Dringend gesucht: Perlen

Immer die gleichen Geschichten, tagein tagaus. Schule. Haushalt. Liegengebliebene Arbeit. Schwiegermama. Einkaufen. Eine Zeit lang mag so ein Gehirn das ja aushalten, aber auf die Dauer wird das alles so langweilig, dass ich mir schon selbst nicht mehr zuhören mag. Höchste Zeit also für eine neue Herausforderung. Bloß, woher die Zeit nehmen, wenn die Tage schon übervoll sind mit den immer gleichen Geschichten? Wissen täte ich ja schon, was ich täte, um meinem Kopf wieder etwas Nahrung zu verschaffen, doch so, wie es derzeit aussieht, muss das noch warten.

Bleibt also noch Plan B: Lesen, lesen, lesen und zwar nicht den allzu leicht verdaulichen Fast Food, mit dem ich mich in den Kleinkinderjahren über Wasser gehalten habe, sondern Futter fürs Gehirn. Perlen also, anständig geschrieben, eine nicht ab der ersten Seite vorhersehbare Handlung, dick genug, dass man sich für ein paar Tage darin verlieren kann und wenn möglich auf Papier gedruckt. Um brauchbare Vorschläge wird an dieser Stelle ausdrücklich gebeten. 

prettyvenditti.jetzt

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Im Jahr geirrt?

Wir schreiben das Jahr 2015, Herr und Frau Venditti sitzen eines schönen Morgens am Esstisch und lesen die Tageszeitung. „Das musst du dir ansehen“, sagt er in die für Grossfamilienverhältnisse ungewöhnliche Stille. Sie seufzt ein wenig, denn sie möchte jetzt eigentlich gerne den Artikel über die Banlieues von Paris fertig lesen, doch weil sie die kurze Stunde der Ruhe nicht mit unnötigen Diskussionen um Störungen bei der Zeitungslektüre verderben will, hört sie zu, was „Ihrer“ über einen Frauenmorgen in einer Kirchgemeinde vorliest:

„Mit ihrem Staubsauger schwebt sie durch den Kirchensaal. Wie eine Putzfee, so leicht führt sie ihn über den Boden.“
oder:
„Das Putzen muss vom Kopf ins Gesäss gehen.“
oder:
„Putzwerkzeuge dürfen auch farbig bemalt und gestaltet werden (zum Beispiel ein Loch in einen Teil des Handschuhs schneiden, damit der Ehering zum Vorschein kommt, oder den Besen als Schiff bemalen).“
oder:
„Schlagen Sie bei der Hausarbeit keinen gereizten Ton an, sondern motivieren Sie Ihren Mann, Dinge sauber zu machen, die ihm Spass bereiten.“
oder:
„‚Wie viel Arbeit darf ich meinem Mann nach einer Arbeitswoche überhaupt zumuten?‘, fragt eine Besucherin.“
und noch viele andere Sätze ähnlichen Inhalts.

Erst einmal lachen Herr und Frau Venditti schallend über die Idee mit dem Ehering und dem Besen. Dann versuchen sie herauszufinden, ob die im Artikel genannte „Putzfee“ eine Stand-up-Comedienne war, doch offenbar war die Komik ganz und gar unfreiwillig. Darum überlegen sie sich, ob der Pöstler vielleicht fälschlicherweise eine Zeitung von 1954 in den Briefkasten gelegt hat, doch das Datum auf der Titelseite zeigt: Das Presseerzeugnis ist druckfrisch. Womit Herr und Frau Venditti nur noch die ernüchternde Feststellung bleibt, dass Frauen offenbar auch im Jahr 2015 in die Kirchensäle strömen, um sich sagen zu lassen, wie sie richtig putzen müssen. 

Na ja, etwas hat sich vielleicht schon geändert. Heute erfährt frau an einem solchen Morgen nicht nur, wie sie es richtig macht, sondern auch, wie sie die Drecksarbeit mit Lust erledigt. 

falling; prettyvenditti.jetzt

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Albtraum im Handyzeitalter

Zu unseren Zeiten war so ein Albtraum noch richtig furchteinflössend. Mit rasendem Herzen lag man schweissgebadet und stocksteif im Bett, flach atmend, damit das Böse, dem man im Traum begegnet war, einen nicht bemerken würde. Nachdem der schlimmste Schrecken vorbei war, begann man zu überlegen, ob man es wagen konnte, das schützende Bett zu verlassen, um die Eltern oder zumindest die ältere Schwester zu alarmieren. Zaghaft streckte man schliesslich den grossen Zeh unter der Bettdecke hervor, zog ihn aber wegen eines verdächtigen Geräusches im Gebälk sogleich wieder zurück. Alleine und verängstigt im Bett liegen zu bleiben erschien unerträglich, noch unerträglicher aber erschien der Gedanke, auf der Suche nach Trost durch den kalten, dunklen und von allerlei imaginären Schreckgestalten bevölkerten Flur zu tapsen. Also blieb man liegen, presste die Augen zu und sehnte den Schlaf herbei, der irgendwann wieder zurückkam, diesmal hoffentlich ohne albtraumhafte Begleitung. 

Heute geht sowas anders, zumindest, wenn man alt genug ist, ein Handy sein eigen zu nennen. Oder wenn man in der Nähe eines mit Handy ausgerüsteten Teenagers schläft. Dann läuft das so: Man wird durch den Albtraum aus dem Schlaf gerissen, greift zum Handy und alarmiert die Eltern, die sofort zwei Treppen hochgerannt kommen, um einen ins sichere Elternbett zu geleiten. Die bösen Geister sind vertrieben, der Schlaf kann zurückkommen. 

Jetzt muss es nur noch den Eltern gelingen, die Horrorszenarien, die sich wegen des Anrufs zu später Stunde vor ihren inneren Augen abgespielt haben, wieder zu vertreiben und die Nachtruhe ist gerettet. 

pasta e formaggio; prettyvenditti.jetzt

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Prinzchen goes pacifist

„Byte keynen Krieg“ – so lautet Prinzchens Antikriegsbotschaft, wenn man merkt, dass man von links unten nach links oben lesen muss und die zwei letzten Buchstaben zu interpretieren weiss. Ich würde sagen, unser Jüngster ist auf gutem Wege, die hoffentlich eines Tages wieder erwachende Friedensbewegung kreativ zu bereichern. Und nein, ich habe ihm das nicht diktiert, er hat bloss meine alten „Geo Epoche“ in die Finger gekriegt und der Fall war für ihn klar: Nie wieder Krieg!

Bitte entschuldige, mein Kind

In meinem Leben gibt es einen einzigen Erziehungsgrundsatz, den ich – wenn ich mich recht erinnere und nicht die absoluten Tiefstpunkte ausblende – von Anfang an bis heute konsequent durchziehe. Es ist der Grundsatz, der da lautet: Entschuldige dich bei deinem Kind, wenn du Mist gebaut hast und mach dir das zur Gewohnheit, bevor du fürchten musst, dein Gesicht zu verlieren, wenn du endlich damit anfängst. Noch vor Karlssons Geburt fasste ich diesen Entschluss, denn als impulsiver und ziemlich launenhafter Mensch ahnte ich, dass ich wohl das eine oder andere Mal meinen hohen Idealen der Kindererziehung untreu werden könnte. (Das war lange bevor ich wusste, wie gewieft so ein kleiner Mensch die richten Knöpfe bei mir drücken kann, um meine Impulsivität und Launenhaftigkeit zu ihrer vollen Entfaltung zu bringen.)

So sass ich dann also – lange bevor der kleine Mensch der schweizerdeutschen Sprache mächtig war – jeweils abends an seinem Bettchen und sagte Dinge wie: “ Es tut mir leid, dass ich vorhin so laut geworden bin, als du so lange geschrien hast. Ich weiss, du kannst nicht anders, aber ich sollte anders können. Nur gelingt es mir leider nicht immer, wenn ich übermüdet bin.“ Glaubt mir, manchmal fühlte ich mich ziemlich doof, einem zahnlos lächelnden Baby ein Geständnis abzulegen, aber ich zog das durch, auch als weitere Kinder hinzukamen und auch als die Kinder anfingen, aktiv und bewusst zu den Alltagskrisen beizutragen. Meine Entschuldigungsreden lauteten dann etwa so: „Hört mal, dass ich euch vorhin angebrüllt und auf eure Zimmer geschickt habe, war ungerecht. Klar, ihr wart laut, aber ihr habt nichts Falsches gemacht. Ich bin heute furchtbar schlecht drauf und habe das an euch ausgelassen. Bitte verzeiht mir.“ Zuweilen meldete sich in solchen Momenten eine leise Stimme zu Wort, die flüsterte: „Versagermama! Erst baust du Mist und dann machst du dich auch noch vor deinen Kindern  zur Schnecke“, aber ich habe gelernt, dieser Stimme nicht allzu viel Gehör zu schenken, weil sie in meinen Augen schlicht Unrecht hat. 

Warum mir das mit dem Entschuldigen so wichtig ist? Nun, zum einen, weil bei uns Fehler erlaubt sein sollen. Dann auch, weil ich der Meinung bin, Kinder sollten nicht Schuld auf sich nehmen müssen, die nicht die Ihre ist. Kinder neigen ja bekanntlich dazu, sich für Dinge verantwortlich zu fühlen, die ein anderer verbockt hat und darum finde ich es wichtig, klar und deutlich zu meinem Versagen zu stehen. (Dafür nehme ich mir auch die Freiheit heraus, klar und deutlich mit ihnen zu reden, wenn sie Mist gebaut haben, den sie mir in die Schuhe schieben wollen.) Zudem sollen sich unsere Kinder nicht rechthaberischen, unnachgiebigen Eltern ausgeliefert sehen, die nie zu ihren eigenen Fehlern stehen. Wie schmerzhaft es sein kann, wenn empfundenes Unrecht von Eltern beschönigt und gerecht geredet wird, habe ich in meiner Schwiegerfamilie mehr als genug erlebt. Schliesslich hoffte ich insgeheim natürlich auch, unseren Kindern würde ein „Tut mir leid, das habe ich verbockt“ leichter über die Lippen kommen, wenn ich mit gutem Beispiel vorangehe.

Es hat ein wenig gedauert, bis diese Hoffnung in Erfüllung gegangen ist, doch neulich bekam ich doch tatsächlich das Geständnis „Das war ich, Mama. Es tut mir leid. Kann ich es wieder in Ordnung bringen?“ zu hören, als „der andere“ mal wieder sein Unwesen getrieben hatte. Karlsson ist inzwischen gar richtig gut darin, sich bei uns zu entschuldigen, wenn er  – ganz nach der Art seiner Mama – wegen einer Kleinigkeit ausgerastet ist. Dass er inzwischen auch auswärts auf die üblichen Teenager-Ausreden* verzichtet und seiner Lehrerin unumwunden gesteht, er habe bei einer grösseren Arbeit Zeit vertrödelt und sei deshalb ins Hintertreffen geraten, erfüllt mich insgeheim mit Stolz. (Na ja, ich habe ihm zwar nahegelegt, doch immerhin das Wenige, das er bereits geleistet hat, vorzuweisen, damit die Lehrerin nicht denkt, er hätte gar nichts gemacht aber Karlsson fand, das sei unehrlich.) 

Sieht also fast danach aus, als beginne mein einziger konsequent durchgezogener Erziehungsgrundsatz erste Früchte zu tragen. Allzu laut jubeln darf ich aber noch nicht, denn der härteste Brocken liegt noch vor mir. Prinzchen ist nämlich so perfektionistisch veranlagt, dass er sich selber nicht mal Rechtschreibfehler verzeiht und dies, bevor er offiziell lesen und schreiben können muss. Könnte also ein wenig dauern, bis er sich sich selber Fehler zugesteht und noch eine Weile länger, bis er auch den Mut aufbringt, dazu zu stehen. 

* Zum Beispiel: „Mir ist die blaue Tinte ausgegangen, weil mein Hamster alle Patronen angefressen hat und ich konnte keine Ersatzpatronen kaufen, weil meine Mutter zum Mittagessen so mies gekocht hat, dass ich ganz geschwächt war und keine Kraft hatte, mich aufs Velo zu schwingen.“

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Lehrgespräche unter Brüdern

Mal lehrt das Prinzchen den Zoowärter…

Prinzchen: „Mist! Ich glaube, das war Make-up, was ich mir da gerade ins Gesicht geschmiert habe.“

Zoowärter: „Was denn?“

Prinzchen: „Na, das Zeug da aus dieser sonderbaren Flasche.“

Zoowärter: „Lass mich auch mal.“

Prinzchen: „Nein, lass es lieber bleiben, ich glaube, das ist wirklich Make-up.“

Zoowärter: „Was ist Make-up?“

Prinzchen: „Ach, irgend so eine Crème, mit der man Pickel und solche Sachen zudeckt.“

Zoowärter: „Hä?“

Prinzchen: „Also, das gehört Mama, du nimmst es wirklich besser nicht. Ich glaube, Luise braucht das manchmal auch.“

Und jetzt endlich glaubt der Zoowärter, dass er wohl tatsächlich lieber die Finger von dem Zeug lassen sollte.

…mal lehr der Zoowärter das Prinzchen:

Zoowärter: „Schliess mal die Augen. Nur die Augen, nicht die Ohren.“

Prinzchen schliesst gehorsam die Augen, nicht aber die Ohren.

Zoowärter: „Und jetzt hörst du ganz gut hin. Liegen die Töne, die ich auf dem Cello spiele, nahe beieinander oder nicht?“

Prinzchen: „Hä?“

Zoowärter: „Du musst gut zuhören und mir sagen, ob die zwei Töne nahe beieinander liegen.“

Prinzchen: „Hä?“

Zoowärter: „Mach mal die Augen auf. Siehst du, du musst mir sagen, ob die Saiten der Töne nahe beieinander sind oder nicht. Verstanden? Dann schliess die Augen.“

Prinzchen schliesst wieder die Augen, Zoowärter spielt zwei Töne.

Zoowärter: „Und? Liegen die Töne nahe beieinander?“

Prinzchen: „Ja.“

Zoowärter: „Nein, aber kannst du mir jetzt noch sagen, wie die Saiten heissen, die ich gespielt habe?“

Das Prinzchen kann nicht, denn der Zoowärter hat vergessen zu sagen, dass die Saiten unterschiedlich heissen. 

la dignità; prettyvenditti.jetzt

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Notfallgeplänkel

Gestern mal wieder sechs Stunden Notaufnahme. Der Warteraum voll mit keuchenden, blassen erschöpften Patienten, ein paar mit Herzproblemen, an meiner Seite die Schwiegermama, die in der Verwirrung des hohen Fiebers anderer Leute Cola austrinkt, dann noch ein oder zwei Bagatellfälle und eine Dame am Empfang, die sich vor lauter Kranken kaum mehr zu helfen weiss. Obschon immer mal wieder der eine oder andere tiefe Seufzer zu vernehmen ist, warten doch alle geduldig. Alle? Nein, natürlich nicht. Die Bagatellfälle belagern provokativ den Empfangsschalter, drängen zittrige, fiebernde Neuankömmlinge ab und verlangen alle paar Minuten lautstark nach dem Arzt, weil sie jetzt wirklich nicht mehr länger warten können, da es sonst zu Ende geht mit ihnen. 

Ich sitze da, beobachte das Treiben und denke einmal mehr: Gott sei Dank habe ich mich nie für eine Laufbahn im Gesundheitswesen entschieden. Müsste ich mich Tag für Tag mit solchen Menschen rumschlagen, würde ich sie wohl durchschütteln, bis sie wirklich Grund hätten, lautstark nach einem Arzt zu rufen. 

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Gluckenfreie Zone

Bei Luise hat die Glucke nichts zu melden, das weiss ich schon, lange und spüren tue ich es noch viel länger, vielleicht schon seit jenem Tag, an dem sie wie ein Champagnerkorken aus mir rausgeflogen kam und mit wachem Blick aus grossen, himmelblauen Augen den Gebärsaal inspizierte. Klar, auch Luise ist Sentimentalitäten gegenüber nicht ganz abgeneigt, aber den Zeitpunkt für solche Dinge bestimmt sie und dann sind wir gefälligst gemeinsam sentimental. Aber dass Mama einfach so ein wenig die Glucke loslässt, bloss weil Töchterchen für ein paar Tage ins Ski- oder Jungscharlager fährt, sowas geht bei Luise nicht. Und weil man bei so einer Glucke nie ganz sicher sein kann, ob sie nicht doch noch im dümmsten Moment angerannt kommt, tanzt Luise in den Tagen von der Abreise so gekonnt auf meinen Nerven rum, dass sie am Vorabend ganz vergnügt zu mir sagen kann: „Mama, bist du nicht froh, mich für ein paar Tage los zu werden?“ und offen gestanden wäre mir das eine oder andere Mal schon fast ein „Ja, eigentlich schon“ rausgerutscht. Dieses Verhalten bringt durchaus auch Vorteile mit sich, denn ist es Luise erst mal gelungen, die Glucke in ihre Schranken zu weisen, darf ich meine Tochter nicht nur zum Reisecar begleiten – etwas, was mir Karlsson nie erlaubt hätte -, ich darf sie sogar vor den Augen ihrer versammelten Schulklasse umarmen. 

Was Luise nicht weiss und was ich ihr auch ganz bestimmt nie sagen werde: Die Glucke ist sehr wohl dabei, wenn ich meine Tochter verabschiede, sie hält sich einfach so lange wie nötig still. „Du lässt zu, dass Luise mit einem Reisecar verreist?“, fragte sie heute früh ganz entsetzt. „Du weisst aber schon, was passieren kann, wenn so ein Chauffeur nicht richtig gut aufpasst?“

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Statistenrolle

Das Gefühl kenne ich noch bestens aus Baby- und Kleinkinderjahren: Die Ohnmacht, im eigenen Leben nur noch eine Statistenrolle zu spielen, der Frust, eigentlich nichts mehr zu melden zu haben, sondern einfach nur noch zu reagieren. Einziges Mittel, um mit diesen Ohnmachtsgefühlen fertig zu werden, war der Gedanke, dass wir uns das selber ausgesucht haben. „Wir haben Kinder gewollt und zwar mehr als eins, also Augen zu und durch, wenn immer möglich mit einem Lächeln auf den Lippen“, sagte ich wohl unzählige Male zu mir selber und auch wenn das nicht immer eine sofortige Wirkung zeigte, so half mir dieser Gedanke doch durch viele Tage und Nächte, die anders waren, als ich mir das eigentlich vorgestellt hatte. 

Wenn man mir heute am Telefon sagt: „Der Termin ist am Dienstagnachmittag, wir erwarten Sie um drei. Nein, es geht nicht ohne Sie, es muss jemand dabei sein, der Deutsch spricht“, dann kommen ganz ähnliche Gefühle wie damals auf. „Kann man denn einfach so über mich verfügen?“, grummle ich und weil sich Solches und Ähnliches mehrmals pro Woche so zuträgt, grummle ich viel. Sehr viel. Und dummerweise ist da kein „Wir haben es ja so gewollt…“, das mir hilft, die Sache zu nehmen, wie sie eben ist. Da ist höchstens ein „Was kann ich denn dafür, dass sie nie richtig Deutsch gelernt hat?“ oder ein „Nur, weil ich ihren Sohn geheiratet habe, heisst das noch lange nicht, dass das Spital mich herumkommandieren kann“ und manchmal auch ein „Warum ausgerechnet jetzt, wo die Kinder endlich aus dem Gröbsten raus sind?“ 

Diese Gedanken sind nicht nett, sie ändern auch nichts an der Lage und ich suche immer wieder brav nach Wegen, um doch einigermassen wohlwollend geben zu können, was man von mir erwartet. Dass diese Gedanken kommen, ist aber wohl ebenso unausweichlich wie die Ohnmachtsgefühle, die ich zuweilen empfand, als Luise über mehrere Jahre hinweg die Nacht zum Tag machte. 

rifiuti; prettyvenditti.jetzt

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ICH – WILL – ABER – JETZT!!!

Karlsson will ein neues Handy. Am besten schon vorgestern und natürlich das Beste, das derzeit auf dem Markt ist. Oder zumindest das Zweitbeste.

Luise will einen neuen Koffer. Sie braucht einen Skihelm, eine Skibrille und Skistöcke. Dann noch neue Finken. Und zwei Paar Handschuhe. Und neue Hosen. Und wenn sie das alles nicht jetzt gleich bekommt, zeigt sie uns, wie gut sie schon pubertieren kann. 

Der FeuerwehrRitterRömerPirat muss sein Taschengeld loswerden, bevor er es bekommen hat, denn Geld wird bekanntlich sehr schnell schlecht, wenn man es nicht rechtzeitig loswird. Und dann hat er noch ein oder zwei Bücher zugute. Einen Gutschein sollte er auch noch endlich einlösen, der liegt doch tatsächlich schon einige Wochen unberührt rum.

Der Zoowärter muss diesen Lego-Roboter haben. Vor drei Tagen noch wusste er nichts von dessen Existenz, aber jetzt kann er keine Stunde länger mehr ohne sein, sonst verliert er seine ganze Lebensfreude.

Das Prinzchen braucht einen Haufen Süssigkeiten. Nicht etwa, um sie jetzt zu essen, sondern um sie in den Kindergarten zu schleppen, wo die Kinder während der Fastenzeit alles Süsse, das sie bekommen, in ein Säcklein legen. An Ostern bekommen sie dann den ganzen Haufen zurück, aber weil Prinzchen eine Mutter hat, die nicht einfach so Süssigkeiten kauft, ist er der Einzige, der noch keinen anständigen Haufen beisammen hat. Mit dem staubtrockenen Caramel-Gebäck, das ihm der alte Nachbar jeweils zusteckt, lässt sich natürlich nicht auftrumpfen, also muss das Prinzchen jetzt ganz dringend auch mal etwas mehr Zuckerzeug haben. 

Und was will ich? Keine Ahnung. Bei dem andauernden „ICH WILL ABER JETZT!!!!“-Geschrei (nicht nur von Seiten der Kinder) kann ich meine eigenen Gedanken schon längst nicht mehr hören. 

azione; prettyvenditti.jetzt

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