Schreibblockade der anderen Art

Nicht meine Diagnose.

Nicht meine Krankheit.

Nicht mein Leben.

Nicht meine Geschichte.

Nicht meine Verwandtschaft, die alles noch viel komplizierter als nötig macht. 

Nicht meine Pläne für diese Schulferien, in denen wir gerade stecken.

Und doch so dominierend, dass kaum mehr Raum zum Schreiben bleibt. Weder im Kopf noch im Blog. 

prettyvenditti.jetzt

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Aufräumsamstag

Prinzchen sitzt fast den ganzen Tag im Zimmer und räumt auf. Na ja, unabhängige Beobachter würden eher sagen, er baue seine Legos zusammen, aber unabhängige Beobachter wissen eben nicht, dass für Prinzchen die Ordnung in der Legokiste anfängt. Ich weiss das zwar, finde aber trotzdem, die Schmutzwäsche müsse auch endlich aus dem Zimmer, das Bett brauche ein frisches Laken und der Abfall gehöre in den Sack. Nach einer kleinen Konfrontation erklärt sich das Prinzchen bereit, meinen Aufräumstil zu akzeptieren, was zur Folge hat, dass ich den ganzen Kram mache und er weiter mit Engelsgeduld seine Legokiste aufräumt. 

Für den Zoowärter geht aufräumen so: Alles, was rumliegt, wird in Schränke und Regale gestopft und danach knallt man sich provokativ mit einem „Lustigen Taschenbuch“ aufs Bett. Eine halbe Stunde später dann Sirenengeheul, weil der Papa – dieser Tyrann – der Meinung ist, Schmutzwäsche gehöre in den Wäschekorb, nicht in den Schrank und „Lustige Taschenbücher“ würden sich im Bücherregal besser machen als auf einem grossen Haufen unter dem Bett. 

Im Prinzip sieht der FeuerwehrRitterRömerPirat die Sache mit dem Aufräumen ganz ähnlich wie der Zoowärter, um nicht das Misstrauen seiner Eltern zu erwecken, gibt er aber vor, er wolle ganz dringend noch das Badezimmer putzen. Was a) zu einer Überschwemmung führt, weil er den Putzlappen nicht auswringt und b) nicht funktioniert, weil Papa ihm doch auf die Schliche kommt und der arme Junge nach dem Badezimmer noch einmal sein Zimmer machen muss. Höchste Zeit also, mal wieder den sterbenden Schwan zu geben.

Luise gibt sich top motiviert, wenn es ums Aufräumen geht. Sie weiss genau, wie ihr Zimmer aussehen soll, welche Deko sich gut machen würde, wie sie ihre Kleider auf der Stange aufhängen will, welches Möbelstück auch noch toll wäre, wie sie die Wände streichen möchte, wo das Bett besser stehen würde, auf welchem Regal ein Blumenstrauss oder eine Kerze hingehörte,… Wenn doch nur ihre Eltern endlich mal den ganzen Kram, der rumliegt, aufräumen würden, dann könnte sie loslegen und ihrem gestalterischen Talent Ausdruck verleihen. 

Karlsson hat sein Zimmer vor zwei Wochen perfekt aufgeräumt und sich geschworen, von nun an Ordnung zu halten. Das reicht. Jetzt kann er ganz getrost wieder alles zuwachsen lassen, bis man keinen Zentimeter Fussboden mehr sieht. Dafür aber erledigt er klaglos all die kleinen Aufträge im Haushalt, die „Meiner“ und ich ihm auftragen und philosophiert beim Binden der Altpapierbündel darüber, wie lächerlich es doch ist, dass seine Geschwister immer so ein Geschrei machen, wenn saubermachen angesagt ist.

„Meiner“ putzt, räumt auf, wechselt Lampen aus, kümmert sich um die Heizung, die schon wieder aussteigen will, räumt Schränke leer, treibt die Kinder an und moralisiert am laufenden Band, weil die anderen sechs Familienmitglieder einfach nicht so richtig mitmachen wollen bei seinem bevorzugten Samstagsprogramm.

Ich tue erst mal so, als würde ich putzen, dann aber fange ich an, mir die Rosinen aus dem grossen Aufräumkuchen zu picken: Noch schnell ein paar dringend benötigte Putzmittel kaufen, Wäsche aufhängen, Möbel polieren, Geschirrspüler ein- und ausräumen, Essen kochen für die übermüdete Putzmannschaft,… Weil dann aber nach und nach einer nach dem anderen aus dem Rennen um das sauberste Zimmer aussteigt, bleibt mir am Ende nichts anderes übrig, als mit „Meinem“ zusammen den ganzen Rest fertig zu machen. Er weiterhin hoch motiviert, ich hingegen in grosser Versuchung, auch mal die Nummer mit dem sterbenden Schwan zu probieren. Ob ich das so meisterhaft hinkriegen würde wie der FeuerwehrRitterRömerPirat?

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Familiengebilde

Jetzt verstehe ich, wie das gemeint ist, wenn es heisst, meistens seien es die Frauen, die einspringen, wenn Angehörige erkranken. Wenn aus dem Verdacht eine Diagnose wird, bleibt keine Zeit, nach weissen Flecken im Terminkalender des voll berufstätigen Sohnes zu suchen, dann muss jemand her, der flexibler ist, denn die medizinische Hilfe für Schwiegermama darf jetzt nicht warten. Klar lasse ich sofort alles Unnötige stehen und liegen, klar organisiere ich die unabdingbaren Alltagsangelegenheiten so, dass ich ausreichend Zeit habe, um Schwiegermama nicht nur zu begleiten, sondern auch wirklich für sie da zu sein. Die Kinder stecken klaglos zurück, kommen wenn’s sein muss auch bereitwillig mit, um sich im Wartezimmer zu langweilen. Das muss jetzt einfach sein, zum Nachdenken und vielleicht auch mal zum Stänkern ist dann wieder Zeit, wenn wir alle klarer sehen und mehr oder weniger abschätzen können, was da auf Schwiegermama und uns alle zukommt.

Und auch wenn in der Vergangenheit nicht immer alles rosig war zwischen Schwiegermama und mir, auch wenn mich beim Gedanken an die Zukunft zuweilen das nackte Grauen packt, so weiss ich doch: Ich muss nicht nur für sie da sein, ich will es auch.

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Wie ein schräger Traum

Es gibt Tage, die sind wie ein schräger Traum, der hinten und vorne keinen Sinn ergeben will. Tage, an denen sich eine absurde Situation an die andere reiht. Tage, an denen du dich fragst, wann denn endlich der Wecker sagt, dass dein Gehirn mal wieder völlig verrückt gespielt hat. 

Da ist zum Beispiel der epochale Streit mit „Meinem“, der mich dazu treibt, eine leere Tasse mit voller Wucht gegen den Türpfosten zu knallen und das Ding geht nicht kaputt, fällt einfach nahezu geräuschlos zu Boden. Dabei hätte ich doch genau dieses befriedigende Klirren gebraucht, um selber wieder auf den Boden zu kommen.

Oder dieser Moment kurz nachdem Mittagessen: Es klingelt an der Tür, „Meiner“ geht runter, ich höre, wie er sich mit jemandem unterhält und als er hochkommt, reicht er mir einen Prospekt. „Das war ein Herr Wagner“, sagt er. „Er würde sich gerne um unsere Heizung kümmern.“ Ich schaue mir die Fotos auf dem Prospekt an und antworte: „Das war nicht der Herr Wagner, das war Roger, der Klassenclown aus der Vierten. Den hab ich bestimmt seit fünfundzwanzig Jahren nicht mehr gesehen.“ „Meiner“ ruft den Herrn Wagner an: „Wissen Sie, dass Sie mit meiner Frau zur Schule gegangen sind?“ Nein, das weiss er nicht, aber er erinnert sich an mich und sagt, er hätte mir mal einen Schokokopf ins Gesicht gedrückt. Hat er das? Keine Ahnung, aber ich kann ihn dann ja fragen, wenn demnächst mal wieder die Heizung aussteigt. 

Etwas später steigt Zoowärters Geburtstagsparty, eine lärmende Kinderschar bevölkert das Wohnzimmer, nicht alle sind zufrieden mit dem Programm. Mit vereinten Kräften versuchen „Meiner“ und ich, die Kinder in Partystimmung zu versetzen. Erst, als ich „Grünes Ei mit Speck“ vorlese, bessert sich die Stimmung, warum auch immer. Im Flur geht das Telefon, als „Meiner“ zurückkommt, ist seine Partystimmung dahin. Eine Ärztin des Kantonsspitals war’s, Schwiegermamas Untersuchungsergebnisse sind besorgniserregend schlecht. Haben wir es kommen sehen? Irgendwie schon, aber wenn es im Raum steht, fragt man sich doch, woher das so plötzlich gekommen ist. Noch wissen wir nichts Genaues, aber das macht die Sache nicht einfacher, schon gar nicht, wenn man noch ein paar Geburtstagsgäste zum Lachen bringen sollte. 

Und noch immer hat der Wecker nicht geklingelt, der mir sagt, dass alles nur ein ziemlich schlecht zusammengefügter Traum war. 

salt; prettyvenditti.jetzt

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Paartag-Gedanken

Am Abend zuvor:

„Endlich mal wieder ein Tag zu zweit nach dem ganzen Stress der vergangenen Wochen.“ 

Heute im Morgengrauen:

„Ach wie schön! Kinderfrei!“

Kurz danach:

„Was motzt „Meiner“ jetzt schon wieder rum? Nicht aufregen, wir haben kinderfrei…“

Noch etwas später:

„Himmel, kann der nicht mal zuhören, wenn ich etwas sage?“

Nachdem die Kinder aus dem Haus sind:

„Jetzt fängt er auch noch an, Mails zu checken…“

Zwanzig Minuten später:

„Noch immer an den Mails…Und zuhören will er mir auch nicht…Und mit dem soll ich einen Tag weggehen…“

Zehn Minuten später:

„Er versteht mich ja überhaupt nicht mehr. Kommt davon, wenn man nie Zeit hat füreinander. Das kann ja heiter werden heute…“

Noch einmal fünf Minuten später:

„Interessiert er sich überhaupt noch für mich?“

Kurz vor der Abfahrt:

„Dann versuchen wir es halt. Aber ich hab nicht die geringste Lust zum Reden.“

Im Auto:

„Diese Fahrt wird endlos…“

Etwas später im Auto:

„Okay, ich glaube, er will wirklich wissen, was ich von dieser Sache halte. Na, dann rede ich eben doch…“

Nach halber Fahrt:

„Wie hat der mich bloss dazu gebracht, mein Innerstes nach aussen zu kehren? Vielleicht wird es heute doch nicht so schlecht.“

Kurz vor der Ankunft am Ziel:

„Habe ich jetzt tatsächlich gelacht über seinen Witz?“

Beim Aussteigen:

„Hmmmm, er nervt plötzlich gar nicht mehr.“

In der Sauna:

„Schon schön, jemanden an der Seite zu haben, vor dem man sich nicht zu verstellen braucht.“

Etwas später:

„Eigentlich doch ganz nett, so ein Tag zu zweit…“

Beim Mittagessen:

„Ach, ist das gemütlich…und wirklich schön, diese angeregte Unterhaltung.“

Am Nachmittag:

„Himmlisch, diese Ruhe…“

Am späten Nachmittag:

„Ich will jetzt eigentlich gar nicht nach Hause. Wir haben uns doch eben erst wieder gefunden.“

Auf der Heimfahrt:

„Das müssen wir unbedingt bald wieder tun. Was bin ich froh, dass wir einander haben.“ 

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Lesestoff

Zugegeben, ein wenig stolz bin ich ja schon, dass das Prinzchen sich selber lesen und schreiben beigebracht hat. Auch dass er schon jetzt äusserst besorgt ist um die richtige Rechtschreibung freut mich insgeheim – auch wenn ich ihm natürlich hundertmal versichere, er müsse sich nicht weiter grämen, weil er neulich „Eier“ mit Ä geschrieben hat, er habe noch ganz viel Zeit, das richtig zu lernen. Warum er sich aber zum Trainieren seiner Lesefertigkeiten aus unserem schier unbegrenzten Fundus an Lesestoff ausgerechnet die „Geo Epoche“ zum Thema 2. Weltkrieg schnappen musste, ist mir ein Rätsel. 

Na ja, immerhin liest er jetzt fehlerfrei: „Ende – Hitler tot“. 

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Kommt und besucht mal Barbamama

Es hat lange gedauert, bis ich zu dieser Erkenntnis gefunden habe, aber vielleicht wollte ich das Augenfällige einfach nicht wahr haben. Jetzt aber weiss ich es: Ich bin Barbamama – Mutter dieser wunderbar wandlungsfähigen Wesen -, die ausgesetzt worden ist, um mit einer Horde von ganz und gar inflexiblen Wesen unter einem Dach zu leben. Barbamama, die sich problemlos umformen kann, je nachdem, was gerade gefragt ist, ein knetmassenähnliches Wesen, ausgesetzt in einer Familie von ganz und gar starren Menschen. 

Barbamama windet am Kolumnen-Dienstag ihre Sätze um Karlssons Geplauder herum, wenn dieser ausnahmsweise erst später zur Schule muss und deshalb die geschwisterfreie Zeit mit ihr geniessen will. Sie schiebt den Wäscheberg hin und her und wieder zurück, weil die Gäste an „Meiners“ Vernissage einen Apéro geniessen sollen, die Planung aber nicht ganz geklappt hat. Sie vollführt einen kunstvollen Tanz durch die ganze Wohnung, um den Interviewpartner auf der anderen Seite der Telefonleitung vor dem Geplapper der kranken Luise zu schützen. Sorgsam baut sie ihre Termine um die Stundenpläne sämtlicher Familienmitglieder herum und sitzt am Ende doch mit Freundin und Zoowärter zu Hause am Kaffeetisch, weil sie das kranke Kind nicht mit in die Stadt schleppen kann. Ihre Arbeitstage zerstückelt sie in kleinstmögliche Portionen, weil immer irgend einer etwas hat, wenn sie eigentlich ungestört arbeiten möchte. Wenn es dann doch mal zu klappen scheint, ruft die Lehrerin an und meldet, das Bauchweh des FeuerwehrRitterRömerPiraten sei so schlimm, dass der Junge nach Hause kommen müsse und schon schlingt Barbamama ihre wendigen Arme um das arme Kind, anstatt mit den vier oder fünf Fingern, die sie zum Tippen braucht, in die Tasten zu hauen. Genau so kunstvoll, wie sie sich physisch an ihre Lieben anpasst, tut sie dies mit ihren Gedanken, die eigentlich lieber eine längst fertige Geschichte in schöne Sätze giessen möchten. Stattdessen beschäftigen sich Barbamamas Gehirnwindungen dann halt mit der Frage, wo Zoowärters Schuhe hinmarschiert sein könnten, wie „Meiner“ den Beamer anschliessen muss und warum Edith Piaf für Karlssons Ohren wunderschön, für fast alle anderen aber schier unerträglich klingt. Ja, zuweilen lässt sie sich sogar dazu hinreissen, das Transportmittel zu machen, wenn mal wieder einer zu faul ist, die eigenen Beine zu bewegen, um zur Trompetenstunde zu fahren und deshalb gerade spät genug behauptet, das Velo habe einen Plattfuss. 

Versteht mich nicht falsch, Barbamama fühlt sich ganz wohl bei dieser Horde, sie liebt sie sogar heiss und innig und sieht den Sinn jeder einzelnen Programmänderung durchaus ein. Sie hat auch nicht grundsätzlich etwas dagegen, spontan, wandlungsfähig und formbar zu sein. Manchmal wünschte sie sich einfach, es wäre nicht immer sie, die sich und ihr Programm den Plänen und Verpflichtungen der anderen entsprechend deformieren muss. Und manchmal fragt sie sich, wo denn eigentlich ihr rosaroter Barbapapa mit den sieben zu jeder Wandlung fähigen Kindern geblieben ist. 

barbapapa

Diese Ausländer…

Gestern mal wieder ein Gespräch beim Warten an der Kasse, wie es wohl so oft stattfindet in der Schweiz. Daran beteiligt: Eine Schweizerin älteren Semesters (ÄS), „Meiner“ (M) und ich (I). Nicht am Gespräch beteiligt, aber doch auch irgendwie dabei: Prinzchen, Zoowärter und FeuerwehrRitterRömerPirat, die ganz dringend ein wenig Taschengeld loswerden müssen und darum im Laden herumschwirren, der Zoowärter mit seinem ganzen Geburtstagsgeld in der Hand.

I: „Zoowärter, steck dein Geld in die Tasche. Sonst verlierst du es.“

M: „…oder jemand reisst es dir aus der Hand.“

ÄS: „Ja, pass auf. Man kann nie wissen. So, wie das heutzutage zu und her geht.“

I: „Tja, die Menschheit zeigt sich mal wieder von ihrer schlechtesten Seite…“

ÄS: „Früher war das also anders. Als ich in der Schule war, musste man noch keine Angst haben vor den Leuten. Da war es noch sicher.“

I: „Das glaube ich Ihnen…“

ÄS: „Heute, mit all diesen Ausländern ist man nirgendwo mehr sicher.“

M: „Ich bin auch so ein Ausländer.“

ÄS: „Es sind natürlich nicht alle schlecht. Aber die, die den ganzen Tag arbeiten und nicht zu ihren Kindern schauen…“

I: „…weil sie nicht genug Lohn bekommen, um ihre Familien durchzubringen…“

ÄS: „Ja, kann sein. Aber diese Albaner. Unmöglich. Lassen ihre Kinder bis nachts um zehn draussen rumrennen. Die kümmern sich nie um ihre Kinder und machen immer nur Probleme.“

M: „Ich bin schon ziemlich lange Lehrer. Wissen Sie, mit welchen Eltern ich am meisten Probleme habe? Mit den Schweizern.“

ÄS: „Man darf natürlich schon nicht alle in den gleichen Topf werfen. Meine Nichte heiratet ja jetzt auch einen Albaner. Ein flotter Kerl, wirklich. Es sind nicht alle schlecht, das stimmt. Aber diese Ausländer…“

Wann begreifen „Meiner“ und ich endlich, dass es nichts bringt, an der Kasse für eine differenzierte Sicht der Dinge zu missionieren?

fiori silenziosi

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Mittwochnachmittag

Kater Leone schleicht um den vom Mittagessen übrig gebliebenen Speck, währenddem Theoderich von Ravenna versucht, Luise den Unterschied zwischen Westgoten und Ostgoten zu erklären. „Meiner“ jubelt derweilen lauthals über ein paar kaputte Bilderrahmen, die seine Vorfreude auf die erste Fotoausstellung steigern, was mich dazu veranlasst, ihm den alten Hit „Du magst ja toll sein, aber im Moment gehst du mir nur noch auf den Geist und hör auf zu jammern, du hast es dir selber eingebrockt“ vorzutragen. Aus mir unerklärlichen Gründen gefällt ihm meine brillante Performance nicht, weshalb er mit il Cugino das Weite sucht. Natürlich setzen wir unser eheliches Turteln fort, bis die Tür hinter ihm ins Schloss fällt, denn solche einmaligen Momente sollte man geniessen. 

Später zähmt das Prinzchen ein paar Drachen, obschon heute eigentlich keine Flimmerkiste auf dem Tagesplan stünde. Ein Plan, der leider nicht eingehalten werden kann, weil der FeuerwehrRitterRömerPirat sich mit Grossmama nach Narnia aufmacht und da wäre es doch nicht fair, das Prinzchen alleine in der langweiligen Realität zu lassen. Wo doch sogar der Zoowärter für ein paar Stunden seinem selbst verschuldeten Hausaufgabeneldend entfliehen darf, um mit einem Freund Monster zu jagen oder so.

Weil Theoderich sich so grottenschlecht erklärt, zeichne ich auf dem Küchenboden kniend so etwas wie Europa, um Luise das mit den West- und Ostgoten zu veranschaulichen, aber sie sieht nur, dass der Stiefel von Italien ganz dringend Schnürsenkel braucht. Als die West- und Ostgoten samt Franken, Rätier, Alemannen und Langobarden dann doch endlich erledigt sind, eröffnet mir Luise, dass sie mit mir noch ein wenig in der Sprache der Angelsachsen zu parlieren gedenkt, was aber irgendwie nicht so richtig klappen will, weil Karlsson und der FeuerwehrRitterRömerPirat zur „My Heart Will Go On“-Konzertprobe müssen und vorher noch mit Nachbars darüber diskutiert werden muss, ob die Probe im oberen oder im unteren Schlagzeugraum stattfinden wird. Dazwischen ist noch ein wenig Empörung gefragt, weil es bei Karlsson im Turnunterricht einen Punkt gibt, wenn eine Sie einen Er mit dem Ball am Kopf trifft, umgekehrt aber nicht. Der Zoowärter, der inzwischen von der Monsterjagd zurückgekehrt ist, will sich seinem Hausaufgabenelend widmen, doch dieser aufsässige Lego-Kerl, den er gestern zum Geburtstag geschenkt bekommen hat, funkt andauernd dazwischen und kräht: „Wann machst du mir endlich meine Flügel fertig? Ich will fliegen!“ 

Irgendwann geht der Nachmittag in den Abend über; nachdem alle Bäuche gefüllt sind, zieht sich einer nach dem anderen zurück, der eine mit seinen Lego-Kerlen, der andere mit Narnia im Kopf, die Dritte hoffentlich mit Theoderich von Ravenna und nicht mit Whatsapp. „Meiner“ streut irgendwo noch ein paar Mehlschriften und auf mich wartet das Vergnügen, die Spuren dieses Tages zu verwischen, damit morgen wieder Platz ist für neue. 

Wobei, wenn ich mir’s recht überlege…ich lasse die Spuren lieber bis morgen früh bleiben und schmeisse mich in die Badewanne. Wäre doch schade, das ganze Chaos schon wieder zu beseitigen, wo doch so viel Familienleben nötig war, um es derart kunstvoll auf die ganze Wohnung zu verteilen. 

troppo da mangiare; prettyvenditti.jetzt

troppo da mangiare; prettyvenditti.jetzt

Seien wir doch (nicht immer so schrecklich) flexibel

Seitdem ich von zu Hause aus arbeite, bin ich zeitlich sehr flexibel. Viele Menschen in meinem Umfeld sind dies auch und manchmal kommen zwei von uns Flexiblen auf die Idee, uns zum Tee zu treffen. Das läuft dann so:

A: „Wir sollten uns mal zum Tee treffen.“

B: „Gute Idee, das sollten wir wirklich mal tun und zwar bald.“

A: „Ja, unbedingt bald.“

Zwei Wochen später:

B. „Du, wir sollten uns wirklich mal zum Tee treffen.“

A: „Oh ja, das machen wir.“

B: „Irgendwann in den nächsten Wochen.“

A: „Gut, ich melde mich. Ich kann’s mir eigentlich fast immer einrichten.“

B: „Ich auch.“

Drei Monate später: 

A: „Du, wir wollten uns doch mal zum Tee treffen.“

B: „Machen wir! Wann?“

A: „Ich bin flexibel.“

B: „Ich auch.“

A: „Schlag doch mal ein paar Termine vor.“

B: „Ich schau mir mal meinen Terminkalender an.“

Drei Wochen später:

B: „Also, hier meine Terminvorschläge. Mir geht’s eigentlich immer am Mittwochvormittag, am Donnerstagnachmittag oder am Freitag über Mittag. Ich könnte aber auch nächsten Samstag um fünf, am Montag ab zehn Uhr oder übernächsten Sonntag gegen Abend.“

A: „Danke! Ich schau mal, wann es mir geht.“

Vier Tage später:

A: „Hab‘ nachgeschaut. Wie wär’s mit nächstem Mittwoch?“

B: „Tut mir leid, Mittwochvormittag geht eigentlich immer, aber gestern habe ich Bescheid bekommen, dass ich Sitzung habe. Ausnahmsweise nur. Donnerstagnachmittag ist aber immer noch frei.“

A: „Donnerstag ist nicht gut nächste Woche. Sonst immer, aber nächsten Donnerstag muss ich zum Zahnarzt. Nehmen wir den Mittwoch in einer Woche? Der ginge mir auch noch.“

B: „Super, Mittwoch in einer Woche. Neun Uhr. Ich freu mich!“

A: „Ich auch!“

Zwei Tage später:

B: „Du, ich hab total vergessen, dass ich Mittwoch in einer Woche Besuch habe. Können wir eine Woche später?“

A: „Ja, prima, geht auch. Es bleibt bei neun Uhr?“

B: „Ja, übernächsten Mittwoch, neun Uhr. Perfekt!“ 

Übernächster Mittwoch, zwanzig vor neun:

A: „Du, können wir verschieben? Mein Jüngster ist gerade von der Schule nach Hause gekommen und kotzt sich die Seele aus dem Leib.“

B: „Oh je, der Arme. Wir suchen dann einen neuen Termin, wenn er wieder gesund ist. Wir sind ja flexibel.“

ufo; prettyvenditti.jetzt

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