Grosse Worte, II

Dass kleine Kinder gerne mit grossen Worten um sich werfen, weiss ich aus eigener Erfahrung. Ich war noch nicht im Kindergarten, als eines Tages ein älterer Herr im weissen Mercedes vor unserem Haus anhielt, um mich zu fragen, wo es denn nach Lenzburg gehe. Ich, die ich sonst eher schüchtern war, erkannte am Stern auf dem Auto einen Klassenfeind und meinte frech: „Das sag‘ ich dir nicht, du Kapitalist!“. Worauf der ältere Herr ziemlich verdutzt von dannen fuhr und vielleicht heute noch den Weg nach Lenzburg sucht.

Wie die Mutter, so die Kinder, könnte man denken, wenn man in diesen Tagen unseren Kindern zuhört. Da warteten wir zum Beispiel gestern etwas länger als gewöhnlich auf den Bus, den Kindern wurde langweilig und sie begannen, rund ums Wartehäuschen zu rennen. Irgendwann erweiterte der Zoowärter seinen Radius und rannte eine Treppe hoch, die zu einem Haus gehört, von dem in den vergangenen Wochen ruchbar geworden ist, dass hinter der harmlos wirkenden rosaroten Fassade nicht ganz so harmlose Dinge getrieben werden. Luise, die im Moment alles mitkriegt, was sie nicht mitkriegen sollte, zerrte ihren kleinen Bruder entsetzt von der Treppe und schrie: „Komm sofort weg von hier, Zoowärter! Das ist ein Puff! Da hast du nichts zu suchen.“

Während dem Zoowärter nach dieser Episode die Worte fehlten, weiss er ganz genau, welches Wort passt, wenn „Meiner“ und ich uns mal wieder darüber zanken, wie viel Geld man ausgeben darf, wenn alle vier Monate mal der Vertreter für Bouillon, Eistee, Gewürze und dergleichen  kommt. „Meiner“ findet, man dürfe gar nichts ausgeben, ich hingegen bin der Meinung, dass ein kleines bisschen doch nicht schaden kann, zumal wir den Vertreter schon seit einer halben Ewigkeit kennen. Wobei sich das „kleine bisschen“ meist zu einem ordentlichen Sümmchen anhäuft. Weil wir eben den Vertreter seit einer halben Ewigkeit kennen und man doch nicht so sein kann, wo doch das Los der Vertreter so unglaublich hart ist. Wir erklären gerade unserem Au-Pair, dass diese Vertreterbesuche bei uns einer der wenigen Streitpunkte unserer Ehe seien – was das Au-Pair mit einem mir vollkommen unverständlichen Grinsen auf den Stockzähnen quittiert – als der Zoowärter trocken hinter dem Trip Trap hervor bemerkt: „Ehekrise!“

Nun frage ich mich natürlich, woher um alles in der Welt der kleine, noch nicht vierjährige Zoowärter dieses unverschämte Wort kennt….

Von Kleidern und anderen Dingen

Heute früh hatte ich mal wieder Gelegenheit in einem Zugabteil voller Gymnasiasten zu sitzen. Gewöhnlich sitze ich ja nicht um Viertel vor acht ohne Kinder im Zug und so nahm ich mir die Zeit, mir die Spätteenager etwas genauer anzuschauen. Ist ja noch gar nicht so lange her, seitdem ich noch selber ins Gymnasium ging. Also bloss etwa 15 Jahre oder so. Dennoch scheint mir, dass sich da so einiges geändert hat. Nein, es sind nicht die Handys und iPods, die damals noch keiner hatte. Es sind die Kleider, die mich irritieren. Wo sind sie denn, die Typen mir den Boxershorts auf dem Kopf? Oder jene, die das ganze Jahr über barfuss laufen? Oder die mit den grünen Haaren? Nicht mal solche, die in allen Farben des Regenbogens gekleidet sind, wie „Meiner“ und ich das während unserer Gymnasialzeit waren, sieht man mehr. Die tragen alle nur noch braun, grau und schwarz. Was ist bloss mit der Jugend von heute los? Müssen die vor lauter Schulstress auf all die Verspieltheit verzichten, die das Leben in dieser Phase mit sich bringen sollte? Oder bin ich aus lauter Zufall in einem Abteil mit Schülern aus dem Wirtschaftsgymnasium gelandet? Sähe das Bild in einem Zugwaggon voller Pädagogikstudenten anders aus?

Eine ganz andere Kleiderfrage beschäftigte mich ebenfalls heute Morgen: Was zieht man zu einer „Fachtagung Betreuungsgutscheine“ an? Die Antwort lautet: Nichts. Also, ich meine natürlich nichts Besonderes. Die übliche Alltagskluft genügt vollauf. Gut, meine Jeans hat schon bessere Zeiten gesehen, meine Bluse und mein Haarschnitt auch, aber damit passte ich perfekt ins Bild, wie ich bei meiner Ankunft in Luzern mit Erleichterung feststellte. Klar, der eine oder andere Ex-Regierungsrat mochte nicht auf Anzug und Krawatte verzichten, aber die anderen trugen, was wir Idealistinnen eben zu tragen pflegen. Ob das daran liegt, dass wir Wichtigeres zu tun haben, als von Boutique zu Boutique zu ziehen, oder ob wir aus lauter Idealismus gerne auf eine anständige Bezahlung verzichten und deswegen kein Geld für schicke Kleider haben, sei dahingestellt.

Während ich also von der Kleidung her perfekt zu den anderen passte, musste ich mich hin und wieder beim Zuhören fragen, von welchem Stern ich denn komme. Da wurde zum Beispiel eingangs klar definiert, was gemeint ist, wenn das Wort „Eltern“ verwendet wird. Die Definition ist mir inzwischen wieder entfallen, doch die Frage schwirrt weiterhin in meinem Kopf: Haben wir uns soweit von der Realität entfernt, dass wir nicht mehr wissen, was Eltern sind, wenn uns nicht einer klar und deutlich sagt, was das Wort bedeutet? Besonders angetan hat es mir dafür  die Definition des Wortes „bildgunsfern“. Ich war ja stets davon ausgegangen, dass damit Leute gemeint sind, die wenig bis gar keine Schulbildung haben. Seit heute aber weiss ich, dass damit Leute gemeint sind, die keine akademische Ausbildung haben. Nun hoffe ich natürlich, dass dies bloss ein Versprecher der Referentin war, denn ich bin mir nicht so sicher, wie gerne sich Lehrer, Pflegepersonal, Schreiner, Bankangestellte und was es sonst so an nicht-akademisch gebildeten Fachleuten gibt, zu den bildungsfernen Schichten zählen lassen.

Im Grossen und Ganzen war die Tagung aber eine gelungene Sache. Bis auf diese eine Aussage vielleicht: „In gewissen Fällen unterstützen wir auch Mütter, die nicht arbeiten.“ Und dann vielleicht auch noch diese: „Manchmal wären auch Kinder von Eltern, die nichts arbeiten, auf familienergänzende Betreuung angewiesen.“ Ja, und auch diese Formulierung hat mir ein wenig zu Schaffen gemacht: „Wenn die Mutter nicht arbeitet, heisst das noch lange nicht….“ Als Mutter, die „nichts arbeitet“ erstaunt es mich doch sehr, dass man sich alle erdenkliche Mühe gibt, mit der Verwendung des Begrifsf „Eltern“ niemanden auszuschliessen und gleichzeitig ohne mit der Wimper zu zucken Müttern und Vätern, die zu Hause bleiben, zu unterstellen, sie würden den lieben langen Tag überhaupt gar nichts tun.

Er liebt mich, er liebt mich nicht….

„Nein, du liebst mich nicht“, sagte der Zoowärter zu mir, nachdem ich ihm zehn Minuten lang vorgeschwärmt hatte, wie begeistert ich doch von ihm sei. Er sei ein wunderbares Geschenk, sagte ich ihm. Ich sei hin und weg gewesen, als ich ihn zum ersten Mal im Arm gehalten hätte. Seine Augen seien so wunderschön. Und seine Haare. Und sein Lachen. Er könne so wunderbar singen, schwärmte ich. Unglaublich witzig sei er auch und dazu noch ein sehr sehr mutiger kleiner Römer. Das alles beeindruckte ihn nicht im Geringsten. Er blieb bei seiner Meinung: „Nein, du findest mich doof. Du liebst mich nicht.“ Also fuhr ich fort mit meinen Liebesbezeugungen. Ich umarmte ihn, nahm ihn auf den Schoss, erzählte ihm von früher, als er noch ganz winzig klein war. Aber er wollte mir noch immer nicht glauben und so fragte ich schliesslich: „Warum glaubst du denn, dass ich dich nicht liebe?“ Die Antwort kam prompt: „Weil du immer fort bist.“

Bevor nun meine Leserschaft beginnt, auf mir rumzuhacken und zu zetern, ich sei eben eine dieser überambitionierten Mütter, die ihre Kinder vernachlässigt, muss ich betonen, dass ich zwar tatsächlich hin und wieder einen Termin ausser Hause wahrnehmen muss, dass diese Termine aber meist auf die Zeiten gelegt werden, wenn der Zoowärter ohnehin in der Spielgruppe ist, oder wenn er schon längst schläft oder wenn er gerade mit Papa unterwegs ist. Den grössten Teil meiner Zeit verbringe ich nach wie vor zu Hause bei meiner Familie.

Wäre ich keine Mama, ich hätte diese Fakten ins Feld geführt, um des Zoowärters Angriff auf mein mütterliches Zentrum für Schuldgefühle sogleich abzuschmettern. Aber ich bin eine Mama und deshalb genügen diese fünf Worte, um mich in die Knie zu zwingen. Sofort ging ich in mich, um herauszufinden, ob er vielleicht Recht hat, mein kleiner Sohn. Nach eingehender Gewissensprüfung hätte ich eigentlich zum Schluss kommen müssen, dass des Zoowärters Vorwurf jeglicher Berechtigung entbehrt. Klar, ich arbeite viel. Klar, ich bin oft in Gedanken irgendwo, nur nicht am Herd. Klar muss ich immer mal wieder sagen, ich hätte jetzt keine Zeit, mit ihm zu spielen, weil ich gerade Mittagessen kochen müsse. Aber es gibt keinen Tag, an dem ich nicht am Morgen für die Kinder da bin, kein Tag, an dem ich nicht mit ihnen zusammen esse und meist auch mit ihnen zusammen koche, kein Tag ohne Liedersingen, Sorgen anhören, Trösten, Streit schlichten und Geschichten erzählen. All das sagte ich zu mir selber, was aber natürlich nicht dazu führte, dass die Gewissensbisse aufhörten. Im Gegenteil: Sie wurden noch schlimmer, weil ich mir sogleich einredete, ich müsste eben mehr Lieder singen, mehr Geschichten erzählen, mehr Sorgen anhören….

Als pflichtbewusste Mama beschloss ich, ab sofort mehr Zeit mit meinem Zweitjüngsten zu verbringen. „Wollen wir Lieder singen?“, fragte ich ihn. Er wollte, ich sang. Genau zwei Lieder, dann fand er, er möchte jetzt eigentlich, dass ich in die Küche gehe, weil ich ihn mit meinen Liedern beim Asterix-Studium störe. Etwas später, als er in der Küche auftauchte, um sich eine Stärkung zu holen, drückte ich den Zoowärter an mich, kitzelte ihn und wollte ihm einen Kuss auf die Stirn drücken. Was mir aber tüchtig misslang. „Hör auf, Mama. Das mag ich nicht.“ So ging es den ganzen Tag weiter. Ich suchte nach Wegen, dem Zoowärter meine Liebe zu zeigen, er suchte nach Wegen, meinen Liebesbezeugungen zu entrinnen.

Und jetzt frage ich mich natürlich, ob mein kleiner Junge mich überhaupt liebt….

Nachlese

– Zwei sehr grosse, sehr schwere und sehr stinkige Abfallsäcke die Treppe herunter geschleppt
– Ein sehr schmutziges und sehr trauriges Prinzchen getröstet, weil es nicht mitkommen durfte, um einen sehr sauberen und sehr fröhlichen Zoowärter in der Spielgruppe abzuliefern
– Gejubelt, weil der Ständerat die Einsicht hatte, dass Kinderkrippen auch in den kommenden Jahren vom Staat unterstützt werden sollen. Pläne geschmiedet, wie wir so rasch als möglich das Gesuch stellen können, damit unser Familienzentrum auch davon profitiert
– Dem Au-Pair einen Crash-Kurs im Risottokochen erteilt, obschon sie dies wahrscheinlich auch ohne Crash-Kurs geschafft hätte
– Ein sehr schmutziges und sehr trauriges Prinzchen getröstet, weil es nicht mitkommen durfte, um einen nicht mehr ganz so sauberen und sehr müden Zoowärter von der Spielgruppe abzuholen
– Den Auftrag erteilt, dass wir nächste Woche eine neue Heizung bekommen weil uns ja so langweilig ist und wir ganz dringend mal wieder ein wenig Action im Haus haben müssen
– Zur Kenntnis genommen, dass sowohl Karlsson als auch Luise der Meinung sind, dass das Menü bei Nachbars heute ansprechender ist als zu Hause, weshalb sie nicht mit uns essen werden
– Ein Mittagessen lang den FeuerwehrRitterRömerPiraten und den Zoowärter davon abgehalten, einander die Köpfe einzuschlagen, weil sie einfach nicht damit klar kamen, dass wir ausnahmsweise nur zu viert am Tisch waren und deswegen die Auswahl an Streitpartnern arg eingeschränkt war
– 53 Viertklässler mit einem Vortrag zum Thema „Wie entsteht ein Buch?“und einem kurzen Werbespot für „Leone & Belladonna“ beglückt  und darüber gestaunt, wie wissbegierig diese Kinder doch sind
– Nach zwei sehr spannenden, erfrischenden Schulstunden  ein weiteres Mal gestaunt, weil man danach so ausgelaugt ist, als hätte man den Frühlings- und den Herbstputz an einem Stück erledigt
– Mich seeeeehr tief vor „Meinem“ verneigt, weil er es nicht nur schafft, seit zwölf Jahren ein engagierter Lehrer zu sein, sondern danach auch noch fast immer die Nerven hat, sich auf seine eigenen fünf Kinder einzulassen
– Vor einem riesigen Berg unerledigter Arbeit kapituliert, weil an einem unterbrochenen Bürotag einfach nichts mehr zu schaffen ist und weil das Telefon ohnehin alle drei Minuten klingelte
– Ausmalbilder ausgedruckt, weil Computer & Drucker sonst beleidigt gewesen wären, dass man sie an einem Bürotag einfach so links liegen lässt. Und natürlich auch, weil der FeuerwehrRitterRömerPirat schon so lange darauf gewartet hat
– Mich auf dem Weg zu Luises Ballettstunde im Dorf, in dem ich seit elf Jahren lebe, so heillos verfahren, dass Luise beinahe zu spät gekommen wäre. Und das alles nur, weil ich so sehr in Gedanken vertieft war, dass ich die falsche Abzweigung erwischt habe
– Auf dem Heimweg von der Ballettstunde noch schnell mit Luise Käse in einer runden Schachtel gekauft, weil sie die Schachtel für den Werkunterricht braucht. Den Laden mit drei Käseschachteln verlassen, weil Luise nicht mehr wusste, wie gross sie sein muss. Wer den Münsterkäse essen wird, weiss ich nicht. Aber wir mussten ihn nehmen, weil Luise darauf bestand, dass seine Schachtel die perfekte Grösse hat.
– Den Monsterwocheneinkauf vom Lieferanten in Empfang genommen und mir angehört, wie erschöpft der Chauffeur nach einem langen Arbeitstag ist
– Auf der Treppe beinahe hingefallen, weil „Meiner“ mir mit einem Bier in der Hand entgegengerannt kam, als ich Taschen hochschleppen wollte.  Das Bier war übrigens für den übermüdeten Lieferanten, nicht für mich. Ich trinke kein Bier
– Dem Zoowärter „Is Muerters Stübeli“ gesungen
– Karlsson dazu bewegt, sich wieder einzukriegen, nachdem „Meiner“ so unverschämt gewesen war, ihn darum zu bitten, die Farbstifte im Garten zu holen
– Mich nach den Abendessen noch einmal aufgerafft, um zur Kleinguppe zu fahren
– In der Kleingruppe intensiv über meinen grossen frommen Schaden geredet und danach noch intensiver über unser aller grosse Frustration mit der Volksschule geklönt
– „Meinem“ eine gute Nacht gewünscht
– Eine Nachlese des Tages geschrieben und dabei gedacht „Wen interessiert das denn schon?“
– Den Post aus lauter Gewohnheit dennoch veröffentlicht

Tischgespräche

Wer mein gestriges Gejammer über Spielverderber-Kinder gelesen hat, könnte nur allzu leicht glauben, ich würde mit der Autorin einig gehen, die heute im Mamablog die Meinung äussert, der Familientisch sei eine ganz und gar überbewertete Sache. Sie beschreibt das mir nur zu gut bekannte Familienchaos, das jeweils herrscht, wenn sich alle zur gemeinsamen Mahlzeit hinsetzen. Sie berichtet von aussichtslosen Bemühungen, den Kindern gesundes Essen schmackhaft zu machen, von verschmierten Babys und  von Tischgesprächen, die nicht in Gang kommen wollen und kommt am Ende zum Schluss, das Konfliktpotenzial des Familientisches sei bedeutend grösser als das Harmoniepotenzial. Als entspannende Alternative empfiehlt sie ein TV-Dinner.

Nun, was soll ich dazu bloss sagen? Klar bin ich auch der Meinung, dass viele der  in den Erziehungsratgebern beschriebenen Alltagssituationen auf dem Papier deutlich harmonischer aussehen, als sie sich in der Realität dann abspielen. Klar haue auch ich immer wieder mit der Faust auf den Tisch, weil es mir einfach zu laut, zu chaotisch, zu ungemütlich wird. Klar kämpfen auch wir immer wieder dagegen an, dass die ungesunden Würstchen zwar gegessen, die nahrhafte Suppe aber links liegen gelassen wird.

Dennoch kann ich nach bald zehn Jahren Familienleben nicht ohne Genugtuung verkünden, dass sich der alltägliche Kampf um einigermassen gesittete Mahlzeiten auch gelohnt hat. Zum Beispiel, wenn Karlsson bei jedem zweiten Essen laut schmatzend verkündet, dieses Essen komme auch auf seine Liste der Lieblingsessen und Luise ihm strahlend beipflichtet. Wenn der FeuerwehrRitterRömerPirat plötzlich einen ganzen Teller Randensalat hinunterschlingt, weil er bei seinem obligatorischen Bissen, den er jeweils probieren muss, gemerkt hat, dass das tiefrote Gemüse nicht nur schön aussieht, sondern auch wunderbar schmeckt. Wenn der Zoowärter noch einen Nachschlag Krautsiele verlangt, obschon er schon fast die ganze Schüssel alleine leer gegessen hat. Wenn der Bruder von Karlssons bestem Freund plötzlich auch bei uns zu Mittag essen will.

Nein, so wie im Erziehungsratgeber laufen auch bei uns die Mahlzeiten nicht ab. Wie könnten sie denn, wo bei uns nicht höchstens vier sondern mindestens sieben Personen am Tisch sitzen? Ausserdem streiten wir uns viel zu oft. Hin und wieder muss auch einer auf sein Zimmer gehen, weil er sich so saumässig aufgeführt hat. Und zuweilen kommt es gar vor, dass „Meiner“ und ich erst dann essen, wenn die alltägliche Schlacht geschlagen ist und wir endlich in Ruhe eine Mahlzeit geniessen können. Dennoch liebe ich unsere gemeinsamen Mahlzeiten als die Zeiten am Tag, wo wir wirklich alle an einem Haufen zusammen sitzen und uns selber sein dürfen. Dass dazu nicht nur Genuss und Harmonie, sondern auch die nicht immer tadellosen Tischmanieren, die kleinen Sticheleien und das Gemotze gehören, damit habe ich mich inzwischen abgefunden.

Kleine Spielverderber

Ausnahmsweise verzichte ich heute auf Namensnennungen. Denn die Kunst, uns einen schönen Moment zu versauen, beherrschen sie alle gleich gut, unsere lieben kleinen Vendittis und deswegen wäre es unfair, einzelne Kinder besonders zu erwähnen. Nehmen wir zum Beispiel heute Morgen: Seit Tagen schon hatten sich „Meiner“ und ich auf den heutigen Gottesdienst gefreut. Nun kann man sich natürlich darüber wundern, weshalb man sich tagelang auf einen Gottesdienst freut. Immerhin haben Predigten nicht gerade den besten Ruf. Aber zum Glück gibt es Kirchen, deren Gottesdienste Wellness für die Seele sind. Zeit, in sich zu gehen, still zu werden, zu staunen, Antworten zu suchen und neue Fragen zu finden. Einfach wunderbar. Besonders nach einer hektischen Woche, in der man kaum einmal zum Nachdenken gekommen ist.

Dumm nur, dass eines unserer Kinder sich zwar ebenso sehr auf den Kindergottesdienst freute, aber nicht begriffen hat, dass man sich auch anziehen und die Zähne putzen müsste, wenn der Vorfreude ein freudiges Erlebnis folgen soll. Kenner unserer Familie mögen erahnen, wer es hier fertig gebracht hat, mit viel Gebrüll, Herumtoben und Verweigern unsere Vorfreude zu dämpfen. So sehr, dass „Meiner“ am Ende mit dem störrischen Kind zu Hause blieb, während ich in der Kirche dennoch ein kleines bisschen Stille zu finden versuchte.

Um dem Tag doch noch eine gute Wendung zu geben, beschlossen „Meiner“ und ich, dass wir uns nach dem Mittagessen einen ausgedehnten Mittagsschlaf gönnen würden. Nach einer Woche, in der wir kaum je vor halb eins ins Bett gekommen waren, konnten wir ein wenig Zusatzschlaf gut gebrauchen. Weshalb wir schweren Herzens einen unserer Erziehungsgrundsätze brachen und die Kinder bei strahlendem Sonnenschein mit einer DVD beglückten. Was auch wieder tüchtig in die Hose ging, weil zwar alle DVD schauen wollten, ein Kind aber die Augsburger Puppenkiste ziemlich doof findet und deshalb lieber „Die Kinder aus der Krachmacherstrasse“ sehen wollte, den aber alle schon in- und auswendig kennen. Also wieder lautes Gebrüll, diesmal einfach aus einer anderen Kehle und deswegen etwas schriller. Was dazu führte, dass nicht nur des Prinzchens Mittagsschlaf drastisch gekürzt wurde, sondern auch dazu, dass der elterliche Mittagsschlaf ins Wasser fiel. Nun gut, wir haben dann in Schichten geschlafen, aber das ist einfach nicht das gleiche. Und einschlafen kann man auch nicht besonders gut, wenn man sich eben noch so sehr geärgert hat.

Ein weiterer Spassverderber brachte es fertig, dass „Meiner“ und ich schliesslich resignierten und zur Wunderwaffe „Eisessen am Küchentisch“ greifen mussten, um dem Gebrüll endlich ein Ende zu setzen. Kurz vor Feierabend mussten wir dann auch noch erkennen, dass hausgemachte Kürbisgnocchi mit dem ersten Butternut-Kürbis aus eigener Ernte nur halb so gut schmecken, wenn einer am Tisch ständig quengelt.

Nach einem solchen Tag bin ich ganz froh, dass mir keiner die Vorfreude auf morgen versauen kann. Wer freut sich denn schon auf den Montag?

Ach, ist ja interessant

Dass ich auf Erziehungstipps nicht immer gut zu sprechen bin, dürfte hinlänglich bekannt sein. Aufgrund dieser Abneigung liegen bei mir auch erstaunlich wenige Elternzeitschriften auf den Nachttisch. Hin und wieder findet aber dennoch die eine oder andere Probeausgabe ihren Weg dorthin. Wenn „Meiner“ mal wieder das Lehrerzimmer ausgemistet hat und all die Probeexemplare, welche keiner wollte, nach Hause schleppt. In einer dieser Zeitschriften bin ich auf diese unsinnige Horoskop-Serie gestossen, in welcher die Kinder anhand ihres Sternzeichens schubladisiert ääähm, ich meine natürlich charakterisiert werden. Nun muss man wissen, dass mein Vertrauen in die Astrologie nicht grösser ist als mein Vertrauen in Erziehungsratgeber. Dennoch habe ich mir den Artikel zu Gemüte geführt, in dem das „Krebs-Kind“ beschrieben wurde. Obschon mich allein der Titel schon in Rage getrieben hat. Aber weil ausgerechnet dasjenige meiner Kinder, von dem ich das Sternzeichen weiss, im Juli geboren wurde, machte ich mich daran, herauszufinden, wie der FeuerwehrRitterRömerPirat denn nach Ansicht der Astrologin sein sollte.

Und jetzt weiss ich, dass mein Dritter vor allem über Themen redet, die „Sensibilität voraussetzen“. Nun, vielleicht kann mir da ja mal jemand weiterhelfen, aber ich weiss nicht, wie viel Sensibilität es braucht, um Tag für Tag vom Gemetzel der Gladiatoren, den Raubzügen der Wikinger und dem Unterschied zwischen gewöhnlicher Luft und Helium zu reden. Weiter erfahre ich, dass im Sternzeichen Krebs geborene Kinder besonders fähig seien, „Wünsche anderer zu erspüren und diese zu erfüllen.“ Nun hat unser FeuerwehrRitterRömerPirat zahlreiche sehr gute Eigenschaften, aber wenn es darum geht, die Wünsche anderer zu erfüllen, dann stellt er die Ohren auf Durchzug. Nicht alleine dies, er weigert sich schlichtweg, etwas zu tun, was ein anderer von ihm wünscht. Er entscheidet, wann er grosszügig ist, wem gegenüber und auf welche Art. Also nichts von schwacher „Antriebskraft und Eigeninitiative“, welche die Astrologin ihm gerne bescheinigen würde. Auch nichts von „lässt sich bei seinen Zielen mehr vom Gefühl als vom Intellekt lenken“ und schon gar nichts von „aus Rücksicht lässt es keine Aggressionen aufkommen.“

Ach, und dann haben „Meiner“ und ich etwas ganz Wichtiges übersehen, als wir unsere Familie planten: „Wegen seiner ausgeprägten emotionalen Seite eignet sich ein Krebs-Kind gut für die Rolle des Nesthäkchens“. Und wir haben unsere Kinder einfach so drauflosgezeugt, ohne zu beachten, dass ein mittleres Kind besser nicht im Juli zur Welt kommen sollte, weil es ja dann keine Möglichkeit hat, die Rolle, für die es angeblich so geeignet wäre, zu spielen.

Natürlich hat die Astrologin vorausgesehen, dass ich und viele andere Eltern ihr Kind in der Beschreibung nicht werden erkennen können, deshalb merkt sie am Ende des Textes an, diese Themen bezögen sich „lediglich auf den astrologischen Grundtenor des Sonnenstandes eines Geburtshoroskops“. Wenn wir mehr wissen wollten, müssten wir schon eine persönliche Analyse und Beratung machen lassen. Ich glaube, darauf verzichten wir. Denn meiner Meinung nach passt die Beschreibung nur deshalb nicht, weil der FeuerwehrRitterRömerPirat nicht einfach irgend ein „Krebs-Kind“ ist, sondern weil der FeuerwehrRitterRömerPirat eben der FeuerwehrRitterRömerPirat ist und niemand sonst.

Mustermütter

„Als meine Kinder kleiner waren, da lief das bei uns immer so: Ich spielte den ganzen Tag mit den Kindern, verbrachte Stunden draussen in der freien Natur, ganz egal, ob es regnete, schneite oder hagelte, dann gingen wir nach Hause, kuschelten auf dem Sofa, erzählten Geschichten und dann, pünktlich um acht war Feierabend. Und mit Feierabend meine ich wirklich Feierabend. Da kam keiner aus dem Bett geschlichen, um noch etwas zu trinken oder um zu sagen, er hätte Angst, oder um nochmals schnell aufs WC zu gehen. Nein, dann herrschte absolute Ruhe bis morgens um acht.“

„Genau so läuft das bei uns auch“, pflichtet eine jüngere Mutter bei. „Meine Kinder sind zwar noch sehr klein, aber wir machen das alles genau so. So viel wie möglich draussen sein, eine vollwertige Zwischenmahlzeit, dann Geschichten erzählen, vielleicht noch ein wenig basteln, Abendessen, kuscheln und ab ins Bett. Und dann absolute Ruhe. Weil meine Kinder ganz genau wissen, dass ich absolut konsequent bin und sie nach acht nichts mehr von mir bekommen.“

Nebendran steht noch eine junge Mutter, die zwar nichts sagt, die aber immer wieder zustimmend nickt, weil sie all das, was gesagt wird, voll und ganz unterschreiben kann. Denn auch bei ihr läuft immer alles wie im Erziehungsratgeber, ja, vielleicht sogar noch besser.

Und dann bin da ich und höre zu. Aufs Mitreden verzichte ich lieber, seit Jahren schon. Zuerst, weil ich mich schämte, denn bei mir lief es nie wie im Erziehungsratgeber. Waldspaziergänge endeten meistens in einer kleineren Katastrophe, weil einer sich das Knie aufschlug, der andere nicht mehr laufen mochte. Geschichten erzählten wir zwar stundenlang, aber immer erst dann, wenn auch Papa zu Hause war, der verhindern konnte, dass die Kleinsten das Buch zerfetzten. Wenn nach Feierabend sogleich Ruhe herrschte, dann wussten wir, dass etwas nicht stimmte, denn dann waren die Kinder wohl wieder dabei, das Bett heimlich, still und leise zu demolieren (ist tatsächlich einmal vorgekommen, ich schwör’s) oder sonst irgend eine Untat auszuhecken. Weil ich damals, als ich noch jung und naiv war, glaubte, dass wir tatsächlich die einzige Familie seien, in der die Dinge hin und wieder nicht wie im Erziehungsratgeber liefen, schwieg ich lieber, als mich als inkompetente Mutter zu outen.

Dann kam eine Phase, in der ich versuchte, auf die weniger friedlichen Seiten des Familienlebens hinzuweisen, was aber bei den Mustermüttern schlecht ankam, worauf ich bald wieder schwieg. Mit Mustermüttern legt man sich besser nicht an, die können nämlich ziemlich bösartig werden, wenn man ihre heile Welt in Frage stellt.

Auch heute schwieg ich wieder einmal, als die Mustermütter von ihrem konfliktlosen, perfekten Familienleben schwärmten. Nicht aus Scham, nicht aus Angst, nicht aus Gleichgültigkeit. Sondern weil ich, hätte ich den Mund geöffnet, nur einen einzigen Satz hätte sagen können: „Und jetzt noch die ungeschminkte Version, bittschön.“

Déformation professionelle

Was haben wir damals gelacht, als meine älteste Schwester ihrem Mann, als er zur Arbeit gehen wollte, noch Nuschi und Schoppenflasche in die Hand drücken wollte. Damit auch Deutsche Leser mitlachen können, sei gesagt, dass es sich bei einem Nuschi um ein Schmusetuch und bei der Schoppenflasche um ein Babyfläschchen handelt. Und nicht etwa, wie unser Au-Pair neulich anmerkte, um ein Feierabendbier. In der Schweiz ist der Schoppen nämlich den Babys vorbehalten. Nun, wie dem auch sei, wir damals noch Kinderlosen fanden, unsere Schwester sei ganz schön durchgeknallt und bräuchte vielleicht mal wieder einen Szenenwechsel.

An dieses hochnäsige Urteil wurde ich heute Morgen mal wieder erinnert, als das Au-Pair sich und das Prinzchen ausgehfertig machte. Das Prinzchen war schon geputzt und gestriegelt – bis auf die Überreste seiner laufenden Nase, die er sich einfach nicht wegmachen lassen will, sondern lieber mit Stolz zur Schau trägt – und auch das Au-Pair musste sich nur noch eine Jacke anziehen. Während wir noch kurz den weiteren Ablauf des Tages besprachen und ich mich mit irgendwelchem Kleinkram beschäftigte, quälte sich das Au-Pair mit einem verklemmten Reissverschluss ab. Was in meinem Kopf offenbar sofort Alarm auslöste: „Achtung Achtung! Verklemmter Reissverschluss! Sofort helfend eingreifen, sonst kommt das Kind zu spät zur Schule. Oder schlimmer noch, es kriegt einen Tobsuchtanfall…“ Dass da vor mir kein Kind sondern eine äusserst selbständige junge Frau steht, wurde meinem Gehirn erst gemeldet, als ich schon die helfende Hand ausgestreckt und ein mütterliches „Soll ich dir helfen?“ ausgesprochen hatte.

Zum Glück hatte der Reissverschluss inzwischen seine Verklemmtheit abgelegt, sonst wäre unser armes Au-Pair in den Genuss einer Reissverschluss-Rettungsaktion à la Mama Venditti gekommen. Und die, so muss ich zu meiner Schande gestehen, enden meistens damit, dass der Reissverschluss im Eimer ist.

Schimpfnamen

Jedes unserer Kinder hat zwei Vornamen. Weil wir das einfach schön finden. Weil man so in der Schweiz ganz unkompliziert seinen Namen ändern kann, wenn einem der von den Eltern gewählte erste Vorname nicht passt. Nun ja, zumindest wenn man den zweiten Namen besser mag als den ersten. Weil es so viele schöne Namen gibt und so wenig Kinder, die man mit schönen Namen versehen kann. Okay, ich geb’s ja zu, beim dritten Jungen wurde es langsam aber sicher schwierig mit den schönen Namen, beim vierten Sohn erst recht. Zumal wir noch eine ganze Liste mit wunderbaren Mädchennamen hatten, die noch immer auf eine Besitzerin warten. Aber man kann ja nicht mittendrin mit den Doppelnamen aufhören und so strengten wir uns eben ganz gewaltig an, um auch unsere zwei jüngsten Söhne mit je zwei Namen zu versehen, die unsere Herzen höher schlagen liessen.

Hätte ich mir doch bloss nicht diese blöde amerikanische Sitte zu eigen gemacht, beim Schimpfen das Kind mit Vor-, Mittel- und Nachnamen anszusprechen. Dann würde wohl kaum je einer an die Mittelnamen denken. Aber weil ich mir aus meinem Austauschjahr in Amerika ausgerechnet eine blöde Angewohnheit mit nach Hause nehmen wollte, tönt es heute etwa so, wenn ich mit meinen Kindern schimpfe: „Karlsson Josef* Venditti, jetzt hörst du augenblicklich damit auf, deine Schwester in den Hintern zu treten.“ Oder „Zoowärter Johannes Venditti! Es reicht jetzt mit deinem Gebrüll!“ Oder „Luise Daisy Venditti! Diesen Ton will ich nie wieder hören!“ Ganz besonders oft tönt es so: „FeuerwehrRitterRömerPirat Jakob Venditti! Zieh dich augenblicklich an, putz dir die Zähne und dann ab in den Kindergarten!“ Das liegt nicht etwa daran, dass der FeuerwehrRitterRömerPirat ungezogener wäre als seine Geschwister, sondern daran, dass er viel konsequenter weghört, wenn Mama mit ihm schimpft. Und so kommt es eben, dass der Name Jakob deutlich öfter fällt als alle anderen Mittelnamen.

Was zur Folge hat, dass das Prinzchen, der seinen Mittelnamen übrigens noch äusserst selten zu hören bekommt, das Wort „Jakob“ für ein Schimpfwort hält. Woran ich das gemerkt habe? Nun, zum Beispiel daran, dass das Kerlchen, wenn die Duplosteine nicht aufeinander passen wollen, leise vor sich hin schimpft: „Mist! Jaggob! Bouet nöd.“ Was etwa so viel heissen soll wie „Mist! Jakob! Ich kann das Zeug nicht zusammenbauen!“ Oder er brüllt seine Schwester an: „Nei, Luise Jaggob! Höööö uuffff!“ womit er sagen will, Luise solle „zum Jakob nochmal“ endlich damit aufhören, ihm auf die Nerven zu fallen.

So ganz wohl ist mir nicht bei der Sache. Klar, ich bin froh dass das Prinzchen noch nicht mit Fäkalien um sich wirft – also, ich meine jetzt natürlich im verbalen Sinn -, aber so langsam fürchte ich, dass es dem FeuerwehrRitterRömerPiraten etwas zu schaffen macht, dass sein schöner Mittelname zum Schimpfnamen verkommt. Ob ich dem Kleinen vielleicht doch ein paar wüste Schimpfwörter beibringen soll? Natürlich nur, damit sein grosser Bruder nicht später beim Psychiater darüber jammern muss, man hätte ihn nicht geliebt.

* Alle Mittelnamen geändert. Ihr glaubt doch nicht etwa, dass ich die hier preisgebe, oder?