Absurd

Zuweilen schaut man sich ja diese Filme an und denkt: „So absurd! Das ist ja alles völlig aus der Luft gegriffen. So kann das Leben nie und nimmer sein.“ Ich meine zum Beispiel Szenen wie bei „What’s eating Gilbert Grape“, wo sich das Auto gefährlich auf die rechte Seite neigt, weil die überschwere Mama auf dem Beifahrersitz Platz genommen hat. Oder diese völlig irr anmutende Szene in irgend einem Film, dessen Titel ich vergessen habe, wo ein Manager in einem Babyplanschbecken ersäuft. Oder zum Beispiel Cameron Diaz, die in „The Holiday“ auf Stöckelschuhen über einen verschneiten Pfad stakst. Da fragt sich doch jeder, ob es überhaupt einen Menschen auf diesem Planeten gibt, der so blöd ist, im Winter Stöckelschuhe zu tragen. Gut, ich geb’s ja zu, ich denke das nicht, weil ich selber schon im Winter auf hohen Absätzen unterwegs war und zwar nicht nur in der Stadt, wo ohnehin alle Strassen vom Schnee befreit sind. Gut, das nur nebenbei, eigentlich wollte ich ja darauf hinweisen, dass es in Filmen oft Alltagsszenen gibt, bei denen man nur den Kopf schütteln kann und sich fragt, was der Regisseur bloss intus hatte, als er den Film gedreht hat.

An solche Filmszenen wurde ich heute Vormittag erinnert, als ich dabei war, eine Pfanne voll mit kochendem Wasser über eine Unzahl von Fliegenmaden zu giessen, die sich gerade dazu anschickten, unser Grundstück für sich und ihre Nachkommen zu erobern. Das alleine war zwar ziemlich eklig, aber so richtig abstrus war es natürlich noch nicht. Klar, Maden die sich todesmutig aus einem Grünabfallcontainer zu Boden stürzen, wo sie der sichere Tod durch kochendes Wasser erwartet, sieht man nicht alle Tage. Richtig irr wurde die Szene aber erst, als ich mitten im Vernichtungskampf einen Anruf entgegennahm, bei dem es darum ging, dass am Samstag ein neuer Herr Diakon in seine Wohnung einziehen möchte und dass wir doch bitte dafür sorgen sollten, dass die Jugendfestgäste, die zur gleichen Zeit am gleichen Ort ein Fest feiern werden, nicht dumm im Wege herumstehen, wenn der Herr Diakon – den ich übrigens weder kenne, noch je kennen lernen werde, weil ich nicht Mitglied seiner Kirche bin – seine Sessel, Tische und Kochtöpfe anschleppen wird.

Da stand ich also im Garten, angetan in einem bodenlangen geblümten Rock und getupften Ballerinas, in der einen Hand die leere Pfanne, in der anderen das Telefon, auf dem Gesicht einen angeekelten Blick, zwischendurch entsetzt kreischend, weil der Anblick des Getiers so widerlich war, und versicherte der Anruferin, dass ich ganz bestimmt dafür sorgen würde, dass niemand den Herrn Diakon für einen armen Irren hält, bloss weil er sich am einzigen Dorffest des Jahres dazu entschliesst, seine Habseligkeiten in sein neues Domizil zu verfrachten. Eine arme Irre, die dafür sorgen wird, dass andere nicht für irr gehalten werden….

Ich weiss zwar noch nicht genau, weshalb ich die Aufgabe gefasst habe, den Herrn Diakon von der wütenden Dorfbevölkerung zu schützen und ich weiss auch nicht, wie ich verhindern soll, dass der arme Mann attackiert und in die geschlossenen Anstalt verfrachtet wird, und offen gestanden ist es mir im Moment wichtiger, dass die Maden verschwinden als dass der Herr Diakon kommt, aber sobald der Kampf gegen die ekligen Viecher gewonnen ist, werde ich mich der Angelegenheit annehmen. Eines aber wurde mir bei alldem wieder ganz neu bewusst: Keine Filmszene, und sei sie noch so absurd, kann absurder sein als der ganz banale Alltag.

Montag

Eigentlich war das heute ja ein ganz gewöhnlicher Montag. Ein Montag, an dem ich mich mit grosser Mühe aus den Federn zwinge. Ein Montag, an dem mir schon in den frühen Morgenstunden vor den Arbeitsbergen graut, die ich bezwingen sollte, von denen ich aber bereits beim Aufstehen weiss, dass ich sie nicht werde bezwingen können, weil ständig etwas anderes dazwischen kommen wird, weil jede Aufgabe eine andere nach sich ziehen wird, weil die paar lausigen Stunden, die der Tag zu bieten hat, nie und nimmer reichen werden, um alles zu tun, was getan werden sollte. Und so schlüpfe ich einmal mehr in die unterschiedlichsten Rollen, die Regisseur Alltag mir auf den Leib zu schreiben versucht, bin einmal gestrenger Poolwart, fünf Minuten später fürsorgliche Krankenschwester und noch einmal fünf Minuten später die Lehrersgattin, welche die Schüler ihres Mannes auf der Schulreise mit Glace versorgt und sich dabei insgeheim fragt, weshalb sie in Gegenwart dieser Schüler regelmässig zum Drachen  mutiert. Nachdem ich eine Weile lang die demotivierte Putzfrau gegeben habe – die echte Putzfrau weilt leider in den Ferien -, findet man mich als jubelnde Zuschauerin wieder, die sich darüber freut, dass ihre Kinder ein weiteres Schwimmabzeichen geschafft haben und keine zehn Minuten später darf die Projektleiterin zeigen, ob sie auch ohne Abendessen im Magen und ohne Verschnaufpausen fähig ist, bei kritischen Fragen Red und Antwort zu stehen. Kaum zu Hause gilt es, die Sängerin zu aktivieren, denn das Prinzchen weigert sich, einzuschlafen, ohne dass Mama sich vorher heiser gesungen hat. Und nachdem die Bloggerin ihren Senf zum Tag abgegeben hat, werde ich als Waschweib in die Tiefen des Kellers hinabsteigen und dafür sorgen, dass morgen alle wieder frische Kleidung anzuziehen haben.

Wenn ich mir diesen Montag so durch den Kopf gehen lasse, dann muss ich mir eingestehen, dass so ein Leben gar nicht so übel ist. Anstrengend, ja, zuweilen auch sehr herausfordernd. Aber auch so vielseitig, dass sich in dem Haufen von Aufgaben immer die eine oder andere Sache finden lässt, die so richtig Spass macht.

Wer am lautesten schreit….

Meistens lassen mich Artikel über Kindererziehung ja ziemlich kalt. Was da geschrieben wird, passt für Grossfamilien einfach nicht. Klar weiss ich, dass es am besten ist, wenn man sich zu einem Kind auf Augenhöhe begibt und ihm tief in die Augen schaut, wenn man ihm sagen möchte, dass es etwas nicht tun soll. Aber wer schon mal versucht hat, fünf Kindern gleichzeitig tief in die Augen zu schauen, der weiss, was ich meine, wenn ich sage, dass das bei uns alles nicht ganz so einfach ist. Klar ist mir bewusst, dass es am besten wäre, wenn man jeden Abend mit jedem Kind den Tag bewusst mit einem Abendritual abschliessen könnte, aber würden wir das konsequent durchziehen, ich glaube, unser Abendrituale würden sich bis weit nach Mitternacht erstrecken. Auch wir versuchen, mit den Kindern abends bewusst ruhiger zu werden, den Tag mit Nähe ausklingen zu lassen, aber meist sitzen wir dann alle zusammen auf dem Sofa und schliessen den Tag gemeinsam ab.

Dennoch habe ich gestern den Artikel über das Vogelmutter-Prinzip in einer Familienzeitschrift von A bis Z durchgelesen. Im Artikel ging es darum, dass man als Eltern vermeiden sollte, dass derjenige, der am lautesten schreit auch am meisten Aufmerksamkeit bekommt. Denn wenn das Kind merkt, dass schreien zum Erfolg führt, schreit es beim nächsten Mal noch lauter. Eigentlich nichts Neues für mich, aber hin und wieder  ist es gut, sich solche Dinge mal wieder in Erinnerung zu rufen. Und da bei uns derzeit ziemlich laut und ziemlich viel geschrien wird, habe ich mir die Sache zu Herzen genommen. Heute Morgen im Bus hatte ich dann gleich Gelegenheit, das Gelesene zu testen. Der Zoowärter, Luise und der FeuerwehrRitterRömerPirat wollten alle bei mir sitzen, keiner aber war dazu bereit, bei mir auf dem Schoss zu sitzen, damit ich allen Wünschen gerecht werden könnte. Während der FeuerwehrRitterRömerPirat sein Recht mit den Fäusten zu verteidigen suchte, Luise mich nett und freundlich darum bat, ich möchte doch endlich mal wieder neben ihr Platz nehmen, schrie der Zoowärter lauthals. Da ich den FeuerwehrRitterRömerPiraten eben erst an der Bushaltestelle neben mir hatte sitzen lassen und ich den Artikel mit der Vogelmutter noch im Kopf präsent hatte, entschied ich mich dazu, Luises Wunsch zu erfüllen. Worauf der Zoowärter natürlich noch viel lauter schrie und dabei ohne Erfolg blieb, weil ich ja eben  keine Vogelmutter sein wollte.

Nun ja, der Zoowärter wäre ohne Erfolg geblieben, hätte nicht ein sehr freundlicher Buschauffeur eingegriffen. Er schnappte sich das Mikrofon und forderte den Zoowärter dazu auf, doch bitte zu ihm nach vorne zu kommen. Nach heftigem Widerstand von Seiten unseres Dreijährigen schaffte es „Meiner“, mit dem Zoowärter zum Chauffeur zu gelangen. Und dann ging die Post ab. Unser kleiner Trotzkopf durfte den Türöffner betätigen, bekam einen Fahrplan geschenkt, durfte dem Chauffeur beim Steuern zuschauen und erfuhr, dass im vergangenen Winter ein Häschen darum gebeten hat, mit dem Bus mitfahren zu dürfen. Und dass das Häschen im Frühling mit seiner ganzen Familie wieder Bus gefahren sei und dass es deshalb im Bus jetzt spezielle Billetts für Häschen gebe, von denen der Zoowärter eines haben durfte. Ausserdem erklärte der Chauffeur unserem staunenden Zoowärter, dass Elefanten nicht Bus fahren dürfen, weil sie viel zu schwer sind und gar nicht durch die Tür passen würden.

Derweilen sassen unsere restlichen Kinder brav bei mir hinten und schauten dabei zu, wie das Kind, das am lautesten geschrien hatte, am meisten Aufmerksamkeit bekam und dies, obschon ich mich brav daran gehalten hatte, keine Vogelmutter zu sein. Ich fürchte mich jetzt schon vor dem Schreiwettkampf, den sich unsere Horde bei der nächsten Busfahrt liefern wird, wenn wieder der nette Chauffeur fährt….

Abgewöhnt

In letzter Zeit werde ich immer wieder gefragt, wie ich neben fünf Kindern überhaupt noch die Zeit finde, zu schreiben, zu bloggen und ein Projekt zu leiten. Eine Frage, die ich nicht sonderlich mag, denn ich bin der Meinung, dass jeder mal mehr, mal weniger schafft und dass jeder auf die eine oder die andere Art ein Überlebenskünstler ist. Dennoch habe ich mich der Frage gestellt, woher ich die Zeit nehme, Dinge zu tun, die ich eigentlich nicht tun müsste. Und mir ist aufgefallen, dass ich mir einfach ein paar schlechte Gewohnheiten abgewöhnt habe. Zum Beispiel:

–  Fernsehen. Hin und wieder „10 vor 10“ ist alles, was ich mir gönne. Ansonsten verzichte ich ganz gerne auf den Mist, der da gesendet wird.
–  Bügeln. Ich meine, so etwas Doofes! Wo doch die Kleider ohnehin nach zehn Minuten wieder schmutzig und zerknittert sind.
– Aufräumen. Das gleiche Problem wie beim Bügeln, oder zumindest ein Ähnliches.
– Büchsen entsorgen. Die Dinger können ebenso gut auf dem Balkon rumstehen, weil ohnehin keiner Zeit hat, dort zu sitzen und das Leben zu geniessen. Und da Büchsen ohnehin nicht ökologisch sind, haben wir nicht besonders viele.
– Shoppen. Ist ja ohnehin selten mal Geld auf dem Konto und  zur Not tut’s auch Online-Shopping.
– Zehennägel lackieren. Nicht, dass ich das je regelmässig getan hätte, aber seitdem ich noch Wichtigeres zu tun habe, müssen meine Nägel warten, bis ich pensioniert werde. Wenn ich dann überhaupt noch bis zu meinen Zehen gelange….
– Grünabfälle entsorgen. Irgendwann beginnt das Zeug zu leben und dann findet es den Weg in die Grünabfall-Tonne von selber.
– Autowaschen. Nun ja, auch das habe ich früher nicht regelmässig getan, aber inzwischen tue ich es
noch unregelmässiger, nämlich gar nicht mehr.
– Weder Mani- noch Pediküre noch Besuche bei der Kosmetikerin. Nicht, dass ich mir da etwas hätte abgewöhnen müssen….
– Sport. Da ist und bleibt Churchill mein Idol, auch wenn ich weiss, dass ich eigentlich schon längst etwas tun müsste.

Gut, und dann sind da noch ein paar gute Gewohnheiten, die leider im Moment auch etwas zu kurz kommen. Zum Beispiel:

– Lange Waldspaziergänge am frühen Morgen.
– Ins Bett gehen, wenn ich müde bin und nicht erst dann, wenn fertig gearbeitet ist.
– Lesen, solange das Buch spannend ist und nicht nur, bis die WC-Pause wieder vorbei ist.
– Am Samstagmorgen auf den Markt gehen und danach bei Kaffee und guter Lektüre das Leben geniessen.
– Einfach nur in den Tag hineinleben und schauen, was daraus noch alles wird.

Zum Glück ist jetzt Sommer. Da kann man ja nicht mehr anders, als in den Tag hinein zu leben. Mal sehen, vielleicht wird mir dabei so langweilig, dass ich am Ende noch auf die Idee komme, mir die Zehennägel zu lackieren….

Squeamish

War das wiedermal eine Szene. Ein Regenwurm, der sich im Wäschekorb verirrt hatte, – nein, bitte keine Fragen, wie der dahin gekommen ist, sonst werde ich wieder wütend – ein neugieriges Prinzchen, das den Wurm ohne Furcht in die Hand nimmt und eine Mama, die in den höchsten Tönen kreischt. „Nein, Prinzchen, schmeiss diesen schrecklichen Wurm weg! Bitte, weg damit!“ Natürlich stimmt das Prinzchen in das Gekreisch der Mama ein, weil er glaubt, er hätte etwas ganz Böses getan und so stehen wir zu zweit in der Waschküche, kreischend, das Prinzchen heulend, ich den Tränen nahe, das Prinzchen immer noch mit dem Wurm in der Hand. Ich will mich schon aufmachen, um die furchtlose Luise aus dem Bett zu holen, damit sie den Wurm in den Garten befördert, da naht die Rettung in Form meiner Mutter. Ich fühle mich wie eine Dreijährige: Mama muss kommen, um das Prinzchen und mich vor dem garstigen Wurm zu retten.

Nun ja, ich bin eben ein ganz kleines bisschen, ähm, wie soll ich bloss sagen,  ja, squeamish eben. Wer nicht weiss, was squeamish bedeutet, muss sich einfach vorstellen, wie ich kreischend in der Waschküche stehe, dann weiss er es. In der deutschen Übersetzung steckt für meine Ohren einfach zu wenig Gekreische drin…

Ach, mein Prinzchen….

Der heutige Tag begann mit einem dumpfen Gepolter, gefolgt von lautem Prinzchen-Gebrüll. Nachdem mein Jüngster sich von seiner abenteuerlichen Kletterpartie aus dem Gitterbett erholt hatte, döste ich weiter. „Meiner“ war ohnehin schon aus dem Bett und so dachte ich mir, ich könnte das Kerlchen ruhigen Gewissens ein wenig durch die Wohnung strolchen lassen. Leider hatte ich vergessen, dass gestern jemand bei uns ein paar diese Zuckerschaum-und-Milchschokolade-Dinger (politisch unkorrekt in der Schweiz nach wie vor „Mohrenköpfe“ genannt) bei uns deponiert hatte und so wurde ich beim nächsten Erwachen eines Zuckerschaum-und-Milchschokolade-verschmierten Prinzchens gewahr. Dieses war sein erster Streich…. aber ein wahres Prinzchen hat auch am frühen Morgen schon viel mehr in Petto. Zum Beispiel, auf den Trip Trap klettern und mit der grossen Schöpfkelle Kakao in die daneben stehende Pfanne zu schaufeln, während Mama Karlsson dabei hilft, zu üben, wie er der Lehrerin gestehen könnte, dass er vergessen hat, das Zeugnis abzugeben. Oder sich an den Bonbons gütlich zu tun, die eigentlich für Karlssons morgige Schulreise bestimmt gewesen wären. Gut, die Dinger waren zuckerfrei, aber das Prinzchen hat wohl nicht daran gedacht, dass auf der Schachtel steht, das Zeug könne „bei übermässigem Verzehr abführend wirken“. Zwischendurch schaffte es der Schlingel auch noch, sich einen Stock tiefer zur Grossmama abzusetzen, waghalsige physikalische Versuche mit einem – Gott sei Dank leeren – Trinkglas durchzuführen, zu testen, ob der Tonkrug auch nach dreissig Jahren, die er schon in Gebrauch ist, noch stabil ist, noch einmal zur Grossmama durchzubrennen, mit dem FeuerwehrRitterRömerPiraten um den „Bä!“ren zu streiten und dann noch ein paar Dinge mehr, die ich inzwischen vergessen habe, weil ich ja so ganz nebenbei noch Luises Rucksack für die Schulreise packen musste, dafür zu sorgen hatte, dass alle geputzt, gestriegelt und obendrein noch rechtzeitig aus dem Haus gehen und zwischendurch versuchen musste, ein paar Bissen Frühstück in mich hineinzubringen.

Das alles brachte unser Prinzchen in weniger als neunzig Minuten zustande und jetzt frage ich mich natürlich, ob die Zeit noch reicht, ein Baugesuch für einen Tischlerschuppen einzureichen, bevor unser Jüngster richtig loslegt. Denn ganz wie bei Michel aus Lönneberga scheint mir, dass beim Prinzchen Unfug einfach geschieht, ob er es nun will oder nicht. Ausserdem frage ich mich, ob dieser verrückte Start in einen sehr langen Donnerstag genügt, um das zu entschuldigen, was ich danach tat: Ich liess mich bei einem weiteren Zwischendurcheinkauf vom Zoowärter dazu erweichen a) fünf Schweizerfähnchen aus Plastik zu kaufen und b) für meine zwei Jüngsten je ein mit Mickey Mouse verziertes Fläschchen mit diesem abscheulichen überzuckerten Gesöff zu erstehen. Zwei mütterliche Todsünden in einem klitzekleinen Zwischendurcheinkauf, ist das nicht etwas viel? Gut, zu meiner Entlastung darf ich vielleicht anführen, dass der klitzekleine Zwischendurcheinkauf nötig wurde, weil unsere Kinder von gestern Mittag bis heute Morgen zwei Kilo Nektarinen und ein Kilo Aprikosen verdrückt hatten und ich die Früchteschale dringend wieder auffüllen musste. Aber ich weiss nicht so recht, ob die Plastikfähnchen und das Gesöff meine ehrenvolle Tat nicht gleich wieder zunichte machen. Mal ganz abgesehen davon, dass die Früchte aus Spanien kommen, was ja ethisch und ökologisch auch nicht unbedingt vertretbar ist, wenn man an die Schauergeschichten aus der Huelva denkt…

Ja, da sieht man, mit welchen Fragen man sich als Mutter und Hausfrau bereits am frühen Morgen herumschlagen muss. Gut, dass inzwischen wenigstens mein kleines, süsses Monstrum schläft. So kann ich wenigstens meine Gedanken ein wenig ordnen, bevor das Chaos weitergeht….

Diese elenden Banken…

Als ob die Banken in den letzen Jahren nicht schon genug Unheil angerichtet hätten: Jetzt müssen sie mir auch noch meinen Triumph versauen. Da bringe ich es für einmal fertig, meine zwei Jüngsten geputzt und gestriegelt zum Zwischendurch-Einkauf mitzunehmen. Ich versichere euch: Die Welt hat noch selten zwei derart saubere Venditti-Kinder gesehen. Kein Geschmier um den Mund, keine verklebten Haare, keine Filzstiftspuren an den Beinen. Und das Erstaunlichste an der Sache war, dass sogar ich sauber war. Wirklich, ich schwöre es. Keine Schokoladenspuren auf dem Rock, kein verkleckertes T-Shirt, einfach eine saubere Mama mit zwei sauberen Jungs. Wir sahen aus wie in der Werbung. Okay, ich weiss, in der Werbung haben die Mamas keine schwarzen Augenringe und man sieht ihnen auch nicht an, dass sie schon ein paar Kinder geboren haben, aber ihr wisst schon, was ich meine.

So machte ich mich also auf ins Dorf mit meinen wunderhübschen Söhnen, lächelte allen alten Damen zu, zeigte meinen Söhnen die Häschen, Spatzen und Kornblumen, wie man das als engagierte Mama eben tut. Fröhlich betrat ich die Schalterhalle der Bank. Allein die Tatsache, dass Ende Monat noch etwas Geld auf dem Konto war, stimmte mich ausserordentlich fröhlich, da hätte es gar kein schönes Wetter und keine sauberen Kinder dazu gebraucht. Das Unheil kam in Gestalt einer zuckersüss lächelnden Bankangestellten, die dem Prinzchen eine Schale mit Süssigkeiten entgegenhielt, einfach so, aus heiterem Himmel. Und noch bevor ich etwas sagen kann,  hält das Prinzchen einen Carambar-Stengel in den Fingern. Momente später ist der Zoowärter stolzer Besitzer eines Bonbons. Und noch einmal Momente später ist das Prinzchen von Kopf bis Fuss mit brauner Caramelschmiere bedeckt, der Zoowärter mit zwar unsichtbarer aber nicht weniger klebriger Bonbon-Spucke und meine Finger, der Kinderwagen, der Griff des Einkaufswagen und mein T-Shirt mit einer Mischung aus beidem versehen. Und natürlich weit und breit kein Brunnen, keine Feuchttücher – wieso vergesse ich die Dinger auch bei Kind Nummer 5 noch immer zu Hause? – und schon gar kein Badezimmer, wo wir uns alle waschen könnten. So kommen wir drei in der Migros an, immer noch fröhlich zwar, aber längst nicht mehr die perfekte Familie aus der Werbung. Oder allerhöchstens aus der Waschmittelwerbung, wo man zeigen will, wie viel Dreck das Wundermittel zu beseitigen schafft. Klebrig wie wir sind, quatschen wir mit all den netten Frauen, denen ich doch so gerne bewiesen hätte, dass auch Vendittis hin und wieder ganz sauber daherkommen können.

Und das alles nur wegen dieser blöden Bank. Wann wird diesem Treiben endlich ein Riegel geschoben?

Gelernt

Das Prinzchen beherrscht jetzt nicht bloss seine ersten Zweiwortsätze, diesen unglaublich schelmischen Blick und das Kritzeln mit der linken Hand,- wenn er so weitermacht, wird er Linkshänder Nummer 4 in unserer Familie -, nein, der liebe Kleine weiss seit gestern auch, wie man mit Schlafsack aus dem Gitterbett klettert. Was den Feierabend für „Meinen“ und mich um eine gute Stunde nach hinten verschoben hat, was bedeutet, dass wir eigentlich gar nicht mehr zu Bett gehen müssten, da wir ohnehin gleich wieder aufstehen müssen.

Der Zoowärter will sich natürlich nicht lumpen lassen, wenn der kleine Bruder Dampf macht und deshalb legt auch er einen Zacken zu. Nicht nur hat er sich zum Grossmeister der Tobsuchtanfälle gemausert – so laut wie er hat noch keiner geschrien im Hause Venditti -, er hat auch gelernt, dass man die Herzen der Erwachsenen im Sturm erobert, wenn man versucht, Französisch oder Englisch zu reden. Und darum sagt er jetzt tagein,  tagaus „Moo döö, matiöö!“, was soviel heissen soll wie „Mon Dieu, Mathieu!“, was sich an eines unserer aktivsten Familienmitglieder richtet, aber ich sage nicht, an welches….

Der FeuerwehrRitterRömerPirat scheint inzwischen erkannt zu haben, dass man bei Vendittis derzeit am besten aus der Reihe tanzen kann, wenn man still, nachdenklich und artig ist. Und aus der Reihe tanzen, das will er, unser Dritter. Und so macht er derzeit den Musterknaben, der sich ohne Widerstand anzieht, die Zähne putzt und den Teller abräumt. Würde er nicht wie eh und je jeden Morgen massiven Widerstand leisten, wenn er in den Kindergarten gehen muss, ich würde mir ernsthafte Sorgen machen um meinen Sohn.

Luise bringt nicht nur jeden Tag einen ganzen Rucksack voller Wissen mit nach Hause, sie hat inzwischen auch gelernt, dass irgendwer die Zicke machen muss. Ich vermute, dass sie in unbeobachteten Momenten vor sich hingrummelt: „Immer muss ich diejenige sein, die hier zickt, nie hilft mir einer. Aber wenn ich es nicht mache, dann tut es ja sonst keiner in diesem elenden Männerhaushalt…“ Zum Glück hat sie sich auch wieder auf eine ihrer ältesten Eigenarten besonnen und so verbringt sie die Zeit, in der sie nicht zickt, bei  Mama oder Papa auf dem Schoss und schnurrt wie ein zufriedenes Kätzchen.

Wo so viel gelernt wird, will natürlich auch Karlsson dabei sein. Seine neueste Errungenschaft ist das Ziehen von Grenzen. Leider grenzt er sich aber nicht gegen solche ab, die ihm frech kommen, nein, er verteidigt gnadenlos die Grenzen zu seinem Zimmer. Wer das Wegrecht erhalten will, um mal kurz durch sein Zimmer zu gehen, der muss ihn zuerst auf Knien anflehen, er möge doch bittebittebitte für drei Sekunden die Türe aufmachen. Hoffen wir mal, das heldenhafte Verteidigen seiner Privatsphäre führe dazu, dass er auch mutiger wird, wenn ihm andere zu nahe treten. Ach und ja, er hat neulich auch gelernt, uns zu glauben, wenn wir ihm sagen, dass wir ihn schon vom ersten Moment an geliebt haben. Bis vor Kurzem hat er nämlich noch behauptet, das könne doch gar nicht wahr sein.

Und sogar „Meiner“, der doch eigentlich gar nichts mehr lernen müsste, weil Lehrer ja ohnehin alles wissen und alles können, hat sich etwas Neues angeeignet: Er hat gelernt, dass er auch mal liegenbleiben darf, dass nicht immer alles an ihm hängen bleiben muss. Ach, was bin ich stolz auf ihn! Wenn da bloss jemand wäre, der während der Zeit, in der er liegenbleibt, die Arbeit erledigt, die er sonst getan hat. Nun ja, eigentlich wäre da schon jemand, aber die Person hat auch eben erst gelernt, die Dinge auch mal liegenzulassen….

Hilft denn keiner diesen armen Kindern?

Mehrstimmiges Wehklagen tönte heute um elf Uhr vormittags durch das Haus Venditti. Was war bloss geschehen? War vielleicht ein geliebtes Haustier verstorben? Nein, natürlich nicht. Abgesehen von Stubenfliegen, Ameisen und ein paar Marienkäferlarven gibt’s im Hause Venditti gar keine Haustiere. Waren die Kinder krank? Nein, auch nicht. Ausnahmsweise verzichten wir mal für ein paar Wochen auf den Austausch von krankmachenden Käfern. Man kann ja nicht immer Spass haben. Hatten sich die lieben Kinderlein denn so lange gestritten, bis alle am Heulen waren? Leider auch falsch, der wahre Grund für das Geheul war ein viel Schlimmerer: Mama und Papa Venditti hatten verkündet, dass heute die Zimmer aufgeräumt werden müssen. Einfach so, obschon das Leben doch auch schön ist, wenn man bei jedem zweiten Schritt in einen Legostein tritt oder sich die Knöchel verstaucht beim Versuch, über Kissen und Decken zu steigen, ohne sich dabei in Wollfäden, die sich durchs ganze Zimmer spannen, zu verheddern.

Ja, „Meiner“ und ich können ganz schön gemein sein. Ohne Vorwarnung – denn was sind schon die drei, vier auf die ganze Woche verteilten Ankündigungen, dass am Samstag aufgeräumt werde? – zu befehlen, dass jetzt Ordnung gemacht wird. Da kann man ja nicht anders, als zu heulen. Und das tat Luise lange und ausgiebig. So lange, bis die Aufräumaktion vorbei war. Auch der FeuerwehrRitterRömerPirat schluchzte zum Steinerweichen, und hätte ich nicht gewusst, was der Grund für das Schluchzen war, ich hätte das arme Kind sofort mit einer warmen Honigmilch und einem Fieberthermometer unter die Bettdecke gesteckt und den Arzt angerufen. Bei Karlsson flossen die Tränen nicht sofort, sondern erst, nachdem „Meiner“ ihn zur Rede gestellt hatte, weil er wieder das ganze Zimmer umstellte, anstatt endlich Ordnung zu machen. Warum der Zoowärter heulte, weiss ich eigentlich nicht so genau. Er dachte wohl einfach, dass das heute zum Tagesprogramm gehört. Und weil das Prinzchen überall dabei sein will, wo seine grossen Geschwister dabei sind, stimmte auch er mit ein. All das Geheule im Chor klang so grauenvoll, dass es mich erstaunt, dass noch keiner gekommen ist, um „Meinem“ und mir die Kinder wegzunehmen.

Irgendwann waren die Zimmer dann doch noch soweit aufgeräumt, dass man mit den vergossenen Tränen den Boden putzen konnte. Und jetzt endlich konnte ich den Kindern gestehen, dass ich so gut verstehen kann, wie elend ihnen ist. Denn gibt es etwas Schlimmeres, als am Samstag – oder an irgend einem Tag – aufräumen zu müssen?

Wo, um Himmels Willen, leben wir denn bloss?

Heute habe ich mal wieder guten Grund, daran zu zweifeln, dass von dem, was ein durchschnittlich intelligenter Schweizer Schüler während seiner 9 obligatorischen Schuljahre mitbekommt, irgend etwas hängen bleibt. So zum Beispiel am frühen Morgen, als eine junge Frau von mir wissen wollte, wie denn das Wetter in den nächsten Tagen sein werde. Da ich nicht auch noch Zeit habe, mich mit Meteorologie herumzuschlagen, verwies ich sie an die Tageszeitung. Bald darauf sass sie am Küchentisch, vor sich die Wetterkarte mit Sonnen und Wolken. Eine Weile lang sagte sie nichts, dann fragte sie mich: „Wo wohnen wir denn überhaupt, im Norden oder im Süden der Schweiz?“ Um die Brisanz dieser Frage zu verstehen, muss man vielleicht noch wissen, dass es in der Schweiz relativ einfach ist, sich zu merken, wo Norden und wo Süden ist. Süden ist dort, wo die Einheimischen Italienisch reden, dort, wo immer die Sonne scheint, ausser an den Feiertagen, wenn die halbe Schweiz nach Süden pilgert, um dort das schöne Wetter zu geniessen. Norden ist dort, wo  die Einheimischen Deutsch reden, dort, wo es immer regnet, ausser an den Feiertagen. Aber dieses schöne Wetter bekommt im Norden gar keiner mit, weil alle im Süden hocken und über den Regen jammern. Weil ich dachte, dieser Umstand sei jedem, der in der Schweiz geboren und aufgewachsen ist, klar,  schaute ich sie mit gerunzelter Stirne an. Ich war mir nicht sicher, ob sie Witze machte oder nicht, aber bald wurde mir klar, dass die Frage ihr bitterer Ernst war. Also klärte ich sie darüber auf, dass wir im Norden leben. Worauf sie die Küche verliess und vor sich hin murmelte: „Norden, Süden, Westen und dann gibt es sonst noch was, aber ich habe vergessen, was es war….“

Wenig später kam ich vollbeladen mit meinem Monsterwocheneinkauf, der heute 10% weniger gekostet hatte, nach Hause. Wie immer half mir die junge Frau beim Auspacken. Auf dem Tisch türmten sich Nektarinen, Joghurts, Käse, Windeln, Eier …. und ausserdem ein Sack voller Aprikosen. Die junge Frau deutete auf die Aprikosen  und fragte mich: „Wo soll ich diese Orangen hintun?“ Ich bat sie, die Orangen, die eigentlich Aprikosen heissen, in die Früchteschale zu legen. Während sie dies tat, sagte sie: „Ich hasse Aprikosen. Das Zeug kann ich nicht essen.“ Weshalb dies denn so sei, wollte ich wissen, denn ich liebe Aprikosen über alles. „Ja weisst du, ich finde das Fell so grässlich“, erklärte sie mir. Wir mussten beide lachen und als wir fertig gelacht hatten, meinte sie: „Also ich habe natürlich die Kruste gemeint.“