Wie wir’s auch machen, ist es falsch

Da zog ich heute Morgen frohen Mutes und ganz zufrieden mit mir und meiner – heute äusserst kooperativen – Familie die Tageszeitung aus dem Briefkasten, überflog die ersten Zeilen und fing ohne die geringste Vorwarnung eine saftige Ohrfeige ein. „Privatsphäre vieler Heranwachsender wird verletzt“, „Das Manko heutiger Eltern“, „In der Schweiz lesen 43 Prozent der Eltern von 9- bis 10-jährigen Kindern die Mails und Facebook-Nachrichten, die ihre Kinder erhalten.“, „…überprüft fast die Hälfte der Eltern, welche Internetseiten ihr Kind besucht hat“ und später, als ich den Artikel in Ruhe durchlese noch dies hier: „39 Prozent aller Eltern nutzen Software zum Filtern oder Blockieren bestimmter Websites.“ Böse, böse Eltern!

Eben noch hat man uns pauschal vorgeworfen, wir würden unsere Kinder im virtuellen Raum alleine lassen, wir hätten keine Ahnung, was dort alles abgeht und wir interessierten uns auch nicht dafür. Zwar kenne ich persönlich keine Eltern, die diese Laisser-faire Haltung an den Tag legen, aber wenn die Medien der Meinung sind, wir würden unsere Brut den Bösewichten im Internet zum Frass vorwerfen, dann stimmt dies. Punkt. 

Jetzt aber hat der Wind gedreht, wir Eltern kümmern uns. Aber falsch. Wir verletzen die Privatsphäre unserer Neun bis Zehnjährigen, wenn wir ihre Nachrichten lesen. Nun, ich war ja bis anhin der Meinung, dass ich meine Erziehungspflichten verletze, wenn ich meinen Neun- bis Zehnjährigen erlaube, sich bei Facebook & Co. zu tummeln, aber das stimmt offenbar nicht mehr. Wir filtern gewisse Inhalte raus, weil wir einem Sechsjährigen, der nichts Böses ahnend nach einem harmlosen Spiel sucht, gewisse Anblicke noch ersparen wollen. Also nichts anderes, als wenn ich abends mit einem Kind durch eine Stadt spazierte und das Rotlichtviertel  grossräumig umginge, um ihm Anblicke zu ersparen, die es auch mit sorgfältigsten Erklärungen meinerseits noch nicht einordnen könnte. Die Filtersoftware erspart mir nicht das Nebendransitzen wenn das Kind im Netz ist, auch nicht das Reden über Inhalte, sie verhindert auch nicht, dass mein Kind irgendwann doch die Bilder sehen wird, aber sie verhindert immerhin bis zu einem gewissen Grad, dass es immer und überall Gefahr läuft, bei einer barbusigen Blonden anstatt bei Bob dem Baumeister zu landen. Aber eben, auch diese Überlegungen sind offenbar falsch.

Ja, und dann verbiete ich natürlich auch meiner noch nicht Elfjährigen den Zugang zu sozialen Netzwerken, mit der Begründung, dass a) die noch nicht für ihr Alter freigegeben sind und b)  sie noch zu wenig vertraut ist mit dem Internet, als dass sie bereits abschätzen könnte, welche Konsequenzen ein unbedachter Post nach sich ziehen könnte. Doch auch in diesem Bereich liege ich vermutlich falsch, denn „Kontrollen oder Verbote bringen gar nichts.“ Okay, im Grunde genommen bin ich einverstanden mit dieser Aussage, zumindest, wenn die Kontrollen durch Misstrauen begründet und die Verbote voll und ganz unbegründet sind. Also zum Beispiel, wenn ich einem Fünfzehnjährigen verbieten würde, ein Facebook-Profil zu haben, oder wenn ich ihm nachspionieren würde, obschon er mir glaubhaft versichert hat, dass er sich mit einem Freund zum Musizieren verabredet hat und nicht mit einem Dealer zum Austausch von Geld gegen Drogen. Aber kann eine Kontrolle nicht auch so aussehen: „Kind, du hast gestern dieses Bild auf deinem öffentlichen Profil geteilt und ich denke, du solltest dir das nochmals überlegen. Einem Freund kannst du das schon schicken, von mir aus auch mir, aber ein zukünftiger Arbeitgeber bekommt einen ziemlich schlechten Eindruck von dir, wenn er das sieht.“? 

Natürlich käme es mir nicht im Traum in den Sinn, Karlssons Mails heimlich zu checken und spätestens wenn ich den Drang verspürte, ihm nachzuspionieren, müsste ich erkennen, dass etwas gewaltig schief gelaufen ist in unserer Beziehung. Aber von ihm verlangen, dass er mir ab und zu Einblick gewährt in sein virtuelles Leben, genau so, wie ich ihm Einblicke gewähre in mein virtuelles Leben – indem ich ihn zum Beispiel frage, ob ich über etwas, was ihn betrifft, bloggen darf – sollte meiner Meinung nach in einer Familie selbstverständlich sein. Nur weil sich das Leben der Teenager nicht mehr am Dorfbrunnen abspielt, sondern in irgendwelchen Netzwerken, heisst das noch lange nicht, dass wir wegschauen dürfen –  oder gar müssen, weil wir sonst „die Privatsphäre unserer Kinder verletzen“. Wenn früher einer am Dorfbrunnen geraucht hat, musste er ja auch bei Mama und Papa antraben…

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Rückeroberung

Sie war meine absolute Traumküche, entworfen nach meinen Wünschen. Riesige Arbeitsfläche, warmes Orange, der Hygiene zuliebe eine Chromstahlabdeckung, die ich täglich blitzblank polierte, ein Regal, das zumindest einen Teil meiner Kochbüchersammlung zu fassen vermochte, ein extrabreites Kochfeld und ein Regal, an dem sich Kochlöffel, Schneebesen & Co. aufhängen liessen. Die perfekte Küche also, die jedoch einen entscheidenden Nachteil hat: Sie bietet zu wenig Stauraum für grosse Futtermengen und hohe Tellerstspel. Eines Tages entschieden wir uns also schweren Herzens dazu, die Küche in der unteren Etage zu benützen, denn diese hat nicht nur einem grossen Vorratsraum, sondern auch Schränke, die fast bis zur Zimmerdecke reichen. Seit jenem traurigen Tag ging es mit meiner geliebten Küche stetig bergab:

Zuerst diente sie noch als Produktionsstätte für hausgemachte Pasta,…
….dann wurde sie zur Filiale der Kinderpost,…
….etwas später nahm „Meiner“ sie als Atelier und Werkstatt ein,…
….dann kam die Zeit, als wir dort unser schmutziges Geschirr wuschen, weil unten der Geschirrspüler kaputt war,…
….“Meiner“ streute seine Mehbotschaften….
….alles, was unten keinen Platz mehr fand, wurde oben zwischengelagert….
…..und das Schlimmste war, dass die untere Küche dabei aus allen Nähten platzte.
Ein trauriges Bild, ihr könnt mir glauben.

Heute, als ich zur Mühle fuhr, um mich mit Mehlvorräten einzudecken, fasste ich einen Entschluss: Ich will meine Küche zurückhaben. Ich will einen Raum, in dem…

…mein Sauerteig ungestört vor sich hin versauern kann.
…die Backformen so verstaut sind, dass ich sie nicht zuerst unter Schimpfen und Jammern hervorkramen muss, ehe ich backen kann.
…für jede nur erdenkliche Mehlsorte Platz ist.
…Getreidemühle und Küchenmaschine jederzeit einsatzbereit herumstehen dürfen.
…leere Einmachgläser ihren Schrank haben, in dem sie herumstehen dürfen, bis sie wieder gefüllt werden.
…die Teigwarenmaschine wieder gebraucht wird.
…keiner meine Küchenutensilien als Spielzeug missbraucht.
…ich meinen im Familienalltag krampfhaft unterdrückten Perfektionismus ungehindert freilassen kann, ohne dass er den anderen auf die Nerven fällt.
…Familie und Gäste am Tisch sitzen und sich mit mir unterhalten können, währenddem ich den Teig knete.

Fragt mich nicht, woher ich die Energie dazu genommen habe, aber irgendwie habe ich es geschafft, mit der Rückeroberung meiner Küche nicht nur anzufangen, sondern sie auch fast abzuschliessen. Noch gibt es einige Dinge zu verstauen, der Boden muss mich geputzt und ein paar Kleinigkeiten müssen noch angeschafft werden. Dann wird sie wieder mein sein, die Küche, die einst nach meinen Wünschen entworfen wurde. Mich dünkt, ich hätte mir nicht bloss meine Küche zurückerobert, sondern auch einen Teil meiner selbst, ein Teil, der in den vergangenen turbulenten Jahren kaum Gelegenheit hatte, sich bemerkbar zu machen.

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Rührend? Oh ja, und wie!

Karlsson, Luise, das Prinzchen und „Meiner“ kommen vom Winterkleidereinkauf nach Hause. Stolz führen alle ihre Sachen vor; das Prinzchen neben einem rot-blau gestreiften Pulli, einer Jeans und Krümelmonster-Socken auch einen grün-gelb gestreiften Gummiball. „Den Ball wird er sich wohl ertrotzt haben“, denke ich und beachte ihn so wenig wie möglich. Ich will nicht die Szene, die sich wegen dieses Balls im Laden abgespielt haben muss, noch einmal vorgeführt bekommen. Ich kann mir sie auch so lebhaft vorstellen:

Prinzchen (heulend): „Ich will keine Jeans, ich will diesen Ball da!!!!“

„Meiner“ (gereizt): „Du brauchst keinen Ball, du hast schon hunderte davon. Der liegt dann doch nur wieder rum…“

Prinzchen (schluchzend): „Noch nie habe ich einen Ball bekommen! Keinen einzigen. Und die anderen bekommen so viele Bälle, wie sie wollen.“

„Meiner“ (eine Spur gereizter): „Nun komm schon, Prinzchen! Wir brauchen noch Socken für den Zoowärter, Jeans für Luise, einen Pulli für den FeuerwehrRitterRömerPiraten und eine Mütze für Karlsson. Wir haben jetzt keine Zeit…“

Prinzchen (lauthals schreiend): „Wenn ich diesen Ball nicht bekomme, mache ich keinen Schritt mehr. Und dann nehme ich diese doofe Jeans nicht und diesen blöden Pulli und diese dummen Krümelmonster-Socken…“

„Meiner“ (vollkommen entnervt): „Dann nehmen wir diesen blöden Ball halt!“

Luise: „Bei mir hättest du nie nachgegeben. Nie! Aber das Prinzchen bekommt ja immer alles von euch.“

Karlsson: „Genau, bei uns wart ihr immer so streng, aber der kleine Bengel braucht nur zu heulen und schon bekommt er, was er sich wünscht.“

So etwa muss es gewesen sein, denke ich mir. Aber es war natürlich ganz anders: „Mama, diesen Ball habe ich von Karlsson bekommen“, erklärt mir das Prinzchen ungefragt. „Von Karlsson?“, frage ich erstaunt. „Ja, er hat ihn mir aus dieser Ball-Maschine im Kleidergeschäft rausgeholt. Für zwei Franken.“ Ich traue meinen Ohren nicht. Karlsson hat seinem kleinen Bruder etwas geschenkt, was Karlsson von seiner Mama nie bekommen konnte, mochte er noch so sehr darum betteln?

Tatsächlich. „Ach weisst du, zuerst wollte ich das Prinzchen auf das Pferchen setzen, bei dem du früher auch immer nein gesagt hast, aber das funktionierte nicht. Da habe ich ihm eben einen Ball geschenkt. Weisst du noch, so einen wollte ich doch auch immer so gerne haben und da habe ich gedacht, er freut sich bestimmt, wenn er einen bekommt“, erklärt mir Karlsson, als ich nachfrage. 

Hach, wie süss! Mein grosser, vernünftiger Karlsson, der so oft – zu Recht oder zu Unrecht – findet, mit den Kleinen seien wir so viel nachgiebiger, erfüllt sich einen Kindheitstraum, indem er seinen kleinen Bruder beschenkt. Er sagt dort ja, wo ich auch heute noch konsequent nein sage, bei jedem Kind. Und dies alles, ohne dass das Prinzchen ein Geschrei hätte anstimmen müssen. Ich glaube, er musste noch nicht mal fragen, Karlsson hat seinem kleinen Bruder den Wunsch einfach von den Augen abgelesen. 

Ich bin so gerührt, dass ich Karlsson am liebsten bei der Hand nehmen würde um mit ihm ins Kleidergeschäft zu gehen, wo er so oft Pferchen reiten dürfte wie er nur möchte. Und dann dürfte er ganz viele Bälle aus der Maschine haben. Ich bin mir einfach nicht so sicher, ob Karlsson sich das noch immer wünscht….

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Rührend? Wie man’s nimmt…

Der Zoowärter kommt von einem Besuch bei seiner besten Freundin nach Hause, in der Hand ein Säcklein mit hausgemachtem Caramel. „Mama, schau, was Bestefreundins Mama mir mitgegeben hat!“, sagt er strahlend und setzt sich zu mir. „Willst du auch eins?“, fragt er, nachdem er etwa drei Stück vertilgt hat. Ich nehme dankend an, ziemlich erstaunt, dass ich etwas abbekomme, ehe dem Zoowärter schlecht geworden ist vom Naschen. Momente später streckt mir mein Sohn erneut einen süssen Würfel entgegen. „Magst du noch einen?“ Tief gerührt über diese grosszügige Geste nehme ich auch diese Gabe an. Ich habe noch nicht den den ganzen gegessen, als der Zoowärter mir einen dritten Würfel aufdrängt. „Nimm, Mama, es hat genug davon!“

Mir wird ganz warm ums Herz. Kann es sein, dass meine ewigen Predigten über das Teilen etwas gefruchtet haben? Erlebe ich hier, in diesem heiligen Moment, dass aufgeht, was wir zu säen versucht haben? Darf ich Empfängerin sein von einer Grosszügigkeit, die der Zoowärter gewöhnlich gegenüber seinen Freunden und Freundinnen zeigt? 

Heute früh sitzen der Zoowärter und ich zusammen am Frühstückstisch. „Mama…“, beginnt mein Sohn zwischen zwei Löffeln Joghurt. „Erinnerst du dich noch an die Süssigkeiten, die ich gestern mit nach Hause gebracht habe? Die hat mir Bestefreundins Mama eigentlich für dich mitgegeben.“ 

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Zu gerne wüsste ich…

…wie ein Zweitklässler auf die Idee kommt, grössere Schüler anzuspucken und sie als „Opfer“ zu beschimpfen. Nein, dieser Zweitklässler hat keine grossen Geschwister, die a) ihn so behandeln und b) ihm solches Verhalten beibringen könnten.

…wie es soweit kommen kann, dass einem Jungen bereits in der ersten Klasse der Ruf anhaftet, er würde Mädchen bedrängen und von ihnen verlangen, dass sie vor seinen Augen die Unterhose ausziehen. Aufgefallen ist dies übrigens nicht alleine einigen Glucken, die sofort Zetermordio schreien, wenn ihr Töchterchen nur schon angeschaut wird. 

…weshalb es ohne nennenswerte Konsequenzen bleibt, wenn wüsteste Beschimpfungen über eine Schülerin aufs Trottoir geschrieben werden, und zwar so, dass jeder weiss, wer damit gemeint ist. Die Ausrede „Es ist auf dem Schulweg passiert, also geht es die Schule nichts an“ zieht meiner Meinung nach in diesem Fall nicht.

…warum ein Sechstklässler aus anständigem Hause ungestraft Erstklässler drangsalieren und einschüchtern darf, ohne dass je einer einschreitet. Oh nein, den Einwand „Er meint es ja nicht so bös, wie die Kleinen es auffassen“ lasse ich nicht gelten. 

…wie es kommt, dass Meldungen über schikanierendes Verhalten von grösseren Schülern gegenüber kleineren angeblich Ernst genommen werden und dann doch wieder „vergessen“ gehen.

…ob  keiner hellhörig wird, wenn das Flüchtlingskind sich von Klassenkameraden Bemerkungen anhören muss, die nur haarscharf am Rassismus vorbeigehen.

…wie eine Gemeinde es sich leisten kann, ohne Fachperson auszukommen, die sich dieser Missstände annimmt, ehe es schlimmer kommt. Mit zig anderen Aufgaben ausgelastete Lehrer und aufmerksame, aber leider auch stets subjektive Eltern sind hier nämlich überfordert. 

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Mamas Stern ist am Sinken

Gestern, als mich die Grippe oder eine ihrer Verwandten ins Bett zwang, hörte ich zu, wie das Prinzchen, dem die Grippe oder eine ihrer Verwandten gerade eine kleine Verschnaufpause gönnte, sich mit „Meinem“ unterhielt. Die Rede war von der Sammlung traditioneller Weihnachtslieder, welche die Heilsarmee meiner Mutter und meine Mutter dem Prinzchen geschenkt hat.

Prinzchen: „Mama kann fast alle diese Lieder singen.“

„Meiner“: „Toll, lass mal sehen. Was hat es denn hier so alles drin?“

Prinzchen: „Oh du fröhliche, das kann die Mama. Stille Nacht auch. Das hier auch, aber ich weiss nicht, wie es heisst. Und das hier kann sie auch…“

„Meiner“: „Dann kann sie ja wirklich alle.“

Prinzchen: „Nein, nicht alle. Den Bach kann sie nicht.“ 

„Meiner“: „Welchen Bach denn?“

Prinzchen: „Na, den hier.“

„Meiner“: „Ach so, du meinst ‚Ich steh an deiner Krippen hier‘? Kann sie das wirklich nicht.“

Prinzchen: „Nein, Papa, das kann sie nicht. Nur Karlsson kann Bach, Mama nicht.“

Natürlich musste ich abends beim Vorsingen beweisen, dass Karlsson nicht der Einzige im Hause ist, der Bach kann. Und natürlich schrammte ich dabei haarscharf am kläglichen Scheitern vorbei, obschon „Meiner“ die Melodie so lange am Klavier gespielt hatte, bis ich sie in meinem Ohr wähnte. 

Ich würde ja behaupten, das liegt an der Grippe, oder an einer ihrer Verwandten, aber das Prinzchen will mir nicht glauben, denn nur Karlsson kann Bach, Mama nicht. 

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Advent, Advent…

Irgendwann, zwischen zwei und drei Uhr nachts verirrt sich eine Gestalt in unser Schlafzimmer und bittet um Asyl im Elternbett. Die Gestalt ist weiblich und inzwischen so gross, dass nicht für alle Platz ist im Bett. Weshalb „Meiner“ seinen Schlafplatz kampflos aufgibt und sich aufs Sofa zurückzieht, ist ein Rätsel, das ich mitten in der Nacht nicht lösen mag, also schlafe ich weiter. Nicht lange jedoch, denn bald verirrt sich eine weitere Gestalt ins Elternschlafzimmer, eine kleine diesmal, dafür in Begleitung eines riesengrossen Bären. Nun sind wir also doch zu dritt im Bett – oder vielleicht zu viert, wenn man davon ausgeht, dass der Bär ein beseeltes Wesen ist – und es wird ziemlich eng. Im Morgengrauen nähert sich eine weitere Gestalt dem Elternbett, eine sehr grosse. Diese Gestalt verlangt jedoch kein Bleiberecht, sie will mir nur mitteilen, dass heute nichts wird mit Schule, weil der Magen rebelliert. „Hurra! Die Käfersaison fängt an!“, jubelt es in mir drin. Der Jubelschrei fühlt sich irgendwie ähnlich an wie Magenschmerzen. 

Ich dämmere noch einmal weg, werde aber Momente später durch lautes Schimpfen geweckt. „Meiner“ und der FeuerwehrRitterRömerPirat sind wegen unerledigter Hausaufgaben aneinandergeraten. Ja, genau, die Hausaufgaben, nach denen ich gestern Abend vier- oder fünfmal gefragt habe und die angeblich nicht existierten. Also erst mal kein Adventsritual, sondern Kopfrechnen vor dem Frühstück, was natürlich nicht ohne Tränen geht, denn der FeuerwehrRitterRömerPirat hatte eigentlich damit gerechnet, sich heute Morgen als erstes mit seinem Adventspäckli beschäftigen zu dürfen. Irgendwann ist die letzte Zahlenmauer notdürftig gebaut, zwischen Tür und Angel zelebrieren wir noch so etwas wie ein Adventsritual. Zoowärter und Prinzchen bekommen sogar noch ihre Geschichte, doch dann ist Schluss mit lustig, denn es stellt sich heraus, dass das Prinzchen nicht heult, weil er heute kein Adventspäckli bekommt, sondern weil ihn das Fieber plagt. Na gut, immerhin muss ich ihn so nicht in den Kindergarten begleiten und kann noch im Pyjama bleiben, bis die gröbste Hausarbeit erledigt ist. Aber das muss jetzt schnell gehen, denn wenn die Käfer erst mal da sind, muss man stets damit rechnen, dass im Laufe des Tages die eine oder andere kreidebleiche Gestalt von der Schule nach Hause geschlichen kommt. Oder, dass es einen selber erwischt. 

Oh ja, der Advent ist da und wie jedes Jahr schert sich der Alltag einen Dreck darum. 

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Was habe ich mir dabei bloss gedacht?

„Bloss nicht wieder dieser elende Kleinkram“, dachte ich mir, als ich mir überlegte, wie wir das diesmal mit den Adventskalendern machen. Ich meine, 120 Kleinigkeiten, die dann doch nur irgendwo herumliegen, sind doch einfach zuviel. Nach einigem Nachdenken hatte ich einen Geistesblitz: Für jedes Kind ein etwas grösseres Geschenk, aufgeteilt auf 5 Päckli. Da bekommt man zwar nur an jedem fünften Tag etwas, dafür ist es auch etwas Rechtes. Und damit die anderen nicht ganz leer ausgehen, dürfen sie an den Tagen, an denen sie nichts bekommen, in den Topf mit Süssigkeiten greifen. Im letzten Moment kam dann noch ein verbilligter Türchen-Adventskalender dazu, bei dem das Kind, das am längsten nicht mehr dran war mit Auspacken, ein Türchen öffnen darf. Okay, das alles klingt jetzt ein wenig kompliziert, doch in meinen Augen grenzt das System an Perfektion.

In den Augen meiner Kinder jedoch habe ich kläglich versagt. Vor sieben Tagen schon ging der Streit über die Reihenfolge los und auch sonst liess kein Mitglied dieser verwöhnten Bande ein gutes Haar an meinem absolut durchdachten, gerechten und ethisch halbwegs vertretbaren Adventskalender. „Ich hätte lieber einen Adventskalender der drei Fragezeichen“, motzte der FeuerwehrRitterRömerPirat. „Muss ich dann meine Geschenke mit den anderen teilen?“, fragte der Zoowärter den Tränen nahe. Luise entdeckte den Inhalt ihrer Adventspakete lange vor dem ersten Advent und wies mich darauf hin, dass ich da noch ein paar Dinge vergessen hätte, weil sonst nichts aus der Sache werden könne. Das Prinzchen war der Verzweiflung nahe, weil er mein System nicht verstehen konnte und fürchtete, er werde am Ende mit Mädchengeschenken abgespeist. Karlsson war sich sicher, dass er „wie immer“ als letzter drankommen würde mit Auspacken, was das Los dann auch tatsächlich so entschied. Obendrein waren die Grossen äusserst unglücklich über meinen Entscheid, den Kleinen endlich auch einmal „Leone & Belladonna“ vorzulesen. Meine Erklärung, es könne doch nicht sein, dass Zoowärter und Prinzchen Mamas erstes Buch nicht kennen, verstanden sie zwar, doof fanden sie das trotzdem. Der Protest war so gross, dass ich mich vor einem Aufstand zu fürchten begann.

Das Gemotze hörte erst auf, als ich irgendwann mi weinerlicher Stimme sagte, ich hätte mir so grosse Mühe gegeben und es sei vollkommen unfair, dass sie auf meinem Adventskalender herumhacken, ehe sie in den Genuss seiner Überraschungen gekommen seien. Das wirkte. Begeisterung vermochten die Kinder zwar weiterhin nicht zu zeigen, aber immerhin sabotierten sie das erste Adventsritual dieser Saison nicht. Und nachdem sie den Inhalt von Prinzchens erstem Päckli gesehen haben, ahnen sie jetzt auch, dass ich wirklich keinen billigen Mist gekauft habe. Glaube – und hoffe – ich zumindest.

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Advent? Aber doch nicht jetzt schon?

Adventskalender für die Kinder? –  Alles bereit.

Adventskranz? – Seit einer Woche schon fertig. Ich hatte sogar Zeit, mir zu überlegen, ob ich noch etwas anderes machen will, weil Luise das Ding so hässlich findet.

Adventskalender für „Meinen“? – Ich hab’s tatsächlich wieder mal geschafft. 

Samichlaus? – Ist organisiert.

Geschenke für die Lehrer? – Noch nicht, aber immerhin schon eine vage Vorstellung, was es sein soll.

Adventskalender für mich? – Habe einen geschenkt bekommen und bin schon ganz gespannt, was sich darin verbirgt. 

Festliche Dekoration? – Ist auf gutem Wege.

Das obligate schlechte Gewissen? – Ist vorhanden, dieses Jahr sogar besonders ausgeprägt.

Adventsstimmung? – Hä? Wie bitte? Wir haben doch erst September, oder etwa nicht?

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Das hat man davon, wenn man zu langsam strickt…

Draussen liegt der erste Schnee und im Schrank liegt die Wolle, aus denen Zoowärters und Prinzchens neue Fäustlinge für den ersten Schnee hätten werden sollen. Die Wolle liegt noch dort, weil auf dem Klavier ein fast fertiger Strickschal für Luise liegt und dieser liegt noch dort, weil im Garten bis vor Kurzem ein Schutthaufen lag, von dessen Beseitigung sich meine Arme erst erholen mussten, ehe sie wieder stricken mochten. So kommt es, dass unsere zwei Jüngsten beim ersten Schnee keine Handschuhe haben, denn die vom letzen Jahr sind hin. Oder sind getrennte Wege gegangen. Oder haben die Motten zu nahe an sich herangelassen. 

„Kein Problem“, sagte ich, „ihr geht schon mal aus dem Haus und ich hole euch im Dorf neue Handschuhe, die ich dann auf dem Heimweg in der Schulgarderobe deponiere.“ Kein Problem? Von wegen! Im ersten Laden hatten sie gar keine Handschuhe, sondern nur samtweiche Winterpyjamas, flauschige Socken und Thermounterwäsche. Im zweiten Laden hatten sie Handschuhe. Fleece-Fäustlinge für Damen, Skihandschuhe für Herren, Fingerhandschuhe für Damen mit irgend so einem Touch-Dings im Zeigefinger, damit man beim Bedienen des Smartphones keine kalten Finger kriegt. Ach ja, Fleece-Fingerhandschuhe hatten die auch noch, für Damen und Herren. Und für Kinder? Nichts, zumindest nichts gegen kalte Hände, dafür kuschelige Hausschuhe mit Norwegermuster. 

Was also tun? Einen dritten Laden mit Handschuhen gibt es nicht in der Gehdistanz, die dringliegt, damit ich rechtzeitig zum Kaffee mit meiner Schwester wieder zu Hause bin. Ich habe also die Wahl, eine Rabenmutter zu sein, die ihren Kindern keine Handschuhe kauft, oder eine doofe Mama, die ihren zwei jüngsten Söhnen dunkelviolette Damen-Fäustlinge in die Jackentasche stopft. Ich entscheide mich für die Rolle der doofen Mama, denn an die gewöhne ich mich allmählich. Gut, die Rolle der Rabenmutter spiele ich in den Augen gewisser Leute ebenfalls bestens, aber davon ist jetzt nicht die Rede. Ich kaufe also zwei paar potthässliche, dunkelviolette Damenfäustlinge, wohl wissend, dass Zoowärter und Prinzchen damit ähnlich lächerlich aussehen werden wie wenn sie versehentlich in Papas Schuhen aus dem Haus gegangen wären. Was soll’s? Irgendwann werden wir darüber lachen. 

Nur eine Sache beschäftigt mich noch, als ich auf dem Heimweg bin: Warum um Himmels Willen kommen meine Söhne überhaupt auf die Idee, Handschuhe tragen zu wollen? Ist doch noch viel zu warm dazu…

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