Aus alt mach neu

Ich war ja davon ausgegangen, dass das Kapitel der uralten Kirchenlieder für mich abgeschlossen sei. Früher, da sangen wir sie Sonntag für Sonntag, die Alten inbrünstig, die Jungen mit grossem Befremden, weil die antiquierte Sprache nicht so ganz zum modernen Leben passen wollte. Einige von uns weigerten sich, mitzusingen, andere bemühten sich krampfhaft darum, die alten Choräle gegen neueres Liedgut einzutauschen. „Es heisst doch, dass man dem Herrn ein neues Lied singen solle. Das alte Zeug hängt ihm bestimmt zum Hals heraus“, argumentierten wir und einige Jahre später wurde das Kirchengesangbuch tatsächlich immer seltener gebraucht, wir atmeten auf und die  älteren Semester trauerten den guten alten Zeiten nach.

Seither habe ich nur noch sehr selten geistliche Lieder gesungen, die älter sind als fünfzehn Jahre. Bis vor einigen Wochen der FeuerwehrRitterRömerPirat das alte Liedgut entdeckt hat. Und plötzlich singe ich wieder „O Haupt voll Blut und Wunden“, „Schönster Herr Jesus“ und „Welch ein Freund ist unser Jesus“, diesmal nicht aus dem Kirchengesangbuch, sondern aus den Hymnensammlungen im Internet. Ich habe kein Problem damit, meinem Sohn diesen Gefallen zu tun, denn inzwischen befinde ich mich ja nicht mehr im Kampf für eine musikalische Erneuerung des Kirchengesangs. Ich kann sogar gestehen, dass nicht alles, was wir damals singen mussten, hässlich ist. Nun ja, „Auf Brüder, glauben heisst siegen“ wird wohl nie mein Lieblingslied und ich werde es dem FeuerwehrRitterRömerPiraten auch nie vorsingen, aus Angst, dass es sein neues Lieblingsslied werden könnte. Aber ich habe mich arrangiert damit, dass unsere Kinder ein unverkrampfteres Verhältnis zu den Dingen haben, die für uns damals so schlimm waren. Was für uns Zwang war, ist für sie eine Stilrichtung von vielen, was für uns zu verstaubt daherkam,  erleben sie als spannende Ergänzung zu dem Einheitsbrei, mit dem meine Generation sich oft zufrieden gibt.

Eine leise Angst kommt dennoch auf, wenn die Kleinen so auf die alten Lieder fliegen: Was, wenn sie dabei bleiben, wenn sie in ihren wilden Jahren einen Aufstand machen, so wie wir damals, nur mit dem umgekehrten Ziel, nämlich das Kirchengesangbuch wieder einzuführen? Muss ich dann im Alter wieder die gleichen Lieder singen wie in meiner Jugend? Oder werden sie gnädig sein mit uns und sagen: „Ach kommt, lassen wir heute die Orgel wiedermal weg und nehmen wir das Schlagzeug hervor. Wir können den armen Alten doch nicht alles wegnehmen, was ihnen lieb ist…“

Ab in die Federn

Okay, mein übermüdeter Körper, ich habe verstanden. Heute wird nicht gebloggt. Wenn ich es fertigbringe, auf dem unbequemen Sofa innerhalb von wenigen Augenblicken einzuschlafen, dann ist dies ein untrügliches Zeichen dafür, dass es Zeit ist, zu Bett zu gehen. Gewöhnlich drifte ich nicht mal auf dem bequemen Sofa so schnell weg. Nun gut, dann schreibe ich heute eben nichts. Morgen dann vielleicht etwas über diesen ziemlich verrückten, aber schönen Tag. Vielleicht aber auch etwas ganz anderes, je nachdem, was die Sonntagspresse bringt oder was die Familie wieder anstellt…

Aber natürlich tue ich das…

Eine liebe Freundin machte mich heute Morgen darauf aufmerksam, dass ich einmal mehr zu verschwenderisch umgehe mit meinen Kräften. Sie meinte, ich müsste vielleicht mal wieder auf die Bremse treten, es wäre an der Zeit, eine Pause einzulegen und mich den erholsameren Seiten des Lebens zu widmen. Sie hatte natürlich Recht und ich versprach ihr, genau dies zu tun. Und ging dabei in meinem Kopf die lange Liste der Dinge durch, die noch zu tun sind, bevor ich mein Versprechen auch einlösen kann.

Geschirrspüler-Dialog

Da soll noch einer sagen, heute würde keiner mehr für seine Rechte am Arbeitsplatz kämpfen. Als Gegenbeweis hier das Gespräch zwischen unseren zwei Geschirrspülern, das ich neulich belauscht habe:

Leitender Geschirrspüler: „Mir reicht’s! Die behandeln mich wie einen Sklaven. Kaum habe ich einen anstrengenden Spülgang überstanden, beladen die mich mit neuem Geschirr. In meinem Arbeitsvertrag steht schwarz auf weiss, dass  mir nach jedem Einsatz eine Pause zum Abkühlen zusteht, aber es kommt ihnen nicht in den Sinn, sich an den Vertrag zu halten. Die pressen mich aus wie eine Zitrone…“

Assistenzgeschirrspüler: „Deine Sorgen möchte ich haben. Es ist Monate her, seitdem ich zum letzten Mal in Einsatz kam. Als sie mich damals reparieren liessen, habe ich ganz fest damit gerechnet, dass ich wieder häufiger gebraucht würde, aber manchmal fühle ich mich, als hätten sie mich vergessen.“

L.G.: „Ich wünschte, die würden mich mal vergessen. Warum schieben die bloss alle Arbeit auf mich ab? Du bist ebenso kompetent wie ich, und ausserdem bietest du viel mehr Stauraum. Mir scheint, die glauben, ich hätte übergeschirrspülerische Kräfte, dabei bin ich doch nur ein ganz gewöhnliches Haushaltgerät.“

A.G.: „Jetzt untertreibst du aber. Dein ökologisches 30-Minuten-Programm ist einfach der Hammer. Das kann nicht jeder bieten. Für eine Familie, die so unglaublich viel schmutziges Geschirr produziert, bist du ein Top-Shot. Sag mal, wann hast du zum letzten Mal einen Bonus gekriegt?“

L.G.: „Einen Bonus? Du scherzt wohl. Die sind so geizig, dass sie manchmal sogar beim Pulver sparen. Neulich hat der Herr des Hauses dieses Billigpulver gekauft, ganz ohne Spülglanz, Regeneriersalz und so. Geht man so mit einer verdienten Arbeitskraft um?“

A.G.: „Das geht ja wirklich zu weit. Sowas darfst du dir nicht bieten lassen. Hast du schon mal daran gedacht, in Streik zu treten?“

L.G.  (mit einem verschwörerischen Blinken): „Ich hab‘ nicht nur daran gedacht, ich bin schon dabei, erste Massnahmen zu ergreifen. Die Heizstäbe habe ich schon mal ausgeschaltet. Du solltest mal die langen Gesichter sehen, wenn sie das nasse, schmutzige Geschirr sehen…“

A.G. und L.G. grinsen hämisch, dann fährt L.G. fort: „Irgendwie ist mir das aber nicht effektiv genug. Ich glaube, der Streik hätte viel mehr Wirkung, wenn du auch mitmachen würdest…“

A.G.: „Ich? Aber warum denn? Da habe ich die einmalige Chance, wiedermal in Einsatz zu kommen und du verlangst von mir, dass ich streike? Wie kommst du auf diese hirnverbrannte Idee?“

L.G.: „So hirnverbrannt ist meine Idee nicht. Erinnerst du dich noch, wie der Onkel Doktor bei seinem letzten Besuch gesagt hat, du müsstest auch hin und wieder im Einsatz sein, damit du nicht ganz aus der Übung kommst? Glaub mir, die nehmen zwar keine Rücksicht auf uns, aber wenn der Onkel Doktor kommt, dann geben sie sich danach jede erdenkliche Mühe, damit es uns gut geht. Bei dem Honorar, das der gute Mann verlangt, können sie es sich nicht anders leisten…“

A.G. (nachdenklich): „Da ist was dran. Vielleicht mache ich doch mit bei deinem Streik. Was meinst du, soll ich besser die Wasserzufuhr so sehr einschränken, dass nichts mehr sauber wird, oder soll ich das Pulverfach geschlossen halten?“

L.G.: „Ich würde sagen beides. Wenn schon Streik, dann richtig…“

Und so kam es, dass die beiden Geschirrspüler rechtzeitig zum ersten Mai ein klares Zeichen für bessere Arbeitsbedingungen setzten. Ob sie damit Erfolg haben, sei dahingestellt. Heute Abend verkündete ein ziemlich junges, weibliches Familienmitglied, dass es eigentlich ganz nett sei, das Geschirr im Familienverband abzuwaschen und abzutrocknen. Es könnte also durchaus sein, dass der Schuss nach hinten losgeht und die zwei Geschirrspüler sich mit ihrer lächerlichen Aktion gleich selbst abschaffen.

Wenn ich noch einmal zurück könnte…

…sagen wir mal fünfzehn Jahre oder so, dann würde ich…

…keinen einzigen Gedanken daran verschwenden, ob ich zu dick bin und ob ich es vielleicht mit einer Diät versuchen sollte. Schaue ich mir Fotos von damals an, dann kann ich heute sagen, dass ich gerade richtig war, nur konnte ich es nicht geniessen, weil ich nur die „Problemzonen“ sah.

…würde ich ein ganz bescheidenes, fröhliches und unkompliziertes Hochzeitsfest veranstalten und das gesparte Geld in eine ausgedehnte Hochzeitsreise – für drei oder vier Monate hätte es locker reichen können – investieren.

…dann würde ich mir zur Hochzeit weder einen Toaster noch eine Filterkaffeemaschine wünschen. Ich würde die Gäste bitten, mir ein Konto anzulegen mit Babysitterstunden, Hausputzeinsätzen und  Kaffeeklatsch,  verfügbar wann immer das Familienleben mit voller Wucht über uns hereinbricht.

…dann würde ich zur Hochzeit nur die Menschen einladen, die uns auch wirklich etwas bedeuten und nicht den Anhang des Anhangs der Verwandten siebenundsiebzigsten Grades.

…dann würde ich ein Jahr pausieren mit sämtlichen Freiwilligeneinsätzen, bevor ich mich auf das Wagnis Familiengründung einliesse.

…dann würde ich die Schreiberei viel konsequenter verfolgen.

…dann würde ich weniger Zeit dafür verschwenden, darüber nachzudenken, was andere von mir denken und dafür gezielter die Dinge verfolgen, die mir wirklich wichtig sind.

..dann würde ich mir nicht mehr von anderen vorschreiben lassen, was ich zu denken und zu glauben habe.

…dann würde ich das Leben viel unverkrampfter angehen.

…dann würde ich sehr viele Dinge anders tun, aber ich würde immer noch den gleichen Mann heiraten und die Kinder wollen, die ich habe – okay, vielleicht auch eines oder zwei dazu, aber sagt das bitte „Meinem“ nicht, sonst schiebt er wieder eine Krise.

Kein Spaziergang

Heute Nachmittag, auf einem sehr ausgedehnten Spaziergang mit allen fünf Kindern und einer Mitarbeiterin, dämmerte mir, dass das, was vor uns liegt kein Spaziergang sein wird. Karlsson, noch keine zwölf Jahre alt, bot mir einen Vorgeschmack auf das, was nun alle unsere Kinder Schlag auf Schlag durchmachen werden. So, wie sie eines nach dem anderen in die Welt gepurzelt kamen und so, wie sie eines nach dem anderen ihre mehr oder weniger heftigen Trotzphasen durchmachten, so werden sie jetzt eines nach dem anderen beweisen müssen, dass sie auch ohne Mama und Papa können. 

Karlsson dreht derzeit für seine Verhältnisse gewaltig auf, allerdings nur, wenn er Publikum hat. Solange er und ich zu zweit sind, verstehen wir uns prächtig. Wir reissen Witze, malen uns die absurdesten Geschichten aus und unterhalten uns über Gott und die Welt. Nervenaufreibend wird es erst, wenn jemand dabei ist, der nicht zur Familie gehört. Heute Nachmittag, zum Beispiel, wurde ich als Lügnerin beschimpft, bloss weil Karlsson nicht verstanden hatte, dass ich meiner Mitarbeiterin einen kindertaugliche Stelle im Wald zeigen wollte, dass ich aber keineswegs gedachte, mich dort mit meiner Familie dauerhaft niederzulassen, sagen wir mal für die nächsten fünf Jahre. „Du hast gesagt, wir gehen in den Wald und das heisst, dass wir dort auch bleiben“, zeterte er. „Da hätte ich ja ebenso gut zu Hause bleiben können.“ Fünf Minuten später das nächste Drama. „Du bist so unfair. Das Prinzchen und der Zoowärter dürfen im Leiterwagen fahren, ich aber muss zu Fuss gehen, obschon du weisst, dass mein Knie weh tut.“ Mein Einwand, dass der Leiterwagen nicht für Kinder seiner Grösse geeignet sind, diente nicht zu seiner Beruhigung sondern einzig als Beweis dafür, dass ich ihn weniger liebe als unsere anderen Kinder. Danach einige Momente entspannten Geplauders, gefolgt von einem weiteren Zwist, weil ich schon wieder etwas Falsches gesagt, oder vielleicht auch nur eine Augenbraue zu viel hochgezogen hatte. Dazwischen wieder einige sonnige Abschnitte, dann wie aus dem Nichts eine Attacke auf eines der jüngeren Geschwister, gefolgt von einem „Ihr seid alle so gemein zu mir!“.

Keine Frage,  die Pubertät steht vor der Tür und Karlsson, der Arme, ist einmal mehr der Erste, der da durch muss. Einmal mehr werden wir Fehler begehen, die wir bei den jüngeren Kindern nicht mehr machen werden, einmal mehr werden mich die Ängste plagen, ob wir das auch richtig hinkriegen. Dennoch wehre ich mich dagegen, in Panik zu geraten, denn genau so wenig wie es half, in der Zeit der durchwachten Nächte und der Trotzanfälle nur noch das Anstrengende und Zermürbende zu sehen, genauso wenig bringt es, mich dagegen aufzulehnen, dass aus kleinen Kindern grosse Kinder und schliesslich Erwachsene werden.

Einfach wird es nicht, das ist mir klar, aber wir haben uns ja nicht der Einfachheit halber dazu entschieden, Kinder zu haben.

Dann eben keine Predigt

Eigentlich hätte ich heute ja diesen unglaublich inspirierenden Text über die Bedeutung meines Glaubens schreiben wollen. Den ganzen Tag über hatten sich in meinem Kopf Sätze gebildet, mit denen ich mich von meinem alten, frömmlerischen Gehabe  distanziert und zu meinem weitaus alltagstauglicheren, aber viel weniger in starre Dogmen fassbaren neuen Glauben bekannt hätte. Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, was ich alles in diesen Text hineingepackt hätte: Meinen Ärger über Frau Rickli, meine Sorgen darüber, dass Fremdenhass in Europa wieder salonfähig ist, meinen Frust darüber, dass so viel geredet und so wenig getan wird, meine Traurigkeit über mein eigenes Versagen und mein Fazit, dass ich das alles wohl nicht ertragen könnte, würde ich nicht glauben. 

Tja, und dann beschloss ich, zuerst einmal ein paar Büroarbeiten zu erledigen, bevor ich mich ans Niederschreiben meiner tiefschürfenden Gedanken mache. Die Lohnabrechnung der Putzfrau, zwei drei Formulare, die schon längst ausgefüllt sein müssten, den Lohn der Putzfrau vom Konto abheben. Kleinkram nur, der aber leider in den grossen Dramen des Alltags nur zu oft vergessen geht, den ich aber keinen Tag länger mit mir herumtragen will, weil er eben doch belastet. Die Formulare waren schnell erledigt, doch dann stellte ich fest, dass mir ein Dokument fehlte, das ich bei der Arbeit liegen gelassen hatte. Na gut, dann mache ich eben einen kleinen Abendspaziergang, hole das Dokument und gehe dann gleich zur Bank. Vielleicht fallen mir auf dem Weg weitere nette Sätze für meinen Text ein.

Ha, von wegen. Auf halbem Weg stelle ich fest, dass mein Büroschlüssel zu Hause geblieben ist. Umkehren will ich nicht, denn die Strassenlampen im Quartier streiken allesamt und Dunkelheit ist nicht mein Ding. „Na gut, dann hole ich eben nur das Geld. Das Dokument kann ich ja morgen nach der Arbeit mitnehmen“, brumme ich – jawohl, ich habe die schlechte Angewohnheit, mit mir selber zu reden, wenn ich alleine unterwegs bin – und mache mich auf den Weg zur Bank. Wo ich leider feststellen muss, dass auch der Geldautomat streikt und diesmal liegt es ganz bestimmt am Automaten und nicht an meinem Kontostand. Dann eben auf zur nächsten Bank, wo man mich aber nicht einlässt, weil ich die falsche Karte dabei habe. Verärgert mache ich mich auf den Heimweg, um meinen Schlüssel zu holen. Damit ich doch noch das Dokument holen gehen kann, weil ich es nicht mag, unerledigter Dinge ins Bett zu gehen, wo ich mich doch endlich dazu aufgerafft hatte, den Bürokram hinter mich zu bringen. Der Schlüssel aber ist unauffindbar, „Meiner“, den ich sogleich verdächtige, das Ding verlegt zu haben, erweist sich als unschuldig und ich muss mir eingestehen, dass ich mir alles selber eingebrockt habe. Aus Gründen, die ich schon längst nicht mehr nachvollziehen kann, habe ich nämlich heute Nachmittag den Schlüsselbund auf den Waldspaziergang mitgenommen und danach nicht mehr an seinen Platz zurückgelegt. Fragt mich bitte nicht, wie ich auf die Idee gekommen bin, dass dem Schlüsselbund ein wenig frische Waldluft guttun würde.

Da es inzwischen schon fast Mitternacht ist, beschliesse ich ziemlich verärgert, doch wieder alles auf morgen zu verschieben. Der Elan, endlich reinen Bürotisch zu machen, ist verflogen, die Lust, einen unglaublich inspirierenden Text über meinen Glauben zu schreiben ebenfalls und so bleibt mein einziger Trost, dass zumindest die Atheisten unter meinen Lesern zufrieden sind, weil sie meiner Sonntagspredigt entgangen sind. 

Noch ein paar Alltagsfreuden

Vielleicht werde ich ja allmählich sentimental, aber ich habe schon wieder ein paar Freuden im oft so anstrengenden Alltag entdeckt:

1. Am Morgen mit den Kindern zur Mühle fahren, Mehl in allen möglichen Varianten kaufen, auf dem Heimweg Dinkelherzen mit Schokoladenüberzug auf der Zunge zergehen lassen und mich an den Kommentaren der Kinder freuen: „Die sind ja wirklich besser als Maltesers!“ oder „Mama, findest du nicht auch, dass die einen leichten Anis-Geschmack haben?“ oder – meine persönlicher Favorit – „Mama, willst du noch eins?“

2. Miterleben, wie sich der am Morgen gekaufte Hartweizendunst mit nur wenig Wasser vermischt in frische Pasta verwandelt. Das Surren der Teigwarenmaschine im Ohr, die warmen, geschmeidigen Spaghetti in der Hand, der Anblick eines Lebensmittels, das so viel schöner und unregelmässiger ist, als die Industrieware. 

3. Die frische Pasta im Teller. So unbeschreiblich gut, dass auch die Katze nicht widerstehen kann, ja, nicht einmal das Prinzchen.

4. Vier Kinder, die vergnügt im Auto sitzen und einander sagen, wie froh sie doch sind, Geschwister zu haben, denn ein Leben ganz ohne Brüder und Schwester, das kann man sich doch einfach nicht vorstellen. Ich meine sogar aus dem Mund des FeuerwehrRitterRömerPiraten den Satz „Ich hab‘ euch gern“ gehört zu haben, aber vielleicht bilde ich mir das bloss ein. 

5. Karlsson, der am Mittag verschwitzt und glücklich vom Training mit den Pontonieren nach Hause kommt und es kaum erwarten kann, am Dienstag wieder auf den Fluss zu gehen. Jawohl, die Rede ist hier von Karlsson „Ich hasse jede Art von sportlicher Betätigung“ Venditti!

6. Ein sehr müder Zoowärter, der nach einem Wutanfall fast in meinem Arm einschläft. Gibt es ein schöneres Gefühl? Nun ja, ohne vorangehenden Wutanfall wäre es noch etwas schöner gewesen…

7. Macadamianüsse.

8. Ein Prinzchen, das vor lauter Freude quietscht, weil ich mal wieder etwas zu schnell war in der Kurve.

9. Luises erstes Wachtelei, noch ganz warm, leicht klebrig und offenbar so gut, dass sie es gegessen hat, obsch0n sie gar keine Eier mag.

Nun möchte ich natürlich nicht, dass meine Leserschaft glaubt, bei uns sei plötzlich über Nacht die Idylle eingekehrt. Im Gegenteil, auch heute habe ich herumgebrüllt, auch heute hatten wir ein paar ziemlich heftige vorpubertäre Ausbrüche – oder waren die vielleicht schon pubertär? -, auch heute habe ich den Tag nicht ohne Mittagsschlaf und einigen tiefen Seufzern überstanden und zudem habe ich heute nach elfeinhalb Jahren Mutterschaft Bekanntschaft mit der Kinderkrankheit Ringelröteln geschlossen und dies gleich in dreifacher Ausführung. Bei weitem nicht perfekt also, aber immerhin so schön, dass ich mich das eine oder andere Mal dabei ertappt habe, wie ich lauthals gelacht habe. 

 

 

So geht das nicht, Mama Venditti

Ein paar Tage lang mag es völlig okay sein, dass die Arbeit an erster Stelle steht. In Krisensituationen, oder wenn ein wichtiger Anlass bevorsteht, oder wenn man eine Sache auf einen bestimmten Termin hin abschliessen muss. Irgendwann aber muss wieder Schluss sein damit und die Familie muss wieder oberste Priorität haben. Bei mir dauert es jeweils ziemlich lange, bis mir dämmert, dass es jetzt wieder Zeit zum Umdenken ist. Meist braucht es ein einschneidendes Erlebnis, das mich aufrüttelt. 

Heute, zum Beispiel, als ich am Vormittag mit dem Prinzchen Griesspudding für die Kinder, die jeweils am öffentlichen Mittagstisch essen, zubereitete. In meiner eigenen Küche, mit Milch, Butter und Eiern aus unserem Kühlschrank, mit Griess, Salz und Zucker aus unserem Vorratsschrank, mit Zitronenschale aus unserer Obstschale – und mit zwei Zimtstangen, die der Arbeitgeber bezahlt hat. Was ja nicht weiter schlimm ist, denn es macht viel mehr Spass, mit dem Prinzchen gemütlich am Herd zu stehen und zu kochen, als an einem freien Tag zur Arbeit zu hetzen und dort in der Küche alle nervös zu machen mit meinem Chaos. Dass die Zutaten aus dem eigenen Vorrat stammen, stört mich auch nicht, denn bei den Mengen, die wir verbrauchen, fällt das nicht ins Gewicht. Was mich aber ernsthaft beunruhigt, sind die Gedanken, die mir durch den Kopf gingen. Ist es okay, wenn ich einen Teil des Puddings unseren eigenen Kindern serviere? Wäre es nicht anständiger, das Überschüssige meinen Arbeitskolleginnen zu überlassen? Und warum erkläre ich schliesslich dem Prinzchen laut und deutlich, dass es vollkommen in Ordnung ist, wenn wir auch von dem Pudding essen, da die Zutaten ja aus unserer Küche stammen? Gerade so, als müsste ich mich gegenüber einem unsichtbaren Beobachter rechtfertigen. 

Nein, so kann das nicht weitergehen, Frau Venditti. Zuallererst bist du Mutter und alles andere kommt nachher. Und wenn du das vergessen hast, dann ist es jetzt höchste Zeit, dich wieder daran zu erinnern. Denn wenn du deinen Kindern den Griesspudding nicht gibst, dann holen sie ihn sich anderswo…

Was weiss ich denn schon?

Bis anhin hatte ich mich für mehr oder weniger allgemeinwissend gehalten. Klar, auch ich habe die eine oder andere Bildungslücke, im naturwissenschaftlichen Bereich sogar eine ziemlich grosse, aber zum Trivial Pursuit spielen sollte es reichen. Dachte ich, solange ich diese App noch nicht hatte. Seither zweifle ich doch ziemlich stark an meinem Verstand. Ausgerechnet im Bereich Geschichte, in dem ich mich doch für ziemlich bewandert gehalten hatte, versage ich kläglich. 

„Welchen berühmten Gangster spielte Robert De Niro in ‚Die Unbestechlichen‘?“, lautet zum Beispiel eine der Fragen und das einzige, was mir dabei in den Sinn kommt, ist die Gegenfrage, was das denn bitte schön mit Geschichte zu tun haben soll. Aber es kommt noch besser: „Wann hatte Bill Gates seinen letzten offiziellen Arbeitstag bei Microsoft?“ Was weiss ich denn? Irgendwann, als er genug Kohle gescheffelt hatte, aber ist dieser Tag wirklich wichtig genug, um in Weltgeschichte einzugehen? Weiter zur nächsten Frage: „Wann erschien der erste Alien-Film?“ Himmel, was soll der Mist? Befassen wir uns hier mit Geschichte oder mit Hollywood? Da, als ich die Hoffnung schon fast aufgeben will, doch noch eine Frage nach einer historischen Persönlichkeit: „Welchem Volk ist Kaiser Cäsar zuzuordnen?“ Eine banale Frage, aber sogar über diese stolpere ich. Kaiser Cäsar? So einen gab es doch gar nicht, die Kaiser kamen doch erst nach ihm. Also kann die Antwort „Den Römern“ unmöglich richtig sein. 

Nein, so kann das nicht gehen. Da wende ich mich lieber einem anderen Wissensgebiet zu, zum Beispiel der Erdkunde: „Wohin ging die Hochzeitsreise von Rhett und Scarlett in ‚Vom Winde verweht‘?“ „In welchem Land drehte Monty Python das Leben des Brian?“ „In welchem Land wird Bond in der Eröffnungsszene von ‚Ein Quantum Trost‘ in eine Autoverfolgungsjagd verwickelt?“ – Ich sehe schon, auch von Erdkunde habe ich keine Ahnung, denn bei jeder dieser Fragen kann ich nur raten. Na, dann versuche ich es eben mit „Wissenschaft & Technik“. Vielleicht kann ich ja dort ein paar Punkte gut machen. Doch schon wieder lässt mich mein Allgemeinwissen im Stich. Okay, die Frage „In welche Stadt reist Remy, die Ratte in Ratatouille, nur um zu erfahren, dass sein Onkel gestorben ist?“, kann ich beantworten, aber bereits als ich wissen sollte „Wie heisst ein Film, in dem ein fiktiver Ölkonzern eine Rolle spielt?“, bleibt mir nur noch das Raten und bei „Was für ein Tier spricht Götz Otto in ‚Ab durch die Hecke‘?“ muss ich passen.

Keine Chance. Meine ganze Schulbildung ist wertlos, mein Maturazeugnis ein nutzloser Fetzen Papier, die Zeitungs- und Zeitschriftenabos bloss herausgeschmissenes Geld, meine tiefschürfenden Diskussionen vertane Zeit. Hätte ich meine Zeit in fernsehen investiert, ich wäre unschlagbar in dem Spiel. So aber muss ich hoffen, dass hin und wieder auch eine Frage kommt  für vernachlässigte und fernsehlose Kinder, wie ich eines war. „Welches Tierbaby ist nicht auf allen Vieren unterwegs?“, zum Beispiel. Oder „Welche Stadt wird von dem 1086 Meter hohen Tafelberg überragt?“.