Lesen Sie die Packungsbeilage

Sonderbar sind sie ja schon, die Kinder. Man nehme zum Beispiel die Frage, ob man den Leuchtstreifen über oder unter der Kindergartentasche trägt. Eine Bagatelle? Denkste! Luise zum Beispiel legte während ihrer ganzen Kindergartenzeit äussersten Wert darauf, den Leuchtstreifen über allen anderen Trägern zu tragen. Egal, was noch alles dazu kam,  – Kindergartentasche, Posttasche, Bibliotheksmappe, Turnsack und tausend andere Dinge,  – der Leuchtstreifen kam drüber „weil mich sonst die Autofahrer nicht sehen“, so Luise. Wenn Mama jetzt meint, beim FeuerwehrRitterRömerPiraten bleibe alles gleich, so irrt sie gewaltig. Denn was für Luise stimmte, stimmt für den FeuerwehrRitterRömerPiraten keinesfalls. Der Leuchtstreifen gehört unter alle anderen Träger und Riemen, verstanden? Und er nimmt die Sache so ernst, als ginge es um die Frage, ob er von den Zucchini auch probieren muss oder ob sein Freund heute zu uns kommt oder ob er zu ihm geht.

Oder nehmen wir den Zoowärter. Für Mama ist es klar, dass es am ersten Spielgruppentag Tränen geben wird. Gibt es auch. Aber erst, als der Zoowärter abgeholt wird. Alle anderen Kinder heulen Rotz und Wasser wenn die Mama oder der Papa sie alleine in der Spielgruppe lassen wollen. Der Zoowärter heult zum Steinerweichen, wenn er nach Hause gehen muss. Was sagt das über meine Beliebtheit?

Während ich die Eigenarten dieser drei Kinder einfach so akzeptieren muss, habe ich für Karlssons Macken endlich eine Erklärung gefunden und zwar aus reinem Zufall, als ich auf dem WC nichts zum Lesen dabei hatte und deshalb die Packungsbeilage von Karlssons Asthma-Medikament durchlesen musste. Das Medikament könne neben so harmlosen Nebenwirkungen wie Schwellungen des Gesichts oder Hepatitis auch  zu abnormen Träumen, Halluzinationen, Reizbarkeit, aggressivem Verhalten, Ruhelosigkeit und Schlaflosigkeit führen. Was, mal abgesehen von den Halluzinationen, so ziemlich jeden Konflikt, den wir in den letzten Tagen hatten, erklären würde. Kein Grund zur Sorge also. Nur falls Karlsson andere als die rund fünfzig aufgeführten Nebenwirkungen verspüren sollte, müsse ich mich an einen Arzt wenden. Sollte der Junge also plötzlich keine Türen mehr knallen, nicht mehr brüllen wenn er wütend wird und zu allem, was Mama verlangt ja und amen sagen, werde ich mich unverzüglich bei der Kinderärztin melden müssen.

Und plötzlich ist er wieder drei…

Was bin ich doch naiv! Da glaube ich immer noch, ein Kind werde von Tag zu Tag selbständiger, von Woche zu Woche vernünftiger, von Monat zu Monat weiser. Und dann reibe ich mir verwundert die Augen, wenn der fast neunjährige Karlsson plötzlich wieder drei ist. Wenn er ein Gebrüll macht, weil Mama und Papa sich erfrecht haben, die Taralli aufzuessen. Wenn er die Türen knallt, bloss weil er seine Sandalen verlegt hat. Wenn er einen Tobsuchtanfall bekommt, weil er abends nach dem Zähneputzen keine Birne mehr essen darf. Fehlt nur noch, dass er sich in der Migros wütend auf dem Boden hin und her wälzt und wir befinden uns wieder mitten im finstersten Trotzalter, das wir doch schon längst überwunden geglaubt hatten. Zumindest bei Karlsson.

Eigentlich hätten wir es ja wissen müssen. All das Gerede von regressiven Phasen und dergleichen ist uns bestens bekannt. Aber was im Erziehungsratgeber so einfach  klingt, – nicht zu viel Aufhebens machen darum, das Kind nicht lächerlich machen, Verständnis zeigen, – ist gar nicht immer so leicht. Die Ruhe bewahren, wenn Karlsson am Sonntagmorgen mit seinem Gebrüll die halbe Nachbarschaft weckt, weil er zwar Bus fahren will, nicht aber auf eigenen Füssen zur Bushaltestelle gelangen will? Aber natürlich zeigen wir Verständnis! Auch wenn die ersten verärgerten Nachbarn hinter dem Vorhang hervorlugen. Die Nerven nicht verlieren, weil ein Glas durch die Küche fliegt? Ist doch kein Problem, das Kind muss eben seinen Frust loswerden! Auch wenn dabei Leib und Leben der halben Familie gefährdet ist?

Es ist ja verständlich, dass ein Lehrerwechsel für Karlsson so wichtig ist wie für uns ein Stellenwechsel. Aber muss er denn gleich so wild werden? Immerhin schmeisst Mama auch nicht mit Gläsern, wenn sie sich in einer regressiven Phase befindet – zumindest nicht, wenn die Kinder dabei sind…

Serenade

Der Zoowärter kann nicht einschlafen. Und wenn er nicht einschlafen kann, sorgt er dafür, dass auch keines seiner Geschwister zur Ruhe kommt. Sonst hat er ja niemanden zum Spielen. Damit dennoch endlich Stille herrscht in den Kinderzimmern, hole ich ihn zu mir auf den Balkon. Wir betrachten den wolkenlosen Abendhimmel, schauen zu, wie ein paar Vögel ihre Kreise ziehen, staunen darüber, wie die Sterne zu leuchten beginnen. Und bald schon singen wir Schlaflieder. Eine Sternstunde wie sie im Bilderbuch steht, einer jener Momente, die das Muttersein zur schönsten Sache auf der Welt machen, an Romantik nicht zu übertreffen.

Wo gesungen wird, ist auch Karlsson nicht weit und schon bald sitze ich mit zwei Söhnen auf dem Balkon und geniesse den Feierabend. Es dauert nicht lange, da steht auch Luise da und wenn der FeuerwehrRitterRömerPirat nicht schon längst im Land der Träume wäre, liesse auch er nicht lange auf sich warten. Jedes Kind bringt seine Liederwünsche an und ich bin mir nicht zu schade „S Ramseiers wei go grase“, „Jesus hät mi lieb“ und „Schlaf mein Kind ich wieg dich leise“ in die Abenddämmerung hinaus zu singen. Ist mir doch egal, was die Nachbarn denken. Nur wenn der Zoowärter „das vo de Chue“ verlangt, stelle ich mich taub. „Mir Senne heis luschtig“ singe ich nämlich nur hinter schalldichten Wänden, und wenn mich die Kinder auf Knien anflehen.

Je länger die Serenade dauert, desto unromantischer werden die Liederwünsche. Spätestens bei „Es wott es Fraueli z Märit ga“ kippt die Stimmung. Was die Kinder alles kennen ist erschreckend: „Lustig ist das Zigeunerleben“, „Das alte Haus von Rocky Docky“ und „An den Ufern des Mexico Rivers“. Wenn ich den Kerl erwische, der unseren Kindern diese Schweinereien beigebracht hat… Zum Glück kann ich so tun, als wüsste ich die Texte nicht mehr. Jetzt aber schnell ab ins Bett mit den Knöpfen, bevor sie noch Schlimmeres wünschen! Sonst wähnen sich die Nachbarn gegenüber im Musikanten Stadl und beginnen zu schunkeln.

Was bin ich doch für ein toleranter Mensch…

Okay, vielleicht habe ich meinen Mund etwas voll genommen, als ich vor ein paar Tage an dieser Stelle forderte, wir Mütter sollten einander leben lassen, egal, ob wir nun vollzeitlich zu Hause sind oder ob wir einer bezahlten Arbeit nachgehen. Denn was schiesst mir als Erstes durch den Kopf, als mir heute eine Mutter mit leuchtenden Augen erzählt, wie erfüllend es doch sei, den lieben langen Tag mit den Kindern zu Hause zu sein? Was genau ich gedacht habe, behalte ich lieber für mich, denn es war nicht besonders nett, aber es ging so in Richtung: „Armes Muttchen…“. Ja, so tolerant bin ich, wenn  das Programm „Jeder muss selber wissen, was richtig ist für seine Familie“ wieder mal ausgestiegen ist. Immerhin verkneife ich mir die dummen Bemerkungen.

Überhaupt: Was hätte ich denn schon zu sagen? Dass ich eigentlich gar nicht Vollzeithausfrau wäre, wenn da nicht diese doofe Wirtschaftskrise wäre? Dass ich schon ganz interessante Projekte auf die Beine gestellt hätte, wenn ich mich besser verkaufen könnte? Dass „Meiner“ und ich eine sehr moderne Rollenteilung leben würden, wenn wir nicht durch ein paar Fehlentscheide in unserer sehr altmodischen Rollenteilung festgefahren wären? Vermutlich liegt es gerade an diesem „hätte, wäre, würde“, dass mich glückliche Vollzeithausfrauen zuweilen so auf die Palme bringen. Denn jede glückliche Vollzeithausfrau führt mir vor Augen, dass sie mit etwas zufrieden sein kann, was mich in tiefste Unzufriedenheit stürzt.

Ach ja, wenn wir schon beim Geständnis sind: Es treibt mich auch auf die Palme, wenn ein Mann sagt, die Küche sei das Reich seiner Frau, das Esszimmer Seines. Habe ich heute auch gehört. Aber  mit solch hoffnungslosen Fällen beschäftige ich mich lieber nicht zu lange, sonst geht meine christliche Nächstenliebe endgültig flöten…

Hört doch endlich auf damit!

So langsam geht mir das Ganze gehörig auf die Nerven. Immer dieses elende „Entweder – Oder“, dieses „Wer macht’s besser?“, dieses „Es gibt nur einen richtigen Weg und ich weiss, welcher das ist“. Es geht um die Frage der Steuererleichterung für Familien, die ihre Kinder fremdbetreuen lassen. Ein wichtiger Entscheid, der aber ganz klar auch ungerecht ist gegenüber Eltern, die auf ein zweites Einkommen verzichten um ihre Kinder zu Hause zu betreuen. Was macht man da? Sucht man nach gerechteren Lösungen? Versetzt man sich in die Haut des anderen, um zu verstehen, warum er dafür oder dagegen ist? Muss man überhaupt dafür oder dagegen sein, oder gibt es auch ein „Ja, aber vergesst die anderen nicht“?

Anstatt sich diesen Fragen zu stellen, tritt man lieber wieder die ewige Diskussion los, ob Mamas (die Rede ist noch immer nicht von den Papas) die besseren Mamas sind, wenn sie zu Hause bleiben oder ob sie „das Recht“ haben, auswärts zu arbeiten. Wieder müssen wir uns SVP-Frauen anhören, die erklären, dass sie selber es sich niiiiiiieeeee vorstellen könnten, ihre Kinder fremdbetreuen zu lassen, dass es aber selbstverständlich Familien gibt, die „das müssen“. Wobei der saure Gesichtsausdruck klar macht, dass „müssen“ nur gilt, wenn es finanziell nicht anders geht und nicht etwa, wenn Mama draufgeht, weil sie ausschliesslich zu Hause ist. Auf der anderen Seite reden dann die Karrierefrauen, die jede Frau als rückständiges Muttchen betrachten, wenn sie ihren beruflichen Erfolg in den Hintergrund stellt wegen der Kinder.

Ach hören wir doch endlich auf damit! Es ist doch klar: Wer sich für Kinder entscheidet, hat ein unendlich reiches Leben, bezahlt aber auch einen hohen finanziellen Preis dafür. Ob wir nun auf ein zweites Einkommen verzichten um die Kinder zu Hause zu betreuen, oder ob wir unser sauer verdientes Geld für die Kinderbetreuung ausgeben, am Ende des Monats stehen wir alle (oder zumindest die durchschnittlich Verdienenden) etwa gleich da: Das Konto ist leer, die Rechnungen türmen sich. Wir haben wieder einmal alles gegeben und wissen doch nie, ob es genug war und ob wir im nächsten Monat endlich einmal genug Geld auf der Seite haben werden um uns dieses wohlverdiente Candle-light Dinner inklusive Babysitter zu leisten.

Hören wir doch auf mit den ewigen Grabenkämpfen und sorgen wir dafür, dass sich die Bedingungen für alle Familien endlich verbessern. Ob die anderen nun die gleichen Entscheide getroffen haben wie wir oder nicht.

Elternhysterie

War das ein Aufmarsch heute Morgen! Eine Meute von Eltern, Grosseltern und anderen Fans, die um eine Gruppe von verschüchterten Erstklässlern schwirrte, als wären sie Celebrities auf irgend einem roten Teppich an irgend einem glamourösen Ort. Kameras blitzten, Eltern rempelten einander an, traten einander auf die Füsse, forderten ihre Sprösslinge auf, in die Kamera zu lächeln, vermasselten einander die Bilder, weil jeder zuvorderst sein wollte.

Mitten im Getümmel ich mit meinen drei Jüngsten, das Prinzchen unter den Arm geklemmt, die Kamera hoch erhoben, so dass ich trotz meiner vertikalen Herausforderung einen guten Schnappschuss von Luises erstem Schultag erhasche. Ob der Hysterie hätte ich beinahe das Heulen vergessen. Aber nur beinahe. Ein paar Tränen konnte ich mir nicht verkneifen, als ich sie dastehen sah, so klein und doch schon so gross. Dann schnell die Tränen trocknen, ein letzter verzweifelter Blick auf Luise, die inzwischen etwas verloren aber glücklich im Schulbank sitzt.

Viel Zeit für Sentimentalitäten bleibt uns Karrieremüttern nicht. Es wartet der nächste herzzerreissende Termin im Kindergarten. Dort komme ich nicht einmal zum Tränenvergiessen. Kaum hat er gesehen, dass er neben der Kindergärtnerin sitzen wird, würdigt mich der FeuerwehrRitterRömerPirat keines Blickes mehr. Zeit, mich zurückzuziehen und einer anderen den Platz als wichtigste Frau im Leben meines Sohnes zu überlassen.

Die Glucke und ich

Nein, als die klassische Glucke würde ich mich nicht bezeichnen. Ich muss nicht jeden Schritt meiner Kinder überwachen, muss auch nicht rund um die Uhr mit ihnen zusammen sein und Händchen halten. Aber vor Tagen wie morgen wird mir jeweils klar, dass da irgendwo, tief in mir drinnen, doch eine Glucke schlummern muss.

Luise kommt in die Schule. Was dazu führt, dass ich schon Wochen vorher davon träume, wie ich flennend auf dem Pausenplatz stehe. Und ganz bestimmt werde ich das morgen auch tun, denn meine einzige Tochter ist endgültig kein Baby mehr. Auch kein Kleinkind. Jetzt will sogar schon fast kein Rosa mehr tragen. Schrecklich, nicht wahr? Da freut man sich jahrelang auf den Tag, an dem Luise lesen und schreiben kann und plötzlich taucht die Glucke auf, die einem leise ins Ohr flüstert, dass es nach dem ersten Schultag noch zwei, vielleicht drei Wochen geht, bis das Kind erwachsen ist und nichts mehr von Mama wissen will.

Aber es kommt noch schlimmer. Morgen geht nämlich der FeuerwehrRitterRömerPirat zum ersten Mal in den Kindergarten. Eben noch habe ich ihm die Windeln gewechselt – und ach, was bin ich froh, dass ich das nicht mehr tun muss! – und schon muss ich schauen, wie ich die Zeit am Morgen ohne ihn totschlagen kann. Bisher hat er nämlich immer dafür gesorgt, dass mir keine Sekunde langweilig war. Weil er sonst das Bad unter Wasser setzte, Kacke in die Ecke schmierte oder schmutzige Windeln aus dem Dachfenster schmiss. Sorry, das war unappetitlich, aber es ist leider die ganze Wahrheit. Der FeuerwehrRitterRömerPirat hat mich aber an seinen freien Vormittagen auch immer wieder aufs Sofa gelockt, wo wir zusammen Bücher erzählt, Lieder gesungen und die Welt verbessert haben. Das alles dürfen jetzt die Kindergärtnerinnen mit ihm tun. Ich fürchte (und hoffe zugleich), dass die etwas schwierigere Seite meines dritten Kindes weiterhin mir überlassen bleibt.

Als wäre das alles nicht genug, um die Glucke in mir aufzuschrecken, kommt Karlsson morgen in die dritte Klasse. Erst gestern noch war ich selber in der dritten Klasse und jetzt ist schon mein Ältester soweit. Noch einmal die läppischen neun Jährchen, die ich jetzt schon Mutter bin und Karlsson ist volljährig. Grössere Füsse als ich hat er jetzt schon und übermorgen wächst er mir über den Kopf.

Was mich an dem Ganzen am meisten befremdet, ist, dass sich die Glucke im Bezug auf die Kleinsten vollkommen still hält. Das Prinzchen versucht, ohne fremde Hilfe zu stehen? Die Glucke schert sich einen Dreck darum. Er will keinen Brei mehr essen? Ist der Glucke doch völlig egal. Der Zoowärter kommt in die Spielgruppe? Beschimpft zum ersten Mal seinen Erzeuger als „domme Papa“? Die Glucke verschliesst die Augen ob der Tatsache, dass auch der Zweitjüngste von Tag zu Tag unabhängiger wird. Sie lässt es klaglos zu, dass Mama über jeden Fortschritt jubelt, dass sie sich über jedes Fetzchen wiedergewonnener Unabhängigkeit freut. Die Glucke wird sich erst dann wieder zu Wort melden, wenn auch die beiden Kleinen nicht mehr wirklich klein sind.

Das wird dann wohl der Tag sein, an dem ich zum ersten Mal erwähnen werde, dass ich ganz gerne ein Enkelkind hätte…

Durchgeknallt?

Wir Eltern sind schon sonderbare Wesen. Was wir den lieben langen Tag so machen, muss für Aussenstehende so ziemlich schräg aussehen. Nie werde ich vergessen, wie wir als Kinder über die Bekannte gelacht haben, die ihrem Baby nach jeder Breimahlzeit mit der Zunge den Mund sauber geleckt hat. Und heute ertappe ich mich selber bei so mancher Eigenart. Mich, oder manchmal auch die anderen, zum Beispiel unseren Nachbarn.

Nein, nicht den ewigen Junggesellen. Der hat ja keine Kinder. Aber unseren Freund, Vater von vier Kinder. Der übrigens weiss, dass ich heute über ihn schreibe, weshalb dieser Text sozusagen autorisiert ist. Sonntags fahren wir immer gemeinsam mit dem Bus zur Kirche, wir mit unseren fünf, die Nachbarn mit ihren vier Kindern. Und mit einer Haarbürste. Die einzige Haarbürste, die im Haushalt unserer Nachbarn noch auffindbar ist, fährt Sonntag für Sonntag mit zur Kirche. Okay, unser Nachbar findet, dass ich masslos übertreibe. Es sei erst dreimal vorgekommen, behauptet er steif und fest. Aber das Bild, wie er frühmorgens an der Bushaltestelle drei seiner Kinder kämmt, zuerst die Jüngste, dann die Buben, hat sich mir derart eingebrannt, dass ich glaube, es gehöre zum Sonntag wie die Anbetungszeit. Als ob wir vier Erwachsenen mit den neun Kindern nicht auch ohne Haarbürste genug auffallen würden!

Das Beste an der Sache ist übrigens, dass ich unseren Nachbarn bestens verstehe. Wann hat man denn schon Zeit, die Kinder zu kämmen? Ich habe ja auch schon die Zahnbürste mit der Zahnpasta drauf mitgeschleppt, wenn wir dringend weg mussten. Oder das Kind erst unterwegs fertig angezogen, weil wir zu spät dran waren. Jeder, der ab und zu mit einer Horde von Kindern unterwegs ist, versteht unseren Nachbarn. Genauso, wie er versteht, warum wir Eltern immer wieder den Breilöffel abschlecken, wenn wir ein Baby füttern (Für Unerfahrene hier der wahre Grund: Weil wir Eltern sonst verhungern würden, weil wir nie Zeit zum Essen finden). Oder warum wir immer so tun, als würden wir die Sandkuchen unserer Kinder tatsächlich essen. Oder warum wir jedes Gekritzel unserer Kinder loben, als sei es das grösste Kunstwerk. Oder warum wir immer auf so unappetitliche Weise an unseren Babies riechen um herauszufinden, ob die Windel voll ist. Oder warum wir plötzlich bei jedem Schimpfwort, das ein Kinderloser unbedacht von sich gibt, zusammenzucken.

Ja, wir Eltern verstehen perfekt, warum andere Eltern so sonderbar sind. Aber was denken wohl die Kinderlosen über uns? Wahrscheinlich halten sie unseren Nachbarn mit der Haarbürste, und uns anderen mit ihm, für vollkommen durchgeknallt. Genauso, wie wir als Kinder die Bekannte, die dem Baby den Mund sauber leckte für vollkommen durchgeknallt hielten. Was ich übrigens auch heute noch genauso sehe…

Wie schaffen wir das bloss?

Immer wieder mal fragt man mich, wie ich es fertig bringe, bei all dem Chaos die Nerven zu behalten. Und immer wieder muss ich antworten, dass ich es sehr oft überhaupt nicht schaffe. Dass ich durchaus auch mal herumschreie, obschon ich mir immer geschworen hatte, dies nie zu tun. Dass ich täglich meine Erziehungsgrundsätze verrate, weil ich in der Hitze des Gefechts nicht mehr nachdenke, sondern einfach versuche, den Schaden zu begrenzen. Dass mir gar schon die Hand ausgerutscht ist, obschon ich finde, dass es nichts Falscheres gibt, als ein Kind zu schlagen. Wie man sieht, schaffe ich es also längst nicht immer, die Mutter zu sein, die ich sein will.

Aber ich weiss schon, was mit der Frage gemeint ist. Als Mutter von vielen Kindern ist man wahrscheinlich wirklich in vielen Momenten ruhiger, reagiert weniger panisch, kann es sich gar nicht leisten, aus jeder Mücke einen Elefanten zu machen – was übrigens nicht nur Vorteile hat. Manchmal übersieht man nämlich auch ein echtes Problem, weil man sich mit so vielen Bagatellen herumschlägt.

Auch mich beschäftigt die Frage, wie ich das schaffe. Ich und all die anderen Mütter und Väter, die sich die Mühe nehmen, sich ihren Kindern zu widmen und sie nicht von der Playstation erziehen lassen. Es spielt dabei keine Rolle, wie viele Kinder jemand hat. Wer sich auf Kinder einlässt, bewältigt immer eine immense Aufgabe und zwar eine ohne Erfolgsgarantie. Ja, wie schaffen wir das? Ich kann nur für mich selber und vielleicht noch ein bisschen für „Meinen“ reden. Ohne unser kleines bisschen Eigenleben, diesen winzigen Winkel, in dem unsere eigenen Projekte, unsere Träume und Ideen spriessen können, schaffen wir es nicht. Ohne den Ort, an den wir uns zurückziehen können, um nur uns selber zu sein und das zu leben, was neben dem Elternsein auch noch in uns steckt, schaffen wir es nicht, die Nerven zu behalten.

Konkret gesagt: Ohne Blog keine entspannte Mama, zumindest bei Vendittis nicht. So einfach ist das.

Oh du fröhliche…

Hab‘ ich’s nicht vorausgesagt, damals im Dezember, als die Kinder der schönen Weihnachtszeit nachtrauerten? Spätestens im Sommer würde es losgehen mit der pränatalen Euphorie, prophezeite ich. Und siehe da. Was tönt heute aus dem Kinderzimmer? „Zimetschtärn hani gärn, Mailänderli au…“. In voller Lautstärke. Andrew Bonds Weihnachtslieder sind zurück, und dies noch bevor die Badesaison richtig angefangen hat. Morgen werden sie dann wohl Adventskalender basteln und übermorgen den Baum schmücken wollen. Und ich werde „Weihnachten auf Bullerbü“ erzählen müssen.

Na ja, immerhin bleiben wir so für ein paar Tage vor dem „Räuber Hotzenplotz“ verschont. Dessen „Potz Pulverdampf und Pfäfferpischtole“ hängt mir nämlich langsam zum Hals heraus. Jetzt verstehe ich, warum unsere Mutter damals Jörg Schneider aus dem Kinderzimmer verbannt hat…. Dann doch noch lieber „Was ding ding dingelet und dong dong dongelet? Chönnt das ächt de Samichlaus sii?“. Wenn’s sein muss auch bei dreissig Grad Hitze.