Kein Spaziergang, aber dennoch ganz nett

Das Leben ist kein Spaziergang, das weiss jeder, der mehr als zwanzig Jahre auf dieser Erde weilt. Aber hin und wieder verfällt auch einer, der mehr als zwanzig Jahre auf dieser Erde weilt, der irrigen Ansicht, dass das Leben hin und wieder, für fünf Minuten vielleicht, ein Spaziergang sein kann und zwar ein wunderbarer. Zum Beispiel dann, wenn man endlich gelernt hat, so „lieb und freundlich“ mit den Kindern zu reden, wie dies Lisa und Inga aus Bullerbü gerne tun würden. Wenn man zudem auch noch mit „Meinem“ ganz zivilisierte Gespräche ohne herumfliegende Blumenkohlköpfe führen kann. Wenn beruflich nach langem Warten endlich Vieles so läuft, wie man dies schon immer gewollt hätte. Wenn man kurz davor steht, einen Lebenstraum zu verwirklichen. Wenn auf dem Konto am Ende des Monats endlich nicht mehr gähnende Leere herrscht und die Rechnungsbeträge nicht mehr grösser als das Einkommen sind. Wenn dann auch noch die Salatköpfe auf dem Balkon so wunderbar gedeihen, ja, dann könnte man glatt meinen, man dürfe jetzt für eine Weile spazieren, anstatt zu klettern, zu hetzen, sich abzukämpfen.

Aber netterweise gönnt einem das Leben solche Momente nicht und so steckt man, kaum hat man sich darüber gefreut, dass für einmal alles bestens läuft, in einem heftigen Streit mit jemandem, der findet, man mache so ziemlich alles falsch im Leben und einem diese Meinung auch schonungslos an den Kopf wirft. Erschüttert und aufgewühlt, wie man danach ist, erschreckt man die lieben unschuldigen Kinderlein mit einem heftigen Wutanfall und am Ende ist man nur noch ein heulendes Wrack. Irgendwann rappelt man sich wieder auf und beschliesst, die Sache beiseite zu schieben, denn bald schon, wenn der Zorn verraucht ist, wird man wieder miteinander reden können. Morgen ist ein neuer Tag, denkt man, und dann wird alles wieder besser. Aber morgen wird nicht besser. Denn als man pünktlich um halb zehn in der Kinderarztpraxis aufkreuzt, erfährt man, dass das Prinzchen eigentlich gestern hätte kommen sollen und dass die Rechnung für den verpassten Termin bereits unterwegs ist. Man könnte im Boden versinken vor lauter Scham, denn man weiss ja, wie beschäftigt sie in der Kinderarztpraxis sind. Etwa ähnlich beschäftigt, wie Mütter von vielen Kindern.

Dennoch darf das Prinzchen ins Untersuchungszimmer und weil das arme Kerlchen spürt, wie erschüttert Mama ob ihres Irrtums ist, beschliesst es, zu zeigen, was es drauf hat: Die Kinderärztin möchte, dass er zwei oder drei Holzwürfel aufeinanderstapelt, das entspreche etwa seinem Alter. Das Prinzchen beginnt zu stapeln, die Kinderärztin lobt, das Prinzchen stapelt weiter, die Kinderärztin staunt, das Prinzchen stapelt weiter und am Ende hat er alle neun Würfel aufgetürmt. Und so verlässt man, innerlich zwar noch immer beschämt wegen der verpassten Termins, die Kinderarztpraxis dennoch mit mehr oder weniger intaktem Ansehen.

Das Leben ist zwar kein Spaziergang. Aber mit einem Prinzchen an der Seite, der Mama den Tag rettet, kann man das alles ein wenig lockerer sehen.

Ausgelaugt

Ich will mich ja nicht beklagen, aber diese intensive Entspannung übers Wochenende hat mich total ausgelaugt. Den ganzen Tag gähne ich und schleppe mich von Zimmer zu Zimmer, als hätte ich Schwerstarbeit verrichtet. Wie kann man bloss von all dem Nichtstun so müde werden, dass man am liebsten um acht Uhr ins Bett gehen möchte? Was ich auch getan hätte, wenn die lieben Kinderlein ebenso müde wären wie ich. Aber die haben sich ja übers Wochenende auch nicht entspannen müssen…

Das perfekte Wochenende

Zutaten für das perfekte Wochenende zu zweit:
– Ein ceylonesisches Mittagessen, spottbillig aber dennoch köstlich
– Ein Spaziergang durch Bern, besonders schön, wenn sich dabei noch ein Paar neue Schuhe  dazugesellen
– Den weltbesten Chai mit Scones (Nein, nicht das klebrige Zeug von Starbucks, sondern der echte Genuss von „Länggass Tee„)
– Eine urgemütliche, warme Jurte, die mit wunderschönen, bunten Möbeln eingerichtet ist
– Ein paar Esel, Schafe, Kamele und Lamas, die einen erstaunt anschauen, wenn man mal den Kopf aus der Jurte streckt
– Regen, der auf das Dach der Jurte prasselt und der einem das Gefühl gibt, man befinde sich am sichersten Ort der Welt
– Ein  Coop-Tankstelle (tut mir Leid, gab gerade keine Migros-Tankstele in der Nähe, aber wäre natürlich besser gewesen 🙂 ) wo man alles findet für ein romantisches Diner in der Jurte
– Ein Ehemann, der sogar daran gedacht hat, Kerzen einzupacken
– Eine gemütliche Autofahrt durchs verregnete und dennoch wunderschöne Emmental. Schadet übrigens nicht, wenn man dabei alte Eros Ramazzotti-Schnulzen hört
– Endlose Stunden in der Sauna. War zwar teuer, aber man entspannt sich ja nicht alle Tage bei Kerzenlicht oder in einer Salzgrotte. Das kleine Bisschen Kopfschmerzen, das die geballte Ladung Entspannung mit sich bringt, nimmt man da gerne in Kauf.

Die zwei allerwichtigsten Zutaten aber sind

a) Absolut verlässliche Babysitter, die auch bei fünf Venditti-Kindern nicht die Nerven verlieren
b) Ein Ehemann, mit dem man die kostbare Zeit zu zweit nicht zum Streiten, sondern zum Geniessen nützen kann

Stimmen all diese Bedingungen, dann macht es einem auch nichts aus, wenn man, kaum ist man zu Hause angekommen, dafür sorgen muss, dass der FeuerwehrRitterRömerPirat, der Zoowärter und das Prinzchen wieder heil aus der Vorratskammer kommen, in die sie sich aus lauter Freude, dass die Eltern wieder da sind, eingeschlossen haben.

Noch 100 Minuten…..

… und dann werden „Meiner“ und ich das ganze Chaos für 36 Stunden hinter uns lassen. Keine Kinder – nicht mal das Prinzchen darf mit – nur wir zwei. Wir zwei beim Teetrinken im Länggass-Tee, wir zwei beim Schlendern durch die Gassen Berns (den Regen denken wir uns einfach weg), wir zwei beim Übernachten in der Jurte (Wird doch wohl nicht so kalt werden, wie der Wetterfrosch vorausgesagt hat, oder?), wir zwei beim Diskutieren, ob wir jetzt in Bern oder in Luzern in die Sauna gehen sollen, wir zwei beim kompletten Entspannen, egal ob in Bern, Luzern oder anderswo, wir zwei bei der knallharten Landung in der Realität des turbulenten Alltags.

Und wer schaut derweilen zu den Kindern, fragt ihr euch? Na, wer wohl: Drei der zahlreichen weltbesten Nichten werden während unserer Abwesenheit den Laden schmeissen und ich weiss, sie werden die herkulische Aufgabe wie immer sehr gut meistern. Warum also will ich dennoch den Zeitpunkt des Wegfahrens hinauszögern? Wenn man bedenkt, welches Chaos ich hier zurücklasse und welche Ruhe ich dort hoffentlich finden werde, müsste ich doch jetzt schon ungeduldig im Auto warten, bis „Meiner“ endlich bereit ist zum Losfahren. Aber ist nicht gestern Abend das Prinzchen beinahe an einem Stück Karotte erstickt? Was, wenn er heute wieder eine Karotte erwischt? Okay, wir haben gar keine Karotten mehr im Kühlschrank, aber es könnte ja sein, dass jemand unseren Kindern während unserer Abwesenheit  Karotten schenkt… Und hat nicht Karlsson gestern so sehr an meiner Liebe zu ihm gezweifelt, dass ich ihn heute unmöglich verlassen kann. Und die Kinderzimmer sind auch nicht aufgeräumt und am Ende weiss man nie, ob nicht ausgerechnet in den nächsten 36 Stunden ein Tornado über Schönenwerd hinweg rasen wird. Ist zwar seit Menschengedenken noch nie passiert, aber man kann ja nie wissen, oder?

Nein, kann man tatsächlich nicht und deshalb werde ich jetzt wohl oder übel meine Tasche packen und mich ins Vergnügen stürzen müssen. „Meiner“ wartet nämlich schon ganz ungeduldig im Auto…

Hilfe! Polizei!

Was soll man bloss tun, wenn ein fünfjähriger Junge durch einen Kiosk schleicht, sich umsieht und nach Spuren eines Einbruchs sucht? Na, was wohl? Man fragt ihn, was er hier zu suchen habe und fordert ihn dazu auf, sofort den Kiosk zu verlassen. Und was tut man, wenn der kleine Junge sich weigert, den Kiosk zu verlassen – er hat ja die Spuren der Einbrecher noch nicht gefunden – und sich stattdessen auf den Boden setzt und zu trotzen anfängt? Was man dann tun soll? Aber, aber, das ist doch keine Frage! Man greift natürlich zum Telefon und droht dem Kind, man werde jetzt sofort die Polizei rufen, wenn es nicht schnurstracks den Kiosk verlässt. Jawohl, das tut man. Denn wie man weiss, steckt in jedem kleinen Kind ein Schwerverbrecher.

Beste Mama des Jahres

Mist! Schon wieder Minuspunkte eingefahren im mit harten Bandagen geführten Kampf um den heiss begehrten Titel „Beste Mama des Jahres“. Eine Mama, die morgens um Viertel vor acht noch selig schlummert, anstatt in der Küche zu stehen und den Nachwuchs, der schon längst geputzt und gestriegelt sein müsste, mit einem vollwertigen Frühstück zu verwöhnen, hat sich ja wohl endgültig disqualifiziert. Wäre nicht meine eigene Mama todesmutig nach oben gekommen, um zaghaft an meine Schlafzimmertür zu klopfen und zu fragen, ob wir nicht vielleicht aufstehen müssten, wir alle lägen noch immer selig in unseren Betten. Mit ihrer heldenhaften Tat, eine bekennende Langschläferin, deren miese Laune am Morgen legendär ist, sanft aus dem Träumen zu reissen, hätte meine Mama eigentlich den Titel „Beste Mama des Jahres“ bereits auf sicher. Aber ich weiss nicht, ob beim Wettbewerb auch Grossmamas zugelassen sind. Es sei denn, um sie für ihr Lebenswerk zu ehren.

Wie dem auch sei, ich legte mal wieder eine perfekte Performance für die „Mieseste Mama des Jahres“ an den Tag: Die Kinder mit Joghurt abgespeist – ja, ich weiss, enthält viel zu viel Zucker – , vierhundertdreizehn Mal gesagt „Jetzt beeilt euch doch!“, den FeuerwehrRitterRömerPiraten mit einem Donald Duck-Heft abgespeist, damit er, der immer trödelt, aus dem Weg ist, solange Karlsson und Luise noch nach Socken für die Füsse und Bananen für die grosse Pause suchten, mich selber mit einem Glas Cola light wachgeknüppelt, weil der sanfte Start in den Tag ohnehin versaut war, das Prinzchen in nasser Windel herumwatscheln lassen, solange die Grossen noch nicht aus dem Haus waren, den FeuerwehrRitterRömerPiraten zu spät in den Kindergarten geschickt und dann auch noch den Zoowärter mit einem Bonbon belohnt, weil er trotz allem Chaos so brav aufs WC gegangen ist. Und, wie viele pädagogische Todsünden macht das insgesamt? Sehr viele und wenn man bedenkt, dass ich mir früher jeweils vorgestellt hatte, ich würde meinen Kindern jeden Tag Pfannkuchen oder Waffeln backen zum Frühstück, dann sind es noch ein paar mehr und ich fürchte, ich bin definitiv aus dem Rennen für den Titel „Beste Mama des Jahres“.

Okay, ich habe danach wieder Boden gut gemacht, als ich die Rolle des David übernahm im Kampf gegen Zoowärter-Goliath. Weil der Zoowärter noch nicht begriffen hat, dass in dieser Geschichte der Kleine der wirklich Grosse ist, überlässt er mir stets grosszügig die Heldenrolle und so kam ich in den Genuss eines bewundernden Publikums, als ich da in der Küche mutig meine imaginäre Schleuder über dem Kopf schwang. Das Prinzchen konnte von dem Schauspiel gar nicht genug bekommen und so flogen dem armen Goliath die imaginären Kieselsteine nur so um die Ohren. Wo doch jedes Kind – mit Ausnahme des Prinzchens – weiss, dass David schon beim ersten Mal getroffen hat. Eigentlich sollte ich mit diesem Auftritt meine Minuspunkte wieder kompensiert haben, aber ich fürchte, dass solche Qualitäten nicht gefragt sind, wenn es darum geht, zur „Besten Mama des Jahres“ gewählt zu werden.

Ach ja, ich habe mich übrigens gar nicht bei einem derartigen Wettbewerb angemeldet, aber ich bin mir sicher, dass er irgendwo auf diesem Planeten ausgetragen wird. Wenn nicht hier, dann ganz bestimmt in den USA.

P.S. Habe soeben noch einen draufgegeben: Während ich auf dem Trottoir mit einer anderen Mama, die etwas bei mir abliefert, über die besten Feierabend-Filme quatsche, verrichtet der Zoowärter oben sein grosses Geschäft und weil er vergessen hat, dass das Geschäft gross und nicht klein war, landet die Sache im Lavabo und der Zoowärter brüllt. Grossartig, wie ich meine Kinder im Griff habe, nicht wahr? Und nein, ich sage nicht, was die Freundin abgeliefert hat, sonst meinen alle, die ältere Kinder haben, sie dürften ihre Keller räumen und auch bei mir abliefern. Aber solche Sachen nehme ich nur von Freunden, die verstehen, dass auch eine Grossfamilie nicht unbegrenzten Bedarf hat….

Zahlenphobie

Bis heute hat mir meine Weiterbildung eigentlich keine Probleme bereitet. Ich lebe mein turbulentes Leben wie gewohnt, balanciere zwischen Wocheneinkäufen, Kinder umarmen, Mittagessen kochen, Sitzungen, Krankenkassenbelegen einsenden, seichten Filmen, Geschichten erzählen, Konzepten verfassen, Bloggen, herumbrüllen, schreiben, Lieder singen, Sorgen anhören, Blumen giessen, mit Freundinnen quatschen, Saunabesuch mit „Meinem“, Schwimmkursen, dem Salat beim Wachsen zusehen und was mein Leben sonst noch an Schönem und Mühseligem zu bieten hat. Und zwischendurch, wenn alles mehr oder weniger ruhig ist, vertiefe ich mich in Lektüre mit so spannenden Titeln wie zum Beispiel  „Führung und Moderation“ oder „Grundlagen Prozessmanagement“ oder – mein Lieblingstitel, den ich immer wieder gerne zur Hand nehme, wenn mir nach herzerwärmender Lektüre ist – „Betriebswirtschaftliche Grundlagen“. Nicht gerade mein Ding, aber für das Projekt, das ich leiten soll, unabdingbar, wenn die Sache nicht scheitern soll. Und bisher habe ich mich eigentlich ganz tapfer geschlagen, habe gute Noten geschrieben und hin und wieder ganz nützliche Dinge gelernt.

Heute aber wagte ich mich an Buch Nummer 10 – ich lerne mithilfe eines Fernkurses – und plötzlich war da wieder diese Wand, Mathematik genannt. Ich öffnete das Buch auf einer beliebigen Seiten und was sprang mir ins Auge? Eine Wortschlange, die sich folgendermassen las: „Berechnung der statischen Amortisationszeit unter der Prämisse von Zinszahlungen in Höhe der kalkulatorischen Zinsen“. Allein das Wort „Berechnungen“ jagte mir kalte Schauer über den Rücken, in Kombination mit den restlichen Schimpfwörtern wurde mir beinahe schwarz vor den Augen. Da lernt man immer, man solle anständig reden und dann liefern die einem ein Lehrmittel voller Schimpfwörter und nennen die Sache Weiterbildung. Nun ja, dachte ich, vielleicht habe ich ja ausgerechnet die schlimmste Seite erwischt und blätterte weiter. Aber was ich da vorfand, stimmte mich nicht optimistisch: „Isoquante für X=5“, las ich da oder „Führen Sie eine Kalkulation der Stückkosten durch“, oder – schlimmer noch –  „Führen Sie ebenso eine Kapitalwertberechnung bei 10% durch“.

Spätestens jetzt war mir zum Heulen zumute. Da schlage ich mich mehr oder erfolgreich durchs Leben, jongliere Familie, Schreiben, Projekte, Haushalt und Freundschaften und habe dabei das Gefühl, das alles sei irgendwie machbar, wenn auch zuweilen ziemlich anstrengend. Und alles geht gut, solange ich nicht mit Zahlen zu tun bekomme. Doch unvermittelt, wenn alles gut läuft und ich es am wenigsten erwarte, steht sie wieder vor mir, diese für mich unbezwingbare Zahlenmauer. Früher habe ich darüber gespottet, dass der Mathelehrer mir einen Besuch beim Psychologen ans Herz legte, anstatt mir die Aufgabe zu erklären, worum ich ihn eigentlich gebeten hatte. Heute weiss ich, dass nicht mal ein Psychologe bei meiner Zahlenphobie helfen kann. Vor dieser Beschränktheit müsste selbst der beste Therapeut kapitulieren. Und so fürchte ich, dass mir das Lehrmittel mit dem grauenvollen Titel „Produktions- und Kostentheorie, Finanzierung“ noch ein paar schlaflose Nächte bereiten wird, bevor ich es erfolgreich abschliessen kann.

Ach ja, und was um Himmels Willen ist eine Isoquante? Tönt für mich nach  einem ganz übeln Geschwür.

Kampfschwimmer

Lange ist’s her, seitdem ich zum letzen Mal Gelegenheit hatte, ungestört zu schwimmen, was mich wirklich störte, denn schwimmen ist der einzige Sport, der mir so etwas wie Freude bereitet. Und übrigens auch der einzige Sport, bei dem ich in der Schule zu den Besten gehörte, trotz meines sehr unorthodoxen Stils – Kopf hochgereckt wie ein Schwan mit zum kurzen Hals, hohles Kreuz und ein rechter Fuss, der stets dem Linken in die Quere kommt -, der daher rührt, dass meine ältere Schwester mich schwimmen lehrte. Und da sie wohl ebenfalls von einem älteren Bruder oder der älteren Schwester die Kunst, sich über Wasser zu halten, erlernt hatte, hatte sie von der richtigen Technik keine Ahnung. Aber was macht das schon? Hauptsache, man ersäuft nicht und wenn man dann noch zu den Schnellsten gehört, umso besser.

Nun, inzwischen gehöre ich nicht mehr zu den Schnellsten. Im Gegenteil: Heute bin ich schon stolz, wenn ich mich überhaupt dazu aufraffen kann, im Schwimmbad kein Buch zu lesen, sondern einen Kilometer zu schwimmen. Wie oft habe ich mich darüber beklagt, ich würde ja schon schwimmen gehen, wenn ich bloss Zeit dazu hätte? Unzählige Male und deswegen bin ich jetzt, wo Karlsson und Luise den Schwimmkurs besuchen und ich das Prinzchen zu Hause lassen kann, dazu verpflichtet, meine 40 Längen zurückzulegen. Was den Kampfschwimmern, mit denen ich die schmale Bahn, die den Schwimmern noch bleibt, teilen muss – rechts die grossen Schwimmschüler, links die kleinen Schwimmschüler und die Mamas, die ihre Sprösslinge beobachten -, gar nicht behagt.

Was will sie bloss hier, die lahme Hausfrau, die nicht mal den Mut hat, den Kopf richtig unterzutauchen? Die trägt ja nicht mal eine Schwimmbrille. Und auch keine aquadynamische – gibt’s das Wort? – Badekappe. Von einem „Speedo“-Schwimmanzug ganz zu schweigen. Die wagt es doch tatsächlich, in einem ausgeleierten Umstands-Tankini aufzukreuzen und die gleiche Bahn in Anspruch zu nehmen, die in ihren Augen einzig für Menschen reserviert ist, die das Schwimmen mit heiligem Ernst betreiben. Menschen, die nicht davor zurückschrecken, mit Ellbogeneinsatz den knappen Platz zu verteidigen. Menschen, die es nicht für nötig halten, aufzupassen, ob sie einen zur Seite drängen. Menschen, die kaltblütig unter dir durchschwimmen, weil sie gerade keine Gelegenheit sehen, dich zu überholen. Und ein paar Sekunden Zeitverlust würden den Tag ruinieren.

Früher liess ich mich durch diese Kampfschwimmer hetzen, ja, ich versuchte gar, gleich schnell zu sein wie sie. Heute aber, wo es schon ein Erfolgserlebnis ist, wenn ich es schaffe, meinen inneren Schweinehund zu überwinden und ins Wasser zu steigen, kümmere ich mich einen Dreck um sie. Und wenn ich dann, nach viel längerer Zeit als früher, meinen Kilometer ohne einen einzigen Unterbruch geschafft habe, dann bin ich ganz schön stolz auf mich selber. Obschon die Kampfschwimmer hörbar aufatmen, wenn ich endlich die Bahn frei gebe, damit sie eine andere Hausfrau, die sich anmasst, schwimmen zu gehen, in die Enge treiben können.

Hach, wie romantisch!

Gärtnern ist pädagogisch äusserst wertvoll. Das weiss heute jeder, der mal einem Kind beim Wühlen in der Erde zugeschaut hat. Im Garten lernen die Kinder, wie aus fast nichts etwas Wunderbares, etwas Essbares, etwas Duftendes, etwas Buntes oder sonst irgend etwas werden kann. Ein wenig Erde, ein wenig Licht, ein wenig Wasser und schon kann man dem Wunder beim Wachsen zuschauen. Und weil das Wasser Gott sei Dank nicht jeden Tag von selber kommt, lernen die lieben Kinderlein auch gleich, dass man schön brav giessen muss, wenn man im Herbst ernten will. Dazu kommen noch die netten Nebeneffekte wie Zeit an der frischen Luft, Bewegung, helfen und was der erstrebenswerten Dinge sonst noch sind. Gärtnern ist für Eltern, die um das Gedeihen ihrer Kinder besorgt sind, praktisch Pflicht. Ausserdem gibt es wohl kaum einen idyllischeren Anblick als eine Mama und ein Papa, die in der Erde wühlen, während eine Schar kleinerer und grösserer Kinderlein mit Giesskännchen, Schäufelchen und Rechen an ihrer Seite werkeln. Hach, wie  herzerwärmend romantisch!

Nun, wie immer kriegen „Meiner“ und ich das mit der Idylle nicht so recht hin. Okay, unsere Kinder sind hübsch genug fürs Werbefoto – wessen Kinder sind das nicht? -, unser Garten lässt sich auch sehen und der strahlende Frühlingshimmel und die blühenden Bäume sorgen für die perfekte Kulisse. Nur das Harken-schwingende Prinzchen will nicht so recht ins Bild des trauten Familienglücks passen. Und der Zoowärter, der sich zum dritten Mal hinter die Salatsetzlinge macht und versucht, sie ratzekahl abzufressen. Wer braucht da noch Schnecken, wenn man einen Zoowärter hat, der dafür sorgt, dass die Salatköpfe putzig klein bleiben? Und wenn der Zoowärter endlich die Salatköpfe in Ruhe lässt, giesst er hingebungsvoll die Erdbeeren, die in ihrem Beet zu ertrinken drohen. Da wären auch noch Luise und der FeuerwehrRitterRömerPirat, die sich einen hitzigen Kampf mit vollen Giesskannen liefern und dafür sorgen, dass der Gang in den Keller, um neues Wasser zu holen, zu einer gefährlichen Rutschpartie wird. Schliesslich kommt noch Karlsson dazu, der zwar mit äusserster Sorgfalt die Pflänzchen pflegt, der aber ausrastet, kaum lässt man ihn wissen, dass die Pflanze, die er bearbeitet, jetzt bestimmt genug Liebe bekommen hat. Dass „Meiner“ und ich uns zwischen diversen pädagogisch nicht besonders ausgefeilten Erziehungspredigten eine hitzige Diskussion liefern, ob Rucola „einfach köstlich“ (ich) oder „abscheulich“ („Meiner“) sei, setzt dem Ganzen das Sahnehäubchen auf.

Eigentlich erstaunlich, dass uns allen das Gärtnern dennoch unglaublich viel Freude macht. Vielleicht liegt’s daran, dass wir gar nicht erst probieren, eine pädagogisch wertvolle Idylle zu schaffen, sondern dass wir auch im Garten ganz uns selber sind, Macken und Streitigkeiten inbegriffen. Wie, ob es mir nichts ausmacht, dass die Nachbarn alles mitbekommen? Nein, es macht mir nichts aus. Zumindest solange nicht, bis ihr Rasenmäher idyllischer lärmt als unsere Kinder sich streiten.

Explodiert

Was ist bloss mit „Meinem“ und mir los? Kaum taucht am Beziehungshorizont die geringste Unstimmigkeit auf, schieben wir sie beiseite. Nicht, weil wir nicht streiten könnten, oh nein! Ich werde nie den Tag vergessen, an dem ich „Meinem“ auf offener Strasse einen Blumenkohl an den Kopf geschmissen habe – Okay, ich habe probiert, ihm einen Blumenkohl an den Kopf zu schmeissen, aber getroffen habe ich natürlich nicht, denn ich treffe nie-, weil er mir derart auf die Nerven fiel. Die Männer aus Sri Lanka, die uns bei diesem Krach beobachtet haben, sind wohl schleunigst aus der Schweiz abgereist, aus Angst, dass sie dereinst auch mit einem rabiaten Schweizerweib zu tun bekommen könnten. Auch die Zeiten, in denen der Brownie-Teig gegen die Küchenwand flog, weil „Meiner“ sich zu schnell duckte, werde ich nicht so schnell vergessen. Oder die Abende, an denen „Meiner“ wutentbrannt aus dem Haus stürmte, um den Bäumen im Wald zu klagen, was für eine Nervensäge er doch geheiratet habe. Ja, wenn „Meiner“ und ich streiten, dann fliegen die Fetzen.

Oder zumindest flogen die Fetzen. In den letzen Jahren sind wir weiser geworden und deshalb tönt es bei uns jetzt plötzlich so: „Ach, weisst du was? Ich will gar nicht streiten mit dir. Wir haben viel zu wenig Zeit füreinander und die wollen wir nicht mit Krach vergeuden. Und überhaupt liebe ich dich viel zu sehr…“ Ha, wie soll man da noch mit Blumenkohl um sich schmeissen können? Nun, ich habe  ja nichts gegen Harmonie, aber da ich zu viele Paare kenne, die sich „nie gestritten und immer bestens verstanden“ haben, die eines Tages „aus heiterem Himmel“ geschieden werden, werde ich bei zu viel Harmonie schnell einmal misstrauisch. Denn wo hört die Harmonie auf und wo fängt die Gleichgültigkeit an?

Deshalb bin ich ganz froh, wenn „Meiner“ und ich uns hin und wieder in die Haare geraten. Das beweist mir, dass unsere Beziehung noch lebt. Wenn er mich ankeift, weil ich die Wäsche nicht gemacht habe, obschon ich dies versprochen hatte, wenn ich ihn einen Macho schimpfe, weil er findet, ich hätte die Wäsche machen sollen, wo doch Waschen ganz eindeutig Männerarbeit ist, wenn er mir sagt, er sei froh, wenn er am Montag wieder arbeiten könne, weil ich so anspruchsvoll sei und ich ihm an den Kopf werfe, er solle mich nicht immer bevormunden, dann ist die Welt noch in Ordnung. Klar, so einen Krach brauche ich nicht jeden Tag, auch nicht jede Woche, von mir aus nicht einmal monatlich. Aber hin und wieder mal erleben, dass uns unser Zusammenleben noch immer so wichtig ist, dass wir es verbessern wollen, das gehört für mich ebenso zur Ehe wie romantische Abende, Ferienpläne schmieden und lange Gespräche über unsere Kinder. Hin und wieder mal spüren, dass „Meiner“ auch nach 18 Jahren Beziehung noch die ganze Bandbreite an Gefühlen in mir wecken kann, das gehört doch einfach dazu. Denn nach der rasenden Wut, den Tränen und dem Brüllen stehen wir beide plötzlich ganz ausgelaugt da, starren uns an und plötzlich wissen wir wieder, dass wir eigentlich nur das Beste füreinander wollen. Und auf einmal sind wir wieder verliebt wie am ersten Tag…