Keine Vorsätze, aber…

Das mit den guten Vorsätzen ist nicht so mein Ding, einerseits, weil ich dem Jahreswechsel keine allzu grosse Bedeutung beimesse, andererseits, weil ich wohl einfach zu bequem bin, mir selber irgendwelche Vorschriften zu machen, die ich dann ohnehin bald einmal missachten werde. Nun ergibt es sich aber, dass ich mich nach Jahren der Überlastung endlich wieder einmal energiegeladen genug fühle, um etwas bewusster zu leben, anstatt mich von den äusseren Umständen treiben und einengen zu lassen.

Dass dieser Wandel ausgerechnet mit dem Start des Jahres, in dem Menschen mit Jahrgang 1974 vierzig werden, zusammenfällt, ist purer Zufall und wenn ich nun aufschreibe, was ich in den kommenden Wochen und Monaten angehen möchte, hat das nichts mit guten Vorsätzen zu tun, sondern mit meinem Wunsch, keine frustrierte Mittelalterliche zu werden, die immer nur jammert, was sie alles täte, wenn sie sich doch bloss dazu aufraffen könnte und wenn man ihr doch nicht immer Steine in den Weg legte.

Einen ersten kleinen Schritt zum bewussteren Leben habe ich heute unternommen, indem ich google den Rücken zugekehrt habe und fortan mit ecosia.org das Internet durchforste, in der Hoffnung natürlich, dass die auch wirklich halten, was sie versprechen. Weitere Schritte sollen folgen, zum Beispiel:

  • Diese nervtötende Hauptfigur aus einer meiner unfertigen Texte in den Griff bekommen, damit ich endlich ihre Geschichte erzählen kann. Jedes Mal, wenn ich denke, ich hätte sie jetzt endlich an dem Punkt, an dem ich sie haben will, entwischt sie mir und stellt irgend eine Dummheit an, die sie in ihrer Entwicklung um Jahre zurückwirft. Und meinen Text, mit dem ich nun auch schon seit Jahren ringe, reisst sie gleich mit sich. In den kommenden Monaten, das habe ich mir geschworen, werde ich die Dame kleinkriegen.
  • Wie zwanzig kann und will ich nicht aussehen, aber ein bisschen mehr Sorge tragen zu meiner Gesundheit und dabei ein paar Kilos – alle überschüssigen zu beseitigen schaffe ich wohl nicht –  liegen zu lassen, wäre keine schlechte Idee und ich habe sogar einen Hauch von einer Ahnung, wie das gehen soll. 
  • Wer ein Kind bekommt, steckt vorher mal grob die erzieherischen Grenzen ab. Natürlich sind diese Grenzen in erster Linie dazu da, fröhlich niedergerissen zu werden, wenn die Grundsätze mit der Realität in Berührung kommen, aber immerhin hat man sich mal Gedanken gemacht. Bei Teenagern ist das nicht mehr so einfach, denn erstens kündigt sich der Übergang vom Kind zum Teenager nicht so deutlich an wie der Übergang von Schwangerschaft zu Elternsein und zweitens lässt einem das Familienleben wenig Zeit, in aller Ruhe zu überlegen, welche Grenzen gelten sollen. Plötzlich reagiert man nur noch, anstatt in groben Zügen vorzugeben, in welcher Richtung es gehen soll. Es soll kein umfangreiches Regelwerk werden, das auf ewige Zeiten gelten soll, aber ein paar Dinge müssen geregelt werden, auf die Gefahr hin, dass es zu lautem Protestgeheul kommt. 
  • Alt fühle ich mich nicht, aber das Bewusstsein, dass wir nicht ewig Zeit haben, um das zu verwirklichen, was uns wichtig ist, steigt. Darum gilt es, bei den Träumen auszumisten. Die einen müssen in konkrete Ziele umgewandelt werden, andere werden wohl auf ewig ins Reich der Fantasie verbannt, wo ich sie gelegentlich besuchen und sehnsüchtig betrachten werde. 
  • Der neu geschaffenen Ordnung Sorge tragen. Auch wenn ich dem Perfektionismus – bis auf wenige Bereiche – abgeschworen habe, so weiss ich es doch wieder zu schätzen, zu wissen, welches Ding wohin gehört. Und da die ganze Familie auf wundersame Weise zur gleichen Erkenntnis gelangt ist, stehen die Erfolgschancen für einmal erstaunlich gut.

Natürlich ist nichts davon in Stein gemeisselt, denn die vergangenen Jahre haben mich zur Genüge gelehrt, dass sich das Leben nicht gängeln lässt, doch das soll mich nicht davon abhalten, wieder etwas überlegter durch die Tage zu gehen. 

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Und wenn wir nicht mehr mitspielten?

Irgendwo habe ich neulich sinngemäss gelesen, wir Eltern sollten uns gefälligst aus der Bildungsdiskussion raushalten, wir seien ja keine Experten. „Von wegen keine Experten“, brummte ich in meinen nicht vorhandenen Bart. Wir, die wir Tag für Tag miterleben, was Reformen, Pisa-Resultate und Sparübungen mit unseren Kindern anstellen, sollen uns aus der Angelegenheit raushalten? Ich wollte mir überlegen, ob es einen Weg gäbe, auf dem wir uns konstruktiv einbringen könnten, doch leider hatte ich keine Zeit, um mich weiter mit der Sache auseinanderzusetzen, also schob ich meine Gedanken unausgereift zur Seite. 

Einige Tage später stiess ich auf einen Zeitungsartikel zur Kritik am Lehrplan 21. Man sprach von den Bedenken der Wirtschaft, von den Änderungswünschen der Lehrerschaft, von den kritischen Fragen der Parteien, Politiker und Schulleiter. Aber kein Wort von der Elternseite, als ginge uns die Sache nichts an, als gehörten wir nicht auch zu jenen, die im Alltag ausbaden müssen, was an Schreibtischen zurechtgezimmert wird. „Was wäre, wenn wir uns so penetrant in die Diskussion einbrächten, dass man unsere Stimme nicht überhören könnte?“, fragte ich mich, doch wieder forderten andere Dinge meine Aufmerksamkeit.

Ein Essay von Hauke Goos in der aktuellen Ausgabe des „Spiegels“ brachte mich erneut ins Grübeln. Unter dem Titel „Du sollst keine Fehler machen!“ beschreibt der Autor, wie unsern Kindern die Kindheit geraubt wird, wie wenig Spielraum für Individualität noch bleibt und wie viele von uns „bildungsnahen“ Eltern unseren Teil zum Druck beitragen, indem wir uns eine Schule wünschen, die unsere Kinder optimal auf den Übertritt ans Gymnasium vorbereitet. Die Aufforderung, wir Eltern sollten uns häufiger auf die Seite unserer Kinder stellen und zwar „bei dem grossen Projekt, das darin besteht, so viel Schule wie nötig zu ermöglichen und so viel Kindheit wie möglich“ zwang mich dazu, mich dem Thema endlich zu stellen. 

Ich las, überlegte und plötzlich war er da, der Gedanke: Was, wenn wir nicht mehr mitspielten? Wenn wir nicht mehr mit lautem Wehklagen dabei zusähen, wie unsere Kinder mehr und mehr von einem Schulsystem vereinnahmt werden, das kaum mehr Luft zum Atmen lässt? Wenn wir die Diskussion um eine gute Schule nicht mehr kampflos den „Experten“ überliessen, die in erster Linie den internationalen Wettbewerb und die Wirtschaftstauglichkeit der Schüler im Blick haben? Wenn wir unsere Kinder nicht irgendwann resigniert von der Volksschule ab- und in der Privatschule anmeldeten, weil die Knöpfe unter der Last der (Haus)aufgaben beinahe zusammenbrechen? Wenn wir nicht mehr schulterzuckend zuhörten, wie die Lehrer darüber klagen, dass das Bildungssystem ihnen keinen Spielraum mehr lässt und sie halt einfach durchziehen müssen, was man ihnen vorgibt? Wenn wir uns stattdessen mit den Lehrern verbündeten und gemeinsam für eine Schule einstünden, die nahe am Kind ist? 

Wenn wir Eltern werden, sagt man uns, wir trügen jetzt die Verantwortung für diesen kleinen Menschen, doch spätestens mit dem Eintritt in die Schule treten wir einen grossen Teil dieser Verantwortung ab. Das ist nicht grundsätzlich schlecht, denn die allgemeine Schulpflicht ist ja eigentlich eine gute Sache. Was aber, wenn wir merken, dass die Schule – und ich meine jetzt nicht die lokale Schule, sondern das Schulsystem als Ganzes – zu viel von unseren Kindern erwartet? Wenn man unseren Kindern die hirnrissigsten Ziele steckt? Wenn sie therapiert werden sollen, weil sie nicht ins System passen und nicht, weil ihnen etwas fehlt? Wäre es dann nicht unsere Verantwortung, laut vernehmlich Stop zu rufen und nicht mehr mitzumachen? 

Nein, ich weiss nicht genau, wie das gehen soll, denn wir Eltern haben zwei grosse Nachteile: Wir schaffen es nicht, uns darüber zu einigen, was wir vom Bildungssystem erwarten und wir neigen dazu, unseren eigenen Nachwuchs verklärt zu sehen. Darum fehlt es uns an Schlagkraft und Sachlichkeit. Aber deswegen können wir doch nicht einfach schweigen, wenn wir sehen, wie schief die Dinge derzeit laufen. Es muss doch einen Weg geben, wie wir uns so in die Diskussion einbringen können, dass man unsere Anliegen ernst nehmen muss und man nicht mehr einfach behaupten kann, wir Eltern dürften nicht mitreden, weil wir eben keine Experten seien. 

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Ferienpläne

Karlsson will nach Paris. Vielleicht auch mal nach Spanien. Ja, Mamas Reisepläne wären auch in Ordnung, aber nur, wenn wir zuerst nach Paris fahren denn „es kann doch nicht sein, dass ich noch nie in Paris war!“. 

Luise will nach London. Oder sonst irgendwo auf die andere Seite des Ärmelkanals. Nirgendwo ist es so schön wie in England, das weiss Luise genau, obschon sie bei ihrem ersten und einzigen Besuch gerade mal sechs Monate alt war. 

Der FeuerwehrRitterRömerPirat kann sich Schweden durchaus noch einmal vorstellen, hätte aber auch gegen Malta nichts einzuwenden. Deutschland wäre auch okay, oder Frankreich. Hauptsache, er kann viele Bücher mitschleppen und findet einen ruhigen Ort zum Lesen. 

Der Zoowärter will nach Stockholm und zwar in das vierstöckige Haus im Vasaviertel, auf dessen Dach ein winziges Häuschen steht, in  dem Karlsson vom Dach lebt. Aber auf gar keinen Fall nach Dänemark, nie mehr im ganzen Leben, denn dort hat man ihm seine Karlsson-Puppe geklaut. Behauptet er. 

Das Prinzchen will ins Astrid Lindgren-Land. 

Ich will nach Stockholm. Oder nach Göteborg. Und aufs Land, irgendwo in Südschweden, nicht zu weit vom Wasser entfernt. 

„Meiner“ will mehr oder weniger das Gleiche wie ich, könnte aber auch damit leben, zu Hause zu bleiben, wenn es dem Budget besser bekommt.

Kater Leone äussert sich nicht zum Thema, aber ich weiss genau, dass er uns bei sich behalten will. Meine Gartenbeete werden seine Meinung teilen. 

Mein Kopf sagt, dass wir bald buchen müssen, wenn es nicht zu teuer werden soll, „Meiner“ und die Stimme der Vernunft pochen aber darauf, dass zuerst das Budget stehen muss. 

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Wunderbare faule Tage

Ausschlafen, bis man das Frühstück als Mittagessen durchgehen lassen kann.
So lange lesen, bis das Buch oder zumindest die spannende Passage zu Ende ist.
Sich in Zürich nicht durch die Massen stören lassen, sondern mit Karlsson in aller Ruhe die Geschenke aussuchen, die er sich nicht wünschen konnte, weil er noch gar nicht wusste, dass er grünen Kaviar und Schweizer Trüffel bekommen könnte.
Sich von Panettone, Orangen, Tonic Water und Gruyère ernähren, weil alles andere zu viel Arbeit macht.
Sich mit Mann, Kind und Katzen im Wohnzimmer fläzen und einen Familienfilm reinziehen.
Zwischendurch ein Kaffee oder einen Tee aus einer Tasse schlürfen, die noch niemand hat kaputt machen können, weil ich sie gerade erst bekommen habe.
Sich über unerwartete Geschenke freuen, zum Beispiel über edlen Tee und Maldon Salt, die wir im im Delikatessengeschäft geschenkt bekommen haben, bloss weil dort der Vater von Prinzchens bestem Freund arbeitet.
Immer wieder einen verträumten Blick auf den in diesem Jahr so wunderschön geratenen Weihnachtsbaum werfen.
Ab und zu einen Streit schlichten, aber damit muss man wohl leben.
Zeit haben für spontanen Besuch.
Kein Problem haben damit, wenn der Besuch dann doch nicht kommt. Dann fläzen wir eben weiter im Pyjama rum.

Seitdem unsere Kinder grösser sind, sind die Tage zwischen den Jahren wieder das, was sie früher mal waren: Wunderbare faule Tage.

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Tochtertag

Natürlich war es wunderschön, Luises Traum zu erfüllen.

Mal wieder mit einem staunenden, glücklichen Schulmädchen unterwegs zu sein, anstatt mit einem vorpubertären, schlecht gelaunten Ding, das im Alltag immer öfter unsere süsse, blauäugige Tochter kidnappt und sich an ihrer Stelle an unseren Tisch setzt.

Zu erleben, dass ich nicht ganz so ängstlich bin, wie es manchmal den Anschein macht, und sie nicht ganz so mutig, wie man denken könnte.

Zu sagen: „Okay, für dich mache ich das, auch wenn mir ein wenig mulmig ist dabei.“ Und zu hören: „Wenn du mitkommst, dann traue ich mich, aber ohne dich mache ich es nicht.“

Zu merken, dass wir beide die gleichen Leute lächerlich finden. Zum Beispiel die Teenie-Tussi, die aller Welt ihre Schlittschuhkünste vorführt, die beste Freundin, die ziemlich wackelig auf den Kufen steht, mit gelungenen Pirouetten in den Schatten stellt und dann mit voller Wucht auf dem Hosenboden landet. Oder die Oma, die in Samichlaus-Mantel und Samichlaus-Mütze gekleidet mit ihrer Sippe zu Mittag isst und nicht ein einziges Mal ihr Gesicht zu einem Lächeln verzieht. 

Im Looping-Restaurant noch ein zweites Dessert zu bestellen, bloss weil es so viel Spass macht, dabei zuzusehen, wie das Essen an den Tisch gesaust kommt. 

Gemeinsam über die Macken von „Meinem“ zu witzeln und dann doch wieder zu überlegen, ob es ihm auf dem Riesenrad wohl gefallen würde, oder ob er im Café besser aufgehoben wäre. 

Nach dem ganzen Lichterzauber in der Dunkelheit nach Hause zu fahren, den halben Weg darüber zu reden, warum eine Ehe, die in Las Vegas geschlossen wurde, selten ein ganzes Leben lang hält und irgendwann ein sehr zufriedenes aber sehr müdes Kind neben sich sitzen zu haben, dem es nur mit Mühe gelingt, die Augen bis zum Schluss offen zu halten, damit es zu Hause noch dem Papa erzählen kann, wie unglaublich schön es war, diesen Traum erfüllt zu bekommen. 

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Ihr Traum, der mal meiner war

Was sie denn nun machen wolle, fragten wir sie. Die Zeit dränge allmählich, ihr elfter Geburtstag stehe schon bald vor der Tür und darum solle sie sich endlich entscheiden, was sie denn Besonderes unternehmen wolle. Einen Tag mit Papa und einen mit Mama bekommen die Knöpfe geschenkt, wenn sie zehn werden und natürlich muss es etwas Grosses sein, denn die Gelegenheit kommt so bald nicht wieder. Luise überlegte lange. Monatelang. Dann wusste sie endlich, wohin sie wollte: In den Europa Park und zwar mit Mama. Erst wollte sie ja mit Papa gehen, weil der im Alltag mehr Witz versprüht, doch dann erlebte sie, wie er blass und blasser wurde, als wir ihn Kopenhagen zu einer Fahrt auf einer mittelmässigen Berg- und Talbahn überredeten. Und sie erlebte, wie Mama auf der gleichen Bahn vergnügt kreischte und dann war klar, wer mit ihr nach Rust fährt.

Ich will mich ja nicht beklagen. Immerhin war es vor dreissig Jahren mein grösster Traum, in den Europa Park zu fahren, doch daran war bei uns nicht zu denken. Nicht mal fragen musste ich, so etwas war einfach klar bei uns. Jetzt geht dieser Traum doch noch in Erfüllung, einfach mit etwas Verspätung. Gut, einmal war ich schon dort, als „Meiner“ und ich im achten Monat schwanger mit Karlsson eine Gruppe Teenager hin- und zurück karrten. Aber hochschwanger lassen die dich ja keinen Spass haben dort, also trieb ich mich den ganzen Tag lang auf diesen Kleinkinder-Attraktionen herum. Diesmal sollte dem Vergnügen nichts mehr im Wege stehen.

Nichts, ausser mein Alter, das mir keine allzu heftigen Berg- und Talfahrten mehr verzeiht. Und meine inzwischen etwas andere Sicht der Welt. Heute beeindruckt mich eher das Natürliche, die künstliche Welt eines Freizeitparks hat für mich ihren Reiz schon längst verloren.  Nein, von einem Tag im Europa Park träume ich schon längst nicht mehr, aber ich habe nicht vergessen, wie es war, aussichtslosen Träumen nachzuhängen. Luises Traum aber soll in Erfüllung gehen und ich werde mit grossem Vergnügen alles mitmachen, was ihr Freude bereitet. 

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Weihnachtsüberraschung

Versteht mich bitte in den folgenden Zeilen nicht falsch. Ich zähle mich nicht zu den Christen, die jedes Mal wutschnaubend im Kindergarten antraben, wenn von Hexen oder Feen die Rede ist. Ich beschwöre auch nicht gleich die Apokalypse herauf, wenn die Kinder ein „Zaubersprüchlein“ lernen. Schon gar nicht erwarte ich, dass der Kindergarten- und Schulunterricht konfessionell ausgerichtet sind. Wünschte ich dies, dann hätte ich unsere Kinder schon längst an einer christlichen Schule angemeldet, was mir persönlich aber zu einseitig wäre. Womit ich natürlich wiederum niemanden kritisieren möchte, der für seine eigenen Kinder anders entscheidet… Ich sehe schon, ich bewege mich auf dünnem Eis, obschon ich gar nichts Provokatives schreiben will. Vielleicht sollte ich einfach mit meiner Erklärung aufhören und erzählen, was mich heute so überrascht hat.

Da kommt das Prinzchen vom Kindergarten nach Hause – seit einigen Tagen schafft er das jetzt alleine – und präsentiert mir seine Weihnachtsbasteleien. Ein kleines Geschenkpaket, das „Meiner“ und ich natürlich erst am Heiligen Abend auspacken dürfen, einen Schutzengel mit Kerze im Heiligenschein und ein längliches Etwas, das in einer Art Schüssel liegt, die mit blauer Wolle ausgepolstert ist. Was das sei, fragte ich. „Das ist Jesus in seinem Bett“, erklärte das Prinzchen. „Jesus in seinem Bett?“, fragte ich ungläubig, aber nicht etwa, weil das Prinzchen so schlecht gebastelt hätte, dass man das längliche Etwas nicht mit ein wenig Fantasie als Baby hätte erkennen können. „Ja, das ist wirklich Jesus in seinem Bett und daneben ist ein Schutzengel“, beharrte unser Jüngster.

Ich war vollkommen baff. Zum ersten Mal in den acht Jahren, in denen wir nun kindergarten- und schulpflichtige Kinder haben, brachte eines unserer Kinder ein Kind in der Krippe nach Hause. Schutzengel haben wir schon haufenweise, Samichläuse und Sterne ebenfalls, ein paar Rentiere befinden sich auch in unserer Sammlung und wenn ich mich nicht irre, gab’s auch schon irgendwelche Wichtel. Alles mit viel Liebe gebastelt und es käme mir nicht im Traum in den Sinn, die Sujetwahl der Lehrerinnen zu kritisieren, obschon mir das rotnasige Rentier offen gestanden ziemlich auf die Nerven fällt mit seinem ewigen Geblinke. Dass heute, nach all den Jahren zum ersten Mal ein Jesuskind dabei war, stimmt mich aber doch irgendwie nachdenklich. Zu Weihnachten überhaupt nicht über die Weihnachtsgeschichte zu reden ist doch irgendwie ähnlich extrem, wie sie jedem ungefragt um die Ohren zu hauen. 

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Die Sache mit den Stöckchen…

Soll ich nett sein, oder doch lieber ehrlich? Seitdem man mir diesen Best Blog Award zugeworfen hat, weiss ich wirklich nicht mehr, was ich tun soll. Eigentlich kann ich Stöckchen nicht ausstehen, aber die zwei Blogger, die sie mir zugeworfen haben, sind mir ganz sympathisch  und es ist ja auch ein Kompliment, dass die zwei an mich gedacht haben, also möchte ich sie nicht vor den Kopf stossen. Damit möchte ich aber keineswegs sagen, dass alle anderen, deren Stöckchen ich nicht aufgegriffen habe, mir nicht sympathisch wären. Manchmal fehlt mir einfach die Zeit dazu, aber ich fühle mich natürlich trotzdem geehrt… Ach, es ist kompliziert….

Nach langem Hin und Her habe ich mich zu einem Zwischending durchgerungen: Ich werde die Fragen, die man mir gestellt hat, beantworten, ich werde auch meine eigenen 11 Fragen formulieren, beantworten darf sie aber jeder, der dazu Lust hat.

Hier also zuerst meine Antworten an den Papa der kleinen Chefs:

1. Fährst du Ski oder Snowboard?
Beides nicht. Als ich Skifahren lernte, war ich schon alt genug, um Angst zu haben und darum habe ich es bald wieder aufgegeben.

2. Bist du eher ein Sommertyp oder ein Wintertyp und warum?
Ich bin ein Ganzjahrestyp mit dem ausgeprägten Wunsch, den Winter zu verschlafen. Im Sommer bevorzuge ich nordeuropäisches Klima.

3. Welches ist dein absolutes Lieblingslied? Also nicht mal so ein aktuelles, welches gerade mal jetzt dein Lieblingslied ist, sondern das, was dir schon immer am Herzen lag und noch lange dein Lieblingslied sein wird.
„For unto us a Child is born“ aus Händels Messias berührt mich immer wieder aufs Neue.

4. Liest du Bücher oder E-Books? Und natürlich warum?
Eigentlich bevorzuge ich Bücher, aber für die leichte Lektüre zwischendurch reicht mir ein E-Book.

5. Bloggst du nur, oder twitterst du auch?
Ich mache zu viele Worte für Twitter.

6. Welches ist dein Traumurlaubsziel, welches du unbedingt einmal besuchen möchtest?
Stockholm

7. Wenn du auswandern müsstest, wohin wäre das und warum?
Schweden, weil ich mich dort auf Anhieb zu Hause gefühlt habe, vielleicht auch Grossbritannien. Zur Not könnte ich es auch in Malta aushalten.

8. Bist du noch mit vollem Elan beim Bloggen dabei, oder musst du dich dazu motivieren?
Natürlich gibt es Tage, an denen mir nicht danach ist, gewöhnlich kommen mir die Texte aber einfach zugeflogen. Ein Leben ohne Blog kann ich mir nicht mehr so richtig vorstellen.

9. Schaust du auf deine Blogstatistik und ärgerst dich darüber, wenn du wenig Besucher hast, oder sind dir Statistiken egal?
Aber klar schaue ich mir die Statistiken an. Ich ärgere mich allerdings nicht, wenn ich wenige Besucher habe, freue mich aber wie ein kleines Kund, wenn ich mal ausserordentlich viele habe.

10. Welche sozialen Netzwerke nutzt du und welche davon unter deinem echten Namen und welche unter einem Pseudonym?
WordPress, Facebook, Freundschaften im echten Leben und alles unter meinem echten Namen.

11. Bist du schon auf der Karte von Tweeterhausen und klein Bloggerdsorf vertreten und wenn nein, warum nicht?
Nein, weil mein Wohnort beim Bloggen keine Rolle spielt.

So, nun noch zu den Fragen von Mutti:

1. iPhone oder Android?
iPad

2. Buch oder E-Book?
Siehe oben, Antwort 4

3. Big Bang Theory oder Sex and the City?
Downton Abbey

4. Wie isst du deine Manner-Schnitten?
Schicht für Schicht, wenn ich mal welche in die Finger bekomme.

5. In zehn Jahren…
…bin ich so alt, wie meine Kinder mich jetzt schon finden.

6. Zuletzt gelesenes Buch…
Bin noch immer an A. J. Jacobs „The Year of Living Biblically – One Man’s Humble Quest to Follow the Bible as Literally as Possible“ Sehr viel amüsanter, als der Titel erahnen liesse…

7. Zuletzt gegoogelt?
Keine Ahnung. Weihnachtslieder, vielleicht?

8. Mit dem/der würde ich gerne essen gehen…
Mit „Meinem“. Ist schon zu lange her, seitdem wir zu zweit weg waren.

9. Wenn du ein Buntstift wärest, welche Farbe…
Pink? Hellgrün? Oder vielleicht so ein Ding mit vierfarbiger Mine?

10. Dahin geht’s im nächsten Urlaub…
Hoffentlich nach Schweden

11. Wo ich gerne mal geküsst werden möchte…
Das Wo spielt für mich keine Rolle, Hauptsache, die Privatsphäre bleibt gewahrt.

Und hier meine 11 Fragen, die jeder beantworten darf, der sie gerne beantworten möchte. Natürlich darf man sich auch nur einzelne herausgreifen, oder alle ignorieren.

1. Denkst du, dass es einen Unterschied macht, wenn man in skandinavischen Spielzeugkatalogen die typischen Geschlechterklischees umgeht, oder werden Mädchen weiterhin zu Barbie greifen und Jungen zur Pistole?

2. Was sagst du, wenn dein Kind mit seinem Taschengeld eine Sache kaufen will, gegen die du jahrelang gepredigt hast?

3. Tragen deiner Meinung nach die Grabenkämpfe zwischen Vollzeithausfrauen und berufstätigen Müttern dazu bei, dass sich in der Familienpolitik so wenig bewegt?

4. Bekommen deine Kinder ungeschälte Erdnüsse und wenn ja, wer kümmert sich um die Entsorgung der Schalen?

5. Finden dich deine Kinder schon peinlich, oder bewundern sie dich noch?

6. Ist Christbaumschmuck, der in Indien hergestellt wurde, weniger verwerflich als solcher, der aus China stammt?

7. Was würdest du mit einem Kater anstellen, der hin und wieder unter dein Bett kackt, ansonsten aber äusserst lieb ist?

8. Kennst du Namen und Geburtsdatum deiner Kinder auswendig, oder brauchst du dein Tattoo als Gedankenstütze?

9. Ertappst du dich manchmal dabei, wie du dich über lärmende Kinder aufregst, wenn du alleine unterwegs bist?

10. Welches ist der schlimmste Ort, an dem du schon eine zerquetschte, halb verfaulte Banane gefunden hast?

11. Was antwortest du einem Menschen, der dir ins Gesicht sagt, deine Kinder seien „ökologischer Unsinn“?

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Sehr geehrter Herr Winterhoff

Keine Angst, was hier folgt, ist keine pauschale Verurteilung Ihrer Werke. Auch keine vertiefte Auseinandersetzung damit, denn dazu müsste ich sie alle gelesen und verstanden haben. Da ich aber jeweils nur Auszüge und Kritiken gelesen habe, kann und will ich dies nicht bieten. Es folgt auch keine weinerliche Verteidigungsrede einer beleidigten Mutter, die mit tränenerstickter Stimme sagt, ihre Kleinen seien doch ganz brav und sie verstünde deshalb nicht, was der Winterhoff nun wieder an ihnen auszusetzen habe. Nein, das einzige was ich zu bieten habe, ist eine Anmerkung zu einer Aussage, die Sie in gewohnt provokativer Manier im Tages Anzeiger gemacht haben. Sie sagen dort, 1995 hätte es pro Schulklasse zwei verhaltensauffällige Kinder gegeben, heute gebe es pro Klasse zwei unauffällige.

Sehen Sie, Herr Winterhoff, ich habe fünf Kinder, und von diesen fünf Kindern hat jedes gut und gerne siebzehn bis zwanzig Klassenkameraden. Dazu kommen noch Freundinnen und Freunde aus ausserschulischen Aktivitäten, zahlreiche Cousins und Cousinen und mehrere Nachbarskinder. In unserem Umfeld gibt es zudem rund 220 Kinder, die mein Mann in den vergangenen 16 Jahren unterrichtet hat, drei oder vier Tageskinder die bei uns ein- und ausgegangen sind sowie andere kleine Menschen, mit denen wir beruflich oder privat zu tun hatten. Zugegeben, in dieser ziemlich grossen Kinderschar gibt es einige sehr auffällige Exemplare, die man durchaus mal mit ihren Eltern bei Ihnen vorbei schicken sollte. Ich gebe auch unumwunden zu, dass es vermutlich deutlich mehr schräge Vögel darunter hat, als dies zu unserer Zeit der Fall gewesen wäre. Und auch diejenigen, die ganz nett sind, sind anders, als wir es damals waren, was auch verständlich ist, denn sie werden in einer anderen Zeit gross. Wären aber gerade mal zwei von sagen wir mal zwanzig unauffällig, hätte „Meiner“ als Lehrer schon längst den Löffel abgegeben und ich als seine Frau und Mutter seiner Kinder wohl auch.

Ja, ich weiss welcher Einwand jetzt kommt: Ich bin selber eine dieser Mütter, die Sie so scharf kritisieren und darum zu einer objektiven Meinungsbildung gar nicht in der Lage. Aber sehen Sie, Herr Winterhoff, Sie können selber auch nicht objektiv sein. Sie bekommen tagtäglich die schlimmsten Fälle vorgeführt, wer aber unauffällig ist, schafft es gar nicht in Ihr Sprechzimmer. Nie würde ich es wagen, in Frage zu stellen, dass Sie in Ihrer Arbeit tatsächlich sehr viele sehr auffällige Kinder kennen lernen. Aber sagen Sie, sehen Sie auch noch die anderen, diejenigen die zwar einen anderen Weg gehen als den, den wir damals gegangen sind, die aber trotzdem ganz gut herauskommen? Sehen Sie überhaupt noch die Eltern, die mit ihren Kindern in den Wald gehen, sie zur Mithilfe im Haushalt anhalten und Ihnen das Leben so gut als möglich zu erklären versuchen? Es gibt sie noch, die Kinder, die sich stundenlang in eine Sache vertiefen, die zu zehnt ums Haus rennen und Räuber und Gendarm spielen, die sich entschuldigen, wenn sie jemandem auf die Füsse getreten sind und die eine Lebensfreude versprühen, wie dies nur Kinder können.

Im Grunde genommen könnte es mir egal sein, was Sie denken Herr Winterhoff. Wir müssen die Dinge nicht alle gleich sehen. Was mir aber zu denken gibt, ist die Tatsache, dass viele Eltern und Lehrer Ihnen ohne gross nachzudenken kräftig applaudieren. Würde Ihr Rechenbeispiel aber aufgehen, dann müssten zumindest die Eltern schlagartig mit Applaudieren aufhören, damit sie die Hände frei hätten, um sich an ihrer eigenen Nase zu nehmen. Das tun sie aber nicht, denn die zwei unauffälligen Kinder, das sind natürlich die eigenen.

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Fiktives aber leider nicht ganz frei erfundenes Gespräch mit einer Einzelkindvollzeithausfrau

Ich: „So, ich muss los. Die Horde braucht Futter und ich habe noch nichts vorbereitet.“

Einzelkindvollzheithausfrau:“Ach ja, kochen. Das liegt mir nicht so. Meistens schiebe ich eine Fertigpizza in den Ofen. Oder Fischstäbchen finde ich auch ganz praktisch. Und kennst du diese Findus-Dinger…“

Ich: „Na ja, weisst du, mit den Fertigprodukten habe ich es nicht so…“

EVH: „Ich koche halt einfach nicht gerne. Wenn einer bei uns kocht, dann mein Mann, am Wochenende. Und der backt manchmal sogar…“

Ich: „Das machen wir auch viel. Die Kinder lieben es…“

EVH: „Ja, aber das gibt immer so eine Sauerei. Also mit dem Kleinen backe ich nie…“

Ich: „Ja, die Sauerei gehört halt dazu, aber bei uns ist ohnehin immer Chaos, da kommt es darauf auch nicht mehr an.“

EVH: „Oh ja, das Chaos, das kenne ich auch. Ich hasse putzen.“

Ich: „Ich auch. Und kaum ist es erledigt, fängt man wieder von Vorne an…“

EVH: „Wem sagst du das? Ich bin immer froh, wenn mein Mann das Putzen übernimmt. Der macht das gerne.“

Ich: „‚Meiner‘ muss auch oft dran glauben. Anders schaffen wir das einfach nicht.“

EVH: „Also wenn der Kleine zu Hause ist, kann ich auch nicht putzen. Zum Glück kommt er im Sommer in den Kindergarten, dann muss ich ihn nicht jedes Mal zur Schwiegermutter bringen, wenn ich mal putzen muss. Ich hab mir auch schon überlegt, ob ich vielleicht eine Putzfrau engagieren soll.“

Ich: „Wir hatten lange eine, aber jetzt, wo alle im Kindergarten und in der Schule sind, sollten wir es ohne schaffen.“

EVH: „Ich weiss nicht, wie du das mit dem Haushalt hinkriegst. Nur schon mein Wäscheberg bringt mich fast um. Drei Maschinen pro Woche, kannst du dir das vorstellen?“

Ich: „Nun ja…“

EVH: „Zum Glück habe ich nicht auch noch einen Job, oder ein zweites Kind. Ich würde zusammenbrechen…“

Ich: „So, ich muss jetzt wirklich los. Am Nachmittag muss ich noch…“

EVH: „Erinnere mich bloss nicht an heute Nachmittag. Da muss ich einen Geburtstagskuchen backen. Diese Fertigmischungen machen immer so viel Arbeit…Und übermorgen dann die Geburtstagsparty im Indoor-Spielplatz. Wie soll ich das bloss schaffen?“

Ich mache mich auf den Heimweg und frage mich, was um Himmels Willen die arme Frau so sehr auslaugt. Ich tippe auf Reality-TV und Nägel lackieren.

Und nein, ihr Vollzeithausfrauen und Einzelkindmütter braucht euch durch diesen Post nicht betroffen zu fühlen. Ich weiss, dass die meisten von euch einen sehr guten Job machen. Und ich weiss auch, dass ich meinen Job öfters mal ziemlich schlecht mache. 

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