Voyeurismus

Luise ist völlig aus dem Häuschen. „Mama, der X hat eine neue Zwetschge!“, verkündet sie, nachdem sie einen entfernten Bekannten,  den wir schon länger nicht mehr gesehen haben, mit seiner angeblich neuen Freundin beobachtet  hat. Als wir ihr nicht so recht glauben wollen, zieht  sie sich wieder auf ihren Beobachtungsposten zurück, diesmal mit Karlsson vom Dach im Schlepptau. Und dieser bestätigt schon bald darauf Luises Beobachtung: „Er hat wirklich eine Neue. Sie hat viel mehr Falten als die Letzte. Dafür sind ihre Lippen nicht so dick.“ Demnach müsste die Neue deutlich älter sein als die Alte. Und dies würde darauf schliessen lassen, dass die Neue die Uralte ist, diejenige, die der X noch vor der Alten gehabt hat.

Leider konnten wir nicht klären, ob die Neue wirklich eine Neue ist, ob die Alte inzwischen deutlich gealtert ist, oder ob die Neue wieder die Uralte ist. Denn als wir uns unseren kleinen Voyeuristen anschliessen wollten, war der X mit seiner „Zwetschge“ schon längst in der Menschenmenge verschwunden.

Wo sind all die Wolken, wenn man sie mal dringend braucht?

Es ist frustrierend. Den ganzen Tag schafft man es, das Unmögliche möglich zu machen, und dann, kurz nach Feierabend kommt der Zoowärter und verlangt allen Ernstes eine Wolke. Zuerst bringt er sein Anliegen bei seiner Schwester vor. Diese kann aber leider nicht behilflich sein und deshalb gelangt er an uns mit seinem Wunsch: „Mami, Papa, ich wele e wolche!“ All unser gutes Zureden hilft nichts, unsere Erklärungen, wir könnten ihm keine Wolke bringen, führen nur dazu, dass er lauter brüllt, noch mehr Wolken will.

Nun, wie gesagt, wir haben heute schon mehrmals das Unmögliche möglich gemacht. Wir haben zum Beispiel den Nachbarjungen überzeugt, dass Apfelrösti eine Delikatesse ist. Und weil der Junge glaubt, bei uns sei das Essen immer gut (gestern gab es Cervelats), ass er am Ende drei Teller leer, obschon das Gericht aussah, als hätte es bereits jemand vorgekaut.

Wir brachten es auch fertig, Luise zum Stillsitzen zu bringen, obschon sie während des Essens die neusten Ballettschritte vorführen wollte, dringend wissen musste, was bei Nachbars im Garten gerade so läuft, eine Stand-up- Comedy Nummer zum Besten geben wollte und  gleichzeitig noch ihrem Bruder die Mayonnaisetube  zu entreissen versuchte.

Ja, wir haben es sogar geschafft, vier Kinder mit Erdbeercornets zu versorgen, ohne dass nur ein einziges Eis auf dem Fussboden landete. Aber jetzt, wo wir auf die Schnelle ein paar Wolken herbeischaffen sollten, müssen wir kapitulieren. Wolkenmachen haben wir in unserer Elternkarriere noch nicht gelernt. Vielleicht ist wiedermal eine Weiterbildung fällig.

Solidarität

Für alle die nachgefragt haben: Nein, dem Knie geht’s leider nicht besser, sondern schlechter. Aber was soll’s? Es ist Frühling, der Kirschbaum blüht und nächste Woche geht’s ab in die Röhre. Und ausserdem habe ich einen, der sich wunderbar mit mir solidarisiert. Wann immer der Zoowärter sich weh tut, sei es im Gesicht, an den Fingern oder am Fuss, jammert er laut „Aua, tuet so weh mini Chnüü! Muesch blase.“  Jammere ich, fragt er fürsorglich nach: „Tuet so weh dini Chnüü?“

So bauen wir uns durch gemeinsames Jammern immer wieder auf.  Geteiltes Leid ist bekanntlich halbes Leid.

Der Hase ist aus dem Sack

So, einen Mythos haben wir erledigt. Den Klapperstorch und den Samichlaus sind wir zwar noch nicht losgeworden, aber immerhin müssen wir jetzt  nicht mehr vom Osterhasen reden; zumindest nicht mehr, bis das Prinzchen zu reden beginnt. Der FeuerwehrRitterRömerPirat war der Erste, der skeptisch wurde. Herausfordernd schaute er mir gestern in die Augen und meinte: „Der Osterhase bist du.“ Offenbar wurde sein Verdacht dadurch geweckt, dass die Mama, die seit dem ersten April kaum mehr einen Schritt vor die Haustür getan hatte, nun plötzlich trotz Krücken in die Stadt musste, weil sie „eine Sitzung mit dem Osterhasen hatte“.

Während der FeuerwehrRömerRitterPirat bereit war für diese Entdeckung, wollten die grossen Geschwister noch nichts davon wissen. Doch dann, heute Morgen bei der Eiersuche,  belauschte ich Karlsson vom Dach. „Die Sachen haben Mama und Papa versteckt“, dämmerte es ihm, als er für jedes Kind ein passendes Buch im Garten fand. „Mama und Papa sind sooooo liebe Osterhasen.“ Leider waren dann aber auch wir daran Schuld, dass ihm sein Osterhase nicht gefiel. Wo ist denn der Osterhase, wenn man ihn mal braucht? Da kauft man extra einen Fahrrad-fahrenden Hasen für Karlsson, weil dieser so gerne Fahrrad fährt. Und was will das undankbare Kind? Einen Hasen mit Blümchen, genau so einen, wie Luise hat. Und was tut die sooooo liebe Osterhäsin, früh morgens um halb neun, wenn man sich eigentlich für den österlichen Kirchgang bereit machen sollte? Sie färbt Marzipan, formt Blümchen und freut sich darüber, das Karlsson wieder strahlt.

Den definitiven Todesstoss bekam der Osterhase dann von der Nachbarin versetzt. Die Kinder zeigen ihr stolz ihre Hasen, die Nachbarin bewundert die verschiedenen Tiere gebührend und will dann von mir wissen: „Wo hast du nur so viele verschiedene Hasen aufgetrieben?“ Damit hat auch für Luise der Glaube an den Osterhasen ein Ende gefunden.

Jetzt müssen wir nur noch dafür sorgen, dass die Grossen die beiden Kleinen nicht über die wahre Identität des Osterhasen aufklären, bevor diese reif sind für die ganze Wahrheit.

Glaubensfragen

Ursprünglich hatten wir ja mal geplant, unsere Kinder vor all den Ammenmärchen zu verschonen und ihnen von Anfang an reinen Wein einzuschenken, wenn es um die grossen Fragen des Lebens wie Weihnachtsmänner, Ostern und die Herkunft der Babies geht. Anfangs ging dies eigentlich noch ganz gut. Der Samichlaus war einfach ein verkleideter Mann, von Christkind, Osterhase & Co. war schon gar nicht die Rede.

Dann jedoch kam der denkwürdige 6. Dezember, an dem ein Onkel der Kinder als Samichlaus auftauchte und erzählte, sein Esel habe leider dieses Jahr nicht mitkommen können. Und weil die lieben Kleinen den Onkel trotz seines starken  Baslerdialekts nicht erkannten, gibt es jetzt eben den Samichlaus. Er wohnt, wie bei den meisten anderen Familien auch, tief im dunklen Tannenwald, bäckt Grittibänzen und verteilt Geschenke.

Nun ja, damit könnte man leben. Doch vor zwei Jahren kam dann noch der Osterhase dazu. Unsere Kinder sind der festen Überzeugung, dass es dieses Eier-anpinselnde Geschöpf gibt und wenn sie kurz vor Ostern ein Haarbüschel im Garten liegen sehen, sind sie sicher, dass der Osterhase auf seiner Tour ist. Da hilft alle Skepsis von Seiten der Eltern nichts, der Osterhase ist genauso real wie der Pöstler.

Seit heute jedoch bevölkert noch ein anderer den Götterhimmel unserer Kinder. Da begrüsst mich heute früh unser ältester, seinem Alter entsprechend bestens aufgeklärte und für gewöhnlich sehr vernünftige Sohn allen  Ernstes mit der Frage: „Mama, wie hat der Storch ausgesehen, der mich gebracht hat?“ Und Luise, die genau weiss, dass  Babies aus Mamas Bauch kommen, wollte wissen, ob der Storch sie in dem Tuch getragen habe, das beim Mittagessen die Kartoffeln warm hält.

Wenn die Knöpfe demnächst auch noch von Bienchen und Blümchen zu faseln beginnen, dann weiss ich mir auch nicht mehr zu helfen.

Üble Nachrede

Dem Zoowärter gerät beim Baden das Wasser in den falschen Hals, die Mama klopft ihm auf den Rücken, der Kleine speit und prustet. Kaum hat er sich beruhigt, meint er trocken: „Hät mi weder abgschlage Mama!“.

Einen Tag später wird der Zoowärter vom FeuerwehrRitterRömerPiraten angerempelt. Der Kleine schreit empört auf. Doch anstatt dem grossen Bruder eine überzubraten wendet er sich entrüstet an die Mama: „Hät mi weder gschopft de Papa!“

Das ist doch einfach die Höhe! Da schenkt man dem kleinen Kerlchen das Leben, umsorgt ihn liebevoll und schützt ihn vor den Attacken der grossen Geschwister. Und was ist der Dank? Falsche Anschuldigungen.

Sollte der Kleine demnächst berichten, die Mama oder der Papa habe ihn in den Schrank gesperrt oder man gebe ihm nichts zu essen, zeigen Sie die Eltern bitte nicht beim Sozialamt an, sondern verklagen Sie unseren Sprössling wegen übler Nachrede.

Das Prinzchen wird zum Prinzen

Das Prinzchen ist im Stress. Vier Monate und fünfundzwanzig Tage hat er es ruhig angehen lassen, hat die Beschaulichkeit des Babylebens genossen und sich durch nichts aus der Ruhe bringen lassen. Doch vor einigen Tagen hat er entdeckt, dass wir etwas tun, ohne ihn teilhaben zu lassen. Wir alle essen, nur er darf nicht. So eine himmelschreiende Ungerechtigkeit. Da dürfen sich alle Löffel und Gabeln in den Mund schieben, nur er muss sich mit der Brust zufrieden geben.

Ein anderes Kind würde sich vielleicht mit dieser Ungleichbehandlung abfinden und warten, bis die Zeit für feste Nahrung gekommen ist, aber ein Prinzchen doch nicht. Das bis anhin friedlichste Baby der Welt schreit, dass die Wände wackeln und gibt nicht eher Ruhe, bis dass er auf einer Banane rumkauen darf. Da mögen Kinderärzte, Stillberaterinnen und andere Experten noch so lange predigen, ein Baby dürfe erst nach sechs Monaten feste Nahrung zu sich nehmen. Wenn das Prinzchen feste Nahrung will, dann bekommt er sie auch, egal, ob das den Experten passt oder nicht.

Und wenn er schon dabei ist, seine kleine Welt umzugestalten, kann er sich auch gleich vom Rücken auf den Bauch drehen, die ersten Sitzversuche unternehmen und sich mit den Füssen von der Wand abstossen, um zu schauen, was passiert.

So ganz allmählich wird das Prinzchen zum Prinzen…

Wasser predigen und Wein trinken

So ist es natürlich leicht, auf Süsses zu verzichten. Da ein Stück Kuchen, wenn ein Schulkamerad Geburtstag feiert, dort eine Handvoll Carambar, dann wieder ein paar Süssigkeiten, die man von der Grossmama abgebettelt hat. Und dann der Mama sagen, es sei überhaupt kein Problem, aufs Dessert zu verzichten, da könne man doch mühelos bis zum nächsten Feiertag durchhalten.

Nun ja, so könnte ich es auch. Doch jetzt ist mein Ehrgeiz geweckt. Wartet nur, ihr Kinderlein, euch werd‘ ich zeigen, was ein echter Asket ist! Das nächste Dessert gibt’s am Ostersonntag. Versprochen!

Die Besucher, die am nächsten Samstag mit uns essen werden, sind gebeten, das Thema nicht anzuschneiden, wenn ich den Kuchen (oder was immer es auch geben mag) anschneide. Und vor allem sollen sie niemandem verraten, dass ich für einmal eine Ausnahme machen werde…

Abstinenz

Hätte ich geahnt, welche Konsequenzen der Vorschlag haben würde, hätte ich geschwiegen. Die Kinder wollten wissen, was es mit der Fasnacht und der anschliessenden Fastenzeit auf sich habe. Und weil ein paar Tage Abstinenz noch niemandem geschadet haben, vereinbarten wir, bis zum nächsten Geburtstagsfest nichts Süsses mehr zu essen. Keine Desserts, keine Schokoladeneier, keine Bonbons. Die Tragweite dieses Entschlusses wird deutlich, wenn man weiss, dass unsere Kinder normalerweise jeden Tag ihre eine Portion Süsses abbekokmmen, genau so, wie es die Lebensmittelpyramide vorsieht. Ausgewogene Ernährung muss eben sein. Und ohne Zucker übersteht die Mama  die anstrengenden Tage mehr schlecht als recht.

Erstaunlicherweise stiegen die beiden Ältesten sofort auf den Vorschlag ein, während der FeuerwehrRitterRömerPirat lautstark protestierte. Insgeheim hatte ich natürlich damit gerechnet, dass das Experiment nach spätestens drei Tagen beendet wäre, doch die Kinder zeigten erstaunliches Durchhaltevermögen. Nicht einmal der FeuerwehrRitterRömerPirat verlangte nach seinem täglichen Dessert und bis auf wenige Ausnahmen hielten wir bis zur Geburtstagsparty durch. Nach dem ersten Bissen der Geburtstagstorte war uns allen schlecht, weil wir uns den vielen Zucker nicht mehr gewöhnt waren und jetzt sitzen wir auf Bergen von Süssigkeiten, die niemand essen will.

Jetzt, wo das Experiment eigentlich beendet wäre, wollte ich von den Kindern wissen, wie es denn nun in Sachen Süssigkeiten weiter gehen solle. Wir könnten ja nicht nur an Geburts- und Feiertagen schlemmen. Warum denn nicht, wollten die Kinder wissen. Das reiche doch vollkommen, fanden sie. Zaghaft fragte ich nach, was sie denn von zwei Desserts pro Woche halten würden. Die drei, die bereits mitbestimmen können, sahen mich befremdet an: „Das ist doch viel zu viel, Mama!“, protestierten sie. Und so bleiben wir bis auf Weiteres bei der Abstinenz.

Wundert sich noch jemand, dass mein Blog neuerdings in Bonbonrosa daherkommt?

Retro-Chic

Luise hat die Vergangenheit entdeckt. Während ihre Brüder die Mama mit Fragen über das Leben der Römer und Ritter gelöchtert haben, hat sie klammheimlich ihre eigenen Nachforschungen betrieben. Da ein Gespräch mit der Grossmutter, dort ein Blick in ein Buch von Astrid Lindgren, dazu noch ein paar Bilder von Sarah Kay und schon muss alles anders sein.

Eines Morgens kommt sie aus dem Bett und findet, ab heute trage sie nur noch Kniestrümpfe unter dem Rock, auch wenn es draussen eiskalt sei. Das habe die Grossmama auch so machen müssen, als sie ein Kind gewesen sei. Aber natürlich, mein Kind, doch inzwischen ist die Nylonstrumpfhose zur billigen Massenware geworden, die auch wir uns leisten können. Nur mit Mühe lässt sie sich überzeugen, eine Strumpfhose unter den Kniesocken zu tragen.

Als nächstes muss eine Schürze her. Grossmama hat als Mädchen auch eine Schürze getragen, damit die Kleider nicht schmutzig werden. Und weiss muss sie sein, die Schürze, denn Klein-Ida aus Lönneberga trägt auch eine weisse Schürze. Also treiben wir eine weisse Schürze auf. Als dann noch die Frisur genau so ist, wie auf dem Sarah-Kay-Bild, ist Luise zufrieden. So kann sie sich zeigen im Kindergarten.

Nur einen Wunsch habe ich ihr abgeschlagen: Mit einem Kopftuch geht sie mir nicht aus dem Haus. Bei allem Respekt vor alten Traditionen, die Verschleierung von Mädchen unterstütze ich nicht, und sei sie noch so freiwillig.