Mutterliebe

Wie lässt sich Mutterliebe messen? Gar nicht so einfach, auf diese Frage eine Antwort zu finden. Während die einen finden, die Anzahl Stunden, die man täglich mit dem Kind verbringe, sei der Massstab für Mutterliebe, finden andere, es hänge davon ab, wieviel Geld man für das Kind liegen lasse.

Es könnte aber auch sein, dass Mutterliebe sich darin ausdrückt, dass man noch Jahre nach der Geburt das exakte Geburtsgewicht jedes Kindes im Schlaf herunterbeten kann. Dies zumindest suggeriert eine Frau, die sich nicht vorstellen kann, dass man fünf Kinder gleich gern hat wie eines oder zwei. Es ist ja schon paradox: Da nimmst du es auf dich, mehr als zweimal schwanger zu sein und zu gebären, stellst persönliche Interessen jahrelang in den Hintergrund und gewisse Leute sehen darin den Beweis, dass du ein Kinderfeind bist. Hä?

Gespräche mit Leuten, die so über kinderreiche Familien denken, verlaufen immer gleich. Zuerst verteidigen sie sich dafür, dass sie „nur“ zwei Kinder haben, obschon ich mit keinem Wort gesagt habe, dass alle Menschen fünf Kinder zeugen müssten. Dann beginnen sie, dir Fangfragen zu stellen, um zu testen, ob du als mehrfache Mutter noch Anteil nehmen kannst am Leben deiner Kinder, oder ob die armen Kinder völlig untergehen im Chaos. Die Frage, ob ich das Geburtsgewicht meiner Kinder noch wisse, war genau so eine Fangfrage. Zu dumm für die Fragerin, dass ich die Frage mit Ja beantworten kann. Jetzt hat sie nicht einmal einen Beweis dafür, dass meine Kinder für mich bloss noch anonyme Wesen sind. Und dabei hatte sie doch so gehofft, die Bestätigung zu erhalten, dass die klassische vierköpfinge Familie der einzig wahre Hort der Mutterliebe sei.

Für alle, die noch immer an meiner Liebe zu  meinen Kindern zweifeln: Ich weiss nicht bloss ihr Geburtsgewicht, sondern auch, wie lange sie waren und um welche Zeit sie geboren worden sind.  Karlsson, 3830 g, 51 cm, 23:57 Uhr, Luise, 3560 g, 49 cm, 21:51 Uhr, FeuerwehrRitterRömerPirat, 3210 g, 48 cm, 23:58 Uhr, Zoowärter, 3630 g, 52 cm, 01:37 Uhr, Prinzchen, 4360 g, 53 cm, 06:53 Uhr und nein, ich habe nicht nachgeschaut. Die Geburtsurkunden meiner Kinder schleppe ich nicht mit, wenn ich in die Ferien fahre. Da staunt ihr, wie lieb ich meine Kinder habe… 🙂

Verwöhnt

Angefangen hat damit schon Karlsson. Kaum war das Kind einen Monat alt, schlief es zwölf Stunden am Stück, nach sechs Monaten ass es alles, was wir ihm vorsetzten und war fast rund um die Uhr zufrieden. Luise war dann zwar zeitweise etwas anstrengender, doch im Grossen und Ganzen bemühten sich alle unsere fünf Kinder nach Kräften darum, ihre Eltern zu verwöhnen.

Ja und jetzt, wo sie vollkommen verweichlichte Eltern haben, müssen sie ausbaden, was sie angerichtet haben. Das Prinzchen, für gewöhnlich das friedlichste Kind auf Erden, wird schon gar nicht mehr fertig mit uns, so verzogen sind wir. Zur Zeit hält er nämlich Ramadan. Wir haben ihm schon zig Mal gesagt, dass wir Christen sind und dass auch die Muslime momentan nicht am Fasten sind. Das hindert ihn aber nicht daran, tagsüber fast sämtliche Nahrung abzulehnen und nachts zu schlemmen.

Uns verwöhnte Eltern werfen schon zweimal Aufstehen um ihm das Fläschchen zu geben aus der Bahn. Doch jetzt, wo das Kind auch noch am Zahnen ist, wissen wir uns schon gar nicht mehr zu helfen. Dass der Junge Zahnschmerzen, eine volle Windel und einen wunden Po haben könnte, kommt uns erst in den Sinn, nachdem wir ihn an den Rand eines Nervenzusammenbruch gehätschelt haben. Wir streicheln, küssen, knuddeln und trösten und merken nicht, dass das arme Kind eine frische Windel, ein Zäpfchen und ein bisschen Salbe haben will. Das, was durch kurze Nächte gestählte Eltern als Erstes abchecken, fällt uns verweichlichten Memmen erst ein, nachdem wir völlig entnervt und ratlos auf das brüllende Kind starren.

Ja ja, so kommt es eben, wenn man den Eltern nicht  täglich mit aller Konsequenz die Grenzen ihrer Bequemlichkeit aufzeigt.

Der Herr von Tisch fünf hat was durcheinander gebracht

Wie hiess sie nochmal, die alte Säuferwahreit? „Bier auf Wein, das lasse sein, Wein auf Bier…“ und den Rest weiss ich nicht mehr. Spielt für mich ja auch keine Rolle. Mir genügen ein paar Schlucke Holunderblütensekt zum elften Hochzeitstag und schon lache ich Tränen, bloss weil ich glaube, die Mutter am Nebentisch habe ihren Sohn „Pavian“ anstatt „Fabian“ gerufen. Oder weil die Chefin den Lehrling zum hundertsten Mal ermahnt: „Die Dame am Disch drai is´wegedorisch.“ Da lasse ich lieber die Finger von Bier und Wein, egal, in welcher Reihenfolge.

Nun, der Herr am Tisch fünf hätte sich vielleicht die alte Säuferwahrheit zu Herzen nehmen sollen. Bestellt hat er beides, Bier und Wein. In welcher Reihenfolge er das getrunken hat, weiss ich nicht, aber es war bestimmt falsch herum. Das merkt man schon bald. Zuerst weist er lauthals seine Söhne zurecht, dann demütigt er seine Frau so dass es alle hören: „Du bist die Einzige im ganzen Speisesaal, die sich nicht umgezogen hat. Das gehört sich nicht.“ Nun, erstens stimmt das nicht, ich trage auch noch das Gleiche wie am Morgen. Und zweitens hätte es keiner gemerkt, da ohnehin alle mit ihren Sprösslingen beschäftigt sind und jede Mama froh ist, dass die am Nebentisch noch übrenächtigter aussieht als sie selber. Doch das ist erst der Anfang. Bald schon brüllt er laut: „En Guete mitenand im schöne Schwizerland!“ und das etwa dreimal hintereinander. Hat der Kerl noch nicht gemerkt, dass wir hier in Österreich sind? Zumindest fügt er nicht noch an „de Tisch isch abenand“ sonst hätte ich ihm die Klappe zubinden müssen. Dafür beginnt er jetzt lauthals „Knowing you and knowing me“ von Abba zu singen und das um sieben Uhr abends, bevor seine Frau – ich nehme nicht an, dass er dabei behilflich ist – die Kinder zu Bett gebracht hat.

Wenn der Kerl doch bloss Russisch sprechen würde. Oder Mandarin. Dann würde ich sein  Geschwätz wenigstens nicht verstehen.

Uffffff!

So, die Koffer sind schon fast gepackt, die letzen Post-its abgeräumt (natürlich erst nachdem alles erledigt ist), die Akkus aufgeladen, die Kleider gewaschen, der Abfall entsorgt und und und. Jetzt muss nur noch der Laptop abgeräumt werden, denn der kommt natürlich mit. Ob ich in Österreich dann aber auch wirklich bloggen kann, hängt davon ab, ob der im Reiseprospekt versprochene gratis-Internetzugang auch tatsächlich existiert.

Meist wird ja viel versprochen. Doch wenn man ankommt, entpuppt sich der versprochene Internetzugang als klapprige alte Kiste in der Lobby, die sich im Dauerstreik befindet. Sollte sie zufälligrweise mal für ein paar Stunden funktionieren, wird sie sofort von irgendwelchen Workaholics in Beschlag genommen, die ihre Arbeit verrichten, vor der sie eigentlich hatten flüchten wollen. Am Tag vor der Abreise findet man dann per Zufall heraus, dass da noch so ein klitzekleiner Anschluss im Zimmer versteckt gewesen wäre. Aber dann ist es ja schon zu spät.

Also dann, mal sehen. Wenn der Reiseprospekt sein Versprechen hält, wird weiter gebloggt. Ansonsten haben meine Leser zehn Tage Ruhe vor mir und meiner Bande.

Die barfüssige Irre ist wieder da

Heute in der Früh wurde sie wiedermal gesichtet, die barfüssige Irre. Es ist schon eine ganze Weile her, seit man sie zum letzten Mal gesehen hatte, wie sie mit einem Kind im Schlepptau durchs Dorf hastete, ungekämmt, ungeduscht und mit ungeputzten Zähnen, mit irrem Blick und laut zeternd: „Jetzt mach schon mal! Ich kann die Kleinen nicht so lange alleine lassen. Du wärst doch jetzt wirklich gross genug….“ Den Rest versteht man nicht mehr, denn sie ist schon längst um die nächste Hausecke verschwunden.

Heute war sie zumindest geistesgegenwärtig genug gewesen, um sich noch schnell in die Kleider zu stürzen, bevor sie aus dem Haus ging. Auch schon wurde sie im Pyjama gesichtet. Aber eben, das ist ein paar Jahre her. Um genau zu sein vier. Es war in den ersten fünf Kindergartenwochen eines gewissen Karlsson vom Dach. Der kleine Karlsson hatte etwas Mühe damit, morgens sein Elternhaus zu verlassen und deshalb brauchte er etwas Hilfe von seiner Mama. Manchmal hatte seine Mama den Tag im Griff und dann trat sie, frisch geduscht, sauber gekleidet und gut gelaunt vor die Haustür. Im Schlepptau eine blitzsaubere Luise, im Kinderwagen einen friedlich schlafenden FeuerwehrRitterRömerPiraten, an der Hand einen traurigen, aber sauberen Karlsson.

An vielen Tagen aber hatte Karlssons Mama die Sache nicht so im Griff. Und dann schickte sie jeweils eine barfüssige Irre, die ihren Erstgeborenen begleiten sollte. Keiner weiss, weshalb eine normalerweise durchaus vernünftige Mama ihr kostbares Kind dieser Irren jeweils anvertraute. Doch während mehrerer Wochen begleitete diese unmögliche Frau den armen kleinen Karlsson fast täglich bis zur Kindergartentür und schwatzte auf ihn ein. Mit der Zeit wurde die sie zum Glück  immer seltener gesichtet, dann verschwand sie ganz. Karlsson ging jetzt selbstbewusst alleine zum Kindergarten und später in die Schule. Man hätte schon fast glauben können, die Irre sei weggezogen.

Doch heute, kurz vor acht hatte sie wiedermal einen Auftritt. Karlssons letzter Schultag in der zweiten Klasse war eine wichtige Angelegenheit. Und wie so oft bei wichtigen Angelegenheiten, verhielt sich Karlsson etwas unkooperativ.  Zwar wollte er auf jeden Fall Nutella, Honig, Halva-Brotaufstrich, Fruchtspiesschen für die ganze Klasse und zwei Bibliotheksbücher mitschleppen. Aber wie die ganze Ladung ins Schulhaus kommen sollte, hatten weder er noch sein Papa, der ihm alles eingepackt hatte, sich im Detail überlegt. Und ohne all die Dinge ging Karlsson nicht. Wenn er schon mal in der Schule frühstücken darf, muss das mit Stil und allem Drum und Dran vonstatten gehen. Zum Schluss, nachdem sie sich den Mund fusselig geredet hatte, blieb der Mama nichts anderes mehr übrig, als wieder mal die barfüssige Irre mit Karlsson auf den Schulweg zu schicken.

Ob das alles wahr ist, weiss allerdings niemand so genau. Die barfüssige Irre wurde nämlich heute nur ganz kurz gesichtet. Schon auf dem Heimweg von der Schule verwandelte sie sich wieder in eine ganz normale Mama, die mit zuckersüssen Anweisungen ihre anderen vier Kinder für den langen Tag bereit machte.

Auf dem Zahnfleisch

Man könnte ja glauben, uns würde nichts mehr aus den Socken hauen. Immerhin haben wir ja Erfahrung. Was ist schon eine Geburtstagsparty mit acht Zwei- bis Sechsjährigen? Immerhin hat Karlsson auch schon eine Fete mit vier überdrehten Freunden gefeiert, die bei uns übernachteten. Und dies knappe zwei Wochen nach der Geburt des Prinzchens. Ein ander Mal überstanden wir eine Geburtstagsparty mit zwei Autopannen und drei Stunden in einer Turnhalle. Auch die Prinzessinnenparty mit zwei kranken Gästen, von denen sich eine am Ende übergeben musste, haben wir ohne weitere Schäden hinter uns gebracht.

Ob wir aber je wieder eine Party mit einer Gruppe von Vorschulkindern feiern werden, ist fraglich. Es ist nicht etwa so, dass sich die Buben daneben benommen hätten. Nein, sie waren alle äusserst lieb. Doch wer einmal an einem sehr heissen Sommertag eine Horde  von testosteronstrotzenden kleinen Jungen gehütet hat, weiss, dass diese sich nicht besonders auffällig benehmen müssen, um einen an den Rand des Nervenzusammenbruchs zu treiben. Jeder ist der Schnellste, der Stärkste, der Beste, der Schönste, der Klügste. Jeder braucht eine Waffe. Und wenn die Gastgeber so blöd sind, vor dem grossen Umzugstermin alle Spielzeugwaffen in den Keller zu räumen, müssen eben Stecken, Bananen und Schwingbesen als Waffen herhalten. Sollte es trotz unserer heutigen Erschöpfung ein nächstes Mal geben, lassen wir nur noch Bewaffnete ins Haus.

Nach zwei Stunden Party sind „Meiner“ und ich nudelfertig, während für die Kinder die Fete erst so richtig in Schwung kommt. Immerhin haben „Meiner“ und ich im Teamwork so ziemlich alle bisherigen brenzligen Situationen gemeistert: Das Feuer, das zuerst nicht brennen wollte, die Eistorte, die trotz Smarties nicht bei allen Kindern ankam, das Würstchen, das noch nicht gar war, der Gast, der sich für den Allerstärksten hält und dies den anderen Allerstärksten beweisen muss. Doch jetzt, wo ich so ziemlich auf dem Zahnfleisch gehe und nur noch sehnsüchtig nach der Uhr schiele, macht sich „Meiner“ aus dem Staub. Zahnarzttermin. Ich soll die Meute noch eine halbe Stunde lang alleine bändigen, währenddem er es sich auf dem Zahnarztsessel wohlsein lassen kann! Immer hat er den ganzen Spass und ich muss schuften!

Wie? Behauptet hier jemand, er würde lieber hundert Parties mit acht Kleinkindern feiern, als eine Stunde beim Zahnarzt zu verbringen? Wer das glaubt, ist herzlich eingeladen, die Party zu schmeissen, wenn der Zoowärter vier wird. Spätestens nach einer Stunde wird er seinen Zahnarzt  auf den Knien anflehen, ob er nicht jetzt gleich einen Termin für eine Wurzelbehandlung haben könne…

Komm, Herr Knigge, sei unser Gast!

So langsam wird es peinlich. Kaum sind die vier Mittagstischkinder eingetroffen, legen unsere Kinder ihr übelstes Verhalten an den Tag. Eigentlich sollte der Mittagstisch ja dazu da sein, dass Kinder, deren Eltern nicht zu Hause sind, in aller Ruhe eine vollwertige Mahlzeit geniessen können. Bei uns müssen sie hoffen, dass sie bei all dem Chaos der Reality-Soap überhaupt noch einen Bissen runter bekommen. Zumindest eines der Kinder traut uns bereits von Anfang an nicht so recht. Wo sie ihren selbstgebastelten Korb versorgen könne, will sie von mir wissen. „Ich möchte nicht, dass er dreckig wird“, erklärt sie mir. Nun, eigentlich könnte es mir ja egal sein, was sie von mir und meinen Haushaltskünsten hält. Doch da meine eigenen Kinder noch ein paar Jahre vom Pubertieren entfernt sind, lasse ich mich durch einen herablassenden Teenager-Blick noch ziemlich aus dem Konzept bringen.

Nachdem alle Gäste ihre Sachen vendittisicher zwischengelagert haben, wollen wir essen. Zeit, dass das Prinzchen loslegt. Zuerst quengelt er, dann klammert er sich mit aller Kraft an den vollen Teller, den ich einem Kind reichen will. Schliesslich brüllt er los, weil ich den Teller seiner Gewalt entwunden habe. Und zwar brüllt er so laut, dass ich meine eigenen Erklärungen, weshalb das Prinzchen plötzlich so wild sei, nicht mehr verstehe. Schnell ab ins Bett mit dem Kind, sonst fühlen sich unsere Gäste nicht wohl.

Doch kehrt jetzt Ruhe ein? Mitnichten. Karlsson angelt sich sämtlichen Mozzarella aus der Insalata Caprese, verschmiert dabei den ganzen Tisch mit Salatsauce, schaukelt auf seinem Stuhl vor und zurück und schnauzt mich an, als wäre er plötzlich mitten in der Pubertät angekommen. Nach zwanzigmaligem Zurechtweisen gibt er endlich Ruhe und gibt damit die Bühne frei für Luise. Diese stochert lustlos in ihrem Essen herum, streut haufenweise Reiskörner über den frischgeputzten Boden und rennt mit der Gabel in der Hand davon, als ich sie auffordere, ihren Teller leer zu essen. Vor lauter Zurechtweisen und Ermahnen komme ich kaum zum Essen, geschweige denn zu einer vernünftigen Unterhaltung mit den Gästen. Diese sitzen betreten da und schauen hin und wieder verstohlen auf die Uhr, um herauszufinden, wann sie dieses Irrenhaus endlich verlassen können.

Die Zeit ist schon fast um, da setzt der Zoowärter der Sache  das Sahnehäubchen auf. Kaum hat er sein riesiges Mokka-Cornet fertig in sich hineingestopft, erbricht er sein gesamtes  Mittagessen und die Hälfte des Frühstücks auf den Fussboden. Entsetzt starren die Gäste auf das würgende Kind und als der Kleine seinen Magen vollständig  entleert hat, machen sich alle vier mit fadenscheinigen Begründungen frühzeitig aus dem Staub. Sollte die Schönenwerder Geburtenrate in acht bis zwölf  Jahren plötzlich auf null absacken, übernehme ich die volle Verantwortung dafür.

Sobald die  Tür hinter den Gästen ins Schloss gefallen ist, sitzen vier lammfromme Venditti-Kinder am Tisch und schauen mich an, als könnten sie kein Wässerchen trüben. Ich glaube, Gespenster zu sehen. Wohin sind die Rabauken von vorhin verschwunden? Und wer sind die vier Engel, die mich ganz erstaunt anschauen, als ich ihnen erkläre, ein solches Verhalten  könne ich beim nächsten Mittagstisch nicht mehr dulden? „Aber was hast du denn Mama? Wir sind doch ganz lieb!“

Ach und übrigens: Der FeuerwehrRitterRömerPirat verhielt sich die ganze Zeit über erstaunlich ruhig. Er wartete, bis die grossen Geschwister gegangen und die kleinen Geschwister am Schlafen waren, bevor er den Wohnzimmerboden mit frischem Aprikosenmus beschmierte.

Turbulenzen

War das wieder ein Auftritt! Mit der gesamten Meute am Samstag ans Schulhausfest zu gehen, ist doch immer wieder ein Erlebnis. Anfangs langweilen sich die drei Grossen ein wenig, doch dann beschliessen sie, sich mit dem Bemalen von Fahnen die Zeit zu vertreiben. Während Luise und Karlsson mal schnell ein Haus hinkleckern, konzentriert sich der FeuerwehrRitterRömerPirat auf sein Segelschiff. Hingebungsvoll mischt er die Farben, trägt Schicht um Schicht auf den Stoff auf. Ein wirklich schönes Schiff entsteht.

So langsam beginnen sich Karlsson und Luise zu langweilen und wollen weiterziehen. Doch der FeuerwerRitterRömerPirat lässt sich nicht beirren, malt weiter und weiter. So langsam verwandelt sich das schöne Segelschiff in einen etwas weniger schönen braunen Fleck mit zwei Masten. Karlsson macht sich derweilen mit einem Freund aus dem Staub, Lusie quengelt, sie wolle sich jetzt ihr Gesicht schminken lassen. Also bleibt „Meiner“ beim Künstler, während ich Luise zum Schminken begleite. Als wir eine Viertelstunde später zurückkommen, ist der FeuerwehrRitterRömerPirat noch immer in sein Meisterwerk vertieft, die Fahne  dick mit brauner Farbe verschmiert. Und er will immer noch nicht weg! Erst die Aussicht auf einen Mohrenkopf, den er sich herbeischiessen kann, überzeugt ihn schliesslich davon, dass er den Pinsel doch zur Seite legen könnte. War aber auch Zeit. So langsam begann die Fahne auszusehen, als hätte sich jemand darauf erleichtert.

Nachdem sich alle die Gesichter mit Schokoköpfen beschmiert haben, will sich der Zoowärter nun  das Gesicht auch noch schminken lassen. Doch dem FeuerwehrRitterRömerPirat wird das Warten bald zu langweilig und deshalb beginnt er, das Prinzchen zu ärgern. Dieses zappelt mit den Beinchen, verliert seine Socken, was ein paar Grossmütter zu missbilligendem Kopfschütteln veranlasst. Schaut denn niemand, dass dieses Baby Socken an die Füsse bekommt? (Natürlich nicht. Ein echter Venditti geht barfuss!)

Endlich hat sich der Zoowärter in einen Tiger verwandelt. Zeit für einen Hot Dog. Aber wo ist Karlsson? Verschwunden und zwar im strömenden Regen. Mitfühlend wie ich bin, erstehe ich ihm dennoch einen Hot Dog, stopfe das vor Ketchup triefende Ding in meine Tasche (sonst sieht mich noch jemand damit!) und renne über den Pausenhof, um meinen armen nassen Karlsson zu suchen. Irgendwann wird mir die Sache zu nass und „Meiner“ hat das zweifelhafte Vergnügen, Karlssons Hot Dog zu verspeisen.

Weil der Zoowärter sein Tigergesicht mit Ketchup verschmiert hat, beschliessen wir aufzubrechen. In letzter Minute taucht Karlsson auf. Pudelnass und pappsatt. Seinen Hot Dog hat hat ihm die Familie seines Freundes spendiert. Währenddem wir Karlsson erleichtert in Empfang nehmen und noch ein wenig über Gott und die Welt und die Dorfpolitik plaudern, gönnen sich der FeuerwehrRitterRömerPirat und der Zoowärter ein Bad in der Pfütze. Ist ja  nicht weiter schlimm. Das hat Mama ja auch gemacht, als sie klein war. Als wir aber das nächste Mal hinsehen, liegt der Zoowärter bäuchlings in der Pfütze und trinkt. Hat das arme Kind denn keine Eltern, die ihm etwas zu Trinken spendieren?! Wie verzweifelt muss ein Kind sein, dass es aus einer Pfütze trinkt?

Jezt ist es endgültig Zeit, zu verschwinden. Sonst fordert man uns unauffällig dazu auf, nun endlich zu gehen.

Wie steht’s mit den Falten?

Nein, nicht mit meinen Falten. Die sind mir eigentlich noch ziemlich egal und ich hoffe, dass dies so bleibt. Man weiss zwar nie, wie man reagieren wird, wenn die Falten dann tatsächlich da sind. Aber eben, von meinen (zukünftigen) Falten soll hier nicht die Rede sein. 

Ich meine natürlich jene Hautfalten, die bei Babies so schwer zu reinigen sind, die aber unbedingt sauber sein müssen. Diesen hatte ich eigentlich nie eine besondere Bedeutung zugemessen. Ich reinigte sie zig mal am Tag, salbte sie, wenn es nötig war und manchmal, wenn das Baby allzu störrisch gegen meinen Bauch trat und sich nach allen Seiten wand, schaffte ich es nicht, den ganzen Dreck zu entfernen. Ja, und dann las ich jenen Artikel über vernachlässigte Kinder. Plötzlich wurden diese Falten für mich zum Test, ob ich als Mutter überhaupt noch etwas taugte.

Es war in den dunkelsten Zeiten meiner Mutterschaft, als ich täglich bereits um neun Uhr morgens vom Gefühl geplagt wurde, total zu versagen. Als ich es nicht mehr schaffte, das Chaos in den Griff zu bekommen und abends meistens heulend ins Bett sank, weil ich es wieder nicht geschafft hatte, meinen Kindern gerecht zu werden. Ich hatte den Eindruck, die schlechteste Mutter auf diesem Erdboden zu sein. Da las ich in jenem Artikel, Mütterberaterinnen und Kinderärzte könnten an der Sauberkeit der Hautfalten erkennen, ob ein Kind vernachlässigt werde oder nicht. Natürlich stand in diesem Text noch viel mehr, doch das mit den Falten brannte sich bei mir im Gerhirn ein.

„Sind die Hautfalten des Babys heute sauber?“ wurde zur überlebenswichtigen Frage. Da konnte ich mich noch so sehr in Selbstzweifeln zerfleischen, solange die Falten sauber waren, hatte ich noch nicht vollkommen versagt, die Kinder waren noch nicht vernachlässigt. Sind die Falten noch sauber, ist noch nicht alles im Eimer. Heute ist diese Frage zum Glück wieder weit in den Hintergrund gerückt. Heute weiss ich wieder, dass ein Kind, das lacht und sich prächtig entwickelt keinen Mangel leidet.

Doch hin und wieder, wenn ich das Prinzchen wickle, erinnere ich mich, wie das damals war, als eine saubere Hautfalte das Einzige war, was mir noch Sicherheit gab. Und dann vergiesse ich innerlich eine Träne für all die unzähligen Mamas auf der Welt, die sich als die totalen Versagerinnen fühlen, weil sie in ihrer Überforderung nicht mehr sehen können, wie gut sie ihre Sache in Wirklichkeit machen.

Lesetherapie

Tage wie heute übersteht man nur lesend. Der Himmel ist grau in grau, es ist zu kalt, um mit den Kindern nach draussen zu gehen. Ausserdem ist Dienstag. Das bedeutet, dass morgens drei, nachmittags fünf Kinder von mir unterhalten werden wollen und „Meiner“ erst spät nach Hause kommt. Mal ist Karlsson für eine Stunde weg, dann muss Luise zur Freundin begleitet und nach knapp zwei Stunden wieder abgeholt werden, dann bekommt der FeuerwehrRitterRömerPirat Besuch. Keine Chance für Mama, eine anständige Arbeit in Angriff zu nehmen.

Also schleiche ich den ganzen Tag mit einem Buch vor der Nase herum. Zum Glück habe ich gerade ein Neues. Das Oeuvre ist zwar nicht gerade nobelpreiswürdig, doch immerhin spannend genug, dass ich noch heute erfahren will, wer wen heiratet. Ausserdem ist der Plot seicht genung, dass man das Buch mitten im Satz in die Ecke schmeissen kann, wenn das Prinzchen im Begriff ist, in ein Kabel zu beissen. So ganz nebenbei gefragt: Kann mir mal jemand verraten, was an einem Kabel so spannend sein soll? Da liegen haufenweise babytaugliche Spielsachen herum, doch das Prinzchen steuert stets zielstrebig auf die Kabel los.

Jetzt aber zurück zum Buch. Zwei Dinge erschweren es mir, endlich zur letzten Seite zu gelangen. Erstens: Wie kann man lesend Fussböden putzen? Und an solchen Tagen muss man lesen beim Putzen, sonst wird’s frustrierend. Wann endlich erfindet ein kluger Kopf den Besen mit integrierter Buchhalterung? Ja, ich weiss, inzwischen gibt es Hörbücher. Doch wie soll man sich bei diesem Krach Hörbücher anhören? Das zweite Problem: Karlsson hat mich durchschaut. „Mama, du kannst nicht schon wieder Pause machen“, weist er mich zurecht, als ich mich wiedermal für fünf Minuten mit meinem Buch zurückziehe. Also schliesse ich mich ins WC ein. Dann sieht er nicht, dass ich am Lesen bin. Karlsson ahnt, dass ich lesen will: „Was machst du, wenn du mal dein Buch nicht findetst, wenn du aufs WC gehst? Du kannst ja nicht einfach in die Hose machen, bloss weil du dein Buch verlegt hast?“ Ein paar Momente später brüllt er: „Mama, du bist wieder am Lesen! Es ist jetzt fünf Minuten her, seit du die Toilette gespült hast und du bist immer noch im Badezimmer.“ Karlsson betrügen heisst, die Götter betrügen. Und was tut er, währenddem er mich zurechtweist? Sitzt auf dem Sofa und steckt seine Nase in ein Buch!

Nach so einem Nachmittag bietet sogar ein Elternabend eine willkommene Abwechslung. Zu dumm nur, dass ausschliesslich alte Hasen anwesend sind. Keine einfältigen Fragen, keine endlosen Diskussionen. Um halb acht bin ich schon wieder zu Hause. Zum Glück hat „Meiner“ die Kinder trotzdem schon alle im Bett, so kann ich wenigstens jetzt mein Buch fertig lesen.