Ich glaube, ich seh‘ nicht recht

Ostersamstag im Getränkemarkt. Vor uns an der Kasse zwei junge Männer, wohl vor gerade mal fünf Minuten volljährig geworden. Sie kaufen eine riesige Flasche „Jack Daniel’s“, die Grösste, die es im Laden zu kaufen gibt. Dazu noch eine riesige Flasche „Ballantine’s“ und dann noch ein paar weitere Flaschen. (Wo nehmen die bloss all das Geld her?) Der jüngere der jungen Männer – er muss noch den Ausweis zeigen, so grün ist er noch hinter den Ohren – bezahlt und bestellt das, was er fürs Osterfest einkauft, auch noch für nächsten Donnerstag. Hinter uns an der Kasse dann der junge Mann, wie er in ein paar Jahren aussehen wird, wenn er so weitersäuft: Ein älterer Mann mit blutunterlaufenen Augen, Bierbauch, wankendem Gang und einen Einkaufswagen voller Bierdosen. Und daneben ein junges Ehepaar mit zwei hübschen kleinen Mädchen und einem Einkaufswagen voll mit kleineren und grösseren Schnapsflaschen. Dazwischen Karlsson und Luise, die es nicht fassen können, dass die Menschen so viel Alkohol kaufen.

Zwei Stunden später im Café neben dem Spielplatz. Da sitzt eine Frau, den schwangeren Bauch so dick, dass ich meine, die Bewegungen des Kindes von Weitem sehen zu können. Genüsslich zieht die werdende Mama an ihrer Zigarette. Zwei Tischchen weiter ein moderner Papa, ebenfalls mit Zigarette und zwar exakt auf Kopfhöhe seines Babys, das neugierig aus dem Wagen schaut. Und ein paar Schritte weiter eine Mama, die ihrem Kind auf dem Spielgerät Schub gibt, auch sie mit Zigarette genau auf Kopfhöhe ihres Kindes.

Ich will ja nicht alles verteufeln – auch wir habe für unsere  Gäste heute Wein gekauft –  aber zuweilen finde ich es schon bedenklich, was Kinder von (Halb)Erwachsenen lernen.

Ach, wie ich mich freu‘!

Was wäre ein Frühling ohne Baumaschinen, klaffende Löcher in den Strassen, rot-weisse Abschrankungen und den unvergesslichen Sound eines Presslufthammers? Das gehört doch einfach dazu, nicht wahr? Dieses Jahr sah es lange danach aus, als müssten wir ohne die obligate Baustelle in der Nachbarschaft auskommen, doch heute brachte der Pöstler endlich den erlösenden Brief: Wir bekommen eine Baustelle. Zwar nicht direkt vor dem Haus, aber immerhin in der nächsten Strasse. Zuerst war ich ja ein wenig enttäuscht. Immer dürfen die anderen den ganzen Spass haben und wir müssen zuschauen. Aber dann habe ich den Brief gelesen und was die da versprechen, stimmt mich wieder fröhlich: Die Zufahrt zu unserer Liegenschaft wird erschwert, ja, sie ist gar zum grössten Teil „nicht gewährleistet“, vor allem nicht während der „regulären Arbeitszeit“. Deshalb werden wir gebeten, unser Auto ausserhalb der Baustelle abzustellen. Das wird ein Spass, wenn ich die Wocheneinkäufe durchs halbe Dorf schleppen darf! Endlich muss ich nicht mehr auf den Hometrainer.

Aber das ist noch nicht alles, wir bekommen noch mehr: „Während dem Belagseinbau“ – Was bitte sehr ist hier mit dem Genitiv schief gelaufen? – also eben „Während dem Belagseinbau ist die Strasse für einen Tag und die darauf folgende Nacht für den rollenden Verkehr total gesperrt.“ Und das ist noch nicht alles, wir werden in diesem Jahr so richtig verwöhnt, denn das Ganze dauert „maximal drei Monate“. Das wird ein Traumfrühling!

Nur Eines enttäuscht mich: Die Kehrichtsäcke und die Grünabfallcontainer darf ich wie gewohnt vor unserem Haus deponieren, die Bauarbeiter werden sie dann zu einer geeigneten Stelle transportieren. Dabei habe ich mich doch so darauf gefreut, die bis oben mit schmutzigen Windeln gefüllten Säcke durchs Quartier zu schleppen. Aber bei Reklamationen darf ich mich ja direkt an den Bauführer Herrn Hochstrasser wenden, steht im Brief. Herr Hochstrasser wird bestimmt dafür sorgen, dass ich das All-inclusive-Programm bekomme, wenn ich ihn ganz nett darum bitte.

Mamas Sohn

Heute hat das Prinzchen ein für alle Mal klargestellt, welcher Mutter Sohn er ist: Nachdem er sich, wie jeden Tag, entnervt die Socken von den Füsschen gerissen hatte, nahm er die lästigen Dinger, marschierte zum Abfallkübel und entsorgte sie. Recht hat er! Wer braucht denn schon Socken?

Ausgrabungen

Als ich vor etwas mehr als zwei Jahren zu bloggen anfing, – Gab es überhaupt ein Leben vor dem Blog? –  schrieb ich in meinem ersten Post den folgenden Satz: „So läuft die besagte Mutter durch die Welt und schreibt, jedoch immer nur im Kopf. Und wenn dann abends endlich Ruhe ist, sind die Sätze weg. Verschwunden unter Wäschebergen, ersoffen im Putzkessel, zu Boden getrampelt von vier Paar hinreissend schönen, aber gegenüber mütterlichen Gedanken äusserst unsensiblen Kinderfüssen.“ Damals hatte ich geglaubt, einzig mein Schreiben habe unter meinem Dasein als Hausfrau gelitten. Das Schreiben habe ich inzwischen wieder zurückerobert, aber als ich neulich mal wieder in den Wäschebergen zu graben anfing und im Putzkessel fischte, kamen da noch ein paar andere Dinge hervor, die ich schon längst verloren geglaubt hatte. Zum Beispiel meine Leidenschaft für das Backen. Vor lauter unangenehmen Haushaltspflichten hatte ich ganz vergessen, wie überaus befriedigend es ist, irgend ein kompliziertes Rezept hervorzukramen und zu testen, wie das Zeug schmeckt. Und plötzlich folgt auf einen schlecht gelaunten Plunderteig ein äusserst gut gelaunter Plunderteig. Und weil man gerade so schön in Schwung ist, kann man ja die Brötchen für die „Sloppy Joes“ auch gleich selber backen.

Etwas anderes habe ich auch wieder gefunden: Diese unglaubliche Zufriedenheit, die man verspürt, wenn man sich so richtig viel Zeit für die Kinder nehmen kann. Wenn es nichts ausmacht, dass das Prinzchen auch nach zehn Mal „Joggeli, chasch au riite“ (Für diejenigen, die den Joggeli nicht kennen: so ähnlich wie „Hoppe Hoppe Reiter“) nach mehr verlangt. Wenn man dem Zoowärter das Bilderbuch auch noch ein zweites Mal erzählen kann. Wenn man sich freut, dass der FeuerwehrRitterRömerPirat noch ein wenig mehr über die Römer erfahren will. Wenn es durchaus drinliegt, mit Luise auch noch beim neugeborenen Fohlen vorbeizuschauen. Wenn Karlsson ausführlich vom neusten Geolino-Bericht erzählen darf, ohne dass man ihn unterbrechen muss. Wenn man die schönen Seiten des Familienlebens wieder geniessen kann.

Dann habe ich noch ein paar Dinge gefunden, von denen ich kaum mehr wusste, wie man sie nannte. Lachen, zum Beispiel. Oder Unverkrampftheit. Oder Experimentierfreude. So viel Lebensfreude lag unter den Wäschebergen verschüttet, so viel Lebensqualität war im Putzkessel ertsoffen und das alles, weil ich zu lange geglaubt hatte, dass ich als Mutter zugleich auch Hausfrau sein müsse. Weil ich mich zu lange dagegen gesperrt hatte, eine Putzfrau einzustellen, ein wenig Geld in ein Au-Pair zu investieren. Weil ich nicht den Mut hatte, dazu zu stehen, dass ich mit Ausnahme von kochen, backen, einkaufen und Wäsche aufhängen sämtliche Hausarbeit nicht nur so ein kleines bisschen doof finde, sondern aus tiefstem Herzen hasse. Wie viele Ausraster hätte ich mir ersparen können, wenn ich mich von Wäschebergen und schmutzigen Toiletten nicht so sehr hätte stressen lassen? Wie viele  Bilderbücher habe ich nicht erzählt, wie viele Lider nicht vorgesungen, wie viele Sorgen nicht wahrgenommen? Wie oft habe ich nicht gelacht über ein aberwitzige Situation, weil ich schon wieder ans Aufräumen danach dachte? Wenn ich zurückschaue und sehe, wie sehr meine Abscheu für die Hausarbeit unser Familienleben belastet hat, dann könnte ich mich selber ohrfeigen dafür, dass ich nicht früher eine Veränderung in die Wege geleitet habe.

Hinschauen?

Täglich spazieren hunderte von Kindern an unserem Haus vorbei. Sie lachen, erzählen einander Witze, spielen Fangen und manchmal geraten sie sich auch in die Haare. Völlig normale Kinder, ziemlich glücklich, ziemlich wohlbehütet. Denkt man. Doch sobald man genauer hinschaut, merkt man, dass der Schein trügt. Man hört Geschichten von Kindern, die zu Hause brutal geschlagen werden. Kinder, die tagtäglich an unserem Haus vorbeigehen, nicht Kinder, die irgendwo im fernen Indien leben. Man weiss, dass einige Kinder zu brutalen Schlägern mutieren, sobald man sie reizt. Kinder, die tagtäglich an unserem Haus vorbeigehen, nicht Kinder, die irgendwo in einem der verrufeneren Viertel Zürichs leben. Man sieht einige dieser Kinder, wie sie Mittag für Mittag alleine auf der Strasse sind und viel zu früh auf dem Schulhof herumlungern. Kinder, die tagtäglich an unserem Haus vorbeigehen, nicht Kinder, die irgendwo in einer anonymen Hochhaussiedlung leben.

Muss man da hinschauen? Darf man wegschauen? Ich weiss es nicht. Ich weiss nur, dass ich nicht wegschauen kann, auch wenn ich es manchmal tun möchte, denn was ich sehe, beunruhigt mich zutiefst. Je mehr Kinder ich habe, umso mehr geht es mir zu Herzen, wenn Kinder nicht Kinder sein dürfen. Je länger ich Mutter bin, umso mehr nagt es an mir, dass so viele kleine Menschen in derart ungesundem Boden verwurzelt sind, dass schon heute klar ist, dass daraus keine gesunden grossen Menschen werden können. Es sei denn, es nehme sich jemand ihrer an. Doch wer? Ich? Habe ich nicht schon genug eigene Kinder für die ich zu sorgen habe? Kann man überhaupt helfen, oder ist es dazu bereits zu spät? Ist es nicht purer Idealismus, zu glauben, dass man etwas bewirken kann, wo so Vieles schief läuft?

Ich habe keine Antworten auf diese Fragen. Ansätze ja, aber keine endgültige Klarheit. Eines aber weiss ich: Die Banalität des Alltags raubt so viel Energie, dass es zuweilen schwierig ist, überhaupt noch Kraft zu finden, weiter zu blicken als über den eigenen Tellerrand hinaus. Heute zum Beispiel habe ich erfahren, dass nach einem Monat Wartezeit zwar das Ersatzteil für meinen Staubsauger geliefert worden ist, dass da aber noch zwei weitere Ersatzteile fehlen, die ich dann in ein paar Wochen abholen darf. Und schon wieder gehen zwei Vormittage, die man für das Wohlergehen von Menschen – auch von Menschen in der eigenen Familie, übrigens –  einsetzen könnte, für das Wohlergehen der Haushaltgeräte drauf. Da stimmt doch etwas nicht, oder?

Ganz nach meinem Geschmack?

Gestern war ein Tag ganz nach meinem Geschmack und das meine ich für einmal nicht ironisch, auch wenn ich zwischendurch aus meiner Haut hätte fahren können. Der Tag fing damit an, dass ich Schokoladenmuffins mit Schlagrahm, Schokostreuseln und kandierten Kirschen dekorierte, gleichzeitig das Frühstück servierte, die Kinder in die Kleider steckte und mir selber einen Latte Macchiato genehmigte. Wie? Es soll nicht möglich sein, so viel auf einmal zu tun? Aber klar ist das möglich, man muss nur laut genug herumbrüllen, wenn die Schlagsahne auf dem Prinzchen landet anstatt auf dem Muffin. So abwechslungsreich wie die erste Stunde des Tages ging es dann weiter: Besprechung, Geschichten erzählen, ein Anruf beim Lebensmittelinspektorat, wo ich äusserst zuvorkommend behandelt wurde, ein Anruf bei der Motorfahrzeugkontrolle, wo ich äusserst herablassend behandelt wurde, Prinzchen und Zoowärter knuddeln, Essen kochen, Luise bei den Hausaufgaben helfen, E-Mails beantworten, Slackline in den Garten schleppen und so tun, als ob ich sie aufbauen würde, ausrasten, weil die Slackline nicht einrasten will und zwischendurch drei wichtige Anrufe entgegennehmen, mit Karlsson quasseln, Dokumente bearbeiten, Windeln wechseln, wieder Essen kochen, noch einen wichtigen Anruf entgegennehmen, eine Besprechung mit „Meinem“, mit dem FeuerwehrRitterRömerPiraten das Lied von den Grenadieren singen, dann noch kurz ein wenig arbeiten und dann Feierabend.

So sieht für mich der perfekte Alltag aus, so liebe ich das Leben: Mal ausgelassenes, leidenschaftliches Leben teilen mit der Familie, dann wieder hochkonzentriertes Arbeiten an wichtigen Projekten, dazwischen ein ganz kleines bisschen Hausarbeit – so wenig wie möglich – und dann wieder Momente des Nachdenkens und Planens. So war mein Leben vor dem grossen Zusammenbruch und so konnte es über lange Zeit nicht mehr sein, weil ich nicht die Kraft dazu hatte. Doch so langsam fühle ich mich wieder fähig, solch turbulente Tage zu leben, ohne dabei auf dem Zahnfleisch zu gehen. Am Abend eines solchen Tages schwirren die Gedanken durch meinen Kopf, ich versuche, die einzelnen Bereiche zu ordnen, noch einmal durchzudenken und abzuschliessen.

Doch genau das mit dem Abschliessen wollte mir gestern Abend nicht gelingen. Immer wieder griff ich ein Thema auf, immer wieder wollte ich zur Ruhe kommen und juckte doch gleich wieder auf, um mir noch eine Notiz auf eines der zahlreichen Post-its die wieder in der Wohnung herumliegen, zu machen. Das Karussell meiner Gedanken drehte sich immer schneller und allmählich wurde mir schwindlig, zumindest in Gedanken. Da war es wieder, das Schwindelgefühl, das mich überfällt, wenn ich mir zu viel auflade, wenn ich so viele Fäden in der Hand halte, dass sie sich ineinander zu verwirren beginnen. Und mir wurde bewusst, dass diese Art von Alltag, so schön er auch ist, nicht wieder zum All-tag werden darf. Es sei denn, ich möchte irgendwann erneut zusammenbrechen.

Das tut weh

In der Schweiz hat mal wieder eine halbwegs prominente Frau ihren gut bezahlten Job geschmissen, weil ihr die Doppelbelastung von Familie und Beruf zu viel wurde und schon sind die Zeitungen voll von Berichten und Kommentaren zum Thema „Mutter & Burnout“. Ist doch gut, dass darüber geredet wird, sollte man denken. Aber was man dann liest, lässt einem die Galle hochkommen: „Jeder will Erfolg. Das aufpolierte Ego ist gefrässig und verlangt nach mehr. … Ändern Sie Ihr Leben. Vielleicht liegt der schnittige BMW nicht mehr drin oder die jährlichen Malediven-Ferien. …. Alle wollen alles haben…. Wer Burnout hat, ist ausgebrannt. Er bezahlt den Preis für das eigene Gehetz….“ Diese verbalen Ohrfeigen teilt nicht etwa ein konservativer Mann aus, nein, eine Journalistin fühlt sich dazu berufen, ihre Geschlechtsgenossinnen zu einem veränderten Leben aufzurufen.

Ich weiss, ich müsste über diesem Geschreibsel stehen, doch wenn ich solches lese, dann kommt der ganze Schmerz wieder hoch. Dann sehe ich mich wieder vor mir, wie ich stundenlang heulend aus dem Fenster starrte und in mir keinen Funken Kraft zum Weitergehen mehr fand. Nicht etwa, weil ich mir meinen BMW nicht mehr leisten konnte – welche Mama will denn schon einen BMW? – nein, weil ich mich vor lauter Schlafmangel und Schmerzen kaum mehr auf den Füssen halten konnte und von der Ärztin bloss zu hören bekam, ich sollte mich doch hin und wieder ein wenig hinlegen. Ich erinnere mich an die einsamen Waldspaziergänge, bei denen ich meine Not zum Himmel schrie. Nicht die Not, dass ich nicht auf die Malediven jetten konnte, sondern die Not, dass ich am Ende meiner Kräfte war und keine Hilfe bekommen konnte, weil ich „nicht berufstätig“ war und unser Budget eine bezahlte Hilfe nicht zuliess. Beim Lesen sehe ich auch die verzweifelten Gesichter ausgebrannter Freundinnen vor mir. Frauen, die wie ich, oft nicht wissen, wie sie wenigstens fünf Minuten am Tag entspannen können. Frauen, die sich nicht einfach eine Woche Wellness-Urlaub leisten können, wenn sie übermüdet sind. Frauen, die alles geben und ausser dem Lächeln ihrer Kinder und – wenn sie ganz viel Glück haben –  der Liebe ihres Ehemannes keinen Lohn bekommen. Und so überlebenswichtig die zwei Dinge auch sind, sie reichen nicht, um einen vor dem Ausbrennen zu schützen.

Die Gründe für das Ausbrennen sind bei jeder Frau anders: Finanzielle Engpässe (und zwar nicht, weil man auf die Malediven gereist ist und mit dem BMW herumkurvt), kranke Kinder, Verlust der Stelle, komplizierte Schwangerschaften, Krankheiten, Eheprobleme und was man sich sonst noch nie im Leben wünschen würde. Eines aber haben alle Frauen gemeinsam: Sie wollen nicht zu viel, sie geben zu viel.

PowerPoint-Blockade

Da bin ich doch eben erst frisch gestärkt aus dem Ländli nach Hause gekommen mit dem Gefühl, jetzt werde alles besser. Nun ja, ich wusste natürlich schon, dass nicht alles besser werden würde, aber immerhin war meine Schulterverspannung weg, die schwarzen Augenringe waren etwas verblasst, mein Optimismus war wieder aus der Versenkung aufgetaucht und, das Allerwichtigste, ich hatte den Anfang einer neuen Geschichte im Gepäck. Einfach so, aus dem Nichts, hatte mich im Ländli die Muse geküsst und ich war mir sicher, dass aus der Sache etwas werden könne.

Heute, nicht ganz sieben Wochen später, sind nicht bloss meine Schultern wieder verspannt und meine Augenringe wieder da, nein, auch die gute alte Schreibblockade hat sich wieder bei mir eingefunden. Hat sich einfach so, ganz frech, an meinen Bürotisch gesetzt, mich süss angelächelt und gesäuselt: „Da bin ich wieder! Hast du mich vermisst?“ „Habe ich nicht“, knurrte ich. „Verschwinde aus meinem Büro, aber sofort!“ „Aber aber, warum so unfreundlich?“, fragte mich die Schreibblockade mit unschuldigem Augenaufschlag. „Ich bin doch bloss gekommen, um dir zu helfen.“ „Du mir helfen? Ausgerechnet! Du hinderst mich bloss am Arbeiten, das ist alles.“ „Ich hindere dich überhaupt nicht am Arbeiten“, entgegnete die Schreibblockade, setzte sich mit geschäftiger Miene aufrecht hin, startete den Computer und öffnete das Dokument mit meiner angefangenen Geschichte. „Ich möchte mit dir über diesen Wörtersalat sprechen“, sagte sie abschätzig. „Das ist kein Wörtersalat“, setzte ich mich zur Wehr. „Das ist der Anfang meiner neuen Geschichte. Das wird eine ganz tolle Sache. Kannst mir glauben.“ „Ein Wörtersalat ist das und wenn du daraus eine Geschichte machen willst, dann fängst du am besten noch einmal von vorne an. Mit einer anderen Hauptperson, mit einem neuen Thema, einer anderen Geschichte. So wie das jetzt ist, kann und will das kein Mensch lesen.“ Mit hämischem Grinsen fing sie an, mir meinen Text vorzulesen. Zwischendurch lachte sie höhnisch, machte sich über meine Formulierungen lustig, mäkelte an Satzstellungen herum, die mir beim Schreiben ganz gut gefallen hatten und schliesslich, als sie fertig gelesen hatte, meinte sie: „Alles Quatsch ist das. Schmeiss das Zeug weg und hör auf mit dem Schreiben. Du kannst es einfach nicht und damit basta.“

Verdattert sass ich da und las meine Geschichte noch einmal durch. „Die ist ja tatsächlich unbrauchbar. Was soll ich bloss tun? Ich habe schon so viel Arbeit da reingesteckt und ich glaube auch, dass wirklich etwas werden könnte daraus.“ Verzweifelt schaute ich die Schreibblockade an. „Jetzt mach doch nicht so ein Gesicht“, munterte sie mich auf. Ich hab dir ja gesagt, dass ich dir helfen werde. Wenn du unbedingt darauf bestehst, dass du dich lächerlich machen willst, dann helfe ich dir selbstverständlich, das Zeug zu Ende zu bringen.“ „Aber wie willst du mir denn helfen? Die Sache ist hoffnungslos“, jammerte ich. „Jetzt setzt du dich mal schön artig an deinen Schreibtisch und machst ein paar PowerPoint Folien“, befahl die Schreibblockade. „PowerPoint Folien? Du spinnst ja wohl“, wandte ich entgeistert ein. „Ich will schreiben. Eine Geschichte erzählen. Ich will kein Projekt auf die Beine stellen und Investoren überzeugen.“ „Nun mach schon! Ein paar Folien, auf denen du darstellst, wer deine Hauptfigur beeinflusst, wo sie steht, wohin sie sich entwickelt, was aus ihr werden soll. Du wirst sehen, danach kannst du wieder schreiben wie im Ländli. Und ich verspreche dir: Wenn du die Folien machst, dann verschwinde ich wieder.“

Ich war zwar noch immer nicht überzeugt von den Methoden der Schreibblockade, doch da sie mir keine Ruhe liess, gab ich eben nach. Stellte Grafiken zusammen, die für niemanden einen Sinn ergeben, zog Pfeile, wo keine Pfeile hingehören, färbte Flächen in den scheusslichsten Farben ein und am Ende war da die erste PowerPoint-Präsentation meines Lebens. Immerhin etwas habe ich heute also gelernt. Die Schreibblockade aber sass noch immer hämisch grinsend an meinem Schreibtisch.

Schluss jetzt damit!

Da sich meine Halsschmerzen partout nicht entscheiden können, ob sie schlimmer oder besser werden wollen, habe ich auch keinen Grund, zum Arzt zu gehen – ich will ja nicht wieder meine Hypochonder-Nummer abziehen – und deshalb habe ich heute früh folgenden Entschluss gefasst: Ich bin wieder gesund! Basta! Klar, mein Schädel brummt noch immer, mir tut noch immer jeder Knochen weh, mein Appetit ist noch immer gleich null und mein Hals…, ach, ich wiederhole mich. Aber weil Luise am Sonntag Geburtstag hat und ich unbedingt mit Kuchenbacken beginnen sollte und weil es draussen Frühling ist, habe ich jetzt genug vom Kranksein und deshalb tue ich jetzt einfach so, als wäre ich wieder gesund. Ich kann ja dann wieder zusammenbrechen, wenn Luises Geburtstag vorbei ist…

Must-have

Wenn es um all die Gadgets geht, die der moderne Mensch haben „muss“, dann sind „Meiner“ und ich relativ bescheiden, zumindest in westlichen Augen. Unsere „Soundanlage“ besteht aus einem billigen CD-Player, den der FeuerwehrRitterRömerPirat zum letzten Geburtstag geschenkt bekommen hat und einem äääh, Dings… ääääh, wie heisst es nochmal, das kleine Ding mit den weissen Kopfhörern? Ach ja klar, iPod. Hat „Meiner“ mal geschenkt bekommen und seitdem er vor einiger Zeit endlich herausgefunden hat, wie man ihn in Betrieb nimmt, benützt er ihn manchmal, wenn er mein Gequatsche nicht mehr hören mag. Mobiltelefonisch bin ich zurzeit nicht erreichbar, da alles, was von meinem Handy übrig geblieben ist, der Chip ist, der darauf wartet, in ein neues Handy transplantiert zu werden. Das Handy von „Meinem“ ist ein vorsintflutliches Ding und ich meine jetzt wirklich vorsintflutlich. Man kann nicht mal fotografieren damit und demnächst wird das Museum für Kommunikation anfragen, ob sie dieses antike Stück in ihre Sammlung aufnehmen dürfen und dann werden wir reich. Unser Fernseher weiss noch nicht mal, dass es Flachbildschirme gibt, weil es die noch nicht gab, als er im Laden stand  und wenn wir „10 vor 10“ schauen, schimmert das Bild in der Ecke oben rechts so eigenartig grün. Sieht zuweilen richtig künstlerisch aus. Man sieht also: „Meiner“ und scheren uns einen Dreck darum, ob wir „in“ sind oder nicht.

Zumindest, was die Technik betrifft. Wenn es um die angesagten Krankheiten geht, dann gehören wir immer zu den Ersten, die dabei sein wollen. Ob Schweinegrippe, – war da mal was? – Magen-Darm-Grippe, Windpocken oder schlimme Erkältungen, wir kämpfen immer mit Ellbogen und Fusstritten darum, auch etwas davon abzukriegen. Und wir geben nicht auf, bevor wir eine Portion Krankheitserreger für uns haben ergattern können. Diesmal aber haben wir schon befürchtet, wir würden leer ausgehen. Seit Wochen schon stehen wir auf der Warteliste für die Scharlach-Epidemie, die gerade in der Region grassiert, aber nie wollte es klappen mit einer Ansteckung. So langsam begann ich mich zu sorgen: Was sollte bloss aus unserem Ruf als Trendsetter werden, wenn wir nicht mal einen Anflug von Scharlach unser Eigen nennen könnten? Werden wir dann schräg angeschaut im Kreise der Familien? Oder wird man uns bei der nächsten Krankheits-Runde überspringen, weil alle glauben, wir seien nicht mehr dabei?

Heute aber kann ich aufatmen: Meine Grippe scheint zwar langsam abzuklingen, doch mein Hals beginnt zu schmerzen. Halsschmerzen sind zwar nicht Scharlach, aber was nicht ist, kann ja noch werden und dann sind wir wieder dabei. Bevor die Seuche schon wieder out und eine andere in ist.