Kampfschwimmer

Lange ist’s her, seitdem ich zum letzen Mal Gelegenheit hatte, ungestört zu schwimmen, was mich wirklich störte, denn schwimmen ist der einzige Sport, der mir so etwas wie Freude bereitet. Und übrigens auch der einzige Sport, bei dem ich in der Schule zu den Besten gehörte, trotz meines sehr unorthodoxen Stils – Kopf hochgereckt wie ein Schwan mit zum kurzen Hals, hohles Kreuz und ein rechter Fuss, der stets dem Linken in die Quere kommt -, der daher rührt, dass meine ältere Schwester mich schwimmen lehrte. Und da sie wohl ebenfalls von einem älteren Bruder oder der älteren Schwester die Kunst, sich über Wasser zu halten, erlernt hatte, hatte sie von der richtigen Technik keine Ahnung. Aber was macht das schon? Hauptsache, man ersäuft nicht und wenn man dann noch zu den Schnellsten gehört, umso besser.

Nun, inzwischen gehöre ich nicht mehr zu den Schnellsten. Im Gegenteil: Heute bin ich schon stolz, wenn ich mich überhaupt dazu aufraffen kann, im Schwimmbad kein Buch zu lesen, sondern einen Kilometer zu schwimmen. Wie oft habe ich mich darüber beklagt, ich würde ja schon schwimmen gehen, wenn ich bloss Zeit dazu hätte? Unzählige Male und deswegen bin ich jetzt, wo Karlsson und Luise den Schwimmkurs besuchen und ich das Prinzchen zu Hause lassen kann, dazu verpflichtet, meine 40 Längen zurückzulegen. Was den Kampfschwimmern, mit denen ich die schmale Bahn, die den Schwimmern noch bleibt, teilen muss – rechts die grossen Schwimmschüler, links die kleinen Schwimmschüler und die Mamas, die ihre Sprösslinge beobachten -, gar nicht behagt.

Was will sie bloss hier, die lahme Hausfrau, die nicht mal den Mut hat, den Kopf richtig unterzutauchen? Die trägt ja nicht mal eine Schwimmbrille. Und auch keine aquadynamische – gibt’s das Wort? – Badekappe. Von einem „Speedo“-Schwimmanzug ganz zu schweigen. Die wagt es doch tatsächlich, in einem ausgeleierten Umstands-Tankini aufzukreuzen und die gleiche Bahn in Anspruch zu nehmen, die in ihren Augen einzig für Menschen reserviert ist, die das Schwimmen mit heiligem Ernst betreiben. Menschen, die nicht davor zurückschrecken, mit Ellbogeneinsatz den knappen Platz zu verteidigen. Menschen, die es nicht für nötig halten, aufzupassen, ob sie einen zur Seite drängen. Menschen, die kaltblütig unter dir durchschwimmen, weil sie gerade keine Gelegenheit sehen, dich zu überholen. Und ein paar Sekunden Zeitverlust würden den Tag ruinieren.

Früher liess ich mich durch diese Kampfschwimmer hetzen, ja, ich versuchte gar, gleich schnell zu sein wie sie. Heute aber, wo es schon ein Erfolgserlebnis ist, wenn ich es schaffe, meinen inneren Schweinehund zu überwinden und ins Wasser zu steigen, kümmere ich mich einen Dreck um sie. Und wenn ich dann, nach viel längerer Zeit als früher, meinen Kilometer ohne einen einzigen Unterbruch geschafft habe, dann bin ich ganz schön stolz auf mich selber. Obschon die Kampfschwimmer hörbar aufatmen, wenn ich endlich die Bahn frei gebe, damit sie eine andere Hausfrau, die sich anmasst, schwimmen zu gehen, in die Enge treiben können.

Explodiert

Was ist bloss mit „Meinem“ und mir los? Kaum taucht am Beziehungshorizont die geringste Unstimmigkeit auf, schieben wir sie beiseite. Nicht, weil wir nicht streiten könnten, oh nein! Ich werde nie den Tag vergessen, an dem ich „Meinem“ auf offener Strasse einen Blumenkohl an den Kopf geschmissen habe – Okay, ich habe probiert, ihm einen Blumenkohl an den Kopf zu schmeissen, aber getroffen habe ich natürlich nicht, denn ich treffe nie-, weil er mir derart auf die Nerven fiel. Die Männer aus Sri Lanka, die uns bei diesem Krach beobachtet haben, sind wohl schleunigst aus der Schweiz abgereist, aus Angst, dass sie dereinst auch mit einem rabiaten Schweizerweib zu tun bekommen könnten. Auch die Zeiten, in denen der Brownie-Teig gegen die Küchenwand flog, weil „Meiner“ sich zu schnell duckte, werde ich nicht so schnell vergessen. Oder die Abende, an denen „Meiner“ wutentbrannt aus dem Haus stürmte, um den Bäumen im Wald zu klagen, was für eine Nervensäge er doch geheiratet habe. Ja, wenn „Meiner“ und ich streiten, dann fliegen die Fetzen.

Oder zumindest flogen die Fetzen. In den letzen Jahren sind wir weiser geworden und deshalb tönt es bei uns jetzt plötzlich so: „Ach, weisst du was? Ich will gar nicht streiten mit dir. Wir haben viel zu wenig Zeit füreinander und die wollen wir nicht mit Krach vergeuden. Und überhaupt liebe ich dich viel zu sehr…“ Ha, wie soll man da noch mit Blumenkohl um sich schmeissen können? Nun, ich habe  ja nichts gegen Harmonie, aber da ich zu viele Paare kenne, die sich „nie gestritten und immer bestens verstanden“ haben, die eines Tages „aus heiterem Himmel“ geschieden werden, werde ich bei zu viel Harmonie schnell einmal misstrauisch. Denn wo hört die Harmonie auf und wo fängt die Gleichgültigkeit an?

Deshalb bin ich ganz froh, wenn „Meiner“ und ich uns hin und wieder in die Haare geraten. Das beweist mir, dass unsere Beziehung noch lebt. Wenn er mich ankeift, weil ich die Wäsche nicht gemacht habe, obschon ich dies versprochen hatte, wenn ich ihn einen Macho schimpfe, weil er findet, ich hätte die Wäsche machen sollen, wo doch Waschen ganz eindeutig Männerarbeit ist, wenn er mir sagt, er sei froh, wenn er am Montag wieder arbeiten könne, weil ich so anspruchsvoll sei und ich ihm an den Kopf werfe, er solle mich nicht immer bevormunden, dann ist die Welt noch in Ordnung. Klar, so einen Krach brauche ich nicht jeden Tag, auch nicht jede Woche, von mir aus nicht einmal monatlich. Aber hin und wieder mal erleben, dass uns unser Zusammenleben noch immer so wichtig ist, dass wir es verbessern wollen, das gehört für mich ebenso zur Ehe wie romantische Abende, Ferienpläne schmieden und lange Gespräche über unsere Kinder. Hin und wieder mal spüren, dass „Meiner“ auch nach 18 Jahren Beziehung noch die ganze Bandbreite an Gefühlen in mir wecken kann, das gehört doch einfach dazu. Denn nach der rasenden Wut, den Tränen und dem Brüllen stehen wir beide plötzlich ganz ausgelaugt da, starren uns an und plötzlich wissen wir wieder, dass wir eigentlich nur das Beste füreinander wollen. Und auf einmal sind wir wieder verliebt wie am ersten Tag…

Das hat man nun davon,…

…. wenn man abends, anstatt zu arbeiten, einen seichten Film schaut: Flausen im Kopf, die einem keine Ruhe mehr lassen. Da schaue ich mir diesen Film an, in dem es darum geht, wer mit wem zusammen ist und wer mit wem zusammen sein sollte und wer wem auf welche Weise das Leben schwer macht, damit er mit dem zusammen sein kann, mit dem er zusammen sein möchte. Alles verstanden? Nein? Macht nichts, ich habe auch nichts verstanden. Das Einzige, was mir von dem Film im Kopf geblieben ist, ist der Typ, der in Schichten schläft. Von vier Uhr nachts bis acht Uhr morgens und dann tagsüber eine zweite Schicht, zu welcher Zeit, habe ich vergessen.

Wie, ihr findet das mit den Schichten eine blöde Idee? Ich absolut nicht. Das wäre doch was: Nachts, wenn man endlich mal Ruhe hat, ungestört arbeiten und am Tag, wenn alles drunter und drüber geht, die zweite Schicht schlafen. Für mich als bekennende Nachteule ein absoluter Traum. Und deshalb zerbreche ich mir jetzt den Kopf, wie ich das in meinem Leben umsetzen könnte: Die erste Schicht Schlaf von drei Uhr morgens bis sieben Uhr morgens, dann Familienleben und Arbeit bis drei Uhr nachmittags, dann wieder schlafen bis sieben Uhr und dann wieder Familienleben und Arbeit bis drei Uhr. Sollte doch eigentlich möglich sein, oder?

Möglich schon, aber nur auf dem Papier. Denn ich bin mir sicher, dass das Prinzchen, kaum würde ich mich morgens um drei an den Computer setzen, nach Unterhaltung schreien würde. Wenn Mama Spass hat, will das Prinzchen auch Spass haben. Und ich fürchte auch, dass ich mich regelmässig um sieben Uhr verpennen würde, denn ich bin nicht nur eine Nachteule, sondern auch ein Morgenmuffel. Und schliesslich fürchte ich, dass meine lieben Kinderlein mich nie und nimmer nachmittags schlafen lassen würden. Sie brauchen doch jemanden, bei dem sie sich über „böse“ Lehrerinnen beklagen können, jemanden, der ihnen Erdnussbutterbrote streicht und jemanden, der mit ihnen Liedlein singt. Wird wohl also nichts aus meinen neuen Schlafenszeiten. Zumindest nicht in den nächsten 20 Jahren und danach wird mich ohnehin die senile Bettflucht im Morgengrauen aus dem Bett treiben.

Dass iss gefährlich! Aber schööön!

Nun ja, vielleicht sind meine Gärtnermethoden etwas unorthodox. Ein wahrer Gartenfreund würde wohl kaum mit spitzen Fingern die Steine aus dem Boden klauben und jedes Mal laut kreischen, wenn eine Schnecke zum Vorschein kommt. Er würde wohl auch keine Kornblumen in Töpfe säen. Und schon gar nicht würde er bei warmem Frühlingsregen 480 Liter Universalerde mit nackten Füssen auf dem Boden verteilen. Macht man einfach nicht. Ein echter Gärtner nimmt dazu einen Rechen oder sonst ein nützliches Gerät, das in der Gartenzeitschrift angepriesen wird. Aber wozu braucht man einen Rechen, wenn man doch beim Wühlen in der weichen frischen Erde so viel Entspannung haben kann?  Entspannung bei der Arbeit. Was will man mehr? Und danach sieht der Garten erst noch wunderbar aus. Und weil die Erde nicht für den ganzen Garten gereicht hat, gibt’s morgen gleich noch einmal Wellness für die Füsse. Ich kann’s kaum erwarten.

Es verderbe mir jetzt bloss keiner den Spass und ermahne mich, ich solle mich nicht wundern, wenn ich mir eine Lungenentzündung hole. Mit nackten Füssen in der kühlen Erde zu wühlen sei gefährlich. Bei derartigen Gefahren halte ich mich an mein grosses Vorbild Obelix: „Dass iss gefährlich! Hicks! Aber schööön!“ (Okay, auf das „Hicks“ verzichte ich lieber. Mama und Besäufnis, das passt in meinen Augen nicht zusammen. Also vielleicht doch kein so grosses Vorbild, dieser Obelix…)

Ohne mich?

Dieses Jahr mache ich nicht mit. Ganz bestimmt nicht. Ich weiss, in meinem Alter macht man das, aber ich will jetzt einfach nicht und darum werde ich auch nicht. Ich habe keine Lust, mich stundenlang hinzukauern, keinen Bock auf schmutzige Fingernägel, kein Bedürfnis, todmüde und mit schmerzenden Gliedern ins Bett zu sinken. Lieber hocke ich in meinem unaufgeräumten Büro und tippe mir die Finger wund. Dieses Jahr lässt mich die Gartensaison kalt.

So dachte ich noch vor ein paar Tagen. Aber dann stiess ich beim Surfen auf einen Tellerpfirsich-Baum und mein Entschluss geriet ins Wanken. Nachdem aber „Meiner“ das Bäumchen gepflanzt hatte und die ersten rosaroten Blüten sich öffneten, zog ich mich wieder ins Büro zurück. Ich habe dieses Jahr wirklich keine Lust auf Gärtnern. Aber das lässt sich die Natur nicht bieten. Und so begann sie, mich zu umschmeicheln. Die ersten Traubenhyazinthen liessen mich noch kalt, doch als die Osterglocken zu blühen begannen, deren Zwiebeln wir letzten Herbst aus Chamonix mitgebracht hatten, fühlte ich mich schon ein wenig geschmeichelt. Immerhin haben wir letzten Herbst mit klammen Fingern in der Erde gewühlt, um dafür zu sorgen, dass die Natur sich in diesem Frühling von ihrer besten Seite zeigen kann.

Dennoch beschloss ich, die Gartenarbeit „Meinem“ zu überlassen. Wenn ich nicht will, dann will ich nicht. Und jemand muss sich doch auch um die armen Papiere kümmern, die so verloren auf meinem Schreibtisch liegen.  Heute Nachmittag aber ging uns die Erde aus und weil „Meiner“ am Graben war – er verschönert gerade unseren Gartensitzplatz – musste eben ich in die Migros fahren. Und dann war es um mich geschehen und jetzt wachsen auf unserem Balkon Kopfsalate, Eisbergsalate, Basilikum, Thai-Basilikum, Zitronenthymian, Mohn, Oregano, Marokkanische Minze, Butternut-Kürbisse und Petersilie. Und weil das nicht genug ist, habe ich gleich noch ein paar Kohlrabi und San Marzano-Tomaten ins Gartenbeet gepflanzt.

Tja, sieht so aus, als wäre ich nun doch dabei. Ich hätte es ja eigentlich wissen sollen, dass jeder Widerstand zwecklos ist. Wie meine geneigten Leser wissen, kann man sich der Gärtnerei in einem gewissen Alter nicht mehr erwehren.

Die hohe Kunst der Schlaflosigkeit

Es gibt ja verschiedene Gründe für Schlaflosigkeit und somit auch verschiedene Niveaus, die es zu erreichen gibt. Ich stelle mir das so ähnlich vor wie im Judo, wo man den 10. Dan ja auch nicht einfach so auf Anhieb verliehen bekommt. Nun möchte ich ja nicht unbescheiden sein, aber ich habe den Eindruck, dass „Meiner“ und ich in der Kunst der Schlaflosigkeit schon ziemlich weit fortgeschritten sind, aber wenn ich auf die vergangene Nacht zurückblicke, wird mir bewusst, dass es noch so viele Variationen gibt, die wir noch nie erlebt haben. So viel zu lernen und unsere Kinder sind schon so gross! Allmählich müssen wir uns beeilen, wenn wir noch wahre Meister der Schlaflosigkeit werden wollen.

Obschon: Die vergangene Nacht wäre nichts für Anfänger gewesen und wir sind ziemlich stolz auf uns selber, dass wir sie ohne namhafte Wutausbrüche und ohne herumfliegende Schoppenflaschen hinter uns gebracht haben. Mir scheint, wir haben ein höheres Niveau erreicht. Dass die Nacht eine echte Herausforderung werden würde, war bereits am späten Abend klar, als ein übermüdeter Zoowärter um Asyl im elterlichen Bett bat. Was wir ihm ohne Prüfung seines Gesuchs gewährten. Wir wissen ja, dass er nur dann zu uns gekrochen kommt, wenn in seinem Heimatbett unhaltbare Zustände herrschen, also zum Beispiel, wenn er vom FeuerwehrRitterRömerPiraten gebissen worden ist, oder wenn er den Kampf um die Bettdecke endgültig verloren hat und er den grossen Bruder nicht mehr wach bekommt, damit er weiter mit ihm streiten kann. Bald schon schlummerte der Zoowärter selig auf meiner Seite des Bettes, was für mich zur Folge hatte, dass ich einmal mehr nahe am Abgrund einschlief.

Aber lange schlief ich ohnehin nicht, denn das Prinzchen hatte mal wieder Lust auf ein mächtiges Gebrüll. Anfangs glaubte ich ja noch, der Wunde Po sei Schuld am ganzen Übel, aber nachdem der wunde Po gesalbt war und das Prinzchen weiter brüllte, war Ursachenforschung angesagt. Und wie das bei der Forschung so ist: Man kommt nicht immer auf einen grünen Zweig. Nichts half, weder Wiegen, Streicheln, Milch noch gutes Zureden, er solle doch jetzt endlich schlafen. Das Prinzchen wurde erst ruhig, als eine brüllende Luise auftauchte. Vor lauter Staunen, dass da jemand mitten in der Nacht noch lauter sein konnte als er, schwieg das Prinzchen und stellte sich schlafend. „Meiner“ und ich übrigens auch. Wenn wir nur lange genug so täten, als würden wir schlafen, würde sich Luise vielleicht selber helfen. Sie ist ja so selbständig.

Aber nichts da: Luise wollte Salbe. Und eine Decke. Und ihre Schmusehäschen, die sie im Bett vergessen hatte. Und weil Luise bei jedem Nein noch lauter brüllte, mussten „Meiner“ und ich alles für sie anschleppen. Irgendwie mussten wir dem Gebrüll ja ein Ende setzen, sonst würden bald auch noch Karlsson und der FeuerwehrRitterRömerPirat auf der Matte stehen, ja, am Ende vielleicht noch meine Mutter, die uns armen geplagten Eltern zu Hilfe eilen würde. Nun, soweit kam es nicht, denn  irgendwann hatte sich Luise in den Schlaf gebrüllt, worauf das Prinzchen, das durch die plötzliche Ruhe aufgeschreckt war, wieder zu brüllen anfing. Aber auch er schlief später erschöpft ein und „Meiner“ und ich hatten für den Rest der Nachts nichts weiteres zu tun, als zu verhindern, dass sich der Zoowärter vollkommen quer legte im Bett und damit beide Elternteile aus dem Bett drängte. Fast ein wenig langweilig für uns alte Hasen, dieser zweite Teil der schlaflosen Nacht.

Aber natürlich wurden wir für die mangelnde Herausforderung fürstlich entschädigt: Am Morgen hatten wir gleich drei wunderbar schlecht gelaunte und unausgeschlafene Kinder, die ihr Bestes dazu taten, ihren wunderbar unausgeschlafenen Eltern den Start in den Tag zu vermiesen. So langsam rückt der Meistertitel vielleicht doch in greifbare Nähe…

Lange nicht gesehen

Was fragt man eine Frau, die man viele Jahre nicht gesehen hat, die man früher mal gut gekannt hat, über deren aktuelles Leben man aber lediglich weiss, dass sie mehr Kinder hat als der Durchschnittsschweizer? –  „Wie viele sind’s?“
Was fragt man danach? –  „Wo wohnt denn eigentlich deine Schwester?“
Und die nächste Frage? – „Wie viele Kinder hat sie jetzt?“
Und die Frage danach? – „Was macht sie beruflich, deine Schwester?“
Und dann? – „Dein Bruder soll ja beruflich aufgestiegen sein. Wie geht’s ihm denn so?“
Und die abschliessende Frage? – „Ach ja, und dein anderer Bruder, was macht der? Geht’s ihm gut?“

Viele Fragen, noch viele viele mehr, als ich hier protokolliert habe. Aber nicht eine einzige Frage bezieht sich auf die Person, mit der man spricht. Doch was sollte man diese schon fragen? Man weiss ja, dass sie fünf Kinder hat. Und was machen Frauen, die fünf Kinder haben, den lieben langen Tag?

Das Klischee erfüllen natürlich. Was denn sonst?

Peanut-Butter-Desaster

Zum krönenden Abschluss meines Rückfalls in die pubertäre Phase hätte es heute zum Abendessen gebratene Peanut Butter-Bananen-Sandwiches geben sollen. Mit weissem Toastbrot. Wenn schon Trash, dann richtig. Weil aber jemand – ich war es diesmal bestimmt nicht – die ganze Erdnussbutter aufgegessen hatte, musste sofort Nachschub her. Das ist bei uns Teenagern ja so: Wenn wir etwas haben wollen, dann jetzt gleich, koste es, was es wolle. Also das Prinzchen und den Zoowärter ausgehfertig gemacht und ab in die Migros. Auf einen Einkaufswagen verzichten wir. Wir brauchen ja nur Peanut Butter. Und lactosefreie Prinzchen-Milch. Und Toastbrot. Und und und.

Irgendwann wird es schwierig mit dem Prinzchen auf dem Arm und dem viel zu schweren Einkaufskorb in der Hand. Erst recht, als ich versuche, die Einkäufe in die Papiertasche zu stopfen, ohne dabei das Prinzchen, das sich inzwischen aus meinen Armen entwunden hat, aus den Augen zu verlieren. Als dann noch der Zoowärter davonrennt, verliere ich die Contenance und beginne lauthals zu schimpfen. Ich schnappe mir das Prinzchen und die Einkaufstasche und versuche, dem Zoowärter hinterherzurennen. Ja, ich weiss, das macht man nicht, sonst rennt er erst recht weiter. Aber was soll ich denn tun, wenn er der Strasse schon gefährlich nahe ist? Nun, lange kann ich ohnehin nicht rennen, denn die Papiertasche gibt ihren Geist auf und das Erdnussbutterglas liegt in tausend Scherben auf dem Fussboden.

Wäre ich ein echter Teenager, ich würde mich wohl sofort aus dem Staub machen und danach überall damit prahlen, wie kaltblütig ich doch sei. Aber unter Stress kommt das wahre Ich wieder ans Licht: Die verantwortungsvolle, brave und vor allem vorbildliche Mama verlangt natürlich sofort einen Besen und beseitigt die ganze Sauerei. Irgendwie war pubertieren früher einfacher.

Sturmfreie Bude

Genau so fühle ich mich momentan: Wie ein Teenager, der eine sturmfreie Bude hat. Tagelang keine Wäsche gewaschen, – hatte keine Zeit, weil ich mit Freundinnen quatschen musste – das Bett nicht gemacht, das schmutzige Geschirr türmt sich in der Küche und die Post landet ungeöffnet in irgend einer Ecke der Wohnung. Zum Frühstück gibt’s Cola Light mit Weissbrot und keiner schimpft mit mir, denn der Zoowärter weiss noch nicht, dass man keine Cola zum Frühstück trinkt und Karlsson, der mir ganz bestimmt eine Standpauke halten würde, ist nicht zu Hause. Am Morgen bleibe ich so lange im Bett liegen bis mir das Prinzchen vorwurfsvolle Blicke zuwirft und wenn ich mich umziehe, lasse ich die Kleider achtlos liegen und stolpere hundertmal darüber. Fände ich fernsehen nicht unsäglich doof, ich würde meine Pasta mit Mayonnaise wohl vor dem Fernseher essen. So aber lese ich mein neuestes Nigella Lawson-Kochbuch, währenddem ich mich mit Junk Food begnüge. Okay, meine fünf Portionen Früchte und Gemüse müssen dennoch sein, so weit über meinen Schatten springen kann ich nicht mal jetzt, wo ich einen Rückfall in mein Leben als Vierzehnjährige durchmache.

Genau wie damals, als die Eltern verreist waren und wir zu Hause tun und lassen konnten, was wir wollten, steht am Ende der grossen Freiheit die grosse Putzaktion. Obschon ich den Akt des Putzens noch immer so sehr hasse wie damals, Ordnung und Sauberkeit  habe ich zu lieben gelernt. Man sieht also: Auch ich habe mich weiterentwickelt. Und noch etwas anderes hat sich verändert: Während ich früher die grosse Freiheit gerne noch viel länger genossen hätte und ich die Heimkehr meiner Eltern gerne noch etwas hinausgezögert hätte, so kann ich es heute kaum mehr erwarten, bis „Meiner“ und die drei grossen Kinder wieder zu Hause sind. Und weil ich nicht will, dass „Meiner“ gleich wieder Kehrt macht, wenn er das Chaos sieht, mache ich jetzt endlich meine Drohungen wahr, nehme den Putzlappen zur Hand und spiele perfekte Hausfrau. Mal schauen, ob ich die Rolle noch überzeugend hinkriege…

Wahlfreiheit

Heute habe ich die Wahl. Ich kann zum Beispiel meinem beinahe unwiderstehlichen inneren Drang nachgeben, die Wohnung aufzuräumen und zu putzen. Das muss man sich mal vorstellen: Ich bin der Meinung, dass heute unbedingt geputzt werden sollte. Das bedeutet also, dass  das Chaos bei uns momentan so schlimm ist, dass es sogar mich stört. Was wiederum bedeutet, dass spontane Besuche bei Vendittis heute nicht angebracht sind. Sonst muss man beim Aufräumen helfen, bevor man sich setzen kann.

Ich kann heute aber auch das Chaos einmal mehr ignorieren und mich auf den Weg machen, um „Meinem“ im Klassenlager beizustehen. Ich kann die restlichen Esswaren für die Schüler einkaufen, die Küche einräumen, die Tomatensauce stundenlang köcheln lassen, die Schüler von „Meinem“ kennen lernen. Die Sache hat bloss einen Haken: „Meiner“ hat sich diesmal geweigert, auf meinen Rat zu hören und hat ein Pfadfinderheim gemietet. Nun habe ich ja nichts gegen Pfadfinder, sie leisten viele wertvolle Dienste. Aber wenn ich das Wort „Pfadfinderheim“ nur schon höre, bekomme ich einen Asthmaanfall. Deshalb zögere ich den Moment, bis ich die Schwelle des Gebäudes tatsächlich überschreiten werde, so lange hinaus wie nur möglich. Und nehme schon mal präventiv Cortison ein.

Man sieht also, meine Optionen für den heutigen Tag sind nicht gerade glänzend. Was mich zu einer dritten Möglichkeit führt: Ich glaube, ich verkrieche mich ins Bett und ziehe mir die Decke über den Kopf. Die Kinder können ja derweilen aufräumen…