Ätsch! Reingelegt!

Da erscheint auf beautifulvenditti wie gewohnt jeden Tag ein neuer Post mitsamt Bild von „Meinem“ und ihr alle glaubt, ich hätte über die Auffahrtstage nichts anderes zu tun als zu bloggen. Dabei bin ich mit Kind, Kegel und was man braucht, um Kind, Kegel und Eltern einigermassen zufrieden zu halten, also mit Schmusetierchen, Zahnbürsten, Duschgel und Handy, verreist. Aber als pflichtbewusste Bloggerin weiss ich natürlich, was ich meiner Leserschaft schuldig bin und deshalb habe ich „vorgebloggt“. Habe ich in meiner Zeit als Vollzeithausfrau gelernt: Wenn du keine Zeit zum Kochen hast, kochst du eben vor, wenn du keine Zeit zum Bloggen hast, bloggst du vor. Blog-Konserven, sozusagen.

Ich wünsche euch allen ein schönes Wochenende und ab morgen wird wieder frisch gekocht, ääähm.., ich meine gebloggt.

Es wäre mal wieder Zeit…

„Es wäre mal wieder Zeit“, sagt die Urmutter.

„Zeit wofür?“, fragt Mama Venditti.

„Wofür wohl? Denk mal nach.“

Mama Venditti denkt lange nach. Aber es will ihr einfach nichts in den Sinn kommen.

„Wie kannst du bloss so beschränkt sein. Ist doch klar, wofür es Zeit ist: Für ein neues Baby!“

Ein sehnsüchtiger Seufzer entfährt Mama Venditti: „Ein neues Baby. Das tönt verlockend. So ein süsses kleines Ding, hilflos und doch so stark, dass es mich im Sturm erobert.“

Doch dann landet Mama Venditti wieder auf dem harten Boden der Realität: „Du weisst ganz genau, dass ein neues Baby nicht drinliegt. ‚Meiner‘ und ich haben abgeschlossen damit. Es gibt keins mehr. Fertig. Aus.“

„Jetzt sei doch nicht so! Klar warst du nach jeder Schwangerschaft ein wenig erschöpfter. Klar ist dein Körper nicht mehr so belastbar wie früher. Klar, hast du zuweilen das Gefühl, du könntest nicht all deinen Kinder gerecht werden. Aber was tut das schon zur Sache, wenn man einem neuen, einzigartigen Menschlein das Leben schenken darf? Erinnerst du dich noch an dieses wunderbare Gefühl der ersten Kindsbewegung im Bauch? Weisst du noch, wie wunderbar es war, dein Kind zum ersten Mal im Arm zu halten?“

„Natürlich weiss ich es noch. Aber ich weiss auch noch, wie oft ich nicht mehr schlafen konnte vor lauter Rückenschmerzen. Ich weiss auch noch, wie oft ich geheult habe, wenn ich wieder mal mit einer Brustentzündung flach lag und mich nicht um die Familie kümmern konnte. Ich weiss auch noch, wie unzulänglich ich mich immer wieder gefühlt habe, wenn das Jüngste zu kurz kam, weil ich auch die Grossen nicht vernachlässigen wollte.“

„Ach, das war doch alles gar nicht so schlimm. Du hast das doch ganz gut hingekriegt. Und wenn du bedenkst, wie reich dein Leben durch all die Kinder geworden ist, dann musst du doch sehen, dass eines mehr dich noch unendlich viel reicher machen würde. Stell dir mal vor: So ein winziges, hübsches Mädchen. Vielleicht mit blonden Locken, wie Luise sie einst hatte… Oder ein Mädchen, das ‚Deinem‘ wie aus dem Gesicht geschnitten ist. Sowas hast du noch nicht. Oder…“

„… oder ein Mädchen mit dunklen Augen und blonden Haaren, so wie das Prinzchen. Oder das Mädchen, von dem ich schon so oft geträumt habe, das Mädchen, das dem FeuerwehrRitterRömerPiraten so sehr gleicht . Oder vielleicht Zwillinge, eins mehr wie Karlsson, das andere mehr wie der Zoowärter…“ Mama Venditti gerät ins Schwärmen.

„Siehst du!“, triumphiert die Urmutter. „Du hast noch längst nicht genug. Ich hab’s ja gewusst: Jetzt, wo das Prinzchen grösser wird, hast du wieder den Mut, dich für ein weiteres Kind zu entscheiden. Der Zeitabstand wäre perfekt.“

„Ja, den Mut hätte ich schon, der Abstand wäre perfekt. Aber es ist dennoch zu spät.“, sagt Mama Venditti und kann die Traurigkeit in ihrer Stimme nicht unterdrücken.

„Zu spät? Warum denn?“, protestiert die Urmutter. „Du bist noch nicht zu alt, Platz habt ihr im Haus…“

„Ja, aber ‚Meiner‘ und ich haben mit dem Kapitel abgeschlossen.“

„Dann such dir eben einen neuen Mann…“, sagt die Urmutter kaltblütig.

Aber das lässt Mama Venditti nicht gelten: „Nein, ein neuer Mann kommt mir nicht ins Haus. Entweder, ‚Meiner‘ ist der Vater, oder ich will kein weiteres Kind. Verstanden?“

Die Urmutter macht sich enttäuscht aus dem Staub und Mama Venditti schaut ihr lange nach. Sie weiss, dass sie nie wieder Mama werden wird, auch wenn die Urmutter Sehnsüchte in ihr wach gerufen hat, die sich nicht leugnen lassen.  Aber Mama Venditti weiss, dass der Lebensabschnitt des Kinderkriegens für sie vorbei ist. Und wie immer, wenn etwas Schönes vorbei ist, lässt man es nicht ohne Wehmut ziehen.

Podestplatz

Ist es ein weibliches Phänomen, oder ein mütterliches? Dieses ewige Ziehen von Vergleichen mit dem Resultat, dass man selber vollkommen flach herauskommt, die andere Frau hingegen als Superwoman? „Wie du das alles schaffst. Ich würde das nie hinkriegen!“ „Für dich ist das alles ja kein Problem, aber ich komme einfach nicht klar damit.“ „Ich bewundere dich: Bei dir ist immer alles tadellos aber bei mir herrscht das absolute Chaos.“ Vielleicht irre ich mich ja, aber wenn Männer sich unterhalten, höre ich solche Sätze nie, wenn Frauen miteinander reden aber immer mal wieder. In unzähligen Variationen zwar, aber stets mit dem gleichen Effekt: Die andere Frau steht auf dem Podest, man selber liegt im Staub und schämt sich seiner Unvollkommenheit.

Natürlich aber will die andere Frau gar nicht auf dem Podest stehen, denn sie selber ist sich ihrer eigenen Unvollkommenheit mehr bewusst, als ihr lieb ist. Und darum beginnt sie, ganz offen von ihren Schwächen zu erzählen. Doch ob sie nun erzählt, sie blicke auch jeden Morgen voller Entsetzen ihrem zerknitterten Spiegelbild entgegen, oder ob sie in den buntesten Ausschmückungen ihr letztes Totalversagen als Mama schildert, oder ob sie gesteht, dass sie sich zuweilen so sehr hasst, dass sie sich selber in die Wüste schicken möchte, man glaubt ihr nicht. Sich selber traut Frau jedes Versagen, jeden Makel zu, aber die andere, die ist doch perfekt, die macht ganz bestimmt nichts falsch. Die erzählt bestimmt nur von ihren Problemen, damit ich mich nicht so minderwertig fühle und nicht, weil tatsächlich nicht alles so rosig ist, wie es aus der Ferne betrachtet aussieht.

Und so sehen wir Frauen- oder vielleicht nur wir Mütter? – unser Umfeld bevölkert mit lauter Statuen von makelloser Schönheit und absoluter Perfektion. Wir denken, dass sie alle voller Abscheu auf uns hinabsehen, auf uns, die wir es einfach nicht so hinkriegen, wie wir sollten. Obschon wir in den Augen der anderen wohl ebenso auf einem Podest erscheinen, wie sie in unseren, fühlen wir uns winzig klein und unbedeutend. Nur hin und wieder wachen wir auf, nämlich dann, wenn eine der vermeintlich so Starken und Fehlerlosen vom Podest stürzt und mit viel Getöse zerbricht. Dann reiben wir uns erstaunt die Augen und sagen: „Aber sie war doch so perfekt. Ich hätte nie gedacht, dass ihr so etwas passieren könnte.“

Wie? Das hätte man nie denken können? Aber klar hätte man: Wenn man genauer hingehört hätte und nicht vor lauter Selbstzweifeln überhört hätte, dass die andere nicht nur sagt, sie sei nicht perfekt, sondern dass sie es tatsächlich nicht ist.

Weil eben keine von uns perfekt ist.

Rechne!

Vor rund fünfundzwanzig Jahren sass ein kleines Mädchen mit langen Zöpfen in einem Schulzimmer irgendwo in der Schweiz und starrte verzweifelt auf folgende Sätze: „Fritzchen und Paul sind beste Freunde. Die beiden fahren jeden Tag mit dem Fahrrad in die Schule. Fritzchen fährt mit seinem Fahrrad 5 Kilometer in der Stunde, Paul fährt mit seinem Fahrrad 10 Kilometer in der Stunde. Fritzchen wohnt 1500 Meter von der Schule entfernt. Paul wohnt 3 Kilometer von der Schule entfernt. Wer ist schneller in der Schule und wie viele Butterbrote essen die beiden Knaben unterwegs? Rechne!“

Dieses letzte Wort „Rechne!“ war es, welches das Mädchen in Verzweiflung trieb. Hätte das Mädchen erklären müssen, weshalb Fritzchen böse ist auf Paul, dann wäre das keine Sache gewesen. Ist doch klar: Wenn einer so viel schneller Rad fahren kann, dann mag man den Kerl nicht leiden. Hätte das Mädchen herausfinden müssen, weshalb die beiden dennoch beste Freunde sind, es hätte erklärt, dass Paul eben so ein netter Kerl ist, der nie angibt, auch wenn er viel schneller Rad fahren kann. Und vielleicht hätte es auch gesagt, der Paul habe eben dem Fritzchen sein allerbestes Butterbrot abgegeben und deshalb sei Fritzchen, der so gerne isst und deshalb auch langsamer fährt, ein dankbarer Freund und Abnehmer der Butterbrote. All dies und noch viel mehr hätte das Mädchen aus diesen Sätzen gelesen, aber das interessierte keinen. Alles, was die Lehrerin wissen wollte, war, wer früher in der Schule ankommt. Und genau dies konnte das Mädchen beim besten Willen nicht herausfinden, denn es verschlang zwar Lesefutter in rauhen Mengen, doch kaum wurden dem Lesefutter Zahlen beigemengt, wurde die Sache für das Mädchen unbekömmlich, weil sich Wörter und Zahlen im Kopf derart verhedderten, dass das Mädchen am Ende nicht mehr wusste, ob Fritzchen überhaupt Radfahren konnte und ob Paul nicht vielleicht per Mondrakete in die Schule geflogen war.

So war das und all das hätte eine schlimme aber verdrängte Erinnerung bleiben können, hätte das Mädchen, als es schon längst kein Mädchen mehr war, nicht den irrsinnigen Entschluss gefasst, sich von zu Hause aus weiterzubilden. Aber das Mädchen ist nun mal naiv geblieben und so zerbricht es sich heute den Kopf über der folgenden Aufgabe: „Vergleichen Sie bitte die Wirtschaftlichkeit und die Rentabilität sowie den Materialbedarf pro Stück der beiden folgenden Verfahren 1 bzw. (2): Beim Verfahren 1 (2) werden von einer relativ hoch (weniger) automatisierten Anlage aus einer Menge von 5 Tonnen Einsatzmaterial genau 1000 (900) Produkte hergestellt, wobei die Produktion je Einheit exakt 0,5 (1,5) min dauert….“

Spätestens hier hängt das Mädchen ab und liest so weiter: „Die produktive Zeit je Tag ist davon abhängig, wie viel Kaffee der Maschinenführer jeweils morgens um sechs in sich hineingeschüttet hat und davon, ob der Chef gut gelaunt ist, oder ob er mies drauf ist, weil ihm gestern seine Frau so furchtbar auf die Nerven gefallen ist und weil er eine viel zu hohe Steuerrechnung bekommen hat. Ach ja, und die Frau, die war übrigens gestern so unausstehlich, weil sie den ganzen Tag keine Zeit fand, sich die Zehennägel zu lackieren und das hätte sie ganz dringend tun müssen, weil sie sich ein Paar elegante Sandalen gekauft hat, die viel schöner sind als diejenigen der Nachbarin.  Aber die Frau hatte keine Zeit, sich die Zehennägel zu lackieren, weil ihr Chef ihr nicht erlaubte, früher nach Hause zu gehen. Der Chef ist nämlich ein unausstehlicher Tyrann und die Frau überlegt sich schon seit längerer Zeit, ob sie nicht endlich kündigen sollte. Aber damit ist ihr Mann nicht einverstanden und deshalb lag sie sich gestern Abend mit ihrem Mann in den Haaren….“

Kann mir bitte mal endlich einer erklären, weshalb ich rechnen soll, wo doch zwischen den knochentrockenen Zeilen so viele spannende Geschichten verbergen?

Arme kleine Jungs!

Vor drei, vier Monaten noch galt der Zoowärter als drolliges kleines Kerlchen, das sich so charmant verhaspelte beim Reden und das mit seinem schelmischen Lächeln jeden für sich einnehmen konnte. Wo immer er hinkam bekam man zu hören, wie süss der Kleine doch sei, wie liebenswert, wie einmalig.

Dann aber passierte etwas: Der Zoowärter entdeckte den Kämpfer in sich und schwupps, war es vorbei mit drollig. Ein Junge, der bedrohlich Holzkellen schwingt und dazu brüllt, als ei er ein wild gewordener Löwe, geht nicht mehr als herzig durch. Ein Junge, der mal Ritter, mal böser Römer, mal angriffslustiger Wikinger ist, passt nicht ins Schema von „ach, wie süss!“. Wenn dann hin und wieder noch sein Kampfesgeist mit ihm durchgeht und er vergisst, dass die Putzfrau weder sein Feind noch die Holzkelle eine Waffe ist, dann ist fertig lustig. Dann muss man als Mama aufpassen, dass das eben noch kleine süsse Kerlchen als unmöglicher, schwer erziehbarer Bengel beschimpft wird. Das charmante Verhaspeln und das schelmische Lächeln sind zwar noch immer da, aber keiner nimmt es mehr wahr.

Wäre der Zoowärter mein erster Junge, ich wäre jetzt am Boden zerstört. Weil ich aber die gleiche Entwicklung schon bei Karlsson und beim FeuerwehrRitterRömerPiraten durchgemacht habe, bin ich einfach nur traurig. Denn warum, so frage ich mich, applaudiert man kräftig, wenn ein Mädchen die Tänzerin, die Reiterin oder die Coiffeuse in sich entdeckt, wenn aber ein Junge den Kämpfer in sich entdeckt, wendet man sich angewidert von ihm ab? Arme kleine Jungs! Ihnen bleibt so wenig Zeit, in der sie gehätschelt werden.

Mein Muttertag

So ein Velo ist einfach eine grossartige Sache: Die Bäckerei, die vorher zu weit für einen Fussmarsch aber zu nahe für eine Autofahrt war, liegt jetzt in perfekter Distanz. Der Park, der so schön, aber leider auch so fern ist, wenn man mit zwei Kleinkindern mal kurz dorthin gehen will, ist jetzt in wenigen Minuten erreicht. Die Fahrt in die Migros, um schnell etwas zu besorgen, was man vergessen hat, muss nun nicht mehr weit im Voraus geplant werden, weil man ganz bestimmt wieder zurück ist, bis die Kinder von der Schule nach Hause kommen. Ja, mein Leben ist definitiv einfacher geworden, seitdem ich wieder zweirädrig unterwegs sein kann.

Doch wie immer, wenn Mama Venditti einen neuen Spleen hat, neigt sie zu Übermut. Dann will sie beweisen, wie eigenständig, stark und frei sie ist und so war es absehbar, dass ich mir heute Morgen das Velo samt Anhänger schnappen würde, um mit dem Prinzchen und dem Zoowärter zur Kirche zu fahren, während der Rest der Familie das Auto nahm. Ist ja ein Klacks, schlappe viereinhalb Kilometer und alles mehr oder weniger geradeaus. Wäre ja gelacht, wenn ich das nicht schaffen würde. Immerhin bin ich früher täglich mit dem Fahrrad von A nach B gefahren. Was ich bei solchen Unternehmungen leider jeweils vergesse: Ich bin in den letzten Jahren nicht jünger geworden. Was eine Siebzehnjährige, die drei Stunden pro Woche Sport machen muss, mit Leichtigkeit schafft, ist für eine Fünfunddreissigjährige mit ein paar Kilos zu viel auf den Rippen nicht mehr ganz so einfach. Und einen Anhänger mit zwei lebhaften Kleinkindern zieht eine Siebzehnjährige auch eher selten durch die Gegend, eine Fünfunddreissigjährige aber eher oft.

Und so kam es, dass ich mich am frühen Muttertagmorgen abstrampelte und mich darüber wunderte, wie viele heimtückische Steigungen die ach so gerade Strasse aufweist, wenn man sie mit eigener Kraft zu bewältigen versucht. Im Auto waren mir diese noch gar nie aufgefallen. Für den besonderen Kick sorgte der Zoowärter, als er mich mitten auf dem Weg fragte: „Mama, kann man diese Schere zum Haareschneiden brauchen?“ Schere? Was für eine Schere? Und Haareschneiden? Doch nicht etwa die blonden Engelslocken des Prinzchens! Ja, Mama Venditti war mal wieder unterwegs, mit Kind, Handtasche und Schere. Es frage mich keiner, wie diese Schere in den Anhänger gekommen ist. Ich weiss von nichts.

Nun, irgendwie haben wir es in die Kirche geschafft und ich habe sogar fast die ganze Predigt mitbekommen, obschon ich mir die ganze Zeit über den Kopf zerbrach, wo ein weniger anstrengender Heimweg durchführen könnte. Ich fand einen, einen wunderbar romantischen der Aare entlang. Und es wäre wirklich alles bestens gegangen, hätte nicht „Meiner“ flugs das Prinzchen gegen den FeuerwehrRitterRömerPiraten ausgetauscht. Nun ist der FeuerwehrRitterRömerPirat zwar spindeldürr, aber dennoch um einiges schwerer als sein jüngster Bruder. Und so kam es, dass ich den Heimweg zwar ohne Steigungen, dafür aber mit einem unglaublich schweren Anhänger, der durch die ewigen Rangeleien zwischen dem Zoowärter und dem FeuerwehrRitterRömerPiraten nicht leichter wurde, unter die Räder nahm. Aber was tut Mama Venditti, wenn sie überfordert ist? Sie sorgt ganz beiläufig und ohne Absicht dafür, dass die Kette rausfällt und weil gerade Muttertag ist, spielt sie das hilflose Weibchen und ruft „Ihren“ an, um ihn anzuflehen, doch bittebittebitte die beiden Jungen mit dem Auto zu holen, weil sie unmöglich mit diesem schweren Anhänger zu Fuss nach Hause gehen kann. Ja, und dann kam „Meiner“ in seinem glänzenden hellblauen Auto angeritten, packte die Jungs auf den Hintersitz und machte das Velo wieder fahrtüchtig.

Manchmal muss ich dem lieben Mann doch einfach die Gelegenheit bieten, den heldenhaften Ritter zu spielen….

Verunsichert

Wenn ich sehe, wie oft die Leute bei beautifulvenditti landen, weil sie sich eine Antwort auf die Frage „Braucht mein Kind ein eigenes Zimmer?“ erhoffen, dann stimmt mich das nachdenklich. Irgendwo, in den unendlichen Weiten des Internets erhofft man sich eine Antwort auf die Frage, die man eigentlich nur beantworten kann, wenn man den Charakter der eigenen Kinder, den Grundriss der Wohnung und das monatliche Budget anschaut. Warum, so frage ich mich jeweils, sind wir Eltern so verunsichert, dass wir unserer eigenen Urteilskraft und unserer grossen Liebe, die wir für unsere Kinder empfinden, nicht mehr trauen? Warum glauben wir, dass ein anderer uns besser sagen kann, wo es lang geht? Klar, es gibt Eltern, die sollten dringend auf die Ratschläge anderer hören, aber das sind ja meistens nicht diejenigen, die durchs Netz surfen, um herauszufinden, was für ihr Kind das Beste sei. Allen anderen Eltern, „Meiner“ und ich eingeschlossen, wünsche ich, dass sie wieder lernen, ihrem eigenen Urteil mehr zu trauen.

Wenn mir eine befreundete Mutter, die mit Kleinkindern arbeitet, erzählt, wie schockiert die Eltern jeweils sind, wenn sie hören, dass die Kinder bei ihr unter Aufsicht mit Küchenmesser und Scheren hantieren dürfen, dann stimmt mich das nachdenklich. Warum, so frage ich mich, haben wir Eltern so grosse Mühe, zu begreifen, dass es viel gefährlicher ist, wenn Kinder nicht lernen, mit Gefahren umzugehen und ihnen dann schutzlos ausgeliefert sind? Warum trauen wir, die wir in unserer Kindheit meist kaum beaufsichtigt waren, unseren Kindern nicht zu, dass sie fähig sind, den Umgang mit gefährlichen Gegenständen zu lernen? Auch hier muss man leider wieder sagen: Gewisse Eltern täten besser daran, hinzuschauen und aufzupassen, was ihr Nachwuchs macht, aber auch hier tun es meistens gerade die nicht, die sollten.

Wenn ich am Samstagnachmittag mit Karlsson und Luise mit dem Fahrrad ins Dorf fahre und eine Frau, die uns im Auto überholt, brüllt mich an, Luises Fahrrad sei zu gross, dann stimmt mich das nachdenklich. Warum, so frage ich mich, sieht die Frau nicht, dass ich keine Zeit habe für ihre Tipps, weil ich aufpassen muss, dass meine Kinder heil durch den Verkehr kommen? Und warum traut sie mir nicht zu, dass ich mit den Kind beim Fahrradhändler war, um abzuchecken, wie gross das Velo für Luise sein muss? Die Medien sind so voll von Geschichten über verantwortungslose Eltern, dass jeder, der eine Mama mit Kind(ern) sieht glaubt, er müsse für Ordnung sorgen, weil ja ohnehin keiner für die Kinder schaue. Dass die Eltern sich Gedanken machen, dass sie das Beste für ihre Kinder wollen, glaubt schon gar keiner mehr und darum mischt man sich ein, wo man eigentlich besser schweigen sollte. Und schaut weg, wo dringend mal einer sagen sollte, dass es jetzt reicht.

Man sollte meinen, dass mich nach bald zehn Jahren Muttersein diese Spannungen kalt lassen, dass ich mich an sie gewöhnt habe. Aber dem ist nicht so: Sie beschäftigen mich je länger je mehr. Aber zumindest lasse ich mich nicht mehr so leicht verunsichern wie auch schon.

Die lieben mich wirklich!

Zwar kann ich mir noch immer nicht erklären, weshalb, aber sie tun es wirklich. Sie lieben  mich trotz all meiner Fehler, trotz meiner Ungeduld, trotz meiner launischen Art, an der sie immer mal wieder zu leiden haben. Sie sind bereit, über all meine Mängel hinweg zu sehen und mich trotz meiner selbst zu lieben. Ist das nicht toll?

Dass sie mich lieben, haben sie mir heute mal wieder ganz deutlich gezeigt. Mit Briefchen, in denen „Mama, ich lib dich so ser“ steht. Oder „Mama, ic ha dichsoger“ oder „Schön, dass es dich gibt. Gibst du auf deine Gesundheit acht?“. Es ist zwar noch nicht Muttertag, aber sie haben mich dennoch überschüttet mit Liebesbriefen und Küssen -sogar das Prinzchen hat mich geküsst! – und sie haben mich gefeiert, als wäre ich ihre grösste Heldin. Und sie haben mir ein Velo geschenkt. Eines aus zweiter Hand zwar, aber das ist mir völlig egal. Hauptsache, ich kann endlich wieder auf zwei Rädern ins Dorf fahren, wenn es eilt. Hauptsache, ich muss nicht mehr zu Hause bleiben, wenn die ganze Familie einen Zweirad-Ausflug in den Park unternimmt.

Wenn dann noch meine Fans vollzählig hinter mir her rennen, während ich meine ersten Runden auf dem neuen Velo drehe und bewundernd rufen „Du kannst es, Mama! Du kannst es ja wirklich!“, dann fühle ich mich einfach grossartig. Und ich bin froh, dass wir das Abenteuer Familie gewagt haben…

Ob er krank ist?

Heute früh begrüsste mich der FeuerwehrRitterRömerPirat mit folgender Frage:“ Mama, als die Römer den Hadrianswall bauten, mussten die Sklaven die ganze Arbeit machen. Warum war das so?“ Nun sind solche Fragen für den FeuerwehrRitterRömerPiraten tagsüber nichts Ungewöhnliches, aber morgens um sieben sagt er gewöhnlich gar nichts oder raunzt „Lass mich weiterschlafen!“ oder droht „Ich stehe nur auf, wenn du mir zweimal ‚Früeh am Morge‘ singst.“ Alles schon gehabt und deshalb haut mich fast nichts mehr aus den Socken. Wenn aber mein störrischer kleiner Langschläfer schon im Morgengrauen hellwach ist und historische Probleme lösen will, dann mache ich mir schon fast ein wenig Sorgen um ihn. Ob ihm etwas fehlt?

Ich hätte die kleine Episode im Frühstücksstress dennoch schnell wieder vergessen, wäre dreissig Minuten später nicht noch Unerhörteres geschehen. Da lege ich mir innerlich wie jeden Tag eine Strategie zurecht, mit welchem Trick ich den FeuerwehrRitterRömerPiraten heute aus dem Haus bringen kann und gebe ihm derweilen noch ein paar Ermahnungen und ‚hab dich lieb‘ mit auf den Weg. Doch mitten im Satz unterbricht mich mein Sohn: „Ist schon gut, Mama. Aber ich muss jetzt wirklich gehen.“

Ob ich mit dem Jungen mal zum Kinderarzt gehen soll?

Kinderwagen Nummer 6

Wer braucht denn heute noch einen Kinderwagen, der länger als drei Jahre hält? Dies scheinen sich die Kinderwagenhersteller zu sagen. Und sie haben ja recht: Entweder, man hört nach Kind eins auf mit dem Abenteuer Familie, weil das alles doch etwas anstrengender ist, als man sich vorgestellt hätte, oder man kauft für Kind zwei und drei wieder einen neuen Wagen, weil inzwischen wieder so tolle neue Gefährte in den wunderbarsten Farben auf den Markt gekommen sind. Und so hält der moderne Kinderwagen maximal so lange, bis Kindchen knapp auf den eigenen Füsschen stehen kann. Und deshalb wird im Hause Venditti in den nächsten Tagen Kinderwagen Nummer 6 (oder Buggy Nummer 3) geliefert.

Beim Kinderwagen Nummer 1 hatte ich ja noch gedacht, das Ding halte ewig und so verbrachten „Meiner“ und ich viele Stunden im Babycenter, um den perfekten Wagen auszusuchen. Als dann auch noch Schwiegermama anmeldete, dass sie das Ding bezahlen würde, wurden es noch ein paar Stunden mehr, denn ich musste mit aller Kraft verhindern, dass Schwiegermama bestimmte, in welchem Gefährt unser erstes Kind die Welt entdecken würde. Schliesslich entschieden wir uns für ein sündhaft teures italienisches Modell, das zugleich Babykarosse, Buggy und Kindersitz war. Schwiegermama zahlte bereitwillig die 1000 Franken und wir glaubten, das Thema Kinderwagen ein für alle mal abhaken zu können.

Do schon bald wurde der kleine Karlsson grösser und wir mussten feststellen, dass das sündhaft teure Ding leider trotz aller Versprechen nicht als Buggy taugte, worauf Kinderwagen Nummer 2 (oder Buggy Nummer 1) bei uns Einzug hielt. Das müsste jetzt aber wirklich reichen, dachten wir und es reichte auch. Bis sich der FeuerwehrRitterRömerPirat dazu entschied, sich in meinem Bauch einzunisten, kaum war Luise ausgezogen. Also musste ein Doppelkinderwagen her, sonst hätte Mama in Zukunft nicht mehr das Haus verlassen können. „Jetzt sind wir aber für den Rest unseres Lebens mit Kinderwagen versorgt“, sagten „Meiner“ und ich, als wir voller Stolz (Doppel)kinderwagen Nummer 3 abholten. Und tatsächlich: Zwei Jahre lang lief wirklich alles gut. Bis wir eines Sommers nach Malta reisten, wo die Strassen so holperig waren, dass Kinderwagen Nummer 2 oder Buggy Nummer 1 den Geist aufgab und in einer Maltesischen Abfallmulde landete (wo er Tags darauf wieder herausgeholt wurde und wohl noch heute über die Strassen von Valletta holpert).

Hätte ich zu jenem Zeitpunkt nicht den Zoowärter in meinem Bauch beherbergt, wir hätten den FeuerwehrRitterRömerPiraten wohl zum Laufen aufgefordert. So aber erhielt unser Dritter ein brandneues grasgrünes Wägelchen (Kinderwagen Nummer 4 oder Buggy Nummer 2), Made in Malta. Aber einen neuen Kinderwagen kauften wir nicht mehr. Den Zoowärter würden wir ausschliesslich im Tragtuch mit uns herumschleppen, solange er noch zu klein war für den Maltesischen Buggy. (Wie kann man bei Kind Nummer 4 noch so naiv sein?) Mein Rücken schmerzte zwar, ich verbrachte Stunden in der Physiotherapie aber ich blieb eisern dabei: Einen neuen Kinderwagen gab’s nicht. Dafür aber durfte ich den Wagen einer Nachbarin zu Boden fahren.

Damit wäre die Geschichte zu Ende. Doch kaum hatten wir uns sämtlicher Kinderwagen bis auf das grasgrüne Maltesische Wägelchen entledigt, beschloss das Prinzchen, dass es auch Teil dieser überaus coolen Familie werden möchte, worauf Mama sich auf die Suche nach Kinderwagen Nummer 5 machte. Noch einmal monatelang schleppen, bis das Kind gross genug für den Buggy war, kam nicht in Frage. Das machte mein Rücken nicht mehr mit und so wurde Kinderwagen Nummer 5 gekauft,  wieder Babykarosse und Buggy in Einem, ganz wie am Anfang, bloss viel viel preiswerter. Schwiegermama offerierte nämlich nicht mehr so grosszügig, alles zu bezahlen, da es nach ihrem Geschmack eindeutig zu viele Enkelkinder waren. Leider war Kinderwagen Nummer 5 nicht nur preiswert, sondern auch billig, weshalb er schon nach achtzehn Monaten bei der Müllabfuhr landete. Gleichzeitig mit Kinderwagen Nummer 4 oder Buggy Nummer 2, der auch nicht mehr fahren will.

Weil aber das Prinzchen noch lange nicht grosse genug ist, um bis zur Migros und zurück zu gehen, nehmen wir demnächst Kinderwagen Nummer 6 oder Buggy Nummer 3 in Empfang. Falls unser Leben nicht noch eine ganz eigenartige Wendung nimmt, wird dieser aber endgültig der Letzte sein. Ich verspreche es…