Beinahe hätte ich’s vergessen

Da war ich in den letzten Tagen so beschäftigt mit Kuchenbacken fürs Jugendfest, für die Kindergarten-Geburtstagsparty, für die Kinder-Geburtstagsparty, als Vorräte für den tatsächlichen FeuerwehrRitterRömerPiraten-Geburtstag Mitte Juli, mit Wohnungsputz – die Putzrau ist in den Ferien -, Kinderzimmer entrümpeln bevor sich noch einer ein Bein bricht, wenn er versucht, sich einen Weg durchs Chaos zu bahnen, Hochzeitstag feiern, Au-Pair kennen lernen und Schuljahr beenden. Wir alle hatten so viel um die Ohren, dass ich beinahe die Vorfreude vergessen hätte. Also ja, eigentlich nicht nur die Vorfreude, sondern auch den Grund für die Vorfreude, nämlich die Tatsache, dass wir am Samstag in die Ferien fahren. Nur für eine Woche zwar, dazu noch in der Innerschweiz, aber immerhin sind das die Tage, auf die wir seit Monaten sehnsüchtig gewartet haben und da sollte man eigentlich meinen, dass mir nicht irgendwann, mitten im Alltagsstress in den Sinn kommt, dass wir bis zur Abreise nur noch viermal schlafen müssen und dass wir uns deswegen vielleicht langsam aber sicher überlegen sollten, ob wir alle mit dem Zug fahren oder ob „Meiner“ oder ich das Gepäck mit dem Auto durch die Schweiz karrt. Vielleicht sollten wir auch mal abklären, ob wir für das Prinzchen ein Kinderbett mitnehmen müssen. Und ob es dort in der Nähe einen Laden gibt oder ob wir zu Hause schon alles einkaufen sollten. Und ob es dort auch einen Internet-Anschluss gibt, damit „Meiner“ und ich weiterhin ungestört bloggen können, oder ob wir noch ganz schnell, bevor wir dann weg sind, ein paar Blogkonserven einmachen müssen.

Vor allem aber sollten wir endlich wieder damit anfangen, uns vorzufreuen. Vor lauter Stress hätten wir nämlich beinahe vergessen, dass uns nur noch ein paar wenige Stunden von ausschlafen, Ausflügen, Souvenirjagd, Badespass, ausgiebigem Lesen und haushaltfreier Zeit trennen. Und weil das Schönste an den Ferien ja meistens die Vorfreude ist, habe ich beschlossen, dass ich mit der Vorfreude anfange und zwar genau …. JETZT.

Wie? Ob ich vergessen habe, dass da noch die Koffer für sieben Leute zu packen sind? Mist! Daran habe ich tatsächlich auch nicht mehr gedacht. Vielleicht bleiben wir doch lieber zu Hause…..

Es gibt Au-Pairs, …..

….  denen kann man Kohlrabi in die Hand drücken und sie fragen nicht „Was ist denn das?“ sondern sie nehmen ein Rüstmesser zur Hand und machen sich daran, das Ding zu schälen und in Würfel zu schneiden.

…. denen kann man sagen, dass man jetzt Vollkornbrot backen möchte und sie rümpfen nicht die Nase, sondern beginnen zu strahlen, weil sie sich darauf freuen, anständiges Brot zu essen. Und dann machen sie sich mit Leidenschaft daran, das Korn zu mahlen.

…. denen kann man sagen, dass man jetzt eine Zeit lang lesen möchte und die fassen das nicht als Aufforderung auf, einem jetzt endlich über alle Details des letzten Liebeskummers zu berichten, sondern die schnappen sich selber auch ein Buch.

….. denen kann man zutrauen, dass die Kinder heil nach Hause kommen, auch wenn der Bus ohne Mama Venditti, aber mit Au-Pair und Kindern abgefahren ist, weil Mama Venditti und der Billettautomat sich mal wieder in die Haare geraten sind.

….. denen kann man sagen, dass die Kinder jetzt kein Eis mehr haben dürfen und dann bekommen die Kinder auch kein Eis, auch wenn Mama Venditti schon längst nicht mehr hinschaut.

…… bei denen das Bild, das sie im Internet abgegeben haben, mit der Realität übereinstimmt.

…… denen kann man sagen, dass man sie nach der Schnupperwoche sehr gerne einstellen würde, weil man merkt, dass die Chemie einfach stimmt.

Es geschehen doch tatsächlich noch Zeichen und Wunder….

Ja

Zwölf Jahre ist es her, da haben „Meiner“ und ich ja gesagt. Ja zu einem Leben zu zweit, zu einem Leben, das wir uns etwa so vorgestellt hatten: Ein paar Jahre die Zeit zu zweit geniessen, ein wenig reisen, ein wenig studieren und ein wenig Geld verdienen, „Meiner“ zuerst mit unterrichten, dann mit etwas Kreativem, ich vielleicht als Journalistin, vielleicht auch als Gymnasiallehrerin oder vielleicht auch als etwas ganz anderes. Dann irgendwann eins, zwei, drei, vier Kinder, alle schön nacheinander, in gut verkraftbaren Abständen, Junge, Mädchen, Junge, Mädchen oder vielleicht auch Mädchen, Junge, Mädchen, Junge, auf alle Fälle schön gleichmässig nach Geschlechtern aufgeteilt. Ein eigenes Haus würden wir nie besitzen, ein eigenes Auto erst recht nicht.

Zwölf Jahre sind vergangen und alles ist ein wenig anders geworden, als wir es uns damals gedacht hätten: Wir besitzen zwei Drittel eines Hauses, auf dem Vorplatz steht ein eigenes Auto – gut, inzwischen ist es wenigstens kein Siebenplätzer mehr, sondern nur noch ein nettes himmelblaues Kleinwägelchen -, in den Kinderzimmern schlafen fünf Kinder, Junge, Mädchen, Junge, Junge, Junge und die Kinderchen sind nicht schön brav dann gekommen, wann wir sie geplant hätten, sondern dann, wenn ihnen gerade danach war, zu unserer Familie zu stossen. Unser Leben zu zweit dauerte gerade mal anderthalb Jahre, dann waren wir schon zu dritt.

Unser Leben zu zweit, dann zu dritt, zu viert, zu fünft, zu sechst und schliesslich zu siebt steckte voller Überraschungen, viele davon wunderschön, viele davon aber auch niederschmetternd. Wie oft haben wir gestaunt über Dinge, die wir nie für möglich gehalten hätten? Wie oft haben wir geweint, weil wir uns das alles etwas einfacher vorgestellt hatten? Wie oft haben wir gezweifelt, ob unser Weg noch in die richtige Richtung geht? Wie oft haben wir gejubelt, weil Träume wahr geworden sind? Wie oft haben „Meiner“ und ich uns angebrüllt, weil der andere mal wieder so unmöglich war? Wie oft haben wir uns gesagt, wie unendlich glücklich wir uns schätzen, miteinander unterwegs sein zu dürfen?

Zwölf Jahre schon leben wir das, was viele Menschen für ein Auslaufmodell halten. Zwölf Jahre schon fahren wir auf der Berg- und Talbahn des Familienlebens. Zwölf Jahre schon? Oder sind es nicht viel eher zwölf Jahre erst? Denn auch wenn es mir so vorkommt, als wären wir schon seit Ewigkeiten verheiratet, die Zeit verging dennoch wie im Flug.

Nun, wie dem auch sei, wichtig ist daran nur eines: Auch wenn kaum etwas so geworden ist, wie wir uns dies vor zwölf Jahren mal ausgemalt hatten, Ja sagen würde ich auch heute wieder. Wenn auch auf ziemlich andere Art und Weise als damals. Vielleicht könnten „Meiner“ und ich ja noch einmal heiraten….

Fiktives Interview zum Feierabend

Und, Mama Venditti, wie war denn das Fest heute?

Das Fest? Welches Fest denn?

Na, das Jugendfest, oder wie das Ding bei euch heisst?

Das Jugendfest? Hatten wir ein Jugendfest? Daran kann ich mich gar nicht erinnern…

Aber klar kannst du. Ihr habt doch wochenlang vorbereitet.

Wer sind „ihr“?

Was weiss ich, wer ihr alle seid. Irgendwelche durchgeknallten Eltern, die sich die ganze Zeit immer nur abrackern müssen. Menschen, die glauben, an einem Jugendfest müsste es auch ein Kinderprogramm geben, obschon doch jeder weiss, dass solche Feste nur dazu veranstaltet werden, damit sich die Bevölkerung mal wieder offiziell am hellen Tag einen Schwips leisten darf….

Ach so, jetzt dämmert mir endlich, wovon du redest. Ich weiss zwar nicht, warum du die Sache ein Fest nennst, ich glaube eher, das war ein Arbeitseinsatz. Aber da war heute tatsächlich etwas mit einem Kinderprogramm und so. Ich glaube, ich war da sogar involviert, aber offen gestanden kann ich mich nicht mehr so recht erinnern, was da alles lief. Ich bin nämlich ein wenig müde….

Klar warst du involviert. Ich habe dich schon morgens um acht durchs Dorf hetzen sehen. Was hast du bloss an einem Samstagmorgen um acht auf der Strasse zu suchen?

Mmmmhhh, lass mich mal überlegen…. Ich glaube fast, da war etwas mit einer Hüpfburg, für die wir keinen Strom hatten. Und irgendwas mit einem Tor, das noch nicht offen war. Oder hatte ich mir bloss eingebildet, dass es verschlossen war?

Und später, da habe ich dich mit einer Horde von Kindern auf dem Rummelplatz gesehen. Alle deine Kinder hatten eine Zuckerwatte in der Hand. Wie soll ich mir das bloss erklären? Ich habe dich stets für eine ziemlich vernünftige Mutter gehalten….

Stimmt, die Zuckerwatte! Die hätte ich beinahe vergessen. Klar finde ich Zuckerwatte schrecklich. Aber wie soll ich meinen Kindern weismachen, dass sie die Einzigen sind, die keine haben dürfen? Ich will doch nicht, dass sie zu Aussenseitern werden. Zu meiner Verteidigung muss ich aber  anfügen, dass das Prinzchen keine hatte. Er ist also noch ganz unverdorben.

Unverdorben? Ich hab’s doch gesehen, wie der Kleine auf dem Karussell im Feuerwehrauto sass. Und als er nicht mehr rauswollte, hast du ihm eine weitere Runde bezahlt, und den anderen Kindern auch gleich noch eine. Wie viel Geld hast du denn bloss liegen gelassen heute?

Tja, diese Frage ist mir ein wenig zu persönlich. Darüber möchte ich lieber nicht reden. Ausserdem weiss ich das gar nicht mehr. Oder vielleicht will ich es auch bloss nicht mehr wissen, wer weiss?

Gut, lassen wir das Thema. Später habe ich dich dann gesehen, wie du mit Schachteln voller Muffins durchs Dorf gehetzt bist. Bist du denn wahnsinnig geworden? Wer will bei diesem Wetter denn schon Muffins essen?

Na, wer wohl? Die Kinder aus Schönenwerd. Du hättest mal sehen sollen, wie die sich auf die Küchlein gestürzt haben. Und sogar bei den Käsekrokodilen und den Käsefüsschen haben sie eifrig zugegriffen.

Die spinnen die Schönenwerder, kann ich da nur sagen….

Aber nein, die spinnen nicht. Die wissen es einfach zu schätzen, wenn sie an einem Jugendfest auch mal was anderes zu essen bekommen als Wurst und Brot.

Wenn wir schon bei den Würsten sind: Warum habe ich dich eigentlich nie auf dem Festplatz sitzen sehen?

Du glaubst doch nicht, ich würde Geld ausgeben für Wurst mit Brot? Ich bin Vegetarierin, da esse ich lieber zu Hause. Und überhaupt, ich hatte weder Zeit noch Lust, auf dem Festplatz zu sitzen. Das habe ich gestern Abend schon getan.

Nun, für mich klingt das alles nicht sehr festlich. Ich habe den Eindruck, dass du von Feiern keine Ahnung hast.

Alos so würde ich das nicht sagen. Ich weiss sehr wohl, wie man feiert: Man sorgt dafür, dass alle ihren Spass haben und wenn man viel Glück hat, schafft man es, abends um halb elf, wenn endlich alle erschöpft eingeschlafen sind, die Nase in ein Buch zu stecken.

Nun, ich verstehe das mit dem Feiern ein wenig anders, aber zum Schluss möchte ich jetzt nur noch Eines wissen: Warum bist du abends, als das Kinderprogramm zu Ende war, mit einem knallgrünen Besen mit Schaufel durchs Dorf gerannt? Hast du denn gar keine Angst, dass du dich lächerlich machst?

Lächerlich hin oder her. Einer musste ja die Hüpfburg sauber machen, bevor der Vermieter sie wieder abholte. Und weil alle anderen Eltern mit Aufräumen beschäftigt waren oder mit allen Kräften ihre Kinder vom Rummelplatz zerren mussten, nahm ich eben die Sache mit dem Besen auf mich. Jetzt ist alles wieder sauber und wir können wieder zur Tagesordnung übergehen. Das heiss, zuerst werde ich wohl dafür sorgen müssen, dass sich meine müden Füsse wieder erholen…. Ach, ähm, wovon haben wir denn jetzt eigentlich die ganze Zeit geredet? Doch nicht etwa vom Jugendfest, oder? Du musst verstehen, ich bin ein wenig müde…. Anstrengender Tag und so…..

Achtung, schmalzig!

Wer keine Sentimentalitäten mag, soll jetzt bitte gleich wieder aufhören mit Lesen. Denn aus diesen Zeilen wird er nur so triefen, der Schmalz. Und dennoch meine ich das alles genau so, wie es hier steht.

Da frage ich mich doch heute im Laufe des Tages immer wieder, weshalb ich mich am bisher heissesten Tag des Sommers in die Küche sperren lasse, um 120 Muffins zu backen. Warum ich bei brütender Hitze einen Stuhl zum Kreuzgang der Kirche schleppe, das letzte Stück des Weges eine steile Treppe  hinauf. Was mich dazu treibt, meinen ohnehin schon kratzigen Hals noch mehr zu belasten, indem ich einer Kinderschar ein Märchen erzähle, damit die Erwachsenen das Fest geniessen können. Und was um Himmels Willen treibt mich dazu, meine zu klein gewordenen Schuhe an der Käsereibe zu reiben, nur damit sie wie richtige „zertanzte Schuhe“ aussehen? Ich zerbreche mir den Kopf, weshalb ich nicht die einzige Mama bin, die sich bei dieser Hitze ins Zeug legt, um dafür zu sorgen, dass die Kinder morgen ein schönes Jugendfest haben werden. Warum bloss sind viele von uns Müttern solche Masochistinnen?

Abends um halb neun, als ich mit Märchenerzählen dran bin,  kommt endlich die Antwort auf die Fragen, die mich den ganzen Tag lang geplagt  haben. Das heisst, es kommen gleich mehrere Antworten: Das kleine Mädchen mit den riesigen blauen Augen, das doch eben erst noch ein Baby war und das mir jetzt freudestrahlend erzählt, dass es nach den Sommerferien in den Kindergarten kommt. Der Junge, der ganz entrüstet ausruft, so etwas dürfe man also auf gar keinen Fall sagen, als ich erzähle, die grosse Schwester habe die kleine Schwester eine dumme Kuh genannt. Mir völlig fremde Kinder, die vertrauensvoll zu mir kommen und sich von mir helfen lassen, weil man einer Frau, die auf einem Märchenerzählstuhl sitzt, doch einfach vertrauen muss. Die Kinderschar, die sich einen Dreck schert um Autoscooter, Karussell und Zuckerwatte, solange sie an einem wunderschönen Sommerabend im lauschigen Kreuzgang Märchen hören dürfen.  Karlsson, der so stolz ist, dass er mir beim Erzählen die Requisiten reichen darf. Luise, die findet, ihre Mama, der beim Erzählen zuweilen beinahe die Stimme versagt hatte,  könne am zweitbesten Märchen erzählen. Der FeuerwehrRitterRömerPirat und der Zoowärter, die zwar die Geschichte von dem tapferen Soldaten, der herausfindet, was die Königstöchter nächtens treiben, schon hundertmal gehört haben, aber noch immer an meinen Lippen hängen, als hörten sie diese zum ersten Mal.

Ja, so abgedroschen und sentimental das auch klingen mag, wahr ist es dennoch: Diese Knöpfe sind es einfach Wert, dass man sich für sie ins Zeuge legt.

Unvernünftig?

Ob das besonders klug war von mir? Bis Mitternacht mit der jungen Frau zu reden, die, falls wir einen guten Eindruck bei ihr hinterlassen, unser neues Au-Pair werden könnte? Wo ich doch genau weiss, dass ich morgen 100 Muffins backen darf, dazu noch unzählige Käsefüsschen – vielleicht werden es auch Käsekrokodile oder Käselöwen, ich bin mir noch nicht ganz sicher – und ausserdem noch ein paar Accessoires passend zum Märchen der zertanzten Schuhe zu finden habe. Vor uns liegt ein langes Jugendfestwochenende und eigentlich müsste ich inzwischen wissen, dass ich alleine mit viel Schlaf verhindern kann, dass mir irgendwann, mittendrin, wenn meine Hilfe am dringendsten gebraucht wird, alles zu viel wird.

Aber was soll’s? Die Gespräche mit der jungen Frau waren einfach zu interessant, als dass ich sie hätte abkürzen wollen. Wenn das kein gutes Zeichen ist….

Ferienreif

Die Batterien sind leer. Und zwar nicht nur ein bisschen, sondern sehr. So sehr:

Mein Bürotisch (Ja, genau der Bürotisch, den ich vor etwa zwei Wochen perfekt aufgeräumt habe und von dem ich mir geschworen hatte, dass er aufgeräumt bleiben würde):

Meine nicht mehr ganz scharfe Sicht auf den Terminkalender:

Mein derzeitiger Drogenkonsum:

Wie, ihr wollt noch mehr Beweise? Na dann, da werde ich euch wohl Einblick in die untersten Schubladen meines Geschmacks gewähren müssen….

Meine derzeitige Lektüre:

Wie, ihr wollt noch mehr Beweise? Dann eben zum Schluss noch….

…. meine neueste Errungenschaft (Bitte tut so, als sähet ihr den überquellenden Abfalleimer daneben nicht. Die Müllabfuhr kommt morgen vorbei.):

Glaubt ihr mir jetzt endlich, dass ich wirklich ganz dringend Ferien nötig habe?

Absurd

Zuweilen schaut man sich ja diese Filme an und denkt: „So absurd! Das ist ja alles völlig aus der Luft gegriffen. So kann das Leben nie und nimmer sein.“ Ich meine zum Beispiel Szenen wie bei „What’s eating Gilbert Grape“, wo sich das Auto gefährlich auf die rechte Seite neigt, weil die überschwere Mama auf dem Beifahrersitz Platz genommen hat. Oder diese völlig irr anmutende Szene in irgend einem Film, dessen Titel ich vergessen habe, wo ein Manager in einem Babyplanschbecken ersäuft. Oder zum Beispiel Cameron Diaz, die in „The Holiday“ auf Stöckelschuhen über einen verschneiten Pfad stakst. Da fragt sich doch jeder, ob es überhaupt einen Menschen auf diesem Planeten gibt, der so blöd ist, im Winter Stöckelschuhe zu tragen. Gut, ich geb’s ja zu, ich denke das nicht, weil ich selber schon im Winter auf hohen Absätzen unterwegs war und zwar nicht nur in der Stadt, wo ohnehin alle Strassen vom Schnee befreit sind. Gut, das nur nebenbei, eigentlich wollte ich ja darauf hinweisen, dass es in Filmen oft Alltagsszenen gibt, bei denen man nur den Kopf schütteln kann und sich fragt, was der Regisseur bloss intus hatte, als er den Film gedreht hat.

An solche Filmszenen wurde ich heute Vormittag erinnert, als ich dabei war, eine Pfanne voll mit kochendem Wasser über eine Unzahl von Fliegenmaden zu giessen, die sich gerade dazu anschickten, unser Grundstück für sich und ihre Nachkommen zu erobern. Das alleine war zwar ziemlich eklig, aber so richtig abstrus war es natürlich noch nicht. Klar, Maden die sich todesmutig aus einem Grünabfallcontainer zu Boden stürzen, wo sie der sichere Tod durch kochendes Wasser erwartet, sieht man nicht alle Tage. Richtig irr wurde die Szene aber erst, als ich mitten im Vernichtungskampf einen Anruf entgegennahm, bei dem es darum ging, dass am Samstag ein neuer Herr Diakon in seine Wohnung einziehen möchte und dass wir doch bitte dafür sorgen sollten, dass die Jugendfestgäste, die zur gleichen Zeit am gleichen Ort ein Fest feiern werden, nicht dumm im Wege herumstehen, wenn der Herr Diakon – den ich übrigens weder kenne, noch je kennen lernen werde, weil ich nicht Mitglied seiner Kirche bin – seine Sessel, Tische und Kochtöpfe anschleppen wird.

Da stand ich also im Garten, angetan in einem bodenlangen geblümten Rock und getupften Ballerinas, in der einen Hand die leere Pfanne, in der anderen das Telefon, auf dem Gesicht einen angeekelten Blick, zwischendurch entsetzt kreischend, weil der Anblick des Getiers so widerlich war, und versicherte der Anruferin, dass ich ganz bestimmt dafür sorgen würde, dass niemand den Herrn Diakon für einen armen Irren hält, bloss weil er sich am einzigen Dorffest des Jahres dazu entschliesst, seine Habseligkeiten in sein neues Domizil zu verfrachten. Eine arme Irre, die dafür sorgen wird, dass andere nicht für irr gehalten werden….

Ich weiss zwar noch nicht genau, weshalb ich die Aufgabe gefasst habe, den Herrn Diakon von der wütenden Dorfbevölkerung zu schützen und ich weiss auch nicht, wie ich verhindern soll, dass der arme Mann attackiert und in die geschlossenen Anstalt verfrachtet wird, und offen gestanden ist es mir im Moment wichtiger, dass die Maden verschwinden als dass der Herr Diakon kommt, aber sobald der Kampf gegen die ekligen Viecher gewonnen ist, werde ich mich der Angelegenheit annehmen. Eines aber wurde mir bei alldem wieder ganz neu bewusst: Keine Filmszene, und sei sie noch so absurd, kann absurder sein als der ganz banale Alltag.

Montag

Eigentlich war das heute ja ein ganz gewöhnlicher Montag. Ein Montag, an dem ich mich mit grosser Mühe aus den Federn zwinge. Ein Montag, an dem mir schon in den frühen Morgenstunden vor den Arbeitsbergen graut, die ich bezwingen sollte, von denen ich aber bereits beim Aufstehen weiss, dass ich sie nicht werde bezwingen können, weil ständig etwas anderes dazwischen kommen wird, weil jede Aufgabe eine andere nach sich ziehen wird, weil die paar lausigen Stunden, die der Tag zu bieten hat, nie und nimmer reichen werden, um alles zu tun, was getan werden sollte. Und so schlüpfe ich einmal mehr in die unterschiedlichsten Rollen, die Regisseur Alltag mir auf den Leib zu schreiben versucht, bin einmal gestrenger Poolwart, fünf Minuten später fürsorgliche Krankenschwester und noch einmal fünf Minuten später die Lehrersgattin, welche die Schüler ihres Mannes auf der Schulreise mit Glace versorgt und sich dabei insgeheim fragt, weshalb sie in Gegenwart dieser Schüler regelmässig zum Drachen  mutiert. Nachdem ich eine Weile lang die demotivierte Putzfrau gegeben habe – die echte Putzfrau weilt leider in den Ferien -, findet man mich als jubelnde Zuschauerin wieder, die sich darüber freut, dass ihre Kinder ein weiteres Schwimmabzeichen geschafft haben und keine zehn Minuten später darf die Projektleiterin zeigen, ob sie auch ohne Abendessen im Magen und ohne Verschnaufpausen fähig ist, bei kritischen Fragen Red und Antwort zu stehen. Kaum zu Hause gilt es, die Sängerin zu aktivieren, denn das Prinzchen weigert sich, einzuschlafen, ohne dass Mama sich vorher heiser gesungen hat. Und nachdem die Bloggerin ihren Senf zum Tag abgegeben hat, werde ich als Waschweib in die Tiefen des Kellers hinabsteigen und dafür sorgen, dass morgen alle wieder frische Kleidung anzuziehen haben.

Wenn ich mir diesen Montag so durch den Kopf gehen lasse, dann muss ich mir eingestehen, dass so ein Leben gar nicht so übel ist. Anstrengend, ja, zuweilen auch sehr herausfordernd. Aber auch so vielseitig, dass sich in dem Haufen von Aufgaben immer die eine oder andere Sache finden lässt, die so richtig Spass macht.

Wer am lautesten schreit….

Meistens lassen mich Artikel über Kindererziehung ja ziemlich kalt. Was da geschrieben wird, passt für Grossfamilien einfach nicht. Klar weiss ich, dass es am besten ist, wenn man sich zu einem Kind auf Augenhöhe begibt und ihm tief in die Augen schaut, wenn man ihm sagen möchte, dass es etwas nicht tun soll. Aber wer schon mal versucht hat, fünf Kindern gleichzeitig tief in die Augen zu schauen, der weiss, was ich meine, wenn ich sage, dass das bei uns alles nicht ganz so einfach ist. Klar ist mir bewusst, dass es am besten wäre, wenn man jeden Abend mit jedem Kind den Tag bewusst mit einem Abendritual abschliessen könnte, aber würden wir das konsequent durchziehen, ich glaube, unser Abendrituale würden sich bis weit nach Mitternacht erstrecken. Auch wir versuchen, mit den Kindern abends bewusst ruhiger zu werden, den Tag mit Nähe ausklingen zu lassen, aber meist sitzen wir dann alle zusammen auf dem Sofa und schliessen den Tag gemeinsam ab.

Dennoch habe ich gestern den Artikel über das Vogelmutter-Prinzip in einer Familienzeitschrift von A bis Z durchgelesen. Im Artikel ging es darum, dass man als Eltern vermeiden sollte, dass derjenige, der am lautesten schreit auch am meisten Aufmerksamkeit bekommt. Denn wenn das Kind merkt, dass schreien zum Erfolg führt, schreit es beim nächsten Mal noch lauter. Eigentlich nichts Neues für mich, aber hin und wieder  ist es gut, sich solche Dinge mal wieder in Erinnerung zu rufen. Und da bei uns derzeit ziemlich laut und ziemlich viel geschrien wird, habe ich mir die Sache zu Herzen genommen. Heute Morgen im Bus hatte ich dann gleich Gelegenheit, das Gelesene zu testen. Der Zoowärter, Luise und der FeuerwehrRitterRömerPirat wollten alle bei mir sitzen, keiner aber war dazu bereit, bei mir auf dem Schoss zu sitzen, damit ich allen Wünschen gerecht werden könnte. Während der FeuerwehrRitterRömerPirat sein Recht mit den Fäusten zu verteidigen suchte, Luise mich nett und freundlich darum bat, ich möchte doch endlich mal wieder neben ihr Platz nehmen, schrie der Zoowärter lauthals. Da ich den FeuerwehrRitterRömerPiraten eben erst an der Bushaltestelle neben mir hatte sitzen lassen und ich den Artikel mit der Vogelmutter noch im Kopf präsent hatte, entschied ich mich dazu, Luises Wunsch zu erfüllen. Worauf der Zoowärter natürlich noch viel lauter schrie und dabei ohne Erfolg blieb, weil ich ja eben  keine Vogelmutter sein wollte.

Nun ja, der Zoowärter wäre ohne Erfolg geblieben, hätte nicht ein sehr freundlicher Buschauffeur eingegriffen. Er schnappte sich das Mikrofon und forderte den Zoowärter dazu auf, doch bitte zu ihm nach vorne zu kommen. Nach heftigem Widerstand von Seiten unseres Dreijährigen schaffte es „Meiner“, mit dem Zoowärter zum Chauffeur zu gelangen. Und dann ging die Post ab. Unser kleiner Trotzkopf durfte den Türöffner betätigen, bekam einen Fahrplan geschenkt, durfte dem Chauffeur beim Steuern zuschauen und erfuhr, dass im vergangenen Winter ein Häschen darum gebeten hat, mit dem Bus mitfahren zu dürfen. Und dass das Häschen im Frühling mit seiner ganzen Familie wieder Bus gefahren sei und dass es deshalb im Bus jetzt spezielle Billetts für Häschen gebe, von denen der Zoowärter eines haben durfte. Ausserdem erklärte der Chauffeur unserem staunenden Zoowärter, dass Elefanten nicht Bus fahren dürfen, weil sie viel zu schwer sind und gar nicht durch die Tür passen würden.

Derweilen sassen unsere restlichen Kinder brav bei mir hinten und schauten dabei zu, wie das Kind, das am lautesten geschrien hatte, am meisten Aufmerksamkeit bekam und dies, obschon ich mich brav daran gehalten hatte, keine Vogelmutter zu sein. Ich fürchte mich jetzt schon vor dem Schreiwettkampf, den sich unsere Horde bei der nächsten Busfahrt liefern wird, wenn wieder der nette Chauffeur fährt….