Kopfball

Fussball ist nicht gerade Karlssons allerliebste Freizeitbeschäftigung. Im Gegenteil: Bis vor einigen Monaten hat er um jeden Ball einen weiten Bogen gemacht. Deshalb waren wir auch sehr erstaunt, dass der Junge sich freiwillig zum Schülerturnier angemeldet hat und bis heute früh waren wir nicht sicher, ob er auch tatsächlich auf dem Rasen stehen würde, wenn es ernst gilt. Kam er doch mehr als einmal völlig frustriert vom Training nach Hause. Erstaunlicherweise liess er es sich dennoch nicht nehmen, schon im Morgengrauen ins Elternschlafzimmer zu schleichen, um uns zur Eile anzutreiben, weil das erste Spiel doch „schon in zwei Stunden“ beginnen würde.

Trotz viel zu kurzer Nacht liessen es „Meiner“ und ich es uns nicht nehmen, abwechslungsweise die Spiele unseres Ältesten durch unsere Anwesenheit zu würdigen. Man weiss ja nie, ob Karlsson je wieder Lust haben wird, einem Ball nachzurennen, da er weder väterlicher- noch mütterlicherseits Fusballergene vererbt bekommen hat. Nun ja, als ich noch sehr sehr jung war, habe ich mich hin und wieder an Grümpelturnieren beteiligt, aber bloss, weil es mir so viel Spass machte, wenn die Jungs aufheulten vor Schmerz, weil ich konsequent gegen ihre Schienbeine trat, wenn ich eigentlich den Ball hätte treffen sollen.

Nun, Karlsson trat niemanden gegen die Schienbeine, aber er trat auch nicht gegen den Ball. Sobald dieser nämlich in seine Nähe kam, suchte er das Weite und so schaffte er es, an einem Fussballturnier dabei zu sein, ohne Fussball zu spielen. Aber er war glücklich dabei und darum waren wir es auch. Am Ende hatte ich aber dennoch eine Frage: „Karlsson, weshalb weichst du denn eigentlich dem Ball immer aus?“, wollte ich wissen. „Weil ich Kopfbälle machen muss, wenn der Ball zu mir kommt“, antwortete er mir. Als ich wissen wollte, ob er denn Angst vor Kopfbällen habe, meinte er ganz ernsthaft: „Nein, natürlich nicht. Aber bei jedem Kopfball geht eine Gehirnzelle kaputt und ich will doch mein Gehirn nicht kaputt machen.“

Kluges Kerlchen. Er weiss, dass es sich nicht lohnt, sich wegen eines doofen Balls das Gehirn zerstören zu lassen. Wobei zwei oder drei Kopfbälle seinem Gehirn ganz bestimmt nicht geschadet hätte. Er hat ja nicht bloss zwei oder drei Gehirnzellen….

Auf eine gute Nachbarschaft!

Bis vor Kurzem hatte ich geglaubt, diese Art von Nachbarn sei eine Erfindung des „Beobachters“: Menschen, die aus einem anderen Kanton zuziehen, sich ausgerechnet in deinem Quartier einnisten und die sich einen Dreck darum scheren, wer links, rechts und gegenüber lebt. Anfangs denkst du noch, die Leute seien wohl zu beschäftigt mit dem Auspacken der Umzugskartons, aber irgendwann merkst du, dass es ihnen Ernst ist mit dem Ignorieren der Nachbarn. Gut, die Zeiten, wo man sich bei den neuen Nachbarn kurz vorstellt, scheinen so langsam passée zu sein. Aber grüssen könnte man einander schon, wenn sich die Wege zufällig kreuzen, findest du. Und deshalb grüsst du jedes Mal artig, wenn du an ihrem Garten vorbeigehst, oder wenn du mit Kind, sie mit Hund zu gleichen Zeit auf dem gleichen Trottoir spazieren gehen. Aber auch grüssen scheint zu viel verlangt zu sein. Stur blickt man zur Seite, egal wie freundlich du ihnen einen schönen guten Morgen wünschst. Irgendwann findest du dich damit ab, dass diese Nachbarn nicht das geringste Interesse haben, dich zu kennen und irgendwann fängst du an, sie zu ignorieren, obschon du weiterhin brav grüsst, weil dir das Grüssen in Fleisch und Blut übergegangen ist.

Auf diese Weise kommst du ganz gut an den neuen Nachbarn, die inzwischen gar nicht mehr so neu und trotzdem fremd sind, vorbei. Bis du eines Tages einem jungen Menschen für ein paar Wochen dein Zuhause öffnest und ihm hin und wieder gestattest, auf dem Balkon laute Musik zu hören. Nicht um Mitternacht, versteht sich, sondern vielleicht an einem Samstagnachmittag, wenn ringsum alle Rasenmäher laufen. Oder am frühen Samstagabend, wenn die Kirchenglocken laut dröhnend den Sonntag begrüssen. Um diese Zeit kann das ja niemanden stören, denkst du. Aber du hast nicht mit deinen nicht mehr ganz neuen Nachbarn gerechnet. Denn ausgerechnet die Leute, die dich bis anhin keines Blickes gewürdigt haben, wissen nun plötzlich a) wo du wohnst, b) wie du heisst und c) finden sie endlich die Zeit, sich bei dir vorzustellen. Per Telefon. Mit einem äusserst gehässigen Unterton: „Frau Venditti, wir sind die Familie XY, wir wohnen gleich gegenüber. Den ganzen Tag über läuft bei Ihnen laute Discomusik und das stört uns sehr.“

Da kann ich nur sagen: „Nett dass sie sich endlich bei uns vorgestellt haben. Aber wäre das nicht etwas höflicher gegangen?“ Doch vielleicht wäre ich auch ein solcher Miesepeter, wenn mein Tag nur von 13:00 bis 14:00 und von 19:15 bis 20:00 Uhr dauern würde. Denn die Dame hat ja gesagt, bei uns werde den ganzen Tag lang laute Discomusik gespielt…

Dampfkochtopf

Den ersten Rückschlag des Tages erlebte ich heute Morgen, als ich einmal mehr vergeblich zum Bancomaten ging, um festzustellen, dass auf meinem Konto noch immer gähnende Leere herrscht, obschon da schon längst Geld drauf sein sollte und dass ich den Zwischendurcheinkauf erneut mit der Kreditkarte würde bezahlen müssen. Und einmal mehr wurde mir bewusst, wie sehr es an mir nagt, dass ich zwar inzwischen endlich mehrere sehr erfüllende Arbeitsfelder gefunden habe, dass ich aber so langsam nicht mehr damit klarkomme, dass die Bezahlung irgendwann erfolgt. Womit wir von jetzt bis irgendwann leben sollen, das interessiert keinen, ausser „Meinen“ und mich und das treibt mich dazu, zuweilen die Freude an meinen erfüllenden Aufgaben zu verlieren. Erfüllung ist ja wirklich wichtig, aber damit bezahle ich weder das Brot, noch die Butter die darauf gehört.

Ich war also nicht gerade bestens gelaunt, als ich von meinem Einkauf nach Hause kam und entdeckte, dass das Prinzchen nicht nur ein Trinkglas zerbrochen hatte, sondern dass er es auch fertig gebracht hatte, Karlssons Öllampe auf dem Küchenfussboden auszuschütten. Wie oft habe ich meinem ältesten Kind schon gesagt, er solle seine Öllampe an einem prinzchensicheren Ort verstauen? Nicht oft genug, nehme ich an, ansonsten müsste ich nicht am Samstagmorgen dreimal hintereinander den Boden feucht aufnehmen und danach feststellen, dass noch immer Ölspuren zurückgeblieben sind.

Meine Laune war also noch nicht besser, aber immerhin fand ich noch genügend Optimismus in mir drin, um mir und „Meinem“ zu sagen, wir würden uns den Tag nicht vermiesen lassen. Ha, von wegen! Als ich ein paar Stunden später bei grösster Hitze und mit fast leerem Tank eine Stunde lang durch Trimbach kurvte, um den Weg zu einer netten Person, die mir auf Ricardo einen Dampfkochtopf verkauft hatte, zu suchen, da brannten meine Sicherungen durch. Ein rotes Haus solle ich suchen, hatte mir der nette Herr am Telefon erklärt und weil ich gedacht hatte, in Trimbach gebe es nicht sonderlich viele rote Häuser, habe ich es verpasst, mir die Nummer des netten Herrn zu notieren. Ja, ich weiss, heute hat man GPS und kurvt nicht mehr durch Quartiere, aber weil ich so selten Auto fahre habe ich kein GPS und deshalb kurvte ich vergeblich an vielen vielen roten Häusern vorbei – ihr könnt euch nicht vorstellen, wie viele rote Häuser es in Trimbach gibt –  ohne meinen Dampfkochtopf zu finden.

Aber wer braucht schon einen Dampfkochtopf, wenn er selber dermassen unter Druck steht, dass er demnächst explodiert? Und an Tagen wie heute findet sich garantiert einer, der es schafft, die Explosion auszulösen. Heute fanden sich gar zwei: Ein unvorsichtiger Autofahrer und ein noch unvorsichtigerer Töfffahrer, die mir kurz hintereinander in der verkehrsberuhigten Zone mit deutlich überhöhter Geschwindigkeit entgegenkamen und beinahe einen wüsten Unfall verursacht hätten. Ich versichere euch: Ihr hättet in diesem Moment nicht neben mir in unserem hübschen kleinen hellblauen Auto sitzen wollen.

Jetzt sitze ich an meinem Computer und suhle mich in meinem Elend. An gewissen Tagen fällt es mir sehr sehr schwer, Optimistin zu bleiben….

Troubleshooter-Mama

Wenn es ums Aufwachen und Aufstehen geht, ist Troubleshooter-Mama noch immer auf die Hilfe ihrer Kinder angewiesen, dann aber schlüpft sie in ihr unsichtbares Superwoman-Kostüm und macht sich auf, den Widrigkeiten des Tages den Kampf anzusagen. Die erste Widrigkeit des heutigen Tages: Eine zerbrochene Schale. Genauer gesagt: Eine vormals mit Reibkäse gefüllte zerbrochene Schale. Noch genauer gesagt: Eine vormals mit Reibkäse gefüllte zerbrochene Schale, die aussen mit roten Herzen verziert war und die Luise „Meinem“ zum fünfunddreissigsten Geburtstag geschenkt hatte und die Karlsson, als er sein Joghurt aus dem Kühlschrank nehmen wollte, zu Boden fallen liess, weil sie im Wege stand, weil Troubleshooter-Mama gestern Abend zu später Stunde zu faul gewesen war, die Schale an einem sicheren Ort unterzubringen.

Alles klar? Nicht? Macht nichts. Es ist ja auch nicht eure Aufgabe, den heulenden Karlsson – „Papa wird so enttäuscht sein! Ich bin so uuuhhhuuungeehhhhschiiihhhhckt!“ – und die tieftraurige Luise – „Die Schale habe ich Papa zum Geburtstag geschenkt! Ich werde ihm nie mehr so eine schöne Schale schenken können!“ – zu beruhigen. Das ist ein Job für Troubleshooter-Mama und der geht so: Karlsson und Luise heulen, machen sich schlimme Vorwürfe und geraten einander schliesslich fast in die Haare, aber nur fast, denn jetzt greift Troubleshooter-Mama ein und nimmt alle Schuld auf sich: „Ich war ja so blöd, die Schale am falschen Ort hinzustellen, also bin ich Schuld.“ Karlsson will etwas einwenden, aber Troubleshooter-Mama kommt ihm zuvor: „Nein Karlsson, du bist nicht zu ungeschickt, ich habe den Fehler gemacht. Luise, wir werden für Papa eine neue Schale kaufen. Und ich bezahle, denn es war ja meine Schuld. Und ich werde auch mit Papa reden, denn es war ja nicht euer Fehler…“

Problem Nummer eins ist kaum gelöst, da steht schon Problem Nummer zwei an: Ein nicht mehr eingefasstes Zahlenbuch, das Karlsson unbedingt noch heute Morgen einfassen will, weil sonst die Lehrerin so böse wird. Aber Troubleshooter-Mama weigert sich, das Buch jetzt auf der Stelle einzufassen, denn a) sie hat gar kein geeignetes Papier im Haus, b) sie hat keine Geduld dazu, denn Karlsson wird das Buch selber einfassen wollen und danach doch nicht ohne Mamas Hilfe auskommen und c) sie hat jetzt keine Zeit dazu, denn Probleme Nummer drei, vier und fünf warten schon darauf, gelöst zu werden. Während Troubleshooter-Mama sich Problem Nummer 3 annimmt, – Luise kann die seit Wochen vermissten Bibliotheksbücher nicht mehr finden und ist deshalb in Tränen aufgelöst – heult sich Karlsson fast die Seele aus dem Leib, weil er Angst hat vor dem Zorn der Lehrerin. Warum bloss hat das Kind Angst vor dem Zorn der Lehrerin, lebt er doch immerhin seit mehr als neun Jahren mit einer emotional ziemlich wechselhaft veranlagten Mama?

Troubleshooter-Mama gerät ob der beiden zusammentreffenden Probleme beinahe ins Strudeln, besinnt sich dann aber auf ihr Allheilmittel in schwierigen Situationen: Sie greift zu Stift und Papier. Ein Briefchen für Luises Lehrerin, in dem steht, dass die Bücher nicht mehr auffindbar sind und deshalb von Vendittis ersetzt werden, ein Briefchen für Karlssons Lehrerin, in dem steht,  dass gestern zu später Stunde der Einband des Zahlenbuches kaputt gegangen sei und dass dieser Fehler selbstverständlich übers Wochenende behoben werde. Beide Briefchen mit „Besten Dank für Ihr Verständnis“ abgeschlossen und auf zu Problem Nummer vier, das da heisst „FeuerwehrRitterRömerPirat davon überzeugen, dass er noch keine Kindergartendispens erhalten hat – und diese auch nie erhalten wird – und dass er deshalb in die Kleider schlüpfen soll und zwar schnell, weil sonst all der Kuchen, den heute zwei Geburtstagskinder mitbringen werden, ohne ihn aufgegessen wird.“

Danach muss sich Troubleshooter-Mama nur noch um ein paar kleinere Problemchen kümmern: Luise trösten, die heult, weil Karlsson und sein Freund ohne sie abgezogen sind, dem Prinzchen die laufende Nase putzen, obschon sie ihm wehtut, weil sie vor ein paar Tagen eine unangenehme Begegnung mit einer Schaukel hatte, dem Au-Pair einen Glassplitter aus dem Finger entfernen und sie beruhigen, dass ihre Angst, dass der nicht mehr vorhandene Splitter in die Blutbahn geschwemmt und in ihre Herzaorta geraten und ihren Tod verursachen könnte, völlig unbegründet sei.

Dann wird es ruhiger und Troubleshooter-Mama darf sich endlich ins Büro zurückziehen, wo ein ganzer Berg Arbeit auf sie wartet. Aber der Berg Arbeit muss leider noch etwas länger warten, denn Troubleshooter-Mama muss sich mal ernsthafte Gedanken machen darüber, ob es pädagogisch sinnvoll sei, den Kindern immer und immer wieder aus der Patsche zu helfen.

Ein Ende in Sicht…

Wann hat’s das zum  letzen Mal gegeben? Ich weiss es nicht, zu lange ist es schon her, so lange, dass es schon fast einem historischen Ereignis gleichkommt: Bei Vendittis gibt’s nur noch ein einziges Wickelkind. Der Zoowärter ist seit heute nämlich auch nachts windelfrei. Ein ein einziges Wickelkind, kann man sich so etwas vorstellen? Das heisst, nur noch vier bis fünfmal am Tag am Wickeltisch zu stehen. Das heisst, nur noch etwa zweimal in der Woche zur Dusche greifen zu müssen, weil man in der Windel eine riesige Sauerei vorgefunden hat. Das heisst, beim Sonderangebot nur noch drei Pack Windeln in den Einkaufswagen zu laden. Das heisst, nur noch einen Windeleimer im Badezimmer stehen zu haben. Das heisst, nur noch bei einem Kind regelmässig die Nase an den Po zu halten – gibt es eine andere Tätigkeit auf dieser Welt, die für Nichteltern abstossender ist? -,  um zu riechen, ob es in der Windel riecht.

Ich habe zwar nie verstehen können, was die Menschheit am Wickeln so schlimm findet. Für mich gehört das zum Kinderhaben einfach dazu und ob wir nun ein Wickelkind hatten, zwei oder zeitweise gar drei, „Meiner“ und ich haben damit leben können. Klar, es gab peinliche Momente. Zum Beispiel, als wir mal mit drei Kleinkindern aber ohne Windeln auf eine Alp gondelten, wo die übervolle Windel des FeuerwehrRitterRömerPiraten ausgerechnet im Bergrestaurant den Geist aufgab. Klar wäre ich schon hundertmal froh gewesen, wenn ich keine Windeln hätte kaufen müssen, was aber nicht möglich war, weil die Verdauung unserer Kinder sich buchstäblich einen Dreck schert um unser Budget. Klar gab es zuweilen ganz böse Überraschungen. Zum Beispiel, als der damals etwa zweijährige FeuerwehrRitterRömerPirat zugleich Windpocken und Durchfall hatte und aus lauter Verzweiflung seine Exkremente grossflächig an die Wand schmierte. (Als der Durchfall dann vorbei war, fing er damit an, seine Exkremente im Zimmer herumzuschmeissen, aber auf weitere Details verzichte ich lieber.)

Ja, die Windeln gehören für uns einfach dazu, seit bald zehn Jahren schon und es gäbe da noch ein paar Anekdoten, über die man Jahre später lauthals lacht und ich bin mir sicher, dass die eine oder andere Geschichte in die Familiengeschichte eingehen wird. Aber ich bin dennoch froh, dass das Ende des Windelkapitels absehbar wird. Ich glaube, so langsam haben wir genug gewickelt.

Bleibt nur noch ein Problem: Womit fülle ich denn jetzt  bloss den zweiten, nur noch dreiviertelvollen 60-Liter-Kehrichtsack? (Nein, ich kaufe noch keine 30-Liter-Säcke; ein Wickelkind haben wir ja noch.)

Es wird alles noch viel lustiger

Das Prinzchen kann jetzt nämlich nicht bloss au dem Bett klettern – inzwischen gar ohne die Hilfe seines Riesenbären -, er hat jetzt auch herausgefunden, wie man den Trip Trap zweckentfremdet, um zum Wasserhahn zu gelangen. Und zur Herdplatte. Und zum Fenstergriff. Weil das alles noch nicht spannend genug ist, versucht unser Jüngster mit ziemlich beachtlichem Erfolg, frisch angezogen in die volle Badewanne zu klettern, wenn der Zoowärter und der FeuerwehrRitterRömerPirat ein Bad nehmen. Als jüngstes Kind hat der Kleine natürlich auch noch einen besonders starken Drang, die Eltern mit unerwarteten Fähigkeiten zu überraschen – ich rede da aus eigener Erfahrung – und deshalb bringt es unser Prinzchen schon im zarten Alter von 18 Monaten fertig, eine geschlagene halbe Stunde zu toben, wenn die böse Mama ihm den Zutritt zum Badezimmer und damit zur vollen Badewanne verwehrt. Wenn er dann voller Zorn seinen Nuggi (Für meine Leser aus Deutschland: Das ist das Ding, das man den Babys in den Mund stopft, damit sie aufhören zu brüllen) in die Ecke schmeisst und mit den Füssen stampft, dann sehe ich dass das Trotzalter im Anzug ist. Jetzt schon.

Oh ja, das Prinzchen zieht alle Register, um zu verhindern, dass mir langweilig wird. Er denkt sich wohl, dass ich mit meinem letzten Baby noch einmal so richtig viel Spass haben soll. Oder vielleicht hat er ja neulich mein sentimentales Gesülze gelesen und will jetzt mit allen Mitteln verhindern, dass ihm eines Tages ein kleines schreiendes Bündel den Platz streitig macht.

N-E-I-N

Mama Venditti dreht mal wieder im roten Bereich. Termine beim Kinderarzt, Elterngespräche, Konzepte verfassen, Kindern zeigen, wie sehr man sie liebt, weiterbilden, Newsletter schreiben, gute Ehefrau sein, vollwertig kochen, Wäscheberge abtragen, Vorsprechen bei Parteien und Gemeinderat, Freundschaften pflegen, Buchprojekt vorantreiben, Kindern zeigen, wie zermürbend es ist, wenn sie nicht gehorchen wollen, Hüpfburg organisieren, Mails beantworten… und der Tag hat noch immer bloss 24 Stunden. Was zur Folge hat, dass es nicht ganz ohne Getöse abgeht, wenn Mama Venditti einen der Bälle fallenlässt, mit denen sie tagtäglich jongliert. Was wiederum zur Folge hat, dass Personen, die Mama Vendittis Zusammenbruch vor zwei Jahren miterlebt haben, schüchtern fragen: „Hast du nicht gesagt, du würdest jetzt kürzer treten?“

Wenn Mama Venditti mit solchen Fragen konfrontiert wird, dann geht sie in sich, und zwar ganz tief. „Genügt es, wenn ich nur noch die Dinge tue, die ich mit Leidenschaft tun kann?“, fragt sie sich zum Beispiel. „Oder zehrt am Ende die Leidenschaft ebenso sehr an den Kräften, wie das halbherzige Durchbeissen?“ Sie forscht nach, ob sie sich selbst belügt, wenn sie behauptet, sie würde sich jetzt mehr Zeit zur Erholung nehmen. Sie überlegt, ob sie tatsächlich mehr Zeit zum Schreiben findet, oder ob die neuen Verpflichtungen schon Überhand gewonnen haben. Und das alles mündet in der überlebenswichtigen Frage: „Bin ich noch auf gutem Wege, oder bin ich schon wieder dabei, den Weg für einen nächsten Zusammenbruch zu bahnen?“

Manchmal zweifelt Mama Venditti, ob sie es schaffen wird, ob sie stark genug ist, die Aufgaben zu meistern. Doch dann fällt ihr wieder ein, dass sie ein neues Wort gelernt hat, ein Wort mit nur vier Buchstaben, aber mit einer unglaublichen Macht. Das Wort heisst N-E-I-N und Mama Venditti versucht, es dann anzuwenden, wenn jemand mit einer Bitte an sie herantritt, die sie nicht erfüllen kann oder nicht erfüllen will. Immer gelingt ihr das natürlich nicht, denn was man ein Leben lang nicht geschafft hat, lernt man nicht von heute auf morgen. Doch immer öfter kommt es vor, dass Mama Venditti nicht sagt: „Lass mich mal sehen. Vielleicht kann ich ja auf meinen freien Abend mit ‚Meinem‘ verzichten…“, sondern dass sie sagt: „Tut mir leid, im Moment bin ich vollkommen ausgelastet. Mit mir kannst du in nächster Zeit nicht rechnen.“ Und sie sagt es nicht nur dann, wenn tatsächlich jeder Abend ausgebucht ist, sondern auch dann, wenn sie nicht auf ihre Freiräume verzichten will. Denn Mama Venditti hat gelernt, dass man im Leben auch Zeit zum Erholen braucht, wenn man überleben will.

Manchmal ist Mama Venditti gar so verwegen, dass sie Nein sagt, wenn der Wäscheberg mit seinen Forderungen an sie tritt, oder der leere Kühlschrank, oder der unaufgeräumte Bürotisch. Aber bitte sagt „Meinem“ nichts davon. Der findet nämlich, bei uns sehe es momentan ziemlich schlimm aus und die Hauptverantwortung im Haushalt trägt leider noch immer Mama Venditti…

Jetzt wird’s lustig

Bis heute um 19:55 Uhr habe ich mich über jedes kleinste Fortschrittchen des Prinzchens gefreut. Das Kerlchen zeigt zum ersten Mal auf eine Tanne und sagt „Bam“. Mama strahlt. Das Kerlchen sieht seine Geschwister Schokolade essen und sagt „i au!“ Mama stopft aus lauter Freude das Kind mit Schokolade voll. Das Kerlchen türmt bei der Kinderärztin Bauklotz auf Bauklotz. Mama kriegt sich fast nicht mehr ein vor lauter Stolz. Ist er nicht ein Genie, unser Jüngster?

Seit heute Abend um 19:55 Uhr aber ist alles anders: Nichts Böses ahnend erzähle ich den Grossen eine Gutenachtgeschichte, währenddem „Meiner“ das Prinzchen zu Bett bringt. Bald wird der Feierabend Einzug halten im Hause Venditti. Hach, wie idyllisch! Plötzlich aber hört man Prinzchenschritte im Korridor und wenige Momente später steht er da mit seinem riesigen Bären im Arm. Wie hat er das bloss geschafft? Immerhin schläft er noch im Gitterbett und aus Gitterbetten entweicht man erst, wenn man älter als zwei ist. Da gibt es bestimmt irgend eine Kinderschutzregelung, die dies vorschreibt. Aber wenn man ein Prinz ist, schert man sich einen Dreck um Vorschriften. Man steigt auf den grossen Bären – Wer war bloss so dumm, ihm diesen zu schenken? – schwingt sich über das Gitter und schon ist man wieder frei.

Ich nehme mal an, dass  „Meiner “ und ich uns den Feierabend für die nächsten fünf Monate streichen können….

Vorsicht! Bissig!

Ob mit mir etwas nicht mehr stimmt? Da träume ich doch neulich von so einer Besserwissermama. Ihr wisst schon, die Frauen, die zu allem und jedem ihren Senf dazu geben müssen. Die Frauen, die vielsagend die Augenbrauen hochziehen, wenn man ihnen vom neuesten Versagen erzählt und bemerken, sie hätten die Situation ganz anders und natürlich viel besser gemeistert. Die Frauen, die man gerne mit versteckter Kamera überwachen möchte, um sie endlich dabei zu erwischen, wie sie ihren Kindern Big Macs und Pommes servieren und selber drei oder vier Bierchen kippen. Kurz: Ich träumte vom Albtraum aller Mütter.

Dieser Albtraum aller Mütter liess mich wissen, dass es doch keine Sache sei, morgens die Kinder ohne Stress, ohne Geschrei und ohne Chaos aus dem Haus zu bringen. Zum Glück habe ich ein paar gute Freundinnen, auf die ich sogar im Traum zählen kann und so sprang eine meiner Freundinnen in die Bresche und liess die Besserwissermama wissen, ich hätte ja immerhin fünf Kinder zu erziehen, während sie nur eines habe. Aber eine echte Besserwissermama lässt sich von solchen Kleinigkeiten nicht beirren und deshalb liess mich wissen, auch mit fünf Kindern sei es möglich, den Tag in Ruhe und Frieden zu starten. Und zwar jeden Tag.

Im realen Leben würde ich wohl eine spitze Bemerkung fallen lassen und der Besserwissermama die kalte Schulter zeigen. Im Traum aber tat ich, was ich wohl schon öfters gerne getan hätte: Ich sprang der Besserwissermama an die Gurgel und biss ihr in den Oberarm. Und zwar so richtig heftig. Wie ein Rottweiler, oder so.

Vielleicht sollte ich diesen Traum mal analysieren lassen…

Aha!

Tja, mein guter alter Papst, du wirst wohl einpacken müssen. Deine Tage als Stellvertreter Gottes auf Erden sind gezählt. Ich gehe nämlich in eine Kirche, in welcher der Liebe Gott persönlich predigt. Woher ich das weiss? Nun, der Zoowärter hat mir’s offenbart. Als nämlich gestern der Pastor im Familiengottesdienst allen Kindern ein Eis schenkte, um ihnen vor Augen zu führen, wie unerwartet Gottes Segen sei, war der Zoowärter natürlich selig. Eis im Gottesdienst, das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Als das Eis fertig gelutscht war, durften die Kinder auf einem Blatt zeichnen oder aufschreiben, womit Gott sie gesegnet hat. Eine Aufgabe, die für den kleinen Zoowärter noch ein bisschen schwierig war und deshalb half ich ihm. „Hat dir der liebe Gott schon einmal etwas Gutes geschenkt?“, fragte ich. „Ja“, sagte der Zoowärter und schwieg. „Was hat er dir denn Gutes geschenkt?“, hakte ich nach, denn es sollte ja etwas auf dem Papier erscheinen. Der Zoowärter überlegte eine Weile, dann strahlte er und sagte: „Ein Eis“.

Eigentlich habe ich mir den lieben Gott ja etwas anders vorgestellt, aber er ist wirklich sehr nett.