N-E-I-N

Mama Venditti dreht mal wieder im roten Bereich. Termine beim Kinderarzt, Elterngespräche, Konzepte verfassen, Kindern zeigen, wie sehr man sie liebt, weiterbilden, Newsletter schreiben, gute Ehefrau sein, vollwertig kochen, Wäscheberge abtragen, Vorsprechen bei Parteien und Gemeinderat, Freundschaften pflegen, Buchprojekt vorantreiben, Kindern zeigen, wie zermürbend es ist, wenn sie nicht gehorchen wollen, Hüpfburg organisieren, Mails beantworten… und der Tag hat noch immer bloss 24 Stunden. Was zur Folge hat, dass es nicht ganz ohne Getöse abgeht, wenn Mama Venditti einen der Bälle fallenlässt, mit denen sie tagtäglich jongliert. Was wiederum zur Folge hat, dass Personen, die Mama Vendittis Zusammenbruch vor zwei Jahren miterlebt haben, schüchtern fragen: „Hast du nicht gesagt, du würdest jetzt kürzer treten?“

Wenn Mama Venditti mit solchen Fragen konfrontiert wird, dann geht sie in sich, und zwar ganz tief. „Genügt es, wenn ich nur noch die Dinge tue, die ich mit Leidenschaft tun kann?“, fragt sie sich zum Beispiel. „Oder zehrt am Ende die Leidenschaft ebenso sehr an den Kräften, wie das halbherzige Durchbeissen?“ Sie forscht nach, ob sie sich selbst belügt, wenn sie behauptet, sie würde sich jetzt mehr Zeit zur Erholung nehmen. Sie überlegt, ob sie tatsächlich mehr Zeit zum Schreiben findet, oder ob die neuen Verpflichtungen schon Überhand gewonnen haben. Und das alles mündet in der überlebenswichtigen Frage: „Bin ich noch auf gutem Wege, oder bin ich schon wieder dabei, den Weg für einen nächsten Zusammenbruch zu bahnen?“

Manchmal zweifelt Mama Venditti, ob sie es schaffen wird, ob sie stark genug ist, die Aufgaben zu meistern. Doch dann fällt ihr wieder ein, dass sie ein neues Wort gelernt hat, ein Wort mit nur vier Buchstaben, aber mit einer unglaublichen Macht. Das Wort heisst N-E-I-N und Mama Venditti versucht, es dann anzuwenden, wenn jemand mit einer Bitte an sie herantritt, die sie nicht erfüllen kann oder nicht erfüllen will. Immer gelingt ihr das natürlich nicht, denn was man ein Leben lang nicht geschafft hat, lernt man nicht von heute auf morgen. Doch immer öfter kommt es vor, dass Mama Venditti nicht sagt: „Lass mich mal sehen. Vielleicht kann ich ja auf meinen freien Abend mit ‚Meinem‘ verzichten…“, sondern dass sie sagt: „Tut mir leid, im Moment bin ich vollkommen ausgelastet. Mit mir kannst du in nächster Zeit nicht rechnen.“ Und sie sagt es nicht nur dann, wenn tatsächlich jeder Abend ausgebucht ist, sondern auch dann, wenn sie nicht auf ihre Freiräume verzichten will. Denn Mama Venditti hat gelernt, dass man im Leben auch Zeit zum Erholen braucht, wenn man überleben will.

Manchmal ist Mama Venditti gar so verwegen, dass sie Nein sagt, wenn der Wäscheberg mit seinen Forderungen an sie tritt, oder der leere Kühlschrank, oder der unaufgeräumte Bürotisch. Aber bitte sagt „Meinem“ nichts davon. Der findet nämlich, bei uns sehe es momentan ziemlich schlimm aus und die Hauptverantwortung im Haushalt trägt leider noch immer Mama Venditti…

Jetzt wird’s lustig

Bis heute um 19:55 Uhr habe ich mich über jedes kleinste Fortschrittchen des Prinzchens gefreut. Das Kerlchen zeigt zum ersten Mal auf eine Tanne und sagt „Bam“. Mama strahlt. Das Kerlchen sieht seine Geschwister Schokolade essen und sagt „i au!“ Mama stopft aus lauter Freude das Kind mit Schokolade voll. Das Kerlchen türmt bei der Kinderärztin Bauklotz auf Bauklotz. Mama kriegt sich fast nicht mehr ein vor lauter Stolz. Ist er nicht ein Genie, unser Jüngster?

Seit heute Abend um 19:55 Uhr aber ist alles anders: Nichts Böses ahnend erzähle ich den Grossen eine Gutenachtgeschichte, währenddem „Meiner“ das Prinzchen zu Bett bringt. Bald wird der Feierabend Einzug halten im Hause Venditti. Hach, wie idyllisch! Plötzlich aber hört man Prinzchenschritte im Korridor und wenige Momente später steht er da mit seinem riesigen Bären im Arm. Wie hat er das bloss geschafft? Immerhin schläft er noch im Gitterbett und aus Gitterbetten entweicht man erst, wenn man älter als zwei ist. Da gibt es bestimmt irgend eine Kinderschutzregelung, die dies vorschreibt. Aber wenn man ein Prinz ist, schert man sich einen Dreck um Vorschriften. Man steigt auf den grossen Bären – Wer war bloss so dumm, ihm diesen zu schenken? – schwingt sich über das Gitter und schon ist man wieder frei.

Ich nehme mal an, dass  „Meiner “ und ich uns den Feierabend für die nächsten fünf Monate streichen können….

Es wäre mal wieder Zeit…

„Es wäre mal wieder Zeit“, sagt die Urmutter.

„Zeit wofür?“, fragt Mama Venditti.

„Wofür wohl? Denk mal nach.“

Mama Venditti denkt lange nach. Aber es will ihr einfach nichts in den Sinn kommen.

„Wie kannst du bloss so beschränkt sein. Ist doch klar, wofür es Zeit ist: Für ein neues Baby!“

Ein sehnsüchtiger Seufzer entfährt Mama Venditti: „Ein neues Baby. Das tönt verlockend. So ein süsses kleines Ding, hilflos und doch so stark, dass es mich im Sturm erobert.“

Doch dann landet Mama Venditti wieder auf dem harten Boden der Realität: „Du weisst ganz genau, dass ein neues Baby nicht drinliegt. ‚Meiner‘ und ich haben abgeschlossen damit. Es gibt keins mehr. Fertig. Aus.“

„Jetzt sei doch nicht so! Klar warst du nach jeder Schwangerschaft ein wenig erschöpfter. Klar ist dein Körper nicht mehr so belastbar wie früher. Klar, hast du zuweilen das Gefühl, du könntest nicht all deinen Kinder gerecht werden. Aber was tut das schon zur Sache, wenn man einem neuen, einzigartigen Menschlein das Leben schenken darf? Erinnerst du dich noch an dieses wunderbare Gefühl der ersten Kindsbewegung im Bauch? Weisst du noch, wie wunderbar es war, dein Kind zum ersten Mal im Arm zu halten?“

„Natürlich weiss ich es noch. Aber ich weiss auch noch, wie oft ich nicht mehr schlafen konnte vor lauter Rückenschmerzen. Ich weiss auch noch, wie oft ich geheult habe, wenn ich wieder mal mit einer Brustentzündung flach lag und mich nicht um die Familie kümmern konnte. Ich weiss auch noch, wie unzulänglich ich mich immer wieder gefühlt habe, wenn das Jüngste zu kurz kam, weil ich auch die Grossen nicht vernachlässigen wollte.“

„Ach, das war doch alles gar nicht so schlimm. Du hast das doch ganz gut hingekriegt. Und wenn du bedenkst, wie reich dein Leben durch all die Kinder geworden ist, dann musst du doch sehen, dass eines mehr dich noch unendlich viel reicher machen würde. Stell dir mal vor: So ein winziges, hübsches Mädchen. Vielleicht mit blonden Locken, wie Luise sie einst hatte… Oder ein Mädchen, das ‚Deinem‘ wie aus dem Gesicht geschnitten ist. Sowas hast du noch nicht. Oder…“

„… oder ein Mädchen mit dunklen Augen und blonden Haaren, so wie das Prinzchen. Oder das Mädchen, von dem ich schon so oft geträumt habe, das Mädchen, das dem FeuerwehrRitterRömerPiraten so sehr gleicht . Oder vielleicht Zwillinge, eins mehr wie Karlsson, das andere mehr wie der Zoowärter…“ Mama Venditti gerät ins Schwärmen.

„Siehst du!“, triumphiert die Urmutter. „Du hast noch längst nicht genug. Ich hab’s ja gewusst: Jetzt, wo das Prinzchen grösser wird, hast du wieder den Mut, dich für ein weiteres Kind zu entscheiden. Der Zeitabstand wäre perfekt.“

„Ja, den Mut hätte ich schon, der Abstand wäre perfekt. Aber es ist dennoch zu spät.“, sagt Mama Venditti und kann die Traurigkeit in ihrer Stimme nicht unterdrücken.

„Zu spät? Warum denn?“, protestiert die Urmutter. „Du bist noch nicht zu alt, Platz habt ihr im Haus…“

„Ja, aber ‚Meiner‘ und ich haben mit dem Kapitel abgeschlossen.“

„Dann such dir eben einen neuen Mann…“, sagt die Urmutter kaltblütig.

Aber das lässt Mama Venditti nicht gelten: „Nein, ein neuer Mann kommt mir nicht ins Haus. Entweder, ‚Meiner‘ ist der Vater, oder ich will kein weiteres Kind. Verstanden?“

Die Urmutter macht sich enttäuscht aus dem Staub und Mama Venditti schaut ihr lange nach. Sie weiss, dass sie nie wieder Mama werden wird, auch wenn die Urmutter Sehnsüchte in ihr wach gerufen hat, die sich nicht leugnen lassen.  Aber Mama Venditti weiss, dass der Lebensabschnitt des Kinderkriegens für sie vorbei ist. Und wie immer, wenn etwas Schönes vorbei ist, lässt man es nicht ohne Wehmut ziehen.

Arme kleine Jungs!

Vor drei, vier Monaten noch galt der Zoowärter als drolliges kleines Kerlchen, das sich so charmant verhaspelte beim Reden und das mit seinem schelmischen Lächeln jeden für sich einnehmen konnte. Wo immer er hinkam bekam man zu hören, wie süss der Kleine doch sei, wie liebenswert, wie einmalig.

Dann aber passierte etwas: Der Zoowärter entdeckte den Kämpfer in sich und schwupps, war es vorbei mit drollig. Ein Junge, der bedrohlich Holzkellen schwingt und dazu brüllt, als ei er ein wild gewordener Löwe, geht nicht mehr als herzig durch. Ein Junge, der mal Ritter, mal böser Römer, mal angriffslustiger Wikinger ist, passt nicht ins Schema von „ach, wie süss!“. Wenn dann hin und wieder noch sein Kampfesgeist mit ihm durchgeht und er vergisst, dass die Putzfrau weder sein Feind noch die Holzkelle eine Waffe ist, dann ist fertig lustig. Dann muss man als Mama aufpassen, dass das eben noch kleine süsse Kerlchen als unmöglicher, schwer erziehbarer Bengel beschimpft wird. Das charmante Verhaspeln und das schelmische Lächeln sind zwar noch immer da, aber keiner nimmt es mehr wahr.

Wäre der Zoowärter mein erster Junge, ich wäre jetzt am Boden zerstört. Weil ich aber die gleiche Entwicklung schon bei Karlsson und beim FeuerwehrRitterRömerPiraten durchgemacht habe, bin ich einfach nur traurig. Denn warum, so frage ich mich, applaudiert man kräftig, wenn ein Mädchen die Tänzerin, die Reiterin oder die Coiffeuse in sich entdeckt, wenn aber ein Junge den Kämpfer in sich entdeckt, wendet man sich angewidert von ihm ab? Arme kleine Jungs! Ihnen bleibt so wenig Zeit, in der sie gehätschelt werden.

Verunsichert

Wenn ich sehe, wie oft die Leute bei beautifulvenditti landen, weil sie sich eine Antwort auf die Frage „Braucht mein Kind ein eigenes Zimmer?“ erhoffen, dann stimmt mich das nachdenklich. Irgendwo, in den unendlichen Weiten des Internets erhofft man sich eine Antwort auf die Frage, die man eigentlich nur beantworten kann, wenn man den Charakter der eigenen Kinder, den Grundriss der Wohnung und das monatliche Budget anschaut. Warum, so frage ich mich jeweils, sind wir Eltern so verunsichert, dass wir unserer eigenen Urteilskraft und unserer grossen Liebe, die wir für unsere Kinder empfinden, nicht mehr trauen? Warum glauben wir, dass ein anderer uns besser sagen kann, wo es lang geht? Klar, es gibt Eltern, die sollten dringend auf die Ratschläge anderer hören, aber das sind ja meistens nicht diejenigen, die durchs Netz surfen, um herauszufinden, was für ihr Kind das Beste sei. Allen anderen Eltern, „Meiner“ und ich eingeschlossen, wünsche ich, dass sie wieder lernen, ihrem eigenen Urteil mehr zu trauen.

Wenn mir eine befreundete Mutter, die mit Kleinkindern arbeitet, erzählt, wie schockiert die Eltern jeweils sind, wenn sie hören, dass die Kinder bei ihr unter Aufsicht mit Küchenmesser und Scheren hantieren dürfen, dann stimmt mich das nachdenklich. Warum, so frage ich mich, haben wir Eltern so grosse Mühe, zu begreifen, dass es viel gefährlicher ist, wenn Kinder nicht lernen, mit Gefahren umzugehen und ihnen dann schutzlos ausgeliefert sind? Warum trauen wir, die wir in unserer Kindheit meist kaum beaufsichtigt waren, unseren Kindern nicht zu, dass sie fähig sind, den Umgang mit gefährlichen Gegenständen zu lernen? Auch hier muss man leider wieder sagen: Gewisse Eltern täten besser daran, hinzuschauen und aufzupassen, was ihr Nachwuchs macht, aber auch hier tun es meistens gerade die nicht, die sollten.

Wenn ich am Samstagnachmittag mit Karlsson und Luise mit dem Fahrrad ins Dorf fahre und eine Frau, die uns im Auto überholt, brüllt mich an, Luises Fahrrad sei zu gross, dann stimmt mich das nachdenklich. Warum, so frage ich mich, sieht die Frau nicht, dass ich keine Zeit habe für ihre Tipps, weil ich aufpassen muss, dass meine Kinder heil durch den Verkehr kommen? Und warum traut sie mir nicht zu, dass ich mit den Kind beim Fahrradhändler war, um abzuchecken, wie gross das Velo für Luise sein muss? Die Medien sind so voll von Geschichten über verantwortungslose Eltern, dass jeder, der eine Mama mit Kind(ern) sieht glaubt, er müsse für Ordnung sorgen, weil ja ohnehin keiner für die Kinder schaue. Dass die Eltern sich Gedanken machen, dass sie das Beste für ihre Kinder wollen, glaubt schon gar keiner mehr und darum mischt man sich ein, wo man eigentlich besser schweigen sollte. Und schaut weg, wo dringend mal einer sagen sollte, dass es jetzt reicht.

Man sollte meinen, dass mich nach bald zehn Jahren Muttersein diese Spannungen kalt lassen, dass ich mich an sie gewöhnt habe. Aber dem ist nicht so: Sie beschäftigen mich je länger je mehr. Aber zumindest lasse ich mich nicht mehr so leicht verunsichern wie auch schon.

Ob er krank ist?

Heute früh begrüsste mich der FeuerwehrRitterRömerPirat mit folgender Frage:“ Mama, als die Römer den Hadrianswall bauten, mussten die Sklaven die ganze Arbeit machen. Warum war das so?“ Nun sind solche Fragen für den FeuerwehrRitterRömerPiraten tagsüber nichts Ungewöhnliches, aber morgens um sieben sagt er gewöhnlich gar nichts oder raunzt „Lass mich weiterschlafen!“ oder droht „Ich stehe nur auf, wenn du mir zweimal ‚Früeh am Morge‘ singst.“ Alles schon gehabt und deshalb haut mich fast nichts mehr aus den Socken. Wenn aber mein störrischer kleiner Langschläfer schon im Morgengrauen hellwach ist und historische Probleme lösen will, dann mache ich mir schon fast ein wenig Sorgen um ihn. Ob ihm etwas fehlt?

Ich hätte die kleine Episode im Frühstücksstress dennoch schnell wieder vergessen, wäre dreissig Minuten später nicht noch Unerhörteres geschehen. Da lege ich mir innerlich wie jeden Tag eine Strategie zurecht, mit welchem Trick ich den FeuerwehrRitterRömerPiraten heute aus dem Haus bringen kann und gebe ihm derweilen noch ein paar Ermahnungen und ‚hab dich lieb‘ mit auf den Weg. Doch mitten im Satz unterbricht mich mein Sohn: „Ist schon gut, Mama. Aber ich muss jetzt wirklich gehen.“

Ob ich mit dem Jungen mal zum Kinderarzt gehen soll?

Kinderwagen Nummer 6

Wer braucht denn heute noch einen Kinderwagen, der länger als drei Jahre hält? Dies scheinen sich die Kinderwagenhersteller zu sagen. Und sie haben ja recht: Entweder, man hört nach Kind eins auf mit dem Abenteuer Familie, weil das alles doch etwas anstrengender ist, als man sich vorgestellt hätte, oder man kauft für Kind zwei und drei wieder einen neuen Wagen, weil inzwischen wieder so tolle neue Gefährte in den wunderbarsten Farben auf den Markt gekommen sind. Und so hält der moderne Kinderwagen maximal so lange, bis Kindchen knapp auf den eigenen Füsschen stehen kann. Und deshalb wird im Hause Venditti in den nächsten Tagen Kinderwagen Nummer 6 (oder Buggy Nummer 3) geliefert.

Beim Kinderwagen Nummer 1 hatte ich ja noch gedacht, das Ding halte ewig und so verbrachten „Meiner“ und ich viele Stunden im Babycenter, um den perfekten Wagen auszusuchen. Als dann auch noch Schwiegermama anmeldete, dass sie das Ding bezahlen würde, wurden es noch ein paar Stunden mehr, denn ich musste mit aller Kraft verhindern, dass Schwiegermama bestimmte, in welchem Gefährt unser erstes Kind die Welt entdecken würde. Schliesslich entschieden wir uns für ein sündhaft teures italienisches Modell, das zugleich Babykarosse, Buggy und Kindersitz war. Schwiegermama zahlte bereitwillig die 1000 Franken und wir glaubten, das Thema Kinderwagen ein für alle mal abhaken zu können.

Do schon bald wurde der kleine Karlsson grösser und wir mussten feststellen, dass das sündhaft teure Ding leider trotz aller Versprechen nicht als Buggy taugte, worauf Kinderwagen Nummer 2 (oder Buggy Nummer 1) bei uns Einzug hielt. Das müsste jetzt aber wirklich reichen, dachten wir und es reichte auch. Bis sich der FeuerwehrRitterRömerPirat dazu entschied, sich in meinem Bauch einzunisten, kaum war Luise ausgezogen. Also musste ein Doppelkinderwagen her, sonst hätte Mama in Zukunft nicht mehr das Haus verlassen können. „Jetzt sind wir aber für den Rest unseres Lebens mit Kinderwagen versorgt“, sagten „Meiner“ und ich, als wir voller Stolz (Doppel)kinderwagen Nummer 3 abholten. Und tatsächlich: Zwei Jahre lang lief wirklich alles gut. Bis wir eines Sommers nach Malta reisten, wo die Strassen so holperig waren, dass Kinderwagen Nummer 2 oder Buggy Nummer 1 den Geist aufgab und in einer Maltesischen Abfallmulde landete (wo er Tags darauf wieder herausgeholt wurde und wohl noch heute über die Strassen von Valletta holpert).

Hätte ich zu jenem Zeitpunkt nicht den Zoowärter in meinem Bauch beherbergt, wir hätten den FeuerwehrRitterRömerPiraten wohl zum Laufen aufgefordert. So aber erhielt unser Dritter ein brandneues grasgrünes Wägelchen (Kinderwagen Nummer 4 oder Buggy Nummer 2), Made in Malta. Aber einen neuen Kinderwagen kauften wir nicht mehr. Den Zoowärter würden wir ausschliesslich im Tragtuch mit uns herumschleppen, solange er noch zu klein war für den Maltesischen Buggy. (Wie kann man bei Kind Nummer 4 noch so naiv sein?) Mein Rücken schmerzte zwar, ich verbrachte Stunden in der Physiotherapie aber ich blieb eisern dabei: Einen neuen Kinderwagen gab’s nicht. Dafür aber durfte ich den Wagen einer Nachbarin zu Boden fahren.

Damit wäre die Geschichte zu Ende. Doch kaum hatten wir uns sämtlicher Kinderwagen bis auf das grasgrüne Maltesische Wägelchen entledigt, beschloss das Prinzchen, dass es auch Teil dieser überaus coolen Familie werden möchte, worauf Mama sich auf die Suche nach Kinderwagen Nummer 5 machte. Noch einmal monatelang schleppen, bis das Kind gross genug für den Buggy war, kam nicht in Frage. Das machte mein Rücken nicht mehr mit und so wurde Kinderwagen Nummer 5 gekauft,  wieder Babykarosse und Buggy in Einem, ganz wie am Anfang, bloss viel viel preiswerter. Schwiegermama offerierte nämlich nicht mehr so grosszügig, alles zu bezahlen, da es nach ihrem Geschmack eindeutig zu viele Enkelkinder waren. Leider war Kinderwagen Nummer 5 nicht nur preiswert, sondern auch billig, weshalb er schon nach achtzehn Monaten bei der Müllabfuhr landete. Gleichzeitig mit Kinderwagen Nummer 4 oder Buggy Nummer 2, der auch nicht mehr fahren will.

Weil aber das Prinzchen noch lange nicht grosse genug ist, um bis zur Migros und zurück zu gehen, nehmen wir demnächst Kinderwagen Nummer 6 oder Buggy Nummer 3 in Empfang. Falls unser Leben nicht noch eine ganz eigenartige Wendung nimmt, wird dieser aber endgültig der Letzte sein. Ich verspreche es…

Kein Spaziergang, aber dennoch ganz nett

Das Leben ist kein Spaziergang, das weiss jeder, der mehr als zwanzig Jahre auf dieser Erde weilt. Aber hin und wieder verfällt auch einer, der mehr als zwanzig Jahre auf dieser Erde weilt, der irrigen Ansicht, dass das Leben hin und wieder, für fünf Minuten vielleicht, ein Spaziergang sein kann und zwar ein wunderbarer. Zum Beispiel dann, wenn man endlich gelernt hat, so „lieb und freundlich“ mit den Kindern zu reden, wie dies Lisa und Inga aus Bullerbü gerne tun würden. Wenn man zudem auch noch mit „Meinem“ ganz zivilisierte Gespräche ohne herumfliegende Blumenkohlköpfe führen kann. Wenn beruflich nach langem Warten endlich Vieles so läuft, wie man dies schon immer gewollt hätte. Wenn man kurz davor steht, einen Lebenstraum zu verwirklichen. Wenn auf dem Konto am Ende des Monats endlich nicht mehr gähnende Leere herrscht und die Rechnungsbeträge nicht mehr grösser als das Einkommen sind. Wenn dann auch noch die Salatköpfe auf dem Balkon so wunderbar gedeihen, ja, dann könnte man glatt meinen, man dürfe jetzt für eine Weile spazieren, anstatt zu klettern, zu hetzen, sich abzukämpfen.

Aber netterweise gönnt einem das Leben solche Momente nicht und so steckt man, kaum hat man sich darüber gefreut, dass für einmal alles bestens läuft, in einem heftigen Streit mit jemandem, der findet, man mache so ziemlich alles falsch im Leben und einem diese Meinung auch schonungslos an den Kopf wirft. Erschüttert und aufgewühlt, wie man danach ist, erschreckt man die lieben unschuldigen Kinderlein mit einem heftigen Wutanfall und am Ende ist man nur noch ein heulendes Wrack. Irgendwann rappelt man sich wieder auf und beschliesst, die Sache beiseite zu schieben, denn bald schon, wenn der Zorn verraucht ist, wird man wieder miteinander reden können. Morgen ist ein neuer Tag, denkt man, und dann wird alles wieder besser. Aber morgen wird nicht besser. Denn als man pünktlich um halb zehn in der Kinderarztpraxis aufkreuzt, erfährt man, dass das Prinzchen eigentlich gestern hätte kommen sollen und dass die Rechnung für den verpassten Termin bereits unterwegs ist. Man könnte im Boden versinken vor lauter Scham, denn man weiss ja, wie beschäftigt sie in der Kinderarztpraxis sind. Etwa ähnlich beschäftigt, wie Mütter von vielen Kindern.

Dennoch darf das Prinzchen ins Untersuchungszimmer und weil das arme Kerlchen spürt, wie erschüttert Mama ob ihres Irrtums ist, beschliesst es, zu zeigen, was es drauf hat: Die Kinderärztin möchte, dass er zwei oder drei Holzwürfel aufeinanderstapelt, das entspreche etwa seinem Alter. Das Prinzchen beginnt zu stapeln, die Kinderärztin lobt, das Prinzchen stapelt weiter, die Kinderärztin staunt, das Prinzchen stapelt weiter und am Ende hat er alle neun Würfel aufgetürmt. Und so verlässt man, innerlich zwar noch immer beschämt wegen der verpassten Termins, die Kinderarztpraxis dennoch mit mehr oder weniger intaktem Ansehen.

Das Leben ist zwar kein Spaziergang. Aber mit einem Prinzchen an der Seite, der Mama den Tag rettet, kann man das alles ein wenig lockerer sehen.

Das perfekte Wochenende

Zutaten für das perfekte Wochenende zu zweit:
– Ein ceylonesisches Mittagessen, spottbillig aber dennoch köstlich
– Ein Spaziergang durch Bern, besonders schön, wenn sich dabei noch ein Paar neue Schuhe  dazugesellen
– Den weltbesten Chai mit Scones (Nein, nicht das klebrige Zeug von Starbucks, sondern der echte Genuss von „Länggass Tee„)
– Eine urgemütliche, warme Jurte, die mit wunderschönen, bunten Möbeln eingerichtet ist
– Ein paar Esel, Schafe, Kamele und Lamas, die einen erstaunt anschauen, wenn man mal den Kopf aus der Jurte streckt
– Regen, der auf das Dach der Jurte prasselt und der einem das Gefühl gibt, man befinde sich am sichersten Ort der Welt
– Ein  Coop-Tankstelle (tut mir Leid, gab gerade keine Migros-Tankstele in der Nähe, aber wäre natürlich besser gewesen 🙂 ) wo man alles findet für ein romantisches Diner in der Jurte
– Ein Ehemann, der sogar daran gedacht hat, Kerzen einzupacken
– Eine gemütliche Autofahrt durchs verregnete und dennoch wunderschöne Emmental. Schadet übrigens nicht, wenn man dabei alte Eros Ramazzotti-Schnulzen hört
– Endlose Stunden in der Sauna. War zwar teuer, aber man entspannt sich ja nicht alle Tage bei Kerzenlicht oder in einer Salzgrotte. Das kleine Bisschen Kopfschmerzen, das die geballte Ladung Entspannung mit sich bringt, nimmt man da gerne in Kauf.

Die zwei allerwichtigsten Zutaten aber sind

a) Absolut verlässliche Babysitter, die auch bei fünf Venditti-Kindern nicht die Nerven verlieren
b) Ein Ehemann, mit dem man die kostbare Zeit zu zweit nicht zum Streiten, sondern zum Geniessen nützen kann

Stimmen all diese Bedingungen, dann macht es einem auch nichts aus, wenn man, kaum ist man zu Hause angekommen, dafür sorgen muss, dass der FeuerwehrRitterRömerPirat, der Zoowärter und das Prinzchen wieder heil aus der Vorratskammer kommen, in die sie sich aus lauter Freude, dass die Eltern wieder da sind, eingeschlossen haben.

Noch 100 Minuten…..

… und dann werden „Meiner“ und ich das ganze Chaos für 36 Stunden hinter uns lassen. Keine Kinder – nicht mal das Prinzchen darf mit – nur wir zwei. Wir zwei beim Teetrinken im Länggass-Tee, wir zwei beim Schlendern durch die Gassen Berns (den Regen denken wir uns einfach weg), wir zwei beim Übernachten in der Jurte (Wird doch wohl nicht so kalt werden, wie der Wetterfrosch vorausgesagt hat, oder?), wir zwei beim Diskutieren, ob wir jetzt in Bern oder in Luzern in die Sauna gehen sollen, wir zwei beim kompletten Entspannen, egal ob in Bern, Luzern oder anderswo, wir zwei bei der knallharten Landung in der Realität des turbulenten Alltags.

Und wer schaut derweilen zu den Kindern, fragt ihr euch? Na, wer wohl: Drei der zahlreichen weltbesten Nichten werden während unserer Abwesenheit den Laden schmeissen und ich weiss, sie werden die herkulische Aufgabe wie immer sehr gut meistern. Warum also will ich dennoch den Zeitpunkt des Wegfahrens hinauszögern? Wenn man bedenkt, welches Chaos ich hier zurücklasse und welche Ruhe ich dort hoffentlich finden werde, müsste ich doch jetzt schon ungeduldig im Auto warten, bis „Meiner“ endlich bereit ist zum Losfahren. Aber ist nicht gestern Abend das Prinzchen beinahe an einem Stück Karotte erstickt? Was, wenn er heute wieder eine Karotte erwischt? Okay, wir haben gar keine Karotten mehr im Kühlschrank, aber es könnte ja sein, dass jemand unseren Kindern während unserer Abwesenheit  Karotten schenkt… Und hat nicht Karlsson gestern so sehr an meiner Liebe zu ihm gezweifelt, dass ich ihn heute unmöglich verlassen kann. Und die Kinderzimmer sind auch nicht aufgeräumt und am Ende weiss man nie, ob nicht ausgerechnet in den nächsten 36 Stunden ein Tornado über Schönenwerd hinweg rasen wird. Ist zwar seit Menschengedenken noch nie passiert, aber man kann ja nie wissen, oder?

Nein, kann man tatsächlich nicht und deshalb werde ich jetzt wohl oder übel meine Tasche packen und mich ins Vergnügen stürzen müssen. „Meiner“ wartet nämlich schon ganz ungeduldig im Auto…