Achtung, schmalzig!

Wer keine Sentimentalitäten mag, soll jetzt bitte gleich wieder aufhören mit Lesen. Denn aus diesen Zeilen wird er nur so triefen, der Schmalz. Und dennoch meine ich das alles genau so, wie es hier steht.

Da frage ich mich doch heute im Laufe des Tages immer wieder, weshalb ich mich am bisher heissesten Tag des Sommers in die Küche sperren lasse, um 120 Muffins zu backen. Warum ich bei brütender Hitze einen Stuhl zum Kreuzgang der Kirche schleppe, das letzte Stück des Weges eine steile Treppe  hinauf. Was mich dazu treibt, meinen ohnehin schon kratzigen Hals noch mehr zu belasten, indem ich einer Kinderschar ein Märchen erzähle, damit die Erwachsenen das Fest geniessen können. Und was um Himmels Willen treibt mich dazu, meine zu klein gewordenen Schuhe an der Käsereibe zu reiben, nur damit sie wie richtige „zertanzte Schuhe“ aussehen? Ich zerbreche mir den Kopf, weshalb ich nicht die einzige Mama bin, die sich bei dieser Hitze ins Zeug legt, um dafür zu sorgen, dass die Kinder morgen ein schönes Jugendfest haben werden. Warum bloss sind viele von uns Müttern solche Masochistinnen?

Abends um halb neun, als ich mit Märchenerzählen dran bin,  kommt endlich die Antwort auf die Fragen, die mich den ganzen Tag lang geplagt  haben. Das heisst, es kommen gleich mehrere Antworten: Das kleine Mädchen mit den riesigen blauen Augen, das doch eben erst noch ein Baby war und das mir jetzt freudestrahlend erzählt, dass es nach den Sommerferien in den Kindergarten kommt. Der Junge, der ganz entrüstet ausruft, so etwas dürfe man also auf gar keinen Fall sagen, als ich erzähle, die grosse Schwester habe die kleine Schwester eine dumme Kuh genannt. Mir völlig fremde Kinder, die vertrauensvoll zu mir kommen und sich von mir helfen lassen, weil man einer Frau, die auf einem Märchenerzählstuhl sitzt, doch einfach vertrauen muss. Die Kinderschar, die sich einen Dreck schert um Autoscooter, Karussell und Zuckerwatte, solange sie an einem wunderschönen Sommerabend im lauschigen Kreuzgang Märchen hören dürfen.  Karlsson, der so stolz ist, dass er mir beim Erzählen die Requisiten reichen darf. Luise, die findet, ihre Mama, der beim Erzählen zuweilen beinahe die Stimme versagt hatte,  könne am zweitbesten Märchen erzählen. Der FeuerwehrRitterRömerPirat und der Zoowärter, die zwar die Geschichte von dem tapferen Soldaten, der herausfindet, was die Königstöchter nächtens treiben, schon hundertmal gehört haben, aber noch immer an meinen Lippen hängen, als hörten sie diese zum ersten Mal.

Ja, so abgedroschen und sentimental das auch klingen mag, wahr ist es dennoch: Diese Knöpfe sind es einfach Wert, dass man sich für sie ins Zeuge legt.

Unvernünftig?

Ob das besonders klug war von mir? Bis Mitternacht mit der jungen Frau zu reden, die, falls wir einen guten Eindruck bei ihr hinterlassen, unser neues Au-Pair werden könnte? Wo ich doch genau weiss, dass ich morgen 100 Muffins backen darf, dazu noch unzählige Käsefüsschen – vielleicht werden es auch Käsekrokodile oder Käselöwen, ich bin mir noch nicht ganz sicher – und ausserdem noch ein paar Accessoires passend zum Märchen der zertanzten Schuhe zu finden habe. Vor uns liegt ein langes Jugendfestwochenende und eigentlich müsste ich inzwischen wissen, dass ich alleine mit viel Schlaf verhindern kann, dass mir irgendwann, mittendrin, wenn meine Hilfe am dringendsten gebraucht wird, alles zu viel wird.

Aber was soll’s? Die Gespräche mit der jungen Frau waren einfach zu interessant, als dass ich sie hätte abkürzen wollen. Wenn das kein gutes Zeichen ist….

Ferienreif

Die Batterien sind leer. Und zwar nicht nur ein bisschen, sondern sehr. So sehr:

Mein Bürotisch (Ja, genau der Bürotisch, den ich vor etwa zwei Wochen perfekt aufgeräumt habe und von dem ich mir geschworen hatte, dass er aufgeräumt bleiben würde):

Meine nicht mehr ganz scharfe Sicht auf den Terminkalender:

Mein derzeitiger Drogenkonsum:

Wie, ihr wollt noch mehr Beweise? Na dann, da werde ich euch wohl Einblick in die untersten Schubladen meines Geschmacks gewähren müssen….

Meine derzeitige Lektüre:

Wie, ihr wollt noch mehr Beweise? Dann eben zum Schluss noch….

…. meine neueste Errungenschaft (Bitte tut so, als sähet ihr den überquellenden Abfalleimer daneben nicht. Die Müllabfuhr kommt morgen vorbei.):

Glaubt ihr mir jetzt endlich, dass ich wirklich ganz dringend Ferien nötig habe?

Absurd

Zuweilen schaut man sich ja diese Filme an und denkt: „So absurd! Das ist ja alles völlig aus der Luft gegriffen. So kann das Leben nie und nimmer sein.“ Ich meine zum Beispiel Szenen wie bei „What’s eating Gilbert Grape“, wo sich das Auto gefährlich auf die rechte Seite neigt, weil die überschwere Mama auf dem Beifahrersitz Platz genommen hat. Oder diese völlig irr anmutende Szene in irgend einem Film, dessen Titel ich vergessen habe, wo ein Manager in einem Babyplanschbecken ersäuft. Oder zum Beispiel Cameron Diaz, die in „The Holiday“ auf Stöckelschuhen über einen verschneiten Pfad stakst. Da fragt sich doch jeder, ob es überhaupt einen Menschen auf diesem Planeten gibt, der so blöd ist, im Winter Stöckelschuhe zu tragen. Gut, ich geb’s ja zu, ich denke das nicht, weil ich selber schon im Winter auf hohen Absätzen unterwegs war und zwar nicht nur in der Stadt, wo ohnehin alle Strassen vom Schnee befreit sind. Gut, das nur nebenbei, eigentlich wollte ich ja darauf hinweisen, dass es in Filmen oft Alltagsszenen gibt, bei denen man nur den Kopf schütteln kann und sich fragt, was der Regisseur bloss intus hatte, als er den Film gedreht hat.

An solche Filmszenen wurde ich heute Vormittag erinnert, als ich dabei war, eine Pfanne voll mit kochendem Wasser über eine Unzahl von Fliegenmaden zu giessen, die sich gerade dazu anschickten, unser Grundstück für sich und ihre Nachkommen zu erobern. Das alleine war zwar ziemlich eklig, aber so richtig abstrus war es natürlich noch nicht. Klar, Maden die sich todesmutig aus einem Grünabfallcontainer zu Boden stürzen, wo sie der sichere Tod durch kochendes Wasser erwartet, sieht man nicht alle Tage. Richtig irr wurde die Szene aber erst, als ich mitten im Vernichtungskampf einen Anruf entgegennahm, bei dem es darum ging, dass am Samstag ein neuer Herr Diakon in seine Wohnung einziehen möchte und dass wir doch bitte dafür sorgen sollten, dass die Jugendfestgäste, die zur gleichen Zeit am gleichen Ort ein Fest feiern werden, nicht dumm im Wege herumstehen, wenn der Herr Diakon – den ich übrigens weder kenne, noch je kennen lernen werde, weil ich nicht Mitglied seiner Kirche bin – seine Sessel, Tische und Kochtöpfe anschleppen wird.

Da stand ich also im Garten, angetan in einem bodenlangen geblümten Rock und getupften Ballerinas, in der einen Hand die leere Pfanne, in der anderen das Telefon, auf dem Gesicht einen angeekelten Blick, zwischendurch entsetzt kreischend, weil der Anblick des Getiers so widerlich war, und versicherte der Anruferin, dass ich ganz bestimmt dafür sorgen würde, dass niemand den Herrn Diakon für einen armen Irren hält, bloss weil er sich am einzigen Dorffest des Jahres dazu entschliesst, seine Habseligkeiten in sein neues Domizil zu verfrachten. Eine arme Irre, die dafür sorgen wird, dass andere nicht für irr gehalten werden….

Ich weiss zwar noch nicht genau, weshalb ich die Aufgabe gefasst habe, den Herrn Diakon von der wütenden Dorfbevölkerung zu schützen und ich weiss auch nicht, wie ich verhindern soll, dass der arme Mann attackiert und in die geschlossenen Anstalt verfrachtet wird, und offen gestanden ist es mir im Moment wichtiger, dass die Maden verschwinden als dass der Herr Diakon kommt, aber sobald der Kampf gegen die ekligen Viecher gewonnen ist, werde ich mich der Angelegenheit annehmen. Eines aber wurde mir bei alldem wieder ganz neu bewusst: Keine Filmszene, und sei sie noch so absurd, kann absurder sein als der ganz banale Alltag.

Montag

Eigentlich war das heute ja ein ganz gewöhnlicher Montag. Ein Montag, an dem ich mich mit grosser Mühe aus den Federn zwinge. Ein Montag, an dem mir schon in den frühen Morgenstunden vor den Arbeitsbergen graut, die ich bezwingen sollte, von denen ich aber bereits beim Aufstehen weiss, dass ich sie nicht werde bezwingen können, weil ständig etwas anderes dazwischen kommen wird, weil jede Aufgabe eine andere nach sich ziehen wird, weil die paar lausigen Stunden, die der Tag zu bieten hat, nie und nimmer reichen werden, um alles zu tun, was getan werden sollte. Und so schlüpfe ich einmal mehr in die unterschiedlichsten Rollen, die Regisseur Alltag mir auf den Leib zu schreiben versucht, bin einmal gestrenger Poolwart, fünf Minuten später fürsorgliche Krankenschwester und noch einmal fünf Minuten später die Lehrersgattin, welche die Schüler ihres Mannes auf der Schulreise mit Glace versorgt und sich dabei insgeheim fragt, weshalb sie in Gegenwart dieser Schüler regelmässig zum Drachen  mutiert. Nachdem ich eine Weile lang die demotivierte Putzfrau gegeben habe – die echte Putzfrau weilt leider in den Ferien -, findet man mich als jubelnde Zuschauerin wieder, die sich darüber freut, dass ihre Kinder ein weiteres Schwimmabzeichen geschafft haben und keine zehn Minuten später darf die Projektleiterin zeigen, ob sie auch ohne Abendessen im Magen und ohne Verschnaufpausen fähig ist, bei kritischen Fragen Red und Antwort zu stehen. Kaum zu Hause gilt es, die Sängerin zu aktivieren, denn das Prinzchen weigert sich, einzuschlafen, ohne dass Mama sich vorher heiser gesungen hat. Und nachdem die Bloggerin ihren Senf zum Tag abgegeben hat, werde ich als Waschweib in die Tiefen des Kellers hinabsteigen und dafür sorgen, dass morgen alle wieder frische Kleidung anzuziehen haben.

Wenn ich mir diesen Montag so durch den Kopf gehen lasse, dann muss ich mir eingestehen, dass so ein Leben gar nicht so übel ist. Anstrengend, ja, zuweilen auch sehr herausfordernd. Aber auch so vielseitig, dass sich in dem Haufen von Aufgaben immer die eine oder andere Sache finden lässt, die so richtig Spass macht.

Abgewöhnt

In letzter Zeit werde ich immer wieder gefragt, wie ich neben fünf Kindern überhaupt noch die Zeit finde, zu schreiben, zu bloggen und ein Projekt zu leiten. Eine Frage, die ich nicht sonderlich mag, denn ich bin der Meinung, dass jeder mal mehr, mal weniger schafft und dass jeder auf die eine oder die andere Art ein Überlebenskünstler ist. Dennoch habe ich mich der Frage gestellt, woher ich die Zeit nehme, Dinge zu tun, die ich eigentlich nicht tun müsste. Und mir ist aufgefallen, dass ich mir einfach ein paar schlechte Gewohnheiten abgewöhnt habe. Zum Beispiel:

–  Fernsehen. Hin und wieder „10 vor 10“ ist alles, was ich mir gönne. Ansonsten verzichte ich ganz gerne auf den Mist, der da gesendet wird.
–  Bügeln. Ich meine, so etwas Doofes! Wo doch die Kleider ohnehin nach zehn Minuten wieder schmutzig und zerknittert sind.
– Aufräumen. Das gleiche Problem wie beim Bügeln, oder zumindest ein Ähnliches.
– Büchsen entsorgen. Die Dinger können ebenso gut auf dem Balkon rumstehen, weil ohnehin keiner Zeit hat, dort zu sitzen und das Leben zu geniessen. Und da Büchsen ohnehin nicht ökologisch sind, haben wir nicht besonders viele.
– Shoppen. Ist ja ohnehin selten mal Geld auf dem Konto und  zur Not tut’s auch Online-Shopping.
– Zehennägel lackieren. Nicht, dass ich das je regelmässig getan hätte, aber seitdem ich noch Wichtigeres zu tun habe, müssen meine Nägel warten, bis ich pensioniert werde. Wenn ich dann überhaupt noch bis zu meinen Zehen gelange….
– Grünabfälle entsorgen. Irgendwann beginnt das Zeug zu leben und dann findet es den Weg in die Grünabfall-Tonne von selber.
– Autowaschen. Nun ja, auch das habe ich früher nicht regelmässig getan, aber inzwischen tue ich es
noch unregelmässiger, nämlich gar nicht mehr.
– Weder Mani- noch Pediküre noch Besuche bei der Kosmetikerin. Nicht, dass ich mir da etwas hätte abgewöhnen müssen….
– Sport. Da ist und bleibt Churchill mein Idol, auch wenn ich weiss, dass ich eigentlich schon längst etwas tun müsste.

Gut, und dann sind da noch ein paar gute Gewohnheiten, die leider im Moment auch etwas zu kurz kommen. Zum Beispiel:

– Lange Waldspaziergänge am frühen Morgen.
– Ins Bett gehen, wenn ich müde bin und nicht erst dann, wenn fertig gearbeitet ist.
– Lesen, solange das Buch spannend ist und nicht nur, bis die WC-Pause wieder vorbei ist.
– Am Samstagmorgen auf den Markt gehen und danach bei Kaffee und guter Lektüre das Leben geniessen.
– Einfach nur in den Tag hineinleben und schauen, was daraus noch alles wird.

Zum Glück ist jetzt Sommer. Da kann man ja nicht mehr anders, als in den Tag hinein zu leben. Mal sehen, vielleicht wird mir dabei so langweilig, dass ich am Ende noch auf die Idee komme, mir die Zehennägel zu lackieren….

Ach, mein Prinzchen….

Der heutige Tag begann mit einem dumpfen Gepolter, gefolgt von lautem Prinzchen-Gebrüll. Nachdem mein Jüngster sich von seiner abenteuerlichen Kletterpartie aus dem Gitterbett erholt hatte, döste ich weiter. „Meiner“ war ohnehin schon aus dem Bett und so dachte ich mir, ich könnte das Kerlchen ruhigen Gewissens ein wenig durch die Wohnung strolchen lassen. Leider hatte ich vergessen, dass gestern jemand bei uns ein paar diese Zuckerschaum-und-Milchschokolade-Dinger (politisch unkorrekt in der Schweiz nach wie vor „Mohrenköpfe“ genannt) bei uns deponiert hatte und so wurde ich beim nächsten Erwachen eines Zuckerschaum-und-Milchschokolade-verschmierten Prinzchens gewahr. Dieses war sein erster Streich…. aber ein wahres Prinzchen hat auch am frühen Morgen schon viel mehr in Petto. Zum Beispiel, auf den Trip Trap klettern und mit der grossen Schöpfkelle Kakao in die daneben stehende Pfanne zu schaufeln, während Mama Karlsson dabei hilft, zu üben, wie er der Lehrerin gestehen könnte, dass er vergessen hat, das Zeugnis abzugeben. Oder sich an den Bonbons gütlich zu tun, die eigentlich für Karlssons morgige Schulreise bestimmt gewesen wären. Gut, die Dinger waren zuckerfrei, aber das Prinzchen hat wohl nicht daran gedacht, dass auf der Schachtel steht, das Zeug könne „bei übermässigem Verzehr abführend wirken“. Zwischendurch schaffte es der Schlingel auch noch, sich einen Stock tiefer zur Grossmama abzusetzen, waghalsige physikalische Versuche mit einem – Gott sei Dank leeren – Trinkglas durchzuführen, zu testen, ob der Tonkrug auch nach dreissig Jahren, die er schon in Gebrauch ist, noch stabil ist, noch einmal zur Grossmama durchzubrennen, mit dem FeuerwehrRitterRömerPiraten um den „Bä!“ren zu streiten und dann noch ein paar Dinge mehr, die ich inzwischen vergessen habe, weil ich ja so ganz nebenbei noch Luises Rucksack für die Schulreise packen musste, dafür zu sorgen hatte, dass alle geputzt, gestriegelt und obendrein noch rechtzeitig aus dem Haus gehen und zwischendurch versuchen musste, ein paar Bissen Frühstück in mich hineinzubringen.

Das alles brachte unser Prinzchen in weniger als neunzig Minuten zustande und jetzt frage ich mich natürlich, ob die Zeit noch reicht, ein Baugesuch für einen Tischlerschuppen einzureichen, bevor unser Jüngster richtig loslegt. Denn ganz wie bei Michel aus Lönneberga scheint mir, dass beim Prinzchen Unfug einfach geschieht, ob er es nun will oder nicht. Ausserdem frage ich mich, ob dieser verrückte Start in einen sehr langen Donnerstag genügt, um das zu entschuldigen, was ich danach tat: Ich liess mich bei einem weiteren Zwischendurcheinkauf vom Zoowärter dazu erweichen a) fünf Schweizerfähnchen aus Plastik zu kaufen und b) für meine zwei Jüngsten je ein mit Mickey Mouse verziertes Fläschchen mit diesem abscheulichen überzuckerten Gesöff zu erstehen. Zwei mütterliche Todsünden in einem klitzekleinen Zwischendurcheinkauf, ist das nicht etwas viel? Gut, zu meiner Entlastung darf ich vielleicht anführen, dass der klitzekleine Zwischendurcheinkauf nötig wurde, weil unsere Kinder von gestern Mittag bis heute Morgen zwei Kilo Nektarinen und ein Kilo Aprikosen verdrückt hatten und ich die Früchteschale dringend wieder auffüllen musste. Aber ich weiss nicht so recht, ob die Plastikfähnchen und das Gesöff meine ehrenvolle Tat nicht gleich wieder zunichte machen. Mal ganz abgesehen davon, dass die Früchte aus Spanien kommen, was ja ethisch und ökologisch auch nicht unbedingt vertretbar ist, wenn man an die Schauergeschichten aus der Huelva denkt…

Ja, da sieht man, mit welchen Fragen man sich als Mutter und Hausfrau bereits am frühen Morgen herumschlagen muss. Gut, dass inzwischen wenigstens mein kleines, süsses Monstrum schläft. So kann ich wenigstens meine Gedanken ein wenig ordnen, bevor das Chaos weitergeht….

Diese elenden Banken…

Als ob die Banken in den letzen Jahren nicht schon genug Unheil angerichtet hätten: Jetzt müssen sie mir auch noch meinen Triumph versauen. Da bringe ich es für einmal fertig, meine zwei Jüngsten geputzt und gestriegelt zum Zwischendurch-Einkauf mitzunehmen. Ich versichere euch: Die Welt hat noch selten zwei derart saubere Venditti-Kinder gesehen. Kein Geschmier um den Mund, keine verklebten Haare, keine Filzstiftspuren an den Beinen. Und das Erstaunlichste an der Sache war, dass sogar ich sauber war. Wirklich, ich schwöre es. Keine Schokoladenspuren auf dem Rock, kein verkleckertes T-Shirt, einfach eine saubere Mama mit zwei sauberen Jungs. Wir sahen aus wie in der Werbung. Okay, ich weiss, in der Werbung haben die Mamas keine schwarzen Augenringe und man sieht ihnen auch nicht an, dass sie schon ein paar Kinder geboren haben, aber ihr wisst schon, was ich meine.

So machte ich mich also auf ins Dorf mit meinen wunderhübschen Söhnen, lächelte allen alten Damen zu, zeigte meinen Söhnen die Häschen, Spatzen und Kornblumen, wie man das als engagierte Mama eben tut. Fröhlich betrat ich die Schalterhalle der Bank. Allein die Tatsache, dass Ende Monat noch etwas Geld auf dem Konto war, stimmte mich ausserordentlich fröhlich, da hätte es gar kein schönes Wetter und keine sauberen Kinder dazu gebraucht. Das Unheil kam in Gestalt einer zuckersüss lächelnden Bankangestellten, die dem Prinzchen eine Schale mit Süssigkeiten entgegenhielt, einfach so, aus heiterem Himmel. Und noch bevor ich etwas sagen kann,  hält das Prinzchen einen Carambar-Stengel in den Fingern. Momente später ist der Zoowärter stolzer Besitzer eines Bonbons. Und noch einmal Momente später ist das Prinzchen von Kopf bis Fuss mit brauner Caramelschmiere bedeckt, der Zoowärter mit zwar unsichtbarer aber nicht weniger klebriger Bonbon-Spucke und meine Finger, der Kinderwagen, der Griff des Einkaufswagen und mein T-Shirt mit einer Mischung aus beidem versehen. Und natürlich weit und breit kein Brunnen, keine Feuchttücher – wieso vergesse ich die Dinger auch bei Kind Nummer 5 noch immer zu Hause? – und schon gar kein Badezimmer, wo wir uns alle waschen könnten. So kommen wir drei in der Migros an, immer noch fröhlich zwar, aber längst nicht mehr die perfekte Familie aus der Werbung. Oder allerhöchstens aus der Waschmittelwerbung, wo man zeigen will, wie viel Dreck das Wundermittel zu beseitigen schafft. Klebrig wie wir sind, quatschen wir mit all den netten Frauen, denen ich doch so gerne bewiesen hätte, dass auch Vendittis hin und wieder ganz sauber daherkommen können.

Und das alles nur wegen dieser blöden Bank. Wann wird diesem Treiben endlich ein Riegel geschoben?

Gelernt

Das Prinzchen beherrscht jetzt nicht bloss seine ersten Zweiwortsätze, diesen unglaublich schelmischen Blick und das Kritzeln mit der linken Hand,- wenn er so weitermacht, wird er Linkshänder Nummer 4 in unserer Familie -, nein, der liebe Kleine weiss seit gestern auch, wie man mit Schlafsack aus dem Gitterbett klettert. Was den Feierabend für „Meinen“ und mich um eine gute Stunde nach hinten verschoben hat, was bedeutet, dass wir eigentlich gar nicht mehr zu Bett gehen müssten, da wir ohnehin gleich wieder aufstehen müssen.

Der Zoowärter will sich natürlich nicht lumpen lassen, wenn der kleine Bruder Dampf macht und deshalb legt auch er einen Zacken zu. Nicht nur hat er sich zum Grossmeister der Tobsuchtanfälle gemausert – so laut wie er hat noch keiner geschrien im Hause Venditti -, er hat auch gelernt, dass man die Herzen der Erwachsenen im Sturm erobert, wenn man versucht, Französisch oder Englisch zu reden. Und darum sagt er jetzt tagein,  tagaus „Moo döö, matiöö!“, was soviel heissen soll wie „Mon Dieu, Mathieu!“, was sich an eines unserer aktivsten Familienmitglieder richtet, aber ich sage nicht, an welches….

Der FeuerwehrRitterRömerPirat scheint inzwischen erkannt zu haben, dass man bei Vendittis derzeit am besten aus der Reihe tanzen kann, wenn man still, nachdenklich und artig ist. Und aus der Reihe tanzen, das will er, unser Dritter. Und so macht er derzeit den Musterknaben, der sich ohne Widerstand anzieht, die Zähne putzt und den Teller abräumt. Würde er nicht wie eh und je jeden Morgen massiven Widerstand leisten, wenn er in den Kindergarten gehen muss, ich würde mir ernsthafte Sorgen machen um meinen Sohn.

Luise bringt nicht nur jeden Tag einen ganzen Rucksack voller Wissen mit nach Hause, sie hat inzwischen auch gelernt, dass irgendwer die Zicke machen muss. Ich vermute, dass sie in unbeobachteten Momenten vor sich hingrummelt: „Immer muss ich diejenige sein, die hier zickt, nie hilft mir einer. Aber wenn ich es nicht mache, dann tut es ja sonst keiner in diesem elenden Männerhaushalt…“ Zum Glück hat sie sich auch wieder auf eine ihrer ältesten Eigenarten besonnen und so verbringt sie die Zeit, in der sie nicht zickt, bei  Mama oder Papa auf dem Schoss und schnurrt wie ein zufriedenes Kätzchen.

Wo so viel gelernt wird, will natürlich auch Karlsson dabei sein. Seine neueste Errungenschaft ist das Ziehen von Grenzen. Leider grenzt er sich aber nicht gegen solche ab, die ihm frech kommen, nein, er verteidigt gnadenlos die Grenzen zu seinem Zimmer. Wer das Wegrecht erhalten will, um mal kurz durch sein Zimmer zu gehen, der muss ihn zuerst auf Knien anflehen, er möge doch bittebittebitte für drei Sekunden die Türe aufmachen. Hoffen wir mal, das heldenhafte Verteidigen seiner Privatsphäre führe dazu, dass er auch mutiger wird, wenn ihm andere zu nahe treten. Ach und ja, er hat neulich auch gelernt, uns zu glauben, wenn wir ihm sagen, dass wir ihn schon vom ersten Moment an geliebt haben. Bis vor Kurzem hat er nämlich noch behauptet, das könne doch gar nicht wahr sein.

Und sogar „Meiner“, der doch eigentlich gar nichts mehr lernen müsste, weil Lehrer ja ohnehin alles wissen und alles können, hat sich etwas Neues angeeignet: Er hat gelernt, dass er auch mal liegenbleiben darf, dass nicht immer alles an ihm hängen bleiben muss. Ach, was bin ich stolz auf ihn! Wenn da bloss jemand wäre, der während der Zeit, in der er liegenbleibt, die Arbeit erledigt, die er sonst getan hat. Nun ja, eigentlich wäre da schon jemand, aber die Person hat auch eben erst gelernt, die Dinge auch mal liegenzulassen….

Hilft denn keiner diesen armen Kindern?

Mehrstimmiges Wehklagen tönte heute um elf Uhr vormittags durch das Haus Venditti. Was war bloss geschehen? War vielleicht ein geliebtes Haustier verstorben? Nein, natürlich nicht. Abgesehen von Stubenfliegen, Ameisen und ein paar Marienkäferlarven gibt’s im Hause Venditti gar keine Haustiere. Waren die Kinder krank? Nein, auch nicht. Ausnahmsweise verzichten wir mal für ein paar Wochen auf den Austausch von krankmachenden Käfern. Man kann ja nicht immer Spass haben. Hatten sich die lieben Kinderlein denn so lange gestritten, bis alle am Heulen waren? Leider auch falsch, der wahre Grund für das Geheul war ein viel Schlimmerer: Mama und Papa Venditti hatten verkündet, dass heute die Zimmer aufgeräumt werden müssen. Einfach so, obschon das Leben doch auch schön ist, wenn man bei jedem zweiten Schritt in einen Legostein tritt oder sich die Knöchel verstaucht beim Versuch, über Kissen und Decken zu steigen, ohne sich dabei in Wollfäden, die sich durchs ganze Zimmer spannen, zu verheddern.

Ja, „Meiner“ und ich können ganz schön gemein sein. Ohne Vorwarnung – denn was sind schon die drei, vier auf die ganze Woche verteilten Ankündigungen, dass am Samstag aufgeräumt werde? – zu befehlen, dass jetzt Ordnung gemacht wird. Da kann man ja nicht anders, als zu heulen. Und das tat Luise lange und ausgiebig. So lange, bis die Aufräumaktion vorbei war. Auch der FeuerwehrRitterRömerPirat schluchzte zum Steinerweichen, und hätte ich nicht gewusst, was der Grund für das Schluchzen war, ich hätte das arme Kind sofort mit einer warmen Honigmilch und einem Fieberthermometer unter die Bettdecke gesteckt und den Arzt angerufen. Bei Karlsson flossen die Tränen nicht sofort, sondern erst, nachdem „Meiner“ ihn zur Rede gestellt hatte, weil er wieder das ganze Zimmer umstellte, anstatt endlich Ordnung zu machen. Warum der Zoowärter heulte, weiss ich eigentlich nicht so genau. Er dachte wohl einfach, dass das heute zum Tagesprogramm gehört. Und weil das Prinzchen überall dabei sein will, wo seine grossen Geschwister dabei sind, stimmte auch er mit ein. All das Geheule im Chor klang so grauenvoll, dass es mich erstaunt, dass noch keiner gekommen ist, um „Meinem“ und mir die Kinder wegzunehmen.

Irgendwann waren die Zimmer dann doch noch soweit aufgeräumt, dass man mit den vergossenen Tränen den Boden putzen konnte. Und jetzt endlich konnte ich den Kindern gestehen, dass ich so gut verstehen kann, wie elend ihnen ist. Denn gibt es etwas Schlimmeres, als am Samstag – oder an irgend einem Tag – aufräumen zu müssen?