Ausreden“, unterbrach mich mein ungebetener Gast. „Du magst mich einfach nicht. Punkt. Aber glaub bloss nicht, dass ich mich einfach abschütteln lasse. Heute werde ich die Hitze der Sauna ertragen, das verspreche ich dir…“ 

Wie meistens, wenn sie mir damit droht, bei mir zu bleiben, machte die Schreibblockade ihre Drohung wahr. Sie, die gewöhnlich schon nach fünf Minuten in der Sauna das Weite sucht und mich dem Schreibfluss überlässt, hielt ganze drei Saunagänge durch, ehe sie das Weite suchen musste. Endlich hätte ich ungehindert schreiben können, doch leider musste ich jetzt an den Herd. Natürlich auch später als geplant und darum würde die Suppe nicht rechtzeitig fertig sein und ich würde mir wieder das Gemotze der hungrigen Meute anhören müssen. Darauf hatte ich nach diesem elenden Vormittag mit der Schreibblockade wirklich keine Lust, also beschloss ich, meine Familie mit einem Sauna-Zmittag zu besänftigen. „Hört mal, ihr setzt euch jetzt ein wenig in die Sauna währenddem ich die Suppe fertig mache. Dann kommt ihr hoch, esst eine Portion, kühlt euch ein wenig ab und macht Pause. Dann wieder zurück in die Sauna, wieder ein wenig essen und wenn die Zeit vor der Schule noch reicht, ein dritter Saunagang.“ 

Tolle Idee, nicht wahr? Meine Familie, die mir gewöhnlich in den Ohren liegt, endlich wieder mal die Sauna einzuheizen, sah das anders. Luise motzte, sie wolle doch nachmittags nicht mit nassen Haaren in die Schule gehen. Der Zoowärter wollte zwar in die Sauna, aber „noch nicht jetzt, sondern erst am Nachmittag, wenn ich von der Schule nach Hause komme“. Der FeuerwehrRitterRömerPirat verschanzte sich sofort hinter seinem neuesten Buch und sagte gar nichts. Das Prinzchen hatte noch unverdaute Legosteine und „Meiner“, der sonst keine Gelegenheit zum Schwitzen auslässt, faselte etwas von „viel zu tun heute Nachmittag“. Einzig Karlsson zeigte sich flexibel und wechselte fröhlich zwischen Sauna, Esstisch und Sofa, genau so, wie ich es mir vorgestellt hatte. Der Rest der Familie bestand darauf, das Mittagessen gutbürgerlich und gesittet einzunehmen. Was für eine konservative Bande!

(Und falls mir jetzt jemand sagen möchte, Sauna und Essen gingen nicht zusammen, dann muss ich ihn leider darauf aufmerksam machen, dass Mrs. Perfect mir das schon vor langer Zeit gesagt hat, was mich aber schon damals nicht interessiert hat.)

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Nostalgiewelle

Weil Luise und ich nicht wollen, dass Karlsson unsere noch immer namenlose Katze Pamela nennt, suchen wir verzweifelt nach einem anständigen Namen. „La Luna“, schlug Luise heute vor und wie es sich gehört für eine, die in den Neunzigern ein Teenager war, machte ich unsere Kinder mit Belinda Carlisle vertraut, anstatt weiter nach Katzennamen zu suchen (obschon La Luna auch nicht viel besser ist als Pamela). Ob ich denn auch anständige Musik gehört hätte, als ich jung war, wollte eines der Kinder wissen und so kamen wir von Belinda zu Simply Red, von Simply Red zu Bob Marley, dann machten wir dem FeuerwehrRitterRömerPiraten zuliebe einen Umweg über Michael Jackson und ich bin mir ziemlich sicher, dass wir früher oder später bei Peter Tosh gelandet wären, doch soweit kam es nicht mehr.

Mit seiner lautstarken Forderung, er wolle jetzt sofort sein Lieblingslied hören, setzte der Zoowärter meiner Nostalgiewelle ein abruptes Ende. Nach fast 3 Minuten „Hier ist alles super. Hier ist alles cool, denn du bist nicht allein…“, schäme ich mich keiner meiner musikalischen Jugendsünden mehr. So peinlich wie der Lego Movie-Titelsong waren nicht mal Milli Vanilli.

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Wie viel Abenteuer liegt drin?

Lange haben wir nicht mal den Kindern viel davon erzählt, doch jetzt, wo das Projekt bewilligt ist und die Schuldispens der Kinder schriftlich vorliegt, dreht sich fast alles nur noch um diese zwei Monate, die wir im kommenden Frühling im Ausland verbringen werden. Die Reaktionen der Kinder reichen von „Ich weigere mich, zu packen und dann müsst ihr eben ohne mich gehen“ (Luise) über „Müssen dann alle anderen in den Kindergarten, nur ich nicht?“ (Prinzchen) bis zu „Wenn doch bloss schon April wäre…“ (Karlsson).

Die Reaktion von Freunden und Verwandten:

F & V: „Coooooool! Wohin geht ihr?“

Wir: „Südfrankreich.“

F & V: „Äääääh….“

Wir: „Die Kinder wollen auf gar keinen Fall in den Norden. Aber Südfrankreich ist ja auch toll. Und für unser Projekt ganz ideal…“

F & V: „Ääääääh….“

Ich kann die Reaktion durchaus verstehen. Mir ging’s anfangs ganz ähnlich. Da hat man einmal im Leben die Chance, mit der Familie zu verreisen und dann schafft man es nicht weiter als bis ins Nachbarland. Schon mal was von Südamerika gehört? Von Hawaii? Von Indien? Von Madagaskar? Oder von der Arktis?

Klar doch, ja, davon gehört haben wir auch schon und von der einen oder anderen Sache auch schon geträumt. Aber das alles ist uns…na ja, wie soll ich sagen?…ein wenig zu…also nur ein ganz kleines bisschen…zu…ääähm…abenteuerlich. Die Begegnungen mit fremden Kulturen fänden wir zwar durchaus reizvoll und auch vor einer langen, komplizierten Reise fürchten wir uns nicht –  Immerhin sind wir schon unversehrt der Deutschen Bahn entstiegen –  und nicht mal der Aufwand mit Visa, Impfungen und dergleichen würde uns abschrecken.

Die Sache, vor der wir uns fürchten, ist das eigene Familienchaos, das uns ganz bestimmt auch ins Ausland begleiten wird. Nur schon bei der Frage, ob Prinzchens Bä! eine Einreisebewilligung in die USA bekäme, wird’s kritisch. Oder nehmen wir mal an, eine ähnliche Geschichte wie diejenige mit Karlssons geplatztem Blinddarm würde sich in einem Land abspielen, dessen Sprache wir nicht mächtig sind… Allein schon beim Gedanken daran laufen mir kalte Schauer über den Rücken. Dann wären da noch der FeuerwehrRitterRömerPirat, der schon in Prag mit Reisedurchfall zu kämpfen hatte und  Zoowärters ausgeprägte Arachnophobie, die bereits im heimischen Garten zu einem echten Problem werden kann. Gewisse Reiseziele sind also zum Vornherein ausgeschlossen. Und was, wenn Luises Heimweh so schlimm wird, dass sie ganz dringend Besuch aus der Heimat braucht? Die Grossmama lässt sich bestimmt nicht nach Hong Kong einfliegen, aber über Südfrankreich liesse sie vielleicht mit sich reden, obschon sie Auslandreisen vor langer Zeit abgeschworen hat. Und dann wäre noch die Sache mit dem Homeschooling, die wir der Schule versprochen haben, damit sie unsere Kinder ziehen lassen. Das erste Protestgeschrei – „Nein, wir schreiben ganz bestimmt keinen Reiseblog! Wie doof ist denn das?!“ – lässt mich ahnen, dass in diesem Bereich mit Widerstand zu rechnen ist.

So schön es auch sein mag, Länder zu bereisen, die wir noch nie bereist haben, das Abenteuer, mit unserer Familie unterwegs zu sein, bietet mehr als genug Potential für Überraschungen. Da bleiben wir doch lieber in der Nähe, wo uns die Dinge mehr oder weniger vertraut sind.

Ach, herrje, wie klingt dieser letzte Satz doch kleinkariert!

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Gurkenrezept

Ob ich hier vielleicht mal mein Rezept für Essiggurken bringen würde, fragte shadowlessphoenix, als ich vor einiger Zeit darüber berichtete, wie unmöglich es ist, in Aarau eine anständige Gewürzmischung aufzutreiben. Ich versprach, dies zu tun, sobald ich die Gurken zum Verzehr freigegeben hätte und ich wüsste, ob etwas daraus geworden ist. Nun, offiziell müssten die Dinger noch immer schön brav im Regal stehen, bis das Aroma der Gewürze sich so richtig entfaltet hat, doch Luise und „Meiner“ mochten mal wieder nicht so lange warten und weil sie a) nach dem verbotenen Verzehr noch gesund und munter wirken und b) der Meinung sind, die Gurken seien ganz gut herausgekommen, bringe ich das Rezept eben heute schon. Bitte nehmt es mir nicht krumm, wenn ich keine von diesen perfekten „Seht mal her, wie toll ich gleichzeitig kochen, fotografieren und witzig schreiben kann“-Fotoreportage abliefere. Sowas liegt mir nicht. Wenn ich koche, koche ich und das sieht man meiner Küche auch an. Wenn ich schreibe, dann schreibe ich und dann ist mir die Küche egal. Und Essbares in Szene setzen zum Fotografieren kann ich schon gar nicht, wie man dem unterstehenden Bild auf den ersten Blick ansieht. Das Fotografieren müsste also „Meiner“ für mich übernehmen und der nervt nur beim Einmachen, weil er mir andauernd die Gurken wegschnappt.

Jetzt, wo dies alles geklärt ist, kommen wir endlich zum Rezept. Zuerst einmal schleppt man so viele Einmachgurken wie möglich vom Markt an. Einmachgurken? Also Cornichons, Miniature White, Cocktailgurken… – so kleines Zeugs halt, das gut ins Glas passt. Ich schätze, bei mir waren es etwa vier Kilo. Wäre übrigens nett gewesen, ich hätte die Gurken aus meinem eigenen Garten nehmen können, aber der Ertrag lässt in diesem Jahr leider zu wünschen übrig. 

Zum Würzen habe ich getrocknete Dillspitzen, Estragon, rosa Pfeffer, Pimentkörner, gelbe Senfsaat, Koriandersamen und Lorbeerblätter genommen, für die scharfe Version noch eingelegte Pipi Piri-Schoten. Alles bio, natürlich. Dazu zwei Liter stinkbilligen weissen Tafelessig (leider nicht bio) und zwei Liter nicht ganz so billigen weissen Gewürzessig.

Zu Hause kamen dann erst mal die grossen Einmachgläser – ich schwöre auf Weck – zum Sterilisieren  in den Einkochtopf, der Essig mit ca. zwei Liter Wasser und einer grossen Handvoll Gewürze in eine grosse Pfanne zum Aufkochen auf den Herd. Wie, kein Zucker? Nein, kein Zucker. Wir sind hier nicht in Deutschland und schmeissen überall Zucker rein. Ach ja, gewisse Menschen hätten jetzt auch noch die Gurken mit Salz bestreut und über Nacht stehen lassen, aber sowas liegt mir nicht. Solange das Resultat stimmt, verzichte ich gerne auf überflüssige Arbeitsschritte. Ich begnüge mich damit, die Gurken gut zu waschen und diejenigen, die zu gross sind fürs Glas, in Scheiben oder Streifen zu schneiden. 

Wenn die Gläser sterilisiert sind, kommen die Gurken ins Glas, wo sie mit dem Gewürzessig übergossen werden. Immer schön brav ins Glas und nicht über den Rand, wenn ich bitten darf, obschon ein bisschen Essig auf dem Rand angeblich nichts ausmachen soll. Die Piri Piri lasse ich übrigens bei der Hälfte der Gläser weg, weil bekanntlich nicht alle scharf darauf sind. Wenn die Gläser verschlossen sind, kommen sie nochmals für vierzig Minuten in den Einkochtopf und dann an einen dunklen Ort, wo die Gurken schön lange ziehen können, mindestens zwei Wochen, länger schadet auch nicht. Am besten hoch oben im Vorratsschrank lagern, damit Menschen wie Luise, die nicht warten können, nicht rankommen. „Meiner“ gibt sich ja unschuldig und behauptet standhaft, Luise hätte die Gläser jeweils aufgemacht und einer hätte das Zeug danach halt aufessen müssen.

 

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Die Instagram-Krise

Keine Frage, unsere Teenager befinden sich derzeit auf Konfrontationskurs. Kaum hat sich die Zahnfee-Krise gelegt, ist heute die Instagram-Krise ausgebrochen. Schuld daran ist einzig und alleine Luises Fleiss, der sich in letzter Zeit ganz gewaltig entwickelt hat. Das Kind hat sich ein Ziel gesetzt und um dieses Ziel zu erreichen, muss sie sich hinter die Bücher machen. Das haben nicht wir ihr gesagt, das hat sie selbst begriffen und darum lernt sie mit einem Eifer, den sie gewöhnlich nur für neue Schuhe, neugeborene Tiere, die Jungschar oder Familienfeste aufbringt. (Himmel, wie schafft sie das nur, sich im zarten Alter von elf Jahren nicht nur Ziele zu setzen, sondern diese auch zu verfolgen? Ich musste erst mal fünfzehn werden, einen anständigen Mathelehrer bekommen und mich von einigen schlechten Einflüssen distanzieren, ehe ich in der Lage war, mir zum Ziel zu setzen, wenigstens in Deutsch, Geschichte, Englisch und Französisch ganz vorne mitzumischen.)

Nun also, wo sie so fleissig war und sich die ersten Früchte ihrer Arbeit zeigten, war für Luise die Zeit gekommen, sich eine Belohnung zu gönnen und diese Belohnung sollte auf den klingenden Namen Instagram hören. Die hat sie sich dann auch sogleich ohne Rücksprache mit uns heruntergeladen und in Betrieb genommen. Nun gut, Luise behauptet natürlich, ich hätte die Erlaubnis erteilt. Offenbar verstand sie mein „Lass uns mal in Ruhe darüber sprechen“, das ich zwischen Tür und Angel aussprach, als „Aber natürlich darfst du dir Instagram herunterladen. Und wo du schon dabei bist, könntest du dir doch auch noch ein Facebook-Profil einrichten.“ Mit glänzenden Augen teilte sie mir heute mit, sie hätte bereits drei Freunde auf Instagram und werde jetzt dann gleich noch den Papa anfragen. Ob ich wisse, wie der auf Instagram heisst. 

Ich war nicht gerade erfreut ob dieser Nachricht, war aber nach einigem Nachdenken gewillt, Luise diese Belohnung zu gönnen. Immerhin wird sie in ein paar Monaten zwölf und da sie sich der Gefahren von Social Media nicht nur bewusst ist, sondern diese auch sehr ernst nimmt und mir freiwillig alles Unangenehme, das ihr bei WhatsApp begegnet, haarklein schildert, glaubte ich, ihr Instagram zutrauen zu können. „Meiner“ sah das ähnlich und Luise durfte ihre weiteren Schritte auf Instagram mit elterlicher Genehmigung machen. Zu dumm, dass Luise schon bald einmal ihrem grossen Bruder in die virtuellen Arme lief  – war vielleicht nicht besonders schlau von ihr, sein Bild zu liken – und dieser war alles andere als erfreut über die Begegnung mit seiner Schwester. 

Das Gewitter der Entrüstung entlud sich natürlich über mir. Nie habe ich ihm etwas erlaubt, immer musste er warten, bis ich endlich mein Einverständnis gab. Luise muss nicht mal fragen, er aber musste mich auf den Knien anflehen. Dann macht er ab jetzt eben auch einfach, was er will und nein, er wird mir nie verzeihen, egal, wie sehr ich mich darum bemühe, die Sache wieder ins Lot zu bringen, etc. Wer mit einem Teenager unter einem Dach lebt oder nicht vergessen hat, wie er selber mal war, kennt die Leier. Und diese Leier hat durchaus ihre Berechtigung. Stelle ich mich auf Karlssons Position, kann ich nämlich die Ungerechtigkeit, die ihn zur Weissglut treibt, durchaus erkennen.

Was also tun? Eigentlich haben „Meiner“ und ich mal klipp und klar gesagt, Social Media gäbe es erst ab dem Alter, ab dem der jeweilige Dienst freigegeben ist und Luise hat diesen Entscheid untergraben. Andererseits gab es für Karlsson, als er in Luises Alter war, ein eigens für ihn ausgedachtes Mathe-Lern-Belohnungssystem, das Luise weder will noch braucht, weil sie sich selber motiviert. Ein Entgegenkommen in Sachen Instagram wäre also durchaus vertretbar…

Uns stehen wohl noch ein paar harte Krisengespräche bevor, ehe wir zu einem für beide Seiten fairen Entscheid gelangt sind. Immerhin aber haben die ersten Gespräche am runden Tisch bewirkt, dass die Zwei sich nicht mehr gegenseitig anknurren, wenn sie einander im Flur begegnen.

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