Es ist mir ernst

Wenn ich sage, dass mir so langsam der Schnauf ausgeht, sage ich dies nicht, um zur Antwort zu bekommen: „Ich würde das ja nie durchhalten. Aber du schaffst das mit Links.“

Wenn man mich fragt, wie es mir so geht und ich antworte „Nicht besonders gut“, dann meine ich das auch so. Denn wenn es mir gut ginge, würde ich sagen, dass es mir gut geht.

Wenn ich sage, dass mir die Dinge manchmal über den Kopf wachsen, dann brauche ich keine Ratschläge im Sinne von „Du müsstest eben besser delegieren…“ oder „Du hättest die Sache eben anders angehen müssen…“ Nein, dann wäre ich ganz froh, wenn ich einfach mal erzählen könnte, dass es nicht immer einfach ist, Familie, Arbeit, Schreiben und Haushalt zu jonglieren, dass das Ganze zwar unglaublich viel Freude macht, dass es aber auch ganz schön an die Substanz gehen kann. Ein wenig Verständnis würde so viel mehr bringen als ein besserwisserisches „Du müsstest eben…“ Was ich müsste, weiss ich sehr wohl, aber ob das, was ich müsste auch in die Realität umgesetzt werden kann, liegt nicht alleine in meiner Hand.

Wenn ich sage, dass ich mich schwach fühle, dann ist es schmerzhaft, wenn man mir sagt, ich sei doch eine starke Frau, ich würde das schon alles hinkriegen. Muss man denn immer stark sein, bloss weil man offenbar – völlig unbeabsichtigt übrigens – das Bild einer starken Frau abgibt?

Wenn ich verkünde, dass ich mal wieder eine Pause brauche, dann meine ich dies nicht als Aufforderung, dass ich jetzt endlich Zeit habe für all die Dinge, die man auch noch gerne mit mir besprechen möchte. Nein, dann meine ich, dass ich mich mal wieder einen Moment lang hinsetzen möchte, um in Ruhe etwas zu trinken, ein wenig zu lesen oder meinen Gedanken nachzuhängen.

Wenn ich diesen Blog mal wieder als Jammerkasten missbrauche, dann tue ich dies nicht, um Mitleid zu erregen, sondern einfach darum, weil zu meinem Leben eben nicht nur die Höhepunkte, sondern auch die Tiefpunkte gehören. Würde ich diese aussparen, könnte man am Ende noch auf die Idee kommen, ich sei eine jener Frauen, die so tun, als hätten sie immer alles im Griff. Und weil ich das nicht habe, will ich auch nicht so tun als ob.

Testsieger

Es tut mir ja wirklich leid, aber euch allen, die ihr glaubt, gestresst zu sein, muss ich leider verkünden, dass wir Testsieger geworden sind. Seit heute tragen wir ohne nur einen Funken von Stolz die Auszeichnung „gestressteste Familie aller Zeiten“. Nun, offen gestanden habe ich gar nicht gewusst, dass wir im Rennen sind und wenn es nach mir gegangen wäre, hätte der heutige Tag genau das Gegenteil beweisen sollen, nämlich, dass ich durchaus in der Lage bin, dem Stress einen Riegel zu schieben, wenn ich denn nur mit genug Einsatz kämpfe. Aber ausgerechnet heute, als die Expertin zu Besuch war, musste mal wieder alles anders laufen als geplant: Ich kam erst von der Arbeit nach Hause, als die anderen das Mittagessen schon hinter sich hatten, „Meiner“ musste gleich wieder los, um der Putzfrau zu zeigen, wie sie die Teppiche im Familienzentrum reinigen muss und blieb hängen, weil die alten Sicherungen mit dem modernen Reinigungsgerät nicht klarkamen, schliesslich musste ich wieder los, um Unterlagen abzugeben und das bevor „Meiner“ wieder zurück war.

Als ich wieder nach Hause kam, war die Expertin bereits wieder weg, aber das Gehetze ging weiter, weil Luise zum Arzt musste, wo wir uns bestätigen liessen, was ich gestern schon geahnt hatte: Das Kind hat Scharlach. Kaum zu Hause angekommen ein Kontrollanruf der Expertin, der ich leider gestehen musste, dass ich soeben erst zur Tür rein gekommen sei und tatsächlich den ganzen Tag nur herumgerannt sei. Am Abend dann beim Abendessen das Urteil, das die Expertin dem Au Pair auf auf der Fahrt zum Bahnhof mitgeteilt hat: Es gibt viele Familien, die gestresst sind, aber keine ist so gestresst wie Vendittis. Diejenige, die das Urteil gefällt hat, dürfte wohl selbst am meisten darüber gestaunt haben, denn über Jahre wollte sie uns nicht glauben, dass „Meiner“ und ich momentan tatsächlich nicht das beschaulichste Leben führen. Sie glaubte wohl immer, es seien alles nur faule Ausreden, wenn wir behaupteten, ein Restaurantbesuch mit unserer Familie sei zurzeit nicht besonders gemütlich und auf einen Ausflug ins Shoppingcenter würden wir in der Vorweihnachtszeit jeweils auch ganz gerne verzichten.

Jetzt aber musste sie es wohl oder übel einsehen, dass das Leben in unserem Haus ganz schön anstrengend sein kann und ich nehme an, sie wird nicht so schnell wieder an einem ganz gewöhnlichen Montag bei uns zu Besuch kommen, meine Schwiegermutter.

Ungeniessbar

Da bin ich mal wieder, an dem altbekannten Punkt, an dem ich nie sein will, an dem ich aber unweigerlich lande, wenn meinem unausgeglichenen Temperament die Ruhe fehlt, um sich hin und wieder abzukühlen. Zu viel Zeit auf dem Bürostuhl, zu wenig auf dem Sofa, zu viele Gespräche am Telefon, zu wenige mit denen, die da um mich herum sind, zu viel Gehetze von hier nach da, zu wenige Atempausen und schon bin ich wieder die alte, ungeduldige und gereizte Mama Venditti, die ich schon immer war, wenn die Balance nicht stimmte. Eigentlich war ich schon so, bevor ich Mama war und Venditti hiess und schon damals war mir klar, dass es grundverkehrt ist, die eigenen Kräften so schlecht einzuteilen, dass man am Ende jene, die man liebt, nur noch anschnauzt.

Das das nicht in Ordnung ist, wusste ich schon damals, als ich Morgen für Morgen meine Eltern anmotzte und fünf Minuten später fröhlich lachend mit meinen Schulfreunden unterwegs war. Ich wusste es auch, als ich bei der Arbeit allen Frust herunterschluckte und freundlich blieb und dann, kaum zu Hause angekommen, allen Ärger an „Meinem“ ausliess. Ich weiss es auch heute, wo ich schlicht ungeniessbar bin, weil ich meinen ganzen Vorrat an Freundlichkeit und Liebenswürdigkeit am gestrigen Tag der offenen Tür verpufft habe. Ich weiss, dass jetzt der Zeitpunkt gekommen wäre, um mir mal wieder eine ausgiebige Pause zu gönnen, alle Pflichten für einige Tage beiseite zu schieben und mich voll und ganz auf die Menschen einzulassen, die ich liebe. Und das möchte ich auch, türmte sich da nicht die Arbeit auf meinem Schreibtisch und in meinem Kopf. Klar, ich werde versuchen, es in den nächsten Tagen besser zu machen, ausgeglichener und freundlicher zu sein, aber ich weiss, dass es mir, wie seit Jahren schon, nur zum Teil gelingen wird. Denn so sehr ich es auch möchte, ich kann nicht aus meiner Haut. Und deshalb wird mir nichts anderes übrig bleiben, als mich einmal mehr zu entschuldigen, die Selbstvorwürfe in die Schranken zu weisen und darauf zu hoffen, dass diejenigen um mich herum nicht aufhören, mich trotz meiner Macken zu lieben.

Wild West

Als ich die zwei Schachteln die Treppe hochschleppte, die der Paketpöstler heute kurz vor Mittag bei uns im Eingang deponiert hatte, war ich mir sicher, dass darin die Bürostühle waren, die ich vor einiger Zeit ersteigert hatte. Der Aufdruck auf den Kartons sprach dafür, dass es so war, wie ich vermutete: „Bürosstuhl – FY-250-2FA rot 4“. Auch als ich den Inhalt beider Schachteln vor mir im Flur auf dem Boden liegen sah, schöpfte ich noch keinen Verdacht, dass ich mich geirrt haben könnte. Und so machte ich mich gleich daran, die Dinger zusammenzuschrauben. Solche Arbeiten müssen bei uns sofort erledigt werden, bevor das Prinzchen auf dumme Gedanken kommt und die Schrauben in alle Himmelsrichtungen verstreut.

Also schraubte ich, anstatt die Küche aufzuräumen und bald schon standen sie da, die zwei nagelneuen Bürostühle, die demnächst an meinem Arbeitsplatz stehen werden. Nach getaner Arbeit zog ich mich in die Küche zurück, um nun doch noch ein wenig Hausfrau zu spielen. Später dann würde ich die Bürostühle ins Familienzentrum bringen. Doch als ich aus der Küche kam, waren da keine Bürostühle mehr. Dafür aber zwei kräftige Pferde, das eine versehen mit Zügeln – die ich Kleingeist für Verpackungsschnüre gehalten hatte – das andere zwar ohne Zügel, dafür aber mit einem Reiter auf dem Rücken, der eine Verpackungsschnur –  äh, Pardon, einen Morgenstern natürlich – schwang. Der andere Reiter zielte mit einer Pistole auf mich und fast wäre ich erschossen worden, denn in meiner Beschränktheit hielt ich die Pistole für den Inbusschlüssel, den ich eben noch in den Händen gehalten hatte, um die Schrauben anzuziehen. Gerade rechtzeitig noch konnte ich mich in Deckung bringen, ehe der eine der Cowboys mich zur Strecke gebracht hätte.

Nachdem ich mich von meinem Schrecken erholt hatte, versuchte ich, mir die zwei Cowboys zu Freunden zu machen. Ich meine, was wäre das für ein Leben, wenn man sich nicht mal mehr in den eigenen vier Wänden frei und unbeschwert bewegen könnte, aus Angst, von einem Cowboy angegriffen zu werden? Und bis zur Abstimmung vom 13. Februar warten, wenn die Waffen hoffentlich aus den Haushaltungen verschwinden werden, war mir zu blöd. Also versuchte ich, die beiden wilden Kerle in ein Gespräch zu verwickeln. Und siehe da: Sie liessen sich auf mich ein, erzählten mir von ihrem rauhen Leben im Wilden Westen, von ihren Pferden, die ganz brav seien und von ihren Waffen, die sie bräuchten, um sich gegen all das Böse zu verteidigen, das in der Wüste bekanntlich hinter jedem Kaktus lauert. Am Ende posierten sie gar für ein Erinnerungsbild.

Anfangs war ich ja fürchterlich stolz darauf, dass ich einfach so nach dem Mittagessen ein Bild von echten Cowboys auf echten Pferden schiessen konnte, aber je länger ich es mir überlege, umso mehr fürchte ich, dass ich mich vielleicht habe reinlegen lassen und dass das in Wirklichkeit gar keine Cowboys waren, sondern zwei kleine Jungs, die mal schnell ausprobieren wollten, ob man Bürostühle auch für Spannenderes gebrauchen könne, als darauf zu sitzen, in den Bildschirm zu starren und zu murmeln „Psst, seid mal still, ich muss jetzt arbeiten“.

Keine Petersilie

Okay, ich hatte ja gehofft, ihr würdet mir vorschlagen, dass ich mir Petersilie in die Ohren stopfe, um dem ewigen Lärm bei uns im Hause ein Ende zu setzen. Dann hätte ich endlich mal gewusst, wohin mit der Petersilie, die mir auch in meinem reifen Alter noch immer nicht schmecken will. Aber die Mehrheit von euch ist der Meinung, dass ich in Zukunft nur noch flüstern soll. Nun, ich habe da so meine Zweifel, ob das gut kommt, denn flüstern, wenn sechs andere Krawall machen, kann ziemlich anstrengend sein.

Aber rebellisch wie ich nun mal tief in meinem Inneren bin, werde ich ohnehin nicht tun, was ihr mir vorschlägt, auch wenn ich euch ausdrücklich nach eurer Meinung gefragt habe. Für die kommenden Tage probiere ich es mal mit dieser Methode: Halsschmerzen, die mich nicht nur am Reden, Lachen und Herumbrüllen hindern, sondern auch am Essen, was mir momentan ganz gelegen kommt, habe ich doch in den vergangenen Wochen mal wieder zu tief in den Teller geschaut. Mit diesen Halsschmerzen hoffe ich zu erreichen, dass es bei Vendittis endlich stiller wird. Denn um eine arme leidende Mama herum darf man doch einfach nicht laut sein. Jetzt muss ich nur noch herausfinden, wie ich es hinkriege, dass die Kinder bei all dem Lärm mein Stöhnen und Jammern hören können, damit hier mal endlich wieder himmlische Ruhe einkehrt.

Ach, à propos Halsschmerzen: So langsam scheine ich in meinem neuen Job Tritt zu fassen. Montag bis Freitag arbeite ich bis zum Umfallen, am Wochenende lasse ich mich von irgend einem Virus ins Bett zwingen, damit ich am Montag wieder frisch ausgeruht Raubbau an meiner Gesundheit und an meinen Nerven treiben kann.

Abhanden gekommen

Es gab eine Zeit, da war diese Arbeit mein täglich Brot: Unverständliche Texte verständlich machen, stets gleiches Geschehen so präsentieren, dass doch noch eine neue Facette zum Vorschein kommt, die den Leser vielleicht interessieren könnte, mit möglichst wenigen, klaren Sätzen möglichst viel Inhalt weitergeben. Die völlig unspektakuläre Arbeit des Lokaljournalisten, wenn er mal wieder keine packende Geschichte hat aufspüren können. Alltagstrott also.

Es ist lange her, seitdem ich auf einer Redaktion gearbeitet habe, aber was man mal gelernt hat, das wird man immer können. Glaube ich zumindest. Und so zögere ich keinen Moment, wenn man mich fragt, ob ich einen kurzen Zeitungsbericht über dies und jenes verfassen könne. Ist doch ein Klacks, denke ich mir dann jeweils. Wer täglich bloggt – auch dann, wenn Luise mit Blinddarmentzündung im Spital liegt oder fünf kleine Vendittis mich mal wieder an den Rand des Nervenzusammenbruchs treiben – und sich hin und wieder Zeit freischaufelt, um an umfangreicheren Texten zu arbeiten, der wird doch wohl auch ein paar Sätze über ein Weihnachtskonzert oder über einen Anlass in der Kirchengemeinde aus dem Ärmel schütteln können.

Aber genau das will mir einfach nicht mehr gelingen. Gebt mir den Auftrag, euch zwei Seiten mit meinen Gedanken zur Waffeninitiative, über die wir Mitte Februar abstimmen dürfen, zu schreiben und ich liefere euch drei. Bittet mich darum, euch ein paar absurde Müsterchen aus dem Alltag einer durchgeknallten Mama zu schildern und ich werde gar nicht mehr aufhören können mit erzählen. Fragt mich, ob ich einen Einspalter über die Einweihung eines neuen Parkplatzes schreiben kann. Ich werde ja sagen, weil ich ja noch immer dem Irrglauben anhänge, ich könnte das. Aber dann, wenn ich ja gesagt und eure Einweihung besucht habe, werde ich stundenlang mit leerem Blick vor dem Bildschirm sitzen, hin und wieder ein Sätzchen herauswürgen, das ich unzählige Male drehe und wende, ehe ich es wieder lösche und irgendwann werde ich völlig entnervt irgend einen Mist zu Papier bringen, den ich, am liebsten unter Angabe eines falschen Namens, verschämt der Redaktion zukommen lasse, die das Zeug dann gnädigerweise publiziert.

Ich hätte es nie für möglich gehalten, aber je mehr ich schreibe, umso mehr kommt mir abhanden, was jeder Journalist im Schlaf können muss, nämlich Bericht erstatten.  Ich vermute, meine Zeiten auf der Redaktion werden nie wieder kommen. Offen gestanden bin ich gar nicht so unglücklich darüber. Denn wenn ich daran denke, wie ich wieder mit leerem Blick auf den Bildschirm starren werde, wenn dieser Text zu Ende ist und ich denjenigen herauswürgen werde, den ich zu schreiben versprochen habe, dann wird mir klar, dass ich keine Journalistin mehr, sondern einfach eine  Schrei(b)ende bin.

Umbruch

Wie so oft im Leben, kommen bei uns mal wieder alle Veränderung auf einmal. Und darum sieht unsere To Do-Liste momentan etwa so aus:

Zimmereinrichtung für Zoowärter und FeuerwehrRitterRömerPiraten auftreiben und dabei auch noch eine Kleinigkeit für Luise und Karlsson erstehen, weil die sonst wieder motzen, die Kleinen würden viel mehr bekommen als sie.

All den alten Krempel in den Kinderzimmern ausmisten, damit der Zoowärter sein eigenes Zimmer bekommen kann.

All den alten Krempel aus dem Büro ausmisten, damit ich mein Büro im Familienzentrum einrichten und gleichzeitig das Büro zu Hause wieder begehbar machen kann.

All den alten Krempel aus dem Keller räumen, damit der alte Krempel aus der Waschküche in den Keller geräumt werden kann, damit in der Waschküche Platz für die Sauna entsteht.

Den alten Krempel, der gar kein Krempel, sondern noch brauchbar ist, ins Familienzentrum bringen. Den restlichen alten Krempel entsorgen.

Die Waschmaschine im Obergeschoss reparieren lassen, damit die Waschmaschine in der Waschküche nicht mehr so viel gebraucht wird, damit wir die Wäsche nicht mehr unten, sondern oben aufhängen können, damit die Sauna mehr Platz hat.

Die Waschküche rosarot streichen, damit ich mich in dem muffeligen Raum ganz wie zu Hause fühle.

Die Suche nach einem neuen Au Pair intensivieren, da noch immer niemand in Sicht ist, der sich die Bändigung von fünf kleinen und zwei grossen Vendittis zutraut.

Die Unterlagen von einem Jahr Projektarbeit sichten, das Brauchbare ins Familienzentrum übernehmen, den Rest unter „Fehler, die ich nie mehr machen werde“ archivieren.

Ricardo durchforsten nach a) einem neuen Bett für „Meinen“ und mich, weil das Alte nur noch auf drei Beinen steht, b) nach Möbeln für das Familienzentrum und c) nach Möbeln für die Kinderzimmer (siehe oben).

Falls bei Ricardo nicht fündig geworden Ikea-Katalog durchforsten nach a) siehe oben, b) siehe oben, c) siehe oben und d) nach all den schönen Dingen, die kein Mensch braucht und die man sich dennoch hin und wieder gerne anschaut.

Alles, was bei Ricardo ersteigert wurde, abholen und dabei aufpassen dass ich a) nichts vergesse und dadurch Verkäufer verärgere b) nicht zu viel Zeit mit in der Gegend herumirren verliere und c) nicht plötzlich die Dinge, die ich privat ersteigert habe, ins Familienzentrum bringe und umgekehrt.

Das sind die kleinen Brocken. Der grosse wäre:

Dem Familienzentrum vom Papier in die Realität verhelfen, damit es am 1. März eröffnet werden kann. Zum Glück muss ich die Sache nicht alleine schaffen, sondern kann auf sehr viel Hilfe zählen.

Und dann gibt es da noch ein paar besonders schöne und wertvolle Dinge, die auf gar keinen Fall vergessen gehen dürfen:

Am Donnerstag den vierten Geburtstag des Zoowärters feiern.

Mit „Meinem“ neue Wege ausfindig machen, weil sich ihm jetzt, wo ich berufstätiger als auch schon bin, ganz neue Perspektiven eröffnen.

Unsere neue Nichte kennen lernen und mit Luise rosarote Babykleidchen shoppen gehen, weil wir jetzt endlich mal wieder ein Opfer haben, das wir mit Kitsch überhäufen können.

Die letzten Wochen mit dem Au Pair geniessen und verdrängen, dass sie schon sehr bald nicht mehr Teil unserer Familie sein wird.

Überlegen, ob wir wirklich im Sommer mit der ganzen Horde nach Prag fahren und dann noch eine Woche Veloferien anhängen sollen.

Und dann noch die schwierigste Herausforderung von allen:

Herausfinden, wo man bei all den Dingen noch die Zeit zum Nachdenken und zum Schreiben finden soll.


Zauberwort

Zuweilen kommt es mir vor, als sei eine halbe Ewigkeit vergangen, seitdem ich unzählige Stunden durch den Wald geirrt bin auf der Suche nach mir selber. Dabei sind kaum mehr als achtzehn Monate vergangen seither. In den Jahren, in denen ich ein Kind nach dem anderen bekommen hatte, war ich mir irgendwie abhanden gekommen und weil man nach der Geburt der Kinder nicht mehr die Gleiche ist wie vorher, dauerte es zumindest bei mir eine ganze Weile, bis ich wusste, wonach ich überhaupt suchen musste. „Meiner“ half mir zwar bei der Suche, wo immer er konnte, aber am Ende ging es doch nicht ohne die Einsamkeit, die Stille. Und so ergriff ich jede nur erdenkliche Gelegenheit, um durch den Wald zu streifen und nachzudenken. Und zu heulen. Und dem Himmel mein Elend zu klagen. Denn auch wenn ich eine glückliche Ehefrau und Mutter war, ein glückliches Ich war ich nicht.

Ich weiss nicht, wie oft ich so unterwegs war. Ich weiss auch nicht, wie oft ich meinen Frust über die konstante Überforderung, eine gute Hausfrau und Mutter zu sein, aber auch meine Trauer über die konstante Unterforderung, dass ich meine Fähigkeiten nicht einsetzen konnte, zum Himmel schrie. Und zum Glück weiss ich nicht, ob andere Spaziergänger mich jeweils gehört haben. Dass der Himmel mich gehört hat, das weiss ich, sofern man hier überhaupt von Wissen reden kann. Anders kann ich es mir nicht erklären, dass sich nach der Zeit des Umherirrens eine Türe nach der anderen öffnete. Es war wie im Märchen: Eben noch hatte ich mich gefühlt, als stünde ich vor dem absoluten Nichts und plötzlich waren meine Hände voll mit Gutem. Mit Dingen, die ich nie zu träumen gewagt hätte und die doch genau dem entsprachen, wovon ich stets geträumt hatte. Ich war erfüllt und zufrieden wie noch selten zuvor in meinem Leben, mein Bedürfnis, in den Wald und in die Stille zu flüchten verschwand fast gänzlich und ich wollte nichts anderes mehr, als vorantreiben, was mir da so unvermittelt in den Schoss gefallen war.

Wäre das Leben ein Märchen, dann wäre die Geschichte hier zu Ende. Aber das Leben ist kein Märchen, zumindest keines, in dem man nach Bestehen der Prüfungen glücklich und sorglos in Saus und Braus lebt. Dann schon eher eines jener Märchen, in denen das Gute in falsche Hände gerät – das Pfännchen, das Brei kocht in die Hände einer reichen Frau, die ohnehin genug zu Essen hat, zum Beispiel –  dann geht das Zauberwort vergessen und schliesslich nimmt das Gute so lange kein Ende mehr, bis es nicht mehr gut, sondern einfach nur zu viel und zu belastend ist.

Nun, ich möchte nicht so weit gehen, zu behaupten, das Gute in meinem Leben sei in die falschen Hände geraten, denn das eine oder andere erscheint mir, als wäre es genau auf mich zugeschnitten worden. Was mir aber inzwischen klar geworden ist: Ich habe das Zauberwort vergessen, mit dem ich das Ganze in erträgliche Schranken weisen kann. Ich weiss, dass es dieses Wort geben muss, aber zurzeit ist mir nicht ganz klar, welches es denn ist. Stop? Oder eher Nein? Oder vielleicht auch Mach du doch mal ? Lautet es Das kann ich nicht, oder vielleicht eher Das muss ich nicht? Müsste es heissen Nicht mit mir oder genügt ein kurzes und knappes Morgen dann wieder? Oder geht es am Ende nur noch mit Schluss jetzt. Es reicht. Ich schmeiss den Bettel hin?

Eigentlich ist es ja furchtbar peinlich, dass ich mich nicht mehr an das Zauberwort erinnern kann, wo ich mir doch beim letzten Mal, als ich an diesem Punkt war, fest vorgenommen hatte, es nie wieder zu vergessen. Aber so ist es nun mal mit mir: Ich lerne langsam und vergesse schnell, zumindest wenn es darum geht, die Lektionen des Lebens zu lernen. Und so kommt es, dass meine Sehnsucht nach ein paar einsamen Stunden im Wald wieder wächst. Ob ich dort das Zauberwort finden würde?

So kann man das auch sehen

Gestern Abend beklagte sich Luise darüber, ich würde zu viel arbeiten. Auch „Meiner“, meine Mutter und das Au Pair winken stets mit irgend welchen Zaunpfählen in der Gegend rum, um mich darauf aufmerksam zu machen, dass es so langsam aber sicher reicht. Und mein Körper, dieser Schwächling, muckt auch alle paar Wochen auf, mal mit Magen-Darm-Seuche, dann wieder mit Husten und Schnupfen. Bei so viel Gemecker kommt man nicht umhin, sich Gedanken zur eigenen Arbeitshaltung zu machen und schliesslich kam ich zum Schluss, dass es tatsächlich etwas viel geworden ist. Und so kam es, dass ich heute beim Frühstück mehr zu mir selber als zu den Kindern sagte: „Es stimmt ja schon, ich arbeite einfach zu viel.“ Karlsson und Luise nickten zustimmend, aber der FeuerwehrRitterRömerPirat sah das etwas anders: „Nein Mama, das stimmt nicht“, widersprach er. „Du arbeitest nicht zu viel, du machst einfach zu kurze Pausen.“

So kann man das natürlich auch sehen. Und vielleicht könnte man ja sogar mehr leisten, wenn die Pausen etwas länger wären?

Lernen

Neues Jahr, neuer Job, neue Lektion zu lernen: Abschalten, wenn die Arbeit getan, das Pensum erfüllt ist. Den Job hinter mir lassen und voll und ganz Mama sein. Mit „Meinem“ über das ganze Leben reden, nicht nur über die Arbeit. Zeiten der Stille finden und diese nicht mit Gedankenarbeit füllen. Dem Schreiben Raum geben und es mir nicht nehmen lassen durch alles, was so dringend erledigt werden will. Das Leben geniessen, wenn sich ein Moment dazu bietet. Kurz: Ich sein, mit allem, was mich ausmacht, nicht nur mit meiner Arbeit.

Gar nicht so einfach, wie ich das in Erinnerung hatte.