Ist doch alles gar nicht wahr!

Bis jetzt hatte ich ja stets vehement widersprochen, wenn mir mal wieder jemand mit der abstrusen Behauptung kam, jüngste Kinder seien verwöhnt. Wie kann man denn bloss so etwas behaupten, wo doch die jüngsten Kinder nicht nur von ihren grösseren Geschwistern immer wieder eins aufs Dach bekommen und sich anhören müssen, sie seien noch zu klein,  um mitzuspielen. Nein, die armen jüngsten Kinder müssen schon vom ersten Tag ihres Lebens damit klarkommen, dass ihre Eltern nicht mehr taufrisch sind, dass sie schon unzählige durchwachte Nächte hinter sich haben, dass sie nicht mehr bei jedem Lächeln die Kamera zücken, bei jedem neuen Wörtchen applaudieren, von jeder witzigen Situation ein Filmchen für YouTube drehen. Bis vor wenigen Wochen bin ich jedem, der behauptete, die Jüngsten hätten es am besten, noch fast an die Gurgel gesprungen. Immerhin bin ich ja selbst die Jüngste und glaubt mir, bei sechs älteren Geschwistern weiss ich sehr wohl, wovon ich rede, wenn ich behaupte, das Leben eines jüngsten Kindes sei nicht eitel Sonnenschein.

Doch inzwischen bin ich ja nicht bloss jüngste Schwester, sondern auch Mutter eines jüngsten Bruders und so langsam beginne ich zu ahnen, dass das Klischee vielleicht doch nicht ganz von Ungefähr kommt. Zum Beispiel dann, wenn ich nach einer halben Stunde Schlafliedchen-Singen folgsam noch ein weiteres Liedchen anhänge, wenn das Prinzchen mich mit hinreissendem Augenaufschlag auffordert: „genge“, womit er sagen will, dass er noch ein Liedchen will. Weshalb ich das mache, wo ich doch bei all den anderen Kinder spätestens nach dem vierten Lied gesagt hatte, es sei jetzt genug? Nun, offen gestanden weiss ich selbst nicht, ob ich weitersinge, weil ich inzwischen weiss, wie schnell die Zeit der Schlafliedchen vorbeigeht, oder weil ich keine Nerven mehr habe für das Gebrüll, das einsetzt, wenn ich nicht mehr singe, oder weil ich inzwischen wieder gelernt habe, dass es nicht Schöneres gibt, als einem Kleinkind beim Einschlafen zuzusehen.

Es gibt noch andere Situationen, in denen mir auffällt, dass das Prinzchen darf, was vor ihm noch keiner im Hause Venditti durfte: Auf dem Esstisch sitzen, zum Beispiel. Dies vor allem, weil ich meist gar nicht bemerke, dass das Prinzchen auf dem Tisch sitzt, weil ich gerade Karlsson bei den Hausaufgaben helfe, oder Luise in einen Schmetterling verwandle, oder den FeuerwehrRitterRömerPiraten davon überzeugen muss, dass es jetzt nicht Zeit ist, über die Römer zu diskutieren, sondern dass er jetzt in den Kindergarten gehen muss, oder dem Zoowärter ein Bilderbuch erzähle. Oder dann, wenn das Prinzchen zum hundertsten Mal aus dem Bett geklettert kommt und ich noch immer lache, weil er einfach zu süss aussieht. Luise haben wir damals, als sie im Ausbrecheralter war, mit Schlaftee zu beruhigen versucht, anstatt dass sich einer von und neben ihr Bett gesetzt hätte und endlos Schlafliedchen gesungen hätte…

Ich gebe es ungern zu  – und ich muss euch inständig darum bitten, meinen grossen Geschwistern nichts davon zu erzählen, weil sie dann wieder behaupten, sie hätten es ja schon immer gewusst -, aber ich muss gestehen, dass ich durchaus dazu neige, das Prinzchen zu verwöhnen. Nicht, weil ich ihn lieber hätte als die anderen vier, auf gar keinen Fall. Auch nicht, weil ich vor lauter Sentimentalität, dass die Babyzeit so langsam aber sicher zu Ende geht, nicht anders kann. Okay, gut, vielleicht spielt das ja ein ganz wenig mit, aber sagt’s bitte nicht weiter… Nein, ich denke, der Hauptgrund ist wohl, dass ich inzwischen gelernt habe, dass man einem Kind gar nie genug Liebe mitgeben kann. Und dann kann es schon mal vorkommen, dass ich vor lauter Liebe einmal ein Auge zudrücke, das ich früher noch nicht zugedrückt hatte, weil ich damals noch Angst hatte, ich würde meine Kinder zu sehr verwöhnen.

Wobei ich heute denke, dass man ein Kind, das mit vielen Geschwistern teilen muss, gar nicht wirklich verwöhnen kann. Denn genau so oft, wie ich jedem unserer Kinder zeige, wie viel es mir bedeutet, genau so oft kommt es vor, dass ich in Hitze des Gefechts übersehe, dass ein Kind mich jetzt ganz dringend gebraucht hätte.

Beinahe hätte ich’s vergessen

Da war ich in den letzten Tagen so beschäftigt mit Kuchenbacken fürs Jugendfest, für die Kindergarten-Geburtstagsparty, für die Kinder-Geburtstagsparty, als Vorräte für den tatsächlichen FeuerwehrRitterRömerPiraten-Geburtstag Mitte Juli, mit Wohnungsputz – die Putzrau ist in den Ferien -, Kinderzimmer entrümpeln bevor sich noch einer ein Bein bricht, wenn er versucht, sich einen Weg durchs Chaos zu bahnen, Hochzeitstag feiern, Au-Pair kennen lernen und Schuljahr beenden. Wir alle hatten so viel um die Ohren, dass ich beinahe die Vorfreude vergessen hätte. Also ja, eigentlich nicht nur die Vorfreude, sondern auch den Grund für die Vorfreude, nämlich die Tatsache, dass wir am Samstag in die Ferien fahren. Nur für eine Woche zwar, dazu noch in der Innerschweiz, aber immerhin sind das die Tage, auf die wir seit Monaten sehnsüchtig gewartet haben und da sollte man eigentlich meinen, dass mir nicht irgendwann, mitten im Alltagsstress in den Sinn kommt, dass wir bis zur Abreise nur noch viermal schlafen müssen und dass wir uns deswegen vielleicht langsam aber sicher überlegen sollten, ob wir alle mit dem Zug fahren oder ob „Meiner“ oder ich das Gepäck mit dem Auto durch die Schweiz karrt. Vielleicht sollten wir auch mal abklären, ob wir für das Prinzchen ein Kinderbett mitnehmen müssen. Und ob es dort in der Nähe einen Laden gibt oder ob wir zu Hause schon alles einkaufen sollten. Und ob es dort auch einen Internet-Anschluss gibt, damit „Meiner“ und ich weiterhin ungestört bloggen können, oder ob wir noch ganz schnell, bevor wir dann weg sind, ein paar Blogkonserven einmachen müssen.

Vor allem aber sollten wir endlich wieder damit anfangen, uns vorzufreuen. Vor lauter Stress hätten wir nämlich beinahe vergessen, dass uns nur noch ein paar wenige Stunden von ausschlafen, Ausflügen, Souvenirjagd, Badespass, ausgiebigem Lesen und haushaltfreier Zeit trennen. Und weil das Schönste an den Ferien ja meistens die Vorfreude ist, habe ich beschlossen, dass ich mit der Vorfreude anfange und zwar genau …. JETZT.

Wie? Ob ich vergessen habe, dass da noch die Koffer für sieben Leute zu packen sind? Mist! Daran habe ich tatsächlich auch nicht mehr gedacht. Vielleicht bleiben wir doch lieber zu Hause…..

Es gibt Au-Pairs, …..

….  denen kann man Kohlrabi in die Hand drücken und sie fragen nicht „Was ist denn das?“ sondern sie nehmen ein Rüstmesser zur Hand und machen sich daran, das Ding zu schälen und in Würfel zu schneiden.

…. denen kann man sagen, dass man jetzt Vollkornbrot backen möchte und sie rümpfen nicht die Nase, sondern beginnen zu strahlen, weil sie sich darauf freuen, anständiges Brot zu essen. Und dann machen sie sich mit Leidenschaft daran, das Korn zu mahlen.

…. denen kann man sagen, dass man jetzt eine Zeit lang lesen möchte und die fassen das nicht als Aufforderung auf, einem jetzt endlich über alle Details des letzten Liebeskummers zu berichten, sondern die schnappen sich selber auch ein Buch.

….. denen kann man zutrauen, dass die Kinder heil nach Hause kommen, auch wenn der Bus ohne Mama Venditti, aber mit Au-Pair und Kindern abgefahren ist, weil Mama Venditti und der Billettautomat sich mal wieder in die Haare geraten sind.

….. denen kann man sagen, dass die Kinder jetzt kein Eis mehr haben dürfen und dann bekommen die Kinder auch kein Eis, auch wenn Mama Venditti schon längst nicht mehr hinschaut.

…… bei denen das Bild, das sie im Internet abgegeben haben, mit der Realität übereinstimmt.

…… denen kann man sagen, dass man sie nach der Schnupperwoche sehr gerne einstellen würde, weil man merkt, dass die Chemie einfach stimmt.

Es geschehen doch tatsächlich noch Zeichen und Wunder….

Ja

Zwölf Jahre ist es her, da haben „Meiner“ und ich ja gesagt. Ja zu einem Leben zu zweit, zu einem Leben, das wir uns etwa so vorgestellt hatten: Ein paar Jahre die Zeit zu zweit geniessen, ein wenig reisen, ein wenig studieren und ein wenig Geld verdienen, „Meiner“ zuerst mit unterrichten, dann mit etwas Kreativem, ich vielleicht als Journalistin, vielleicht auch als Gymnasiallehrerin oder vielleicht auch als etwas ganz anderes. Dann irgendwann eins, zwei, drei, vier Kinder, alle schön nacheinander, in gut verkraftbaren Abständen, Junge, Mädchen, Junge, Mädchen oder vielleicht auch Mädchen, Junge, Mädchen, Junge, auf alle Fälle schön gleichmässig nach Geschlechtern aufgeteilt. Ein eigenes Haus würden wir nie besitzen, ein eigenes Auto erst recht nicht.

Zwölf Jahre sind vergangen und alles ist ein wenig anders geworden, als wir es uns damals gedacht hätten: Wir besitzen zwei Drittel eines Hauses, auf dem Vorplatz steht ein eigenes Auto – gut, inzwischen ist es wenigstens kein Siebenplätzer mehr, sondern nur noch ein nettes himmelblaues Kleinwägelchen -, in den Kinderzimmern schlafen fünf Kinder, Junge, Mädchen, Junge, Junge, Junge und die Kinderchen sind nicht schön brav dann gekommen, wann wir sie geplant hätten, sondern dann, wenn ihnen gerade danach war, zu unserer Familie zu stossen. Unser Leben zu zweit dauerte gerade mal anderthalb Jahre, dann waren wir schon zu dritt.

Unser Leben zu zweit, dann zu dritt, zu viert, zu fünft, zu sechst und schliesslich zu siebt steckte voller Überraschungen, viele davon wunderschön, viele davon aber auch niederschmetternd. Wie oft haben wir gestaunt über Dinge, die wir nie für möglich gehalten hätten? Wie oft haben wir geweint, weil wir uns das alles etwas einfacher vorgestellt hatten? Wie oft haben wir gezweifelt, ob unser Weg noch in die richtige Richtung geht? Wie oft haben wir gejubelt, weil Träume wahr geworden sind? Wie oft haben „Meiner“ und ich uns angebrüllt, weil der andere mal wieder so unmöglich war? Wie oft haben wir uns gesagt, wie unendlich glücklich wir uns schätzen, miteinander unterwegs sein zu dürfen?

Zwölf Jahre schon leben wir das, was viele Menschen für ein Auslaufmodell halten. Zwölf Jahre schon fahren wir auf der Berg- und Talbahn des Familienlebens. Zwölf Jahre schon? Oder sind es nicht viel eher zwölf Jahre erst? Denn auch wenn es mir so vorkommt, als wären wir schon seit Ewigkeiten verheiratet, die Zeit verging dennoch wie im Flug.

Nun, wie dem auch sei, wichtig ist daran nur eines: Auch wenn kaum etwas so geworden ist, wie wir uns dies vor zwölf Jahren mal ausgemalt hatten, Ja sagen würde ich auch heute wieder. Wenn auch auf ziemlich andere Art und Weise als damals. Vielleicht könnten „Meiner“ und ich ja noch einmal heiraten….

Fiktives Interview zum Feierabend

Und, Mama Venditti, wie war denn das Fest heute?

Das Fest? Welches Fest denn?

Na, das Jugendfest, oder wie das Ding bei euch heisst?

Das Jugendfest? Hatten wir ein Jugendfest? Daran kann ich mich gar nicht erinnern…

Aber klar kannst du. Ihr habt doch wochenlang vorbereitet.

Wer sind „ihr“?

Was weiss ich, wer ihr alle seid. Irgendwelche durchgeknallten Eltern, die sich die ganze Zeit immer nur abrackern müssen. Menschen, die glauben, an einem Jugendfest müsste es auch ein Kinderprogramm geben, obschon doch jeder weiss, dass solche Feste nur dazu veranstaltet werden, damit sich die Bevölkerung mal wieder offiziell am hellen Tag einen Schwips leisten darf….

Ach so, jetzt dämmert mir endlich, wovon du redest. Ich weiss zwar nicht, warum du die Sache ein Fest nennst, ich glaube eher, das war ein Arbeitseinsatz. Aber da war heute tatsächlich etwas mit einem Kinderprogramm und so. Ich glaube, ich war da sogar involviert, aber offen gestanden kann ich mich nicht mehr so recht erinnern, was da alles lief. Ich bin nämlich ein wenig müde….

Klar warst du involviert. Ich habe dich schon morgens um acht durchs Dorf hetzen sehen. Was hast du bloss an einem Samstagmorgen um acht auf der Strasse zu suchen?

Mmmmhhh, lass mich mal überlegen…. Ich glaube fast, da war etwas mit einer Hüpfburg, für die wir keinen Strom hatten. Und irgendwas mit einem Tor, das noch nicht offen war. Oder hatte ich mir bloss eingebildet, dass es verschlossen war?

Und später, da habe ich dich mit einer Horde von Kindern auf dem Rummelplatz gesehen. Alle deine Kinder hatten eine Zuckerwatte in der Hand. Wie soll ich mir das bloss erklären? Ich habe dich stets für eine ziemlich vernünftige Mutter gehalten….

Stimmt, die Zuckerwatte! Die hätte ich beinahe vergessen. Klar finde ich Zuckerwatte schrecklich. Aber wie soll ich meinen Kindern weismachen, dass sie die Einzigen sind, die keine haben dürfen? Ich will doch nicht, dass sie zu Aussenseitern werden. Zu meiner Verteidigung muss ich aber  anfügen, dass das Prinzchen keine hatte. Er ist also noch ganz unverdorben.

Unverdorben? Ich hab’s doch gesehen, wie der Kleine auf dem Karussell im Feuerwehrauto sass. Und als er nicht mehr rauswollte, hast du ihm eine weitere Runde bezahlt, und den anderen Kindern auch gleich noch eine. Wie viel Geld hast du denn bloss liegen gelassen heute?

Tja, diese Frage ist mir ein wenig zu persönlich. Darüber möchte ich lieber nicht reden. Ausserdem weiss ich das gar nicht mehr. Oder vielleicht will ich es auch bloss nicht mehr wissen, wer weiss?

Gut, lassen wir das Thema. Später habe ich dich dann gesehen, wie du mit Schachteln voller Muffins durchs Dorf gehetzt bist. Bist du denn wahnsinnig geworden? Wer will bei diesem Wetter denn schon Muffins essen?

Na, wer wohl? Die Kinder aus Schönenwerd. Du hättest mal sehen sollen, wie die sich auf die Küchlein gestürzt haben. Und sogar bei den Käsekrokodilen und den Käsefüsschen haben sie eifrig zugegriffen.

Die spinnen die Schönenwerder, kann ich da nur sagen….

Aber nein, die spinnen nicht. Die wissen es einfach zu schätzen, wenn sie an einem Jugendfest auch mal was anderes zu essen bekommen als Wurst und Brot.

Wenn wir schon bei den Würsten sind: Warum habe ich dich eigentlich nie auf dem Festplatz sitzen sehen?

Du glaubst doch nicht, ich würde Geld ausgeben für Wurst mit Brot? Ich bin Vegetarierin, da esse ich lieber zu Hause. Und überhaupt, ich hatte weder Zeit noch Lust, auf dem Festplatz zu sitzen. Das habe ich gestern Abend schon getan.

Nun, für mich klingt das alles nicht sehr festlich. Ich habe den Eindruck, dass du von Feiern keine Ahnung hast.

Alos so würde ich das nicht sagen. Ich weiss sehr wohl, wie man feiert: Man sorgt dafür, dass alle ihren Spass haben und wenn man viel Glück hat, schafft man es, abends um halb elf, wenn endlich alle erschöpft eingeschlafen sind, die Nase in ein Buch zu stecken.

Nun, ich verstehe das mit dem Feiern ein wenig anders, aber zum Schluss möchte ich jetzt nur noch Eines wissen: Warum bist du abends, als das Kinderprogramm zu Ende war, mit einem knallgrünen Besen mit Schaufel durchs Dorf gerannt? Hast du denn gar keine Angst, dass du dich lächerlich machst?

Lächerlich hin oder her. Einer musste ja die Hüpfburg sauber machen, bevor der Vermieter sie wieder abholte. Und weil alle anderen Eltern mit Aufräumen beschäftigt waren oder mit allen Kräften ihre Kinder vom Rummelplatz zerren mussten, nahm ich eben die Sache mit dem Besen auf mich. Jetzt ist alles wieder sauber und wir können wieder zur Tagesordnung übergehen. Das heiss, zuerst werde ich wohl dafür sorgen müssen, dass sich meine müden Füsse wieder erholen…. Ach, ähm, wovon haben wir denn jetzt eigentlich die ganze Zeit geredet? Doch nicht etwa vom Jugendfest, oder? Du musst verstehen, ich bin ein wenig müde…. Anstrengender Tag und so…..

Achtung, schmalzig!

Wer keine Sentimentalitäten mag, soll jetzt bitte gleich wieder aufhören mit Lesen. Denn aus diesen Zeilen wird er nur so triefen, der Schmalz. Und dennoch meine ich das alles genau so, wie es hier steht.

Da frage ich mich doch heute im Laufe des Tages immer wieder, weshalb ich mich am bisher heissesten Tag des Sommers in die Küche sperren lasse, um 120 Muffins zu backen. Warum ich bei brütender Hitze einen Stuhl zum Kreuzgang der Kirche schleppe, das letzte Stück des Weges eine steile Treppe  hinauf. Was mich dazu treibt, meinen ohnehin schon kratzigen Hals noch mehr zu belasten, indem ich einer Kinderschar ein Märchen erzähle, damit die Erwachsenen das Fest geniessen können. Und was um Himmels Willen treibt mich dazu, meine zu klein gewordenen Schuhe an der Käsereibe zu reiben, nur damit sie wie richtige „zertanzte Schuhe“ aussehen? Ich zerbreche mir den Kopf, weshalb ich nicht die einzige Mama bin, die sich bei dieser Hitze ins Zeug legt, um dafür zu sorgen, dass die Kinder morgen ein schönes Jugendfest haben werden. Warum bloss sind viele von uns Müttern solche Masochistinnen?

Abends um halb neun, als ich mit Märchenerzählen dran bin,  kommt endlich die Antwort auf die Fragen, die mich den ganzen Tag lang geplagt  haben. Das heisst, es kommen gleich mehrere Antworten: Das kleine Mädchen mit den riesigen blauen Augen, das doch eben erst noch ein Baby war und das mir jetzt freudestrahlend erzählt, dass es nach den Sommerferien in den Kindergarten kommt. Der Junge, der ganz entrüstet ausruft, so etwas dürfe man also auf gar keinen Fall sagen, als ich erzähle, die grosse Schwester habe die kleine Schwester eine dumme Kuh genannt. Mir völlig fremde Kinder, die vertrauensvoll zu mir kommen und sich von mir helfen lassen, weil man einer Frau, die auf einem Märchenerzählstuhl sitzt, doch einfach vertrauen muss. Die Kinderschar, die sich einen Dreck schert um Autoscooter, Karussell und Zuckerwatte, solange sie an einem wunderschönen Sommerabend im lauschigen Kreuzgang Märchen hören dürfen.  Karlsson, der so stolz ist, dass er mir beim Erzählen die Requisiten reichen darf. Luise, die findet, ihre Mama, der beim Erzählen zuweilen beinahe die Stimme versagt hatte,  könne am zweitbesten Märchen erzählen. Der FeuerwehrRitterRömerPirat und der Zoowärter, die zwar die Geschichte von dem tapferen Soldaten, der herausfindet, was die Königstöchter nächtens treiben, schon hundertmal gehört haben, aber noch immer an meinen Lippen hängen, als hörten sie diese zum ersten Mal.

Ja, so abgedroschen und sentimental das auch klingen mag, wahr ist es dennoch: Diese Knöpfe sind es einfach Wert, dass man sich für sie ins Zeuge legt.

Unvernünftig?

Ob das besonders klug war von mir? Bis Mitternacht mit der jungen Frau zu reden, die, falls wir einen guten Eindruck bei ihr hinterlassen, unser neues Au-Pair werden könnte? Wo ich doch genau weiss, dass ich morgen 100 Muffins backen darf, dazu noch unzählige Käsefüsschen – vielleicht werden es auch Käsekrokodile oder Käselöwen, ich bin mir noch nicht ganz sicher – und ausserdem noch ein paar Accessoires passend zum Märchen der zertanzten Schuhe zu finden habe. Vor uns liegt ein langes Jugendfestwochenende und eigentlich müsste ich inzwischen wissen, dass ich alleine mit viel Schlaf verhindern kann, dass mir irgendwann, mittendrin, wenn meine Hilfe am dringendsten gebraucht wird, alles zu viel wird.

Aber was soll’s? Die Gespräche mit der jungen Frau waren einfach zu interessant, als dass ich sie hätte abkürzen wollen. Wenn das kein gutes Zeichen ist….

Montag

Eigentlich war das heute ja ein ganz gewöhnlicher Montag. Ein Montag, an dem ich mich mit grosser Mühe aus den Federn zwinge. Ein Montag, an dem mir schon in den frühen Morgenstunden vor den Arbeitsbergen graut, die ich bezwingen sollte, von denen ich aber bereits beim Aufstehen weiss, dass ich sie nicht werde bezwingen können, weil ständig etwas anderes dazwischen kommen wird, weil jede Aufgabe eine andere nach sich ziehen wird, weil die paar lausigen Stunden, die der Tag zu bieten hat, nie und nimmer reichen werden, um alles zu tun, was getan werden sollte. Und so schlüpfe ich einmal mehr in die unterschiedlichsten Rollen, die Regisseur Alltag mir auf den Leib zu schreiben versucht, bin einmal gestrenger Poolwart, fünf Minuten später fürsorgliche Krankenschwester und noch einmal fünf Minuten später die Lehrersgattin, welche die Schüler ihres Mannes auf der Schulreise mit Glace versorgt und sich dabei insgeheim fragt, weshalb sie in Gegenwart dieser Schüler regelmässig zum Drachen  mutiert. Nachdem ich eine Weile lang die demotivierte Putzfrau gegeben habe – die echte Putzfrau weilt leider in den Ferien -, findet man mich als jubelnde Zuschauerin wieder, die sich darüber freut, dass ihre Kinder ein weiteres Schwimmabzeichen geschafft haben und keine zehn Minuten später darf die Projektleiterin zeigen, ob sie auch ohne Abendessen im Magen und ohne Verschnaufpausen fähig ist, bei kritischen Fragen Red und Antwort zu stehen. Kaum zu Hause gilt es, die Sängerin zu aktivieren, denn das Prinzchen weigert sich, einzuschlafen, ohne dass Mama sich vorher heiser gesungen hat. Und nachdem die Bloggerin ihren Senf zum Tag abgegeben hat, werde ich als Waschweib in die Tiefen des Kellers hinabsteigen und dafür sorgen, dass morgen alle wieder frische Kleidung anzuziehen haben.

Wenn ich mir diesen Montag so durch den Kopf gehen lasse, dann muss ich mir eingestehen, dass so ein Leben gar nicht so übel ist. Anstrengend, ja, zuweilen auch sehr herausfordernd. Aber auch so vielseitig, dass sich in dem Haufen von Aufgaben immer die eine oder andere Sache finden lässt, die so richtig Spass macht.

Wer am lautesten schreit….

Meistens lassen mich Artikel über Kindererziehung ja ziemlich kalt. Was da geschrieben wird, passt für Grossfamilien einfach nicht. Klar weiss ich, dass es am besten ist, wenn man sich zu einem Kind auf Augenhöhe begibt und ihm tief in die Augen schaut, wenn man ihm sagen möchte, dass es etwas nicht tun soll. Aber wer schon mal versucht hat, fünf Kindern gleichzeitig tief in die Augen zu schauen, der weiss, was ich meine, wenn ich sage, dass das bei uns alles nicht ganz so einfach ist. Klar ist mir bewusst, dass es am besten wäre, wenn man jeden Abend mit jedem Kind den Tag bewusst mit einem Abendritual abschliessen könnte, aber würden wir das konsequent durchziehen, ich glaube, unser Abendrituale würden sich bis weit nach Mitternacht erstrecken. Auch wir versuchen, mit den Kindern abends bewusst ruhiger zu werden, den Tag mit Nähe ausklingen zu lassen, aber meist sitzen wir dann alle zusammen auf dem Sofa und schliessen den Tag gemeinsam ab.

Dennoch habe ich gestern den Artikel über das Vogelmutter-Prinzip in einer Familienzeitschrift von A bis Z durchgelesen. Im Artikel ging es darum, dass man als Eltern vermeiden sollte, dass derjenige, der am lautesten schreit auch am meisten Aufmerksamkeit bekommt. Denn wenn das Kind merkt, dass schreien zum Erfolg führt, schreit es beim nächsten Mal noch lauter. Eigentlich nichts Neues für mich, aber hin und wieder  ist es gut, sich solche Dinge mal wieder in Erinnerung zu rufen. Und da bei uns derzeit ziemlich laut und ziemlich viel geschrien wird, habe ich mir die Sache zu Herzen genommen. Heute Morgen im Bus hatte ich dann gleich Gelegenheit, das Gelesene zu testen. Der Zoowärter, Luise und der FeuerwehrRitterRömerPirat wollten alle bei mir sitzen, keiner aber war dazu bereit, bei mir auf dem Schoss zu sitzen, damit ich allen Wünschen gerecht werden könnte. Während der FeuerwehrRitterRömerPirat sein Recht mit den Fäusten zu verteidigen suchte, Luise mich nett und freundlich darum bat, ich möchte doch endlich mal wieder neben ihr Platz nehmen, schrie der Zoowärter lauthals. Da ich den FeuerwehrRitterRömerPiraten eben erst an der Bushaltestelle neben mir hatte sitzen lassen und ich den Artikel mit der Vogelmutter noch im Kopf präsent hatte, entschied ich mich dazu, Luises Wunsch zu erfüllen. Worauf der Zoowärter natürlich noch viel lauter schrie und dabei ohne Erfolg blieb, weil ich ja eben  keine Vogelmutter sein wollte.

Nun ja, der Zoowärter wäre ohne Erfolg geblieben, hätte nicht ein sehr freundlicher Buschauffeur eingegriffen. Er schnappte sich das Mikrofon und forderte den Zoowärter dazu auf, doch bitte zu ihm nach vorne zu kommen. Nach heftigem Widerstand von Seiten unseres Dreijährigen schaffte es „Meiner“, mit dem Zoowärter zum Chauffeur zu gelangen. Und dann ging die Post ab. Unser kleiner Trotzkopf durfte den Türöffner betätigen, bekam einen Fahrplan geschenkt, durfte dem Chauffeur beim Steuern zuschauen und erfuhr, dass im vergangenen Winter ein Häschen darum gebeten hat, mit dem Bus mitfahren zu dürfen. Und dass das Häschen im Frühling mit seiner ganzen Familie wieder Bus gefahren sei und dass es deshalb im Bus jetzt spezielle Billetts für Häschen gebe, von denen der Zoowärter eines haben durfte. Ausserdem erklärte der Chauffeur unserem staunenden Zoowärter, dass Elefanten nicht Bus fahren dürfen, weil sie viel zu schwer sind und gar nicht durch die Tür passen würden.

Derweilen sassen unsere restlichen Kinder brav bei mir hinten und schauten dabei zu, wie das Kind, das am lautesten geschrien hatte, am meisten Aufmerksamkeit bekam und dies, obschon ich mich brav daran gehalten hatte, keine Vogelmutter zu sein. Ich fürchte mich jetzt schon vor dem Schreiwettkampf, den sich unsere Horde bei der nächsten Busfahrt liefern wird, wenn wieder der nette Chauffeur fährt….

Abgewöhnt

In letzter Zeit werde ich immer wieder gefragt, wie ich neben fünf Kindern überhaupt noch die Zeit finde, zu schreiben, zu bloggen und ein Projekt zu leiten. Eine Frage, die ich nicht sonderlich mag, denn ich bin der Meinung, dass jeder mal mehr, mal weniger schafft und dass jeder auf die eine oder die andere Art ein Überlebenskünstler ist. Dennoch habe ich mich der Frage gestellt, woher ich die Zeit nehme, Dinge zu tun, die ich eigentlich nicht tun müsste. Und mir ist aufgefallen, dass ich mir einfach ein paar schlechte Gewohnheiten abgewöhnt habe. Zum Beispiel:

–  Fernsehen. Hin und wieder „10 vor 10“ ist alles, was ich mir gönne. Ansonsten verzichte ich ganz gerne auf den Mist, der da gesendet wird.
–  Bügeln. Ich meine, so etwas Doofes! Wo doch die Kleider ohnehin nach zehn Minuten wieder schmutzig und zerknittert sind.
– Aufräumen. Das gleiche Problem wie beim Bügeln, oder zumindest ein Ähnliches.
– Büchsen entsorgen. Die Dinger können ebenso gut auf dem Balkon rumstehen, weil ohnehin keiner Zeit hat, dort zu sitzen und das Leben zu geniessen. Und da Büchsen ohnehin nicht ökologisch sind, haben wir nicht besonders viele.
– Shoppen. Ist ja ohnehin selten mal Geld auf dem Konto und  zur Not tut’s auch Online-Shopping.
– Zehennägel lackieren. Nicht, dass ich das je regelmässig getan hätte, aber seitdem ich noch Wichtigeres zu tun habe, müssen meine Nägel warten, bis ich pensioniert werde. Wenn ich dann überhaupt noch bis zu meinen Zehen gelange….
– Grünabfälle entsorgen. Irgendwann beginnt das Zeug zu leben und dann findet es den Weg in die Grünabfall-Tonne von selber.
– Autowaschen. Nun ja, auch das habe ich früher nicht regelmässig getan, aber inzwischen tue ich es
noch unregelmässiger, nämlich gar nicht mehr.
– Weder Mani- noch Pediküre noch Besuche bei der Kosmetikerin. Nicht, dass ich mir da etwas hätte abgewöhnen müssen….
– Sport. Da ist und bleibt Churchill mein Idol, auch wenn ich weiss, dass ich eigentlich schon längst etwas tun müsste.

Gut, und dann sind da noch ein paar gute Gewohnheiten, die leider im Moment auch etwas zu kurz kommen. Zum Beispiel:

– Lange Waldspaziergänge am frühen Morgen.
– Ins Bett gehen, wenn ich müde bin und nicht erst dann, wenn fertig gearbeitet ist.
– Lesen, solange das Buch spannend ist und nicht nur, bis die WC-Pause wieder vorbei ist.
– Am Samstagmorgen auf den Markt gehen und danach bei Kaffee und guter Lektüre das Leben geniessen.
– Einfach nur in den Tag hineinleben und schauen, was daraus noch alles wird.

Zum Glück ist jetzt Sommer. Da kann man ja nicht mehr anders, als in den Tag hinein zu leben. Mal sehen, vielleicht wird mir dabei so langweilig, dass ich am Ende noch auf die Idee komme, mir die Zehennägel zu lackieren….