Luise, Mama und die Zahlen

Mama mag keine Zahlen. Hat sie noch nie gemocht. Zwar hat sie schon seit frühester Kindheit alles, was es zu zählen gab, beinahe zwanghaft gezählt. Aber sobald es darum ging, kleine Zahlen von grossen Zahlen abzuziehen oder grosse Zahlen durch kleine Zahlen zu teilen oder herauszufinden, was a plus b minus c gibt, sass Mama, die damals natürlich noch nicht Mama hiess, verzweifelt da und kämpfte mit den Aufgaben – und mit den Tränen. Gab es eine Prüfung zu schreiben, schrieb sie oben ihren Namen und das Datum hin und gab das Blatt leer ab. So leer wie das Blatt war auch ihr Kopf, zumindest, wenn es um Zahlen ging. Wenn es um historische Zusammenhänge, grammatikalische Strukturen, komplizierte Sätze und fremdsprachige Vokabeln ging, dann war ihr Kopf voll, aber bei den Zahlen war nichts als lauter Leere. Es gab Lehrer, die attestierten ihr Dummheit, andere empfahlen ihr einen Besuch beim Psychiater und Jahre später, als die Schule längst Vergangenheit war, erfuhr sie, dass man die „Dummheit“ auch Dyskalkulie hätte nennen können, aber dafür war es jetzt zu spät. Die Matur hatte sie ja trotzdem geschafft, weil sie nicht nur unterdurchschnittliche Begabungen hatte, sondern auch überdurchschnittliche. Und beides zusammen ergab ein mehr oder weniger durchschnittliches Resultat.

Luise mag ebenfalls keine Zahlen. Vielleicht mag sie die Zahlen noch weniger als Mama sie gemocht hatte. Luise will nicht zählen, schon gar nicht will sie eins und eins zusammenzählen. Sie will auch keine Zahlenhäuser bauen und  keine Zahlemauern. Doch weil Luise all dies trotzdem tun muss, kommt es regelmässig zum lautstarken Krach, wenn die Lehrerin will, dass Luise zu Hause rechnet. Zwar bemüht sich Mama nach Kräften, die schlechten Erfahrungen mit den Zahlen nicht an die Tochter weiterzugeben, aber kaum sieht sie das aufgeschlagene Zahlenbuch vor sich, schrumpft Mama auf die Grösse von Luise und auf einmal sitzen da zwei quengelnde kleine Mädchen am Tisch, die nicht rechnen wollen. Die kleine Luise tobt, weil ihr Kopf nicht erfassen kann, was er erfassen müsste; die kleine Mama tobt, weil sie in ihrem Kopf keine Erklärungen findet, mit denen sie der Tochter das Unverständliche verständlicher machen könnte. Und so werden die beiden immer nervöser, immer ungeduldiger, immer lauter. Bis der Papa die Szene betritt, das Heft in die Hand nimmt und die Sache so erklärt, dass nicht nur Luise den Knopf auftut, sondern auch Mama. Vielleicht lernt auf diese Weise nicht nur Luise die Zahlen lieben.

Wobei: Der Papa, der damals noch nicht Papa hiess, hat in Mama, die damals noch nicht Mama hiess, die Liebe zu den Zahlen schon im Gymnasium zu wecken versucht. Während die Liebe zu den Zahlen ausblieb, wurde die Liebe zum zukünftigen Papa umso grösser. Und so lernte Mama wenigstens, dass eins und eins unter gewissen Bedingungen fünf Kinder gibt.

Achtung! Trotzphase im Anmarsch!

So sieht die Theorie aus, zitiert aus Wikipedia:

„In der Sprachentwicklung des Kindes, etwa ab dem Alter von etwa 1,5 Jahren an, beginnt das erste Fragealter, welches inzwischen auch als 1. Trotzphase bezeichnet wird. Das Kind drückt mit seinem noch relativ geringen Wortschatz von etwa 50 Wörtern alle seine Wünsche und Bedürfnisse aus und versucht diese in Einklang mit seinem Umfeld zu bringen. Dabei werden Fragen an den Erwachsenen gestellt, die, wenn sie mit ja beantwortet werden vom Kind als positiv gewertet werden. Wird etwas verneint, so kann das Kind eventuell mit Trotz reagieren. Diese Trotzreaktionen erklären sich aus dem damit zusammenhängenden Kontext: Da das Kind noch nicht mit Worten ausdrücken kann, was sein eigentliches Ziel ist, versucht es, durch die auf ein geäußertes Bedürfnis folgende Trotzreaktion, die nötige Aufmerksamkeit seines Umfeldes zu bekommen. Diese Trotzreaktionen treten jedoch nicht bei allen Kindern in diesem Alter auf.“

Und so sieht die Realität aus:

Es ist tiefe Nacht. Draussen schneit es. Alles ist still, kein Geräsuch dringt durchs Babyphon, im Elternschlafzimmer schnarchen „Meiner“ und das Prinzchen und auch ich schlafe tief – ohne zu schnarchen, wohlverstanden. Gegen drei Uhr morgens ist es vorbei mit der Ruhe. Das Prinzchen brüllt. Lieb, wie wir Eltern nun mal sind, wechseln wir dem Kind die Windeln, geben ihm eine warme Milch, ziehen ihm die Spieldose auf, geben ihm hundertmal den Schnuller und das Schmusetuch. Und das Prinzchen brüllt weiter. Also machen wir Licht. Vielleicht hat er ja etwas, was man im Dunkeln nicht erkennen kann. Kaum ist es hell, greift das Prinzchen nach einem Spielzeug und gurrt vergnügt vor sich hin. Schön, das Kind hat etwas gefunden, also schnell das Licht ausmachen und weiterschlafen.

Doch kaum ist es wieder dunkel, geht das Gebrüll wieder los. Licht an – Prinzchen gurrt. Licht aus – Prinzchen brüllt. Licht wieder an – Prinzchen strahlt, streckt mir die Ärmchen entgegen und ruft „use!“ Die bösen Eltern sagen nein, machen das Licht aus – Prinzchen bekommt einen frühkindlichen Tobsuchtanfall. Wie lange das so hin und her geht, weiss ich nicht mehr, aber es erscheint mir endlos. Und wie ich so dem wütenden Gebrüll unseres Jüngsten lausche und mir vor dem Morgen graut – zumal es ein Montagmorgen ist -, dämmert mir langsam, dass da die erste Trotzphase im Anzug ist. Und zwar genau so, wie sie im Buche steht. Bloss, dass das Prinzchen, würde er sich an die Vorschriften halten, noch damit noch zuwarten würde, bis er 1,5 Jahre alt ist.

Es wird heller

Luise, der Zoowärter und das Prinzchen sitzen in der Badewanne. Das Prinzchen patscht mit den Händchen im Wasser, die beiden Grossen tun es ihm gleich. Fröhliches Quietschen, ein paar Spritzer, die daneben gehen. Im Hintergrund erzählt Trudi Gerster in voller Lautstärke und mit viel Grunzen und Prusten die Geschichte von der Schneekönigin. Der FeuerwehrRitterRömerPirat hat das Sofa in die Mitte des Raumes geschoben, damit er sich dahinter ein gemütliches Nest schaffen konnte. Irgendwo hört man Karlsson aus voller Kehle singen. Ich sitze inmitten des Chaos und freue mich meines chaotischen Lebens. Und dies, obschon „Meiner“ den Samstagvormittag in der Schule verbringt, um mit den Eltern Gespräche zu führen und zwar am Ende einer Woche, die vollgepackt war mit Gesprächsterminen, was bedeutet, dass ich für einmal fast alleinerziehend war.

Wie ich so dasitze, völlig entspannt,  wird mir plötzlich bewusst, dass etwas anders geworden ist. Es ist noch kein Jahr her, da wäre eine solche Szene unmöglich gewesen. Das alles hätte mich komplett überfordert: Spritzer auf dem Badezimmerboden, herumgeschobene Möbel, Lärm. Die Kinder in der Badewanne, wenn „Meiner“ weg ist? Kommt nicht in Frage, das schaffe ich nicht. Zu viel Chaos. Zu viele Möglichkeiten, dass etwas schief gehen könnte und ich am Ende des Vormittags ein heulendes Wrack wäre. Ein Samstagmorgen ohne „Meinen“ und ich jammere nicht lauthals darüber, dass ich wieder den Laden alleine schmeissen muss? Vor Kurzem noch unmöglich. Zu dicht balancierte ich am Abgrund, als dass ich die Kraft aufgebracht hätte, mich noch ein paar Stunden länger zusammenzureissen. Märchen-CD in voller Lautstärke? Nicht bei uns. Okay, Trudi Gerster liebte ich, im Gegensatz zu Pingu und Papa Moll, schon immer. Aber es gab da eine Zeit, da mochte ich nicht mal ihrem Schnauben, Grunzen und Quietschen zuhören. Zu gross der Lärm der düsteren Gedanken in meinem Kopf, als dass ich noch mehr hätte ertragen können.

So ganz langsam scheine ich wieder festen Boden unter den Füssen zu bekommen. Schritt für Schritt nähere ich mich der Person an, die ich ursprünglich mal gewesen bin: Unbeschwert, optimistisch, bereit, den Stier bei den Hörnern zu packen anstatt verschüchtert in der Ecke zu kauern. Und inzwischen wage ich gar zu hoffen, dass eines Tages, in nicht allzu ferner Zukunft, die Kinder nicht mehr so oft leise und brav sein müssen, weil ihre Mama sonst mit ihrer Lebendigkeit überfordert ist.

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Superbaby in Training

Das Prinzchen hat Grosses vor. Das wissen wir seit heute Nacht. Irgendwann, gegen vier Uhr war es, beschloss er, dass er jetzt nicht mehr schlafen wollte. Der Grund war keine volle Windel. Auch nicht das Zahnen. Und schon gar nicht der Hunger. „Meiner“ und ich nahmen das Kerlchen aus dem Bett, um ihn besser abchecken zu können. Aber wir fanden nichts. Also beschlossen wir, ihn wieder in seinen Schlafsack zu stecken. Kaum war er drin, schwellte er seine Brust, neigte sich nach hinten und zwar so lange, bis der Druckknopf aufsprang und er sich heldenhaft aus dem Ding befreien konnte. Er sah aus wie Clark Kent, wenn er sich zum Superman wandelt. Im Halbschlaf dachten wir zuerst, das sei Zufall gewesen. Doch nach dem zweiten, dritten, ja, vierten Versuch war uns klar: Das Prinzchen trainiert für seine Karriere als Superbaby. Die Superman-Pose zum eindrücklichen Entledigen der bürgerlichen Kleidung beherrscht er mitunter perfekt. Der nächste Schritt wird dann wohl das Fliegen sein.

Würde mich nicht verwundern, wenn ich heute Nacht wach werde, weil unser Jüngster um die Lampe kreist.

Vorfreudensorgen

So langsam beginne ich, nervös zu werden. Denn jetzt, wo des Zoowärters Geburtstag vorbei ist und er heult, weil er  noch einmal feiern möchte, ist der nächste wichtige Termin der 1. Februar, der Tag, an dem ich für vier Tage alleine verreise. Und zwar zum ersten Mal, seitdem ich vor fünfzehn Jahren vier Tage in Israel war. Aber da war ich ja eigentlich auch nicht alleine, da war ich unterwegs mit einer Horde kettenrauchender Reisebüroangestellten, die sich vier Tage lang über Astrologie unterhielten, während ich im Stillen zur Überzeugung gelangte, dass ich da nicht hinpasste und mich, kaum war ich wieder zu Hause, an der Uni einschrieb. Und seither war ich nie mehr alleine weg. Entweder interrailte ich mit „Meinem“ durch Osteuropa, sah mir mit „Meinem“ und Karlsson Englands Gärten an oder verbrachte mit meiner ganzen Horde All-Inclusive-Ferien im Kinderhotel in Österreich, etwas, was ich mir in grauer Vorkinderzeiten geschworen hatte, nie im Leben zu tun.

Und jetzt, wo ich die Gelegenheit habe, für ein paar Tage ganz alleine für mich zu sein, packt mich die Panik. Was soll ich bloss so lange mit mir ganz alleine anfangen? Und wie sollen die zu Hause bloss ohne den Hausdrachen auskommen, der ihnen sagt, was sie tun und lassen sollen? Und haben die im Ländli einen Internetanschluss, damit ich auch dort bloggen kann? Denn wenn ich Ruhe habe, beginnt mein Kopf wie verrückt zu schreiben und wenn ich das Zeug nicht loswerden kann, drehe ich fast durch. Was, wenn ich abends im Bett Angst bekomme? Oder wenn ich vor lauter Heimweh krank werde? Letztes Jahr, als mich „Meiner“ ins Ländli geschickt hatte, hatte ich wenigstens noch das Prinzchen dabei, das damals noch verhungert wäre ohne die Mama. Ihn konnte ich an mich drücken, wenn ich Karlsson, Luise, den FeuerwehrRitterRömerPiraten, den Zoowärter und „Meinen“ zu sehr vermisste. Aber diesmal werde ich mutterseelenallein sein und ich habe keine Ahnung, wie ich das überstehen werde. Zumal ich diesmal nicht mehr so tief in meinem schwarzen Loch sitze wie noch vor einem Jahr, was zwar schön ist, aber auch bedeutet, dass ich meine Umwelt nicht mehr so verschwommen wahrnehme und mich deshalb auch viel öfter frage, was wohl die Leute von mir denken.

Ja, jetzt, wo der erste Februar näher rückt, weiss ich gar nicht mehr, ob ich denn tatsächlich alleine sein will. Klar, ich freue mich auf die Ruhe. Ich bin gespannt darauf, was diese Ruhe in mir auslösen wird. Ich frage mich, ob mir in der Stille neue Ideen für weitere Projekte im Sinne der trockenen Tinte kommen werden. Ich freue mich auch auf die ungestörten Nächte – so ich denn überhaupt schlafen kann ohne das ruhige Atmen des Prinzchens und das Schnarchen von „Meinem“ zu hören. Ich kann es auch kaum erwarten, mal wieder in einer Sauna zu sitzen und ein paar Längen zu schwimmen. Wenn ich an all dies denke, dann platze ich fast vor Vorfreude. Und werde fast wahnsinnig vor lauter Angst…

Danke, Pooh Bär

Nein, so richtig gut ist er nicht in seinen dritten Geburtstag gestartet, der Zoowärter. Dabei eröffnet einem der dritte Geburtstag doch Welten, die bis anhin verschlossen waren. Von einem Tag auf den andern darf man den Hinweis, der einem bis anhin das Leben erschwert hat, ignorieren: „Für Kinder unter 3 Jahren nicht geeignet, da Kleinteile verschluckt werden können – Erstickungsgefahr!“ Okay, der Zoowärter hat den Hinweis auch schon vorher ignoriert. Wie soll man nicht, wenn die grossen Geschwister so tolle Spielsachen haben? Das ist so ähnlich wie bei den Teenagern, die Alkohol trinken, obschon sie noch nicht sechzehn sind. Die besorgen sich die verbotene Ware ja auch meist via ältere Freunde.

Ab heute also darf der Zoowärter völlig legal mit allem spielen, was nur für Kinder über drei Jahren geeignet ist und da sollte man doch erwarten, dass das Kind fröhlich aus dem Bett springt. Tut er aber nicht. Kaum ist er fünf Minuten wach, heult er los. Er will einen roten Farmerstengel, die Mama hat aber nur braune gekauft. (Für Nicht-Schweizer und Nicht-Migroskunden: Farmerstengel sind die Getreideriegel der Migros und ja, ich weiss, dass man Stengel heutzutage mit ä schreibt, aber dieses kleine Stück Rückständigkeit gönne ich mir.) Der Zoowärter ist am Boden zerstört. Das also ist der Geburtstag, von dem alle seit Wochen geredet haben: Ein blöder grauer Tag, der damit anfängt, dass Mama die falschen Farmerstengel gekauft hat. Und dann isst die blöde Mama die letzte Griesscreme aus den Kühlschrank weg. Und dann wird man von den grossen Geschwistern auch noch mit all dem Ramsch überhäuft, den sie nicht mehr gebrauchen können, weil sie schon lange nicht mehr drei sind. Und diese Leute behaupten, sie würden einen lieben?

Zum Glück gibt es den gelben Helden mit dem roten T-Shirt. Zuerst eilt er dem Zoowärter in Form eines Kuchens zu Hilfe, dann an den Trinkhalmen, auf den Plastikbechern und Kartontellern. Schliesslich auch noch als Schlüsselanhänger, als Gurt, auf der Tasse und als Spiel. Pooh der Bär zaubert das Strahlen zurück ins Gesicht des Zoowärters, sorgt dafür, dass der Kleine für den Rest des Tages „Pooh Bär, wir mögen dich sehr, Rumpedi bumpedi, kommt er daher…“ vor sich hin trällert und sich von seiner Familie wieder so geliebt fühlt, wie er auch geliebt wird.

Puh! Der Geburtstag ist gerettet. Danke, Pooh!

Na ja

Die vielen Komplimente gestern haben mich wohl etwas übermütig gemacht. So sehr, dass ich glaubte, beweisen zu müssen, dass noch mehr perfekte Hausfrau – oder Albtraum aller Mütter, wie andere dies nennen ;-),- in mir steckt. Und so sieht das Resultat aus:

Na ja. Es könnte schlimmer sein. Immerhin hat der Zoowärter seine Geburtstagskuchen als Winnie the Pooh erkannt. Die Farben haben es wohl verraten. Aber meine Träume, dass ich irgendwann auf der Hausfrauen-Karriereleiter steigen werde, begrabe ich wohl besser wieder. Ist wohl doch nichts für mich.

Wenn man bedenkt, ….

… dass ich gestern vor lauter Bloggen beinahe vergessen hätte, dem Zoowärter eine Geburtstagstorte für die Spielgruppe zu backen,

dass ich um elf Uhr abends alle Zutaten, die das Pech hatten, mir über den Weg zu laufen, zusammengemixt habe,

dass ich den Kuchen dann nachts um halb eins aus dem Ofen gezogen habe,

dass ich heute früh gemerkt habe, dass Glasur rosarot wird, wenn man den Puderzucker mit Blutorangensaft mischt,

dass ich, weil der Kuchen jetzt schweinchenrosa war, spontan entschieden habe, eine Piglet-Torte daraus zu machen,

dass ich zwischen Frühstück servieren, Geschirrspüler ausräumen und Windeln wechseln im Internet schnell nach einem Piglet-Bild gesucht habe und das Tier dann aus Marzipan, den ich zufällig noch vorrätig hatte, ausgeschnitten habe,

dass ich dann sogar noch drei Kerzen aufgetrieben habe, obschon ich vergessen hatte, welche zu kaufen,

dass Karlsson findet, er möchte an seinem nächsten Geburtstag auch so eine Torte haben, einfach nicht mit einem Piglet drauf, und ihr wisst ja, Karlsson ist anspruchsvoll,

dass ich pünktlich um neun Uhr mit einem glücklichen Zoowärter und einer fast perfekten Piglet-Torte in Schweinchenrosa in der Spielgruppe aufkreuzte,

dass den  Kindern die Torte ganz offensichtlich geschmeckt hat,

dann müsste man zum Schluss kommen, dass ich doch nicht eine vollkommen missratene Hausfrau bin. Und dann klopfe ich mir für einmal voller Stolz auf die Schulter, auch wenn ich bezüglich perfekte Hausfrau nicht allzu grosse Ambitionen hege. Wenn man aber bedenkt, dass ich ausgerechnet an dem Tag, an dem ich einmal beweisen könnte, dass trotz allem tief in meinem Inneren eine perfekte Hausfrau schlummert, wenn ich genau an diesem Tag die Kamera nicht finden kann, um ein Bild meines Prachtsexemplars zu schiessen, dann ist das doch einfach eine Gemeinheit. Wenn es Misserfolge zu dokumentieren gibt, dann ist sie immer zur Stelle, die Kamera, aber kaum gibt es mal einen Erfolg zu vermelden, macht sie sich aus dem Staub, das fiese Ding. Und darum habe ich, nachdem die Torte gegessen und die Kamera wieder gefunden war,  ganz schnell ein neues Piglet gebastelt, um der Welt zu zeigen, dass auch ein blindes Huhn manchmal ein Körnchen findet.

Wir elenden Lügner, wir!

Jawohl, unehrlich sind wir, wir angeblich so glücklichen Eltern. Posaunen in die Welt hinaus, wie glücklich wir darüber sind, Kinder zu haben, ja, mehr Kinder zu haben als es dem westeuropäischen Durchschnitt entspricht. Behaupten, wir könnten uns ein Leben ohne Kinder nicht vorstellen. Wagen dann auch noch anzufügen, dass unser Leben durch unsere Kinder bereichert sei, dass wir all die Mühen, die sie mit sich bringen, gerne auf uns nehmen, weil wir so viel zurückbekommen. Und dann gibt es noch solch widerliche Zeitgenossen wie „Meinen“ und mich, die allen Ernstes behaupten, sie würden einander noch immer lieben, trotz der vielen Kinder.

Ja, solche Lügen verbreiten wir und locken damit andere in die gleiche Falle, in der wir selber feststecken. Habe ich heute in einem Leserbrief in der „NZZ am Sonntag“ gelesen. „Es gäbe mehr kinderlose Paare, wenn Eltern ehrlich wären“, schreibt da ein gewisser Martin Novotny aus Sevelen. Man müsste die Paare davor warnen, Kinder zu bekommen, anstatt „falsches Glück und Zufriedenheit hinauszuposaunen“. Aber zum Glück gibt es einen Herrn Novotny, der endlich einmal sagt, was Sache ist: Jahre der Schlaflosigkeit, behinderte oder kranke Kinder, Verlust der eigenen Identität und Degeneration der romantischen Partnerschaft zur Zweckgemeinschaft. So schwarz sieht er, der Herr Novotny.

Eigentlich möchte ich ihm widersprechen, dem Herrn Novotny. Möchte ihm sagen, dass die Jahre der Schlaflosigkeit aufgewogen werden durch fünf einzigartige Geschöpfe, die ich beim Grosswerden begleiten darf. Geschöpfe, die ich nicht kennen würde, hätte ich ihnen nicht das Leben geschenkt. Ich möchte ihm auch sagen, dass Eltern behinderter und kranker Kinder diese ebenso lieben, wie ich meine gesunden Kinder liebe, ja, vielleicht sogar noch mehr. Dass ein behindertes oder krankes Kind nicht weniger Wert ist als ein gesundes. Ich möchte ihm sagen, dass ich mich selber erst richtig gefunden habe, nachdem ich nicht mehr alle Zeit der Welt hatte, mich selber zu suchen. Dass ich herausfinden musste, welches meine echten Wünsche und Bedürfnisse sind, weil ich keine Zeit mehr hatte, meine kostbare freie Zeit mit Dingen zu vertrödeln, die mir nicht voll und ganz entsprechen. Ich möchte ihm auch sagen, dass „Meiner“ und ich die Romantik erst dann richtig schätzen gelernt haben, als sie nicht mehr jederzeit verfügbar war. Dass wir Facetten im anderen kennen gelernt haben, die wir nicht kennen würden, wären wir bloss Mann und Frau, und nicht auch noch Vater und Mutter.

Mit alldem möchte ich dem Herrn Novotny widersprechen. Aber er lässt mich nicht. Denn, so schreibt er,  „wer widerspricht, ist entweder kinderlos oder unehrlich“. Und ich habe mich immer für einen ehrlichen Menschen gehalten…

Gar nicht so einfach diese Erziehung

Müsste ich den FeuerwehrRitterRömerPiraten für die ersten Wochen dieses Jahres einen Strafregisterauszug liefern, dann stünde darauf folgendes:

1 Mal die Küche unter Wasser gesetzt

1 Mal die Tapete in sehr grossen Fetzen von der Wand gerissen

1 Mal Tannenbaumschmuck mutwillig zerstört und die Scherben auf dem Fussboden verteilt

1 Mal extensiv mit Hartweizendunst, Wasser und Teigwarenmaschine experimentiert

Wenn man dies liest, könnte man fast meinen, er halte sich an die Regeln von Michel aus Lönneberga: Jeder Unfug nur einmal. Wären da nicht noch diese Ausnahmen, welche vielleicht aber auch nur die Regel bestätigen:

2 Mal Drucker-Nachfülltinte in Mamas Büro verschüttet, einmal schwarz, einmal magenta

3 Mal vierzig Minuten zu spät vom Kindergarten nach Hause gekommen

Ja, der FeuerwehrRitterRömerPirat hat uns ziemlich auf Trab gehalten und wir zerbrechen uns den Kopf, wie wir verhindern können, dass es so weitergeht. Früher hätte man sich das ja einfach gemacht:  Das Kind wird als „schwer erziehbar“ abgestempelt, kriegt eins hinter die Löffel und verschwindet auf unbestimmte Zeit im Tischlerschuppen. Ist aber nicht unser Stil. Es ist aber auch nicht unser Stil, einfach wegzuschauen und unser Kind grenzenlos randalieren zu lassen.

Was aber ist unser Stil, wenn alle Erziehungsmittel, die bei Karlsson und Luise zum Ziel führen, beim FeuerwehrRitterRömerPiraten ins Leere laufen? Wie können wir dem Kind beibringen, dass es so nicht weitergehen kann, wenn er jedes Mal, wenn er ertappt wird, frech grinst und bloss mit den Schultern zuckt, wenn wir fragen, weshalb er getan hat, was er getan hat? Und schliesslich die drängendsten aller Fragen: Warum tut er all dies? Was fehlt ihm und wie können wir ihm helfen? Denn so sehr er uns mit seinem Verhalten zur Weissglut treibt, es bleibt uns dennoch klar, dass mehr dahinter steckt. Dass er nicht einfach ein „schwieriges Kind“ ist, sondern dass er irgend einen Grund hat, weshalb er all dies tut.

In solchen Momenten wird mir jeweils bewusst, was für eine immense Herausforderung diese Erziehung doch ist. Es ist so einfach, drakonische Strafen zu verhängen und dies als Erziehung zu deklarieren. Oder gleichgültig wegzuschauen und dann zu behaupten, man befolge damit einen erzieherischen Grundsatz. Nein, zur Erziehung taugen beide Wege nichts und sie sind wohl bloss deshalb so populär, weil sie einfach anzuwenden und vordergründig sehr wirkungsvoll sind. Wenn auch diese Wirkung fragwürdig ist. Doch um solche Probleme zu lösen, taugen keine Patentrezepte, keine „Erziehungstipps“ wie zum Beispiel diesen: Ich müsse dem FeuerwehrRitterRömerPiraten eben mit der Holzkelle den Hintern versohlen. Es taugen auch keine mitleidigen Seufzer. Und deshalb verbitte ich mir jegliche Kommentare, die in die eine oder andere Richtung gehen.

Der einzige Weg aus der Zwickmühle wird wohl sein, dass wir dem FeuerwehrRitterRömerPiraten ganz nah sind, um zu spüren, was ihn dazu treibt, so viel Unfug zu machen. Wir werden herausfinden müssen, welche Konsequenzen sein Tun haben muss, so, dass wir ihn nicht einfach sinnlos bestrafen, sondern so, dass ihm bewusst wird, dass das, was er getan hat, nicht in Ordnung ist. Und das Wichtigste: Wir werden ihm immer und immer wieder eine Chance bieten müssen, uns zu beweisen, dass er anders kann, ja, dass er anders will. Und deshalb habe ich schon mal all seinen Unfug aus dem „Strafregisterauszug“ gestrichen. So, dass wir das alles zwar noch als witzige Anekdoten in Erinnerung behalten, aber auch so, dass er weiss, dass wir ihm nichts nachtragen und ihn nicht abstempeln. Denn egal, was er alles auf dem Kerbholz hat, wir lieben ihn über alles!