Komm, Herr Knigge, sei unser Gast!

So langsam wird es peinlich. Kaum sind die vier Mittagstischkinder eingetroffen, legen unsere Kinder ihr übelstes Verhalten an den Tag. Eigentlich sollte der Mittagstisch ja dazu da sein, dass Kinder, deren Eltern nicht zu Hause sind, in aller Ruhe eine vollwertige Mahlzeit geniessen können. Bei uns müssen sie hoffen, dass sie bei all dem Chaos der Reality-Soap überhaupt noch einen Bissen runter bekommen. Zumindest eines der Kinder traut uns bereits von Anfang an nicht so recht. Wo sie ihren selbstgebastelten Korb versorgen könne, will sie von mir wissen. „Ich möchte nicht, dass er dreckig wird“, erklärt sie mir. Nun, eigentlich könnte es mir ja egal sein, was sie von mir und meinen Haushaltskünsten hält. Doch da meine eigenen Kinder noch ein paar Jahre vom Pubertieren entfernt sind, lasse ich mich durch einen herablassenden Teenager-Blick noch ziemlich aus dem Konzept bringen.

Nachdem alle Gäste ihre Sachen vendittisicher zwischengelagert haben, wollen wir essen. Zeit, dass das Prinzchen loslegt. Zuerst quengelt er, dann klammert er sich mit aller Kraft an den vollen Teller, den ich einem Kind reichen will. Schliesslich brüllt er los, weil ich den Teller seiner Gewalt entwunden habe. Und zwar brüllt er so laut, dass ich meine eigenen Erklärungen, weshalb das Prinzchen plötzlich so wild sei, nicht mehr verstehe. Schnell ab ins Bett mit dem Kind, sonst fühlen sich unsere Gäste nicht wohl.

Doch kehrt jetzt Ruhe ein? Mitnichten. Karlsson angelt sich sämtlichen Mozzarella aus der Insalata Caprese, verschmiert dabei den ganzen Tisch mit Salatsauce, schaukelt auf seinem Stuhl vor und zurück und schnauzt mich an, als wäre er plötzlich mitten in der Pubertät angekommen. Nach zwanzigmaligem Zurechtweisen gibt er endlich Ruhe und gibt damit die Bühne frei für Luise. Diese stochert lustlos in ihrem Essen herum, streut haufenweise Reiskörner über den frischgeputzten Boden und rennt mit der Gabel in der Hand davon, als ich sie auffordere, ihren Teller leer zu essen. Vor lauter Zurechtweisen und Ermahnen komme ich kaum zum Essen, geschweige denn zu einer vernünftigen Unterhaltung mit den Gästen. Diese sitzen betreten da und schauen hin und wieder verstohlen auf die Uhr, um herauszufinden, wann sie dieses Irrenhaus endlich verlassen können.

Die Zeit ist schon fast um, da setzt der Zoowärter der Sache  das Sahnehäubchen auf. Kaum hat er sein riesiges Mokka-Cornet fertig in sich hineingestopft, erbricht er sein gesamtes  Mittagessen und die Hälfte des Frühstücks auf den Fussboden. Entsetzt starren die Gäste auf das würgende Kind und als der Kleine seinen Magen vollständig  entleert hat, machen sich alle vier mit fadenscheinigen Begründungen frühzeitig aus dem Staub. Sollte die Schönenwerder Geburtenrate in acht bis zwölf  Jahren plötzlich auf null absacken, übernehme ich die volle Verantwortung dafür.

Sobald die  Tür hinter den Gästen ins Schloss gefallen ist, sitzen vier lammfromme Venditti-Kinder am Tisch und schauen mich an, als könnten sie kein Wässerchen trüben. Ich glaube, Gespenster zu sehen. Wohin sind die Rabauken von vorhin verschwunden? Und wer sind die vier Engel, die mich ganz erstaunt anschauen, als ich ihnen erkläre, ein solches Verhalten  könne ich beim nächsten Mittagstisch nicht mehr dulden? „Aber was hast du denn Mama? Wir sind doch ganz lieb!“

Ach und übrigens: Der FeuerwehrRitterRömerPirat verhielt sich die ganze Zeit über erstaunlich ruhig. Er wartete, bis die grossen Geschwister gegangen und die kleinen Geschwister am Schlafen waren, bevor er den Wohnzimmerboden mit frischem Aprikosenmus beschmierte.

Turbulenzen

War das wieder ein Auftritt! Mit der gesamten Meute am Samstag ans Schulhausfest zu gehen, ist doch immer wieder ein Erlebnis. Anfangs langweilen sich die drei Grossen ein wenig, doch dann beschliessen sie, sich mit dem Bemalen von Fahnen die Zeit zu vertreiben. Während Luise und Karlsson mal schnell ein Haus hinkleckern, konzentriert sich der FeuerwehrRitterRömerPirat auf sein Segelschiff. Hingebungsvoll mischt er die Farben, trägt Schicht um Schicht auf den Stoff auf. Ein wirklich schönes Schiff entsteht.

So langsam beginnen sich Karlsson und Luise zu langweilen und wollen weiterziehen. Doch der FeuerwerRitterRömerPirat lässt sich nicht beirren, malt weiter und weiter. So langsam verwandelt sich das schöne Segelschiff in einen etwas weniger schönen braunen Fleck mit zwei Masten. Karlsson macht sich derweilen mit einem Freund aus dem Staub, Lusie quengelt, sie wolle sich jetzt ihr Gesicht schminken lassen. Also bleibt „Meiner“ beim Künstler, während ich Luise zum Schminken begleite. Als wir eine Viertelstunde später zurückkommen, ist der FeuerwehrRitterRömerPirat noch immer in sein Meisterwerk vertieft, die Fahne  dick mit brauner Farbe verschmiert. Und er will immer noch nicht weg! Erst die Aussicht auf einen Mohrenkopf, den er sich herbeischiessen kann, überzeugt ihn schliesslich davon, dass er den Pinsel doch zur Seite legen könnte. War aber auch Zeit. So langsam begann die Fahne auszusehen, als hätte sich jemand darauf erleichtert.

Nachdem sich alle die Gesichter mit Schokoköpfen beschmiert haben, will sich der Zoowärter nun  das Gesicht auch noch schminken lassen. Doch dem FeuerwehrRitterRömerPirat wird das Warten bald zu langweilig und deshalb beginnt er, das Prinzchen zu ärgern. Dieses zappelt mit den Beinchen, verliert seine Socken, was ein paar Grossmütter zu missbilligendem Kopfschütteln veranlasst. Schaut denn niemand, dass dieses Baby Socken an die Füsse bekommt? (Natürlich nicht. Ein echter Venditti geht barfuss!)

Endlich hat sich der Zoowärter in einen Tiger verwandelt. Zeit für einen Hot Dog. Aber wo ist Karlsson? Verschwunden und zwar im strömenden Regen. Mitfühlend wie ich bin, erstehe ich ihm dennoch einen Hot Dog, stopfe das vor Ketchup triefende Ding in meine Tasche (sonst sieht mich noch jemand damit!) und renne über den Pausenhof, um meinen armen nassen Karlsson zu suchen. Irgendwann wird mir die Sache zu nass und „Meiner“ hat das zweifelhafte Vergnügen, Karlssons Hot Dog zu verspeisen.

Weil der Zoowärter sein Tigergesicht mit Ketchup verschmiert hat, beschliessen wir aufzubrechen. In letzter Minute taucht Karlsson auf. Pudelnass und pappsatt. Seinen Hot Dog hat hat ihm die Familie seines Freundes spendiert. Währenddem wir Karlsson erleichtert in Empfang nehmen und noch ein wenig über Gott und die Welt und die Dorfpolitik plaudern, gönnen sich der FeuerwehrRitterRömerPirat und der Zoowärter ein Bad in der Pfütze. Ist ja  nicht weiter schlimm. Das hat Mama ja auch gemacht, als sie klein war. Als wir aber das nächste Mal hinsehen, liegt der Zoowärter bäuchlings in der Pfütze und trinkt. Hat das arme Kind denn keine Eltern, die ihm etwas zu Trinken spendieren?! Wie verzweifelt muss ein Kind sein, dass es aus einer Pfütze trinkt?

Jezt ist es endgültig Zeit, zu verschwinden. Sonst fordert man uns unauffällig dazu auf, nun endlich zu gehen.

Erklärungsnotstand

Was mache ich denn jetz bloss? Karlsson und der FeuerwehrRitterRömerPirat werden mich vierteilen, wenn ich ihnen gestehe, dass ich ohne die blaue Sammelkleberpackung aus der Migros nach Hause gekommen bin. Und das ist noch nicht das Schlimmste. Luise hat ihn nämlich schon, diesen scheusslichen Siegelsticker hat. Dabei ist ihr Sammelalbum noch gar nicht voll. Wenn nicht ein Wunder geschieht, wird dies die geschwisterlichen Beziehungen auf Jahre hinaus trüben.

Was nützen mir die fünffachen Cumulus-Punkte, die ich mir heute im Schweisse meines Angesichts inmitten von kaufwütigen Senioren erkämpft habe? Was nützt es mir da, dass ich zehn grüne Sammelpäckchen bekommen habe, dass ich den äusserst raren Zipfelfrosch in fünffacher Ausführung habe, dass ich sogar alle Lücken im Album des FeuerwehrRitterRömerPiraten geschlossen habe?  Wenn der Siegelsticker fehlt, hat alles Sammeln keinen Sinn mehr. Und die Verkäuferin konnte mir auch nicht weiterhelfen. Die nahm zwar bereitwillig das quengelnde Prinzchen auf den Schoss und scannte einhändig meinen ganzen Warenberg ein. Doch auf eine Frage, ob sie nicht noch blaue Stickerpäckchen  hätte, schüttelte sie nur bedauernd den Kopf und reichte mir das Prinzchen zurück.

Vielleicht tauche ich für ein paar Wochen ab. So lange, bis der schlimmste Zorn meiner beiden grossen Buben verraucht ist. Ihre Erleichterung, dass Mama wieder da ist, wird so gross sein, dass sie bei meiner Rückkehr keinen Gedanken mehr an den fehlenden Siegelsticker verschwenden werden.

Vielleicht aber warte ich auch mit Abtauchen, bis klar ist, ob die Migros nicht noch Siegelsticker nachdrucken lässt.

Wie steht’s mit den Falten?

Nein, nicht mit meinen Falten. Die sind mir eigentlich noch ziemlich egal und ich hoffe, dass dies so bleibt. Man weiss zwar nie, wie man reagieren wird, wenn die Falten dann tatsächlich da sind. Aber eben, von meinen (zukünftigen) Falten soll hier nicht die Rede sein. 

Ich meine natürlich jene Hautfalten, die bei Babies so schwer zu reinigen sind, die aber unbedingt sauber sein müssen. Diesen hatte ich eigentlich nie eine besondere Bedeutung zugemessen. Ich reinigte sie zig mal am Tag, salbte sie, wenn es nötig war und manchmal, wenn das Baby allzu störrisch gegen meinen Bauch trat und sich nach allen Seiten wand, schaffte ich es nicht, den ganzen Dreck zu entfernen. Ja, und dann las ich jenen Artikel über vernachlässigte Kinder. Plötzlich wurden diese Falten für mich zum Test, ob ich als Mutter überhaupt noch etwas taugte.

Es war in den dunkelsten Zeiten meiner Mutterschaft, als ich täglich bereits um neun Uhr morgens vom Gefühl geplagt wurde, total zu versagen. Als ich es nicht mehr schaffte, das Chaos in den Griff zu bekommen und abends meistens heulend ins Bett sank, weil ich es wieder nicht geschafft hatte, meinen Kindern gerecht zu werden. Ich hatte den Eindruck, die schlechteste Mutter auf diesem Erdboden zu sein. Da las ich in jenem Artikel, Mütterberaterinnen und Kinderärzte könnten an der Sauberkeit der Hautfalten erkennen, ob ein Kind vernachlässigt werde oder nicht. Natürlich stand in diesem Text noch viel mehr, doch das mit den Falten brannte sich bei mir im Gerhirn ein.

„Sind die Hautfalten des Babys heute sauber?“ wurde zur überlebenswichtigen Frage. Da konnte ich mich noch so sehr in Selbstzweifeln zerfleischen, solange die Falten sauber waren, hatte ich noch nicht vollkommen versagt, die Kinder waren noch nicht vernachlässigt. Sind die Falten noch sauber, ist noch nicht alles im Eimer. Heute ist diese Frage zum Glück wieder weit in den Hintergrund gerückt. Heute weiss ich wieder, dass ein Kind, das lacht und sich prächtig entwickelt keinen Mangel leidet.

Doch hin und wieder, wenn ich das Prinzchen wickle, erinnere ich mich, wie das damals war, als eine saubere Hautfalte das Einzige war, was mir noch Sicherheit gab. Und dann vergiesse ich innerlich eine Träne für all die unzähligen Mamas auf der Welt, die sich als die totalen Versagerinnen fühlen, weil sie in ihrer Überforderung nicht mehr sehen können, wie gut sie ihre Sache in Wirklichkeit machen.

Lesetherapie

Tage wie heute übersteht man nur lesend. Der Himmel ist grau in grau, es ist zu kalt, um mit den Kindern nach draussen zu gehen. Ausserdem ist Dienstag. Das bedeutet, dass morgens drei, nachmittags fünf Kinder von mir unterhalten werden wollen und „Meiner“ erst spät nach Hause kommt. Mal ist Karlsson für eine Stunde weg, dann muss Luise zur Freundin begleitet und nach knapp zwei Stunden wieder abgeholt werden, dann bekommt der FeuerwehrRitterRömerPirat Besuch. Keine Chance für Mama, eine anständige Arbeit in Angriff zu nehmen.

Also schleiche ich den ganzen Tag mit einem Buch vor der Nase herum. Zum Glück habe ich gerade ein Neues. Das Oeuvre ist zwar nicht gerade nobelpreiswürdig, doch immerhin spannend genug, dass ich noch heute erfahren will, wer wen heiratet. Ausserdem ist der Plot seicht genung, dass man das Buch mitten im Satz in die Ecke schmeissen kann, wenn das Prinzchen im Begriff ist, in ein Kabel zu beissen. So ganz nebenbei gefragt: Kann mir mal jemand verraten, was an einem Kabel so spannend sein soll? Da liegen haufenweise babytaugliche Spielsachen herum, doch das Prinzchen steuert stets zielstrebig auf die Kabel los.

Jetzt aber zurück zum Buch. Zwei Dinge erschweren es mir, endlich zur letzten Seite zu gelangen. Erstens: Wie kann man lesend Fussböden putzen? Und an solchen Tagen muss man lesen beim Putzen, sonst wird’s frustrierend. Wann endlich erfindet ein kluger Kopf den Besen mit integrierter Buchhalterung? Ja, ich weiss, inzwischen gibt es Hörbücher. Doch wie soll man sich bei diesem Krach Hörbücher anhören? Das zweite Problem: Karlsson hat mich durchschaut. „Mama, du kannst nicht schon wieder Pause machen“, weist er mich zurecht, als ich mich wiedermal für fünf Minuten mit meinem Buch zurückziehe. Also schliesse ich mich ins WC ein. Dann sieht er nicht, dass ich am Lesen bin. Karlsson ahnt, dass ich lesen will: „Was machst du, wenn du mal dein Buch nicht findetst, wenn du aufs WC gehst? Du kannst ja nicht einfach in die Hose machen, bloss weil du dein Buch verlegt hast?“ Ein paar Momente später brüllt er: „Mama, du bist wieder am Lesen! Es ist jetzt fünf Minuten her, seit du die Toilette gespült hast und du bist immer noch im Badezimmer.“ Karlsson betrügen heisst, die Götter betrügen. Und was tut er, währenddem er mich zurechtweist? Sitzt auf dem Sofa und steckt seine Nase in ein Buch!

Nach so einem Nachmittag bietet sogar ein Elternabend eine willkommene Abwechslung. Zu dumm nur, dass ausschliesslich alte Hasen anwesend sind. Keine einfältigen Fragen, keine endlosen Diskussionen. Um halb acht bin ich schon wieder zu Hause. Zum Glück hat „Meiner“ die Kinder trotzdem schon alle im Bett, so kann ich wenigstens jetzt mein Buch fertig lesen.

Satire?

Die Frau am Telefon versteht die Welt nicht mehr. „Fünfundneunzig Prozent unserer Leser finden, der ‚Nebelspalter‘ sei heute viel lustiger als früher. Und jetzt kommen Sie und sagen, Ihnen hätte unser Blatt früher viel besser gefallen. Dabei können Sie noch gar nicht so alt sein.“ Es habe eben nicht jeder den gleichen Sinn für Humor, tröste ich sie und verzichte auf ein Abo.

Wie sollte ich auch ein Heft abonnieren, das mir bei vier Probenummern gerade  zwei mal ein müdes Lächeln entlockt hat? Einige der Witze erzählte mein Vater schon vor dreissig Jahren. Nur dass die Bundesräte in seinen Witzen noch nicht Maurer und Leuenberger, sondern Furgler und Minger hiessen.

Und überhaupt: Wenn ich Satire will, bin ich mit der Tageszeitung bereits bestens bedient. Sogar Promis hätten auf das Präparat geschworen, wundert sich ein Journalist in einem Artikel über ein dubioses Heilmittel. Ja, da kommt man aus dem Staunen nicht mehr heraus. Sogar Promis, die sich doch allesamt durch Intelligenz und überlegtes Handeln hervortun, sind nicht davor gefeit, einem Scharlatan auf den Leim zu kriechen. Wenn schon unsere „Elite“ so naiv ist, wie steht es dann erst um uns Normalsterbliche?

Oder kann man die folgende Forderung wirklich ernst nehmen: Die Glückskette soll eine Spendenaktion durchführen, um die gebeutelte Industrie zu unterstützen? Wir Schweizer sollten uns solidarisch zeigen mit der Exportindustrie, findet Nationalrat Otto Ineichen. Ach, was sind wir doch für Egoisten! Wir verschleudern unsere Spendengelder für Tsunamiopfer, Erdbebengeschädigte und Menschen, die bei einer Überschwemmung solche Lappalien wie ihr Häuschen verloren haben. Und wenn dann mal einer wirklich Not leidet, haben wir keinen roten Rappen mehr übrig. Ein bisschen freigiebiger dürften wir schon sein.  Insbesondere da es der Industrie nie und nimmer in den Sinn käme, uns in unserem Elend sitzen zu lassen, sollte es uns einmal nicht so gut gehen.

Solange die Zeitungen voll sind mit solchen Meldungen braucht kein Mensch ein Satiremagazin. Und sollte die Tageszeitung für einmal nichts zum Lachen bieten, habe ich zum Glück noch den Zoowärter. Der fordert mich mit dem  ganzen Ernst eines Zweijährigen dazu auf, endlich meinen Federschmuck zu holen, um diese lästige Fliege zu beseitigen. Wahrscheinlich hat der Zoowärter den „Nebelspalter“ gelesen, der auch zwei Monate nach Steinbrücks Attacken über nichts anderes witzeln kann als über Indianer und Kavalleristen. Deshalb glaubt der Zoowärter jetzt, jeder Schweizer habe einen Federschmuck. Oder er hat einfach noch nicht begriffen, dass das Ding, mit dem man die Fliegen totschlägt, Fliegenklatsche heisst.

Bitte nicht loben

Jawohl, das meine ich ernst! Es ist doch einfach zum Heulen. Die Kinder legen ihr bestes Benehmen an den Tag, zeigen sich von ihrer besten Seite und du freust dich, dass du offenbar doch nicht alles falsch gemacht hast. Weil du solche Freude hast und du weisst, wie wichtig Lob für Kinder ist, sagst du ihnen, wie stolz du auf sie bist und wie toll du es findest, dass sie ihre Sache so gut machen. Du lobst was das Zeug hält. Und welche Schlussfolgerung ziehen die lieben Kinderlein daraus? Sie denken, sie hätten alles falsch gemacht, hätten sich daneben benommen, und sie glauben, dir zeigen zu müssen, dass sie auch anders können.

Heute war wiedermal so eine Situation. Die Nonna hat Lust in die Stadt zu gehen, also ziehen wir alle zusammen los. Ein kurzer Streifzug durch die Läden, ein etwas längerer über den Markt. Die Kinder benehmen sich tadellos, kaufen  sich mit dem von der Nonna spendierten Fünfliber Knoblauchwürste und hausgemachten Himbeersirup anstelle von Süssigkeiten. Zur Belohnung gibt’s ein Mittagessen im Migrosrestaurant. Auch hier führen sich die lieben Kleinen tadellos auf (zumindest, nachdem sie vor vollen Tellern sitzen). Einzig der etwa einjährige Bruuunò! vom Nebentisch nervt, beziehungweise seine Mutter, die ständig brüllt: „Bruuunò, vieni qui! Bruuunò, non gridare! Non toccare, Bruuunò! Prendi la macchinina, Bruuunò!“.

Eine ziemlich idyllische Mittagspause also. Bis diese alte Frau auftaucht. Wie das doch schön sei, diesen artigen Kindern beim Essen zuzuschauen! Und an die artigen Kinder gewandt: „Gelt, Kinderlein, ihr macht eurer Mama und eurem Papa weiterhin so viel Freude.“ Die artigen Kinder nicken brav, „Meiner“ und ich starren betreten zu Boden. Wir wissen genau, was jetzt folgen wird. Und tatsächlich: Kaum ist die Frau verschwunden, geht’s los. Der Zoowärter und der FeuerwehrRitterRömerPirat beginnen damit, die Stühle vom Nachbartisch mit grossem Krach über den Boden zu schieben. Luise stänkert lauthals, sie wolle jetzt endlich gehen. Karlsson motzt, die Oliven seien scheusslich. Ja sogar das Prinzchen macht mit und schmeisst beinahe den Servierwagen um. Bruuunò! vom Nebentisch wird plötzlich ganz still. Diese Kinder hier sind ja noch lauter als seine Mama!

Hätte die alte Frau doch bloss nichts gesagt! Sie hätte den Kindern doch wirklich nicht unter die Nase reiben müssen, dass sie von ihnen eigentlich ein anderes Verhalten erwartet hätte. Demnächst hängen wir unseren Kindern ein Schild um den Hals: „Bitte nicht loben!“. Wer unsere Kinder loben möchte, soll es uns ins Ohr flüstern. Oder uns unauffällig ein Post-it zustecken. Wir garantieren, dass wir das Lob an unsere Kinder weiterleiten werden. Spät abends werden wir ihnen erzählen, welch schöne Dinge die Leute über sie gesagt haben. Nach fast neun Jahren Elternschaft haben wir uns das Sprichwort „Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben“ zu Herzen genommen. Gelobt wird erst, wenn die Kinder zu müde sind, um sich Dummheiten auszudenken (mal abgesehen vom kleinen Lob für Zwischendurch zum Überstehen des Tages). Dann aber ausgiebig. Das haben sie nämlich verdient.

Abschied

Heute war er also da, ihr letzter Arbeitstag bei uns. Gekündigt hatten wir ihr bereits vor ein paar Wochen und heute hiess es dann Abschied nehmen. Gegen Mittag packte ich ihre ihre sieben Sachen – nicht mal selber packen wollte das faule Ding – und dann war es vorbei. Kurz und schmerzlos: In den Abfallsack, den Sack zugeschnürt und dann war Barbie Geschichte.

Nicht dass sie mir fehlen wird. So richtig warm geworden sind wir nie miteinander. Ich ärgerte mich über sie, weil sie überall ihre Schuhe herumliegen liess und weil sie einen schlechten Einfluss auf Luise ausübte. Sie hatte ihre liebe Mühe mit mir, weil ich mit Äusserlichkeiten wenig am Hut und ausserdem noch ein paar Kilos zuviel auf den Knochen habe.

Dennoch tut der Abschied ein bisschen weh. Nie wieder wird mir ein kleines Mädchen in den Ohren liegen, mich auf Knien anflehen, damit ich ihr eine Barbie kaufe. Nie wieder werde ich dieses verzückte Lächeln sehen, wenn die heiss ersehnte Puppe endlich da ist. Natürlich, auch die Jungen haben grosse Wünsche, aber als Mutter kann man sich eher mit der Sehnsucht nach Barbie identifizieren, als mit dem Drang, jetzt auf der Stelle, eine Knarre aus Holz zu bekommen. Nie wieder werde ich erklären müssen, warum ich Barbie doof finde und weshalb meine alten Sascha-Puppen so viel schöner sind. Nie wieder Barbie; es sei denn, ich finde eines Tages Luises heiss ersehnte kleine Schwester auf der Türschwelle.

Noch kurz etwas ganz anderes: Herzlichen Dank für den Post-it-Nachschub! Ich fürchte, ich werde ihn brauchen können. 🙂

Bitte recht freundlich

Der FeuerwehrRitterRömerPirat und ich sind aus unseren Identitätskarten herausgewachsen, das Prinzchen braucht seine Erste. Lange liess sich die Sache herauszögern, doch langsam drängt die Zeit. Sonst wird nichts aus den Sommerferien. Also ab zum nächsten Fotografen. Doch der will nichts wissen von Passfotos. Die Maschine sei kaputt. Dann eben zum Nächsten.

Damit das Prinzchen nicht allzu lange still sitzen muss, kommt er zuerst dran. Anfangs läuft alles bestens. Bis die Fotografin wissen will, ob wir nicht dafür sorgen könnten, dass das Prinzchen seinen Mund geschlossen hält. Selbstverständlich können wir das. Wenn sie uns eine Rolle Klebeband zur Verfügung stellt. Bloss sind wir nicht sicher, ob das Bild dann noch durchgeht, oder ob unser Prinzchen zum Terroristen abgestempelt wird, bevor er laufen kann.

Schliesslich lässt die Fotografin die Bilder auch mit offenem Mund gelten und bittet den FeuerwehrRitterRömerPiraten auf den Stuhl. Mit finsterer Miene sitzt er da, was aber niemand sehen kann, weil er unverwandt auf seine Schuhspitzen starrt. All unser Drohen, wenn er nicht mitmache, könnten wir nicht in die Ferien fahren, hilft nichts. Stur starrt er vor sich hin. Also kommt Mama dran. Vielleicht merkt dann der FeuerwehrRitterRömerPirat, dass Fotografieren nicht weh tut.

Ich habe keine Angst vor der Kamera. Dafür aber vor den Bildern. Ist die Frau auf dem Bild tatsächlich die Gleiche wie die auf der alten Identitätskarte? Auf dem alten Foto war noch nichts von diesem neckischen Doppelkinn zu sehen. Und auch die Augenringe waren damals noch nicht da. Nun, zwischen den beiden Bildern liegen elf Jahre, fünf Schwangerschaften, zahllose schlaflose Nächte und ein paar klitzekleine Enttäuschungen. Aber dass man dies alles einem Passbild ansieht, ist erschreckend. Wahrscheinlich hat Ephraim Kishon recht: Wenn man beginnt, seinem Passbild zu ähneln,  ist es höchste Zeit wegzufahren. Vielleicht hätten wir die Bilder erst nach den Ferien machen lassen sollen. Aber ohne neue Identitätskarte keine Reise und ohne neues Bild keine neue Identitätskarte.

Als „Meiner“ die Fotos sieht, meint er, ich sollte vielleicht noch einmal posieren. Doch leider wird der Kopf auf einem neuen Bild immer noch der Gleiche sein, also kann man die Bilder lassen, wie sie sind. Obschon natürlich immer die nagende Ungewissheit bleibt, ob der Chef der Einwohnerkontrolle diese akzeptieren wird. Normalerweise schaut er sich die Fotos mit ernster Miene an und brummt: „Da bin ich mir aber nicht sicher, ob diese Bilder durchkommen.“ Wenn man ihm dann versichert, dass die Fotografin aber alles nach Vorschrift gemacht habe, runzelt er die Stirn und meint, man könne es ja einmal probieren, wir sollten uns aber nicht wundern, wenn wir nochmals zum Fotografen müssten. Bloss das nicht!

Irgendwann haben wir alle Fotos, auf der Einwohnerkontrolle wird man für einmal sogar freundlich empfangen und schliesslich sind die Karten  bestellt und bezahlt. (Macht insgesamt 125 Franken plus dreimal fünf Franken Gebühr fürs Einschreiben, damit jede Karte separat an die gleiche Adresse zugestellt werden kann. Es lebe die Bürokratie!)

Zu Hause wird feierlich ein oranges Post-it entsorgt. Jetzt bleiben bloss noch etwas 498. Das muss gefeiert werden!

Post-it-Tage

Es ist mal wieder Post-it-Zeit. Jene wunderbare Zeit im Jahr, in der die ganze Wohnung vollgepflastert ist mit orangefarbenen Post-it-Notizen, damit man vor lauter ausserordentlichen Terminen das Alltagsgeschäft nicht vergisst. Schuljaresende. Mehr müsste man dazu eigentlich gar nicht sagen. Um aber jenen, die noch nicht in der Mühle des Schulsystems stecken, einen Vorgeschmack  darauf zu geben, was auf sie wartet, wollen wir hier ein wenig ins Detail gehen. Die anderen sind gebeten, hier nicht mehr weiterzulesen. Sonst bringen sie ihre eigenen Termine mit Vendittis Terminen durcheinander und geraten in Stress, weil sie meinen, sie müssten auch noch das Datum von Luises Kindergarten-Abschlussfeier im Kopf behalten.

Die Post-it-Tage beginnen spätestens Ende Mai. Es fängt ganz harmlos an mit des Zoowärters Besuchsmorgen in der Spielgruppe. Da die Spielgruppenleiterin Mutter ist, weiss sie eben ganz genau, dass man solche Termine am besten frühzeitig organisiert. Sonst begleiten  die gestressten mehrfachen Mütter plötzlich ihren Teenager zum Schnuppern in die Spielgruppe und schicken ihren Zweijährigen in die Schnupperlehre beim Elektriker.

Nach dem Schnuppermorgen geht es dann so richtig los. Musikschulkonzert für die Geigenschüler mit zusätzlichen Proben, damit es nicht zu langweilig wird, Musikschulkonzert für die Musikgrundschüler und die Geigenschüler, zusätzliche Geigenproben für die Theateraufführung, Kindergartenreise, Schulausflug, Kindergartenausflug (zweimal mit Wurstbräteln, einmal ohne, immer mit reichlich Zeckenspray), Schnuppermorgen im Kindergarten mit dem FeuerwehrRitterRömerPiraten, Schnuppermorgen bei den neuen Lehrerinnen für Karlsson und Luise (hier zählt nicht die physische Anwesenheit der Mama, sondern die moralische Unterstützung) Infoabend mit der Schulleitung, Elternabend, Abschiedsgeschenke-Basteln für die diversen Lehrerinnen (je nach Organisationstalent der Initiantin chaotisch oder perfekt gemanagt ), Einordnen der provisorischen Stundenpläne, Telefonlisten und Klassenlisten für das kommende Schuljahr (wobei man höllisch aufpassen muss, dass man nicht die Liste mit den Finalisten für den „Schnellsten Schönenwerder“ für die Telefonliste hält, was eine panische Suchaktion irgendwann im Herbst nach sich ziehen würde), Abschlussfeiern in Spielgruppe, Kindergarten und Schule, Schulhausfest, vorgezogene Geburtstagsparty für den FeuerwehrRitterRömerPiraten, Nervenzusammenbruch.

Nein, ganz so schlimm ist es natürlich nicht. Aber es ist auch nicht gerade hilfreich, dass „Meiner“ ebenfalls Teil des Schulsystems ist. Mit seinen Projektwochen, Stundenplansitzungen, Zirkusvorführungen und Elterngesprächen, die alle auch noch vor Schuljahresende stattfinden müssen, verbaut er mir so manchen Termin. Und plötzlich stehe ich da ohne Babysitter, wenn ich doch eigentlich mit Luise zum  Augenarzt müsste. Und Augenarzttermine hinterfragt man nicht. Die nimmt man, wie man sie bekommt und wäre es um elf Uhr abends. Ist aber auch zu dumm, dass Luise  ausgerechnet in der Post-it-Zeit ihr Auge verletzen musste. Karlsson hat letztes Jahr seinen geplatzten Blinddarm wenigstens auf die Sommerferien  verlegt. Aber Karlsson steckt ja auch schon länger im System. So lange, dass auch er damit beginnt, die Wände mit Post-its vollzupflastern.

Damit uns in diesem stetigen Alltagstrott des immer Gleichen nicht zu langweilig wird, haben wir uns für diesen Sommer einen ganz besonderen Kick ausgedacht. Wir erweitern unseren Wohnraum um ein Stockwerk. So können wir das unendliche Warten zwischen zwei Terminen mit dem Ausmisten der Zimmer und dem Packen von Schachteln verkürzen. Weshalb wir mehr Wohnraum brauchen? Nun, so langsam geht uns der Platz für die Post-its aus. Deshalb müssen wir an die Zukunft denken. Immerhin stehen wir ja erst am Anfang. Das Prinzchen, zum Beispiel, hat noch fast gar keine Termine.

Ach ja, und weil das alles doch ein bisschen langweilig ist, hat „Meiner“ neulich unseren Globi-Familienplaner (der einzige, der genügend Spalten hat, darum Globi) für ein paar Tage in den Malkeller verschleppt. Post-it- Tage ohne Unterstützung des Familienplaners, das Höchste der Gefühle!