Schulmüde

Individualisierung

„In diesem Alter muss er das einfach können. Da können wir jetzt keine Rücksicht mehr nehmen.“

Spezielle Förderung

„Wir haben leider nicht die Kapazität, jedem die Hilfe zu geben, die er bräuchte.“

Die Stärken stärken.

„Er kann dies nicht, macht jenes nicht gut genug und da liegt er ganz klar unter dem Durchschnitt. Ja, in diesem Bereich ist er sehr gut, aber das zählt leider nicht.“

Kompetenzen stärken

„Er hat da ein paar Blätter, die noch immer nicht ausgefüllt sind. Das muss bis Freitag erledigt sein, sonst hat er am Ende des Schuljahres Lücken im Ordner und das gibt einen Notenabzug.“

Sozialkompetenz ist wichtig

„Wenn das auf dem Schulweg passiert ist, geht uns das nichts an.“

Schule und Elternhaus sind Partner

„Da müssen Sie schon selber schauen.“

Ich weiss echt nicht, wie weit meine Geduld noch reicht…

IMG_0177

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ratschläge

Begegnung Nr. 1

„Wie geht’s denn eigentlich Luise?“

„Na ja, nicht so besonders. Sie hat noch immer heftige…“

„Ihr müsst unbedingt zum Osteopathen mit ihr. Bei meiner Schwägerin hat das wahre Wunder gewirkt.“

Begegnung Nr. 2

„Wie geht’s denn eigentlich Luise?“

„Na ja, nicht so besonders. Sie hat noch immer heftige….“

„Ich sag dir, Akupunktur ist einfach das Beste in diesem Fall. Alles andere kannst du vergessen.“

Begegnung Nr. 3

„Wie geht’s denn eigentlich Luise?“

„Na ja, nicht so besonders. Sie hat noch immer heftige…“

„Also, wenn ich euch wäre, hätte ich es schon längst mit Bachblüten probiert.“

Begegnung Nr. 4

„Wie geht’s denn eigentlich Luise?“

„Na ja, nicht so besonders. Sie hat noch immer heftige…“

„Ich kenne einen guten Chiropraktiker. Der bringt das in Nullkommanix wieder in Ordnung. Willst du seine Nummer?“

Begegnung Nr. 5

„Wie geht’s denn eigentlich Luise?“

„Na ja, nicht so besonders. Sie hat noch immer heftige….“

„Massage! Ich sag dir, Massage ist das Allerbeste in so einem Fall.“

Begegnung Nr. 6

„Wie geht’s denn eigentlich Luise?“

„Na ja, nicht so besonders. Sie hat noch immer heftige…“

„Ich habe gute Erfahrungen mit Cranio-Sacral-Therapie gemacht. Müsst ihr unbedingt auch ausprobieren.“

Begegnung Nr. 7

Die findet hoffentlich nie statt, denn die würde vermutlich so verlaufen:

„Wie geht’s denn eigentlich Luise?“

„Komm mir bloss nicht mit irgendwelchen Sch….ratschlägen, wir hängen auch so schon genug in Wartezimmern rum!“

Und dabei weiss ich doch, dass sie es alle nur gut meinen.

image

Fragerunde

Wie kommt es, dass Karlssons „neuer“ Plattenspieler, Herstellungsjahr ca. 1961, mehr Power hat als jedes moderne Gerät? Jetzt windet sich Edith noch lauter durch meine Gehörgänge…

Was für ein Unmensch kommt auf die Idee, die Weihnachtsferien vom 24. Dezember um 12 Uhr bis zum 11. Januar um 7:00 Uhr festzulegen? Und welcher Bildungsdirektor ist blöd genug, eine solche Schnapsidee auch noch abzusegnen? Ich meine, erst schleppen sich die Kinder todmüde unter den Tannenbaum, wo sie vor lauter Erschöpfung fast einschlafen und dann schlagen sie einander eine Woche lang die Köpfe ein, weil nach Silvester nichts mehr kommt als gähnende Leere und eine Mama, die wieder arbeiten müsste und möchte, dies aber nie ungestört tun kann, weil andauernd einer heult. 

Reicht eine tief sitzende Abscheu gegen eine Garage aus, um das Gebäude abzureissen, oder braucht man dazu auch handwerkliches Geschick und gutes Werkzeug? Tief sitzende Abscheu hätte ich nämlich mehr als genug, aber „Meiner“ meint, damit könne man das Ding unmöglich erledigen, immerhin habe es schon vielen Stürmen getrotzt. 

Ich möchte zu gerne wissen, ob der FeuerwehrRitterRömerPirat wirklich weiss, wie man Schach spielt, oder ob er einfach den Jargon gut genug beherrscht, um uns alle glauben zu machen, er verstehe das Spiel. Um das herauszufinden müssten wir aber das Schachspiel erlernen, anstatt uns nur immer als hilflose Gegner zur Verfügung zu stellen. Irgendeiner da draussen, der sich zur Verfügung stellt? Mein Gehirn weigert sich nämlich seit Jahren standhaft, das Spiel zu verstehen. 

Für wen soll ich Partei ergreifen: Für das Prinzchen, der mit endloser Geduld ein Haus aus UNO-Karten gebaut hat, oder für den Zoowärter und den FeuerwehrRitterRömerPiraten, die endlich mal mit den Karten spielen möchten? (Nein, ich kaufe dem Frieden zuliebe kein zweites Kartenset. Das Prinzchen würde daraus bloss ein noch grösseres Kartenhaus bauen wollen.)

IMG_0165

 

Zwist unter Brüdern

Aus dem Badezimmer, wo der FeuerwehrRitterRömerPirat in der Badewanne sitzt, ertönt ein fürchterliches Geheul, verursacht durch eine fiese Attacke des Zoowärters. Der müsste eigentlich damit beschäftigt sein, den Esstisch zu putzen, stattdessen aber schleicht er sich ins Badezimmer, um den viel zu nassen Lappen über dem Kopf seines badenden Bruders auszuwringen. Obschon der Lappen seine Schicht in der Küche erst vor ein paar Stunden angetreten hat und deswegen noch relativ sauber ist, können wir eine solche Gemeinheit natürlich nicht einfach durchgehen lassen, weshalb wir den Zoowärter zu Überstunden im Küchendienst verdonnern. 

„Meiner“ und ich finden, diese Sanktion sei ganz und gar gerechtfertigt, der Zoowärter aber weint darob bittere Tränen. Ob wir denn vergessen hätten, dass der FeuerwehrRitterRömerPirat ihn gestern ganz übel getreten hätte? Ob man sich denn in diesem Hause nicht mal mehr angemessen rächen dürfe? Nein, rächen dürfe er sich nicht, das würde den Konflikt nur in eine weitere Runde gehen lassen, erklären „Meiner“ und ich, aber der FeuerwehrRitterRömerPirat habe sich gestern tatsächlich total daneben benommen. 

Der Zoowärter ist damit halbwegs besänftigt, der FeuerwehrRitterRömerPirat aber findet, er hätte seinen Bruder gestern vollkommen zu Recht angegriffen, wo dieser ihm doch vorgestern Zahnpaste aufs Haar geschmiert habe. 

Diesen Einwand können wir natürlich nicht einfach so beiseite wischen, also sagen wir dem Zoowärter, das mit der Zahnpaste sei nicht nett gewesen und dem FeuerwehrRitterRömerPiraten erklären wir die Sache mit der Rache, die wir ein paar Minuten zuvor seinem kleinen Bruder dargelegt haben. 

Für den FeuerwehrRitterRömerPiraten wäre die Sache damit erledigt, für den Zoowärter geht es jetzt aber erst richtig los. Die Zahnpasta-Attacke habe er doch nur durchgeführt, weil der FeuerwehrRitterRömerPirat ihm immer die Legos klaue. „Welche Legos hat er dir denn geklaut?“, will ich wissen. „Hast du das schon wieder vergessen?“, fragt unser Zweitjüngster entrüstet zurück. „All die Legos, die er mir weggenommen hat. Und danach hat er frech behauptet, sie würden ihm gehören. Und dann hat Papa auch noch gelacht, weil wir uns so heftig darum gestritten haben. Und dann…“ Weiter kommt der Zoowärter nicht mehr, denn jetzt wird der ob der himmelschreienden Ungerechtigkeit von einem heftigen Weinkrampf gepackt.

Ich bin ziemlich verwirrt, denn an den geschilderten Vorfall kann ich mich beim besten Willen nicht mehr erinnern, darum frage ich erneut: „Welche Legos hat er dir denn geklaut?“ Unter vielen Schluchzern presst der Zoowärter hervor, wo der Ursprung des Dauerkonfliktes, in den er mit seinem Bruder verwickelt ist, seiner Meinung nach liegt: „In Frankreich war es“, heult er. „Dort hat er mir meine Legos geklaut. Und seither hat er mir sie nie mehr zurückgegeben. Und darum ist er ganz selber Schuld, dass ich heute das mit dem Lappen gemacht habe. Und vorgestern das mit der Zahnpaste…“

In Frankreich? In Frankreich! Das ist jetzt mehr als ein halbes Jahr her…

Ich hatte ja geglaubt, nur in der Weltpolitik und bei „Asterix auf Korsika“ seien sie in der Lage, einen Konflikt so lange am Köcheln zu halten, aber offenbar sind unsere Söhne ebenso talentiert in dieser Hinsicht. 

IMG_7059

 

 

Bunte Bildchen

Wie oft habe ich das in meiner Karriere als Mutter schon getan? Im Internet nach bunten Bildchen gesucht, einen schönen Plan gestaltet, Blätter ausgedruckt, laminiert, geklebt, eine Familienkonferenz einberufen, um meinen Lieben zu erklären, wie die Dinge von nun an zu laufen haben. Aktuell zum Beispiel mein neues Kompost-System: Einheimisches, Kaffeesatz, Tee und Bio in den einen Kessel, Überreste von Exoten in den anderen.

Während ich schneide, laminiere und klebe schwirren im Kopf die grossen, stets gleichen Fragen: Was wird länger halten – die Motivation der Kinder, sich an mein System zu halten, oder der Klebestreifen, mit dem ich die bunten Bildchen auf den Eimer geklebt habe? Oder geht ihnen diesmal die Sache in Fleisch und Blut über, so dass es die Bildchen schon bald nicht mehr braucht, auch wenn der Klebestreifen noch halten würde? 

Keine blöden Sprüche, wenn ich bitten darf! Auch in unserer Familie gibt es solche Erfolgserlebnisse, obschon man uns das von weitem nicht ansehen würde. Die Sache mit dem Küchendienst zum Beispiel klappt wirklich tadellos, das Wäschesortiersystem ist nun schon ziemlich lange erfolgreich im Einsatz und sogar das mit dem gemeinsamen Aufräumen kriegen wir an drei von vier Wochenenden im Monat mehr oder weniger streitfrei hinter uns. Soll mir also keiner behaupten, alles Kleben, Laminieren und Predigen sei umsonst. 

Dennoch trifft man in unserem Haushalt immer mal wieder auf lädierte Ämtlipläne, ausgediente Pinnwände und Überreste von bunten Bildchen, die irgend eine Regel hätten verständlich machen sollen. All dies zeugt von Anläufen, die leider ins Leere gelaufen sind. Vielleicht war die Zeit noch nicht reif für das, was wir damals hätten durchsetzen wollen. Vielleicht waren wir zu lasch in der Umsetzung. Vielleicht war es eine Zeit lang die richtige Lösung, später dann aber nicht mehr, weil so eine Familie halt kein statisches Gebilde ist. Vielleicht war es auch ein kläglicher Versuch, etwas zu kopieren, was in einer anderen Familie auf diese Weise funktioniert, bei uns aber offensichtlich auf anderem Wege angestrebt werden muss. 

Ich kenne keine Familie, die ohne bunte Bildchen, Pläne und anderen Kram auskommt. Bei den meisten sieht das ziemlich beeindruckend und perfekt aus. So perfekt wie meine Schranktür mit den vielen farbigen Stundenplänen. Oder wie aktuell gerade meine Kompostkübel. Was man hingegen nie zu sehen bekommt, sind die vielen gescheiterten Versuche, deren Überreste irgendwo in einer Ecke, in der schon lange keiner mehr sauber gemacht hat, schlummern. 

Manchmal, wenn ich bei einer anderen Familie zu Gast bin, wüsste ich zu gerne, ob die Bildchen, die man zu sehen bekommt, für ein perfektes, reibungsfreies System stehen, oder ob sie der verzweifelte hundertfünfzigste Versuch sind, endlich ein wenig Ordnung ins Chaos zu bringen. Aber das sagt einem natürlich keiner. 

IMG_8436

Mama…?

„Mama, hilfst du mir bei dem Kristall-Experiment?“

„Mama, wo sind die Klebstreifen?“

„Mama, ich will mich bei Ricardo einloggen. Zeigst du mir bitte, wie das geht?“

„Mama, die Katze hat in mein Zimmer gekackt. Was soll ich jetzt machen?“

„Mama, sind die Läden heute offen?“

„Mama, wir möchten testen, ob dieses Gerät noch läuft. Kannst du helfen?“

„Mama, ich weiss nicht, wie ich mein E-Banking einrichten muss.“

„Mama, wo ist der Brotaufstrich, den ich mir gekauft habe?“

„Mama, ich will mir diese Agenda bestellen. Hilfst du mir?“

„Mama, sagst du dem FeuerwehrRitterRömerPiraten, er solle aufhören?“

„Mama, dürfen wir heute noch ans iPad?“

„Mama, können wir heute lange aufbleiben und im gleichen Zimmer schlafen?“

Andauernd diese Fragen und jede einzelne an mich gerichtet, obschon daneben ein Papa sitzt, der in diesen Tagen genauso auf der faulen Haut liegt, der ebenso in der Lage wäre, zu helfen und der ganz und gar nicht zu diesen passiven Vätern gehört, die keinen Schimmer haben, was zu Hause alles läuft. Trotzdem wird er nicht ein einziges Mal in seinem süssen Nichtstun gestört.

Ich möchte ja nicht unbedingt jenen das Wort reden, die derzeit auf Facebook verbreiten, die einzige Frage, die man Vätern stelle sei „Papa, wo ist Mama?“, aber momentan fühlt es sich gerade an, als hätten sie recht. 

(Und dabei antworte ich doch auf jede dritte Frage: „Frag Papa. Der hat gestern aufgeräumt und weiss bestimmt, wo das ist.“)

IMG_8437

 

 

Schräge Weihnachten

11:20 Uhr: Sieben nicht gerade motivierte Vendittis machen sich mit Topfpflanze, Pains au Chocolat und einer Tasche voller Kinderbeschäftigungen auf den Weg zur Bushaltestelle, um Schwiegermama zu besuchen. 

11:40: Wir steigen in den Zug, der in einer halben Stunde abfahren wird, um uns zu Schwiegermama zu bringen. 

11:45: Ein Mann aus dem hinteren Abteil ruft laut vernehmlich: „Ich will sterben!“ Die kleinen Vendittis hören ihn nicht, die mittelgrossen Vendittis schwanken zwischen Verunsicherung und Belustigung, die grossen Vendittis sind froh, dass die Kleinen nichts gehört haben.

11:47: Der Passagier aus dem hinteren Abteil äussert schon wieder seinen Wunsch, sterben zu dürfen, diesmal etwas lauter, aber zum Glück nicht laut genug, um das Spiel der kleinen Vendittis zu stören.

11:50: Der Sterbewillige geht aufs Perron, um eine zu rauchen.

11:55: Er ist wieder im Zug, ruft schon wieder laut vernehmlich: „Ich will sterben!“ Die kleinen Vendittis hören noch immer nichts.

12:02: Noch einmal „Ich will sterben!“ Das Prinzchen stupst den Zoowärter an: „Hast du gehört, was der Mann dort hinten gerade gesagt hat?“ „Nein, was denn?“, antwortet der Zoowärter und spielt weiter. 

12:05: Ein Mann steigt in den Zug, setzt sich ins Abteil des Sterbewilligen, der jetzt, wo er endlich ein direktes Gegenüber hat, beharrlich schweigt. 

12:10: Der Zug fährt endlich ab, um uns zu Schwiegermama zu bringen.

12:25: Ich wage eine Prophezeiung. „Schwiegermama schenkt jedem von euch zwanzig Franken, Papa bekommt ‚Ferrero Rocher‘ und ich einen Panettone. Wenn ich recht habe, gibt’s für jeden 5 Franken Zuschlag auf Schwiegermamas Weihnachtsgeld.“

12:55: Ankunft bei Schwiegermama. Die Topfpflanze, die wir ihr überreichen, wird in einer Ecke platziert, wo man sie möglichst nicht sehen kann. „Meiner“ versucht, die Pains au Chocolat in Schwiegermamas winzigem Gefrierfach unterzubringen. 

13:00: Antipasti und Cola.

13:30: Lasagne mit Fleisch, mit Fleisch und Ei, ohne Fleisch und Ei, dazu nervöse Eltern, die versuchen, den Nachwuchs zum Essen zu motivieren, bevor Schwiegermama sich um die Gesundheit der lieben Kleinen sorgt. 

13:55: Prinzchen und Zoowärter haben noch immer nichts gegessen, was wir Eltern um des lieben Friedens Willen für einmal durchgehen liessen, was aber Karlsson nicht toleriert, da er sich noch sehr genau daran erinnert, wie er jeweils vor einem von Schwiegermama überfüllten Teller sass, nicht essen mochte, aber essen musste, weil sich Schwiegermama sonst um seine Gesundheit gesorgt hätte. 

14:10: Schwiegermama räumt die Teller weg, weil sie nicht mitbekommen hat, dass Karlsson seinen Brüdern befohlen hat, noch drei oder vier Bissen zu essen. Das Prinzchen zeigt keine Reaktion, aber der Zoowärter begeht den grossen Fehler, breit zu grinsen, was Karlsson auf den Plan ruft, der dafür sorgt, dass sein Bruder die drei oder vier befohlenen Bissen doch noch runterwürgt. Gerechtigkeit muss sein, wenigstens bei dem einen, der nicht schnell genug war, um vom Esstisch zu verschwinden. 

14:20: FeuerwehrRitterRömerPirat, Zoowärter und Prinzchen gehen auf den Spielplatz.

14:30: Schwiegermama findet, der FeuerwehrRitterRömerPirat, der Zoowärter und das Prinzchen seien zu laut auf dem Spielplatz, man müsse doch auf die Nachbarn Rücksicht nehmen, immerhin sei heute Weihnachten. 

14:35: Wir verdonnern die Kinder dazu, sich vor die Glotze zu setzen. 

14:40: Schwiegermama drückt Karlsson hundert Franken in die Hand. Er soll mit seinen Geschwistern teilen, zwanzig Franken für jeden. Karlsson dankt artig und grinst mich triumphierend an. Ich bin aber nicht bereit, mein Versprechen aus dem Zug einzulösen, solange „Meiner“ seine „Ferrero Rocher“ nicht bekommen hat und ich keinen Panettone. 

15:05: Schwiegermama holt ein stinkbilliges Tablet hervor, das ihr die italienische Verwandtschaft geschenkt hat. Offenbar sind sie davon ausgegangen, dass sie nur ein Gerät braucht, um den Anschluss ans Internetzeitalter zu schaffen. Irgendwie würde sie dann schon herausfinden, wie das geht.

15:07: Während im Hintergrund Disney Channel dröhnt, versucht Schwiegermama mir zu erklären, dass sie eigentlich gar nicht so recht weiss, was sie mit diesem Tablet anfangen soll. Bis jetzt habe sie erst begriffen, dass sie auf gar keinen Fall auf google – sie spricht das so aus, wie man es schreibt – gehen dürfe, weil sonst sämtliche Daten gelöscht würden. Das habe ihr ein Bekannter gesagt. Ich versuche, ihr zu erklären, dass das nicht stimmt.

15:10: Schwiegermama brüllt mir jetzt zu, der Bekannte habe ihr gesagt, das Bild mit dem Strand sei das Internet, aber das könne doch nicht sein, denn dieses Bild erscheine ja immer, wenn sie das Gerät einschalte. Ich brülle zurück, da habe sie natürlich recht, das Bild vom Strand sei nicht das Internet sondern das Hintergrundbild und dann brülle ich dem FeuerwehrRitterRömerPiraten zu, er solle gefälligst den Ton beim Fernseher leiser schalten, wir am Tisch könnten unser eigenes Gebrüll nicht mehr verstehen. 

15:15: Ich stehe vor einer schwierigen Entscheidung. Soll ich den Rest des Nachmittags damit verbringen, Schwiegermama in die Welt von google, Twitter, Facebook und Youtube einzuführen oder soll ich den Teufel an die Wand malen, um ihr ganz furchtbar viel Angst vor diesem neumodischen Zeugs einzujagen, damit ich mir die ganze Mühe sparen kann? So oder so werde ich ganz furchtbar viele Worte brauchen, um Schwiegermama etwas verständlich zu machen, was sie eigentlich nur glaubt, verstehen zu müssen, weil man ihr dieses doofe Tablet in die Hände gedrückt hat. Der FeuerwehrRitterRömerPirat brüllt, wir sollten gefälligst leiser brüllen, er könne nicht mehr verstehen, was am Fernseher gesagt wird. 

16:00: Mein Mund ist jetzt so fusselig geredet, dass „Meiner“ übernehmen muss. „Wenn du Internet willst, richten wir dir ein anständiges Tablet mit dem Allernötigsten ein, wenn du kein Internet willst, nehmen wir die SIM-Karte aus dem Gerät und versorgen das Ding.“ Schwiegermama will kein Internet. Gott sei Dank. 

16:05: Werbepause. Die Fernsehenden stopfen sich mit Schwarzwäldertorte voll. Wir nutzen die Gelegenheit, um sie in einer angemessenen Lautstärke darauf aufmerksam zu machen, dass sie bitte etwas leiser fernsehen sollen, weil wir uns sonst nicht unterhalten können. 

16:30: Werbepause. Die Fernsehenden stopfen sich mit Panettone voll. Sie nutzen die Gelegenheit, um uns in einer angemessenen Lautstärke darauf aufmerksam zu machen, dass wir bitte etwas leiser reden sollen, weil sie sonst nicht richtig fernsehen können. 

16:35: Schwiegermama holt eine Packung „Ferrero Rocher“ (diesmal gemischt mit andern Klassikern aus dem Hause Ferrero) und zwei Panettoni aus dem Schrank. Für uns, zum Mitnehmen. Na, dann werde ich eben tun müssen, was die Kinder von mir erwarten, wo Schwiegermama doch auch getan hat, was ich von ihr erwartet habe. 

16:55: Werbepause. Die Fernsehenden stopfen sich mit Guetzli, Nüssen und Rosinen voll. Wir nutzen die Gelegenheit, um ihnen zu sagen, dass der Zug bald fährt, weshalb sie nur noch eine Folge fertig schauen dürfen und das bitte etwas leiser, damit wir uns in angemessener Lautstärke von Schwiegermama verabschieden können. 

17:05: Schwiegermama versucht, das Prinzchen zum Abschied zu küssen.

17:10: Auf dem Weg zum Bahnhof. Prinzchen erklärt: „Wenn Grossmama rauchfrei wäre, hätte sie mich schon küssen dürfen, aber so doch nicht!“

17:20: Wir sitzen im Zug, „Meinem“ fallen die Augen zu, Luises Kopf fällt schwer auf meine Schulter, irgendwann kann auch ich die Augen nicht mehr offen halten. Im Halbschlaf höre ich, wie Karlsson motzt, wir seien eine verpennte Bande. 

17:45: Ich schrecke hoch, weil „Meiner“ mich ins Bein beisst. Himmel, kann der mich nicht auf eine zivilisierte Weise darauf aufmerksam machen, dass wir demnächst ankommen und ich gefälligst aufwachen soll?

IMG_1822

 

Far far away…

 

Grundsätzlich finde ich es ja ganz nett, wie die modernen Technologien uns ermöglichen, mit Menschen in Verbindung zu stehen, die weit weg sind. Man bleibt so schön auf dem Laufenden, weiss Bescheid über den Nachwuchs von ehemaligen Schulkameraden, erkennt, mit wem man beim nächsten Treffen besser nicht über Politik zu reden anfängt und staunt, dass man doch tatsächlich Menschen kennt, die für jede Verschwörungstheorie empfänglich sind.

Ganz spannend also, aber auch ziemlich anstrengend, wenn man mal ein paar Tage verreisen möchte. Einfach so verschwinden geht heutzutage nicht mehr, denn die Cellolehrerin kann dich nicht nur anrufen, sie erreicht dich auch per WhatsApp und so erfährst du, dass der Zoowärter mal wieder nicht in der Stunde erschienen ist, obschon du alles genau eingefädelt hast und dich solche Sachen in diesem Moment ganz und gar nicht interessieren.

Aber auch wenn die Cellolehrerin dich in Ruhe lässt – die Stunde ist heute ausgefallen, die Sache mit dem Zoowärter war beim letzten freien Wochenende -, gelingt es dir nicht ganz, dich von den Geschehnissen zu Hause fernzuhalten. Luise kommuniziert nämlich momentan mit ihrem Papa lieber via Mama und so erwartet dich im Hotel, nachdem du das WLAN-Passwort eingegeben hast, als erstes eine Sprachnachricht deiner verzweifelten Tochter, die vergessen hat, dem Papa etwas mitzuteilen.

Gut, auch das lässt sich in den Griff kriegen, indem der herzlose Papa eine Mama-Kontaktsperre ausspricht, aber das heisst noch lange nicht, dass du jetzt nicht mehr mitkriegst, was zu Hause läuft. Begehst du nämlich den grossen Fehler, für deinen Blog ein Bild zu suchen, triffst du in der Cloud auf das hier:

Und obschon du gewusst hast, dass „Deiner“ irgendwann in nächster Zeit die Küchendecke erneuern will, wird dir ein wenig mulmig bei diesem Anblick und du fragst dich, ob du besser gleich nach Hause gehen sollst, weil Papa offensichtlich nicht so viel Zeit für die Kinder hat, oder ob du deinen Nerven zuliebe so lange wegbleiben sollst, bis die Küche fertig renoviert ist. Also etwa bis Februar…

 

 

Alle Käfer sind schon da

Ich muss gestehen, das mit der Weihnachtsstimmung will bei mir dieses Jahr einfach nicht so recht klappen. Ob ich inzwischen zu alt bin dafür? Zu pessimistisch? Oder schlicht zu müde nach einem Jahr voller Unvorhersehbarem? Ich weiss es nicht, aber ich versuche natürlich trotzdem, meiner Familie zuliebe in Feierlaune zu kommen, trage mich mit dem Gedanken, endlich Stollen zu backen und knipse abends die Lichterkette an. Nett, wie meine Familie nun mal ist, zeigt sie sich gerne bereit, mir ein wenig nachzuhelfen. Den Anfang machte das Prinzchen, als er letzte Woche mit fieberglänzenden Augen von der Schule nach Hause kam. Am Wochenende sorgte Karlsson mit Unwohlsein für Gemütlichkeit. So richtig adventlich aber wird es, seitdem der Zoowärter und der FeuerwehrRitterRömerPirat mit glühender Stirn auf dem Sofa liegen und sich dampfenden Tee reichen lassen. Jetzt endlich beginne ich zu begreifen: Die Käfer sind da, Weihnachten kann kommen. 

IMG_1714

Falsche Prioritäten?

Die Facebook-Moralapostel mit ihren bunt hinterlegten Sinnsprüchen verkünden momentan ja gerne solche Sätze wie „Kein Mensch hat keine Zeit – nur falsche Prioritäten“, irgendwie noch verwurstet mit der Aussage, wer nicht pausenlos mit seinen Freunden abhänge, sei ein mieser Kerl, der kein Interesse an seinen Mitmenschen habe. 

Nun, ich kann nicht beurteilen, wie das bei anderen Menschen läuft, aber wenn ich mein Leben so betrachte, sehe ich das ein wenig anders. Dreimal raten, was mir lieber wäre: Mit einem netten Menschen einen Kaffee trinken, oder zum hundertsten Mal die Klobürste mit Backpulver und Essig sauber machen, weil das sonst eine äusserst unappetitliche Sauerei gibt? Mit meiner Familie friedlich zu Mittag essen, oder zwischen zwölf und eins fünfmal das Telefon zu ignorieren versuchen, was aber irgendwann auch nichts mehr bringt, weil gewisse Leute äusserst hartnäckig sind, wenn sie eines meiner Familienmitglieder sprechen wollen? Eine liebe Person, die gerade eine schwere Zeit durchmacht, anrufen, oder diese elenden Formulare ausfüllen, die mir die Versicherungsgesellschaft zum sofortigen Ausfüllen ins Haus flattern lässt, weil meine mündliche Auskunft offenbar nicht reicht? Ganz spontan zum Open House einladen, oder die Familie von einem nicht verschiebbaren Pflichttermin zum nächsten zu hetzen? Mit einer Horde lieber Menschen an einem schönen Ort vier Wochen Ferien machen, oder dafür sorgen, dass Ende Monat Geld auf dem Konto ist?

Falsche Prioritäten? Manchmal vielleicht schon. Sehr oft aber auch einfach ein modernes Leben mit unzähligen kleineren und grösseren Verpflichtungen, die sich zwischen uns und unsere Mitmenschen drängen. 

IMG_1563