Das Kind, dein Abfallkübel

Es spielt ja keine Rolle, wer unseren Kindern all diesen Mist geschenkt hat. Wir wollen hier niemanden an den Pranger stellen. Aber zu Denken gibt es einem schon, womit gewisse Leute den Kindern ihre Zuneigung zeigen wollen. Da ist zum Beispiel der feuerrote Plastiklastwagen, den der Zoowärter bekommen hat. Es ist nicht ganz klar, ob es ein Feuerwehrauto, ein Coca-Cola-Lieferwagen oder ein Rettungswagen ist. Ebenso unklar ist, wie viele Giftstoffe in dem Gefährt stecken.

Umso klarer ist aber, dass das Ding nicht eine Woche in einem Kinderzimmer überleben wird. Du musst es nur einmal böse anschauen und schon fällt das erste Rad ab. Nachdem du das Rad zum dritten Mal wieder angesteckt hast, bricht die Achse. Spätestens jetzt geht die Freude am Spielzeug flöten. Nächsten Donnerstag wird es von der Müllabfuhr mitgenommen, zusammen mit dem Dutzend Plastikautos, die der FeuerwehrRitterRömerPirat bekommen hat. Auch hier dauert die Freude am Geschenk nicht länger als fünf Minuten. Dann bricht der erste Spoiler. Na ja, immerhin habe ich anhand solcher Autos endlich herausgefunden, was ein Spoiler ist…

Wenn man bedenkt, dass solcher Mist nicht bloss eine Beleidigung für jedes Kind ist, sondern dass bei der Herstellung und dem Transport auch noch Menschen ausgebeutet und die Umwelt zerstört werden, wird es einem übel. Ach hätte doch die Wirtschaftskrise all den Fabriken, die solchen Müll produzieren, für immer den Todesstoss versetzt!

Noch schlimmer als die Spielsachen sind die „Esswaren“, welche zusammen mit dem Spielzeug den Weg zu uns gefunden haben. Einzeln in Plastik eingeschweisst, in einer riesigen, bunt bedruckten Kartonschachtel wird den Kindern als Lebensmittel verkleideter Abfall schmackhaft gemacht. In der „confettura extra“ habe es echte  Erdbeeren und Kirschen, die das Kind beim Essen sehen und spüren könne, gefüllt sei das Ganze mit einer köstlichen Füllung aus Milch und der Teig sei mit reiner Bierhefe versetzt und somit wie ein echtes Brot aufgegangen. Bla bla bla. In Wirklichkeit ist das Ganze nämlich eine unansehnliche Mischung aus Glukosesirup, Geliermitteln, diversen Fetten, Säuren, Zuckerarten und anderen Scheusslichkeiten. Kein Erwachsener, der etwas auf sich gibt, würde seinem Magen so etwas zumuten. Aber die Kinder haben doch Freude daran, nicht wahr? Und in der Werbung haben sie doch gesagt, das Zeug sei so gesund und kalorienarm.

Wer jetzt noch immer nicht weiss, wer die Geschenke mitgebracht hat, kennt unsere Verwandtschaft schlecht…

Gute Vorsätze

Ein letzter Versuch noch, und wenn es diesmal nicht klappt, habe ich für den Rest meines Lebens eine Ausrede dafür, dass ich nicht fitter bin. Da bemüht man sich aufrichtig darum, einen Ergometer zu ersteigern und immer im letzten Moment wird man überboten. Natürlich, Ergometer gibt’s wie Sand am Meer bei Ricardo. Aber wer will denn schon mehr als 100 Franken bezahlen für so ein Ding? Wo doch jeder weiss, dass die Leute  sich die Dinger in einem Anfall von guten Vorsätzen in die Wohnung holen, wo sie dann still und leise vor sich hingammeln. Warum sonst würde bei jedem zweiten Angebot „neuwertig“, „nur dreimal gebraucht“ oder „in Topzustand“ stehen?

Warum ich denn einen Ergometer will, wo ich doch jetzt schon weiss, dass ich ihn nie benützen werde? Na, weil mir mein schlechtes Gewissen mal wieder ein paar gute Vorsätze eingeredet hat. Ob ich die dann auch einhalte, wird einzig der Ergometer wissen. Und der wird sein Geheimnis erst dann preisgeben, wenn er „in Topzustand“ auf Ricardo zum erneuten Verkauf stehen wird. Und falls es mit dem Ersteigern in den nächsten Tagen nicht klappen sollte, verfliegen meine guten Vorsätze wie von selbst und das Foltergerät darf an einem anderen Ort still und leise verstauben.

Verkatert

Nein, besonders vernünftig ist das nicht. Wo ich doch genau weiss, dass es am nächsten Montag wieder losgeht, müsste ich jetzt eigentlich mit dem Training beginnen. Morgens um Viertel vor sieben aus den Federn, fünf Minuten Körperpflege, drei Minuten Frühstück, vierzehn Stunden Haushalt und dann, pünktlich um Viertel nach zehn ins Bett. Damit ich am Montag auch wirklich fit bin für die Marathontage, die der Schulbeginn mit sich bringt.

Und was tue ich stattdessen? Ich schlage mir die Nächte mit Romanen um die Ohren, kämpfe mich so gegen zehn Uhr völlig verkatert aus dem Bett, vertrödle eine Ewigkeit beim Frühstück und lasse „Meinen“ den ganzen Haushalt schmeissen. Und mit so einer Kondition will ich in ein paar Tagen wieder Hochleistungsalltag betreiben? Würde mal bitte jemand ein ernstes Wort mit meinem Inneren Schweinehund reden und ihm sagen, dass er mich endlich zum Training antreiben soll? Solange ich noch Bücher zum Lesen habe, finde ich selber nämlich keine Zeit dazu.

Nieder mit dem Schweinehund!

Um sechs Uhr dreissig liegt er endlich röchelnd auf der Matte. Eine geschlagene halbe Stunde habe ich mit ihm kämpfen müssen, bis er endlich eingesehen hat, dass es ein Verbrechen ist, bei diesem Wetter im Bett zu liegen und die frühen Morgenstunden zu verschlafen. Als ich das Bett verlasse, würdige ich ihn keines Blickes mehr. Denn wenn ich ihn anschauen würde, das kleine Häufchen Elend, das eben noch so stark gewesen war, würde ich vielleicht vom Mitleid gepackt. Und schon hätte er mich wieder im Griff, der Innere Schweinehund.

Aber ich schaffe es. Zehn Minuten später bin ich im Wald, geniesse die Stille des Morgens, die Einsamkeit, den Anbruch eines neuen Tages, der jetzt noch nichts erahnen lässt von all den Turbulenzen, die das Leben mit fünf Kindern so mit sich bringt. Nie bin ich mir selber näher, als draussen, in der kühlen Luft des Waldes, wo nur das Zwitschern der Vögel meine Gedanken unterbricht. Nie sehe ich klarer, als wenn sich das Sonnenlicht einen Weg durch die Bäume bahnt. Nie fühle ich mich Gott näher, als mitten in der verschwenderischen Üppigkeit, die schon aus einem durchschnittlichen Stück Mischwald eine Kathedrale macht.

Ausgerechnet hier ertönt dieses Geräusch. Anfangs hoffe ich noch, es könnte ein Specht sein. Doch schon bald wird klar, dass kein Specht der Welt, und wäre er noch so durchgedreht, ein solches Geräusch von sich geben würde. Dieses metallische Klopfen, dieses kalte, kratzende Geräusch, das mich verfolgt und sämtliche meiner ach so tiefgründigen Gedanken, die hinter mir noch auf dem Waldweg liegen müssen, niedermetzelt, sie zerstückelt und zerfetzt zurücklässt. Endlich sehe ich, wer meine Stille stört: Eine Stockente. Nein, keines jener kleinen, liebenswerten Tierchen, die friedlich den Weg entlang watschlen. Eine Grosse, Zweibeinige, mit Trainingsanzug und Walking-Stöcken perfekt ausgerüstet.

In ihren Augen muss ich genauso fehl am Platz sein wie sie in meinen. Was soll das? Eine Mittdreissigerin, die frühmorgens im Wald unterwegs ist und dies ganz ohne Stöcke? Dabei wäre sie doch im besten Alter und schaden würde es ihr bestimmt nicht! So etwa wird die Stockente von mir denken, denke ich. Und weil ich so denke, fühle ich mich schon bald einmal verfolgt. Das Geräsuch wird immer schneller in meinen Ohren, also werde ich auch schneller, renne schon fast. Was will die von mir? Will sie mich etwa zum Stockententum bekehren?

Endlich lässt sie von mir ab, schlägt einen anderen Weg ein. Doch das metallische Klopfen ist noch lange zu hören. So lange, dass ich schliesslich einen Weg einschlage, den ich noch nie zuvor gegangen bin. Und plötzlich habe ich keine Ahnung mehr, wo ich bin. Also umkehren, zurückgehen. Dabei müsste ich schon längst zu Hause sein. Damit ich wenigstens noch ein paar meiner von der Stockente massakrierten Gedanken aufs Papier retten kann. Und zwar, bevor die Kinder wach sind und noch den letzten Rest davon niedertrampeln. Doch es nützt alles nichts. Zu Hause sind alle schon wach, der Tag und das Chaos bereits im vollen Gang.

Eines ist klar: Morgen muss der Schweinehund früher besiegt werden. Wenn dann noch der Schweinehund der Stockente seinen Sieg davon trägt, dürfte einem perfekten Start in den Tag nichts mehr im Wege stehen. Ich fürchte bloss, dass die Stockente mehr Erfahrung im Besiegen von Schweinehunden hat. Vielleicht bleibe ich morgen doch lieber liegen…

Das Ende meiner Tussischuhe

Früher oder später musste es ja kommen, dass meine Tussischuhe das Zeitliche segnen. Dass dies aber bereits vor Ende des Sommers sein würde, hätte ich nicht erwartet. Schuld daran ist wiedermal mein Temperament. Oder vielleicht auch mein nicht aufgeladenes Natel. Oder meine Mutter, die, als sie mit Karlsson und dem Zoowärter vom Ausflug zurückkehrte, den falschen Zug erwischte und deshalb nirgends zu finden war, weder am Bahnhof Aarau noch am Bahnhof Schönenwerd. Oder die SBB, die ausgerechnet in diesem Sommer den Bahnhof Aarau umbauen müssen. Oder das viele Koffein, das ich intus hatte, weil ich entgegen aller Vernunft zuviel Cola light getrunken hatte.

Was immer auch der endgültige Auslöser war, irgendwann, als ich innerlich kochte vor Wut, flogen meine Tussischuhe. Und sie flogen weiter als ich geplant hatte, nämlich in Nachbars Garten. Luise anerbot sich als Erste, in den Garten zu schleichen um die Schuhe zu retten. Doch leider war das Tor verschlossen. Nach langem Flehen meinerseits und einem Versprechen, dass er auch ganz bestimmt eine Belohnung dafür bekommen würde und dass ich nie wieder solche Dummheiten anstellen würde, erklärte sich „Meiner“ bereit, über den Zaun zu klettern, was er unter viel Gejammer und Gestöhne auch sogleich tat. Sekunden später war mein linker Tussischuh wieder auf der richtigen Seite des Zauns. Doch der Rechte blieb im Gestrüpp verschollen. Mochten wir auch noch so lange suchen, das Ding tauchte nicht wieder auf. Und weil man mit einem einzelnen Tussischuh noch wackliger auf den Beinen ist als auf zwei, bin ich ab sofort wieder auf flachen Sohlen unterwegs. Oder, besser noch, barfuss.

Vielleicht taucht der rechte Schuh im Winter ja wieder auf. Doch wer will denn schon auf Keilabsätzen über Glatteis schlittern?

Wen wundert’s?

Wo ich gerade so schön in Fahrt bin mit Wettern, kann ich doch gleich noch ein wenig weitermachen. Immer mehr Eltern seien mit der Erziehung ihrer Kinder überfordert und würden sie deshalb vernachlässigen, lese ich in der heutigen Ausgabe des „Sonntag“. Deshalb komme es immer öfter zu Obhutsentzügen. „Wie können diese Eltern nur?“, fragt sich die Bevölkerung empört und reibt sich erstaunt die Augen. Sind denn nicht alle Eltern so glückllich wie die Federers, Jolie-Pitts und wie sie alle heissen mögen?

Nein, sind sie nicht. Und ich kann mir auch langsam erklären, weshalb nicht. Bevor ich aber zu meinem Rundumschlag aushole, will ich eines klarstellen: Ich will mit keinem Wort die Vernachlässigung schönreden. Ich habe in meiner Zeit als Mutter ziemlich tiefe Tiefpunkte erlebt, doch auch die fieseste Depression gab mir nicht das Recht vollkommen aufzugeben. Einer Pflicht konnte ich mich nie entziehen. Nämlich der Pflicht, so laut um Hilfe zu brüllen dass die Wände wackelten und der Boden zitterte und zwar bevor die Kinder wegen meiner Überforderung vor die Hunde gingen.

Jetzt, wo ich dies klargestellt habe, komme ich zurück zum eigentlichen Thema. Ist es denn wirklich verwunderlich, dass gewisse Eltern überfordert sind? Seien wir doch ehrlich: Worüber macht sich eine junge Frau, die bis jetzt nicht viel mehr als ihr Aussehen und ihren Spass im Sinn hatte, am meisten Gedanken, bevor sie Mutter wird? Über die richtige Ernährung des Babies? Über die Kindersicherheit der Wohnung? Über die Frage, wie sie die Fassung bewahren wird, wenn sie wochen- und monatelang keinen Schlaf mehr bekommt? Nein, sie fragt sich, wie sie ihre Figur vor den unübersehbaren und vollkommen natürlichen Folgen einer Schwangerschaft bewahren kann.

„Alles soll spurlos am Körper vorbeigehen“, sagt die Spezialistin für Essverhaltensstörungen, Bettina Isenschmid, in der neusten Ausgabe des „Beobachters“. Sie erlebe in ihrem Berufsalltag immer wieder junge Frauen, die aus diesem Grund Angst vor einer Schwangerschaft hätten. Während früher die Frauen eine ganze Kindheit lang auf ihre zukünftige Rolle als Mutter vorbereitet wurden (was zugegeben auch nicht das einzig Wahre war), holen sie sich heute ihr ganzes Wissen über die Babypflege aus dem Werbeblock. Wie eine richtige Mama auszusehen hat, zeigt ihnen Heidi Klum bei „Germany’s next Topmodel“. Und dass Mamas immer glücklich, Papas immer gut verdienend und Babies immer süss sind, gehört zum Allgemeinwissen. Dass es Geldsorgen, Ehekräche, Koliken, Trotzanfälle, Übermüdung und Einsamkeit geben wird, sagt ihnen niemand. Und wenn doch einer versuchen sollte, es ihnen zu sagen, glauben sie es nicht.

Wenn Teenager mein Prinzchen sehen, schmachten sie nicht „Ach, wie süüüüüüss!“, sie rufen „Mein Gott, ist der dick!“ Im Ernst. Ist das Prinzchen besonders dick? Mitnichten. Er liegt genau im Schweizerischen Durchschnitt. Aber die Teenager haben gelernt, dass Dünnsein alles ist und deshalb wissen sie auch nicht mehr, dass ein Baby Babyspeck braucht, um überleben zu können. Wenn ich ihnen sage, dass dieser Speck nötig ist, weil sonst schon eine banale Magen-Darm-Grippe gefährlich werden könnte, starren sie mich ungläubig an. Und in ihren Augen lese ich nicht den festen Entschluss, ihr zukünftiges Kind mit allen Mitteln vor Gefahren zu bewahren. Nein, ich lese den festen Entschluss, dass sie dereinst mit allen Mitteln verhindern werden, dass ihr Baby einmal „so dick“ sein wird wie das Prinzchen. Und dass sie sich selber bestimmt nie so gehen lassen werden, wie ich dies tue.

Wundert sich noch jemand, dass junge Frauen, die mit solchen Vorstellungen im Hinterkopf Mütter werden, mit der Realität überfordert sind? Ich nicht.

Ach, wie süss…

Ach, wie rührend! Roger Federer wird Vater und die halbe Welt schmachtet mit. Nicht dass ich etwas gegen Roger Federer hätte. Ich mache mir über ihn etwa so viel Gedanken wie über Silvia Abächerli aus Bern oder Albert Thommen aus Liestal. Und so wie ich eigentlich fast jedem die Elternschaft gönnen mag, gönne ich sie auch Roger Federer und „seiner Mirka“, wie sie in den Medien gerne vertraulich genannt wird. Es kommt ja schon mal vor, dass ich bei jemandem denke, warum ausgerechnet er Kinder bekommt, während andere, die so viel bessere Eltern wären, kinderlos bleiben. Aber eben, gegen Roger Federers Vaterschaft habe ich grundsätzlich nichts einzuwenden. Wenn ich denn zum Dreinreden berechtigt wäre.

Was mich aber gewaltig nervt, ist das Riesentamtam, das man um diese Geburt macht. Man könnte meinen, der Messias wäre im Doppelpack auf die Welt gekommen. Und natürlich sorgt man sich gebührend um das junge Familienglück. Die „arme Mirka“ werde „auf der Tour“ praktisch alleine für die Kindererziehung zuständig sein, jammert ein Journalist. Ist ja wirklich tragisch, wo sich doch alle anderen Eltern rund um die Uhr zu zweit um ihren Nachwuchs kümmern können! Wie das wohl für die Federers sei, gleich zwei Babies aufs Mal aufzuziehen, fragt „Zehn vor Zehn“ besorgt. Nun, es wird sein, wie bei allen Zwillingseltern: Stress pur. Mit dem klitzekleinen Unterschied, dass Federers sich jederzeit bezahlte Hilfe werden leisten können, wenn sie auf dem Zahnfleisch gehen. Während gewöhnliche Zwillingseltern und auch alle anderen Eltern froh sein müssen, wenn ihnen nicht auch noch das Gotti als sporadische Kinderhüte abhanden kommt, weil sie keine Hütebewilligung vom Staat bekommt. Federers Freude an den Kindern wird auch relativ selten gebtrübt sein durch diesen berühmten Berg unbezahlter Rechnungen über deren Bezahlung sich gewöhnliche Eltern den Kopf zerbrechen müssen. Und über die Frage, ob die örtliche Schule auch wirklich die Beste für ihre Kinder sei, werden sie sich auch keine Sorgen machen müssen.

Aber solch trübe Gedanken wollen wir uns doch gar nicht machen. Malen wir uns lieber aus, wie herzig die Zwillinge auf dem ersten Cover-Föteli der „Schweizer Illustierten“ aussehen werden. Die alltäglichen Sorgen des Elternseins sind viel zu wenig glamourös. Und wenn man zuviel über diese nachdenkt, könnte einem noch auffallen, dass einige der Probleme mit zwei drei winzigen Systemänderungen beseitigt werden könnten. Aber solange wir wissen, dass es den Federer-Zwillingen gut geht, kann uns das ja egal sein. Nicht wahr?

Schönheitskonkurrenz

Meistens ist es mir ja völlig egal, wie ich aussehe. Solange ich jeden Morgen Zeit für eine Dusche finde, die Kleider zumindest auf den ersten Blick sauber sind und mir die Haare nicht gerade in alle Himmelsrichtungen vom Kopf abstehen, ist für mich alles in bester Ordnung. Ich weiss, dass ich nicht perfekt bin und das ist mir auch ganz recht so. Wer zu gut aussieht, muss sich zu viel Zeit nehmen, um sein Aussehen zu pflegen. Und diese Zeit kann ich besser gebrauchen. Zum Beispiel zum Bloggen. Oder zum Lesen. Oder zum Schwatzen.

Kurz, an fünfundneunzig von hundert Tagen fühle ich mich trotz meiner offensichtlichen Mängel absolut wohl in meiner Haut. Und dann plötzlich, eines Morgens stehe ich auf und sehe, dass ich nicht bloss ein Doppelkinn habe, sondern ein Drei- Vier- oder Fünffachkinn. Ich sehe Tränensäcke, graue Haare und elf überzählige Kilos, die ich immer noch von der letzten Schwangerschaft mit mir herumschleppe. Und natürlich habe ich auch ganz plötzlich nichts mehr zum Anziehen, weil die eine Hose meine Beine zu kurz macht, der andere Rock meinen Hintern zu dick und das T-Shirt meine Haut käsig erscheinen lässt.

An vier von diesen fünf Tagen löse ich das Problem, indem ich mir ein paar Bücher kaufe und meinen Anblick vergesse, bis ich mich wieder mit anderen Augen anschauen kann. Aber dann gibt es diesen einen Tag, an dem alles nichts hilft. Dann bin ich nämlich gezwungen, mich mit all meinen Mängeln aus dem Haus zu schleppen, weil es sich aus irgend einem Grund nicht vermeiden lässt. Und natürlich treffe ich ausgerechnet dann auf eine der wenigen Personen in meinem Bekanntenkreis, die etwas (oder vielleicht auch sehr viel) auf gutes Aussehen und eine gepflegte Erscheinung geben.

Wieso kann ich solche Leute nicht an den Tagen treffen, an denen mir wohl ist in meiner Haut? Und warum muss ich solche Leute immer dann treffen, wenn mindestens eine meiner Schwestern dabei ist? Meine Schwestern, muss man wissen, sind Frauen, die fünf Minuten nach einer Geburt schon wieder aussehen, als wären sie nie schwanger gewesen. Frauen, die Nacht für Nacht neben dem Babybett durchwachen können, ohne auch nur einen Anflug von Augenringen zu bekommen. Die Schwangerschaftsstreifen, die Augenringe, das stumpfe Haar und was sonst noch zur Mutterschaft gehört, bleiben an mir hängen.

An normalen Tagen stört mich das kein bisschen. Das sind ja meine Schwestern und ich bin stolz auf jede einzelne von ihnen. Doch wenn ich mich dann so richtig hässlich fühle und neben einer von ihnen stehe, wir beide mit einem hübschen Baby auf dem Arm, und es kommt jemand daher, um uns beide von Kopf bis Fuss zu mustern, dann wird mir doch etwas mulmig. Ich weiss ja, was jetzt dann gleich kommen wird: „Toll siehst du aus! Man könnte nicht glauben, dass du erst vor ein paar Monaten geboren hast.“ Das gilt natürlich meiner Schwester. „Und du siehst überhaupt nicht müde aus. Dabei hast du doch fünf Kinder.“ Wem das gilt, brauche ich wohl nicht zu sagen…

Erwischt

Die erwischen mich doch immer wieder! Kaum sind die letzten Regenwaldbildchen getauscht, strenge ich mich nach Leibeskräften an, auf einem virtuellen Erdbeerfeld möglichst viele Erdbeeren zu pflücken. Und dies bloss, weil die Migros mir mal wieder ein Mail geschrieben hat, in dem sie mich, die „Liebe Frau Venditti“, persönlich dazu aufgefordert hat, das Spiel doch mal mitzuspielen. Und das nächste, das übernächste und das überübernächste natürlich auch. Denn nur, wer am Ende 10000 Punkte hat, darf am Wettbewerb teilnehmen. Wenn die Migros pfeift, dann springe ich. Und wenn dabei im Garten die echten Heidelbeeren und Cherry-Tomaten faul werden, weil ich virtuelle Erdbeeren pflücken muss. Und wenn die ganze Familie im Chaos ersäuft, weil zwar inzwischen sämtliche Möbel ihren neuen Platz gefunden haben, nicht aber sämtlicher Abfall entsorgt und sämtlicher Dreck weggeputzt ist.

Es ist geradezu beängstigend, wie jemand, der jeglicher Werbung ziemlich gleichgültig begegnet und an jeder Ecke Betrug wittert, einem Detailhändler mit Haut und Haaren ergeben sein kann. Man frage nur mal meine besten Freunde, wie ich in Fahrt gerate, wenn jemand meine verehrte Migros kritisiert.  Und das nicht erst, seitdem Bänz Friedli vom Migros Magazin zum Halbgott aller Hausfrauen aufgestiegen ist. Und auch nicht, seitdem es ein Bekenntnis gegen Aldi und Lidl ist, wenn man bei der Migros postet. Nein, so war ich schon als Kind.  Das ist wohl eine genetische Sache, gegen die man heute noch genauso machtlos ist wie man es früher, vor der Erfindung der plasitschen Chirurgie, gegen Hakennasen und abstehende Ohren war. Coop ist doof, Volg noch doofer, Denner am doofsten. Und bei dieser Meinung bleibe ich, obschon Denner schon längst der Migros gehört und Coop und Migros fusionieren könnten, weil sie einander ohnehin jeden Furz nachmachen.

Wobei ich darauf hinweisen muss, dass natürlich Coop die Migros nachmacht und nicht umgekehrt. Ist ja wohl klar.

Wer ist hier ein Sklaventreiber?!

Kaum türmt sich bei uns die Arbeit, mutiert „Meiner“ zum Sklaventreiber. Gewöhnlich ist er ja ein grundlieber linker Lehrer wie er im Buche steht. Aber im Ausnahmezustand benimmt er sich wie ein Erzliberaler. Ob es unser Ernst sei, dass wir nach dem Mittagessen noch eine Pause einlegen wollten, fragt er empört. Als ich ihn darauf hinweise, dass wir das vor dem Essen so beschlossen hätten, stänkert er: „Die Kinder haben Glace gehabt, du einen Kaffee. Das ist ja wohl Pause genug.“ Ist das wirklich noch der Mann, den ich vor elf Jahren geheiratet habe?

Nun ja, vielleicht haben wir uns wirklich etwas viel vorgenommen für die nächsten Tage. Sämtliche Zimmer räumen, Möbel von einem Zimmer ins andere, von einer Wohnung in die andere verschieben, alles ausmisten, was nicht mehr gebraucht wird, alles gründlich putzen. Dass so ganz nebenbei noch Wäsche gewaschen, eingekauft und fürs Essen (bei diesem Sauwetter vorzugsweise warm) gesorgt werden sollte, versteht sich von selbst. Dann wären da noch fünf Kinder zu betreuen, die sich zwar schon alle wie verrückt auf ihre neuen Zimmer freuen, die aber nicht begreifen wollen, weshalb man zuerst Mamas Bücher, Papas Unterwäsche und des Prinzchens Spielsachen aus dem Weg räumen muss. Und weshalb sie bei dieser sinnlosen Übung auch noch helfen sollten, ist ihnen ein Rätsel. Aber sie können ja auch nicht den ganzen Tag vor der Glotze sitzen, damit wir ungestört malochen können.

Wenn ich all dies bedenke, kann ich eigentlich ganz gut verstehen, weshalb „Meiner“ sich als Sklaventreiber gebärdet. Auch wenn ich dies ihm gegenüber nie und nimmer zugeben würde. Sonst würde er mir noch entgegenhalten, ich sei keinen Deut besser. Wer hat ihn denn heute Abend angeschnauzt, als er mit dem Prinzchen auf dem Bett geschäkert hat? Wo es doch eigentlich Zeit gewesen wäre, die Küche aufzuräumen, die Wäsche zu falten, die Kinder ins Bett zu bringen, den Computer neu zu installieren und Mamas Bücher alphabetisch zu ordnen…