Wenn Papa mitmischt,…

…dann ist das grundsätzlich eine ganz und gar gute Sache. Väter sind in meinen Augen ebenso wichtig wie Mütter und ich könnte und wollte den Karren nicht ohne „Meinen“ aus dem Dreck ziehen. Eine klarere Abgrenzung, wer wofür zuständig ist und wer zu welchem Zeitpunkt von wem übernimmt, wäre aber zuweilen wünschenswert. Zum Beispiel in der Sache mit dem Velo.

„Am Montag, 23. März müssen die Kinder mit dem Velo zur Schule kommen. Bringen Sie das Fahrzeug vorher noch zum Mechaniker, damit alles in Schuss ist“, so oder so ähnlich sprach die Lehrerin zu „Meinem“, als er vor drei Wochen zum Elterngespräch antrabte. „Wird gemacht“, versprach „Meiner“ und vereinbarte auf dem Heimweg mit dem Kind, dass es das Rad selber zum Mechaniker bringen würde.

Von alldem bekam ich nichts mit, ich erfuhr erst vor etwa neun Tagen von der Sache, als das Kind zu mir sagte: „Papa sagt, ich soll das Velo zum Mechaniker bringen, damit am übernächsten Montag alles in Ordnung ist.“ „Okay, tu das“, antwortete ich. „Kann ich auch erst morgen gehen?“, fragte das Kind. „Von mir aus, hast ja noch genug Zeit“, gab ich zurück. Dann hörte ich nichts mehr von der Sache, mal abgesehen von den Gesprächsfetzen zwischen „Meinem“ und dem Kind. „Die scheinen die Sache im Griff zu haben“, murmelte ich und kümmerte mich um andere Angelegenheiten.

Ich hörte erst heute früh wieder davon, als das Kind mit tränenüberströmtem Gesicht vor mir stand: „Das Velo hat einen Plattfuss und beim Mechaniker waren wir auch nicht und ich hab Papa doch gesagt, dass ich mich nicht traue, alleine hinzugehen“, heulte das Kind. „Einen Helm habe ich auch nicht mehr“, schluchzte es dann noch leise, doch das ging in meiner Schimpftirade fast schon unter. Mein Zorn war erst gerade am Hochköcheln, als die Lehrerin anrief. Sie war natürlich vollkommen ausser sich und das zu Recht, stand sie doch mit einem Trupp Viertklässler abfahrbereit auf dem Pausenhof und wartete auf mein Kind, das mal wieder darauf gehofft hatte, das Problem würde sich in Luft auflösen, wenn man es nur lange genug vor sich herschiebt. 

Nun, das Problem hatte sich natürlich nicht aufgelöst, es stand plattfüssig und ohne funktionierendes Hinterlicht bei uns im Garten und wartete darauf, Luft in seinen Hinterreifen gepumpt zu bekommen. Bloss wie, wo doch das Ventil kaputt gegangen war – vermutlich, als das Kind versucht hatte, den Reifen selber zu pumpen? Ich tat, was alle schlechten Mütter in einem solchen Moment tun: Ich fuhr aus der Haut. Das volle Programm, so laut, dass es wohl die ganze Nachbarschaft gehört hat. Ich erspare euch die Details, küren wir die Szene doch einfach zum erzieherischen Tiefstpunkt des Monats, der im absolut herzlosen Ausruf „Heulen bringt jetzt auch nichts mehr! Hättest du mich früher um Hilfe gebeten, hätte ich dir helfen können, aber jetzt ist es zu spät“ gipfelte.

Das Kind ging traurig weg. Zu Fuss, weil das Ersatzvelo zu gross und auch nicht ganz im Schuss ist. Und ich? War traurig, weil ich es schon im Morgengrauen ganz gewaltig vergeigt habe. Wütend, weil „Meiner“ die Sache nur angerissen, nicht aber zu Ende geführt hat. Verärgert, weil ich nicht gespürt hatte, dass das vermehrte „Ich hab‘ Bauchweh“ des Kindes wohl ein versteckter Hinweis auf die Velo-Geschichte gewesen wäre. Und beschämt, weil ich jetzt wieder als die Mama dastehe, die sich nicht kümmert, denn genau das denken die Lehrer, wenn solche Dinge passieren. Auch dann, wenn der Papa im Familienleben mitmischt und darum ebenso viel zum Guten und zum Schlechten beiträgt wie die Mama. 

prettyvenditti.jetzt

prettyvenditti.jetzt

Transformer

Eigentlich kaufe ich ja keine „Transformers“. Weil ich sie hässlich finde. Und doof. Und zu teuer. Und überhaupt. Nein, eigentlich kaufe ich sie wirklich nicht. 

Es sei denn, das Prinzchen bekäme von einem Klassenkameraden einen geschenkt, ein ausnehmend hässliches Exemplar in Grün und Schwarz. Freudenstrahlend käme das Prinzchen nach Hause gerannt, bald schon würden er und der Zoowärter glücklich mit dem Kerl spielen. „Bist du dir sicher, dass er dir das Ding geschenkt und nicht geliehen hat?“, würde ich fragen. „Ja, ganz sicher“, würde mein Sohn antworten. „Er hat gesagt, ich dürfe ihn für immer behalten.“Na ja, wir werden ja sehen“, würde ich sagen und das Mittagessen auf den Tisch stellen. Kaum hätten wir uns alle hingesetzt und Essen geschöpft, würde das Telefon klingeln. Es wäre die Mutter des Klassenkameraden. „Das Prinzchen kann nichts dafür“, würde sie sagen, „aber mein Sohn will seinen Transformer zurückhaben. Er hat ihn zwar tatsächlich verschenkt, aber jetzt ist er so furchtbar traurig und will ihn wieder haben.“ „Okay“, würde ich sagen, das Gespräch beenden und dann dem Prinzchen erklären, dass das halt doch nicht ganz so ernst gemeint war mit dem Geschenk. Mein Herz würde schwer, wenn ich sähe, wie er tapfer die Tränen runterschluckt, obschon er doch ungehemmt heulen dürfte. Prinzchens grosse Geschwister wären empört und würden mich dazu auffordern, für die Rechte des kleinen Bruders zu kämpfen. Aber ich würde mich nicht mit einer anderen Mutter um einen blöden „Transformer“ streiten wollen, aber meinem kleinen Jungen dabei zusehen, wie er gegen seine Enttäuschung kämpft, würde ich eben auch nicht wollen. Also würde ich sobald als möglich in die Migros rennen und meinem Sohn den gleichen hässlichen „Transformer“ kaufen, den er morgen wieder zurückgeben muss. Und weil ich beim Einkauf auch noch den Zoowärter dabei hätte, würde ich es nicht übers Herz bringen, ihm zu sagen, er dürfe keinen haben und dann würde ich am Ende mit zwei „Transformers“ an der Kasse stehen, im Hinterkopf eine leise Stimme, die mir zuflüstert, der FeuerwehrRitterRömerPirat werde dann wohl auch noch einen haben wollen. Nur wenn das geschehen würde, könnte ich mich dazu überwinden, so ein hässliches Monster zu kaufen.

Und weil genau dies gestern geschehen ist, wohnen bei uns jetzt halt auch noch zwei ausnehmend hässliche“Transformers“. 

prettyvenditti.jetzt

prettyvenditti.jetzt

Mama Krokodil

Treffender hätte Karlsson meinen – oder allgemein den mütterlichen? – Sinn für Humor nicht beschreiben können. „Bei dir weiss man nie, woran man ist“, erklärte er. „Wie bei diesem Spiel mit dem Krokodil, das Zahnschmerzen hat. Man drückt ein Zahn nach dem anderen und irgendwann schnappt das Krokodil zu. Du bist genau gleich: Man macht einen Witz, du lachst, man macht den nächsten Witz, du lachst wieder und irgendwann – man weiss nicht wann – kriegt man – zack! – eins auf den Deckel.“

Irgendwie fühlte ich mich nach dieser Erklärung ertappt. Gerade so, als hätte das Krokodil für einmal bei mir zugeschnappt. 

prettyvenditti.jetzt

prettyvenditti.jetzt

Interkultureller Dialogversuch, Teil III

Dialog Nr. 3

Daran beteiligt: Schwiegermama und ich. Wir unterhalten uns darüber, was aus Karlsson nach der obligatorischen Schulzeit werden soll.

Ich: „Er ist halt eher ein Kopfmensch, ich denke also, er wird noch ein paar Jahre Schule anhängen.“

Schwiegermama: „Es muss ja nicht jeder Nägel einschlagen.“

Ich: „Tja, allzu praktisch veranlagt ist er wirklich nicht. Das hat auch die Berufsberaterin gesagt.“

Schwiegermama: „‚Deiner‘ war als Kind auch eher so. Nicht so praktisch, mehr mit dem Kopf.“

Ich: „So war ich auch. Habe lieber gelesen, als etwas mit den Händen gemacht. Karlsson hat das also gleich von uns beiden.“

Schwiegermama: „Tja, wenn gleich beide nichts können, dann werden Kinder eben so wie Karlsson.“

expectations; prettyvenditti.jetzt

expectations; prettyvenditti.jetzt

Nahtlos

Was uns gestern (oder so) noch beschäftigte:

Krippe und wenn ja, wie viel darf es kosten? Oder vielleicht doch lieber auf ein zweites Einkommen verzichten? Läuft das finanziell etwa aufs Gleiche hinaus? Und abgesehen von den Finanzen: Wie viele Stunden in der Woche sollen die Kinder fremdbetreut sein? Oder könnte man mit geschicktem Jobsharing die Fremdbetreuung gänzlich umgehen? Und wie steht’s mit den Kräften? Liegt noch Freizeit drin neben Kindern, Job und Haushalt? Zeit für uns, Zeit für die ganze Familie, die nicht verplant ist? Und wo ist die Notbremse, falls es mal zu viel wird?

Viel Zeit ist noch nicht vergangen seither, und schon lauten die Fragen:

Geht’s noch eine Weile in ihren eigenen vier Wänden? Oder bei uns? Oder vielleicht doch ins Pflegeheim und wenn ja, für wie lange? Vorübergehend? Für immer? Was ist gut für sie? Gesundheitlich? Finanziell? Und was ist gut für uns? Wo braucht sie uns und wo müssen andere einspringen? Wo liegt ihre Schmerzgrenze, wo die unsere? Wann ist ein Ja gefordert, wann ein Nein erlaubt? Liegt noch Familienleben drin, oder muss jetzt alles andere hintanstehen? Und wo ist die Notbremse, falls es mal zu viel wird? 

Mein liebes Leben, ich weiss, dir ist ziemlich egal, was ich denke, aber manchmal wünschte ich mir, du hättest uns zwischen diesen beiden Phasen eine etwas längere Verschnaufpause gegönnt. 

broken dreams; prettyvenditti.jetzt

broken dreams; prettyvenditti.jetzt

Albtraum im Handyzeitalter

Zu unseren Zeiten war so ein Albtraum noch richtig furchteinflössend. Mit rasendem Herzen lag man schweissgebadet und stocksteif im Bett, flach atmend, damit das Böse, dem man im Traum begegnet war, einen nicht bemerken würde. Nachdem der schlimmste Schrecken vorbei war, begann man zu überlegen, ob man es wagen konnte, das schützende Bett zu verlassen, um die Eltern oder zumindest die ältere Schwester zu alarmieren. Zaghaft streckte man schliesslich den grossen Zeh unter der Bettdecke hervor, zog ihn aber wegen eines verdächtigen Geräusches im Gebälk sogleich wieder zurück. Alleine und verängstigt im Bett liegen zu bleiben erschien unerträglich, noch unerträglicher aber erschien der Gedanke, auf der Suche nach Trost durch den kalten, dunklen und von allerlei imaginären Schreckgestalten bevölkerten Flur zu tapsen. Also blieb man liegen, presste die Augen zu und sehnte den Schlaf herbei, der irgendwann wieder zurückkam, diesmal hoffentlich ohne albtraumhafte Begleitung. 

Heute geht sowas anders, zumindest, wenn man alt genug ist, ein Handy sein eigen zu nennen. Oder wenn man in der Nähe eines mit Handy ausgerüsteten Teenagers schläft. Dann läuft das so: Man wird durch den Albtraum aus dem Schlaf gerissen, greift zum Handy und alarmiert die Eltern, die sofort zwei Treppen hochgerannt kommen, um einen ins sichere Elternbett zu geleiten. Die bösen Geister sind vertrieben, der Schlaf kann zurückkommen. 

Jetzt muss es nur noch den Eltern gelingen, die Horrorszenarien, die sich wegen des Anrufs zu später Stunde vor ihren inneren Augen abgespielt haben, wieder zu vertreiben und die Nachtruhe ist gerettet. 

pasta e formaggio; prettyvenditti.jetzt

pasta e formaggio; prettyvenditti.jetzt

Bitte entschuldige, mein Kind

In meinem Leben gibt es einen einzigen Erziehungsgrundsatz, den ich – wenn ich mich recht erinnere und nicht die absoluten Tiefstpunkte ausblende – von Anfang an bis heute konsequent durchziehe. Es ist der Grundsatz, der da lautet: Entschuldige dich bei deinem Kind, wenn du Mist gebaut hast und mach dir das zur Gewohnheit, bevor du fürchten musst, dein Gesicht zu verlieren, wenn du endlich damit anfängst. Noch vor Karlssons Geburt fasste ich diesen Entschluss, denn als impulsiver und ziemlich launenhafter Mensch ahnte ich, dass ich wohl das eine oder andere Mal meinen hohen Idealen der Kindererziehung untreu werden könnte. (Das war lange bevor ich wusste, wie gewieft so ein kleiner Mensch die richten Knöpfe bei mir drücken kann, um meine Impulsivität und Launenhaftigkeit zu ihrer vollen Entfaltung zu bringen.)

So sass ich dann also – lange bevor der kleine Mensch der schweizerdeutschen Sprache mächtig war – jeweils abends an seinem Bettchen und sagte Dinge wie: “ Es tut mir leid, dass ich vorhin so laut geworden bin, als du so lange geschrien hast. Ich weiss, du kannst nicht anders, aber ich sollte anders können. Nur gelingt es mir leider nicht immer, wenn ich übermüdet bin.“ Glaubt mir, manchmal fühlte ich mich ziemlich doof, einem zahnlos lächelnden Baby ein Geständnis abzulegen, aber ich zog das durch, auch als weitere Kinder hinzukamen und auch als die Kinder anfingen, aktiv und bewusst zu den Alltagskrisen beizutragen. Meine Entschuldigungsreden lauteten dann etwa so: „Hört mal, dass ich euch vorhin angebrüllt und auf eure Zimmer geschickt habe, war ungerecht. Klar, ihr wart laut, aber ihr habt nichts Falsches gemacht. Ich bin heute furchtbar schlecht drauf und habe das an euch ausgelassen. Bitte verzeiht mir.“ Zuweilen meldete sich in solchen Momenten eine leise Stimme zu Wort, die flüsterte: „Versagermama! Erst baust du Mist und dann machst du dich auch noch vor deinen Kindern  zur Schnecke“, aber ich habe gelernt, dieser Stimme nicht allzu viel Gehör zu schenken, weil sie in meinen Augen schlicht Unrecht hat. 

Warum mir das mit dem Entschuldigen so wichtig ist? Nun, zum einen, weil bei uns Fehler erlaubt sein sollen. Dann auch, weil ich der Meinung bin, Kinder sollten nicht Schuld auf sich nehmen müssen, die nicht die Ihre ist. Kinder neigen ja bekanntlich dazu, sich für Dinge verantwortlich zu fühlen, die ein anderer verbockt hat und darum finde ich es wichtig, klar und deutlich zu meinem Versagen zu stehen. (Dafür nehme ich mir auch die Freiheit heraus, klar und deutlich mit ihnen zu reden, wenn sie Mist gebaut haben, den sie mir in die Schuhe schieben wollen.) Zudem sollen sich unsere Kinder nicht rechthaberischen, unnachgiebigen Eltern ausgeliefert sehen, die nie zu ihren eigenen Fehlern stehen. Wie schmerzhaft es sein kann, wenn empfundenes Unrecht von Eltern beschönigt und gerecht geredet wird, habe ich in meiner Schwiegerfamilie mehr als genug erlebt. Schliesslich hoffte ich insgeheim natürlich auch, unseren Kindern würde ein „Tut mir leid, das habe ich verbockt“ leichter über die Lippen kommen, wenn ich mit gutem Beispiel vorangehe.

Es hat ein wenig gedauert, bis diese Hoffnung in Erfüllung gegangen ist, doch neulich bekam ich doch tatsächlich das Geständnis „Das war ich, Mama. Es tut mir leid. Kann ich es wieder in Ordnung bringen?“ zu hören, als „der andere“ mal wieder sein Unwesen getrieben hatte. Karlsson ist inzwischen gar richtig gut darin, sich bei uns zu entschuldigen, wenn er  – ganz nach der Art seiner Mama – wegen einer Kleinigkeit ausgerastet ist. Dass er inzwischen auch auswärts auf die üblichen Teenager-Ausreden* verzichtet und seiner Lehrerin unumwunden gesteht, er habe bei einer grösseren Arbeit Zeit vertrödelt und sei deshalb ins Hintertreffen geraten, erfüllt mich insgeheim mit Stolz. (Na ja, ich habe ihm zwar nahegelegt, doch immerhin das Wenige, das er bereits geleistet hat, vorzuweisen, damit die Lehrerin nicht denkt, er hätte gar nichts gemacht aber Karlsson fand, das sei unehrlich.) 

Sieht also fast danach aus, als beginne mein einziger konsequent durchgezogener Erziehungsgrundsatz erste Früchte zu tragen. Allzu laut jubeln darf ich aber noch nicht, denn der härteste Brocken liegt noch vor mir. Prinzchen ist nämlich so perfektionistisch veranlagt, dass er sich selber nicht mal Rechtschreibfehler verzeiht und dies, bevor er offiziell lesen und schreiben können muss. Könnte also ein wenig dauern, bis er sich sich selber Fehler zugesteht und noch eine Weile länger, bis er auch den Mut aufbringt, dazu zu stehen. 

* Zum Beispiel: „Mir ist die blaue Tinte ausgegangen, weil mein Hamster alle Patronen angefressen hat und ich konnte keine Ersatzpatronen kaufen, weil meine Mutter zum Mittagessen so mies gekocht hat, dass ich ganz geschwächt war und keine Kraft hatte, mich aufs Velo zu schwingen.“

prettyvenditti.jetzt

prettyvenditti.jetzt

Lesegebrumm

Für eine neue Artikelserie wälze ich derzeit Erziehungsratgeber. Na ja, so richtige Ratgeber sind es nicht, mehr so Bücher, die einem ans Herz legen, eine enge Bindung zum Kind aufzubauen, anstatt starre Programme durchziehen zu wollen. Bücher also, die mir in vielerlei Hinsicht aus dem Herzen sprechen. Und doch rege ich mich zuweilen gewaltig auf bei der Lektüre. 

Zum Beispiel, wenn eine gut situierte Autorin wortreich beteuert, dieser Erziehungsstil sei nicht nur für Gutbetuchte und zwei Abschnitte weiter unten sagt sie, ihr Mann hätte seinen gut bezahlten Job sausen lassen um sich ganz den Kindern zu widmen, weil sie ja genug verdient, um die Familie alleine zu ernähren. Ich lese, überlege kurz, wie unser Kontostand damit fertig würde, wenn einer von uns beiden nur noch für die Familie da wäre und brumme „Nicht nur für Gutbetuchte, genau!“

Oder wenn mehrere Autoren dieser Sparte dafür plädieren, das Baby auch nur mal zum Nuckeln an die Brust zu legen, weil das so viel besser sei als jeder Nuggi. Ich brumme schon wieder: „Schön und gut, aber was ist mit Frauen, die wie ich damals schon ohne dauerndes Anlegen beinahe in der Milch ersaufen und deshalb pausenlos auf der Hut sein müssen vor der nächsten Brustentzündung?“ 

Oder wenn ein Autor rät, wenn Mama die Decke auf den Kopf falle und Baby pausenlos schreie, dann sollten sie doch einfach zusammen an den Strand gehen, ein wenig frische Luft und Wellenrauschen sei genau das Richtige in einem solchen Moment, bei ihnen hätte das jeweils Wunder gewirkt. „Ach so, an den Strand hätte ich gehen müssen. Wäre ja auch gar nicht soooo weit gewesen…“, brumme ich. 

Oder wenn der gleiche Autor freudig davon berichtet, wie er und seine Frau die Kleinen eben auch noch als Dreijährige in der Trage gehabt hätten, wenn das Kind das gebraucht habe. Klar das Kind sei schon etwas grösser und schwerer in diesem Alter, aber damit komme man schon klar. Mein Gebrumm diesmal: „Der FeuerwehrRitterRömerPirat war mit drei wohl knapp einen Meter gross, ich bin eins dreiundfünfzig, wie ich den langen Kerl wohl stundenlang mit mir rumgetragen hätte?“ 

Oder wenn noch einmal dieser Autor ein paar Kapitel weiter hinten aufs Thema Schule zu reden kommt. Man müsse sich eben die Lehrpersonen vor dem Schuleintritt sehr genau anschauen und dann dafür sorgen, dass das Kind zu derjenigen komme, die am besten zum Kind passe. Und falls es trotzdem nicht klappen sollte, müsse man eben eine Schule wählen, die besser auf die Bedürfnisse des Kindes ausgerichtet sei. Und schon wieder brumme ich, etwas, was verdächtig nach „Vollidiot!“ klingt. Und dann schiebe ich hinterher: „Schon mal davon gehört, dass freie Schulwahl in gewissen Ländern nur für Menschen mit grossem Portemonnaie möglich ist?“

Erstaunlich viel Gebrumm für eine Lektüre, die mir in den Grundzügen durchaus zusagt. Ein Gebrumm, das deutlich leiser wäre, wenn die Autoren beim Schreiben etwas weniger Rosarot eingesetzt hätten. 

prettyvenditti.jetzt

prettyvenditti.jetzt

ICH – WILL – ABER – JETZT!!!

Karlsson will ein neues Handy. Am besten schon vorgestern und natürlich das Beste, das derzeit auf dem Markt ist. Oder zumindest das Zweitbeste.

Luise will einen neuen Koffer. Sie braucht einen Skihelm, eine Skibrille und Skistöcke. Dann noch neue Finken. Und zwei Paar Handschuhe. Und neue Hosen. Und wenn sie das alles nicht jetzt gleich bekommt, zeigt sie uns, wie gut sie schon pubertieren kann. 

Der FeuerwehrRitterRömerPirat muss sein Taschengeld loswerden, bevor er es bekommen hat, denn Geld wird bekanntlich sehr schnell schlecht, wenn man es nicht rechtzeitig loswird. Und dann hat er noch ein oder zwei Bücher zugute. Einen Gutschein sollte er auch noch endlich einlösen, der liegt doch tatsächlich schon einige Wochen unberührt rum.

Der Zoowärter muss diesen Lego-Roboter haben. Vor drei Tagen noch wusste er nichts von dessen Existenz, aber jetzt kann er keine Stunde länger mehr ohne sein, sonst verliert er seine ganze Lebensfreude.

Das Prinzchen braucht einen Haufen Süssigkeiten. Nicht etwa, um sie jetzt zu essen, sondern um sie in den Kindergarten zu schleppen, wo die Kinder während der Fastenzeit alles Süsse, das sie bekommen, in ein Säcklein legen. An Ostern bekommen sie dann den ganzen Haufen zurück, aber weil Prinzchen eine Mutter hat, die nicht einfach so Süssigkeiten kauft, ist er der Einzige, der noch keinen anständigen Haufen beisammen hat. Mit dem staubtrockenen Caramel-Gebäck, das ihm der alte Nachbar jeweils zusteckt, lässt sich natürlich nicht auftrumpfen, also muss das Prinzchen jetzt ganz dringend auch mal etwas mehr Zuckerzeug haben. 

Und was will ich? Keine Ahnung. Bei dem andauernden „ICH WILL ABER JETZT!!!!“-Geschrei (nicht nur von Seiten der Kinder) kann ich meine eigenen Gedanken schon längst nicht mehr hören. 

azione; prettyvenditti.jetzt

azione; prettyvenditti.jetzt

Déformation maternelle

Auf dem Einladungszettel fürs Kasperlitheater lese ich den Satz „Kinder unter 8 Jahren bitte nur in Begleitung eines Erwachsenen, Dankeschön.“ und vor meinem inneren Auge sehe ich, wie die Organisatorinnen des Anlasses bei Kaffee und trockenen Guezli am Sitzungstisch sitzen und darüber diskutieren, wie man es hinkriegen soll, dass die faulen Mütter nicht einfach ihre Kinder deponieren, um sich einen schönen Nachmittag zu machen:

„Also letztes Jahr ist das gar nicht gut gelaufen“, spricht die Erste das Thema an. „Da gab es doch tatsächlich Mütter, die ihre Kinder bei uns abgegeben haben und dann verschwunden sind. Sowas geht nicht, wir sind doch hier nicht der Kinderhütedienst.“

„Sonjas Kleiner hat ja andauernd geschrien, der hatte so schreckliche Angst vor dem bösen Wolf. Man kann doch so ein kleines Kind nicht einfach alleine im Theater lassen. Ist doch vollkommen verantwortungslos“, pflichtet eine andere bei.

„Na ja, Sonjas ‚Kleiner‘ ist auch schon sechs. Wenn ihr mich fragt, ist mit dem Kind etwas nicht in Ordnung. In dem Alter fürchtet man sich doch nicht mehr vor dem bösen Wolf“, zickt eine Dritte.

„Okay, Sonjas Sohn ist wohl ein wenig speziell. Aber Brigitte hat ihre Goofen auch einfach hier abgeladen und ist shoppen gegangen. Die hat das noch ganz stolz rumerzählt, als sie nach der Vorstellung mit zwanzig Minuten Verspätung endlich kam, um die Kinder abzuholen. Sowas geht doch einfach nicht“, gibt diejenige, die das Thema angeschnitten hat, zurück.

„Und Sara hat es nicht mal für nötig gehalten, auszusteigen. Die hat ihre Brut einfach aus dem Auto gejagt und ist weggefahren. Ich durfte dann dafür schauen, dass die ihre Eintrittskarten bekommen und zu ihren Plätzen finden. Und dann haben die ja auch immer die Aufführung gestört…“, schaltet sich eine Vierte ein.

„Hast du ihr eigentlich mal gesagt, dass du das nicht so okay findest?“, will ihre Sitznachbarin wissen. „Du wolltest doch mal noch mit ihr darüber reden.“

„Ich hab’s versucht, aber dann hat sie wieder davon angefangen, dass mein Ramon mal angeblich ihrer Svenja das Trottinett kaputt gemacht haben soll….“

„Ach so, jetzt war’s also dein Ramon, der das gemacht haben soll. Eben erst war es noch meine Lia. Dabei weiss jeder, dass Svenja wie eine Irre im Quartier rumflitzt und alles kaputt macht“, wirft ein anderes Mitglied der Runde ein.

„Ladies, wir kommen vom Thema ab“, mahnt diejenige, die Erste. „Wie wollen wir das jetzt hinkriegen, dass wir nicht als billiger Kinderhütedienst missbraucht werden?“

„Ich schlage vor, wir lassen Kinder nur in Begleitung Erwachsener rein“, meint eine Anwesende. 

„Also das kannst du jetzt auch nicht verlangen“, protestiert eine Mehrfachmutter. „Glaubst du, ich will meinen Drittklässler zu Kasperli begleiten?“

„Und wie willst du das dann mit dem Eintritt handhaben? Sollen Mütter bezahlen müssen, die eigentlich nur da sind, weil ihr Kind nicht alleine kommen darf?“, pflichtet ihr eine andere bei.

„Dann schreiben wir eben, Kinder unter sechs Jahren dürften nur in Begleitung eines Erwachsenen rein“, schlägt jemand vor.

„Saras Kinder sind alle älter als sechs und wissen trotzdem nicht, wie man sich benimmt…“, meint Ramons Mutter, die eigentlich ganz gerne noch ein wenig länger über die Sache mit dem Trottinett geredet hätte. 

„Dann eben Kinder unter acht Jahren“, sagt die Erste.

„Das finde ich jetzt ziemlich extrem“, kritisiert die Mehrfachmutter. „Achtjährige wollen doch nicht mehr ins Kasperlitheater…“

„Meine ist elf und liebt den Kasperli noch immer heiss und innig“, bemerkt ihre Sitznachbarin spitz.

„Echt jetzt?“, fragt eine andere mit nur schlecht kaschiertem Spott in der Stimme. „Mein Kleiner findet das jetzt schon zum Gähnen und er wird erst vier.“

„Dürfen Kinder denn nicht mehr Kinder sein, solange sie wollen?“, fragt die Mutter der Elfjährigen beleidigt.

„Laaaaaadies, zurück zum Thema“, mahnt die Erste mit ungeduldigem Singsang. Die Mutter der Kasperli-liebenden Elfährigen und die Mutter des Kasperli-verachtenden Vierjährigen tuscheln weiter, die Stimmung zwischen ihnen spürbar angespannt, aber die übrigen Sitzungsteilnehmerinnen sind wieder beim ursprünglichen Thema.

„Also, wir schreiben jetzt einfach, Kinder unter sieben…“ sagt die Erste.

„Kinder unter acht“, unterbricht eine.

„Okay, Kinder unter acht müssten in Begleitung eines Erwachsenen sein“, fährt die Erste fort.

„Das klingt jetzt aber etwas gar fordernd“, kritisiert eine Letzte, die noch immer nicht genug hat und so kommt es, dass der Forderung auf der Einladung noch ein „Dankeschön“ hinterhergeschoben wird. Inzwischen ist es kurz vor elf Uhr abends und endlich können die Frauen zu Traktandum Nummer 6 (Rückblick auf die Fasnacht) übergehen.

Warum ich so genau weiss, wie dieser Satz zustande gekommen ist? Glaubt mir, ich war dabei. Nicht bei dieser Sitzung, aber bei vielen anderen, wo genau solche Dinge in abendfüllender Länge diskutiert wurden. 

un; prettyvenditti.jetzt

un; prettyvenditti.jetzt