Sommerabend

Am einen Nebentisch prahlt ein zwielichtiger Kerl in breitem Basler Dialekt mit seinen unsauberen Geschäften, am anderen Nebentisch behauptet ein eingebildeter Schnösel, Krankenpflege sei etwa ähnlich anspruchslos wie bei Lidl die Kasse zu bedienen, etwas weiter vorne grölen Fussballfans. Der überteuerte Apéroteller kommt mit Bergen von leicht verfärbtem Fleisch, ein paar gummiartigen Käsewürfeln und blassen Baguettes, die den Vakuumbeutel eben erst verlassen haben, daher. Beim Spaziergang durch die Stadt musst du aufpassen, dass du den Italien-Fans, die in den Strassencafés gebannt vor dem Bildschirm sitzen, nichts durchs Bild läufst und beim Bezahlen im Parkhaus findest du dich plötzlich von einem Trupp schnatternder Mittfünfzigerinnen umringt, die eben aus dem Kino gekommen sind und sich über den Film austauschen müssen. (In Unkenntnis des aktuellen Kinoprogramms habe ich auf Nicholas Sparks getippt, aber nachdem ich nachgeschaut habe, bin ich ziemlich sicher, dass es Jojo Moyes gewesen sein muss.)

Wäre da nicht dieser traumhaft schöne Sommerhimmel und dieser hinreissende Mann, den ich im Schuljahrsendspurt kaum je zu Gesicht bekomme und den ich jetzt endlich wieder einmal ganz für mich habe, dann könnte man diesen Abend als vergeudete Zeit abtun. So aber ist er etwas vom Schönsten, was ich in den vergangenen Wochen erlebt habe.

Na ja, das Ganze hätten wir auch im eigenen Garten mit weniger Lärm und für fast gar kein Geld haben können. Wir hätten bloss warten müssen, bis die Meute schläft.

War vielleicht doch besser, dass wir nicht zu Hause geblieben sind. Den letzten Nachtschwärmer habe ich kurz nach der Heimkehr so gegen zwanzig nach elf erwischt…

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Vertrauensselig

Wäre ich die Mutter eines seiner Schüler, hätte ich erst mal ungläubig den Kopf geschüttelt ob der Nachricht, die Schulreise finde heute statt. Dann hätte ich alle verfügbaren Regenkleider im Haus zusammengesucht und einen Reiseproviant zusammengestellt, der ganz bestimmt ohne Feuer auskommt. Vielleicht hätte ich dabei leise gebrummt, der Lehrer habe sie doch nicht mehr alle.

Weil ich nicht die Mutter eines seiner Schüler bin, sondern die Frau, die seit mehr als zwei Jahrzehnten mit ihm durchs Leben geht, habe ich versucht, ihm die Sache auszureden. „Hast du dir die Wetterprognose denn nicht angeschaut?“, fragte ich. „Natürlich habe ich“, versicherte er mir. „Es heisst, in der Gegend, wo wir hingehen, werde es genau anderthalb Stunden lang regnen.“ „Ich verstehe ja nicht viel von Meteorologie“, entgegnete ich mit hochgezogenen Augenbrauen, „aber ich habe gelesen, in diesen Tagen sei es ausgesprochen schwierig, vorherzusagen, wo der Regen niedergehen wird. Blas die Sache ab, es ist viel zu nass.“ Natürlich hörte er nicht auf mich. Warum auch? Das Schuljahresende steht vor der Tür und wenn seine Schüler überhaupt noch in den Genuss einer Schulreise kommen sollen, bleibt nicht mehr viel Zeit. Erst recht nicht, wenn die Wetterpropheten, die in naher Zukunft keine namhafte Wetterbesserung sehen, recht behalten. „Meine Schüler sind walderprobt. Denen macht ein bisschen Regen nichts aus“, sagte er und ging heute Morgen wie geplant mit ihnen los.

Natürlich regnete es Bindfäden. Bei uns zu Hause fast den ganzen Tag, dort wo er war angeblich nur zwei Stunden. Sie hätten trotzdem viel Spass gehabt, hätten sogar ein Feuer gemacht und die Eltern hätten ihre Kinder in nahezu trockenem Zustand wieder in Empfang nehmen können. „Ich hab‘ dir doch gesagt, meine Schüler sind walderprobt“, meinte er triumphierend.

Einen Moment lang überlegte ich, ob ich unsere Freunde, die in der Gegend wohnen, fragen soll, ob sie heute tatsächlich so viel weniger Regen hatten als wir, liess es dann aber bleiben. Stattdessen ging ich in die Migros, kaufte ihm eine Schachtel Pralinen und überreichte sie ihm als Auszeichnung. Immerhin ist er der einzige Mensch, der hierzulande noch gutgläubig genug ist, um einer Wetterprognose zu trauen, die behauptet, es werde gerade mal anderthalb Stunden am Tag regnen. Und vermutlich auch der einzige Lehrer, der den Mumm hatte, heute auf Schulreise zu gehen. 

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Nur der Feinschliff fehlt noch

Eigentlich wäre er dazu ausersehen gewesen, ein richtiger süditalienischer Macho zu werden, doch zum Bedauern seiner Verwandtschaft liessen ihn Fussball und schnelle Autos kalt, lautes Prahlen war auch nicht sein Ding und nachdem er im frühen Kindesalter Farbstifte und Papier für sich entdeckte, ging es nur noch bergab mit ihm.

Mit sechzehn färbte er sich die Haare in verschiedenen Rottönen.

Mit siebzehn schleppte er eine Schweizerin an.

Mit knapp zwanzig entschied er sich, Primarlehrer zu werden, anstatt einen Beruf zu wählen, bei dem man den ganzen Tag wichtigtuerisch in Anzug und Krawatte herumstolzieren konnte.

Mit einundzwanzig trat er aus der katholischen Kirche aus.

Mit vierundzwanzig reiste er im Sommer lieber nach England als nach Italien.

Mit vierunddreissig war er Vater von fünf Kindern, obschon seine Mama ihm geraten hatte, nach zwei damit aufzuhören.

Und was für ein Vater er war. Einer, der sich nicht genierte, nachts aufzustehen, seinem Nachwuchs die Windeln zu wechseln und bei den Hausaufgaben zu helfen. Einer der seine Männlichkeit nicht in Frage gestellt sah, wenn er im Kochtopf rührte oder mit dem Staubsauger durch die Wohnung wetzte.

Für seine Verwandtschaft blieb er ein Rätsel, auch wenn sich mit der Zeit eine gewisse Bewunderung bemerkbar machte, denn auch in Süditalien sind Machos inzwischen nicht mehr so gefragt. 

Für seine Frau ist er ein Glücksfall, denn sie kann sich darauf verlassen, dass er, wenn sie ausser Hause ist, den Karren zieht. Anders als sie zwar, aber ganz bestimmt nicht schlechter. (In den meisten Fällen sogar besser, wenn man mal von den ewigen Streitereien mit seiner einzigen Tochter absieht.) Inzwischen spielt es eigentlich keine Rolle mehr, ob sie oder er zu Hause ist.

Na ja, es spielt fast keine Rolle mehr. Er muss nur noch lernen, wie die richtige Antwort lautet, wenn sie nach einem langen Arbeitstag nach Hause kommt und fragt, ob die Kinder am nächsten Tag Sporttag haben.

Seine Antwort: „Sporttag? Keine Ahnung. Die Kinder haben nichts davon gesagt.“ Und das natürlich um eine Zeit, als nachfragen bei den Knöpfen nicht mehr möglich ist, weil alle schon tief und fest schlafen. (Proviant kaufen ginge übrigens auch nicht mehr, da nicht mal mehr Tankstellenshops offen sind.)

Die richtige Antwort hätte gelautet: „Nein, der Sporttag findet morgen nicht statt. Ich hatte es ja schon geahnt, denn die Wetterprognose ist wirklich mies. Und meine Vermutung hat sich mit dem Elternbrief, den die Kinder nach Hause gebracht haben, bestätigt. Was eigentlich schade ist, denn selbstverständlich habe ich bereits den ganzen Proviant für den morgigen Tag eingekauft.“

So müsste das eigentlich laufen, aber wenn man bedenkt, dass er eigentlich dazu ausersehen gewesen wäre, ein südländischer Macho zu werden, wollen wir mal grosszügig über diesen Schnitzer hinwegsehen.

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(Nicht so) ganz spontan

Vier von fünf Kindern schlafen auswärts und der Eine, der zu Hause bleibt, ist erstens alt genug, um ein paar Stunden ohne uns auszukommen und findet zweitens die Vorstellung, mal von allen in Ruhe gelassen zu werden, äusserst reizvoll. Also die Gelegenheit für „Meinen“ und mich, mal spontan wegzugehen. 

Spontan? Wir zwei? Aber sicher doch!

Sobald wir unseren Streit, ob wir zu Hause oder auswärts essen wollen, beigelegt haben.

Und uns drei halbe Filmtrailer angeschaut haben, um zum Schluss zu kommen, dass uns die freie Zeit fürs Kino zu schade ist.

Und einander gegenseitig die Schuld daran zugeschoben haben, dass es jetzt schon zu spät ist für die Sauna.

Und darüber lamentiert haben, dass wir von dem andauernden Alltagsgeplänkel so geschafft sind, dass wir jetzt eigentlich gar keine Lust mehr haben, aus dem Haus zu gehen.

Und einander auf dem Parkplatz im Auto zehn Minuten lang angeschwiegen haben, weil wir jetzt beide so mies drauf sind. 

Und… Naja, ihr könnt euch ja ausmalen, wie solche ehelichen Streitigkeiten etwa ablaufen. 

Eins nur hält uns davon ab, die Übung abzublasen: Der Eine, der heute nicht auswärts übernachtet, wäre masslos enttäuscht, wenn er nicht mindestens zwei Stunden sturmfrei hätte.  

Nicht der romantischste Grund, um gemeinsam auszugehen, aber immerhin eine Motivation, einen am Ende doch noch ganz netten Abend zu zweit zu verbringen.

  

Nicht mehr die gleiche Zielgruppe

Da „Meiner“ und ich fast auf den Tag genau gleich alt und schon mehr als das halbe Leben miteinander unterwegs sind, haben wir nicht nur viele entscheidende Schritte – Matura, Berufswahl, erwachsen werden, …- gemeinsam unternommen, wir gehörten offenbar auch über viele Jahre der gleichen Zielgruppe an. Die Banken bewarben sich um die Anlage unseres nicht vorhandenen Vermögens, die Versicherungen bemühten sich darum, Dinge, abzusichern, die sich in Wirklichkeit nicht absichern lassen, alle anderen führten uns in den schillerndsten Farben vor Augen, was wir für unser Glück und das Glück unserer Kinder so alles brauchen. Nur ganz selten einmal kam es vor, dass sie uns mit unterschiedlichen Strategien zu bezirzen versuchten und einmal bestand der Kerl, der uns ein „Weltwoche“-Abo aufschwatzen wollte, doch tatsächlich darauf, das „Nein“ aus dem Munde meines Herrn Gemahl zu vernehmen, ehe er von uns abliess, doch das erstaunt bei diesem Blatt ja nicht wirklich. Im Grossen und Ganzen aber hatten sie in ihren Bemühungen, uns das Geld aus dem Sack zu ziehen, uns gemeinsam im Visier.

Seitdem wir – natürlich wieder fast gleichzeitig – die Vierzig überschritten haben, fahren die Werber nun aber plötzlich getrennte Strategien. „Meiner“ ist jetzt offenbar in dem Alter angekommen, in dem man von Männern erwartet, sich um ihre Gesundheit zu sorgen. Fast täglich landen an ihn adressierte Gesundheitsbroschüren und Bettelbriefe, in denen er gebeten wird, doch bitte einen Beitrag zur Erforschung einer seltenen Krankheit zu leisten, im Briefkasten. Damit er auch ganz sicher etwas springen lässt, versucht man, ihn mit Lupen, Tischkalendern, Kugelschreibern und anderem Kram zu ködern. Mir hingegen wird gar nichts geschenkt, ich bekomme nur plötzlich haufenweise Kataloge, die von vorne bis hinten voll sind mit sündhaft teuren geblümten und gerüschten Dingen, mit denen ich mein trautes Heim auf meine alten Tage hin hübsch herrichten soll. Also nichts mehr mit gleicher Zielgruppe. Während er sich gefälligst um seine Gesundheit kümmern soll, wird es für mich Zeit, mir einen romantischen Mikrokosmos aufzubauen, in dem ich irgendwann mit dem pastellfarbenen Hintergrund verschmelzen würde, so ich denn  endlich einsichtig wäre und mich meinem hohen Alter entsprechend dezent pastellfarben kleiden würde. 

Ach ja, da ist noch so eine Sache, in der wir nicht mehr ganz gleich sind, „Meiner“ und ich. Während er zuweilen doch tatsächlich noch als „jung und gut aussehend“ bezeichnet wird, hat man mir heute – unter wortreichen Beteuerungen, ich sei natürlich noch längst nicht alt – eine Brille mit einer Vorstufe von Gleitsichtgläsern verkauft. 

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Definitionen

Wenn man Kinder hat, bekommen gewisse Wörter eine ganz neue Definition. Hier ein paar Beispiele:

Kind

Defintion Duden (Auszug):
1. Noch nicht geborenes, gerade oder vor noch nicht langer Zeit zur Welt gekommenes menschliches Lebewesen; Neugeborenes, Baby, Kleinkind
2. Mensch, der sich noch im Lebensabschnitt der Kindheit befindet (etwa bis zum Eintritt der Geschlechtsreife), noch kein Jugendlicher ist; noch nicht erwachsener Mensch

Definition Eltern:
1. Über alles geliebter, grenzenlos begabter, bildhübscher und nahezu vollkommener Mensch, ohne den man sich sein Leben nicht mehr vorstellen könnte 
2. Kleines Monster, das einen so spielend zur Weissglut treibt wie sonst niemand auf diesem Planeten

Liebe

Definition Duden (Auszug):
1. Starkes Gefühl des Hingezogenseins; starke, im Gefühl begründete Zuneigung zu einem (nahestehenden) Menschen
2. Auf starker körperlicher, geistiger, seelischer Anziehung beruhende Bindung an einen bestimmten Menschen, verbunden mit dem Wunsch nach Zusammensein, Hingabe o. Ä.
3. Sexueller Kontakt, Verkehr

Definition Eltern:
1. Kind
2. Kind
3. Kind
4. Kind
5. Kind
6. Kind
7. Kind
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102. Partner, so man sich denn mal sieht vor lauter Kind

Freizeit

Definition Duden:
Zeit, in der jemand nicht zu arbeiten braucht, keine besonderen Verpflichtungen hat; für Hobbys oder Erholung frei verfügbare Zeit

Definition Eltern:
1. Zeit, in der jemand so geschafft ist, dass er nicht mehr in der Lage ist, seinen Verpflichtungen (Wäscheberge, Steuererklärung, Geschirrspüler ausräumen, Hausaufgaben beaufsichtigen, etc.) nachzugehen, weshalb er oder sie auf dem Sofa kollabiert und sich irgend eine schwachsinnige Serie reinzieht, obschon eigentlich andere Dinge zu erledigen wären
2. Zeit, die einem der Partner schenkt, damit man mal wieder ausspannen kann, was aber nur gelingt, wenn man es schafft, nicht daran zu denken, was der Partner in dieser Zeit alles alleine stemmen muss
3. Tauschhandel mit dem Babysitter (wenig Zeit gegen viel Geld), mit dem Ziel, endlich mal wieder Zeit mit dem Partner zu verbringen

Wochenende

Definition Duden:
[Freitagabend,] Samstag und Sonntag (als arbeitsfreie Tage)

Definition Eltern:
1. Freitagabend: Der Abend, an dem alle anderen schon Wochenende haben, man selber aber die Kinder wahlweise zum Schulsport, zum Instrumentalunterricht oder zur Klassenfete karrt.
2. Samstag: Zimmer aufräumen, putzen, Schuhe kaufen, Reparatur- und Gartenarbeiten, Bibliotheksbesuch, Wände streichen, ausmisten und zwar alles unter Einbezug der Kinder, damit sie lernen, dass sich die Arbeit nicht von selbst erledigt, was nicht selten zu wüsten Streitereien führt
3. Sonntag: Tag der Erholung, der inneren Einkehr, der Familienausflüge und der Gäste, nicht selten ruiniert durch vergessene Hausaufgaben und unvermeidliche Sportanlässe

Ferien

Definition Duden:
1. mehrere zusammenhängende Tage oder Wochen dauernde, der Erholung dienende, turnusmässig wiederkehrende Arbeitspause einer Institution (z. B. der Schule, der Hochschule, des Gerichts oder des Parlaments)
2. Urlaub

Definition Eltern:
1. mehrere zusammenhängende Tage oder Wochen dauernde, der Kinderbespassung dienende Verlagerung des Alltags, die einen riesigen Vorbereitungsaufwand erfordert und ein gigantisches Loch in die Familienkasse reisst
2. mehrere zusammenhängende Tage oder Wochen dauernde, der Erholung dienende Arbeitspause der Schule, welche die Eltern ratlos lässt, wie sie in dieser Zeit die Kinderbetreuung organisieren sollen
3. Verklärte Erinnerungen, sobald man es geschafft hat, den Stress auf der Hinreise, den Augenblick, als die Kreditkarte ihren Dienst versagte und den Familienkrach im Louvre zu vergessen

Schule

Definition Duden (Auszug):
1. Lehranstalt, in der Kindern und Jugendlichen durch planmässigen Unterricht Wissen und Bildung vermittelt werden
2. Schulgebäude
3. In der Schule erteilter Unterricht
4. Ausbildung, durch die jemandes Fähigkeiten auf einem bestimmten Gebiet zu voller Entfaltung kommen, gekommen sind; Schulung
5. Gesamtheit der Lehrer- und Schülerschaft einer Schule

Definition Eltern:
1. Schulgebäude, an dem man mit dem Kleinkind regelmässig vorbei spaziert und sagt: „Sieh mal, das ist die Schule. Hier wirst du ganz viel lernen, wenn du grösser bist.“
2. Lehranstalt, in der Kindern und Jugendlichen durch nicht immer stundenplanmässigen Unterricht das vermittelt wird, was die Schulreformer gerade für besonders wichtig halten
3. Der zweite Durchlauf, bei dem erwartet wird, dass man nicht nur abrufen, sondern auch weitergeben kann, was man im ersten Durchlauf hätte lernen sollen, auf dass der Nachwuchs klüger werde als man selber
4. Ausbildung, durch welche die Fähigkeiten eines Kindes auf einem bestimmten Gebiet im besten Falle gefördert werden, damit sie zur vollen Entfaltung kommen, im schlimmsten Falle nicht erkannt, nicht gefördert und vielleicht sogar negiert werden

Glück

Definition Duden:
1. etwas, was Ergebnis des Zusammentreffens besonders günstiger Umstände ist; besonders günstiger Zufall, günstige Fügung des Schicksals
2. das personifiziert gedachte Glück; Fortuna
3. a) angenehme und freudige Gemütsverfassung, in der man sich befindet, wenn man in den Besitz oder Genuss von etwas kommt, was man sich gewünscht hat; Zustand der inneren Befriedigung und Hochstimmung
3. b) einzelne glückliche Situation; glückliches Ereignis, Erlebnis

Definition Eltern:
1. Kinder gesund, Partner gesund, Dach über dem Kopf, alle mehr oder weniger zufrieden und keiner mäkelt am Essen rum
2. angenehme und freudige Gemütsverfassung, in der man sich befindet, wenn man sein friedlich schlafendes Kind betrachtet und es nicht fassen kann, dass einem ein solcher Segen geschenkt worden ist

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Begegnung mit einem früheren Ich

Neulich beim Aufräumen traf ich zufällig eines meiner früheren Ich. Nicht eines von ganz früher, so ein unbeschwertes Ding, frei von jeglicher Verpflichtung, sondern ein abgekämpftes mit tiefschwarzen Augenringen. Natürlich kamen wir sogleich miteinander ins Gespräch:

Früheres Ich (FI): Wie siehst du denn aus?

Ich (I): Wie soll ich schon aussehen? So wie eine fünffache Mutter, die zu wenig schläft, zu wenig für ihre Figur tut und kaum einen Moment zur Ruhe kommt, halt aussieht.

FI: Du schläfst zu wenig? Das ich nicht lache! Jetzt, wo die Kinder alle gross sind, gibt es doch keine durchwachten Nächte mehr.

I: Du hast ja keine Ahnung. Luise schläft so schlecht wie eh und je…

FI (unterbricht mich): Das glaube ich dir nicht. So schlecht, wie damals, als ich mit dem Zoowärter schwanger war und auf dem Zahnfleisch ging, kann es nie und nimmer sein.

I: Noch einmal: Du hast ja keine Ahnung. Mag ja sein, dass sie nachts nicht mehr ganz so lange wach ist wie damals, aber in meinem Alter steckt man das auch nicht mehr so leicht weg, wenn das Kind regelmässig mitten in der Nacht neben dem Bett steht und über Schlaflosigkeit klagt. Du warst damals ja noch blutjung und unverbraucht.

FI: Unverbraucht? So fühlte ich mich aber ganz und gar nicht.

I: Ich hab neulich Bilder gesehen. Du sahst eindeutig besser aus als ich.

FI: Finde ich auch und ich frage mich, was du falsch machst. Ich meine, du hast ja jetzt jeden Vormittag ganz für dich alleine, kannst tun und lassen, was du willst, die Kinder sind eigenständig und du kannst mit „Deinem“ in den Ausgang, so oft du Lust hast.

I (mit einem zynischen Lachen): Ich weiss ja gar nicht, bei welchem Punkt ich anfangen soll, dich zu korrigieren…“

FI (erstaunt): Warum willst du mich korrigieren? Genau so habe ich mir die Zukunft in meinen süssesten Träumen vorgestellt. Du willst mir jetzt nicht etwa sagen, es sei anders gekommen?

I (seufzend): Tja, ich muss dir leider sagen, dass du die Zukunft etwas gar zu rosig ausgemalt hast. Das mit den freien Vormittagen zum Beispiel ist bei Weitem nicht so toll, wie du immer gedacht hast. An guten Tagen hast du die ganzen vier Stunden, um ungestört deinem Broterwerb nachzugehen, an komplizierten Tagen versuchst du, kranke Kinder, Haushalt und Job irgendwie parallel laufen zu lassen und an schlechten Tagen rennen ein kranker Lehrer, eine kaputte Waschmaschine, ein zu lange dauernder Arzttermin und eine verschobene Trompetenstunde alle deine Pläne über den Haufen…

FI: Das klingt ja ganz ähnlich wie bei mir damals…

I: So ist es auch, mit dem Unterschied, dass ich den Kindern jetzt erklären kann, weshalb ich explodiert bin. Du musstest ja jeweils damit klarkommen, dass sie dich mit traurigen Augen verständnislos ansahen, wenn du wie eine Furie durchs Haus gewetzt bist.

FI: Das war tatsächlich schlimm. Aber sag mal, mit „Deinem“ ist es jetzt bestimmt schon wieder fast wie vor meiner Zeit, als noch keine Kinder da waren.

I: Schon mal davon gehört, dass Teenager nicht um acht Uhr ins Bett gehen? Und von Hausaufgaben, die nach dem Abendessen erledigt sein wollen? Und von Prüfungsängsten, die sich immer dann bemerkbar machen, wenn die Eltern es sich mit einem Tässchen Tee gemütlich gemacht haben?

FI: Sooo schlimm wird das auch wieder nicht sein. Und ihr könnt ja jetzt auch so problemlos in den Ausgang gehen. Karlsson schmeisst den Laden doch bestimmt schon ganz alleine.

I: Karlsson macht das tatsächlich ganz gut, aber der Junge hat ja inzwischen auch seine eigenen Termine. Der ist nicht einfach auf Abruf verfügbar.

FI: Ach so, daran habe ich damals nicht gedacht. Aber im Sommer gehen sie jetzt doch bestimmt schon alle gleichzeitig ins Jungscharlager und ihr habt eine ganze Woche für euch.

I: Okay, wo soll ich anfangen? Bei Karlsson, der Luxus liebt und schlammige Zeltplätze verabscheut? Bei Luise, die sich jetzt auch schon zu erwachsen fühlt für die Jungschar? Beim Prinzchen, der erst übernächstes Jahr gross genug ist, um mit ins Lager zu fahren? Wo auch immer ich anfange, das Resultat bleibt das gleiche: Die Sache mit der freien Woche, weil alle gleichzeitig im Lager sind, war ein Luftschloss, das sich aufzulösen begann, bevor der Jüngste aus den Windeln war. Du hättest also ahnen können, dass es so kommt.

FI (betrübt): Dann ist also nichts so geworden, wie ich es mir erträumt habe…

I (tätschle ihr tröstend die Hand): Na ja, zumindest einer deiner Träume ist in Erfüllung gegangen. Ich kann jetzt wieder ganze Nächte lang dicke Schmöker lesen. Auf die eine schlaflose Nacht mehr oder weniger kommt es nach all den Jahren auch nicht mehr an.

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