Ist die Katze aus dem Haus…

…dann schauen sie Rosamunde Pilcher am Fernsehen,…
…lassen sich Pizza ins Haus liefern,…
…verpassen die Krippenspielprobe,…
…schmeissen am Sonntag Abfall in die Mulde,…
…essen Pommes Frites zum Mittagessen,…
…vergessen, WC-Papier zu kaufen…
und schieben eine ziemlich ruhige Kugel.

Aber was soll’s? Das Haus steht noch, sie scheinen alle gesund und glücklich zu sein und sie haben sogar die Wäsche weggeräumt. Es geht also auch ohne mich. Ein paar Tage lang.

Länger lieber nicht. Ich würde sie zu sehr vermissen. (Und sie mich hoffentlich auch.)

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Gastfreundschaft?

Meine liebe Gastgeberin

Ich gestehe es ganz offen: Ich habe im Bett getrunken. Cola Zero, um genau zu sein. Aus der 5 Deziliter Flasche, die ich neben mir auf der Matratze stehen hatte. „Wie kommen Sie auf die Idee, im Bett zu trinken?“, fragen Sie mich. Nun, es fällt mir nicht leicht, dies zu erklären, denn mit meiner Erklärung setze ich meinen Ruf, nie, aber auch wirklich gar nie zu frieren, aufs Spiel. Aber eine Erklärung muss ich Ihnen abgeben, denn sonst verzeihen Sie mir nie, dass das Zimmermädchen heute das Bett noch einmal hat machen müssen. Sie haben mir heute nach dem Frühstück ja klar und deutlich zu verstehen gegeben, dass so etwas nicht noch einmal vorkommen darf. Also, es war so:

Wie Sie sich vielleicht erinnern, stand gestern, als Sie mich in mein Zimmer führten, die Balkontüre sperrangelweit offen und es war saukalt im Zimmer. „Kein Problem“, sagten Sie, „ich drehe die Heizung voll auf, dann wird es schnell wieder warm.“ „Machen Sie sich nichts draus“, sagte ich, als ich sah, wie peinlich Ihnen dieser Sache war, „Ich friere nie.“ Darauf drehten Sie die Heizung auf und ich machte mich in der Stadt auf Nahrungssuche. Als ich zurückkam, war es noch immer saukalt im Zimmer, obschon die Heizung zufrieden surrende Geräusche von sich gab. Ich ging also noch einmal in die Stadt, was nicht weiter schlimm war, denn ich hatte ohnehin vergessen, Zahnpaste zu kaufen. Leider herrschten danach noch immer arktische Temperaturen im Zimmer, aber ich wollte jetzt schreiben, stricken und später vielleicht einen englischen Kostümschinken schauen, also blieb ich, zog mir ein Paar warme Bettsocken, Pulswärmer und meine Jacke über, kochte mir einen Kaffee und machte mich an die Arbeit. Leider musste ich bald einmal feststellen, dass all dies nicht ausreichte und dass ich unter gewissen Bedingungen durchaus in der Lage bin, zu frieren.

Ich hatte also gar keine andere Wahl, als mich in voller Montur unter die warme Bettdecke zu verkriechen, was ich anfangs brav am Tisch tat. Aber sehen Sie, liebe Gastgeberin, tippen mit Daunenduvet über den Schultern ist nicht ganz einfach und auch nicht ganz ungefährlich, wenn man neben den Computer als zusätzliche Wärmequelle eine brennende Duftkerze steh… oh Mist, davon wollte ich Ihnen ja gar nichts erzählen. Sonst schimpfen Sie mich morgen beim Frühstück wieder aus. Vergessen Sie also bitte die Duftkerze ganz schnell wieder… Also, wie gesagt, tippen mit Daunenduvet über den Schultern ging schlecht, also zog  ich mich mit allem, was ich anhatte, in mein Bett zurück und dort wurde mir endlich so angenehm warm, dass ich wieder daran denken konnte, meinem Körper Flüssigkeit, die nicht siedend heiss ist, zuzuführen. Und da ist es eben passiert mir dem Cola-Fleck auf dem Leintuch.

Ich flehe Sie auf den Knien an, mir diesen Fehltritt zu verzeihen und wo wir schon bei den Fehltritten sind, verspreche ich Ihnen hoch und heilig, morgen beim Frühstück kein einziges Tröpfchen Milch zu verschütten. Ich weiss, anständige Menschen verschütten keine Milch, aber wissen Sie, mit halbgefrorenen Gliedern bin ich noch ein kleines bisschen ungeschickter als gewöhnlich.

Ach so, und falls Sie wissen möchten, warum ich wegen der Heizung nichts gesagt habe: Spätestens, als ich merkte, dass es im Bad, in der Küche und im Frühstücksraum noch kälter ist als in meinem Zimmer, war mir klar, dass Sie der Sache ohnehin machtlos gegenüberstehen. 

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Sie sind alle so irr und ich bin ihr Chef

Schuld an allem ist dieser Asthmaanfall. Keiner von diesen gewöhnlichen, die mit ein paar Hüben aus dem Inhalator abgewendet sind, sondern ein richtig heftiger. Einer, der dich tagelang ins Bett zwingt, der dich dazu veranlasst, mit schwacher Stimme bei der medizinischen Hotline ein Rezept für Notfallmedikamente zu erbetteln und der deine medizinisch ausgebildete Schwester zur Drohung verleitet, sie würde dich auf die Notfallstation bringen, wenn du nicht brav dein Kortison schlucken würdest. Ein Asthmaanfall, der dafür sorgt, dass du in deinem eigenen Familienleben nicht mehr der (meistens nicht wirklich) ruhende Pol bist, sondern lediglich ein Statist, der zwar hin und wieder mit heiserer Stimme einen kurzatmigen Befehl bellen darf, ansonsten aber nur dabei zuschauen kann, was diese Irren, die du deine Liebsten nennst, den ganzen Tag so treiben.

In diesem Haus kann es dir zum Beispiel passieren, dass du morgens um zwanzig nach fünf von Edith Piaf, die im Wohnzimmer ein äusserst melancholisches Konzert gibt, geweckt wirst. Gut, so etwas passiert dir nur, wenn du am Vorabend entschieden hast, auf dem Sofa zu schlafen, weil du „Deinem“ mit deinem andauernden Gebell nicht den Schlaf rauben willst. Netflix reinziehen kannst du dir ja auch nicht, wenn er neben dir schlafen sollte und Netflix brauchst du, weil das Kortison der Meinung ist, Schlaf sei eine vollkommen überbewertete Sache, die nur für Kinder und Memmen erschaffen worden ist. (Was zu Netflix noch zu sagen wäre: Dass ich nach den letzen Überbleibseln von „House of Cards“, zwei äusserst deprimierenden Independent-Filmen und einer mittelmässigen Literaturverfilmung inzwischen bei „Gossip Girl“ gelandet bin, sagt rein gar nichts über meinen Filmgeschmack aus, dafür aber sehr viel über die Auswirkungen von mangelhafter Sauerstoffzufuhr.)

Nun aber zurück zu Edith Piaf, die dich zu vollkommen unchristlicher Stunde aus dem doch noch gefundenen Schlaf reisst. Eingeladen hat sie dein fleissiger Ältester, der zu eben dieser unchristlichen Stunde die Zeit gekommen sieht, am Wohnzimmertisch an seinem Vortrag zu arbeiten und sich von Edith Mut zusingen zu lassen. Und Mut braucht er, denn er schreibt seinen Vortragstext gerade von Hand auf sehr viele Seiten Papier. Nicht etwa, weil er dich im Morgengrauen vor der Bitte um das Passwort für deinen Laptop hat verschonen wollen, sondern weil „man sich die Dinge viel besser merken kann, wenn man sie von Hand geschrieben hat“. Ich sag’s doch, dieses „Kind“ ist eindeutig im falschen Jahrhundert zur Welt gekommen…

Noch so eine Episode aus diesem Irrenhaus: Das Prinzchen bringt Guetzli aus dem Kindergarten nach Hause. Selber gebacken und nahezu rabenschwarz. Nein, nicht Oreo-Schwarz, sondern „Wir waren etwas zu lange im Ofen, vielleicht sieben oder acht Minuten“-Schwarz. Augenblicke später vernimmst du heftige Kampfgeräusche aus dem Prinzchenzimmer, bald darauf sind drei am heulen. Was ist geschehen? Das Prinzchen hat nicht auf Anhieb erkannt, dass die Tatsache, dass ihm der FeuerwehrRitterRömerPirat neulich einen Franken und ein Disney-Figürchen geschenkt hat, ihn automatisch dazu verpflichtet, ungefragt ein paar angebrannte Guetzli abzutreten. Es fliegen Fäuste und Gegenstände, der Zoowärter als eigentlich unbeteiligter Dritter wird irgendwie auch noch in die Sache hereingezogen, lautes Geheul und keiner ist Schuld. Höchste Zeit für die Statistin, mal wieder ein wenig zu bellen. Momente später ist alles wieder friedlich, der FeuerwehrRitterRömerPirat kommt mit einem rabenschwarzen Guetzli aus dem Prinzchenzimmer. „Es ist angebrannt“, sagt er. „Mir egal, nach dem Theater, das du veranstaltet hast, um eines zu bekommen, wird das Ding gegessen“, antwortet die Statistin vollkommen ungerührt. 

Dann noch diese Szene hier, die schon fast rührend ist: Du liegst im Bett und versuchst zu stricken, damit du zumindest ein wenig produktiv bist. Die Katze, die partout nicht begreifen will, dass du es nicht magst, wenn sie sich auf deinen Beinen niederlässt, stellt sich so ungeschickt an, dass du die Zopfstricknadel fallen lässt. Unter Jammern und Stöhnen begibst du dich unters Bett, um die Nadel zu suchen. In dem Moment betritt einer deiner Söhne das Zimmer, er sieht dich am Boden, fragt was los sei und meint dann: „Leg dich wieder hin, Mama. Ich such dir die Nadel. Du bist jetzt viel zu schwach für solche Sachen.“ 

Ach ja, dann war da noch die Sache mit der Katze, die Karlssons Sportschuhe mit dem Katzenklo verwechselt hat, oder Luise, die beweisen wollte, dass sie in der Cello-Hülle schlafen könnte, wenn sie wollte, oder der Moment, als der Zoowärter vollkommen frei von Ironie erzählte, die Lehrerin hätte vergessen, dass sie nicht angeschriebene aber richtig gelöste Blätter der Schüler nicht mehr zerreissen dürfe und habe es deshalb trotzdem getan, aber sie habe sich danach entschuldigt, darum sei es nicht weiter schlimm.

Nachdem du ein paar Tage lang dieses Geschehens von der Seitenlinie aus betrachtet hast, bleibt dir nichts anderes übrig, als in Anlehnung an Römer Strategus aus „Asterix und die Goten“ zu seufzen: „Sie sind alle so irr und ich bin ihr Chef.“ 

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Eine kleine Ausnahme

Fragt mich nicht, warum ich das tue, aber ich tu’s für einmal trotzdem: Ich beantworte ein paar Fragen, die Lego mir vor ein paar Wochen gestellt hat. Vielleicht tue ich es einfach, weil sie in ihrem Blog so nette Dinge über mich geschrieben hat und ich ihr deshalb eine Freude machen will. Das also wollte sie von mir wissen:

1. Was war das peinlichste, dass du je machen musstest?

Hmmmm, ich weiss nicht so recht. Peinlichkeiten verdränge ich immer möglichst schnell. Da war mal etwas mit einem Schuh im obersten Schrankfach. Oder mit einer Windel, die ausgerechnet auf der vollbesetzten Sonnenterrasse eines Bergrestaurants ihren Geist aufgegeben hat. Oder… ach was, ich hab’s tatsächlich verdrängt.

2. Wenn du eine Disney-Prinzessin sein könntest, welche wärst du? Auch die Männer da draussen!

Schneewittchen, vermutlich. Ist die Einzige, die ich auf den ersten Blick erkenne.

3. Wenn du durch die Zeit reisen könntest, in welches Jahr würdest du reisen? Warum?

Fest steht: In die Vergangenheit. Aber wohin genau? Da gibt es so viele historische Ereignisse, die ich gerne miterlebt hätte. Aber ob ich dann auch den richtigen Ort und den richtigen Zeitpunkt treffen würde?

4. Glaubst du, wir sind alleine in diesem Universum?

Na ja, an Ausserirdische glaube ich nicht. An Gott schon. Und dann denke ich, dass es da noch sehr viele Dinge gibt, die unseren menschlichen Verstand übersteigen.

5. Welche Rolle in einem deiner Lieblingsfilmen würdest du gerne mal übernehmen?

Irgend so ein zickiges Biest in einem Kostümschinken.

6. Wenn du dir eine Gabe aussuchen könntest, welche wäre es?

Manchmal wünsche ich mir, ich wäre einer dieser unglaublich netten, geduldigen Menschen, die immer nur freundlich lächeln, wenn man auf ihren Nerven herumtanzt. Aber worüber würde ich dann bloggen?

7. Was war die schlechteste Verfilmung eines Buches, die du jemals gesehen hast?

Momo? Die unendliche Geschichte? Irgend so etwas war es. „Great Expectations“ fand ich auch nicht besonders toll. 

8. Worauf könntest du am ehesten verzichten: deine Augen, deine Ohren oder deine Stimme?

Ich bilde mir ein, die Augen. Aber ich glaube, wenn ich sie nicht hätte, würde ich sie ganz schrecklich vermissen.

9. Wie würde dein Traumhaus aussehen?

Ziemlich gross, ziemlich abgelegen, ziemlich schwedisch. Mit Erker, Schreibstube, Sauna und Garten.

10. Wenn du eine Boy-/Girlgroup gründen müsstest, wie würdest du sie nennen?

Da habe ich jetzt wirklich nicht die leiseste Ahnung.

11. Wie denkst du, wird die Welt in 20, 50, 100 Jahren aussehen?

Die Optimistin in mir hofft noch immer auf bessere Zeiten. Die Pessimistin in mir prophezeit Schlimmes. Und die Mama in mir wünscht sich einfach, dass Kinder und Kindeskinder auch noch eine Zukunft haben.

Ja, und dann müsste ich natürlich auch noch ein paar Blogger auswählen, die mir meine 11 Fragen beantworten. Es ist halt einfach so: Ich will mich niemandem aufdrängen, die Blogs, die mir gefallen, sind in meiner Linkliste aufgeführt, darum mache ich es einfach wie letztes Mal, als man mir Fragen gestellt hat. Ich schreibe hier 11 Fragen hin, wer sie beantworten möchte, darf dies gerne tun, wer sie nicht beantworten möchte, lässt es bleiben. Hier also wären sie, meine 11 Fragen, die mich schon seit vielen Jahren beschäftigen und die ich gerne endlich von jemandem beantwortet bekommen möchte:

1.Wozu in aller Welt hat man die Krawatte erfunden und warum trägt man sie noch immer?

2. Sieht mein Grün gleich aus wie dein Grün? (Wir können uns diese Frage auch mit Violett oder Gelb stellen.)

3. Woher nehmen wir die Arroganz, zu glauben, wir würden anders handeln als andere, wenn wir ihr Leben leben müssten?

4. Was geschähe, wenn es von einem Moment auf den anderen kein Internet mehr gäbe?

5. Warum treten Menschen, die über ein Halbwissen verfügen, oft selbstbewusster auf als Menschen, die eine Sache bis ins Detail erforscht haben?

6. Wie schafft man es, mit Scheuklappen durchs Leben zu gehen und alles Unangenehme auszublenden? (Manchmal möchte ich das wirklich können, diese Antwort würde mich also wirklich interessieren.)

7. Haben Vegetarier das Recht, Veganer nicht zu verstehen? 

8. Warum baut man heute, wo man so viele Hilfsmittel zur Verfügung hat, so viel langweiliger als damals, als man noch alles mit banalsten Maschinen und viel Muskelkraft machen musste?

9. Ist es den Leuten, die lauthals über verlogene Journalisten schimpfen, nicht peinlich, wenn Sie zwei oder drei Sätze später sagen: „Diese Information bleibt jetzt aber bitte unter uns, das dürfen Sie auf gar keinen Fall so schreiben.“?

10. Was soll eigentlich so besonders sein an Trüffeln?

11. Warum schreiben die Leute, die sich aus Facebook abmelden, weil sie ihre Beziehungen mehr im realen Leben pflegen wollen, am Ende ihres letzten Facebook-Posts immer: „Am besten erreicht ihr mich unter dieser E-Mail-Adresse“? Müssten die nicht schreiben: „Am besten habe ich jeweils mittwochs und donnerstags Zeit. Schaut doch einfach mal vorbei.“?

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Unerreichbar

„Können Sie mir bitte noch Ihre Handy-Nummer geben?“ – „Ist nicht nötig, ich bin meistens zu Hause und darum auf dem Festnetz gut erreichbar.“ – „Die Praxisassistentin hat mir aber gesagt, sie hätte Sie mehrmals erfolglos zu erreichen versucht.“ – „Ja, manchmal nehme ich mir die Freiheit heraus, ohne Telefon in die Waschküche zu gehen, oder sogar nicht ranzugehen, weil wir gerade am Essen sind.“

„Tut mir Leid, dass ich abends um zehn noch anrufe, aber bei Ihnen war andauernd besetzt.“ – „Ach ja? Ich habe vorhin etwa zehn Minuten telefoniert, aber sonst…“ – „Eine Mail habe ich Ihnen auch geschrieben. Vor zwei Stunden schon, aber Sie haben noch nicht geantwortet. Da musste ich eben einfach anrufen.“

„Wo warst du heute Morgen bloss?“ – „Hmmmm, lass mich überlegen… Ich war ganz kurz in der Stadt, aber sonst immer zu Hause. Warum?“ – „Ich habe zweimal versucht, dich anzurufen, aber du bist nicht rangegangen. Hattest du dein Handy nicht dabei?“ – „Nein, ich war ja nur ganz kurz weg. Was war denn so wichtig?“ – „Ich wollte dich fragen, ob du mit mir einen Kaffee trinken kommst.“

Himmel, man wird doch wohl noch ein paar Momente unerreichbar sein dürfen, ohne dass man gleich ein lückenloses Tätigkeitsprotokoll und ein Entschuldigungsschreiben präsentieren muss. 

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Glückseligkeitshäppchen

Zuweilen bietet auch der grauste Alltag das eine oder andere Häppchen Glückseligkeit. Zum Beispiel wenn…

…du beim Waschen – für einen kleinen Moment zwar nur, aber immerhin – den Boden des Wäschekorbs siehst. Okay, übertreiben wir’s nicht: Den Boden von einem der vielen Wäschekörbe, aber man muss nehmen, was man bekommen kann.

…du ohne lang zu suchen dein Uralt-Handy aufspürst, den PUK ohne Wartezeit in der Warteschlaufe wieder bekommst und du fröhlich dein eben gewonnenes Fairphone in Betrieb nehmen kannst.

…du unbemerkt einen ganzen Rettich in der Gemüsesuppe verschwinden lassen kannst. Das Hochgefühl, das du empfindest, wenn der FeuerwehrRitterRömerPirat genüsslich schmatzend vor sich hin löffelt und dreimal nachschöpft, ist durch keine Droge dieser Welt hinzukriegen (Nicht dass ich in diesem Bereich allzu viel Erfahrung vorweisen könnte, aber wer braucht denn schon Drogen, wenn er Kinder hat, die mit Genuss drei volle Teller „Ätsch, wenn ihr wüsstet, dass es hier Rettich drin hat“-Suppe in sich hinein schaufeln?).

…die Katze nicht bemerkt, dass die Kinder den Frischkäse offen haben stehen lassen.

… die drei Kinder, die derzeit am meisten Chaos verursachen, den ganzen Samstag ausser Hause sind. Und dies sogar an einem dieser elenden Samstage, an denen „Deiner“ Kurs hat und du nicht die geringste Lust verspürst, den Karren alleine durch den Dreck zu ziehen. (Ja, ich schreibe mit Absicht „durch“den Dreck, denn die Sache mit „aus dem Dreck“ schiebe ich mir für die Pensionierung auf.)

…es für einen Moment lang so still ist im Haus, dass du deinen eigenen Brummschädel, der mal wieder zu wenig Schlaf abbekommen hat, brummen hörst.

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Verquatschte Zeit

So langsam beginne ich, Besuche bei der Dentalhygienikerin zu fürchten. Dies nicht etwa, weil es meinen Zähnen schlecht ginge oder weil die Dame so grob mit ihnen umgeht. Es ist die Dame selbst, die mir Furcht einflösst. Da liege ich auf diesem Stuhl, den Mund weit aufgesperrt in der Erwartung, dass sie jetzt gleich nachsehen wird, wie es meinen Zähnen geht, doch stattdessen legt sie los mit ihrem Gequatsche. Ob ich in den vergangenen Jahren ein paar Kinder geboren hätte, will sie wissen. Ja, natürlich, ein paar schon, antworte ich. Fünf, um präzise zu sein und ich glaube, damit sei die Frage nach meinem schwindenden Knochen beantwortet und ich könne jetzt endlich meine Zähne zeigen.

Aber meine Zähne interessieren sie jetzt nicht mehr, sie will wissen, wie das so ist mit einer Grossfamilie. Widerwillig gebe ich ein paar der üblichen Banalitäten von mir – mit der Zeit hat man sie drauf, diese Floskeln -, doch sie unterbricht mich bald einmal. Erzählt mir, wie das heute so ist, mit einer Grossfamilie. Kein Problem mehr ist das, die Kinder sind ja alle den ganzen Tag in der Schule, da hat man kaum mehr etwas zu tun mit ihnen. Grosseltern braucht man heutzutage ja auch nicht mehr, es gibt Krippen. Ich könne froh sein, dass ich nicht mit der Schwiegermutter zusammenleben müsse, das hätten die Mütter früher nämlich noch tun müssen. Ich versuche, einen Einwand einzubringen, weil es mich nun doch etwas fuchst, dass sie – die durchblicken lässt, dass sie kinderlos ist – zu wissen glaubt, wie mein Leben aussieht. Doch mein Einwand löst nur einen neuen Redeschwall aus. Die Schweiz nicht familienfreundlich? Des sieht sie ganz anders als ich. Den Familien geht es prächtig hierzulande. Wenn die Familien bescheidener wären, müssten auch nicht Vater und Mutter zur Arbeit gehen. Ferien? Genügend Wohnraum? Alles überbewertet. Sie ist auch ohne gross geworden, hat ihr auch nichts geschadet. Diese Eltern haben aber auch immer so viele Ansprüche. Das Einzige, was sie an der Familienpolitik stört, ist dass sie, die doch Vollzeit arbeitet, nach der Pensionierung weniger AHV haben wird, weil sie verheiratet ist. Alles andere ist bestens. 

Jetzt, wo das geklärt ist, kann sie sich endlich meinen Zähnen widmen. Die Sache ist schnell abgehakt. Zwei Röntgenbilder, ein bisschen Zahnstein, ein bisschen polieren, oder wie die das nennen, dann ist es erledigt. Doch offenbar hat die Frau noch nicht genug Dampf abgelassen, darum kommt sie noch einmal auf das Thema Grossfamilie zurück. Sie muss da noch etwas loswerden bezüglich Blockzeiten. Ist doch wirklich viel einfacher geworden heute, wo die Kinder den ganzen Morgen in der Schule sind. Ihre Mutter musste jeweils noch den ganzen Morgen zu Hause bleiben, weil jeder einen anderen Stundenplan hatte. Währenddem ich noch überlege, ob ich ihr jetzt lieber von meiner Schwester erzählen soll, die Kinder und Beruf noch immer ohne Blockzeiten jonglieren muss, oder ob ich ihr sagen soll, dass es trotz Blockzeiten kaum einen Schultag in meinem Leben gibt, der so verläuft, wie er auf dem Stundenplan steht, hüpft sie weiter zum nächsten Thema. Ich hätte da mal einen Termin vergessen, sagt sie vorwurfsvoll. Ja, so etwas könne in meinem Alltag halt mal vorkommen, es sei halt… Weiter lässt sie mich nicht kommen. Einen Terminplaner müsse ich mir anschaffen, einen richtig Grossen, den ich mir an die Wand hänge, in den ich alle Termine eintrage. Nein, nein, auf gar keinen Fall die Termine auch noch elektronisch eintragen. Nur im Planer an der Wand, dann bekäme ich das schon in den Griff…

Wie gerne hätte ich der Dame gezeigt, dass ich nicht nur gesunde Zähne mit schwindendem Knochen habe, sondern dass ich auf diesen gesunden Zähnen mit schwindendem Knochen ganz schön viele Haare wachsen lassen kann, wenn es die Situation erfordert. Ich habe es dann bleiben lassen, denn zu Hause wartete der wahre Alltag einer Grossfamilie mit Home Office und dieser Alltag reagiert äusserst sensibel auf sinnlos verquatschte Zeit.  

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Konservative Bande!

Gestern war Kolumnen-Tag und wie so oft begann er damit, dass morgens um acht die Schreibblockade an der Tür klingelte. „Du schon wieder?“, fragte ich entgeistert, als sie vor mir stand. „Wir haben uns doch schon soooooo lange nicht mehr gesehen“, säuselte sie mit Unschuldsmiene und drängte sich rasch an mir vorbei, ehe es mir gelang, ihr die Tür vor der Nase zuzuknallen. „Machst du mir einen Kaffee?“, fragte sie. „Vergiss es“, gab ich unfreundlich zur Antwort. „Wenn ich erst anfange, mit dir Kaffee zu trinken, dann werde ich dich den ganzen Tag nicht mehr los. Von mir aus kannst du mit mir in die Sauna kommen. Hab‘ mir beim Stricken die Schulter verspannt, ich brauche ein wenig Wärme…“ „Ach, was bist du doch gemein!“, protestierte die Schreibblockade. „Du weisst genau, dass ich es in der Sauna nie lange aushalte. Kaum bin ich da drin, muss ich flüchten und dann schleichst du dich davon, um an deinen Texten zu arbeiten.“ Die Schreibblockade sah mich mit traurigem Hundeblick an und fuhr dann fort: „Warum willst du mich immer so schnell als möglich loswerden? Magst du mich etwa nicht?“ „Na ja, wenn ich ganz viel Zeit habe, stören mich deine gelegentlichen Besuche nicht. Aber ich hab‘ nun mal selten Zeit, mit dir rumzuhängen. Meistens gibt es da einen Abgabetermin. Oder das Essen muss auf den Tisch. Oder…“ „Alles faule Ausreden“, unterbrach mich mein ungebetener Gast. „Du magst mich einfach nicht. Punkt. Aber glaub bloss nicht, dass ich mich einfach abschütteln lasse. Heute werde ich die Hitze der Sauna ertragen, das verspreche ich dir…“ 

Wie meistens, wenn sie mir damit droht, bei mir zu bleiben, machte die Schreibblockade ihre Drohung wahr. Sie, die gewöhnlich schon nach fünf Minuten in der Sauna das Weite sucht und mich dem Schreibfluss überlässt, hielt ganze drei Saunagänge durch, ehe sie das Weite suchen musste. Endlich hätte ich ungehindert schreiben können, doch leider musste ich jetzt an den Herd. Natürlich auch später als geplant und darum würde die Suppe nicht rechtzeitig fertig sein und ich würde mir wieder das Gemotze der hungrigen Meute anhören müssen. Darauf hatte ich nach diesem elenden Vormittag mit der Schreibblockade wirklich keine Lust, also beschloss ich, meine Familie mit einem Sauna-Zmittag zu besänftigen. „Hört mal, ihr setzt euch jetzt ein wenig in die Sauna währenddem ich die Suppe fertig mache. Dann kommt ihr hoch, esst eine Portion, kühlt euch ein wenig ab und macht Pause. Dann wieder zurück in die Sauna, wieder ein wenig essen und wenn die Zeit vor der Schule noch reicht, ein dritter Saunagang.“ 

Tolle Idee, nicht wahr? Meine Familie, die mir gewöhnlich in den Ohren liegt, endlich wieder mal die Sauna einzuheizen, sah das anders. Luise motzte, sie wolle doch nachmittags nicht mit nassen Haaren in die Schule gehen. Der Zoowärter wollte zwar in die Sauna, aber „noch nicht jetzt, sondern erst am Nachmittag, wenn ich von der Schule nach Hause komme“. Der FeuerwehrRitterRömerPirat verschanzte sich sofort hinter seinem neuesten Buch und sagte gar nichts. Das Prinzchen hatte noch unverdaute Legosteine und „Meiner“, der sonst keine Gelegenheit zum Schwitzen auslässt, faselte etwas von „viel zu tun heute Nachmittag“. Einzig Karlsson zeigte sich flexibel und wechselte fröhlich zwischen Sauna, Esstisch und Sofa, genau so, wie ich es mir vorgestellt hatte. Der Rest der Familie bestand darauf, das Mittagessen gutbürgerlich und gesittet einzunehmen. Was für eine konservative Bande!

(Und falls mir jetzt jemand sagen möchte, Sauna und Essen gingen nicht zusammen, dann muss ich ihn leider darauf aufmerksam machen, dass Mrs. Perfect mir das schon vor langer Zeit gesagt hat, was mich aber schon damals nicht interessiert hat.)

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Das Dümmste, was mir heute begegnet ist

Werbeaufschrift auf einem Güterwaggon: „Schweizer Zucker. Weil aus der Schweiz“. – Der Spruch klingt ja schon in der (schweizerdeutschen) Fernsehwerbung saublöd, aber auf Schriftdeutsch und dann noch so gross gedruckt, dass man von weither lesen kann, wie beschränkt der Werbetexter war….

Schild bei einer Tankstelle: „Oil – tank & go“ – Wenn schon unbedingt Englisch, dann bitte (bitte, bitte, biiiiiiittttteeee!) korrekt – also mit einem angehängten „up“- , damit man nicht Panzer erwartet, wo Gott sei Dank keine sind. Okay, es könnten auch Aquarien sein, aber was haben die an einer Tankstelle zu suchen?

Das (Un)Wort „Laufbahnregelung“ im Einladungsbrief für den Elternabend der vierten Klasse. Ja genau, der Elternabend der Viertklässler, die jetzt gerade mal etwa zehn oder elf Jahre alt sind. 

Dieser wunderbare Abschnitt in dem Brief, den uns die Kirchen im Dorf haben zukommen lassen, weil zwei unserer Kinder den Religionsunterricht besuchen, obschon wir als konfessionslos angemeldet sind: „Nach Ablauf dieses Schuljahres werden Sie sich gemeinsam entscheiden müssen. Für den Fall, dass Ihre Kinder den ökumenischen Religionsunterricht nicht mehr besuchen möchte (sic!), wünschen wir weiterhin alles Gute. Sollten sie jedoch den ökumenischen Religionsunterricht weiterhin besuchen wollen, dann wird eine Kindermitgliedschaft in der jeweiligen Kirche notwendig sein…“ Und was, bitte sehr, wünschen die uns, falls unsere Kinder sich Ende Schuljahr dazu entscheiden, reformiert oder katholisch zu werden? Pest und Cholera, weil wir uns weigern, gemeinsam mit unseren Kindern in die Landeskirche einzutreten? 

Der Zeitungsartikel über den Bildungsdirektor unseres Kantons. Der gute Herr möchte durch Änderungen der „Selektions- und Leistungskriterien“ alles dran setzen, möglichst viele Schüler vom Gymnasium fern zu halten. Könnte ja am Ende noch einer auf die Idee kommen, Intelligenz, gute Noten und eine anständige Arbeitshaltung würden ausreichen, um in die heiligen Hallen der höheren Bildung eingelassen zu werden. 

98% des Sortiments und 73,5 % der Kundschaft in diesem schrecklichen Ami-Spielwarengeschäft, in dem ich heute war. Was ich dort zu suchen hatte? Na ja, sagen wir es so: Das Prinzchen hat am Donnerstag Geburtstag und ich war zufällig gerade in der Gegend, da hat es sich halt so ergeben. Immerhin weiss ich jetzt wieder, warum ich gewöhnlich unter gar keinen Umständen dort einkaufe. 

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Bilderbuch-Prinzchen

Heute in der Stadt: Unzählige weihnachtlich geschmückte Schaufenster, Regale voller Weihnachtskugeln und „Starbucks“ bereits wieder mit den eindeutigen Gewürzen auf dem Kaffee. Irgendwann hat das Prinzchen genug. „Mama, ich will nicht, dass die schon so tun, als wäre Weihnachten“, sagt er traurig. „Erst will ich jetzt mal meinen Geburtstag feiern und dann will ich mich am Herbst freuen. Ich finde es so schön, wenn die Blätter bunt werden. Wenn sie von den Bäumen fallen, kann man mit den Füssen so schön rascheln darin. Und Sachen bauen aus Blättern…Ich will jetzt einfach den Herbst geniessen, der ist so schön… Wie ist das eigentlich mit den Blättern? Wachsen die wieder, wenn sie vom Baum gefallen sind?“

Ach, mein Prinzchen, sag: Bist du echt, oder bist du einem dieser traumhaften Bilderbücher entsprungen?

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