Wunder unter dem Sofa

Katzenmama Henrietta ist einfach ein Phänomen. Schleicht sich irgendwann im Laufe des Morgens ins Wohnzimmer, legt sich unters Sofa und fängt an, zu gebären – nicht im Heubett, übrigens. Das alles so leise und unaufgeregt, dass ich, die ich auf dem Sofa meine Magenverstimmung auskuriere, erst etwas davon mitbekomme, als es unter mir zart zu miauen beginnt. Nach und nach kommen die kleinen bis mittelgrossen Vendittis von der Schule nach Hause,  doch Mama Henrietta lässt sich dadurch nicht im Geringsten stören und gebärt in aller Seelenruhe weiter. Ihr doch egal, wenn die Jungs am Esstisch nebenan lärmen und Luise alle paar Minuten zum Sofa gerannt kommt, um zu sehen, ob wieder ein Kätzchen das Licht der Welt erblickt hat.

Kurz nach dem Mittagessen säugen fünf kräftige Katzenmädchen an Henriettas Zitzen. Ebenfalls kurz nach dem Mittagessen stehen fünf gewöhnlich sehr laute Vendittikinder für einmal stumm und andächtig da und bestaunen das Wunder, das sich ganz nebenbei unter dem Sofa abgespielt hat. Das Staunen wird sogar noch grösser, als das Prinzchen eine Eierschale aufhebt, die aus unerklärlichen Gründen den Weg ins Geburtsnest gefunden hat. „Schau mal, Mama, hier ist sogar noch die Schale von dem Ei, aus dem die Kätzchen geschlüpft sind.“

Na gut, den Glauben an dieses Wunder musste ich unserem Jüngsten schleunigst wieder austreiben, sonst kommt er am Ende noch auf die Idee, der Osterhase bringe die kleinen Kätzchen. 

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Relax

Hinter uns liegen zwei äusserst intensive Wochen. Menschen, die wir mögen gaben sich die Klinke in die Hand, die einen auf Einladung, die anderen spontan, aber alle gleich willkommen. Unsere Tage waren angefüllt mit tiefschürfenden Gesprächen, Gelächter, gemütlichen Teestunden, gemeinsamem Kochen und langen Abenden. Torten, Osterhasen, frische Blumen und sogar ein Trampolin für unsere Kinder fanden den Weg zu uns, auch hier wieder einiges als Begleiterscheinung einer Einladung, anderes spontan, aber alles überraschend und sehr willkommen. 

Waren wir ausnahmsweise mal unter uns, nutzten wir die Zeit, um unser Zuhause wieder halbwegs gästetauglich herzurichten und Vorräte für weitere gemütliche Mahlzeiten anzuschleppen. War auch das getan, unterhielten uns Karlsson und Luise, indem sie in die Rolle von Menschen schlüpften, die wir nicht zu unseren bevorzugten Gästen zählen. (Keine Angst, ihr, die ihr hier wart, gehört nicht in diese Kategorie und ihr, die ihr demnächst bei uns eingeladen seid, auch nicht.) Oft brachten sie uns zum Lachen, hin und wieder strapazierten sie damit aber auch unsere Geduld. 

Es war eine schöne Zeit, die wir sehr genossen haben. Dennoch waren „Meiner“ und ich irgendwann ziemlich geschafft. Darum sollte sich jeder von uns am heutigen Ostermontag ein paar Stunden ganz für sich gönnen dürfen. Für „Meinen“ war schnell klar, womit er diese Stunden füllen will: Sauna, Stille, nur ein wenig lesen und ausspannen, bevor morgen der Arbeitsalltag wieder beginnt. Ich aber wusste nicht so recht, was ich tun sollte. Ein richtig gutes Buch, das mich für ein paar Stunden in eine andere Welt entführt, habe ich derzeit nicht. Bleibe ich zu Hause, bin ich umgeben von einem Haufen unerledigter Dinge, gehe ich in ein Café, laufe ich Gefahr, irgendwelche Bekannte zu treffen und danach ist mir nach diesen zwei Wochen trotz aller Liebe zu meinen Mitmenschen nicht wirklich.

Nach reiflicher Überlegung kam ich zum Schluss, dass einzig die  Luxusvariante taugt, um mir etwas Ruhe zu verschaffen: Eine heftige Magenverstimmung, die mich dazu zwingt, mich jammernd ins Bett zu legen und mir die Decke über den Kopf zu ziehen. Ich weiss eben noch, wie sich richtige Erholung anfühlen sollte…

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Wie wär’s mit einer Heugeburt?

Bereits zum zweiten Mal begleite ich sie durch eine Schwangerschaft und wie schon beim letzten Mal lässt sie sich viel Zeit mit der Entscheidung, wo der Nachwuchs zur Welt kommen soll. Wir haben uns zwar schon zwei oder drei Geburtsstätten angeschaut, doch bisher ist sie mit keiner so richtig warm geworden; mal tendiert sie eher zu kuschelig und warm, dann wieder zu kühl und funktional. Allmählich macht sie mich ein wenig nervös mit ihrem andauernden Hin- und her, denn die Geburt steht unmittelbar bevor. Wenn sie sich nicht endlich entscheidet, passiert es am Ende noch im Treppenhaus.

Gut, immerhin scheint sie inzwischen zu wissen, in welche Richtung es gehen soll: Zurück zum Wissen ihrer Vormütter. Mir scheint, sie liebäugelt mit einer Heugeburt, so wie das früher eben üblich war. Ich habe da zwar noch einige Bedenken bezüglich der Sauberkeit im Gebärsaal, doch wir haben ihr schon mal vorsorglich ein weiches Heulager unter dem Sofa eingerichtet. Einfach für den Fall, dass sie sich für die traditionelle Geburt entscheidet. Wo sie schon den ganzen Schmerz durchstehen muss, soll Katzenmama Henrietta wenigstens wählen dürfen, wo sie ihre Kinder zur Welt bringt.

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Des Rätsels Lösung

Der Feierabend naht, doch das Prinzchen zeigt nicht die geringsten Anzeichen von Müdigkeit. Damit wir ihn trotzdem zu einer halbwegs vernünftigem Zeit ins Bett schicken können, erlauben wir ihm noch ein paar Sprünge auf dem Trampolin. Zwanzig Minuten später ist er noch gleich aufgedreht wie zuvor, doch wir irgendwann muss einfach Schluss sein. Nach einigen Kapriolen verschwindet unser Jüngster im Bett, doch wenig später steht er wieder im Wohnzimmer, muss uns noch etwas zeigen. Nett, wie wir nun mal zu sein versuchen, schenken wir ihm die Aufmerksamkeit, die er wünscht, dann muss er zurück in sein Zimmer. Wie es weitergeht, kann sich jeder vorstellen, der selber Kinder hat, darum erspare ich euch die Details. Erstaunen dürfte euch allenfalls, dass es bis Mitternacht so weitergeht.

Das erstaunte nämlich auch uns. Abend für Abend fragten wir uns, wie ein kleiner Mensch, der vom frühen Morgen an pausenlos ums Haus herumrennt, bastelt, singt, klettert, streitet, Trottinett fährt, Lego baut,… es fertigbringt, nicht müde zu werden. Wie um alles in der Welt schafft er es, länger wach zu bleiben als wir?

Heute erfuhren wir, wie: Als sie neulich am Nachmittag von der Arbeit nach Hause gekommen sei, erzählte mir die Mama von Prinzchens besten Freund, habe sie die zwei Jungs auf dem Sofa angetroffen, beide tief schlafend. Das sei übrigens nicht das erste Mal vorgekommen, sie hätte das nun schon mehrmals erlebt. „Also doch gedopt“ , dachte ich und fragte das Prinzchen, ob das wirklich wahr sei. Ja, manchmal würden sie schon ein wenig schlafen, gestand er und war ihm ganz offensichtlich peinlich, dass das Geheimnis seiner vermeintlich unerschöpflichen Energie gelüftet ist.

Gut, nun ist die Sache mit den heimlichen Mittagsschläfchen also aufgeflogen. Weshalb er länger durchhält als wir Eltern, bleibt weiterhin ein Geheimnis. Ich meine, wir gönnen uns fast jeden Tag ganz offiziell ein Mittagsschläfchen, doch es hilft nichts, wir sind abends trotzdem vollkommen fertig.

Vielleicht sollten wir auch damit anfangen, heimlich zu schlafen…

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So habe ich das nicht gemeint

Genau das, was ich nie hätte tun wollen, habe ich getan: Ich habe Kleinkind-Eltern entmutigt. Ich habe geschrieben, was sie jetzt durchmachten sei nichts im Vergleich zu dem, was später noch kommt. Gut, genau so habe ich das gar nicht gemeint, aber man kann meinen gestrigen Text sehr wohl so verstehen, wenn man mich nicht näher kennt.

Wie habe ich es doch gehasst, wenn man mir damals, als ich völlig übernächtigt und am Rande meiner Kräfte war, zu verstehen gab, dass das noch gar nichts sei. „Kleine Kinder, kleine Sorgen…“, sagten gewisse Mütter mit vielsagendem Blick und ich konnte mich nur mit Mühe davon zurückhalten, ihnen an die Gurgel zu springen. Manchmal frage ich mich, weshalb ich es nicht getan habe, in meinem übernächtigten Zustand hätte ich vor Gericht bestimmt auf Unzurechnungsfähigkeit plädieren können…

Nun, ich mag den Spruch heute noch nicht ausstehen, denn mir wird je länger je mehr bewusst, dass jeder Wegabschnitt, den wir mit unseren Kindern gehen, seine eigenen Herausforderungen, aber auch seine eigenen Freuden mit sich bringt. Darum möchte ich allen, die sich durch meinen gestrigen Text entmutigt gefühlt haben, sagen: Es wird weder besser noch schlimmer, es wird einfach anders und wenn ihr bis jetzt einen Weg gefunden habt, euer Elternleben zu meistern, dann werdet ihr ihn auch in der nächsten Phase wieder finden. Und in der übernächsten auch…

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Paarzeiten

Babies und Kleinkinder schaden dem Beziehungsleben, darüber sind sich so ziemlich alle einig, die keine Babies oder Kleinkinder haben. Mit wenig Schlaf, einem veränderten weiblichen Körper, einem rund um die Uhr zu versorgenden kleinen Menschlein und wenig Raum für Zweisamkeit muss eine Beziehung doch einfach zu kurz kommen, denkt man. Gut, vollkommen falsch ist das nicht. Es ist tatsächlich eine ziemlich grosse Umstellung vom Paar zur Familie, doch wenn die Kleinen erst mal einen gewissen Rhythmus gefunden haben, ist es gar nicht mehr so schwierig, auch wieder Paarzeiten einzuschalten. Zumindest, wenn man sich damit abfinden kann, dass die Knöpfe die sorgfältigste Planung zu jeder Zeit mit einem kleinen Virus oder einem überraschenden Armbruch zu Fall bringen können. 

Das alles ist nichts, im Vergleich zu dem, was kommt, wenn die Kleinen erst mal grösser sind. Abends um acht verschwinden sie nicht brav auf ihren Zimmern, nein, dann kommen sie erst aus ihren Löchern hervorgekrochen und wollen reden. Oder Hilfe bei den Hausaufgaben. Oder mit Mama einen Chick-Flick schauen. Oder streiten. Die Sache mit der Geheimsprache kannst du dir auch abschminken, wenn sie mal aufgeklärt genug sind, um zumindest erahnen zu können, was sich Mama und Papa zwischen Suppenschüssel und ausgeleerten Saftgläsern mitzuteilen versuchen. Zweisamkeit wird zum Fremdwort, weil immer einer von beiden jemanden irgendwohin chauffieren oder von dort wieder abholen muss. Vielleicht schaffst du es gerade noch, „Deinem“ im Vorbeigehen zwischen Tür und Angel zu sagen, dass du ihn vermisst und gerne mal wieder etwas Zeit mit ihm verbringen möchtest. Wenn du Glück hast, erinnert er sich daran, wer du bist und fragt sich nicht, wer diese mittelalterliche Tussi ist, die ihn da einfach so anbaggert. 

Sollte es dir dennoch einmal gelingen, ihn zu einem gemeinsamen Tässchen Tee zu verführen, kommt ganz bestimmt ein Teenager daher und will ebenfalls ein Tässchen haben. Und du kannst es ihm nicht mal verwehren, denn die Ausrede „Du kannst nicht schlafen, wenn du nachmittags um vier Schwarztee trinkst“, quittiert er mit einem Schulterzucken und „Muss ohnehin lange wach bleiben, weil ich noch für diesen Test üben muss. Hilfst du mir?“ Falls dann doch irgendwann vor Mitternacht Ruhe einkehrt, versuchst du verzweifelt, „Deinen“ aus dem Sofa-Tiefschlaf zu rütteln, damit ihr die Nacht immerhin –  mit Katze und  einem von der Angst geplagten Kind –  im gleichen Bett verbringt. 

Wie, ihr glaubt, ich würde übertreiben? Aber klar tue ich das. Wenn nicht gerade Schulferien sind haben „Meiner“ und ich ja jeden Freitagmittag fünfzig Minuten nur für uns. Zeit genug, um einander bei einem Sandwich zu versichern, dass wir alles in unserer Macht stehende unternehmen werden, um unsere Zweisamkeit durch die Teenagerjahre unserer Kinder hindurch zu retten. 

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Furchtlos

Sie schaffte es, kleine Kätzchen zuerst zu waschen, mit Flohshampoo einzureiben und dann noch einmal zu waschen. Klar, sie bekam dabei ein paar Kratzer ab, doch kaum waren sie trocken, liessen sich die Kleinen wieder von ihr hätscheln und streicheln.

Nur sie war fähig, unseren Katzen die Entwurmungstabletten so in den Mund zu schieben, dass sie drin blieben. 

Sie war die Einzige, die unsere – inzwischen leider entlaufenen – Kaninchen kämmen konnte.

Als sich die Wachteln noch gegenseitig die Köpfe hackten, verarztete sie geduldig die blutenden Wunden, bis sie wieder verheilt waren.

Katze Henrietta lässt sich von ihr den schwangeren Bauch abtasten, gerade so, als hätte sie sich bei ihr zur Vorsorgeuntersuchung eingefunden. 

Dass Luise mit ihrer speziellen Mischung aus Zärtlichkeit und Strenge so ziemlich jede schwierige Situation mit unseren Tieren meistert, wissen wir schon seit einiger Zeit. Dennoch hat uns ihr heute geleistetes Paradestück fast aus den Socken gehauen. Kater Leone kam mit drei widerlichen, vollgesogenen Zecken an Kopf und Nacken von einem Ausflug nach Hause. „Meiner“, der ansonsten Widerlichkeiten keineswegs abgeneigt ist, weigerte sich, hinzusehen und ich hätte es ihm gleichgetan, hätte ich nicht das Pech gehabt, die Biester als Erste zu entdecken. Während wir Eltern uns noch gegenseitig dazu zu drängen versuchten, den armen Kater von den Blutsaugern zu befreien, zog Luise sie ihm mit sicherer Hand aus der Haut. Danach betrachtete sie die Biester eingehend und sinnierte darüber nach, welche Bedingungen erfüllt sein müssen, dass sie sich leicht entfernen lassen.

Das allein war schon ziemlich beeindruckend. Noch beeindruckender aber war, dass Luise mit ihren Schilderungen „Meinen“ dazu brachte, sich mit leicht grünlichem Gesicht abzuwenden und sie anzuflehen, sofort mit diesem Gerede von Zecken aufzuhören, weil er sich sonst erbrechen müsse. Ich glaube, auch diese Leistung hat ausser ihr noch keiner fertig gebracht. 

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Weil auch hier nicht das Paradies ist…

Weshalb wir im Sommer überhaupt in die Ferien fahren würden, wollte il Cuginos grosser Bruder von mir wissen. Bei uns sei es so traumhaft schön, da könnte man doch eigentlich immer zu Hause bleiben. Die Frage überraschte mich nicht,  befanden wir uns doch gerade bei strahlendem Sonnenschein auf einer grünen Wiese, umgeben von blühenden Bäumen und bunten Frühlingsblumen. Zwitschernde Vögel, Kirchenglocken und ein vor Freude kreischendes Prinzchen sorgten für die perfekte Geräuschkulisse. Ja, bei uns ist es tatsächlich schön, dachte ich. Und für Gäste aus Süditalien, die mit Erstaunen feststellen, dass hierzulande eine öffentliche Wiese gemäht und gepflegt wird, muss das alles noch viel schöner aussehen. 

Warum also verreisen? Weil unser Leben leider nicht so beschaulich ist, wie die Kulisse, vor der es sich abspielt. Sind wir zu Hause, dann sind wir auch verfügbar. Für Besprechungen, spontane Arbeitsaufträge, Therapiegespräche, Tierarztbesuche, kaputte Haushaltgeräte, Werbeanrufe, Kinder chauffieren… Bleiben wir hier, beinhalten auch Ferientage eine gehörige Portion Alltag, was nicht nur schlecht ist, denn auch der Alltag hat einige ganz nette Dinge zu bieten. Eine spontane Kaffeerunde mit dem Nachbarn, zum Beispiel, Nachbarskinder, die bis zum Eindunkeln mit unseren Kindern herumtoben, Setzlinge auspflanzen,… So richtig zur Ruhe kommen wir aber nie, wenn wir zu Hause sind, nicht mal dann, wenn wir uns einmal zum süssen Nichtstun durchgerungen haben. Dann klingelt nämlich bestimmt das Telefon…

Darum verreisen wir, wann immer es unser Budget zulässt. Und natürlich auch, weil es nicht nur hier traumhaft schön sein kann, sondern an ganz vielen anderen Orten auf diesem Planeten ebenso. 

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Von wegen nutzlos

In den Gemüsegärten meiner Kindheit fristeten Blumen ein Schattendasein. Blumen könne man eben nicht essen, erklärten die Gemüsegärtner, wenn man sie fragte, weshalb es in ihren Gärten nicht bunter sei. Bereits nach dem Genuss meiner ersten Kapuzinerkresse-Blüte ahnte ich, dass diese Gärtner irrten, doch wie weit sie mit ihrer Meinung daneben lagen, wird mir erst allmählich bewusst.

Oh nein, es wäre mir nie in den Sinn gekommen, auf Blumen im Garten zu verzichten. Ihre Schönheit genügt mir vollauf, um ihnen Platz zu schaffen. Mehr und mehr erkenne ich aber, dass es ohne sie gar nicht geht. Mein Wissen auf diesem Gebiet ist zwar noch sehr beschränkt – Rittersporn gegen Engerlinge, Futterpflanzen für Bienen und Schmetterlinge, Ringelblumen, Salbei, Kapuzinerkresse und Bartnelken gegen Schnecken -, doch zweifelsohne gibt es da einige in Vergessenheit geratene Gartenweisheiten, von denen mein Garten viel profitieren könnte. Und darum werden ab sofort die Blümchen mit gleich viel Hingabe gehätschelt wie bis anhin nur die Tomaten.

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Famiglia

Die italienische Seite unserer Verwandtschaft war uns lange Zeit fremd. Ein paar Missverständnisse, eine Handvoll kultureller Unterschiede und ein paar Mutter-Sohn-Schwiegertochter-Spannungen und schon fühlte man sich fremd. Je länger man sich nicht mehr sah, umso fremder fühlte man sich. Dann kam il Cugino und bald einmal merkten wir, dass wir uns näher sind als wir dachten. Nicht nur, weil er ein netter Mensch ist, der perfekt in unsere Familie passt. Auch weil er „Meinem“ ähnlicher ist, als wir erwartet hätten. 

Gut, einen grossen Unterschied gibt es zwischen den beiden. Im Gegensatz zu „Meinem“ hat il Cugino nämlich Geschwister und die sind derzeit bei uns zu Besuch. Offen gestanden hatte ich zuerst etwas Angst vor diesem Besuch. Ich meine, man hat sich Jahre lang nicht gesehen und ich war mir auch nicht so sicher, ob mein Italienisch ausreicht, um mit drei echten und einem in der Schweiz geborenen Italiener mitzuhalten. 

Wie sich bereits nach kurzer Zeit herausstellte, waren meine Sorgen ganz und gar unbegründet. Wo mein Italienisch nicht ausreicht, hilft man sich mit Gesten. Kommt ein schwieriges Thema zur Sprache, redet man ungewohnt offen miteinander. Entsteht ausnahmsweise mal eine Gesprächspause, sorgen die Kinder für Unterhaltung. Kurz, das Zusammensein ist ganz und gar entspannt und friedlich. Sieht ganz danach aus, als würde ich nach 22 Jahren endlich „la famiglia“ kennen lernen.

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