Ach, wie süss…

Ach, wie rührend! Roger Federer wird Vater und die halbe Welt schmachtet mit. Nicht dass ich etwas gegen Roger Federer hätte. Ich mache mir über ihn etwa so viel Gedanken wie über Silvia Abächerli aus Bern oder Albert Thommen aus Liestal. Und so wie ich eigentlich fast jedem die Elternschaft gönnen mag, gönne ich sie auch Roger Federer und „seiner Mirka“, wie sie in den Medien gerne vertraulich genannt wird. Es kommt ja schon mal vor, dass ich bei jemandem denke, warum ausgerechnet er Kinder bekommt, während andere, die so viel bessere Eltern wären, kinderlos bleiben. Aber eben, gegen Roger Federers Vaterschaft habe ich grundsätzlich nichts einzuwenden. Wenn ich denn zum Dreinreden berechtigt wäre.

Was mich aber gewaltig nervt, ist das Riesentamtam, das man um diese Geburt macht. Man könnte meinen, der Messias wäre im Doppelpack auf die Welt gekommen. Und natürlich sorgt man sich gebührend um das junge Familienglück. Die „arme Mirka“ werde „auf der Tour“ praktisch alleine für die Kindererziehung zuständig sein, jammert ein Journalist. Ist ja wirklich tragisch, wo sich doch alle anderen Eltern rund um die Uhr zu zweit um ihren Nachwuchs kümmern können! Wie das wohl für die Federers sei, gleich zwei Babies aufs Mal aufzuziehen, fragt „Zehn vor Zehn“ besorgt. Nun, es wird sein, wie bei allen Zwillingseltern: Stress pur. Mit dem klitzekleinen Unterschied, dass Federers sich jederzeit bezahlte Hilfe werden leisten können, wenn sie auf dem Zahnfleisch gehen. Während gewöhnliche Zwillingseltern und auch alle anderen Eltern froh sein müssen, wenn ihnen nicht auch noch das Gotti als sporadische Kinderhüte abhanden kommt, weil sie keine Hütebewilligung vom Staat bekommt. Federers Freude an den Kindern wird auch relativ selten gebtrübt sein durch diesen berühmten Berg unbezahlter Rechnungen über deren Bezahlung sich gewöhnliche Eltern den Kopf zerbrechen müssen. Und über die Frage, ob die örtliche Schule auch wirklich die Beste für ihre Kinder sei, werden sie sich auch keine Sorgen machen müssen.

Aber solch trübe Gedanken wollen wir uns doch gar nicht machen. Malen wir uns lieber aus, wie herzig die Zwillinge auf dem ersten Cover-Föteli der „Schweizer Illustierten“ aussehen werden. Die alltäglichen Sorgen des Elternseins sind viel zu wenig glamourös. Und wenn man zuviel über diese nachdenkt, könnte einem noch auffallen, dass einige der Probleme mit zwei drei winzigen Systemänderungen beseitigt werden könnten. Aber solange wir wissen, dass es den Federer-Zwillingen gut geht, kann uns das ja egal sein. Nicht wahr?

Rabeneltern

Was sind wir doch für Rabeneltern, „Meiner“ und ich. Weil wir es satt haben, zwischen Umzugskartons, vollen Abfallsäcken und Putzkesseln zu leben, beschliessen wir, unsere Kinder für einmal bereits morgens um 10 vor die Glotze zu setzen. Wegen dieser einen Ausnahme werden sie ja nicht gleich verblöden und irgendwann müssen wir ungestört arbeiten können, sonst stolpern wir an Weihnachten noch über Bücherberge und ausgemistete Kleider.

Was aber sollen wir mit dem Prinzchen tun, während die anderen Kinder glotzen? Beim Putzen helfen kann er noch nicht. Fernsehen sollte er in seinem zarten Alter noch nicht (Es genügt ja, wenn wir die anderen vier verderben). Herumkriechen kann er nicht, weil wir noch keine Zeit hatten, das Ameisenpulver aufzusaugen. Also ab mit ihm zu den Nachbarn. Karlsson und Luise haben die Ehre, den kleinen Prinzen in seinem Wägelchen zu chauffieren. Ob sie denn nicht auch bleiben möchten, will die Nachbarin wissen. Sie möchten ja schon, gestehen unsere beiden Grossen. „Aber Mama und Papa haben gesagt, wir müssen einen Film schauen und darum müssen wir jetzt gleich wieder nach Hause gehen.“

Zum Glück hat die Nachbarin Erbarmen mit unseren armen Knöpfen. So blieben Karlsson und Luise vor der Tortur des Filmeschauens verschont; den FeuerwehrRitterRömerPirat und den Zoowärter aber zwangen wir, sich das „Dschungelbuch“ anzuschauen. Sollte aus den beiden nie etwas werden, wird man zumindest wissen, warum…

Verwöhnt

Angefangen hat damit schon Karlsson. Kaum war das Kind einen Monat alt, schlief es zwölf Stunden am Stück, nach sechs Monaten ass es alles, was wir ihm vorsetzten und war fast rund um die Uhr zufrieden. Luise war dann zwar zeitweise etwas anstrengender, doch im Grossen und Ganzen bemühten sich alle unsere fünf Kinder nach Kräften darum, ihre Eltern zu verwöhnen.

Ja und jetzt, wo sie vollkommen verweichlichte Eltern haben, müssen sie ausbaden, was sie angerichtet haben. Das Prinzchen, für gewöhnlich das friedlichste Kind auf Erden, wird schon gar nicht mehr fertig mit uns, so verzogen sind wir. Zur Zeit hält er nämlich Ramadan. Wir haben ihm schon zig Mal gesagt, dass wir Christen sind und dass auch die Muslime momentan nicht am Fasten sind. Das hindert ihn aber nicht daran, tagsüber fast sämtliche Nahrung abzulehnen und nachts zu schlemmen.

Uns verwöhnte Eltern werfen schon zweimal Aufstehen um ihm das Fläschchen zu geben aus der Bahn. Doch jetzt, wo das Kind auch noch am Zahnen ist, wissen wir uns schon gar nicht mehr zu helfen. Dass der Junge Zahnschmerzen, eine volle Windel und einen wunden Po haben könnte, kommt uns erst in den Sinn, nachdem wir ihn an den Rand eines Nervenzusammenbruch gehätschelt haben. Wir streicheln, küssen, knuddeln und trösten und merken nicht, dass das arme Kind eine frische Windel, ein Zäpfchen und ein bisschen Salbe haben will. Das, was durch kurze Nächte gestählte Eltern als Erstes abchecken, fällt uns verweichlichten Memmen erst ein, nachdem wir völlig entnervt und ratlos auf das brüllende Kind starren.

Ja ja, so kommt es eben, wenn man den Eltern nicht  täglich mit aller Konsequenz die Grenzen ihrer Bequemlichkeit aufzeigt.

Spieglein, Spieglein an der Wand…

… aber natürlich, mein Prinzchen, du bist das schönste Baby im ganzen Land – zumindest für deine Mama. Das heisst aber trotzdem nicht, dass du stundenlang selbstverliebt vor dem Spiegel sitzen musst, um dich selbst zu bewundern. Natürlich siehst du bezaubernd aus mit deinen blonden Locken und deinem unwiderstehlichen Lächeln. Aber Jünglinge, die in ihr eigenes Spiegelbild verliebt sind, kommen im Allgemeinen nicht so gut weg in der Literatur.

Es ist ja schon erstaunlich, wie jedes Kind seine eigene Strategie hat, um sich wieder zu beruhigen, wenn etwas schiefläuft. Karlsson zieht sich mit seinem Eisbären zurück, Luise knallt die Tür und brüllt, dass die Wände wackeln, der FeuerwehrRitterRömerPirat lässt den Kopf hängen und vergiesst still ein paar Tränen, dem Zoowärter muss man „Heile heile!“ singen und „tschougigong“ sagen auch wenn man unschuldig ist an seinem Unglück. Und das Prinzchen muss sein Speigelbild betrachten. Und weil beim Prinzchen jetzt, wo er sitzt und krabbelt und sich hochziehen will, ziemlich viel schiefläuft, verbringt er derzeit den halben Tag vor dem Spiegel. Am liebsten vor dem doppeltürigen Spiegelschrank. Da sitzt er dann und hält eine Selbstmitleidssitzung mit seinen zwei Spiegelbildern ab.

Ein Artikel bei Wikipedia klärt mich darüber auf, dass ich mir noch keine Gedanken über Narzissmus machen muss. Das alles gelte noch als primärer Narzissmus.  Was aber, wenn das Prinzchen 16 ist und sich in seinem ersten Liebeskummer noch immer mit seinem Spiegelbild tröstet?  Dann werden wir wohl oder übel den Sigmund fragen müssen, was er davon hält…

Komm, Herr Knigge, sei unser Gast!

So langsam wird es peinlich. Kaum sind die vier Mittagstischkinder eingetroffen, legen unsere Kinder ihr übelstes Verhalten an den Tag. Eigentlich sollte der Mittagstisch ja dazu da sein, dass Kinder, deren Eltern nicht zu Hause sind, in aller Ruhe eine vollwertige Mahlzeit geniessen können. Bei uns müssen sie hoffen, dass sie bei all dem Chaos der Reality-Soap überhaupt noch einen Bissen runter bekommen. Zumindest eines der Kinder traut uns bereits von Anfang an nicht so recht. Wo sie ihren selbstgebastelten Korb versorgen könne, will sie von mir wissen. „Ich möchte nicht, dass er dreckig wird“, erklärt sie mir. Nun, eigentlich könnte es mir ja egal sein, was sie von mir und meinen Haushaltskünsten hält. Doch da meine eigenen Kinder noch ein paar Jahre vom Pubertieren entfernt sind, lasse ich mich durch einen herablassenden Teenager-Blick noch ziemlich aus dem Konzept bringen.

Nachdem alle Gäste ihre Sachen vendittisicher zwischengelagert haben, wollen wir essen. Zeit, dass das Prinzchen loslegt. Zuerst quengelt er, dann klammert er sich mit aller Kraft an den vollen Teller, den ich einem Kind reichen will. Schliesslich brüllt er los, weil ich den Teller seiner Gewalt entwunden habe. Und zwar brüllt er so laut, dass ich meine eigenen Erklärungen, weshalb das Prinzchen plötzlich so wild sei, nicht mehr verstehe. Schnell ab ins Bett mit dem Kind, sonst fühlen sich unsere Gäste nicht wohl.

Doch kehrt jetzt Ruhe ein? Mitnichten. Karlsson angelt sich sämtlichen Mozzarella aus der Insalata Caprese, verschmiert dabei den ganzen Tisch mit Salatsauce, schaukelt auf seinem Stuhl vor und zurück und schnauzt mich an, als wäre er plötzlich mitten in der Pubertät angekommen. Nach zwanzigmaligem Zurechtweisen gibt er endlich Ruhe und gibt damit die Bühne frei für Luise. Diese stochert lustlos in ihrem Essen herum, streut haufenweise Reiskörner über den frischgeputzten Boden und rennt mit der Gabel in der Hand davon, als ich sie auffordere, ihren Teller leer zu essen. Vor lauter Zurechtweisen und Ermahnen komme ich kaum zum Essen, geschweige denn zu einer vernünftigen Unterhaltung mit den Gästen. Diese sitzen betreten da und schauen hin und wieder verstohlen auf die Uhr, um herauszufinden, wann sie dieses Irrenhaus endlich verlassen können.

Die Zeit ist schon fast um, da setzt der Zoowärter der Sache  das Sahnehäubchen auf. Kaum hat er sein riesiges Mokka-Cornet fertig in sich hineingestopft, erbricht er sein gesamtes  Mittagessen und die Hälfte des Frühstücks auf den Fussboden. Entsetzt starren die Gäste auf das würgende Kind und als der Kleine seinen Magen vollständig  entleert hat, machen sich alle vier mit fadenscheinigen Begründungen frühzeitig aus dem Staub. Sollte die Schönenwerder Geburtenrate in acht bis zwölf  Jahren plötzlich auf null absacken, übernehme ich die volle Verantwortung dafür.

Sobald die  Tür hinter den Gästen ins Schloss gefallen ist, sitzen vier lammfromme Venditti-Kinder am Tisch und schauen mich an, als könnten sie kein Wässerchen trüben. Ich glaube, Gespenster zu sehen. Wohin sind die Rabauken von vorhin verschwunden? Und wer sind die vier Engel, die mich ganz erstaunt anschauen, als ich ihnen erkläre, ein solches Verhalten  könne ich beim nächsten Mittagstisch nicht mehr dulden? „Aber was hast du denn Mama? Wir sind doch ganz lieb!“

Ach und übrigens: Der FeuerwehrRitterRömerPirat verhielt sich die ganze Zeit über erstaunlich ruhig. Er wartete, bis die grossen Geschwister gegangen und die kleinen Geschwister am Schlafen waren, bevor er den Wohnzimmerboden mit frischem Aprikosenmus beschmierte.

Turbulenzen

War das wieder ein Auftritt! Mit der gesamten Meute am Samstag ans Schulhausfest zu gehen, ist doch immer wieder ein Erlebnis. Anfangs langweilen sich die drei Grossen ein wenig, doch dann beschliessen sie, sich mit dem Bemalen von Fahnen die Zeit zu vertreiben. Während Luise und Karlsson mal schnell ein Haus hinkleckern, konzentriert sich der FeuerwehrRitterRömerPirat auf sein Segelschiff. Hingebungsvoll mischt er die Farben, trägt Schicht um Schicht auf den Stoff auf. Ein wirklich schönes Schiff entsteht.

So langsam beginnen sich Karlsson und Luise zu langweilen und wollen weiterziehen. Doch der FeuerwerRitterRömerPirat lässt sich nicht beirren, malt weiter und weiter. So langsam verwandelt sich das schöne Segelschiff in einen etwas weniger schönen braunen Fleck mit zwei Masten. Karlsson macht sich derweilen mit einem Freund aus dem Staub, Lusie quengelt, sie wolle sich jetzt ihr Gesicht schminken lassen. Also bleibt „Meiner“ beim Künstler, während ich Luise zum Schminken begleite. Als wir eine Viertelstunde später zurückkommen, ist der FeuerwehrRitterRömerPirat noch immer in sein Meisterwerk vertieft, die Fahne  dick mit brauner Farbe verschmiert. Und er will immer noch nicht weg! Erst die Aussicht auf einen Mohrenkopf, den er sich herbeischiessen kann, überzeugt ihn schliesslich davon, dass er den Pinsel doch zur Seite legen könnte. War aber auch Zeit. So langsam begann die Fahne auszusehen, als hätte sich jemand darauf erleichtert.

Nachdem sich alle die Gesichter mit Schokoköpfen beschmiert haben, will sich der Zoowärter nun  das Gesicht auch noch schminken lassen. Doch dem FeuerwehrRitterRömerPirat wird das Warten bald zu langweilig und deshalb beginnt er, das Prinzchen zu ärgern. Dieses zappelt mit den Beinchen, verliert seine Socken, was ein paar Grossmütter zu missbilligendem Kopfschütteln veranlasst. Schaut denn niemand, dass dieses Baby Socken an die Füsse bekommt? (Natürlich nicht. Ein echter Venditti geht barfuss!)

Endlich hat sich der Zoowärter in einen Tiger verwandelt. Zeit für einen Hot Dog. Aber wo ist Karlsson? Verschwunden und zwar im strömenden Regen. Mitfühlend wie ich bin, erstehe ich ihm dennoch einen Hot Dog, stopfe das vor Ketchup triefende Ding in meine Tasche (sonst sieht mich noch jemand damit!) und renne über den Pausenhof, um meinen armen nassen Karlsson zu suchen. Irgendwann wird mir die Sache zu nass und „Meiner“ hat das zweifelhafte Vergnügen, Karlssons Hot Dog zu verspeisen.

Weil der Zoowärter sein Tigergesicht mit Ketchup verschmiert hat, beschliessen wir aufzubrechen. In letzter Minute taucht Karlsson auf. Pudelnass und pappsatt. Seinen Hot Dog hat hat ihm die Familie seines Freundes spendiert. Währenddem wir Karlsson erleichtert in Empfang nehmen und noch ein wenig über Gott und die Welt und die Dorfpolitik plaudern, gönnen sich der FeuerwehrRitterRömerPirat und der Zoowärter ein Bad in der Pfütze. Ist ja  nicht weiter schlimm. Das hat Mama ja auch gemacht, als sie klein war. Als wir aber das nächste Mal hinsehen, liegt der Zoowärter bäuchlings in der Pfütze und trinkt. Hat das arme Kind denn keine Eltern, die ihm etwas zu Trinken spendieren?! Wie verzweifelt muss ein Kind sein, dass es aus einer Pfütze trinkt?

Jezt ist es endgültig Zeit, zu verschwinden. Sonst fordert man uns unauffällig dazu auf, nun endlich zu gehen.

Erklärungsnotstand

Was mache ich denn jetz bloss? Karlsson und der FeuerwehrRitterRömerPirat werden mich vierteilen, wenn ich ihnen gestehe, dass ich ohne die blaue Sammelkleberpackung aus der Migros nach Hause gekommen bin. Und das ist noch nicht das Schlimmste. Luise hat ihn nämlich schon, diesen scheusslichen Siegelsticker hat. Dabei ist ihr Sammelalbum noch gar nicht voll. Wenn nicht ein Wunder geschieht, wird dies die geschwisterlichen Beziehungen auf Jahre hinaus trüben.

Was nützen mir die fünffachen Cumulus-Punkte, die ich mir heute im Schweisse meines Angesichts inmitten von kaufwütigen Senioren erkämpft habe? Was nützt es mir da, dass ich zehn grüne Sammelpäckchen bekommen habe, dass ich den äusserst raren Zipfelfrosch in fünffacher Ausführung habe, dass ich sogar alle Lücken im Album des FeuerwehrRitterRömerPiraten geschlossen habe?  Wenn der Siegelsticker fehlt, hat alles Sammeln keinen Sinn mehr. Und die Verkäuferin konnte mir auch nicht weiterhelfen. Die nahm zwar bereitwillig das quengelnde Prinzchen auf den Schoss und scannte einhändig meinen ganzen Warenberg ein. Doch auf eine Frage, ob sie nicht noch blaue Stickerpäckchen  hätte, schüttelte sie nur bedauernd den Kopf und reichte mir das Prinzchen zurück.

Vielleicht tauche ich für ein paar Wochen ab. So lange, bis der schlimmste Zorn meiner beiden grossen Buben verraucht ist. Ihre Erleichterung, dass Mama wieder da ist, wird so gross sein, dass sie bei meiner Rückkehr keinen Gedanken mehr an den fehlenden Siegelsticker verschwenden werden.

Vielleicht aber warte ich auch mit Abtauchen, bis klar ist, ob die Migros nicht noch Siegelsticker nachdrucken lässt.

Wie steht’s mit den Falten?

Nein, nicht mit meinen Falten. Die sind mir eigentlich noch ziemlich egal und ich hoffe, dass dies so bleibt. Man weiss zwar nie, wie man reagieren wird, wenn die Falten dann tatsächlich da sind. Aber eben, von meinen (zukünftigen) Falten soll hier nicht die Rede sein. 

Ich meine natürlich jene Hautfalten, die bei Babies so schwer zu reinigen sind, die aber unbedingt sauber sein müssen. Diesen hatte ich eigentlich nie eine besondere Bedeutung zugemessen. Ich reinigte sie zig mal am Tag, salbte sie, wenn es nötig war und manchmal, wenn das Baby allzu störrisch gegen meinen Bauch trat und sich nach allen Seiten wand, schaffte ich es nicht, den ganzen Dreck zu entfernen. Ja, und dann las ich jenen Artikel über vernachlässigte Kinder. Plötzlich wurden diese Falten für mich zum Test, ob ich als Mutter überhaupt noch etwas taugte.

Es war in den dunkelsten Zeiten meiner Mutterschaft, als ich täglich bereits um neun Uhr morgens vom Gefühl geplagt wurde, total zu versagen. Als ich es nicht mehr schaffte, das Chaos in den Griff zu bekommen und abends meistens heulend ins Bett sank, weil ich es wieder nicht geschafft hatte, meinen Kindern gerecht zu werden. Ich hatte den Eindruck, die schlechteste Mutter auf diesem Erdboden zu sein. Da las ich in jenem Artikel, Mütterberaterinnen und Kinderärzte könnten an der Sauberkeit der Hautfalten erkennen, ob ein Kind vernachlässigt werde oder nicht. Natürlich stand in diesem Text noch viel mehr, doch das mit den Falten brannte sich bei mir im Gerhirn ein.

„Sind die Hautfalten des Babys heute sauber?“ wurde zur überlebenswichtigen Frage. Da konnte ich mich noch so sehr in Selbstzweifeln zerfleischen, solange die Falten sauber waren, hatte ich noch nicht vollkommen versagt, die Kinder waren noch nicht vernachlässigt. Sind die Falten noch sauber, ist noch nicht alles im Eimer. Heute ist diese Frage zum Glück wieder weit in den Hintergrund gerückt. Heute weiss ich wieder, dass ein Kind, das lacht und sich prächtig entwickelt keinen Mangel leidet.

Doch hin und wieder, wenn ich das Prinzchen wickle, erinnere ich mich, wie das damals war, als eine saubere Hautfalte das Einzige war, was mir noch Sicherheit gab. Und dann vergiesse ich innerlich eine Träne für all die unzähligen Mamas auf der Welt, die sich als die totalen Versagerinnen fühlen, weil sie in ihrer Überforderung nicht mehr sehen können, wie gut sie ihre Sache in Wirklichkeit machen.

Bitte nicht loben

Jawohl, das meine ich ernst! Es ist doch einfach zum Heulen. Die Kinder legen ihr bestes Benehmen an den Tag, zeigen sich von ihrer besten Seite und du freust dich, dass du offenbar doch nicht alles falsch gemacht hast. Weil du solche Freude hast und du weisst, wie wichtig Lob für Kinder ist, sagst du ihnen, wie stolz du auf sie bist und wie toll du es findest, dass sie ihre Sache so gut machen. Du lobst was das Zeug hält. Und welche Schlussfolgerung ziehen die lieben Kinderlein daraus? Sie denken, sie hätten alles falsch gemacht, hätten sich daneben benommen, und sie glauben, dir zeigen zu müssen, dass sie auch anders können.

Heute war wiedermal so eine Situation. Die Nonna hat Lust in die Stadt zu gehen, also ziehen wir alle zusammen los. Ein kurzer Streifzug durch die Läden, ein etwas längerer über den Markt. Die Kinder benehmen sich tadellos, kaufen  sich mit dem von der Nonna spendierten Fünfliber Knoblauchwürste und hausgemachten Himbeersirup anstelle von Süssigkeiten. Zur Belohnung gibt’s ein Mittagessen im Migrosrestaurant. Auch hier führen sich die lieben Kleinen tadellos auf (zumindest, nachdem sie vor vollen Tellern sitzen). Einzig der etwa einjährige Bruuunò! vom Nebentisch nervt, beziehungweise seine Mutter, die ständig brüllt: „Bruuunò, vieni qui! Bruuunò, non gridare! Non toccare, Bruuunò! Prendi la macchinina, Bruuunò!“.

Eine ziemlich idyllische Mittagspause also. Bis diese alte Frau auftaucht. Wie das doch schön sei, diesen artigen Kindern beim Essen zuzuschauen! Und an die artigen Kinder gewandt: „Gelt, Kinderlein, ihr macht eurer Mama und eurem Papa weiterhin so viel Freude.“ Die artigen Kinder nicken brav, „Meiner“ und ich starren betreten zu Boden. Wir wissen genau, was jetzt folgen wird. Und tatsächlich: Kaum ist die Frau verschwunden, geht’s los. Der Zoowärter und der FeuerwehrRitterRömerPirat beginnen damit, die Stühle vom Nachbartisch mit grossem Krach über den Boden zu schieben. Luise stänkert lauthals, sie wolle jetzt endlich gehen. Karlsson motzt, die Oliven seien scheusslich. Ja sogar das Prinzchen macht mit und schmeisst beinahe den Servierwagen um. Bruuunò! vom Nebentisch wird plötzlich ganz still. Diese Kinder hier sind ja noch lauter als seine Mama!

Hätte die alte Frau doch bloss nichts gesagt! Sie hätte den Kindern doch wirklich nicht unter die Nase reiben müssen, dass sie von ihnen eigentlich ein anderes Verhalten erwartet hätte. Demnächst hängen wir unseren Kindern ein Schild um den Hals: „Bitte nicht loben!“. Wer unsere Kinder loben möchte, soll es uns ins Ohr flüstern. Oder uns unauffällig ein Post-it zustecken. Wir garantieren, dass wir das Lob an unsere Kinder weiterleiten werden. Spät abends werden wir ihnen erzählen, welch schöne Dinge die Leute über sie gesagt haben. Nach fast neun Jahren Elternschaft haben wir uns das Sprichwort „Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben“ zu Herzen genommen. Gelobt wird erst, wenn die Kinder zu müde sind, um sich Dummheiten auszudenken (mal abgesehen vom kleinen Lob für Zwischendurch zum Überstehen des Tages). Dann aber ausgiebig. Das haben sie nämlich verdient.

Abschied

Heute war er also da, ihr letzter Arbeitstag bei uns. Gekündigt hatten wir ihr bereits vor ein paar Wochen und heute hiess es dann Abschied nehmen. Gegen Mittag packte ich ihre ihre sieben Sachen – nicht mal selber packen wollte das faule Ding – und dann war es vorbei. Kurz und schmerzlos: In den Abfallsack, den Sack zugeschnürt und dann war Barbie Geschichte.

Nicht dass sie mir fehlen wird. So richtig warm geworden sind wir nie miteinander. Ich ärgerte mich über sie, weil sie überall ihre Schuhe herumliegen liess und weil sie einen schlechten Einfluss auf Luise ausübte. Sie hatte ihre liebe Mühe mit mir, weil ich mit Äusserlichkeiten wenig am Hut und ausserdem noch ein paar Kilos zuviel auf den Knochen habe.

Dennoch tut der Abschied ein bisschen weh. Nie wieder wird mir ein kleines Mädchen in den Ohren liegen, mich auf Knien anflehen, damit ich ihr eine Barbie kaufe. Nie wieder werde ich dieses verzückte Lächeln sehen, wenn die heiss ersehnte Puppe endlich da ist. Natürlich, auch die Jungen haben grosse Wünsche, aber als Mutter kann man sich eher mit der Sehnsucht nach Barbie identifizieren, als mit dem Drang, jetzt auf der Stelle, eine Knarre aus Holz zu bekommen. Nie wieder werde ich erklären müssen, warum ich Barbie doof finde und weshalb meine alten Sascha-Puppen so viel schöner sind. Nie wieder Barbie; es sei denn, ich finde eines Tages Luises heiss ersehnte kleine Schwester auf der Türschwelle.

Noch kurz etwas ganz anderes: Herzlichen Dank für den Post-it-Nachschub! Ich fürchte, ich werde ihn brauchen können. 🙂