Auto in der Krise

Fast acht Jahre lang leistete es seine Dienste tadellos. Wann immer wir seine Unterstützung brauchten, war es für uns da. Dass ich es öfter mal herzlos als „Gebrauchsgegenstand“ bezeichnete, nahm es gleichmütig hin und es schien sich auch nicht daran zu stören, dass wir nicht zu der Sorte Menschen gehören, die einmal pro Woche in der Autowaschanlage vorfahren. Ein einziges Mal zeigte es sich zickig, aber das mussten wir ihm verzeihen. Die Übermacht unzähliger Fiats und Alfa Romeos hatte ihm, einem asiatischen Fabrikat, auf unserer letzten Italienreise derart zugesetzt, dass es auf der Heimfahrt einen Zusammenbruch erlitt. Nachdem es diese Krise mithilfe eines fleissigen Tessiner Mechanikers überwunden hatte, lief es aber wieder wie geschmiert. 

Dann aber kam der verhängnisvolle Tag im vergangenen Sommer, als es einen Zusammenstoss mit einem Gemeindefahrzeug hatte, das unterwegs war, um die Hecken zu schneiden und stattdessen die Motorhaube unseres kleinen, himmelblauen Autos aufschlitzte. Seit jenem Tag ist nichts mehr, wie es einst gewesen war. Ob es daran liegt, dass wir nicht bereit waren, 5000 Franken aufzuwerfen, um unser Fahrzeug wieder auf Vordermann zu bringen? Vielleicht fühlt es sich einfach nicht mehr attraktiv, seitdem es notdürftig repariert, mit Mickey-Mouse-Folie und Spraydose verziert, auf den Strassen herumkurven muss. Möglicherweise bin auch ich schuld an seiner tiefen Krise, denn in der Aufregung behauptete ich, mein himmelblaues Auto habe den Unfall verursacht, dabei hatte ihm das Gemeindefahrzeug doch ganz offensichtlich die Vorfahrt genommen. 

Wir könnten noch lange über seine Gefühlslandschaft rätseln, Tatsache ist, dass es sich seit diesem kleinen Unfall ganz schön gehen lässt. Erst einmal wurden seine Scheinwerfer immer schwächer und unser Auto war auch durch den regelmässigen Kauf neuer Glühlampen nicht mehr dazu zu bringen, die Lichter so hell strahlen zu lassen wie früher einst. Ein paar Wochen später wurde es bockig, wenn ich ein paar Säcke Erde geladen hatte und am Berg anfahren musste. Beinahe zur gleichen Zeit liess es die Griffe, die über den Türen angebracht sind, um alten, unbeweglichen Menschen beim Aussteigen zu helfen, plötzlich ins Leere baumeln und irgendwann weigerte es sich rundheraus, seinen Kofferraum je wieder zu schliessen. Seither fahre ich unseren Wocheneinkauf nur noch mit grösster Vorsicht nach Hause. 

Gestern nun, als unser Auto auf dem Parkplatz darauf wartete, bis „Meiner“ mit der Arbeit fertig war, kam es zu einem Zusammenstoss mit einem etwas zu hart gekickten Fussball. Vor ein paar Monaten noch hätte es sich durch so etwas nicht beeindrucken lassen, inzwischen aber ist seine psychische Verfassung so schlecht, dass es auf der Stelle seinen linken Seitenspiegel hängen liess. Der Schüler, der den Ball getreten hatte, war natürlich am Boden zerstört, aber „Meiner“ konnte ihn trösten: „Mach dir nichts draus“, sagte er. „Die Karre liegt ohnehin in ihren letzten Zügen. Nächste Woche kommt sie auf den Schrottplatz.“

Ich hoffe sehr, unser Auto hat weggehört, als „Meiner“ das gesagt hat. Mindestens bis Donnerstag sind wir nämlich noch auf seine Dienste angewiesen, aber in seiner derzeitigen Verfassung könnte es durch eine solche Aussage glatt auf die Idee kommen, den Geist auf der Stelle aufzugeben. 

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Aufwind?

In grosser Runde sitzen wir jetzt also regelmässig beisammen. Der Lehrer, die Heilpädagogin, die Fachärztin, die Vertreterin des Kantons, die Eltern. Mit am Tisch, wenn auch nicht persönlich anwesend, die Gemeindepolitik, die sich für ein bestimmtes Schulmodell entschieden hat, die Finanzpolitik, die darauf achtet, dass nur derjenige Geld bekommt, der hieb- und stichfest beweisen kann, dass er wirklich nicht anders kann, das Schulsystem, das Mühe hat, mit Kindern klarzukommen, die zwar intelligent aber halt doch deutlich eingeschränkt sind. Dann natürlich das Kind selber, auch nicht persönlich anwesend, aber doch im Zentrum des Gesprächs. 

Man redet, verfasst Berichte, fragt sich, wie es ihm geht, was sich verbessert hat, wo neue Schwierigkeiten aufgetaucht sind, wägt ab, wie es weitergehen soll. Ein anstrengender Prozess, zuweilen auch schmerzhaft, vor allem, wenn man daran denkt, welche Chancen über die Jahre vergeben worden sind. 

Und doch auch ein Prozess, der Mut macht, denn endlich, nach all den Jahren, in denen man das Kind kritisiert und bestraft hat, steht sein Wohlergehen im Zentrum. Endlich sollen nicht mehr die Schwächen ausgemerzt, sondern die Stärken hervorgeholt werden. Endlich ist das Kind nicht mehr der störrische Gegner, sondern der mutige Kämpfer, der nicht vollends aufgegeben hat, sondern immer wieder neuen Anlauf genommen hat, um die vielen Dinge, die es eigentlich können möchte, doch noch zu lernen. Und endlich, nach so langer Zeit, redet man darüber, wie man ihm helfen könnte, damit es nicht mehr alleine kämpfen muss.  

Noch ist vieles unklar, die unterstützenden Massnahmen werden in kleinen Schritten eingeführt, doch schon jetzt ist zu spüren, wie dem Kind eine schwere Last von den Schultern fällt. Und allmählich kommt die Hoffnung auf, dass es vielleicht doch noch den Aufwind bekommt, den es sich stets gewünscht hat, um endlich abheben zu können. 

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Vertrauensselig

Wäre ich die Mutter eines seiner Schüler, hätte ich erst mal ungläubig den Kopf geschüttelt ob der Nachricht, die Schulreise finde heute statt. Dann hätte ich alle verfügbaren Regenkleider im Haus zusammengesucht und einen Reiseproviant zusammengestellt, der ganz bestimmt ohne Feuer auskommt. Vielleicht hätte ich dabei leise gebrummt, der Lehrer habe sie doch nicht mehr alle.

Weil ich nicht die Mutter eines seiner Schüler bin, sondern die Frau, die seit mehr als zwei Jahrzehnten mit ihm durchs Leben geht, habe ich versucht, ihm die Sache auszureden. „Hast du dir die Wetterprognose denn nicht angeschaut?“, fragte ich. „Natürlich habe ich“, versicherte er mir. „Es heisst, in der Gegend, wo wir hingehen, werde es genau anderthalb Stunden lang regnen.“ „Ich verstehe ja nicht viel von Meteorologie“, entgegnete ich mit hochgezogenen Augenbrauen, „aber ich habe gelesen, in diesen Tagen sei es ausgesprochen schwierig, vorherzusagen, wo der Regen niedergehen wird. Blas die Sache ab, es ist viel zu nass.“ Natürlich hörte er nicht auf mich. Warum auch? Das Schuljahresende steht vor der Tür und wenn seine Schüler überhaupt noch in den Genuss einer Schulreise kommen sollen, bleibt nicht mehr viel Zeit. Erst recht nicht, wenn die Wetterpropheten, die in naher Zukunft keine namhafte Wetterbesserung sehen, recht behalten. „Meine Schüler sind walderprobt. Denen macht ein bisschen Regen nichts aus“, sagte er und ging heute Morgen wie geplant mit ihnen los.

Natürlich regnete es Bindfäden. Bei uns zu Hause fast den ganzen Tag, dort wo er war angeblich nur zwei Stunden. Sie hätten trotzdem viel Spass gehabt, hätten sogar ein Feuer gemacht und die Eltern hätten ihre Kinder in nahezu trockenem Zustand wieder in Empfang nehmen können. „Ich hab‘ dir doch gesagt, meine Schüler sind walderprobt“, meinte er triumphierend.

Einen Moment lang überlegte ich, ob ich unsere Freunde, die in der Gegend wohnen, fragen soll, ob sie heute tatsächlich so viel weniger Regen hatten als wir, liess es dann aber bleiben. Stattdessen ging ich in die Migros, kaufte ihm eine Schachtel Pralinen und überreichte sie ihm als Auszeichnung. Immerhin ist er der einzige Mensch, der hierzulande noch gutgläubig genug ist, um einer Wetterprognose zu trauen, die behauptet, es werde gerade mal anderthalb Stunden am Tag regnen. Und vermutlich auch der einzige Lehrer, der den Mumm hatte, heute auf Schulreise zu gehen. 

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Gemässigt

Wenn ich mich daran erinnere…

…wie ich früher jeweils zu seinem Geburtstag Leberpastete zubereiten musste,

…wie ich mit Todesverachtung die Blutwurst von der Pfanne auf seinen Teller gleiten liess,

…wie ich einmal sogar ihm zuliebe einen Blutpudding mit Auto und Zug von Schweden in die Schweiz habe mitreisen lassen,

…wie ich im Laden herumirrte, um endlich das Pulver für die Sülze zu finden,

…wie er an einer Geburtstagsparty unter den angewiderten Blicken seiner Freunde Austern schlürfte,

…dann erscheint mir das Menü zu seiner Konfirmation fast schon bieder. Am ehesten bereitete mir noch das Vitello Tonnato Kopfzerbrechen, aber nachdem ich es mal geschafft hatte, das Fleisch in die Pfanne zu befördern, ohne es berühren zu müssen, stellte auch das keine Herausforderung mehr dar. Die paar Jakobsmuscheln und die Crevetten, die er als Dekoration auf der Smörgåstårta wünscht, werde ich sogar mit blossen Händen anfassen können, weil sie ja immerhin ganz hübsch anzusehen sind.

Man könnte also sagen, Karlssons Geschmack habe sie über die Jahre gemässigt. Eine Veränderung, die mir vor ein paar Jahren, als einzig die Mutterliebe mir die Kraft verlieh, die Leber für die Pastete durch den Fleischwolf zu drehen, noch unvorstellbar erschien.

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Auf der Suche nach etwas Dauerhaftem

Es ist vielleicht eine gewagte Behauptung, aber ich würde doch sagen, die Beziehung Mensch-Wallholz habe früher oft ein ganzes Erwachsenenleben lang gehalten. Mit der Aussteuer fing es an, dann folgten vergnügliche Jahre in der Küche und das traurige Ende kam erst, wenn die menschliche Hälfte des Paares das Zeitliche segnete. Nicht selten blieb so ein Wallholz dann noch in der Familie und wurde in Ehren gehalten, bis es eines Tages dann doch den Geist aufgab.

Meine eigene Wallholz-Beziehungsgeschichte ist weitaus wechselhafter. Sie ist geprägt von Brüchen, Unzuverlässigkeit und Beziehungsverweigerung. Frühere Generationen würden, wenn sie von meinem Wallholzverschleiss wüssten, vor Empörung erröten und sagen, ich sei ein Flittchen. Da ich so etwas nicht auf mir sitzen lassen kann, bin ich, nachdem kürzlich wieder eine Beziehung in die Brüche gegangen ist, in mich gegangen und habe mich gefragt, ob es denn wirklich an mir liegt, dass ich mich noch immer nicht fest an ein Wallholz habe binden können. Zwei Vorwürfe muss ich mir dabei machen:

  1. Beim ersten Zerwürfnis lag es tatsächlich an mir. Es war ein traumhaft schönes Stück, rot geäderter Marmor, edle Verarbeitung, schwer und doch flink. Ein Geschenk von einem lieben Menschen. Glaubt mir, ich habe es geliebt mit jeder Faser meiner Bäckerseele, aber Liebe allein reicht leider nicht. Man müsste mit einer solchen Kostbarkeit auch umgehen können, denn Marmor verzeiht keine Fehler. Nun, ich war noch nicht reif genug und so genügte eine kleine Ungeschicklichkeit, um meinem Wallholz, das ja eigentlich gar kein Holz war, ein Ende zu bereiten. Alles, was von dieser Beziehung blieb, waren einige Marmorsplitter und verklärte Erinnerungen.
  2. Zwar habe ich mich nie mit dem Billigsten begnügt, aber ich habe mich doch immer wieder dazu verleiten lassen, zu kaufen, was gerade verfügbar war, anstatt abzuwarten, bis ich dem Richtigen begegnete. Meistens blieb mir ja auch keine Zeit, mich länger umzusehen, da ich nicht bereit war, auf das Backen zu verzichten.

Dies also meine zwei Fehler, alles andere liegt nicht an mir, sondern daran, dass die Hölzer heutzutage zu nichts mehr taugen. Das Zeug ist einfach nicht mehr für eine lebenslange Beziehung gemacht. Klar, die Dinger sehen ganz solide aus, sind meistens recht hübsch anzusehen und prahlen mit beeindruckenden Fähigkeiten. Eine Schwachstelle haben sie aber alle, doch die wird gewöhnlich erst sichtbar, wenn es hart auf hart geht. Du glaubst, alles sei in bester Ordnung und dann plötzlich, bei der hundertsten Portion Plunderteig, brechen sie mir nichts, dir nichts heulend zusammen und wollen nicht mehr weitermachen. Und weil Plunderteig keine schwächlichen Wallhölzer duldet, bis du gezwungen, umgehend für Ersatz zu sorgen.

„Diesmal nicht“, habe ich mir geschworen und mit dem in der Mitte gebrochenen Nudelholz so gut als möglich weitergemacht. „Diesmal muss es etwas Dauerhaftes sein, koste es, was es wolle.“ Kosten wird es, das wurde mir schon beim ersten kurzen Stöbern klar, aber das muss jetzt einfach sein. Ich bin es leid, mich immer und immer wieder auf ein neues Wallholz einzulassen und darum kommt mir erst ein Ersatz ins Haus, wenn es das Richtige ist.

Ach, und kommt mir jetzt bitte nicht mit diesen italienischen Hölzern ohne Griff. Mit denen komme ich gar nicht klar.

Und noch etwas: Zum Glück gehöre ich nicht zu der Sorte Frauen, die mit dem Wallholz Einbrecher abwehrt. Hätte mich ja ganz schrecklich blamiert, wenn so ein Memmenholz gleich beim ersten Schlag heulend zusammengebrochen wäre.

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Fitnessprogramm

Einen 40-Liter-Sack Erde auf die linke Schulter hieven, 30 Schritte gehen, Sack abladen und 30 Schritte zurückgehen.

Einen 40-Liter-Sack Erde auf die rechte Schulter hieven, 30 Schritte gehen, Sack abladen und 30 Schritte zurückgehen.

Diese Übung 27 mal wiederholen.

Fünf Minuten Pause am Steuer.

Die oben beschriebene Übung wiederholen, diesmal aber nur mit 26 Schritten, dafür mit einer Stufe als kleine Erschwernis. 

Hüftbreit stehen, Sack hochhieven und kippen, Inhalt mit kreisenden Handbewegungen gut verteilen. 

Diese Übung ebenfalls 27 mal wiederholen.

Zur Auflockerung ein paar Tomatenpflanzen in die Erde setzen.

Mit jeder Hand eine leere Giesskanne greifen, 60 Schritte gehen, Giesskannen auffüllen und 60 Schritte zurückgehen.

Diese Übung wiederholen, bis die Tomatenpflanzen zufrieden sind. 

Mittagspause, angereichert mit Brotteig kneten und Geschirr abwaschen. 

Nach der Pause die ersten beiden Übungen noch einmal durchführen, diesmal jedoch nur fünf Wiederholungen, dafür mit 50-Liter-Säcken.

Übung drei ebenfalls erneut durchführen, insgesamt 15 Mal, denn inzwischen hat ein anderer Fitnessfanatiker weitere Säcke angeliefert. 

Zum krönenden Abschluss drei Auberginen und mehrere Peperoni einpflanzen und dabei die missbilligenden Blicke der Tomaten, die noch auf einen festen Platz in einem weiteren Beet warten, geflissentlich ignorieren. 

Solange da noch Tomatenpflanzen sind, die auf einen Platz warten – und der Geschirrspüler streikt und die Kinder auf hausgemachtes Brot stehen – ist Bewegungsmangel für einmal kein Thema bei mir. Fitness macht eindeutig mehr Spass, wenn da kein gestrenger Turnlehrer ist, der einen antreibt. (Obschon die Tomatenpflanzen nicht weniger fordernd auftreten…)

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Umleitung

Garten, Karlssons anstehende Konfirmation und ziemlich viel Arbeit stellen sich momentan dem Schreiben in den Weg. Darum heute nur der Link zu meiner neuen Kolumne auf swissmom.ch.

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Aufsichtspflicht

Prinzchen hat sich mit zwei Freunden zum Spielen verabredet, der eine von beiden taucht mit seinem grossen Bruder im Schlepptau auf. Perfekt, denn so hat der Zoowärter auch einen Spielkameraden und muss Prinzchen nicht die Gäste abspenstig machen. Bald rennen alle zusammen lachend und schreiend ums Haus, wenig später stösst Prinzchens bester Freund dazu, der FeuerwehrRitterRömerPirat und sein bester Freund schliessen sich ebenfalls an, irgendwann saust einer von Zoowärters Freunden auf dem Trottinett herbei und beschliesst zu bleiben. Einer, der nicht so leicht Anschluss bei Gleichaltrigen findet, schliesst sich der Gruppe ebenfalls an, hin und wieder schauen gar ein paar Mädchen vorbei. Aus sicherer Distanz und mit der wachsamen Mama im Hintergrund beobachten zwei Kleinkinder das wilde Spiel der Grossen. Genau so war Kindheit früher auch. Genau so sollte sie auch heute noch sein, nicht wahr?

Aber klar doch. Der Haken ist nur, dass heute zwar alle dieses Idealbild der wilden, erwachsenenfreien Kindheit beschwören, gleichzeitig aber nicht damit leben können, dass diese Freiheit auch Gefahren mit sich bringt. 

Wenn sich also plötzlich der ganze Trupp um unser Haus versammelt, stimmt mich dies glücklich und unruhig zugleich. Die Verantwortung für die Horde liegt jetzt bei mir, das weiss ich ganz genau. Falls einem der lieben Kleinen im wilden Spiel ein Härchen gekrümmt wird, bin ich daran schuld und keiner wird fragen, ob das betreffende Kind bei uns eingeladen war, oder ob es dazugestossen und einfach geblieben ist. 

Ich habe also die Wahl: Alles stehen und liegen lassen und die wilde Horde diskret beaufsichtigen, damit sie nichts davon bemerken und sich trotzdem so frei fühlen, als wäre kein Erwachsener zugegen. Oder nur die Kinder dabehalten, deren Eltern mit ein paar Kratzern und Beulen leben können und den ganzen Rest nach Hause schicken. 

Irgendwie finde ich beides nicht so toll. 

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Von wegen spielend leicht…

Jetzt, wo die Garage endlich weg ist, muss natürlich so schnell wie möglich das Gewächshaus aufgestellt werden. Es wartet nun ja schon ein paar Monate im Keller darauf, gebraucht zu werden und auch die Tomatenpflanzen werden allmählich ungeduldig. „Wann bekommen wir endlich den Platz, den du uns schon vor vielen Wochen versprochen hast?“, zischen sie jedes Mal, wenn ich sie giesse. „Bald“, beschwichtige ich dann, „wir müssen nur Zeit finden, das Gewächshaus aufzubauen.“ 

Heute – der erste terminfreie Mittwochnachmittag seit einer gefühlten Ewigkeit – fanden wir Zeit, und weil wir unsere Sache ganz besonders gut machen wollen, schauten wir uns zuerst die Videos an, die der Hersteller gedreht hat, um den Kunden zu zeigen, wie spielend leicht sich das Häuschen aufstellen lässt. In diesen Videos tänzelt ein sehr vertrauenserweckend dreinblickender Herr in seinen besten Jahren über einen grasgrünen Rasen und schraubt die Einzelteile zusammen. Jede seiner Bewegungen strahlt Ruhe und Besonnenheit aus, jeder Handgriff sitzt auf Anhieb, sein Blick sagt, dass ihm in Sachen Gewächshäuser keiner was vormachen muss. Hilfe braucht er selbstverständlich nicht und vermutlich liegt ihm auch ein nettes Liedchen auf den Lippen, aber das kann man leider nicht hören, denn der Film wurde in Österreich gedreht und dort scheinen sie alles, was nicht Spielfilm ist, mit einer seichten, gequält fröhlichen Computermusik zu untermalen. Nach einer geschätzten halben Stunde steht der Kerl vor dem fertigen Haus, beide Daumen in die Höhe gereckt, sein Blick leicht gelangweilt, denn das hier war ganz offensichtlich keine Herausforderung für ihn. 

„Sieht ziemlich einfach aus“, meinte „Meiner“, ich pflichtete ihm bei und wir machten uns an die Arbeit. Fünf Minuten lang ging alles gut, dann kam einem von uns beiden das erste „Sch…..!!!!“ über die Lippen. Danach ein „Kannst du mir mal schnell mit dieser Schrau….?“, was von einem „Nein! Kann ich nicht! Diese blöde Ecke hier klemmt“ unterbrochen wurde. So ging das eine Weile hin und her, dann stellten wir fest, dass wir zwei Teile falsch zusammengeschraubt hatten. Als dieser Fehler ausgebügelt war, kam die Sache mit der Verstrebung, die nicht passen wollte und dann ging eine Schraube verloren, danach klemmte schon wieder eine Ecke, worauf wir feststellten, dass zwei weitere Teile falsch zusammengeschraubt waren und nachdem dies wieder ausgebügelt war, rutschte die Querverstrebung weg und dann musste „Meiner“ weg, denn nur weil der Mittwochnachmittag terminfrei ist, heisst das noch lange nicht, dass es der Mittwochabend ihm gleichtut. 

Während „Meiner“ weg war, sass ich auf der Gartenmauer und dachte an den Mann im Video. Ob der das wirklich so spielend leicht hingekriegt hat? Oder ist das mit der Ruhe und dem vertrauenserweckenden Blick nur eine Masche, damit man nicht schon von Anfang an nervös und gereizt ist? War er am Ende vielleicht gleich überfordert wir wir und die haben die ganze „Sch…..!!!“ und das andauernde „Diese elende Ecke klemmt schon wieder“ einfach rausgeschnitten? 

Ich werde es nie wissen. Dafür weiss ich, dass wir deutlich mehr als ein geschätztes halbes Stündchen brauchen werden, bis die Tomaten einziehen können. Stolz bin ich aber trotzdem, denn morgen, wenn sie wieder motzen, werde ich sagen können: „Immerhin steht schon das Grundgerüst. Das hättet ihr ganz bestimmt nicht hingekriegt.“ 

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Interkulturelle Dialogversuch, Nachtrag

Zwei Menschen, die liebend gerne im Dreck wühlen, um ihr eigenes Gemüse zu ziehen, würden sich immer verstehen, egal welche Sprache sie sprechen, habe ich vor einigen Tagen grossmäulig behauptet. Ganz Unrecht hatte ich damit natürlich nicht, denn in den groben Zügen verstehen wir uns wirklich erstaunlich gut, die Nachbarin aus Griechenland und ich. Eine gemeinsame Sprache, die etwas mehr beinhaltet als Gestik, Mimik und den einen oder anderen Wortfetzen wäre trotzdem ganz praktisch. Mit dem Überreichen des halben Kürbisses wollte unsere Nachbarin mir nämlich nicht bloss ihre Sympathie bekunden, sie überbrachte mir auch eine wichtige Botschaft und zwar die Folgende: 

„Hör mal, ich verreise jetzt wieder für ein paar Monate nach Griechenland und dieser Kürbis würde im Keller verrotten, also nimm ihn und mach etwas Gutes daraus. Er hat noch Samen drin, die du vielleicht für deinen Garten brauchen kannst. Ach, und vergiss bitte nicht, gut auf Prinzchens besten Freund aufzupassen, bis ich wieder nach Hause komme. Du weisst ja, dass ich ihn normalerweise betreue, wenn seine Mama arbeitet, aber wenn ich in Griechenland bin, geht das leider nicht und bei dir fühlt er sich ja ebenso wohl wie bei mir. Und du hast ja auch gewusst, dass du mich im Sommer vertreten wirst, ich hab‘ bloss vergessen, dir zu sagen, wann wir abreisen. Also mach’s gut. Wir sehen uns im Herbst wieder.“

Das also hätte sie mir sagen wollen, doch das dämmerte mir erst, als sie schon weg war. Aber eigentlich war es auch nicht weiter schlimm, dass ich die Botschaft des Kürbisses nicht verstanden habe. Prinzchen und sein bester Freund stecken ohnehin vom frühen Morgen bis zum späten Abend zusammen, da macht es eigentlich keinen Unterschied, ob sie nun hier ist oder in Griechenland.

Nur unsere Konversation beim Jäten, die wird mir fehlen. 

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