Wahre Patrioten

Nein, Hurra-Patrioten werden sie wohl beide nicht, der Zoowärter und das Prinzchen. Das Prinzchen schreit schon bei unserem Dreissig-Franken-Feuerwerk – mehr Geld verbrennen wir aus Prinzip nicht- als wüsste er nicht, dass Babies in seinem Alter noch gar keine Angst kennen. Der Zoowärter brüllt bei jeder Rakete, die in der Nachbarschaft gezündet wird: „Ich han Angscht. Du dommi Ragete!“.

Nein, mit solchen Angsthasen wird der Brunner Toni unsere von innen und von aussen bedrohte Schweiz nicht retten können. Um das zu vollbringen, muss er schon eher auf unseren Nachbarn zurückgreifen. Den ewigen Junggesellen, der mit „Meinem“ in einem stillen Hahnenkampf steht. Während bei der letzten Runde „Meiner“ den Sieg davontrug, stand er heute mit abgesägten Hosen da. Der Rivale hatte nicht nur mehr Vulkane als „Meiner“, seine brannten auch länger und die Funken sprühten höher. Und seine Knallfrösche knallten lauter als unsere. Ein echter Patriot delegiert eben den Feuerwerkseinkauf nicht an eine Frau, so wie „Meiner“ dies Jahr für Jahr tut. Ach ja, seine Nichten brüllten auch nicht vor lauter Angst, während unsere beiden Jüngsten…, na ja, das habe ich bereits erzählt.

Ja, Männer wie unseren Nachbarn braucht der Toni. Und nicht solche, wie „Meinen“ mit seinem lahmen Dreissig-Franken-Feuerwerk und seinen verweichlichten Söhnen. Aber von einem eingebürgerten Secondo, der nicht mal bereit war, seine italienische Staatsbürgerschaft abzutreten, ist ja auch nicht mehr zu erwarten (wie wir bereits unter „Warnung vor dem fremden Fötzel“ erörtert haben).

Manieren? Noch nie davon gehört…

„Das wird gemütlich“, denke ich, als Karlsson und Luise verkünden, dass die Kleinen nicht mitkommen wollen zum Babybesuch nach Bern. Unglaublich, wie einfach das Reisen ist, wenn man keinen Kinderwagen schieben muss, keine Windeln, keine Feuchttücher, keinen Brei, keinen Latz, keine Ersatzkleider, keine Bananen für Zwischendurch, keine Schmusetücher, keine Stofftiere, keine „hätte ich das doch auch noch eingepackt!“ mitschleppen muss. Einfach nur Karlsson und Luise, die auf eigenen Beinen zum Bahnhof gehen können. Und da die zwei ja schon so gross und vernünftig sind, kann ich mich auf einen enstpannten Ausflug zu dritt freuen.

Ja, gross sind die beiden wirklich schon. Karlsson wächst mir mit seinen fast neun Jahren beinahe über den Kopf und auch Luise ist endlich ein Stück in die Höhe geschossen. Aber habe ich wirklich auch vernünftig gesagt? Kaum sind wir am Bahnhof angekommen, treffe ich eine entfernte Bekannte. Eine jener Personen, von denen ich zwar das Gesicht erkenne, an deren Namen ich mich aber beim besten Willen nicht erinnern kann. Geschweige denn, ob ich mich schon jemals länger mit dieser Person unterhalten habe, oder ob ich bloss so tun muss, als wüsste ich, wer sie sei. Kaum habe ich die peinliche Situation hinter mir, beginnt links und rechts von mir das weithin hörbare Getuschel: „Wer war das? Wie heisst die? Woher kennst du die?“ Ist ja schon peinlich genug, dass meine Kinder noch immer nicht begriffen haben, dass man nicht über Leute flüstern soll, die noch in Hörweite sind. Aber wenn ich die Fragen jetzt noch wahrheitsgetreu beantworte, hört die Person, dass ich keinen Schimmer habe, wer sie ist, und dann kann ich vor lauter Scham im Boden versinken.

Den Rest des Nachmittags messen sich Karlsson und Luise abwechslungsweise darin, wer mehr Anstandsregeln brechen kann. Beim Babybesuch legt Karlsson ungeniert die schmutzigen Füsse aufs weisse Sofa, schmiert Schokolade aufs Kissen und überhört sämtliche meiner Ermahnungen geflissentlich. Luise ist derweil ganz brav. Dafür legt sie anschliessend bei „Starbucks“ die Füsse auf den Tisch und schreit herum, dass sich alle nach ihr umdrehen. Bei einem Zwischenhalt in Olten geht das Geflüster wieder los. „Mama, hihihi, warum, hahahaha, hat die Frau neben dir einen, hihihihi, Hund in der Tasche?“, flüstert Luise kichernd in mein Ohr und starrt auffällig zu meiner Sitznachbarin. Wenigstens zeigt sie nicht mit dem Finger. Aber Karlsson, der nichts verstanden hat, macht eine Szene, weil er auch wissen will, warum Luise so lacht. Er hört erst auf mit Toben, als ich mich bereit erkläre, ihm die Frage auch ins Ohr zu flüstern. Spätestens jetzt hat meine Sitznachbarin mit dem Hund in der Tasche genug. Dass die Kinder tuscheln, hat sie noch mit einem Lächeln quittiert, aber dass die Mama auch keine Manieren hat, ist einfach zuviel. Ihr giftiger Blick hätte mich beinahe unter den Boden befördert.

Zu Hause angekomen übrelasse ich die beiden „Meinem“ und widme mich völllig entnervt dem Prinzchen und dem Zoowärter. Die bereiten mit ihren vollen Windeln und ihrem noch unausgereiften Verstand zwar einen Haufen Arbeit. Aber wenigstens gehört noch jeder ihrer Fehltritte in die Kategorie „Ach, wie süüüüüüüüss!“ und nicht in die Kategorie „Kann die Mama denen keine Manieren beibringen?“.

Nieder mit dem Schweinehund!

Um sechs Uhr dreissig liegt er endlich röchelnd auf der Matte. Eine geschlagene halbe Stunde habe ich mit ihm kämpfen müssen, bis er endlich eingesehen hat, dass es ein Verbrechen ist, bei diesem Wetter im Bett zu liegen und die frühen Morgenstunden zu verschlafen. Als ich das Bett verlasse, würdige ich ihn keines Blickes mehr. Denn wenn ich ihn anschauen würde, das kleine Häufchen Elend, das eben noch so stark gewesen war, würde ich vielleicht vom Mitleid gepackt. Und schon hätte er mich wieder im Griff, der Innere Schweinehund.

Aber ich schaffe es. Zehn Minuten später bin ich im Wald, geniesse die Stille des Morgens, die Einsamkeit, den Anbruch eines neuen Tages, der jetzt noch nichts erahnen lässt von all den Turbulenzen, die das Leben mit fünf Kindern so mit sich bringt. Nie bin ich mir selber näher, als draussen, in der kühlen Luft des Waldes, wo nur das Zwitschern der Vögel meine Gedanken unterbricht. Nie sehe ich klarer, als wenn sich das Sonnenlicht einen Weg durch die Bäume bahnt. Nie fühle ich mich Gott näher, als mitten in der verschwenderischen Üppigkeit, die schon aus einem durchschnittlichen Stück Mischwald eine Kathedrale macht.

Ausgerechnet hier ertönt dieses Geräusch. Anfangs hoffe ich noch, es könnte ein Specht sein. Doch schon bald wird klar, dass kein Specht der Welt, und wäre er noch so durchgedreht, ein solches Geräusch von sich geben würde. Dieses metallische Klopfen, dieses kalte, kratzende Geräusch, das mich verfolgt und sämtliche meiner ach so tiefgründigen Gedanken, die hinter mir noch auf dem Waldweg liegen müssen, niedermetzelt, sie zerstückelt und zerfetzt zurücklässt. Endlich sehe ich, wer meine Stille stört: Eine Stockente. Nein, keines jener kleinen, liebenswerten Tierchen, die friedlich den Weg entlang watschlen. Eine Grosse, Zweibeinige, mit Trainingsanzug und Walking-Stöcken perfekt ausgerüstet.

In ihren Augen muss ich genauso fehl am Platz sein wie sie in meinen. Was soll das? Eine Mittdreissigerin, die frühmorgens im Wald unterwegs ist und dies ganz ohne Stöcke? Dabei wäre sie doch im besten Alter und schaden würde es ihr bestimmt nicht! So etwa wird die Stockente von mir denken, denke ich. Und weil ich so denke, fühle ich mich schon bald einmal verfolgt. Das Geräsuch wird immer schneller in meinen Ohren, also werde ich auch schneller, renne schon fast. Was will die von mir? Will sie mich etwa zum Stockententum bekehren?

Endlich lässt sie von mir ab, schlägt einen anderen Weg ein. Doch das metallische Klopfen ist noch lange zu hören. So lange, dass ich schliesslich einen Weg einschlage, den ich noch nie zuvor gegangen bin. Und plötzlich habe ich keine Ahnung mehr, wo ich bin. Also umkehren, zurückgehen. Dabei müsste ich schon längst zu Hause sein. Damit ich wenigstens noch ein paar meiner von der Stockente massakrierten Gedanken aufs Papier retten kann. Und zwar, bevor die Kinder wach sind und noch den letzten Rest davon niedertrampeln. Doch es nützt alles nichts. Zu Hause sind alle schon wach, der Tag und das Chaos bereits im vollen Gang.

Eines ist klar: Morgen muss der Schweinehund früher besiegt werden. Wenn dann noch der Schweinehund der Stockente seinen Sieg davon trägt, dürfte einem perfekten Start in den Tag nichts mehr im Wege stehen. Ich fürchte bloss, dass die Stockente mehr Erfahrung im Besiegen von Schweinehunden hat. Vielleicht bleibe ich morgen doch lieber liegen…

Das Ende meiner Tussischuhe

Früher oder später musste es ja kommen, dass meine Tussischuhe das Zeitliche segnen. Dass dies aber bereits vor Ende des Sommers sein würde, hätte ich nicht erwartet. Schuld daran ist wiedermal mein Temperament. Oder vielleicht auch mein nicht aufgeladenes Natel. Oder meine Mutter, die, als sie mit Karlsson und dem Zoowärter vom Ausflug zurückkehrte, den falschen Zug erwischte und deshalb nirgends zu finden war, weder am Bahnhof Aarau noch am Bahnhof Schönenwerd. Oder die SBB, die ausgerechnet in diesem Sommer den Bahnhof Aarau umbauen müssen. Oder das viele Koffein, das ich intus hatte, weil ich entgegen aller Vernunft zuviel Cola light getrunken hatte.

Was immer auch der endgültige Auslöser war, irgendwann, als ich innerlich kochte vor Wut, flogen meine Tussischuhe. Und sie flogen weiter als ich geplant hatte, nämlich in Nachbars Garten. Luise anerbot sich als Erste, in den Garten zu schleichen um die Schuhe zu retten. Doch leider war das Tor verschlossen. Nach langem Flehen meinerseits und einem Versprechen, dass er auch ganz bestimmt eine Belohnung dafür bekommen würde und dass ich nie wieder solche Dummheiten anstellen würde, erklärte sich „Meiner“ bereit, über den Zaun zu klettern, was er unter viel Gejammer und Gestöhne auch sogleich tat. Sekunden später war mein linker Tussischuh wieder auf der richtigen Seite des Zauns. Doch der Rechte blieb im Gestrüpp verschollen. Mochten wir auch noch so lange suchen, das Ding tauchte nicht wieder auf. Und weil man mit einem einzelnen Tussischuh noch wackliger auf den Beinen ist als auf zwei, bin ich ab sofort wieder auf flachen Sohlen unterwegs. Oder, besser noch, barfuss.

Vielleicht taucht der rechte Schuh im Winter ja wieder auf. Doch wer will denn schon auf Keilabsätzen über Glatteis schlittern?

Familienausflug

Die Ferien im Hotel sind längst vorbei, der Umzug ist bis auf ein paar Kleinigkeiten geschafft, die Kinder beginnen sich zu langweilen und geben einander wegen jeder Bagatelle aufs Dach. „Mama, Karlsson hat mich geschlagen!“, heult Luise. Warum er das getan habe, fragen „Meiner“ und ich im Chor. „Sie ist selber schuld. Sie hat mich so blöd angeschaut und da musste ich sie einfach hauen.“ So tönt es, mit unterschiedlicher Rollenverteilung, von früh bis spät. Manchmal muss gar das Prinzchen als Bösewicht herhalten, obschon er vom Streiten noch keinen blassen Schimmer hat.

Die Streitereien hören erst auf, wenn wir Ausflüge machen, was zur Folge hat, dass die Streitereien zwischen „Meinem“ und mir anfangen. Er will in die Natur, ich ins Museum. Die Natur ist mir zu unbequem, das Museum ihm zu historisch. So diskutieren wir hin und her und irgendwann gibt das Wetter den Ausschlag. Wenn die Sonne scheint, geht man einfach nicht ins Museum, ist doch klar.

Und so stehe ich dann am Aareufer und versuche, meine schlechte Laune zu verbergen, um dem Rest der Familie die Freude nicht zu verderben. Ist ja wirklich wunderbar, wie die vier Grossen fröhlich im Wasser planschen, das Prinzchen vergnügt mit einem Weidenzweig spielt und „Meiner“ sich beim Betrachten der Landschaft sichtlich entspannt. Aber was mache ich derweil? Sobald ich meinen Anteil der Sandwiches vertilgt habe, weiss ich nichts mehr mit mir anzufangen. Das Wasser ist mir zu schmutzig zum Planschen, die Steine sind mir zu hart zum Sitzen, die Sonne brennt mir zu heiss und obendrein plagt mich das schlechte Gewissen.

Das schlechte Gewissen? Aber klar doch. Darf man denn heutzutage noch offen zugeben, dass man ein bekennender Stubenhocker ist? Wo doch alle Welt nach mehr frischer Luft, mehr Bewegung, mehr Sinneserfahrungen schreit. Nicht dass ich die Natur nicht lieben würde. Nicht dass ich mich nicht freuen könnte an einer verträumten Flusslandschaft, einem Schwarm zarter Libellen, einem frischen Wind, der durch die Blätter streicht. Noch mehr aber freue ich mich über einen gelungenen Satz, den irgend ein kluger Mensch so treffend formuliert hat, dass er mich zu stundenlangem Nachdenken bewegt. Oder an einer tiefschürfenden Ausstellung, die mich derart packt, dass ich mich noch Monate später mit Vergnügen daran erinnere.

Und so frage ich mich: Bin ich ein schlechterer Mensch, bloss weil ich ein gutes Buch einem verglühenden Lagerfeuer vorziehe? Weil ich meinen Drang nach Outdoor-Abenteuern mit jener Jungscharübung vor dreiundzwanzig Jahren, als ich bäuchlings im Schlamm liegen musste, für immer gestillt habe? Weil ich die Natur vor allem dann geniesse, wenn ich alleine durch den Wald streifen und ungestört nachdenken kann? Weil ich nicht den geringsten Drang verspüre, jemals in meinem Leben Campingferien zu machen, obschon das doch zu einer guten Kindheit gehören soll wie die gemeinsamen Mahlzeiten, die packenden Gutenachtgeschichten und die liebevolle Zuwendung?

Solche Gedanken gehen mir durch den Kopf, währenddem ich dabei zusehe, wie die Kinder immer dreckiger und „Meiner“ immer zufriedener werden. Nach endlosen zwei Stunden sind alle dreckig und zufrieden genug und wir können aufbrechen, zurück in die gute Stube. Eigentlich könnte ich das Ganze jetzt wieder vegessen. Wenn sich nur meine Familie nicht darin einig wäre, dass wir diesen Ausflug in den nächsten Tagen unbedingt noch mindestens zweimal wiederholen sollten…

Wen wundert’s?

Wo ich gerade so schön in Fahrt bin mit Wettern, kann ich doch gleich noch ein wenig weitermachen. Immer mehr Eltern seien mit der Erziehung ihrer Kinder überfordert und würden sie deshalb vernachlässigen, lese ich in der heutigen Ausgabe des „Sonntag“. Deshalb komme es immer öfter zu Obhutsentzügen. „Wie können diese Eltern nur?“, fragt sich die Bevölkerung empört und reibt sich erstaunt die Augen. Sind denn nicht alle Eltern so glückllich wie die Federers, Jolie-Pitts und wie sie alle heissen mögen?

Nein, sind sie nicht. Und ich kann mir auch langsam erklären, weshalb nicht. Bevor ich aber zu meinem Rundumschlag aushole, will ich eines klarstellen: Ich will mit keinem Wort die Vernachlässigung schönreden. Ich habe in meiner Zeit als Mutter ziemlich tiefe Tiefpunkte erlebt, doch auch die fieseste Depression gab mir nicht das Recht vollkommen aufzugeben. Einer Pflicht konnte ich mich nie entziehen. Nämlich der Pflicht, so laut um Hilfe zu brüllen dass die Wände wackelten und der Boden zitterte und zwar bevor die Kinder wegen meiner Überforderung vor die Hunde gingen.

Jetzt, wo ich dies klargestellt habe, komme ich zurück zum eigentlichen Thema. Ist es denn wirklich verwunderlich, dass gewisse Eltern überfordert sind? Seien wir doch ehrlich: Worüber macht sich eine junge Frau, die bis jetzt nicht viel mehr als ihr Aussehen und ihren Spass im Sinn hatte, am meisten Gedanken, bevor sie Mutter wird? Über die richtige Ernährung des Babies? Über die Kindersicherheit der Wohnung? Über die Frage, wie sie die Fassung bewahren wird, wenn sie wochen- und monatelang keinen Schlaf mehr bekommt? Nein, sie fragt sich, wie sie ihre Figur vor den unübersehbaren und vollkommen natürlichen Folgen einer Schwangerschaft bewahren kann.

„Alles soll spurlos am Körper vorbeigehen“, sagt die Spezialistin für Essverhaltensstörungen, Bettina Isenschmid, in der neusten Ausgabe des „Beobachters“. Sie erlebe in ihrem Berufsalltag immer wieder junge Frauen, die aus diesem Grund Angst vor einer Schwangerschaft hätten. Während früher die Frauen eine ganze Kindheit lang auf ihre zukünftige Rolle als Mutter vorbereitet wurden (was zugegeben auch nicht das einzig Wahre war), holen sie sich heute ihr ganzes Wissen über die Babypflege aus dem Werbeblock. Wie eine richtige Mama auszusehen hat, zeigt ihnen Heidi Klum bei „Germany’s next Topmodel“. Und dass Mamas immer glücklich, Papas immer gut verdienend und Babies immer süss sind, gehört zum Allgemeinwissen. Dass es Geldsorgen, Ehekräche, Koliken, Trotzanfälle, Übermüdung und Einsamkeit geben wird, sagt ihnen niemand. Und wenn doch einer versuchen sollte, es ihnen zu sagen, glauben sie es nicht.

Wenn Teenager mein Prinzchen sehen, schmachten sie nicht „Ach, wie süüüüüüss!“, sie rufen „Mein Gott, ist der dick!“ Im Ernst. Ist das Prinzchen besonders dick? Mitnichten. Er liegt genau im Schweizerischen Durchschnitt. Aber die Teenager haben gelernt, dass Dünnsein alles ist und deshalb wissen sie auch nicht mehr, dass ein Baby Babyspeck braucht, um überleben zu können. Wenn ich ihnen sage, dass dieser Speck nötig ist, weil sonst schon eine banale Magen-Darm-Grippe gefährlich werden könnte, starren sie mich ungläubig an. Und in ihren Augen lese ich nicht den festen Entschluss, ihr zukünftiges Kind mit allen Mitteln vor Gefahren zu bewahren. Nein, ich lese den festen Entschluss, dass sie dereinst mit allen Mitteln verhindern werden, dass ihr Baby einmal „so dick“ sein wird wie das Prinzchen. Und dass sie sich selber bestimmt nie so gehen lassen werden, wie ich dies tue.

Wundert sich noch jemand, dass junge Frauen, die mit solchen Vorstellungen im Hinterkopf Mütter werden, mit der Realität überfordert sind? Ich nicht.

Wer ist hier ein Sklaventreiber?!

Kaum türmt sich bei uns die Arbeit, mutiert „Meiner“ zum Sklaventreiber. Gewöhnlich ist er ja ein grundlieber linker Lehrer wie er im Buche steht. Aber im Ausnahmezustand benimmt er sich wie ein Erzliberaler. Ob es unser Ernst sei, dass wir nach dem Mittagessen noch eine Pause einlegen wollten, fragt er empört. Als ich ihn darauf hinweise, dass wir das vor dem Essen so beschlossen hätten, stänkert er: „Die Kinder haben Glace gehabt, du einen Kaffee. Das ist ja wohl Pause genug.“ Ist das wirklich noch der Mann, den ich vor elf Jahren geheiratet habe?

Nun ja, vielleicht haben wir uns wirklich etwas viel vorgenommen für die nächsten Tage. Sämtliche Zimmer räumen, Möbel von einem Zimmer ins andere, von einer Wohnung in die andere verschieben, alles ausmisten, was nicht mehr gebraucht wird, alles gründlich putzen. Dass so ganz nebenbei noch Wäsche gewaschen, eingekauft und fürs Essen (bei diesem Sauwetter vorzugsweise warm) gesorgt werden sollte, versteht sich von selbst. Dann wären da noch fünf Kinder zu betreuen, die sich zwar schon alle wie verrückt auf ihre neuen Zimmer freuen, die aber nicht begreifen wollen, weshalb man zuerst Mamas Bücher, Papas Unterwäsche und des Prinzchens Spielsachen aus dem Weg räumen muss. Und weshalb sie bei dieser sinnlosen Übung auch noch helfen sollten, ist ihnen ein Rätsel. Aber sie können ja auch nicht den ganzen Tag vor der Glotze sitzen, damit wir ungestört malochen können.

Wenn ich all dies bedenke, kann ich eigentlich ganz gut verstehen, weshalb „Meiner“ sich als Sklaventreiber gebärdet. Auch wenn ich dies ihm gegenüber nie und nimmer zugeben würde. Sonst würde er mir noch entgegenhalten, ich sei keinen Deut besser. Wer hat ihn denn heute Abend angeschnauzt, als er mit dem Prinzchen auf dem Bett geschäkert hat? Wo es doch eigentlich Zeit gewesen wäre, die Küche aufzuräumen, die Wäsche zu falten, die Kinder ins Bett zu bringen, den Computer neu zu installieren und Mamas Bücher alphabetisch zu ordnen…

Die perfekte Party

Dass es Eltern gibt, die für ihre Sprösslinge die perfekte Geburtstagsfete auf die Beine stellen, indem sie für 2000 Franken einen Party-Planner engagieren, ist mir eigentlich nichts Neues. Wenn man mir dies aber am Vorabend des fünften Geburtstags des FeuerwehrRitterRömerPiraten im „Zehn vor Zehn“ unter die Nase reibt, dann ärgere ich mich grün und blau über die armen Irren, die meinen mit Geld kaschieren zu können, dass sie einfach zu faul sind dazu, um Mitternacht noch Eisbärchen aus Marzipan zu formen oder nach der Fete die Sahnetorte von den Wänden zu kratzen. Wenn ich mich mitten in der hitzigsten Endphase der Post-it-Tage mit einer Horde von Fünfjährigen herumgeschlagen habe, um vorfeiern zu können, weil nachher alle in den Ferien sind. Wenn ich halb Österreich nach der perfekten Tortendekoration abesucht habe. Wenn ich auf der Heimfahrt von den Ferien einen Abstecher zu „Toys r us“ in Kauf nehme (Als ob „Toys r us“ nicht schon ohne Heimfahrtsstress schlimm genug wäre!). Wenn ich nach der Heimkehr alle Wäscheberge und Umzugskartons links liegen lasse, um doch noch das perfekte Geschenk aufzutreiben. Und wenn ich mich mitten in den Sommerferien trotz sich ankündigender Erkältung bereits um halb acht aus dem Bett zwinge, damit alles bereit ist, wenn der FeuerwehrRitterRömerPirat erwacht.

Bedenke ich all das, könnte ich sie alle auf den Mond schicken, die Party-Planner mitsamt den faulen Eltern und ihrer verwöhnten Brut. Man könnte jetzt fragen, wozu ich mir all den Stress mache und warum „Meiner“ mir dabei nicht hilft. Die zweite Frage ist leicht zu Beantworten: Als Einzelkind hat „Meiner“ keine Ahnung, wie man es anstellt, einem Grossfamilienkind einen ganzen Tag lang das Gefühl zu vermitteln, dass es trotz der vielen Geschwister etwas ganz Besonderes ist. Ich hingegen habe als Jüngstes von sieben Kinder zahlreiche schöne Geburtstags-Überraschungen und auch ein paar herbe Geburtstags-Enttäuschungen in lebhafter Erinnerung. Somit kann ich aus dem Vollen schöpfen, wenn es ums Feiern geht. Ausserdem will ich „Meinen“ nicht zu sehr auslaugen mit den Vorbereitungen. Ich brauche ihn nämlich jeweils, wenn es darum geht, die aufgedrehten Gäste unter Kontrolle zu behalten, einzuschreiten, wenn ein Eifersüchtiger versucht, das Geburtstagskind zu erschlagen oder für Ordnung zu sorgen, wenn beim Basteln alle den gleichen Pinsel haben wollen.

Ja, aber warum all der Stress? Warum nicht einfach ein kleiner Kuchen, ein paar Kerzen und zwei oder drei Geschenke?Auch das ist eigentlich ganz einfach: Weil mir keiner 2000 Franken bezahlt für das Organisieren der Party. Also muss ich mir einen anderen Lohn erarbeiten: Strahlende Kinderaugen. Und diesen Lohn bekomme ich nicht, wenn irgend ein fremder Party-Planner in irgend einer Konditorei sündhaft teure Marzipan-Ferraris bestellt, die Kinder ein wenig anmalt und sie durch einen Bobby-Car-Parcours hetzt. Den bekomme ich erst, wenn ich auf dem Zahnfleisch gehe, weil ich mich nach Kräften darum bemüht habe, jeden erdenklichen Geburtstagswunsch zu erfüllen, den ich meinen Knöpfen im Laufe des Jahres von den Augen abgelesen habe.

Verbrüderung

Wir wissen nicht so genau, weshalb wir uns mit dem Personal verbrüdern, sobald wir an einem Ort sind, wo man sich bedienen lassen kann. Vielleicht ist es der Sozialist in uns, der es uns verbietet, Dienstleistungen von Ausgebeuteten ohne Gegenleistung anzunehmen.

Ich werde zum Beispiel nie jenen Hochzeitstag vergessen, an dem „Meiner“ und ich Lust auf indisches Essen hatten. Leider waren wir die einzigen Gäste im Restaurant und so kam es, dass wir uns schon bald angeregt mit der gelangweilten Kellnerin unterhielten. Es war ja wirklich interessant, mehr zu erfahren über die Beziehungen zwischen Indien und Pakistan, über die Unterschiede zwischen Muslimen aus dem Balkan und Muslimen aus Asie, über die miesen Arbeitsbedingungen im Gastgewerbe, den Stress, zwei Restaurants gleichzeitig zu führen und die Angst, dass das Kind dabei zu kurz kommt. Das Gespräch erweiterte wirklich unseren Horizont, doch leider hätten „Meiner“ und ich damals eher Scheuklappen gebraucht, um wiedermal Augen nur für uns beide zu haben. Doch es sollte nicht sein. Irgendwann fand die Kellnerin heraus, dass ich drei Kinder hatte. Entsetzt zeigte sie auf „Meinen“ und fragte: „Drei Kinder? Von dem hier?“. Muss ich erwähnen, dass das Restaurant an diesem Abend seine letzten Gäste verloren hat? Inzwischen isst man dort nicht mehr.

Ja, so sind „Meiner“ und ich. Wir ziehen die Sorgen und Nöte des Personals magisch an. So war es auch dieses Jahr im Hotel. Schon bald wussten wir, dass es ungemein anstrengend ist, wenn man alleine für die Frühstücksschicht zuständig ist und 80 unzufriedene Touristen zu bedienen hat. Wir hörten Klagen über müde Knochen und Grippen, die man in der Hochsaison nicht auskurieren kann und manch einer liess zwischen den Zeilen auch mal eine Kritik an einem mühsamen Arbeitskollegen hören.

Soweit war alles wie immer. „Meiner“ und ich hörten zu, zeigten Verständnis und lobten die gute Arbeit nach Kräften. Dass man uns aber verzweifelte und verschwörerische Blicke zuwarf, wenn die Oberkellnerin, dieser Drachen, einen jungen Mitarbeiter zur Schnecke machte, war neu. Und als die Kinderbetreuung uns bat, doch bitte den Chef durch die Blume wissen zu lassen, dass die Oberkellnerin nicht zum Aushalten sei, begannen wir uns zu fragen, ob wir hier Gäste oder Mediatoren waren.

Wenn das so weiter geht, werden wir keine Ferien mehr buchen. Wir werden vielmehr unser Bewerbungsdossier bei diversen Hotels einreichen. Wir demolieren (Siehe „Das also ist der Haken“), spielen den Briefkastenonkel, beraten und coachen. Wer uns das beste All-Inclusive-Angebot für zwei Wochen bietet, darf unsere Dienstleistungen ganz ohne weitere Gegenleistungen zwei Wochen lang in Anspruch nehmen.

Nicht schon wieder!

Wenn ich den Kerl erwische, der die Magen-Darm-Grippe in dieses Hotel eingeschleppt hat, muss er sich warm anziehen. Nicht mal zehn Tage im Jahr kann man das Leben geniessen, ohne an Viren, Bakterien und dergleichen denken zu müssen. Und das in einem Land, in dem man anscheinend noch nie etwas von Itinerol-Tabletten gehört hat. Dies zumindest behauptet die Apothekerin, die mich mit Kaugummis gegen Reiseübelkeit und einem Reisschleim für das Prinzchen in den Kampf gegen die Magen-Darm-Seuche ziehen lässt. Dass sie mir „Schönen Urlaub noch!“ hintendrein ruf, grenzt an Zynismus.

So kämpfen wir mit einer Familienpackung Cola, Weissbrot und Kaugummis gegen Übelkeit und Durchfall und probieren den Humor nicht zu verlieren. Immerhin sind noch alle Blinddärme ganz…