Irgendwie anders

Irgendwie ist hier alles ein wenig anders. Nicht vollkommen anders, wir sind ja noch immer in der Schweiz, aber immerhin so, dass es einem auffällt.

Die Dame am Empfang im Museum, die einem keine bösen Blicke zuwirft, wenn man mit dem Kinderwagen reinkommt und die am Ende jedem Kind einen – politisch noch immer vollkommen inkorrekten – Mohrenkopf schenkt.

Der Aufkleber am Lift, mit dem jeder dazu aufgefordert wird, Gehbehinderten, Senioren und Kinderwagenpassagieren den Vortritt zu lassen.

Das Haus mit der frech karierten Fassade, nicht neu, sondern ganz offensichtlich uralt. Und nicht weit davon entfernt das neue Haus, das in Loewenzahngelb erstrahlt.

Der Busfahrer, der einen nicht anschnauzt, sondern freundlich darauf hinweist, dass man mit dem Kinderwagen hinten einsteigen darf. Alleine schon dass man darf und nicht muss….

Der Mann, der „Meinem“ auf offener Strasse zu seinen fünf Kindern gratuliert.

Die Verkäuferin bei H & M, die sich dafür entschuldigt, dass sie nicht sofort gemerkt hat, dass die Kinder kein französisch sprechen. Offen gestanden habe ich zum ersten Mal erlebt, dass man bei H & M überhaupt mit einem Kunden redet.

Viele kleine Dinge, die einen spüren lassen, dass Schweiz nicht gleich Schweiz ist. Und währenddem ich mich noch frage, ob wir uns dies alles bloss einbilden, oder ob hier tatsächlich alles ein wenig freundlicher, ein wenig menschlicher ist, erscheint vor meinem inneren Auge die Schweizerkarte, die jeweils an Abstimmungssonntagen am Fernsehen gezeigt wird. Die Karte, die zeigt, dass man in der französischen Schweiz meist ganz anders abstimmt als in der Deutschschweiz. Die Karte, die „Meinen“ und mich jeweils mit leiser Sehnsucht auf die andere Seite des Röstigrabens blicken lassen, weil dort offenbar ganz viele Gleichgesinnte leben.

Vielleicht sind die Menschen hier gar nicht so viel freundlicher, vielleicht ticken wir einfach ähnlich wie sie.

Nur das Nötigste

In einer Grossfamilie kann man nicht früh genug damit anfangen, die Kinder zu lehren, ihre eigenen Koffer zu packen. Damit dies auch klappt, drucke ich den  grösseren Kindern gewöhnlich eine Liste mit Bildern aus,  die sie als Gedankenstütze beim Kofferpacken verwenden können.  Diesmal war leider die Druckerpatrone leer und weil ich keine Zeit zum Zeichnen hatte, musste eben ein handgeschriebener Spickzettel reichen. Weil der FeuerwehrRitterRömerPirat noch nicht ganz flüssig liest, ging ich mit ihm die Liste noch  einmal durch. Bald darauf erschien er mit gepacktem Koffer. Meine Frage, ob er alles dabei hätte, bejahte er. 

In der Ferienwohnung angekommen, stellte sich rasch heraus, dass der Junge  an alles gedacht hatte, was ihm wichtig erschien,  nämlich:

1 lange Hose
1 kurze Hose
1 Paar Socken
7 Unterhosen
1  Zahnbürste
1 T-Shirt
1 Pullover
1 Buch mit dem Titel  „Zum Glück bist du nicht Tutanchamun“

Mehr braucht man nun wirklich nicht, wenn man für eine Woche wegfährt, nicht wahr?

Ferienweisheiten

Man braucht kein asiatischer Tourist zu sein, um in Sandalen auf einem abschüssigen Wanderweg zu landen. Es reicht, wenn man Venditti heisst und sich ohne vertiefte Vorbereitung in den Greyerzer Hügeln wiederfindet.

Die Schonzeit für „Meinen“ und mich neigt sich dem Ende zu. Karlsson, Luise und der FeuerwehrRitterRömerPirat fangen an, hinter unserem Rücken zu tuscheln. Nicht mehr lange, und wir werden ihnen peinlich sein. Was mich nicht weiter verwundert. Denn Menschen, die nach zehn Minuten Zugluft bereits über Nackenstarre jammern sind einfach peinlich.

Wenn Karlsson, Luise und der FeuerwehrRitterRömerPirat auf der Wanderung motzen, sie würden keinen weiteren Schritt mehr gehen und wenn wir ihnen 1000 Franken bieten würden, dann heisst das nicht, dass sie nicht eine Stunde später den steilsten Hügel im Dorf erklimmen werden.

Es gibt Momente, da verzichtet man liebend gerne auf Sauce Hollandaise zu den frischen Artischocken. Zum Beispiel dann, wenn Mama Venditti in den Ferien zu faul ist, zwanzig Minuten Sauce-rührend am Herd zu stehen und deshalb für einmal auf den Beutel zurückgreift. Und dann lieber Mayonnaise nimmt, weil sie die Pampe aus dem Beutel nicht runterkriegt.

Der Sonnenbrand ist eine Realität, die wir so erfolgreich verdrängt haben, dass wir uns jetzt, wo wir alle krebsrot sind im Gesicht, erstaunt die Augen reiben und uns fragen, wie wir bloss so dumm sein konnten, uns auf das Risiko einzulassen, ohne Sonnenschutz einen ausgedehnten Spaziergang zu machen. Nun ja, wir sind eben Kinder unserer Zeit und somit bestens damit vertraut, „Restrisiken“ auszublenden.

Es ist zwar  nicht ganz einfach, aber man kann durchaus auch ohne Internetverbindung überleben. Zumindest solange, bis „Meiner“ die Zeit gefunden hat, auf dem Tourismusbüro nachzufragen, was mit dem im Prospekt versprochenen Drahtlosnetzwerk los sei. Seine Frau werde allmählich ungeniessbar, wenn sie nicht endlich wieder online sein könne…

Es kommt zwar selten vor, aber hin und wieder ist das Leben netter als man denkt und so kommt es, dass sich meine Halsschmerzen nun doch zurückgezogen haben, ohne weiteren Schaden anzurichten. Wenn das so weitergeht, haben wir am Ende nicht mal einen Grund zum Jammern, wenn wir nach Hause kommen.

Alles dabei?

Wenn man für eine Woche mit Kind und Au Pair verreist, dann erfordert dies minutiöse Planung. Mir scheint, diesmal haben wir auch wirklich gar nichts vergessen, so dass wir heute Nachmittag ganz unbeschwert verreisen können. Hier ein kurzer Überblick über alles, was wir in die Wege geleitet haben, damit einem entspannten Familienurlaub nichts mehr im Wege steht:

– Karlsson mit einer tüchtigen Portion Noroviren ausgestattet, die den Jungen zwar noch nicht ins Bett gezwungen haben, die aber schon mal einen Anflug von Übelkeit als Vorbote geschickt haben. Nachdem in der vergangenen Woche das Au Pair, Luise, der FeuerwehrRitterRöerPirat und „Meiner“ ihre Virenportion in vollen Zügen genossen haben, habe ich eine gewisse Ahnung, wie  das bei Karlsson morgen aussehen könnte.

– Dem Prinzchen haben wir in den  vergangenen Tagen ein äusserst chaotisches Schlafverhalten angewöhnt – Mittagsschlaf um halb neun Uhr morgens und um halb sechs abends, Nachtruhe irgendwann zwischen elf und zwölf, aufstehen gegen fünf Uhr morgens – weil wir nichts spannender finden, als unausgeschlafen mit einem genervten Kleinkind zu verreisen.

– „Meinen“ für gestern Abend und heute den ganzen Tag in einen Emaillier-Kurs angemeldet, weil es einfach viel mehr Spass macht, alleine die Koffer zu packen, die Wohnung aufzuräumen und danach alleine mit fünf aufgedrehten Kindern im Zug durch die Schweiz zu fahren. Glaubt mir, es war gar nicht so einfach, einen Kurs zu finden, der exakt an diesem Wochenende stattfindet, aber ich habe wirklich alle Hebel in Bewegung gesetzt, um ihm genau diesen Kurs zu schenken und nicht etwa einen an einem Wochenende, wo wir alle gar nichts davon gehabt hätten. So aber kann ich den ganzen Spass für mich alleine haben und „Meiner“, der arme Kerl, muss ganz alleine im vollbepackten Auto nachreisen. Das Au Pair ist noch ärmer dran. Sie darf erst  am Dienstag nachreisen. Ja, ich weiss, ich bin eine Egoistin, aber man gönnt sich ja sonst nichts.

– Wo ich schon auf dem Ego-Trip bin, habe ich gleich noch einen draufgesetzt: Seit einer Woche hege und pflege ich meine Halsschmerzen, die nun endlich doch den Anschein machen, als wollten sie sich zu einer Angina oder zumindest zu einer heftigen Erkältung mit  Gliederschmerzen auswachsen. Ja, ich weiss, es ist gemein, dass ich die anderen mit billigen Noroviren abspeise, während ich mir selber das beste Stück gönne, aber wenn man auf dem Ego-Trip ist, kann man nicht auf alle Rücksicht nehmen.

– Ein bereits  zweimal verschobener Arzttermin mit Luise, der sich nicht mehr weiter verschieben liess und der deshalb dafür sorgen wird, dass entweder „Meiner“ oder ich mit unserer Tochter einen Tag früher abreisen dürfen.

Ihr seht also, dem perfekten Urlaub steht nichts mehr im Wege. Nur eines stört mich: Die Wohnung sieht im Prospekt zu sauber, zu gross und zu  luxuriös aus und auch die Gegend scheint mir mit Museen, Schlössern, Seen und satten Frühlingswiesen etwas gar zu idyllisch zu sein. Aber man kann nicht alles haben.

Zoowärtertag

Heute war der erste Zoowärtertag. Zoowärtertag heisst, dass das Prinzchen den ganzen Tag in der Krippe verbringt und Karlsson, Luise und der FeuerwehrRitterRömerPirat Vormittag und  Nachmittag in der Schule oder im Kindergarten sind. Den Zoowärtertag haben wir eingerichtet, weil wir gemerkt haben, dass unser Zweitjüngster ziemlich gestresst ist. Drei grosse Geschwister, für die er immer nur der Kleine ist, ein kleiner Bruder, der in den Startlöchern  ist, ihn zu überholen, wenn er sich nicht ganz schnell auf die Socken macht. Nicht, dass der Zoowärter nicht schnell wäre, aber er zieht es nun mal vor, seine Tage mit Pooh, Robin Hood und Konsorten in einer bunten Fantasiewelt zu verbringen. Und weil ihn die Geschwister in seiner Fantasiewelt so oft stören, haben wir beschlossen, ihm einen Einzelkindtag zu schenken.

Heute also war der erste Zoowärtertag und dummerweise verbrachten er und ich diesen vorwiegend im Auto und in Möbelgeschäften, weil ich auf der Suche nach einem abschliessbaren Schrank für das Familienzentrum war. Weshalb man in unserer konsumbesessenen Welt nicht in den nächstbesten Möbelladen marschieren, sich einen abschliessbaren Schrank schnappen und  dann den Rest des sonnigen Frühlingstages geniessen kann, ist eine andere Geschichte, mit der ich euch nicht langweilen will. Es sei nur darauf hingewiesen, dass es in diesen Tagen sehr sehr schwierig ist, einen abschliessbaren Schrank aufzutreiben.

Trotz sehr frustrierender Schranksuche erhaschte ich heute einige faszinierende Einblicke in die Welt unseres Zweitjüngsten. Habt ihr zu Beispiel gewusst, dass es in Aarau gleich gegenüber des Kunsthauses einen Drachenstärkermacher gibt? Ein Drachenstärkermacher verwandelt schwächliche Drachen in gefährliche, starke Drachen. Das ist ein unglaublich gefährlicher Job, denn es kommt nicht selten vor, dass ein starker Drache, der noch stärker gemacht werden will, den Drachenstärkermacher angreift. Der Zoowärter jedenfalls möchte diesen Beruf nicht ausüben, wenn er mal gross ist, hat er mir gesagt.

Oder habt ihr gewusst, das Honig weiss wird, sobald er im Bauch von Winnie the Pooh landet? Das hat der Zoowärter heute herausgefunden, nachdem er sich mit seinem eigenen Geld einen kleinen Pooh-Sessel gekauft hatte. Weshalb Pooh so einen dicken Bauch habe, wollte er von mir wissen und als ich ihm sagte, Pooh hätte eben zu viel Honig geleckt, musste der Zoowärter natürlich sofort den Reissverschluss öffnen, um nachzusehen, ob da wirklich Honig drin ist. Und siehe da, es war tatsächlich Honig drin. Weisser, weicher Honig der nicht einmal klebt. Ist das nicht toll?

Obschon der Zoowärter ganz gut mitmachte bei unserer Einkaufstour, erlebte er natürlich auch die eine oder andere Enttäuschung. So konnte er nicht verstehen, weshalb er das Ritter-Hochbett nicht bekommen  konnte, obschon doch sein Bett zu Hause gar nicht mehr neu, sondern schon mindestens drei Monate alt ist. Er hatte auch grosse Mühe damit, dass die eine Verkäuferin uns „nicht hallo gesagt hat“. Als ich ihn darauf hinwies, dass sie uns aber „grüezi“ gesagt hätte, meinte er beleidigt: „Ja, aber sie hat uns nicht hallo gesagt.“ Und das ist natürlich wirklich eine Sauerei.

 

 

 

 

Etiam si omnes, ego non?

Es war nur  ein klitzekleiner Zwischendurcheinkauf, das Nötigste, um den Tag zu überstehen. Die Schlange an der Kasse war ziemlich lang, vor mir ein Paar, das offensichtlich den Wocheneinkauf getätigt hatte: Eine Grosspackung panierter Käse, eine Grosspackung Pain au Chocolat, Chips, Würstchen, Schokoladenriegel, Nussgipfel, Weissbrot, Ketchup, Käse. „Die ernähren sich aber ausgewogen“, dachte ich bei mir und schüttelte innerlich den Kopf. „Wo bleibt da der Salat? Das Obst? Die Karotten? Also ich könnte ja so nicht leben…“

Das Förderband  bewegte sich langsam aber stetig vorwärts und bald sah ich nicht mehr die Waren des Paars, sondern meinen eigenen Einkauf: Zwei Schachteln Eis für die Kinder,  eine Cola für „Meinen“, eine Cola light für mich.

Nur das Nötigste eben, um den Tag zu überstehen…

 

Wiedermal Dienstag

Kann mir mal jemand sagen, wie man all dies und noch viel mehr in einen ganz gewöhnlichen Dienstag pressen kann:

– Einen sehr schlecht gelaunten Zoowärter davon überzeugen, dass es in der Spielgruppe schön ist und dass er deswegen rechtzeitig dort sein muss.

– Dem Zoowärter das Nuschi aus Mund und Nasenlöchern entwinden, damit man das Ding mal wieder kochen kann, weil so viele Bakterien ganz bestimmt nicht gesund sein können.

– Eine geschlagene Stunde mit Luise in Trimbach herumirren, ohne die Psychomotorik-Therapeutin zu finden, dazu abwechselnd auf mühsame Autofahrer schimpfen, sich bei Luise entschuldigen, sich rechtfertigen, weshalb man sich dennoch kein Navi anschaffen will und sich selbst mit Vorwürfen eindecken, weil man die mieseste Versagermama auf dem Planeten  ist. Liebe Trimbacher, bitte nehmt es mir nicht übel, aber so schnell komme ich nicht wieder zu euch.

– Den Zoowärter zu spät von der Spielgruppe abholen und dabei den zwei Frauen, die das Pech haben,  dir über den Weg zu laufen, den Kopf voll jammern, weil das Leben im Schwarzen Loch mal wieder nahezu unerträglich ist.

– Dem Au Pair zeigen, wie man Pesto macht, herausfinden, was „Bärlauch“ auf Englisch heisst und gleichzeitig das Geheul des Zoowärters ausblenden, der noch immer beleidigt ist, dass sein Nuschi gekocht worden ist.

– Karlsson dazu überreden, dass er zum Mittagstisch geht, auch wenn sein bester Freund heute nicht dort isst.

– Erde aufwischen, Milch aufwischen, Nudeln aufwischen, Wasser aufwischen, noch einmal Erde und dann auch noch Sand.

– Zwei Kinder baden und danach, wenn die zwei das Bad verlassen haben, sechs leere  Shampooflaschen aus der Badewanne fischen.

– 65 Minuten Mittagsschlaf  halten, dabei verpennen, dass der FeuerwehrRitterRömerPirat zu seinem Freund geht und erst wieder richtig wach werden, als Luise an der Tür klingelt. Weshalb sie geklingelt hat? Weil sie vor der Haustüre noch kurz ihren Magen hat entleeren müssen und jetzt zu schwach ist, alleine die Treppe hochzukommen. Ach ja, aufwischen musste man das Ganze natürlich auch noch.

– Mit Kindern und Au Pair in der Vorfreude auf die Ferien im Greyerzerland schwelgen. Nur noch viermal schlafen…

– Büchernachschub bestellen, weil Karlsson nichts mehr zum Lesen hat.

– Ohne Hörschaden aushalten, dass Karlsson und Luise gleichzeitig am Küchentisch musizieren. Er auf der Geige Vivaldis Konzert in G-Dur, sie auf der Querflöte „Hafer und Korn“  oder so ähnlich. Und im Hintergrund summt der Zoowärter mit.

– Ein epochaler  Streit mit Karlsson, der darin endet, dass er ein Glas zerschmettert und ich trotz Halsschmerzen versuche, herumzubrüllen und mich damit vollkommen lächerlich mache. Als Nebeneffekt kommt das Prinzchen, das schon selig geschlafen hatte, quietschfidel aus dem Bett und verlängert den fröhlichen Kindertag um zwei Stunden.

– Ein Vollbad zum Feierabend.

– Keine Minute am Arbeitsplatz verbringen und nur dreimal telefonieren. Ein neuer Rekord auf meinem Weg der besseren Trennung von Privat- und Berufsleben.

– Nur einmal die Online-News checken, um zu lesen, wie viel verseuchtes Wasser wieder geflossen ist. Auch dies ein neuer Rekord, der allerdings damit zusammenhängen könnte, dass Fukushima in den Medien bereits wieder Geschichte ist und man deshalb kaum mehr Neues liest.

– Drei Minuten lang den Frühling geniessen. Immerhin hat die Zeit gereicht, um festzustellen, dass die Tulpen zu blühen beginnen und dass trotz Bienensterben die eine oder andere Biene sich zu unseren Pfirsichbäumchen verirrt.

Fremdbasteln

Basteln war noch nie was für mich. Zu klebrig, zu kompliziert, zu handwerklich. Für einen Kopfmenschen wie mich viel zu anstrengend. Daran hat sich auch mit der Geburt unserer Kinder nichts geändert. Wenn andere Mamas mit ihren Kindern Fensterbilder machen, backe ich lieber Kuchen mit ihnen, das Geld, das andere Mamas für Bastelmaterial ausgeben, investiere ich lieber in Kinderbücher. Aus meiner Sicht ist  das völlig in Ordnung so, aber natürlich sehen das die Kinder etwas anders. Sie möchten doch auch so gerne mal mit einer Bastelarbeit, die aussieht, als hätte sie ein Profi gemacht, auftrumpfen. Natürlich habe ich versucht, ihnen das zu bieten, leider aber bin ich grandios gescheitert. Ich habe nämlich feststellen müssen, dass die perfekten Kinderbastelarbeiten meist nur darum perfekt sind, weil Mama das Meiste daran gemacht hat. Und wenn bei uns die Mama das Meiste gemacht hat, sieht  die Arbeit danach aus, als hätte sie ein sehr unbegabtes Kind geschaffen.

So ist das bei uns und deswegen habe ich mich dazu entschieden, dass wir nur noch  fremdbasteln. Zweimal im Jahr – vor Ostern und im Advent – gehen wir zu diesem Bastelanlass, bei dem die Kinder mit dem perfekten Material und unter kompetenter Anleitung ihre Bastelwut, – ähm, Pardon, ich meine natürlich Kreativität – ausleben können. Ich klebe derweil ein paar vorgefertigte Teile zusammen, die mein Werk aussehen lassen, als hätte da ein durchschnittlich begabtes Kind gebastelt, quatsche dazu mit anderen Müttern und antworte auf jede Frage meiner Kinder mit: „Frag die Kursleiterin. Die versteht etwas von der Sache.“ Am Ende des Kurses bezahlen wir, was die Kinder geschaffen haben, ich helfe beim Aufräumen, die Kinder schleppen ihre perfekten Kunstwerke nach Hause und alle sind glücklich.

Alle? Nein, einer stänkert jedes Mal, die Kinder hätten wieder so viel Zeug angeschleppt, dass für seine Bilder kein Platz mehr sei. Und ausserdem gehe das ganz schön ins Geld bei so vielen Kindern. Doch ich habe ihm vorgerechnet: Zweimal im Jahr 50 Franken, fünf überglückliche Kinder und unzählige geschonte mütterliche Nerven. Billiger kommen wir nirgends zum Basteln. Kommt dazu, dass die Kinder nach ihrem Bastelexzess jeweils für eine Weile genug haben und ganz froh sind, wenn sie mal wieder Kuchen backen und Geschichten hören dürfen.

Altern mit Stil

Jetzt hat also auch „Meiner“ sich zum langsamen Altern entschlossen. Eben noch war ich seinem Spott ausgesetzt, weil ich mit meinen 36 Stunden mehr auf dem Buckel einfach viel schneller altere als er, aber ab heute ist fertig gespottet. „Meiner“ sieht nicht mehr ganz klar, eine Brille muss her. Für die meisten Männer wäre das wohl kein Problem. Rein ins Optikergeschäft, fünf Minuten umschauen, fragen, was momentan gerade so in ist und dann ist die Brille gekauft. „Meiner“ ist da anders. Er geht zum Optiker und verlangt das Unmögliche: Eine farbige Brille. Denn wenn er schon altert, dann in Farbe.

„Farbig“, das heisst für „Meinen“ hellgrün oder hellblau, vielleicht auch etwas Rötliches. „Farbig“, das heisst für den Optiker taubenblau, hellgrau und vielleicht noch dunkelbraun. Und so kam ein sehr enttäuschter „Meiner“ mit einer Auswahl an taubenblauen, hellgrauen und dunkelbraunen Brillengestellen nach Hause. Auch ja, ein transparentes Gestell hatte er auch noch dabei. Da hatte „Meiner“ über Jahre verkündet, wenn die Haare auf dem Kopf sich lichten würden und er mal eine Brille brauche, dann werde er sich ein ganz cooles Modell anschaffen und jetzt hat er die Wahl zwischen „ganz hübsch“, „geht so“ und „zum Gähnen langweilig“.

Im Grunde genommen müsste „Meiner“ mir leid tun. Ist ja wirklich nicht lustig, wenn man nicht die Brille bekommen kann, die man sich seit vielen Jahren vorgestellt hat. Mein Mitleid hält sich dennoch in Grenzen. Als ich mir nämlich kurz vor ihm eine Brille zulegte – meine 36 Stunden Altersvorsprung machten sich auch hier bemerkbar – hat er sich ganz schrecklich darüber aufgeregt, dass ich kein ausgefalleneres Modell ausgesucht habe. „Violett mit eingestanzten Blättchen – so öde!“, spottete er und natürlich glaubte er mir nicht, als ich ihm sagte, das sei das Originellste gewesen, was ich hätte finden können. Jetzt wird er wohl oder übel schweigen müssen. Und falls er nicht schweigt, werde ich einfach zurückschnöden: „Dunkelbraun mit taubenblauem Rand – kannst du nicht mit etwas mehr Stil altern?“

Ruhigere Zeiten?

Seit Anfang Jahr habe ich in ziemlich hohem Tempo gelebt. Zu hoch, wie ich mir bei der heutigen Bestandesaufnahme in professioneller Begleitung eingestehen musste. Mir scheint aber, dass ich so ganz allmählich meinen Fuss wieder vom Gaspedal nehmen kann. Zwar sehe ich noch nicht allzu viel Freizeitgewinn, dafür aber häufen sich die Anzeichen für ruhigere Zeiten im Verhalten meiner Familienmitglieder. Die untrüglichen Zeichen, dass Mama Venditti so langsam aber sicher wieder auf ein erträgliches Lebenstempo kommt sind:

– Der Zoowärter will keinen Moment mehr ohne Mama sein. Solange ich nicht abkömmlich war, hat er sich zurückgehalten, aber jetzt, wo er spürt, dass wieder mehr Freiraum da ist, bricht das ganze Elend aus ihm heraus. Bin ich bei ihm, klammert er sich an mich, bin ich beschäftigt, liegt er wimmernd auf dem Sofa und mir zerreisst es beinahe das Herz, weil mir erst jetzt dämmert, wie sehr das Kind unter dem ganzen Stress gelitten hat.

– „Meiner“ lässt hin und wieder verlauten, dass er ziemlich müde ist. Solange  meine Tage bis obenhin mit Arbeit angefüllt waren, blieb er stark, aber jetzt kommt ans Licht, dass auch er ziemlich schwer an meiner Überlast getragen hat. Nun, immerhin kann er sich heute mal einen Sauna-Abend gönnen. Um die geleistete Überzeit zu kompensieren, sozusagen.

– Luise verbietet mir, vom Tisch aufzustehen, um mir mein eigenes Essen zu schöpfen. „Bleib jetzt mal sitzen, Mama. Du siehst ja völlig geschafft aus“, ermahnt sie mich bei jeder Gelegenheit. Und ich denke, dass ich solche Sätze eigentlich erst im Altersheim zu hören bekommen sollte.

– Das Prinzchen ruft nachts wieder nach Mama und nicht nur nach Papa, wenn er einen Schoppen will. Beim ersten Mal fragte er mich zwar: „Chasch du Schoppe mache, Mami?“ was soviel heissen soll wie „Bist du überhaupt fähig, mir ein Fläschchen zu  machen?“, aber inzwischen traut er mir das wieder voll und ganz zu. Und so kommt es, dass „Meiner“ hin und wieder eine ganze Nacht lang ungestört durchschlafen kann.

– Karlsson traut sich wieder, sich vorpubertär aufzuführen. Nicht allzu heftig, aber immerhin so, dass ich mich hin und wieder an die Zeiten erinnert fühle, als der heutzutage so nette und angepasste Junge noch ziemlich klein und ziemlich störrisch war.

– Der FeuerwehrRitterRömerPirat lädt wieder Freunde ein. Nun gut, das hätte er auch gerne getan, als mir die Arbeit bis zum Halse stand, aber da konnte er nicht, weil ich immer schon eingeschlafen war, bevor er Zeit gehabt hatte, mich nach der Telefonnummer seiner Freunde zu fragen.

Es zeichnet sich also ganz deutlich ab, dass jetzt, wo es beruflich wieder etwas ruhiger werden sollte, zu Hause ein paar Herausforderungen auf mich zukommen. Ist ja auch gut so, denn sonst würde ich noch auf die Idee kommen, mich um mich selbst zu kümmern und dann würde ich feststellen dass ich a) ganz dringend mal zum Coiffeur gehen müsste, weil meine grauen Haare in alle Himmelsrichtungen abstehen, dass ich b) mal wieder schlafen sollte und dass ich c) mich hin und wieder ein wenig bewegen könnte. Und das alles kann nun wirklich noch eine Weile warten.