N-E-I-N

Mama Venditti dreht mal wieder im roten Bereich. Termine beim Kinderarzt, Elterngespräche, Konzepte verfassen, Kindern zeigen, wie sehr man sie liebt, weiterbilden, Newsletter schreiben, gute Ehefrau sein, vollwertig kochen, Wäscheberge abtragen, Vorsprechen bei Parteien und Gemeinderat, Freundschaften pflegen, Buchprojekt vorantreiben, Kindern zeigen, wie zermürbend es ist, wenn sie nicht gehorchen wollen, Hüpfburg organisieren, Mails beantworten… und der Tag hat noch immer bloss 24 Stunden. Was zur Folge hat, dass es nicht ganz ohne Getöse abgeht, wenn Mama Venditti einen der Bälle fallenlässt, mit denen sie tagtäglich jongliert. Was wiederum zur Folge hat, dass Personen, die Mama Vendittis Zusammenbruch vor zwei Jahren miterlebt haben, schüchtern fragen: „Hast du nicht gesagt, du würdest jetzt kürzer treten?“

Wenn Mama Venditti mit solchen Fragen konfrontiert wird, dann geht sie in sich, und zwar ganz tief. „Genügt es, wenn ich nur noch die Dinge tue, die ich mit Leidenschaft tun kann?“, fragt sie sich zum Beispiel. „Oder zehrt am Ende die Leidenschaft ebenso sehr an den Kräften, wie das halbherzige Durchbeissen?“ Sie forscht nach, ob sie sich selbst belügt, wenn sie behauptet, sie würde sich jetzt mehr Zeit zur Erholung nehmen. Sie überlegt, ob sie tatsächlich mehr Zeit zum Schreiben findet, oder ob die neuen Verpflichtungen schon Überhand gewonnen haben. Und das alles mündet in der überlebenswichtigen Frage: „Bin ich noch auf gutem Wege, oder bin ich schon wieder dabei, den Weg für einen nächsten Zusammenbruch zu bahnen?“

Manchmal zweifelt Mama Venditti, ob sie es schaffen wird, ob sie stark genug ist, die Aufgaben zu meistern. Doch dann fällt ihr wieder ein, dass sie ein neues Wort gelernt hat, ein Wort mit nur vier Buchstaben, aber mit einer unglaublichen Macht. Das Wort heisst N-E-I-N und Mama Venditti versucht, es dann anzuwenden, wenn jemand mit einer Bitte an sie herantritt, die sie nicht erfüllen kann oder nicht erfüllen will. Immer gelingt ihr das natürlich nicht, denn was man ein Leben lang nicht geschafft hat, lernt man nicht von heute auf morgen. Doch immer öfter kommt es vor, dass Mama Venditti nicht sagt: „Lass mich mal sehen. Vielleicht kann ich ja auf meinen freien Abend mit ‚Meinem‘ verzichten…“, sondern dass sie sagt: „Tut mir leid, im Moment bin ich vollkommen ausgelastet. Mit mir kannst du in nächster Zeit nicht rechnen.“ Und sie sagt es nicht nur dann, wenn tatsächlich jeder Abend ausgebucht ist, sondern auch dann, wenn sie nicht auf ihre Freiräume verzichten will. Denn Mama Venditti hat gelernt, dass man im Leben auch Zeit zum Erholen braucht, wenn man überleben will.

Manchmal ist Mama Venditti gar so verwegen, dass sie Nein sagt, wenn der Wäscheberg mit seinen Forderungen an sie tritt, oder der leere Kühlschrank, oder der unaufgeräumte Bürotisch. Aber bitte sagt „Meinem“ nichts davon. Der findet nämlich, bei uns sehe es momentan ziemlich schlimm aus und die Hauptverantwortung im Haushalt trägt leider noch immer Mama Venditti…

Jetzt wird’s lustig

Bis heute um 19:55 Uhr habe ich mich über jedes kleinste Fortschrittchen des Prinzchens gefreut. Das Kerlchen zeigt zum ersten Mal auf eine Tanne und sagt „Bam“. Mama strahlt. Das Kerlchen sieht seine Geschwister Schokolade essen und sagt „i au!“ Mama stopft aus lauter Freude das Kind mit Schokolade voll. Das Kerlchen türmt bei der Kinderärztin Bauklotz auf Bauklotz. Mama kriegt sich fast nicht mehr ein vor lauter Stolz. Ist er nicht ein Genie, unser Jüngster?

Seit heute Abend um 19:55 Uhr aber ist alles anders: Nichts Böses ahnend erzähle ich den Grossen eine Gutenachtgeschichte, währenddem „Meiner“ das Prinzchen zu Bett bringt. Bald wird der Feierabend Einzug halten im Hause Venditti. Hach, wie idyllisch! Plötzlich aber hört man Prinzchenschritte im Korridor und wenige Momente später steht er da mit seinem riesigen Bären im Arm. Wie hat er das bloss geschafft? Immerhin schläft er noch im Gitterbett und aus Gitterbetten entweicht man erst, wenn man älter als zwei ist. Da gibt es bestimmt irgend eine Kinderschutzregelung, die dies vorschreibt. Aber wenn man ein Prinz ist, schert man sich einen Dreck um Vorschriften. Man steigt auf den grossen Bären – Wer war bloss so dumm, ihm diesen zu schenken? – schwingt sich über das Gitter und schon ist man wieder frei.

Ich nehme mal an, dass  „Meiner “ und ich uns den Feierabend für die nächsten fünf Monate streichen können….

Podestplatz

Ist es ein weibliches Phänomen, oder ein mütterliches? Dieses ewige Ziehen von Vergleichen mit dem Resultat, dass man selber vollkommen flach herauskommt, die andere Frau hingegen als Superwoman? „Wie du das alles schaffst. Ich würde das nie hinkriegen!“ „Für dich ist das alles ja kein Problem, aber ich komme einfach nicht klar damit.“ „Ich bewundere dich: Bei dir ist immer alles tadellos aber bei mir herrscht das absolute Chaos.“ Vielleicht irre ich mich ja, aber wenn Männer sich unterhalten, höre ich solche Sätze nie, wenn Frauen miteinander reden aber immer mal wieder. In unzähligen Variationen zwar, aber stets mit dem gleichen Effekt: Die andere Frau steht auf dem Podest, man selber liegt im Staub und schämt sich seiner Unvollkommenheit.

Natürlich aber will die andere Frau gar nicht auf dem Podest stehen, denn sie selber ist sich ihrer eigenen Unvollkommenheit mehr bewusst, als ihr lieb ist. Und darum beginnt sie, ganz offen von ihren Schwächen zu erzählen. Doch ob sie nun erzählt, sie blicke auch jeden Morgen voller Entsetzen ihrem zerknitterten Spiegelbild entgegen, oder ob sie in den buntesten Ausschmückungen ihr letztes Totalversagen als Mama schildert, oder ob sie gesteht, dass sie sich zuweilen so sehr hasst, dass sie sich selber in die Wüste schicken möchte, man glaubt ihr nicht. Sich selber traut Frau jedes Versagen, jeden Makel zu, aber die andere, die ist doch perfekt, die macht ganz bestimmt nichts falsch. Die erzählt bestimmt nur von ihren Problemen, damit ich mich nicht so minderwertig fühle und nicht, weil tatsächlich nicht alles so rosig ist, wie es aus der Ferne betrachtet aussieht.

Und so sehen wir Frauen- oder vielleicht nur wir Mütter? – unser Umfeld bevölkert mit lauter Statuen von makelloser Schönheit und absoluter Perfektion. Wir denken, dass sie alle voller Abscheu auf uns hinabsehen, auf uns, die wir es einfach nicht so hinkriegen, wie wir sollten. Obschon wir in den Augen der anderen wohl ebenso auf einem Podest erscheinen, wie sie in unseren, fühlen wir uns winzig klein und unbedeutend. Nur hin und wieder wachen wir auf, nämlich dann, wenn eine der vermeintlich so Starken und Fehlerlosen vom Podest stürzt und mit viel Getöse zerbricht. Dann reiben wir uns erstaunt die Augen und sagen: „Aber sie war doch so perfekt. Ich hätte nie gedacht, dass ihr so etwas passieren könnte.“

Wie? Das hätte man nie denken können? Aber klar hätte man: Wenn man genauer hingehört hätte und nicht vor lauter Selbstzweifeln überhört hätte, dass die andere nicht nur sagt, sie sei nicht perfekt, sondern dass sie es tatsächlich nicht ist.

Weil eben keine von uns perfekt ist.

Rechne!

Vor rund fünfundzwanzig Jahren sass ein kleines Mädchen mit langen Zöpfen in einem Schulzimmer irgendwo in der Schweiz und starrte verzweifelt auf folgende Sätze: „Fritzchen und Paul sind beste Freunde. Die beiden fahren jeden Tag mit dem Fahrrad in die Schule. Fritzchen fährt mit seinem Fahrrad 5 Kilometer in der Stunde, Paul fährt mit seinem Fahrrad 10 Kilometer in der Stunde. Fritzchen wohnt 1500 Meter von der Schule entfernt. Paul wohnt 3 Kilometer von der Schule entfernt. Wer ist schneller in der Schule und wie viele Butterbrote essen die beiden Knaben unterwegs? Rechne!“

Dieses letzte Wort „Rechne!“ war es, welches das Mädchen in Verzweiflung trieb. Hätte das Mädchen erklären müssen, weshalb Fritzchen böse ist auf Paul, dann wäre das keine Sache gewesen. Ist doch klar: Wenn einer so viel schneller Rad fahren kann, dann mag man den Kerl nicht leiden. Hätte das Mädchen herausfinden müssen, weshalb die beiden dennoch beste Freunde sind, es hätte erklärt, dass Paul eben so ein netter Kerl ist, der nie angibt, auch wenn er viel schneller Rad fahren kann. Und vielleicht hätte es auch gesagt, der Paul habe eben dem Fritzchen sein allerbestes Butterbrot abgegeben und deshalb sei Fritzchen, der so gerne isst und deshalb auch langsamer fährt, ein dankbarer Freund und Abnehmer der Butterbrote. All dies und noch viel mehr hätte das Mädchen aus diesen Sätzen gelesen, aber das interessierte keinen. Alles, was die Lehrerin wissen wollte, war, wer früher in der Schule ankommt. Und genau dies konnte das Mädchen beim besten Willen nicht herausfinden, denn es verschlang zwar Lesefutter in rauhen Mengen, doch kaum wurden dem Lesefutter Zahlen beigemengt, wurde die Sache für das Mädchen unbekömmlich, weil sich Wörter und Zahlen im Kopf derart verhedderten, dass das Mädchen am Ende nicht mehr wusste, ob Fritzchen überhaupt Radfahren konnte und ob Paul nicht vielleicht per Mondrakete in die Schule geflogen war.

So war das und all das hätte eine schlimme aber verdrängte Erinnerung bleiben können, hätte das Mädchen, als es schon längst kein Mädchen mehr war, nicht den irrsinnigen Entschluss gefasst, sich von zu Hause aus weiterzubilden. Aber das Mädchen ist nun mal naiv geblieben und so zerbricht es sich heute den Kopf über der folgenden Aufgabe: „Vergleichen Sie bitte die Wirtschaftlichkeit und die Rentabilität sowie den Materialbedarf pro Stück der beiden folgenden Verfahren 1 bzw. (2): Beim Verfahren 1 (2) werden von einer relativ hoch (weniger) automatisierten Anlage aus einer Menge von 5 Tonnen Einsatzmaterial genau 1000 (900) Produkte hergestellt, wobei die Produktion je Einheit exakt 0,5 (1,5) min dauert….“

Spätestens hier hängt das Mädchen ab und liest so weiter: „Die produktive Zeit je Tag ist davon abhängig, wie viel Kaffee der Maschinenführer jeweils morgens um sechs in sich hineingeschüttet hat und davon, ob der Chef gut gelaunt ist, oder ob er mies drauf ist, weil ihm gestern seine Frau so furchtbar auf die Nerven gefallen ist und weil er eine viel zu hohe Steuerrechnung bekommen hat. Ach ja, und die Frau, die war übrigens gestern so unausstehlich, weil sie den ganzen Tag keine Zeit fand, sich die Zehennägel zu lackieren und das hätte sie ganz dringend tun müssen, weil sie sich ein Paar elegante Sandalen gekauft hat, die viel schöner sind als diejenigen der Nachbarin.  Aber die Frau hatte keine Zeit, sich die Zehennägel zu lackieren, weil ihr Chef ihr nicht erlaubte, früher nach Hause zu gehen. Der Chef ist nämlich ein unausstehlicher Tyrann und die Frau überlegt sich schon seit längerer Zeit, ob sie nicht endlich kündigen sollte. Aber damit ist ihr Mann nicht einverstanden und deshalb lag sie sich gestern Abend mit ihrem Mann in den Haaren….“

Kann mir bitte mal endlich einer erklären, weshalb ich rechnen soll, wo doch zwischen den knochentrockenen Zeilen so viele spannende Geschichten verbergen?

Ob er krank ist?

Heute früh begrüsste mich der FeuerwehrRitterRömerPirat mit folgender Frage:“ Mama, als die Römer den Hadrianswall bauten, mussten die Sklaven die ganze Arbeit machen. Warum war das so?“ Nun sind solche Fragen für den FeuerwehrRitterRömerPiraten tagsüber nichts Ungewöhnliches, aber morgens um sieben sagt er gewöhnlich gar nichts oder raunzt „Lass mich weiterschlafen!“ oder droht „Ich stehe nur auf, wenn du mir zweimal ‚Früeh am Morge‘ singst.“ Alles schon gehabt und deshalb haut mich fast nichts mehr aus den Socken. Wenn aber mein störrischer kleiner Langschläfer schon im Morgengrauen hellwach ist und historische Probleme lösen will, dann mache ich mir schon fast ein wenig Sorgen um ihn. Ob ihm etwas fehlt?

Ich hätte die kleine Episode im Frühstücksstress dennoch schnell wieder vergessen, wäre dreissig Minuten später nicht noch Unerhörteres geschehen. Da lege ich mir innerlich wie jeden Tag eine Strategie zurecht, mit welchem Trick ich den FeuerwehrRitterRömerPiraten heute aus dem Haus bringen kann und gebe ihm derweilen noch ein paar Ermahnungen und ‚hab dich lieb‘ mit auf den Weg. Doch mitten im Satz unterbricht mich mein Sohn: „Ist schon gut, Mama. Aber ich muss jetzt wirklich gehen.“

Ob ich mit dem Jungen mal zum Kinderarzt gehen soll?

Kinderwagen Nummer 6

Wer braucht denn heute noch einen Kinderwagen, der länger als drei Jahre hält? Dies scheinen sich die Kinderwagenhersteller zu sagen. Und sie haben ja recht: Entweder, man hört nach Kind eins auf mit dem Abenteuer Familie, weil das alles doch etwas anstrengender ist, als man sich vorgestellt hätte, oder man kauft für Kind zwei und drei wieder einen neuen Wagen, weil inzwischen wieder so tolle neue Gefährte in den wunderbarsten Farben auf den Markt gekommen sind. Und so hält der moderne Kinderwagen maximal so lange, bis Kindchen knapp auf den eigenen Füsschen stehen kann. Und deshalb wird im Hause Venditti in den nächsten Tagen Kinderwagen Nummer 6 (oder Buggy Nummer 3) geliefert.

Beim Kinderwagen Nummer 1 hatte ich ja noch gedacht, das Ding halte ewig und so verbrachten „Meiner“ und ich viele Stunden im Babycenter, um den perfekten Wagen auszusuchen. Als dann auch noch Schwiegermama anmeldete, dass sie das Ding bezahlen würde, wurden es noch ein paar Stunden mehr, denn ich musste mit aller Kraft verhindern, dass Schwiegermama bestimmte, in welchem Gefährt unser erstes Kind die Welt entdecken würde. Schliesslich entschieden wir uns für ein sündhaft teures italienisches Modell, das zugleich Babykarosse, Buggy und Kindersitz war. Schwiegermama zahlte bereitwillig die 1000 Franken und wir glaubten, das Thema Kinderwagen ein für alle mal abhaken zu können.

Do schon bald wurde der kleine Karlsson grösser und wir mussten feststellen, dass das sündhaft teure Ding leider trotz aller Versprechen nicht als Buggy taugte, worauf Kinderwagen Nummer 2 (oder Buggy Nummer 1) bei uns Einzug hielt. Das müsste jetzt aber wirklich reichen, dachten wir und es reichte auch. Bis sich der FeuerwehrRitterRömerPirat dazu entschied, sich in meinem Bauch einzunisten, kaum war Luise ausgezogen. Also musste ein Doppelkinderwagen her, sonst hätte Mama in Zukunft nicht mehr das Haus verlassen können. „Jetzt sind wir aber für den Rest unseres Lebens mit Kinderwagen versorgt“, sagten „Meiner“ und ich, als wir voller Stolz (Doppel)kinderwagen Nummer 3 abholten. Und tatsächlich: Zwei Jahre lang lief wirklich alles gut. Bis wir eines Sommers nach Malta reisten, wo die Strassen so holperig waren, dass Kinderwagen Nummer 2 oder Buggy Nummer 1 den Geist aufgab und in einer Maltesischen Abfallmulde landete (wo er Tags darauf wieder herausgeholt wurde und wohl noch heute über die Strassen von Valletta holpert).

Hätte ich zu jenem Zeitpunkt nicht den Zoowärter in meinem Bauch beherbergt, wir hätten den FeuerwehrRitterRömerPiraten wohl zum Laufen aufgefordert. So aber erhielt unser Dritter ein brandneues grasgrünes Wägelchen (Kinderwagen Nummer 4 oder Buggy Nummer 2), Made in Malta. Aber einen neuen Kinderwagen kauften wir nicht mehr. Den Zoowärter würden wir ausschliesslich im Tragtuch mit uns herumschleppen, solange er noch zu klein war für den Maltesischen Buggy. (Wie kann man bei Kind Nummer 4 noch so naiv sein?) Mein Rücken schmerzte zwar, ich verbrachte Stunden in der Physiotherapie aber ich blieb eisern dabei: Einen neuen Kinderwagen gab’s nicht. Dafür aber durfte ich den Wagen einer Nachbarin zu Boden fahren.

Damit wäre die Geschichte zu Ende. Doch kaum hatten wir uns sämtlicher Kinderwagen bis auf das grasgrüne Maltesische Wägelchen entledigt, beschloss das Prinzchen, dass es auch Teil dieser überaus coolen Familie werden möchte, worauf Mama sich auf die Suche nach Kinderwagen Nummer 5 machte. Noch einmal monatelang schleppen, bis das Kind gross genug für den Buggy war, kam nicht in Frage. Das machte mein Rücken nicht mehr mit und so wurde Kinderwagen Nummer 5 gekauft,  wieder Babykarosse und Buggy in Einem, ganz wie am Anfang, bloss viel viel preiswerter. Schwiegermama offerierte nämlich nicht mehr so grosszügig, alles zu bezahlen, da es nach ihrem Geschmack eindeutig zu viele Enkelkinder waren. Leider war Kinderwagen Nummer 5 nicht nur preiswert, sondern auch billig, weshalb er schon nach achtzehn Monaten bei der Müllabfuhr landete. Gleichzeitig mit Kinderwagen Nummer 4 oder Buggy Nummer 2, der auch nicht mehr fahren will.

Weil aber das Prinzchen noch lange nicht grosse genug ist, um bis zur Migros und zurück zu gehen, nehmen wir demnächst Kinderwagen Nummer 6 oder Buggy Nummer 3 in Empfang. Falls unser Leben nicht noch eine ganz eigenartige Wendung nimmt, wird dieser aber endgültig der Letzte sein. Ich verspreche es…

Kein Spaziergang, aber dennoch ganz nett

Das Leben ist kein Spaziergang, das weiss jeder, der mehr als zwanzig Jahre auf dieser Erde weilt. Aber hin und wieder verfällt auch einer, der mehr als zwanzig Jahre auf dieser Erde weilt, der irrigen Ansicht, dass das Leben hin und wieder, für fünf Minuten vielleicht, ein Spaziergang sein kann und zwar ein wunderbarer. Zum Beispiel dann, wenn man endlich gelernt hat, so „lieb und freundlich“ mit den Kindern zu reden, wie dies Lisa und Inga aus Bullerbü gerne tun würden. Wenn man zudem auch noch mit „Meinem“ ganz zivilisierte Gespräche ohne herumfliegende Blumenkohlköpfe führen kann. Wenn beruflich nach langem Warten endlich Vieles so läuft, wie man dies schon immer gewollt hätte. Wenn man kurz davor steht, einen Lebenstraum zu verwirklichen. Wenn auf dem Konto am Ende des Monats endlich nicht mehr gähnende Leere herrscht und die Rechnungsbeträge nicht mehr grösser als das Einkommen sind. Wenn dann auch noch die Salatköpfe auf dem Balkon so wunderbar gedeihen, ja, dann könnte man glatt meinen, man dürfe jetzt für eine Weile spazieren, anstatt zu klettern, zu hetzen, sich abzukämpfen.

Aber netterweise gönnt einem das Leben solche Momente nicht und so steckt man, kaum hat man sich darüber gefreut, dass für einmal alles bestens läuft, in einem heftigen Streit mit jemandem, der findet, man mache so ziemlich alles falsch im Leben und einem diese Meinung auch schonungslos an den Kopf wirft. Erschüttert und aufgewühlt, wie man danach ist, erschreckt man die lieben unschuldigen Kinderlein mit einem heftigen Wutanfall und am Ende ist man nur noch ein heulendes Wrack. Irgendwann rappelt man sich wieder auf und beschliesst, die Sache beiseite zu schieben, denn bald schon, wenn der Zorn verraucht ist, wird man wieder miteinander reden können. Morgen ist ein neuer Tag, denkt man, und dann wird alles wieder besser. Aber morgen wird nicht besser. Denn als man pünktlich um halb zehn in der Kinderarztpraxis aufkreuzt, erfährt man, dass das Prinzchen eigentlich gestern hätte kommen sollen und dass die Rechnung für den verpassten Termin bereits unterwegs ist. Man könnte im Boden versinken vor lauter Scham, denn man weiss ja, wie beschäftigt sie in der Kinderarztpraxis sind. Etwa ähnlich beschäftigt, wie Mütter von vielen Kindern.

Dennoch darf das Prinzchen ins Untersuchungszimmer und weil das arme Kerlchen spürt, wie erschüttert Mama ob ihres Irrtums ist, beschliesst es, zu zeigen, was es drauf hat: Die Kinderärztin möchte, dass er zwei oder drei Holzwürfel aufeinanderstapelt, das entspreche etwa seinem Alter. Das Prinzchen beginnt zu stapeln, die Kinderärztin lobt, das Prinzchen stapelt weiter, die Kinderärztin staunt, das Prinzchen stapelt weiter und am Ende hat er alle neun Würfel aufgetürmt. Und so verlässt man, innerlich zwar noch immer beschämt wegen der verpassten Termins, die Kinderarztpraxis dennoch mit mehr oder weniger intaktem Ansehen.

Das Leben ist zwar kein Spaziergang. Aber mit einem Prinzchen an der Seite, der Mama den Tag rettet, kann man das alles ein wenig lockerer sehen.

Ausgelaugt

Ich will mich ja nicht beklagen, aber diese intensive Entspannung übers Wochenende hat mich total ausgelaugt. Den ganzen Tag gähne ich und schleppe mich von Zimmer zu Zimmer, als hätte ich Schwerstarbeit verrichtet. Wie kann man bloss von all dem Nichtstun so müde werden, dass man am liebsten um acht Uhr ins Bett gehen möchte? Was ich auch getan hätte, wenn die lieben Kinderlein ebenso müde wären wie ich. Aber die haben sich ja übers Wochenende auch nicht entspannen müssen…

Beste Mama des Jahres

Mist! Schon wieder Minuspunkte eingefahren im mit harten Bandagen geführten Kampf um den heiss begehrten Titel „Beste Mama des Jahres“. Eine Mama, die morgens um Viertel vor acht noch selig schlummert, anstatt in der Küche zu stehen und den Nachwuchs, der schon längst geputzt und gestriegelt sein müsste, mit einem vollwertigen Frühstück zu verwöhnen, hat sich ja wohl endgültig disqualifiziert. Wäre nicht meine eigene Mama todesmutig nach oben gekommen, um zaghaft an meine Schlafzimmertür zu klopfen und zu fragen, ob wir nicht vielleicht aufstehen müssten, wir alle lägen noch immer selig in unseren Betten. Mit ihrer heldenhaften Tat, eine bekennende Langschläferin, deren miese Laune am Morgen legendär ist, sanft aus dem Träumen zu reissen, hätte meine Mama eigentlich den Titel „Beste Mama des Jahres“ bereits auf sicher. Aber ich weiss nicht, ob beim Wettbewerb auch Grossmamas zugelassen sind. Es sei denn, um sie für ihr Lebenswerk zu ehren.

Wie dem auch sei, ich legte mal wieder eine perfekte Performance für die „Mieseste Mama des Jahres“ an den Tag: Die Kinder mit Joghurt abgespeist – ja, ich weiss, enthält viel zu viel Zucker – , vierhundertdreizehn Mal gesagt „Jetzt beeilt euch doch!“, den FeuerwehrRitterRömerPiraten mit einem Donald Duck-Heft abgespeist, damit er, der immer trödelt, aus dem Weg ist, solange Karlsson und Luise noch nach Socken für die Füsse und Bananen für die grosse Pause suchten, mich selber mit einem Glas Cola light wachgeknüppelt, weil der sanfte Start in den Tag ohnehin versaut war, das Prinzchen in nasser Windel herumwatscheln lassen, solange die Grossen noch nicht aus dem Haus waren, den FeuerwehrRitterRömerPiraten zu spät in den Kindergarten geschickt und dann auch noch den Zoowärter mit einem Bonbon belohnt, weil er trotz allem Chaos so brav aufs WC gegangen ist. Und, wie viele pädagogische Todsünden macht das insgesamt? Sehr viele und wenn man bedenkt, dass ich mir früher jeweils vorgestellt hatte, ich würde meinen Kindern jeden Tag Pfannkuchen oder Waffeln backen zum Frühstück, dann sind es noch ein paar mehr und ich fürchte, ich bin definitiv aus dem Rennen für den Titel „Beste Mama des Jahres“.

Okay, ich habe danach wieder Boden gut gemacht, als ich die Rolle des David übernahm im Kampf gegen Zoowärter-Goliath. Weil der Zoowärter noch nicht begriffen hat, dass in dieser Geschichte der Kleine der wirklich Grosse ist, überlässt er mir stets grosszügig die Heldenrolle und so kam ich in den Genuss eines bewundernden Publikums, als ich da in der Küche mutig meine imaginäre Schleuder über dem Kopf schwang. Das Prinzchen konnte von dem Schauspiel gar nicht genug bekommen und so flogen dem armen Goliath die imaginären Kieselsteine nur so um die Ohren. Wo doch jedes Kind – mit Ausnahme des Prinzchens – weiss, dass David schon beim ersten Mal getroffen hat. Eigentlich sollte ich mit diesem Auftritt meine Minuspunkte wieder kompensiert haben, aber ich fürchte, dass solche Qualitäten nicht gefragt sind, wenn es darum geht, zur „Besten Mama des Jahres“ gewählt zu werden.

Ach ja, ich habe mich übrigens gar nicht bei einem derartigen Wettbewerb angemeldet, aber ich bin mir sicher, dass er irgendwo auf diesem Planeten ausgetragen wird. Wenn nicht hier, dann ganz bestimmt in den USA.

P.S. Habe soeben noch einen draufgegeben: Während ich auf dem Trottoir mit einer anderen Mama, die etwas bei mir abliefert, über die besten Feierabend-Filme quatsche, verrichtet der Zoowärter oben sein grosses Geschäft und weil er vergessen hat, dass das Geschäft gross und nicht klein war, landet die Sache im Lavabo und der Zoowärter brüllt. Grossartig, wie ich meine Kinder im Griff habe, nicht wahr? Und nein, ich sage nicht, was die Freundin abgeliefert hat, sonst meinen alle, die ältere Kinder haben, sie dürften ihre Keller räumen und auch bei mir abliefern. Aber solche Sachen nehme ich nur von Freunden, die verstehen, dass auch eine Grossfamilie nicht unbegrenzten Bedarf hat….

Zahlenphobie

Bis heute hat mir meine Weiterbildung eigentlich keine Probleme bereitet. Ich lebe mein turbulentes Leben wie gewohnt, balanciere zwischen Wocheneinkäufen, Kinder umarmen, Mittagessen kochen, Sitzungen, Krankenkassenbelegen einsenden, seichten Filmen, Geschichten erzählen, Konzepten verfassen, Bloggen, herumbrüllen, schreiben, Lieder singen, Sorgen anhören, Blumen giessen, mit Freundinnen quatschen, Saunabesuch mit „Meinem“, Schwimmkursen, dem Salat beim Wachsen zusehen und was mein Leben sonst noch an Schönem und Mühseligem zu bieten hat. Und zwischendurch, wenn alles mehr oder weniger ruhig ist, vertiefe ich mich in Lektüre mit so spannenden Titeln wie zum Beispiel  „Führung und Moderation“ oder „Grundlagen Prozessmanagement“ oder – mein Lieblingstitel, den ich immer wieder gerne zur Hand nehme, wenn mir nach herzerwärmender Lektüre ist – „Betriebswirtschaftliche Grundlagen“. Nicht gerade mein Ding, aber für das Projekt, das ich leiten soll, unabdingbar, wenn die Sache nicht scheitern soll. Und bisher habe ich mich eigentlich ganz tapfer geschlagen, habe gute Noten geschrieben und hin und wieder ganz nützliche Dinge gelernt.

Heute aber wagte ich mich an Buch Nummer 10 – ich lerne mithilfe eines Fernkurses – und plötzlich war da wieder diese Wand, Mathematik genannt. Ich öffnete das Buch auf einer beliebigen Seiten und was sprang mir ins Auge? Eine Wortschlange, die sich folgendermassen las: „Berechnung der statischen Amortisationszeit unter der Prämisse von Zinszahlungen in Höhe der kalkulatorischen Zinsen“. Allein das Wort „Berechnungen“ jagte mir kalte Schauer über den Rücken, in Kombination mit den restlichen Schimpfwörtern wurde mir beinahe schwarz vor den Augen. Da lernt man immer, man solle anständig reden und dann liefern die einem ein Lehrmittel voller Schimpfwörter und nennen die Sache Weiterbildung. Nun ja, dachte ich, vielleicht habe ich ja ausgerechnet die schlimmste Seite erwischt und blätterte weiter. Aber was ich da vorfand, stimmte mich nicht optimistisch: „Isoquante für X=5“, las ich da oder „Führen Sie eine Kalkulation der Stückkosten durch“, oder – schlimmer noch –  „Führen Sie ebenso eine Kapitalwertberechnung bei 10% durch“.

Spätestens jetzt war mir zum Heulen zumute. Da schlage ich mich mehr oder erfolgreich durchs Leben, jongliere Familie, Schreiben, Projekte, Haushalt und Freundschaften und habe dabei das Gefühl, das alles sei irgendwie machbar, wenn auch zuweilen ziemlich anstrengend. Und alles geht gut, solange ich nicht mit Zahlen zu tun bekomme. Doch unvermittelt, wenn alles gut läuft und ich es am wenigsten erwarte, steht sie wieder vor mir, diese für mich unbezwingbare Zahlenmauer. Früher habe ich darüber gespottet, dass der Mathelehrer mir einen Besuch beim Psychologen ans Herz legte, anstatt mir die Aufgabe zu erklären, worum ich ihn eigentlich gebeten hatte. Heute weiss ich, dass nicht mal ein Psychologe bei meiner Zahlenphobie helfen kann. Vor dieser Beschränktheit müsste selbst der beste Therapeut kapitulieren. Und so fürchte ich, dass mir das Lehrmittel mit dem grauenvollen Titel „Produktions- und Kostentheorie, Finanzierung“ noch ein paar schlaflose Nächte bereiten wird, bevor ich es erfolgreich abschliessen kann.

Ach ja, und was um Himmels Willen ist eine Isoquante? Tönt für mich nach  einem ganz übeln Geschwür.