Die nervigste Mama des Jahres

Wer, wie ich, die gesammelten Werke von Adrian Plass im Schlaf rezitieren kann, kennt die Situation: Adrian ist ein unbescholtenes Kleingruppenmitglied, das sich auf dem Sofa fläzen kann, gelangweilt vor sich hinstarren darf und dumme Fragen stellt. Eine Woche später ist er zum Leiter der Gruppe geworden und aus ihm unerklärlichen Gründen haben sich sämtliche Mitglieder in unausstehliche, äusserst schwierige, unzuverlässige und dickköpfige Zeitgenossen verwandelt.

Mir ist das Gleiche passiert, in umgekehrter Richtung. Was habe ich mich aufgeregt, damals, vor zwei Jahren, als ich noch Leiterin war im Muki-Turnen! Können die denn nicht pünktlich sein? Ihre Kleider in der Garderobe ablegen und nicht vor der Eingangstür? Müssen die mich ausgerechnet jetzt, wo ich mich gedanklich auf die Stunde vorbereite, mit ihren Fragen über das nächste Vaki-Turnen, das in drei Monaten stattfindet, beelenden? Und können die nicht mal still sein, mit ihren Kindern turnen und den Klatsch auf die nächste Kaffeerunde verschieben?

Und was bin ich heute? Eine Mama, die in letzter Sekunde in die Halle platzt, die die Stofftiere ihres Zoowärters im Weg rumliegen lässt, die unbedingt noch vor Beginn der Stunde ihre deplatzierten Fragen beantwortet haben will, die doof in der Halle rumsteht, schwätzt und nicht sieht, dass ihr Kleiner derweilen die Sprossenwand hochklettert, obschon dies nur erlaubt ist, wenn die Mama nebendran steht.  Ich mache so ziemlich alles, was die Leiterinnen insgeheim verabscheuen und ich mache es nicht mal mit böser Absicht. Ich bin einfach nur so unglaublich erleichtert, dass ich nicht mehr die Leiterin bin und bemerke ob meiner Erleichterung nicht, dass ich auf dem besten Weg bin, die nervigste Mama des Jahres zu werden.

Nur Eines werde ich nie tun, ich verspreche es hier hoch und heilig: Zu früh in der Halle stehen und die Leiterin bei den Vorbereitungen stören. Dieses Verbrechen können nur Mütter begehen, die sich zu Hause langweilen und nicht warten können, bis es endlich Zeit ist, zu gehen. Soweit werde ich erst wieder sein, wenn ich pensioniert bin. Freut euch schon jetzt auf mich, ihr zukünftigen Leiterinnen des Senioren-Turnens!

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Süchtig

Bis anhin hatte ich mich eigentlich nicht für einen suchtgefährdeten Menschen gehalten. Okay, ich kann Luxemburgerli nicht widerstehen. Aber die Dinger sind so teuer, dass ich sie mir alle Schaltjahre leiste, – oder schenken lasse,- so dass keinerlei Suchtgefahr besteht. Dass ich süchtig sein könnte nach Lesen ist mir schon eher mal durch den Kopf gegangen. Wenn ich mich dabei erwischt habe, wie ich eine Gebrauchsanweisung durchgelesen habe, weil gerade kein anregenderer Lesestoff zur Hand war. Oder den Text auf der Shampooflasche. Oder die Wegleitung zur Steuererklärung.

Gestern aber ist mir klar geworden, dass auch ich ein Suchthaufen bin. In meinem Kopf schwirrten zwei Texte herum. Wunderschöne, geschliffene Sätze, Pointen, die ich nicht vergessen wollte, Worte, die so treffend waren, dass ich sie auf keinen Fall vergessen wollte. Aber ich hatte keine Zeit. Der Zoowärter wartete auf sein Frühstück, das Prinzchen hatte eine volle Windel, die Putzfrau wartete darauf, dass ich das Chaos aus dem Weg räume, damit sie ungehindert staubsaugen konnte. Keine Chance zu entkommen, sich hinter den Bildschirm zu setzen und zu tippen, was das Zeug hält. Nicht mal Zeit, mir ein paar Notizen zu machen, damit die Sätze nicht wieder verschwinden. Und so verwandelte ich mich in eine Furie mit zittrigen Fingern, rasendem Puls und starrem Blick. Ich wollte schreiben, musste schreiben und zwar jetzt gleich, sofort! Es fehlten nur noch die Schweissausbrüche, und ich hätte mich gefühlt wie ein Junkie auf Entzug. Nicht, dass ich Erfahrung hätte mit solchen Dingen…

Wenn das so weitergeht mit mir, kann das ja heiter werden. Im Moment zum Beispiel schwirren in meinem Kopf Blog-Posts durcheinander, Sätze für das Novemberschreiben, Ideen für die nächste Geschichte. Und ausserdem habe ich da noch ein Buch, dass ich unbedingt fertig lesen muss. Nichts Hochstehendes, bloss eine belanglose Chick-Lit-Schnulze in miserabler deutscher Übersetzung, die ich mir gekauft habe, um die Fahrt von Zürich nach Aarau zu verkürzen. Aber ich muss doch wissen, ob die Tussi am Ende Ed nimmt oder Josh, nicht wahr? Okay, ich geb’s zu, ich weiss, dass sie Ed nimmt. Ich habe das Ende schon gelesen. Aber ich muss doch wissen, wie es dazu kommt.

Während ich mich in einem Rausch von Lesen und Schreiben befinde, dämmt „Meiner“ das Chaos in Haushalt, Terminkalender und Wäschekorb ein, so gut es geht. Mit solchen Trivialitäten kann ich mich momentan einfach nicht herumschlagen…

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Fast-Food-Stress

Heute ist es mal wieder so, dass ich die ganze Zeit dem Tag hintendrein renne und ihn nicht erwische. Immer, wenn ich glaube, ich hätte ihn, kommt etwas dazwischen und weg ist er wieder. Hätte Karlsson mich nicht um Viertel nach sieben geweckt, ich würde wohl jetzt noch in den Federn liegen. Und so geht es weiter. Luise kommt beinahe zu spät zur Schule, weil ich ihr das Haar zu spät kämme, der FeuerwehrRitterRömerPirat kommt beinahe zu spät in den Kindergarten, weil ich ihm keinen Znüni bereitgelegt habe, der Zoowärter kommt, nicht nur beinahe, zu spät in die Spielgruppe, weil ich unbedingt noch eine Seite zu Ende lesen musste, als ich auf dem WC sass.

Weil der Rest des Vormittags ähnlich verläuft, ringe ich mich irgendwann dazu durch, den für heute geplanten Milchreis nicht selber zu kochen. Ich verabscheue Fertigprodukte. Aber es gibt Tage, an denen es nicht anders geht und so irre ich, nachdem ich den Zoowärter zu spät von der Spielgruppe abgeholt habe, mit den beiden Jüngsten im Coop herum und suche verzweifelt den Milchreis. Und weil ich mich a) im Coop nicht auskenne, weil ich, wie alle Welt weiss, Migroskundin bin, und b) keine Ahnung habe, wo man die Fertigprodukte findet, weil ich normalerweise keine kaufe, irre ich lange, sehr lange herum. Als mir bewusst wird, dass ich in der Zeit, die ich mit Suchen vergeudet habe,  längst den Milchreis aufgesetzt, die Äpfel für das Kompott gerüstet und einen Kaffee getrunken hätte, ringe ich mich durch, eine Verkäuferin zu fragen. Und versinke dabei fast im Boden vor Scham: Frau Venditti, die an gewöhnlichen Tagen ihr Brot selber backt, hausgemachte Teigwaren auftischt, die Suppe prinzipiell nicht aus dem Päckchen kauft, verlangt Fertig-Milchreis! Kann ich noch tiefer sinken?

Ich kann. Nachdem ich möglichst unauffällig die drei Beutel in den Einkaufskorb gelegt habe, bringt mich der Zoowärter dazu, ihm vier bunte Badefischchen zu kaufen. Weil wir so dringend nach Hause müssen, habe ich einfach keine Zeit mehr, mir Gegenargumente zu überlegen, um den flehenden Blick in seinen Augen abzustellen. Und was ist der Dank dafür? Der Kleine lässt alle Welt wissen, dass seine Mama ihm einen Nemo gekauft habe!  Wie oft habe ich dem Kind denn schon gesagt, die orange-weissen Fische heissen Anemonenfische?  Im schlimmsten Fall dürfe er sie auch Clownfische nennen. Und er nennt sie Nemo. Als würde der den ganzen Tag vor der Glotze hocken und „Finding Nemo“ schauen.

Dabei hat er den Film gar nie gesehen. Als wir ihn nämlich vor zwei Jahren einmal ausgeliehen hatten, kamen Karlsson, Luise und der FeuerwehrRitterRömerPirat nach zwanzig Minuten heulend aus dem Wohnzimmer gerannt, weil sie „diesen brutalen Streifen“ nicht sehen wollten. Seither ist Nemo bei uns erst ab 16 Jahren freigegeben.

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Da seid ihr ja wieder

Kaum ist die Elternabendsaison ohne nennenswerte Zwischenfälle wie vertauschte Daten, vergessene Unterschriften und fehlende Babysitter überstanden, geht es los. Die Tage werden kürzer, der Himmel wird grauer, der Wind weht kälter – und der Kalender füllt sich. Ballettproben für Luises ersten grossen Auftritt, Geigenproben für Karlssons fünften, sechsten und siebten grossen Auftritt, die grossen Auftritte, Karlssons Geburtstagsparty, Schwimmkurse, Einladungen bei Freunden, die man unbedingt noch in diesem Jahr einmal sehen will, Freunde, die man zu sich einlädt, weil man sie unbedingt noch in diesem Jahr einmal sehen will, Sitzungen, die unbedingt noch in diesem Jahr stattfinden müssen, Guetzli backen, Arzttermine, Geschenkekaufen und so weiter. Mal abgesehen von den Arztterminen und den Sitzungen lauter schöne Dinge, auf die man sich freut und die man unbedingt noch in diesem Jahr … Ach ich wiederhole mich?

Da seid ihr ja wieder, ihr Post-it-Tage! Eigenartig, ich habe euch gar nicht vermisst. Woran das liegen mag?

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November

Das fängt ja gut an! Schon am ersten Morgen schaffe ich es nicht, mich um fünf Uhr aus dem Bett zu quälen. Und als ich es um sechs Uhr dann endlich doch schaffe, macht sich das Prinzchen aus Protest die Windel voll. Und da „Meiner“ noch immer hexenschussbedingte Probleme beim Aufstehen hat, ist klar, wer des Prinzchens Windel wechselt.

Man kann sich ja fragen, ob eine Mama von fünf Kindern nichts Besseres zu tun hat, als sich frühmorgens hinter den Computer zu setzten, um beim Novemberschreiben mitzumachen. Immerhin ist landläufig bekannt, dass ich bei Schlafmangel noch kratzbürstiger bin als im Normalzustand. Aber da ich in den letzten Jahren ohnehin einen gigantischen Schlafmangel angehäuft habe, kommt es auf dieses kleine bisschen Unvernunft im November nicht mehr an. Wenn ich jetzt nicht anfange, fange ich nie an. Heute ist es der Schlafmangel, der mich abhält, in drei Jahren die Vorpubertät, in zehn Jahren die Berufswahl der Kinder und irgendwann dann die Gicht. Also lege ich heute los, Schlafmangel hin oder her. Irgendwann muss ich damit anfangen, den Geschichten den Weg aus meinem Kopf zu bahnen. Ob die dann als Datei in meinem Computer vergammeln, oder ob eines Tages mehr daraus wird, ist momentan völlig egal. Hauptsache, ich schreibe.

Und da ich mich jetzt so schön warmgeschrieben habe, starte ich offiziell in das erste Novemberschreiben meines Lebens. Wenn ich mir meinen brummenden Schädel wegdenke, freue ich mich wie ein kleines Kind…

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Happy Birthday, mein Prinzchen!

Heute also ist der grosse Tag. Da liegt er, der kleine Geburtstagsprinz, eng umschlungen mit seinem Geburtstagsbären, und hat keine Ahnung davon, welch wichtiger Meilenstein dieser Tag für seine Eltern ist. Wie hatten wir uns davor gefürchtet, noch einmal Eltern zu werden. Wie habe ich geheult damals, als ich ungläubig auf den positiven Schwangerschaftstest starrte. Nicht, weil ich mich nicht auf das Kind freute. Kinder hätte ich noch unzählige haben können. Aber ich hatte keine Ahnung, wie ich das schaffen sollte, wie wir alle das schaffen sollten. Eine erschöpfte Mama, ein erschöpfter Papa, vier kleine Kinder, finanzielle Engpässe, aufgeschobene Träume  und noch einmal ein Baby. Kann das gut gehen?

Es kann! Das Prinzchen ist die grösste Überraschung, die uns in unserem Leben geschenkt wurde. Ein perfekter kleiner Mensch, der uns alle im Sturm erobert hat, der uns gezeigt hat, dass ein Kind nie falsch ist, auch dann nicht, wenn es zu einem schwierigen Zeitpunkt geboren wurde. Der uns gezeigt hat, dass man Vieles schaffen kann, wenn man den Mut hat, zu seinen Schwächen zu stehen, Hilfe anzunehmen und sich trotz aller Widrigkeiten zu freuen an dem neuen Leben. Und deshalb ist heute ein ganz besonderer erster Geburtstag. Wir sind so dankbar, dass du zu uns gehörst, kleiner Prinz!

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Putschversuch

Angefangen hat es damit, dass ich vorgestern den Kochwein nicht mehr finden konnte. Ich suchte die ganze Küche ab, doch finden konnte ich ihn nicht. Kaum bewege ich mich mal auf zehn Schritte vom Herd weg, – mehr liegt momentan nicht drin, – findet „Meiner“ bessere, prinzchenfreundlichere Plätze für alles Mögliche. Und weiss dann nicht mehr, wo er das Zeug hingetan hat.

Weiter ging es damit, dass mich Luise eines Abends darüber informierte, dass sie und Karlsson ab jetzt für das Aufräumen der Küche zuständig seien, der FeuwerwehrRitterRömerPirat für das Versorgen der Schuhe und der Zoowärter für sonst etwas. Ich habe vergessen, was es war. Nicht vergessen habe ich aber, dass „Meiner“ und die Kinder dies vereinbart hatten, als ich mal kurz weg war.

Heute nun überraschte mich Karlsson mit der Frage, wann wir denn nun unseren Familienrat abhalten würden. Familienrat? Bei Vendittis? Noch nie davon gehört. Haben die das Thema etwa in der Schule durchgenommen? Währenddem mir diese Gedanken durch den Kopf schiessen, höre ich, wie „Meiner“ Karlsson erklärt, er hätte es am Sonntag vergessen. Aber nächsten Sonntag würden wir uns ganz bestimmt zum Familienrat treffen.

So langsam fühle ich mich wie Obelix: Die wollen mich nur dabei haben, weil ich so dekorativ bin. Die planen einen Putsch gegen mich! Es ist unübersehbar: „Meiner“ will meinen Job übernehmen. Und zwar nicht als Co-Präsidium, wie bisher,  sondern als Alleinherrschaft. Dabei wäre ein Putschversuch doch gar nicht nötig. Die Hälfte meines Jobs gebe ich freiwillig her.  Aber nur die Hälfte. Ich will ja meine Kinder auch mal sehen.

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Wenn die Mama Hilfe braucht

Eigentlich ist es ja ganz gut, wenn man auch bei uns in der Provinz endlich erkennt, dass Mütter nach einer Geburt nicht automatisch glücklich sind. Und natürlich ist es auch gut, dass man dies in der lokalen Tageszeitung thematisiert, dass Psychologinnen für das Thema sensibilisieren wollen. Doch die Ratschläge, die sie erteilen, haben etwa so viel mit der Realität zu tun wie die Mär von der stets glücklichen Mutter, nämlich gar nichts. Wenn eine Mutter drei Wochen lang an Erschöpfung, Angst, Zwang oder Depression leide, solle sie Hilfe in Anspruch nehmen, liest man da.

Tönt einfach? Natürlich. Aber man zeige mir mal die Mutter eines Neugeborenen, die Zeit hat, darüber nachzudenken, ob sie jetzt eher erschöpft sei, unter Zwängen leide oder ob sie vielleicht depressiv sei. Die Frau, die in den ersten Monaten mit dem Baby überhaupt dazu kommt, sich über ihr Innenleben tiefschürfende Gedanken zu machen, die Zeit hat, zu analysieren, was da gerade passiert mit ihr, diese Frau gibt es nicht. Nun ja, vielleicht übertreibe ich. Es mag einzelne Frauen geben, die eine Mutter oder Schwiegermutter haben, die ihnen alle Lasten abnimmt, aber das schafft ja meistens neue Probleme. Und so erkennen die meisten Frauen wohl erst rückblickend, dass da nicht alles eitel Sonnenschein war in den ersten Monaten mit dem Kind. Und sie werden sich Vorwürfe machen, dass sie so viel geweint haben, dass sie die Zeit mit dem Baby nicht genossen haben, dass sie nicht so glücklich waren wie die Frau im Pampers-Werbespot. So sind wir Mütter eben.

Was soll man also tun? Der Sache ihren Lauf lassen? Die Mütter blindlings in die Depression rasseln lassen? Wohl kaum. Aber wie wäre es, wenn man nicht die Mütter beauftragen würde,  Hilfe in Anspruch nehmen, wenn es schlecht geht? Wenn man stattdessen die Väter für das Thema sensibilisieren würde? Die Grosseltern? Die Arbeitgeber? Die Gesellschaft, die mit ihren unrealistischen Erwartungen den Müttern das Leben unnötig erschwert? Vor lauter Windelbergen sehen die meisten Mütter ihre eigenen Bedürfnisse nicht mehr. Da braucht es schon andere, die dafür sorgen, dass die Mama nicht im Elend ersäuft.

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Warnung vor den Window Colors

Darf man die Erfinder von Window-Colors verklagen, weil sie es geschafft haben, einen vollkommen kinderuntauglichen Artikel in jeden bekinderten Haushalt einzuschleusen?

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Nein, das Prinzchen hat nicht aus der Window-Colors-Flasche getrunken. Ein vom FeuerwehrRitterRömerPiraten auf dem Balkon zwischengelagertes Bild hat genügt, um das ganze Chaos anzurichten. Und nein, das Prinzchen heulte nicht, weil ich ihn wegen der Schmiererei bestraft hätte. Er heulte, weil er in die Badewanne musste. Zum zweiten Mal an diesem wunderbaren Tag. Und nein, ich habe nicht geheult. Nur fast. Weil das Prinzchen eine Flasche Window Colors im WC versenkt hat, wo sie trotz all meiner Bemühungen, sie rauszuholen, geblieben ist.

Zumindest weiss ich jetzt, dass meine Strategie, die Misere zu fotografieren anstatt zu explodieren,  funktioniert. Bis ich endlich die Kamera gefunden hatte, war mein Zorn schon längst verraucht.

Muss ich das wirklich?

Nein, ich habe das Buch nicht gelesen, noch habe ich vor, es zu lesen. Der Titel reicht, um mich davon abzuhalten: „Verwandeln Sie ihr Kind in 5 Tagen“, heisst das Buch. Zugegeben: Es ist unfair, über ein Buch zu urteilen, das man nicht gelesen hat. Aber sagt der Titel nicht bereits alles? Muss ich meine Kinder verwandeln? Möchte ich, dass andere Menschen mich verwandeln wollen?

Klar, unsere Kinder haben ihre Macken und ja, sie treiben mich damit tagtäglich fast in den Wahnsinn. Doch muss ich sie deswegen verändern? Ist es nicht viel eher meine Pflicht, meinen Kindern dabei zu helfen, herauszufinden, wie sie sich die positiven Seiten ihrer mühsamen Eigenschaften zunutze machen können? Tönt kompliziert? Ist es auch. Es bedeutet zum Beispiel, dass Karlsson lernt, nicht dann einen Aufstand zu machen, wenn die Schwester ein Gummibärchen mehr bekommen hat als er. Sondern dann, wenn er in der Schule gehänselt und geplagt wird. Es bedeutet, dass der FeuerwehrRitterRömerPirat seine Kraft nicht dazu benützt, seinen kleinen Bruder zu verprügeln, sondern dazu, einem Schwächeren zu helfen. Es bedeutet, dass Luise ihre sprachliche Gewandtheit nicht einsetzt, um andere schlecht zu machen, sondern um zu vermitteln, wenn die kleinen Frauen mal wieder Intrigen spinnen. Es bedeutet, dass der Zoowärter seine Kreativität nicht braucht, um das Elternschlafzimmer in einen Abenteuerspielplatz zu verwandeln, sondern um mit seinen Duplos den höchsten und schönsten Turm der Welt zu bauen.

Es bedeutet natürlich noch viel mehr und darum dauert es auch viel länger als fünf Tage, dieses Ziel zu erreichen. Sehr viel länger, nämlich ein ganzes Leben. Meine Eigenschaften setze ich ja auch nicht nur für Gutes ein, obschon ich nun schon ein paar Jahre am Lernen bin. Und sagen Sie jetzt nicht, meine Eltern hätten eben das Buch lesen müssen, dann hätten sie mir meine Marotten innert fünf Tagen ausgetrieben!

Das Traurige an der ganzen Sache ist, dass der Verlag das Buch als Bestseller anpreist. Sind wir Eltern wirklich so dumm? Oder so verunsichert?

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