Alterserscheinungen

Zum ersten Mal zum Berufsberater, ohne dass es dabei um deine berufliche Zukunft gibt. Auf dem Desktop deines Computers das Curriculum Vitae deines Sohnes. (Warum fragen die eigentlich nicht einfach mich? Ich weiss doch noch genau, wie das war, als er geschlüpft ist.)

Krähenfüsse, die nicht kunstvoll um anderer Leute Augen gezeichnet sind.

Das Wort „Gross“, das bald schon vor dem Titel „Tante“ steht.

Damit verbunden die Erkenntnis, dass die Sache mit dem Kinderkriegen bald schon nicht mehr die Sache deiner Frauen-Generation sein wird. (Na ja, zumindest wenn man diese neumodische Sache mit dem Einfrieren von Eizellen ausser Acht lässt…)

Der Kaffeeverkäufer, der alle duzt, nur dich nicht.

Die Leichtfüssigkeit, mit der andere den steilen, mit Schnee bedeckten Weg, bewältigen.

Die Ungeduld, die über dich kommt, wenn eigentlich erwachsene Menschen in kindlicher Einfalt dir die Aufgaben zuschieben wollen, die das Leben ihnen stellt.

Das neue Selbstbewusstsein, nicht immer nur nett zu sein, sondern zuweilen auch deutlich zu sagen, was du nicht mit dir machen lässt. (Okay, ich geb’s zu, der Tonfall bleibt nett. Der wird wohl erst in der nächsten oder übernächsten Lebensphase so bissig, wie man es eigentlich meint.)

Die „Weisst du noch…“-Gespräche, die immer öfter in ganz unterschiedlichen Konstellationen stattfinden.

Der Gewissenskampf beim Schmücken des Tannenbaums: „Schämst du doch nicht mit all dem Zeug aus China? Hast du sie nicht gesehen, diese Bilder mit dem Farbstaub?“ „Schon, aber wie viele Jahre bleiben uns denn noch, um mit den Kindern unser ganz eigenes Weihnachtsfest zu feiern? Sie werden ja so schnell gross.“

Die Gedanken, was man noch alles mit dem Leben anstellen könnte, jetzt, wo die zeitlichen Freiräume immer grösser werden.

Wenn in dem Satz „Ich bin so glücklich, ich habe alle meine Rechnungen bezahlt und es bleibt noch etwas für die Steuern übrig“ nicht der kleinste Funken Ironie steckt. 

Sie ist eigentlich ganz okay, diese Lebensphase, du brauchst bloss etwas Zeit, dich daran zu gewöhnen.

Kaffeepause; Tamar Venditti

Voll peinlich

Das ist jetzt natürlich voll peinlich: Da posaune ich Ende November in alle Welt hinaus, die Sache mit dem Schnee und dem Winter sei nichts weiter als ein altes Märchen, das man nicht richtig ernst nehmen könne und heute, als ich aus dem Fenster schaue, sieht es draussen so aus:

Winterbild; Tamar Venditti

Ja, und jetzt stehe ich da wie der letzte Depp, der nicht hat glauben wollen, was die Wetterpropheten seit Tagen vorausgesagt haben. Ohne Winterschuhe, ohne Winterpneus am Auto und natürlich auch ohne anständige Winterausrüstung für die Kinder. Irgendwie so, wie ich mir das im Kindergottesdienst vorstellte, wenn sie sagten: „Wenn der Heiland kommt und du sitzt gerade im Kino, dann nimmt er dich nicht mit.“ und dann sangen sie dieses höhnische Lied, in dem es hiess „Du warst nicht vorbereitet…“

Okay, ganz vom Winterglauben abgefallen bin ich nicht, darum haben wir irgendwo, im hintersten Winkel eines Schrankes noch ein paar Sachen, die man eben braucht, wenn das weisse Zeugs vom Himmel fällt. Für die schlimmsten Härtefälle gibt’s ja noch den Ausverkauf. Und wir kommen auch ohne Auto aus für ein paar Tage. Gänzlich ausgeliefert sind wir also nicht.

Ich bin aber auch nicht bereit, wieder voll und ganz zum Winterglauben zurückzukehren, denn allzu lange wird die Klimaerwärmung sich ja wohl nicht zurückhalten können. Darum habe ich mir trotz Schneematsch nichts von dem warmen, gefütterten Zeugs für die Füsse gekauft, sondern die hier (Mit Karlssons Segen übrigens. Er meinte, es wäre peinlich, wenn eine wie ich plötzlich mit schwarzen Schuhen an den Füssen daherkommen würde.):

Gummistiefel; Tamar Venditti

Weihnachtsruhe

Drei kleine bis mittelgrosse Söhne, deren Weihnachtswünsche trotz der Sache mit dem falsch gelieferten Paket noch in Erfüllung gegangen sind. Drei ziemlich herausfordernde Lego-Modelle, die diese drei kleinen bis mittelgrossen Söhne voll und ganz beschäftigt halten und ausserdem am Streiten hindern. Zwei Teenager, die einander gegenseitig unterhalten. Zwei ziemlich faule Eltern, die nicht viel mehr vom Leben wollen als ein wenig Zeitungsnachlese, Downton Abbey und Grüntee-Cupcakes.

Wäre da nicht die Verwandtschaft aus dem Süden, die einen auf Trab hält, könnten wir glatt auf die Idee kommen, uns zu entspannen.

sale e fungo

sale e fungo; prettyvenditti.jetzt

Das finde ich jetzt irgendwie nicht witzig

Natürlich fand ich es sonderbar, dass sich der FeuerwehrRitterRömerPirat und der Zoowärter das gleiche Lego-Paket zu Weihnachten wünschen. „Ist doch total langweilig“, sagte ich, „wenn jeder etwas anderes hat, könnt ihr doch viel spannendere Dinge spielen.“ Als keiner der beiden einlenken wollte, erinnerte ich den Zoowärter an seinen Geburtstag im Januar. „Falls du es bis dann immer noch unbedingt haben willst, kannst du es dir ja dann wünschen.“ Beide Jungs blieben hart und weil ich nicht hart bleiben kann, wenn zwei Jungs mich mit samtweichen Augen ansehen, bestellte ich schliesslich zweimal die gleiche Lego-Packung. Ich bezahlte sie auch sogleich artig und bekam kurz darauf die Bestätigung, meine Bestellung sei angekommen, die Bezahlung ebenfalls, das Paket mit den zwei identischen Geschenken befinde sich auf dem Weg zu mir. Ein paar Tage später war es dann tatsächlich da, der Lieferschein bestätigte mir erneut, dass meine beiden Söhne unter dem Tannenbaum vollkommen identische Geschenke vorfinden würden.

Ach, wäre ich doch misstrauisch gewesen und hätte sogleich überprüft, ob sich das, was man mir mehrmals schriftlich bestätigt hatte, auch wirklich im Paket befand. Ich war nicht misstrauisch, sondern gutgläubig, denn ich gehe immer noch davon aus, dass jemand, der vollkommen korrekte Bestätigungsmails und Lieferscheine schreibt, auch in der Lage ist, den Inhalt einer Schachtel zu überprüfen, bevor er sie zuklebt und versendet. Als mich heute Abend „Meiner“, der die Geschenke einpacken wollte, mit grossem Erstaunen fragte: „Hast du unseren Kindern Harry Potter-BluRays zu Weihnachten bestellt?“, glaubte ich deshalb erst einmal, er erlaube sich mal wieder einen seiner grenzwertigen Scherze. „Ich bin nicht in Stimmung für blöde Witze“, gab ich deshalb zurück, aber es war kein blöder Witz, da waren tatsächlich zwei Harry Potter-BluRays, aber nur eine der heiss begehrten Lego-Schachteln. Diese Schachteln, die dieses Jahr nicht nur von meinen Söhnen heiss begehrt sind, sondern von ziemlich jedem Jungen zwischen sieben und elf Jahren, was bedeutet, dass ich am 24. Dezember nicht ganz gemütlich die abendliche Feier vorbereite, sondern in überheizten Geschäften  – vermutlich erfolglos – nach der Lego-Packung suche. 

Und ich habe heute doch tatsächlich zu „Meinem“ gesagt, wir seien noch nie so gut vorbereitet gewesen…

pugno colorato

pugno colorato; prettyvenditti.jetzt

Kommunikationswege

Die eine Schwester ist WhatsApp. Ein wenig Facebook auch, aber nicht zu viel. 

Die andere Schwester ist auch WhatsApp, hat sich aber noch nicht ganz vom SMS verabschiedet. Facebook ist sie übrigens auch, aber eher so die „Gefällt mir“-Userin. Dafür ist ihr Mann so ziemlich Facebook. 

Die dritte Schwester ist weder noch, notfalls erreicht man sie per Telefon oder Handy, aber nur, wenn man ihre Nummer kennt. Sonst halt die Hoffnung, dass man sich zufällig mal in der Migros über den Weg läuft.

„Meiner“ ist vor allem Facebook, aber auch Twitter, Blog, ein bisschen Instagram, ziemlich viel Mail und falls man Glück hat auch mal SMS, wenn er dran denkt, das Handy mitzunehmen. WhatsApp aber nicht, dazu taugt sein vorsintflutliches Handy nicht.

Karlsson ist Facebook. WhatsApp vermutlich auch, aber nicht mit mir. Instagram auch.

Luise wäre WhatsApp, wenn sie denn nicht aus hier ungenannten Gründen das Handy hätte abgeben müssen.

Der FeuerwehrRitterRömerPirat wäre gern Mail, aber er musste – aus ebenfalls hier ungenannten Gründen – den iPod abgeben.

Meine Mutter ist „Begegnung im Treppenhaus“; falls man gerade einen Käfer hat, den man nicht weitergeben möchte, auch Telefon. (Bei diesen Gelegenheiten besprechen wir dann, was zu tun ist, wenn ihr iPad mal wieder aus dem Internet ausgestiegen ist und sie kein youtube mehr schauen kann.) 

Ein Bruder ist Facebook, aber nie drin und wäre wohl eher der Handy-Benutzer, wenn ich denn seine Nummer hätte. Der andere ist WhatsApp, der Dritte ist hmmmm, was eigentlich? Keine Ahnung, aber seine Kinder sind WhatsApp und müssen ihm halt hin und wieder Nachrichten weitergeben. 

Der Vater ist Facebook und Telefon, seine Frau ist eher so der SMS-Typ. 

Die zahlreichen Neffen und Nichten sind vorwiegend WhatsApp, einige auch Facebook, ein paar noch zu jung, um irgend etwas zu sein. 

Ich bin Blog, Facebook und Mail, theoretisch auch SMS und WhatsApp, aber wo um Himmels Willen ist schon wieder mein Handy?

Eigentlich erstaunlich, dass wir es doch immer irgendwie hinkriegen, uns an Weihnachten zu sehen.

sono morto

sono morto; prettyvenditti.jetzt

Zahltag

Kaum öffnet sich der Schalter, steht auch schon die Krankenkassenprämie da, massig und vorlaut, meist in Begleitung von ein oder zwei Arztrechnungen, die auch nicht gerade durch Zartheit auffallen. Dicht hinter der Krankenkassenprämie baut sich die Steuerrechnung auf, breitbeinig und dominant. „Platz da! Mich hat man schon letzten Monat warten lassen, diesmal komme ich zuerst“, donnert sie, so dass es alle hören können, doch die Krankenkassenprämie denkt nicht im Traum daran, ihre Spitzenposition in der Warteschlange preiszugeben. „Und was ist mit mir?“, meldet sich entrüstet die Pellets-Rechnung zu Wort, auch sie nicht gerade zart gebaut, aber doch immerhin etwas weniger bullig als die zwei Streithähne, die nun angefangen haben, sich gegenseitig zu schubsen. Die Rechnung für die Dritte Säule fängt ebenfalls an zu stänkern. Auch ihre Grösse ist nicht gerade beeindruckend, aber weil sie schon letztes Mal im Trubel untergegangen ist, will sie jetzt sichergehen, dass sie nicht schon wieder vergessen geht. Die Mietzinsrechnung lehnt derweilen demonstrativ gelangweilt an der Wand und beobachtet das Treiben mit süffisantem Grinsen auf dem Gesicht: „So ein Dauerauftrags-Privileg hat halt schon seine Vorteile“, sagt sie zur Rechnung für die Instrumentenmiete, die zufrieden lächelnd daneben steht und an einem Latte Macchiato nippt. „Sieh mal, die Kleinen kommen. Das wird lustig“, sagt sie.

Tatsächlich fangen die kleinen, wendigen Kleinkramrechnungen an, sich vorzudrängen. Telefon, Strom, Wandkalender, Bio-Kiste, Zeitschriftenabo, Kinderkleider – sie alle und noch einige mehr stürmen an den Grossen vorbei auf den Schalter zu und werden eine nach der anderen mit einem netten Lächeln behandelt. Erst, als auch die mikroskopisch kleine Rechnung für die Dreikönigskronen an die Reihe gekommen ist, dämmert den Grossen, dass da einige Winzlinge schneller waren als sie. Die Steuerrechnung bekommt einen Tobsuchtsanfall und packt eine der Minirechnungen, die sich nicht schnell genug aus dem Staub machen konnte, am Kragen. „Was fällt dir eigentlich ein, du…du…du…elendes Würstchen du. Wart nur, dich mach‘ ich fertig!“, donnert sie und merkt nicht, dass die Krankenkassenrechnung und die anderen Drängler sich derweilen seelenruhig am Schalter abfertigen lassen. Schliesslich steht sie als Letze noch da, einmal mehr mit abgesägten Hosen, denn die Schalterbeamtin lächelt bedauernd und sagt: „Tut mir Leid, wären Sie etwas früher gekommen, dann hätte ich Sie noch komplett abfertigen können, doch leider ist inzwischen nicht mehr genug da für Sie. Sehen Sie, irgendwie müssen wir auch noch Essen auf den Tisch bringen. Ich hoffe, es macht Ihnen nichts aus, wenn ich Sie halbiere und Ihre zweite Hälfte nächsten Monat drannehme.“

sress

stress; prettyvenditti.jetzt

Sitzungsvorfreude

Kein entrüstetes Augenrollen und „Du bist ja soooooo unfair“-Gebrüll, kaum öffnest du deinen Mund.

Niemand neben dir, der sich mit seinem Tischnachbarn um das letzte Stück Brot zankt und am Ende im Zorn einen Löffel durch die Gegend wirft. 

Keiner, der stur vor sich hinstarrt und die Lippen zusammenkneift, wenn du ihn etwas fragst. 

Keine, die auf den Tisch klettert, um vorzuführen, wie man – was eigentlich macht? Fällt mir gerade auf, dass ich noch immer nicht herausgefunden habe, warum sie dort oben war, umringt von ihren staunenden Brüdern.

Keine Diskussionen wie die hier: „Papier ist Holz.“ „Nein, ist es nicht. Papier ist Papier.“ „Aber es ist aus Holz gemacht, also ist es Holz.“ „Nein, ist es nicht. Sieh doch, es ist weiss. Das kann kein Holz sein.“ „Es ist aber Holz weil es aus Holz gemacht ist.“ „Ist es nicht.“ „Ist es doch.“ „Ist es nicht.“ „Ist es doch und wenn du mir nicht endlich glaubst, werfe ich dir diesen Schuh an den Kopf.“

Niemand, der mit den Fingern in der brennenden Kerze herumstochert und Mitleid einfordert, wenn es den Fingern zu heiss geworden ist. 

Keiner, der dich so sehr zur Weissglut treibt, dass du dich nicht mal mehr für dein Herumbrüllen schämst. Wie, um alles in der Welt, hättest du nach dem hunderttausendsten „Nein!!!!!“ noch ruhig bleiben sollen?

Niemand der herzzerreissend schluchzt, wenn du fragst: „Hast du deine Zähne geputzt?“

Kein Gerenne um den Esstisch. Kein Gezappel. Kein Gebrüll. Kein Petzen. Kein Gejammer über verpatzte Prüfungen. 

Einfach nur zivilisierte Konversation mit Menschen, die denken, ehe sie antworten und das einen ganzen Freitag lang. 

Noch selten habe ich mich so sehr auf eine ganztägige Sitzung gefreut, wie in dieser vollkommen irren Vorweihnachtszeit, in der ich mich immer öfter frage, ob ich mich denn ins Affenhaus im Zoo verirrt habe. 

Pädagogisch inkorrekt

Noch selten habe ich die Sache mit den Zimtsternen, Mailänderli und Spitzbuben so lange vor mir hergeschoben wie dieses Jahr. Dabei hätte ich durchaus Lust zum Backen. Was ich aber nicht habe, ist Lust, mit den Kindern in der Küche zu stehen. Ich hab die Nase voll von diesemWaschdirzuerstdieHändeund stecknichtandauernddieFingerindenMundzuerstbekommterdenEngel-AusstecherdannduHimmelmachtnichtsoeineSauereiesstnichtzuviel
rohen
TeigsonstbekommtihrBauchwehMistjetztistschonwieder
allesangebrannt!
Ich will mir nicht anhören müssen, meine Matcha-Sablés seien viel zu herb und zu wenig süss, will nicht erklären, wie man Eier trennt, will nicht der Tradition zuliebe das Zeug machen müssen, das man zu Weihnachten eben so macht, sondern ausprobieren, was wir noch nicht kennen. Für einmal wünschte ich mir, ich wäre eine jener auf Sauberkeit bedachten Mütter, die ihre Kinder nicht in die Küche lassen, weil sie die Sauerei fürchten. Ich möchte die Fähigkeit besitzen, meine feste Überzeugung auszuschalten, die da lautet: „Kinder sollen am Herd experimentieren dürfen. Nur so bekommen sie Freude am Kochen.“ Ja, ich habe mich gar beim Gedanken ertappt, meine backwütigen Kinder mit ein oder zwei Paketen Fertigteig abzuspeisen und abends im Geheimen ganz für mich alleine eine zünftige Backorgie zu veranstalten. 

Mir ist selbstverständlich bewusst, wie pädagogisch inkorrekt solche Gedanken sind und darum werde ich morgen – oder übermorgen, vielleicht auch erst am Samstag – mit den Kindern die obligaten Weihnachtsguetzli backen. Heute Nachmittag aber, als fast alle aus dem Haus waren und das Prinzchen der Grossmama einen Besuch abstattete, packte ich die Gelegenheit beim Schopf und tobte mich ganz egoistisch alleine in der Küche aus. Zu meinem grossen Erstaunen haben die Kinder nicht mal gemotzt, dass ich ohne sie angefangen habe.

Ich glaube fast, die Matcha-Sablés sind süss genug geworden. 

carne povera

carne povera; prettyvenditti.jetzt

 

Absolut

Eigentlich ist das heutzutage ja sehr verpönt, aber für einmal tue ich es trotzdem: Ich behaupte, im Besitz der allein seligmachenden Wahrheit zu sein. Nur in Sachen Läuse, sonst nicht, aber in diesem Bereich dulde ich keinen Widerspruch mehr. Nach drei erfolglosen „Geben Sie mir das Beste, was Sie gegen Läuse haben“-Kuren gibt es für mich nur noch zwei Methoden, um die Biester loszuwerden.

1. Die FeuerwehrRitterRömerPiraten- und Zoowärtermethode, die da heisst: Haare millimeterkurz abrasieren, Bettwäsche noch einmal gründlich waschen und fertig. Okay, diese Methode funktioniert nur, wenn man eine Freundin hat, deren Kinder mit gutem Beispiel vorangehen und die den Jungs in den schlimmsten Farben ausmalen kann, was die Parasiten auf dem Kopf alles treiben (Ich glaube, beim FeuerwehrRitterRömerPiraten war es der Satz: „Stell dir vor, die Biester haben Sex auf deinem Kopf“, der ihn dazu bewogen hat, sich von seiner Haarpracht zu trennen.). Diese Methode hat auch den Nachteil, dass sentimentale Naturen wie der Zoowärter noch Tage nach der Kopfrasur den Haaren nachtrauern, aber da muss man durch, wenn man irgendwann wieder läusefrei sein will.

2. Die Prinzchen- und Luisemethode
Dieser Weg ist eindeutig beschwerlicher als der erste, aber es gibt nun mal Menschen, die sich dem Kahlschlag auf dem Kopf stur verweigern. Die müssen dann halt damit leben, dass man ihnen eine Tube voller Mayonnaise aufs Haupt drückt – was gewissen genervten Müttern ein fast schon krankhaftes Vergnügen bereitet. Das schmierige Zeug wird tüchtig einmassiert, dann kommt über Nacht eine Haube drauf. Am nächsten Tag geht’s weiter mit einer Essigspülung, stundenlangem Auskämmen und viel Geschrei, weil viele tote Läuse im Kamm zu finden sind. (Zumindest, wenn man Prinzchen heisst, bei Luise stellte sich der ganze Aufwand als unnötig heraus. Eine Prinzchen-Mähne, auf der sich die Läuse austoben können, bietet offenbar ausreichend Schutz für Luises gut gepflegte Haarpracht.) Dann Tag für Tag mit Essig auskämmen, noch einmal eine Portion Mayonnaise, noch einmal Essig, dann sind die Kinder läusefrei und könnten glatt in der Salatschüssel landen. 

Dies also wären sie, die einzigen wirksamen Anti-Laus-Methoden. Dass mir also keiner daherkommt und behauptet, es gebe noch einen dritten Weg. 

rosehip; Gianluca Venditti

Beweismaterial

Vielleicht sollten auch Nostalgiker wie ich sich hin und wieder von altem Ramsch trennen. Zumindest diesen Mathe-Ordner aus der Oberstufe hätte ich wohl besser entsorgt, anstatt ihn in einem Anfall von „Eines Tages kann man den vielleicht wieder brauchen“ zuhinterst im Estrich zu versorgen. Heute nämlich hat ihn der Zoowärter ausgegraben und jetzt glaubt mir natürlich keiner mehr, dass der Matheunterricht eine reine Qual war. „Aber Mama, in dem Ordner hat’s ja überall Disney-Bildchen drin“, sagen sie jetzt und wollen mir nicht glauben, dass das alles nur Zuckerguss war, um eine bittere Pille schmackhafter zu machen? So wie die Eisentabletten, die ich in der Schwangerschaft jeweils schlucken musste: Aussen pink und zuckersüss, innen rabenschwarz und bitter.

Und das ist noch nicht mal das Schlimmste an der Sache. Jetzt können die nämlich alle sehen, dass mein Lehrer, der im persönlichen Umgang eine absolute Niete war, wirklich ganz verständliche Erklärungen schreiben konnte. Hätte ich mir je die Mühe genommen, seine Ausführungen zu lesen, wäre mir vielleicht sogar das eine oder andere Licht aufgegangen. Aber ich las natürlich nicht, denn der Lehrer hatte mir schon bald einmal zu verstehen gegeben, das mit mir und der Mathematik werde nie etwas, es sei denn, ich würde einen Therapeuten aufsuchen. Eine Aussage, die zu jenen Zeiten noch ein absoluter Affront war, denn Therapie war etwas für die hoffnungslosen Fälle. Und überhaupt: In meiner Familie konnte keiner rechnen, warum also sollte ausgerechnet ich das Zeug verstehen?

Aber ich schweife ab. Eigentlich wollte ich sagen, dass meine Familie mir jetzt natürlich nicht mehr glaubt, wenn ich erzählen will, wie sehr ich gelitten habe in der Schule. „Aber du hättest doch nur diesen tollen Ordner studieren müssen, dann hättest du es bestimmt verstanden“, werden sie sagen. „Würde man mir das Zeug auf diese Weise näher bringen, ich würde bestimmt mehr lernen“, werden sie behaupten. „Du hast gesagt, dein Lehrer sei eine Katastrophe gewesen, aber du hast ganz offensichtlich übertrieben“, werden sie mir vorwerfen. Und das nur, weil der Ordner so viel besser als der Unterricht war.

Einen Vorteil hat es allerdings, dass ich diesen Ordner nicht weggeschmissen habe: Meine Kinder haben jetzt ganz viele Algebra-Arbeitsblätter, vollkommen unberührt und ungelöst. Denn wie ich beim Durchsehen des Materials festgestellt habe, habe ich damals nicht nur die Prüfungsblätter jeweils blütenweiss zurückgegeben, auch die Hausaufgaben blieben frei von meinen Buchstaben.  

Einzig Donald Ducks Schnabel habe ich hin und wieder ausgemalt. 

Kleiner Nachtrag

Inzwischen ist ein weiterer Vorteil aufgetaucht. Für meine Teenager habe ich jetzt nämlich so etwas wie eine wilde Vergangenheit: „Echt, Mama? Du hast deine Matheaufgaben nie gemacht und hast keinen einzigen Eintrag bekommen? Voll krass!“

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