Glückseligkeitshäppchen

Zuweilen bietet auch der grauste Alltag das eine oder andere Häppchen Glückseligkeit. Zum Beispiel wenn…

…du beim Waschen – für einen kleinen Moment zwar nur, aber immerhin – den Boden des Wäschekorbs siehst. Okay, übertreiben wir’s nicht: Den Boden von einem der vielen Wäschekörbe, aber man muss nehmen, was man bekommen kann.

…du ohne lang zu suchen dein Uralt-Handy aufspürst, den PUK ohne Wartezeit in der Warteschlaufe wieder bekommst und du fröhlich dein eben gewonnenes Fairphone in Betrieb nehmen kannst.

…du unbemerkt einen ganzen Rettich in der Gemüsesuppe verschwinden lassen kannst. Das Hochgefühl, das du empfindest, wenn der FeuerwehrRitterRömerPirat genüsslich schmatzend vor sich hin löffelt und dreimal nachschöpft, ist durch keine Droge dieser Welt hinzukriegen (Nicht dass ich in diesem Bereich allzu viel Erfahrung vorweisen könnte, aber wer braucht denn schon Drogen, wenn er Kinder hat, die mit Genuss drei volle Teller „Ätsch, wenn ihr wüsstet, dass es hier Rettich drin hat“-Suppe in sich hinein schaufeln?).

…die Katze nicht bemerkt, dass die Kinder den Frischkäse offen haben stehen lassen.

… die drei Kinder, die derzeit am meisten Chaos verursachen, den ganzen Samstag ausser Hause sind. Und dies sogar an einem dieser elenden Samstage, an denen „Deiner“ Kurs hat und du nicht die geringste Lust verspürst, den Karren alleine durch den Dreck zu ziehen. (Ja, ich schreibe mit Absicht „durch“den Dreck, denn die Sache mit „aus dem Dreck“ schiebe ich mir für die Pensionierung auf.)

…es für einen Moment lang so still ist im Haus, dass du deinen eigenen Brummschädel, der mal wieder zu wenig Schlaf abbekommen hat, brummen hörst.

IMG_5309

Billig

Seitdem il Cugino Anfang Jahr aus Süditalien zu uns gezogen ist, bekommen wir hautnah mit, wie das läuft mit den billigen Arbeitskräften aus dem europäischen Ausland. Nämlich so: Einen Job finden sie sofort, der Druck, von Anfang 100 % zu arbeiten, ist gross und es braucht ziemlich viel Mut, zu tun, was il Cugino getan hat. Er hat nämlich darauf bestanden, nur Teilzeit zu arbeiten, damit er Zeit hat, intensiv Deutsch zu lernen. Der Vertrag ist auf ein halbes Jahr befristet, nach drei Monaten gibt’s eine bescheidene Lohnerhöhung, am Ende der sechs Monate wird das Arbeitsverhältnis beendet, auch wenn genügend Arbeit da wäre und der Angestellte gerne bleiben würde. Neue Einwanderer übernehmen den Job, die „Alten“ ziehen weiter zur nächsten Stelle, denn so ist es für den Arbeitgeber am billigsten. Ein neuer Job ist schnell gefunden, manchmal rasend schnell. Ein Anruf kurz vor Mittag: „Können Sie in einer Stunde anfangen? Gut. Dann bringen Sie Ihre Papiere und die Sicherheitsschuhe mit. Wenn Sie Ihre Sache gut machen, gibt’s vielleicht eine längere Anstellung, sonst sicher mal bis Ende dieser Woche.“

Il Cugino denkt nicht im Traum daran, sich über diese Arbeitsbedingungen zu beklagen. Lieber so, als zu Hause in Süditalien in der Bar rumzuhängen und überhaupt keine Perspektive zu haben. Lieber müde sein vom Knochenjob, als lethargisch vom Nichtstun. Lieber ein Putzfrauenlohn, als mit 25 noch von den Eltern abhängig sein. Lieber in einem kalten, fremden Land leben, als dabei zusehen müssen, wie die eigene Heimat immer mehr vor die Hunde geht.

Il Cugino ist zu Recht stolz auf das, was er in weniger als einem Jahr erreicht hat. Seine Freunde in Italien beneiden ihn, können aber nicht ganz verstehen, warum er das alles auf sich nimmt. Ist doch viel bequemer, nichts zu tun und über den Staat zu lamentieren.

Die Schweizer, die il Cugino kennen, mögen ihn. So ein feiner Kerl, anständig, fleissig, freundlich und anpassungswillig.

Die Schweizer, die ihn nicht kennen, sehen in ihm eine Bedrohung. Noch so einer, der hierher kommt. Dass kaum ein Schweizer bereit wäre, so zu arbeiten, wie il Cugino es tut, bedenken sie nicht. Dass sie selber ihre Sachen packen und auswandern würden, wenn ihr Land ihnen keine Perspektive böte, können sie sich nicht vorstellen. Dass ihre eigenen Vorfahren das Gleiche getan haben wie il Cugino, als die Zeiten hier schlecht waren, wollen sie nicht sehen. Oder wenn sie es sehen, behaupten sie dreist: „Aber Amerika war nicht besiedelt damals. Meine Urgrosseltern haben niemandem etwas weggenommen.“

Die Schweizer fürchten sich vor einem jungen Mann, der sich dazu entschliesst, sein Glück dort zu suchen, wo er es am ehesten zu finden glaubt. Sie fürchten sich nicht nur, sie empfinden auch Wut. Ein ganz klein wenig kann ich die Wut nachvollziehen, aber diese Wut richtet sich gegen den Falschen. Wenn wir auf jemanden wütend sein sollten, dann auf die Unternehmer, die den Umstand, dass viele Menschen in ihrem eigenen Land keine Zukunft mehr sehen, schamlos ausnützen. Es ist nicht il Cugino, der die Löhne nach unten drückt. Es liegt nicht an ihm, dass die Firmen lieber billige Temporärstellen als teure Feststellen anbieten. Er kann nichts dafür, dass manche lieber Migranten einstellen, weil die für jeden Knochenjob dankbar sind und nicht aufbegehren, wenn sie wie Spielfiguren herumgeschoben werden.

Will man il Cugino wirklich einen Strick daraus drehen, dass er sich das klaglos bieten lässt, weil er einfach nur froh ist, überhaupt arbeiten zu dürfen?

IMG_1777.JPG

Verquatschte Zeit

So langsam beginne ich, Besuche bei der Dentalhygienikerin zu fürchten. Dies nicht etwa, weil es meinen Zähnen schlecht ginge oder weil die Dame so grob mit ihnen umgeht. Es ist die Dame selbst, die mir Furcht einflösst. Da liege ich auf diesem Stuhl, den Mund weit aufgesperrt in der Erwartung, dass sie jetzt gleich nachsehen wird, wie es meinen Zähnen geht, doch stattdessen legt sie los mit ihrem Gequatsche. Ob ich in den vergangenen Jahren ein paar Kinder geboren hätte, will sie wissen. Ja, natürlich, ein paar schon, antworte ich. Fünf, um präzise zu sein und ich glaube, damit sei die Frage nach meinem schwindenden Knochen beantwortet und ich könne jetzt endlich meine Zähne zeigen.

Aber meine Zähne interessieren sie jetzt nicht mehr, sie will wissen, wie das so ist mit einer Grossfamilie. Widerwillig gebe ich ein paar der üblichen Banalitäten von mir – mit der Zeit hat man sie drauf, diese Floskeln -, doch sie unterbricht mich bald einmal. Erzählt mir, wie das heute so ist, mit einer Grossfamilie. Kein Problem mehr ist das, die Kinder sind ja alle den ganzen Tag in der Schule, da hat man kaum mehr etwas zu tun mit ihnen. Grosseltern braucht man heutzutage ja auch nicht mehr, es gibt Krippen. Ich könne froh sein, dass ich nicht mit der Schwiegermutter zusammenleben müsse, das hätten die Mütter früher nämlich noch tun müssen. Ich versuche, einen Einwand einzubringen, weil es mich nun doch etwas fuchst, dass sie – die durchblicken lässt, dass sie kinderlos ist – zu wissen glaubt, wie mein Leben aussieht. Doch mein Einwand löst nur einen neuen Redeschwall aus. Die Schweiz nicht familienfreundlich? Des sieht sie ganz anders als ich. Den Familien geht es prächtig hierzulande. Wenn die Familien bescheidener wären, müssten auch nicht Vater und Mutter zur Arbeit gehen. Ferien? Genügend Wohnraum? Alles überbewertet. Sie ist auch ohne gross geworden, hat ihr auch nichts geschadet. Diese Eltern haben aber auch immer so viele Ansprüche. Das Einzige, was sie an der Familienpolitik stört, ist dass sie, die doch Vollzeit arbeitet, nach der Pensionierung weniger AHV haben wird, weil sie verheiratet ist. Alles andere ist bestens. 

Jetzt, wo das geklärt ist, kann sie sich endlich meinen Zähnen widmen. Die Sache ist schnell abgehakt. Zwei Röntgenbilder, ein bisschen Zahnstein, ein bisschen polieren, oder wie die das nennen, dann ist es erledigt. Doch offenbar hat die Frau noch nicht genug Dampf abgelassen, darum kommt sie noch einmal auf das Thema Grossfamilie zurück. Sie muss da noch etwas loswerden bezüglich Blockzeiten. Ist doch wirklich viel einfacher geworden heute, wo die Kinder den ganzen Morgen in der Schule sind. Ihre Mutter musste jeweils noch den ganzen Morgen zu Hause bleiben, weil jeder einen anderen Stundenplan hatte. Währenddem ich noch überlege, ob ich ihr jetzt lieber von meiner Schwester erzählen soll, die Kinder und Beruf noch immer ohne Blockzeiten jonglieren muss, oder ob ich ihr sagen soll, dass es trotz Blockzeiten kaum einen Schultag in meinem Leben gibt, der so verläuft, wie er auf dem Stundenplan steht, hüpft sie weiter zum nächsten Thema. Ich hätte da mal einen Termin vergessen, sagt sie vorwurfsvoll. Ja, so etwas könne in meinem Alltag halt mal vorkommen, es sei halt… Weiter lässt sie mich nicht kommen. Einen Terminplaner müsse ich mir anschaffen, einen richtig Grossen, den ich mir an die Wand hänge, in den ich alle Termine eintrage. Nein, nein, auf gar keinen Fall die Termine auch noch elektronisch eintragen. Nur im Planer an der Wand, dann bekäme ich das schon in den Griff…

Wie gerne hätte ich der Dame gezeigt, dass ich nicht nur gesunde Zähne mit schwindendem Knochen habe, sondern dass ich auf diesen gesunden Zähnen mit schwindendem Knochen ganz schön viele Haare wachsen lassen kann, wenn es die Situation erfordert. Ich habe es dann bleiben lassen, denn zu Hause wartete der wahre Alltag einer Grossfamilie mit Home Office und dieser Alltag reagiert äusserst sensibel auf sinnlos verquatschte Zeit.  

img_5025

Gründungssitzung der „IG für eine familienfreundliche Schweiz“

Remo Largo, der Mann, den viele von uns Eltern wie einen Halbgott verehren, hat etwas gesagt, was ich in letzter Zeit auch immer wieder gedacht habe: Frauen sollten aktiv für eine familienfreundlichere Schweiz kämpfen, insbesondere jetzt, wo sie auf dem Arbeitsmarkt wieder gefragt seien. Genau dies habe ich mir in letzter Zeit auch immer wieder durch den Kopf gehen lassen. Na ja, fast genau dies, denn in meinem Gedankenspiel wären es nicht nur die Mütter, die sich für eine familienfreundlichere Schweiz stark machen sollten, sondern auch die Väter, denn die hängen da auch mit drin. „Was wir wohl alles bewegen könnten, wenn wir…“, dachte ich einen kurzen Moment lang, doch diesen Gedanken wischte ich sofort wieder beiseite, denn in meiner Fantasie stieg die Vorstellung auf, wie die erste Sitzung dieser neuen Elternbewegung ablaufen könnte:

Sitzungsleiterin (SL): „Herzlich willkommen zur ersten Sitzung unserer ‚Interessengemeinschaft für eine familienfreundliche Schweiz‘ Wir sind zusammengekommen, weil es die Politik bis anhin nicht geschafft hat, die Lebensumstände von uns Familien nachhaltig zu verbessern. Nehmen wir zum Beispiel das Dauerthema Mutterschaftsurlaub…“

Ein junger Vater, Typ „Neuer Mann“ unterbricht die SL: „Ich will doch hoffen, dass wir dabei auch gleich den Vaterschaftsurlaub thematisieren. Einfach lächerlich, was die Schweiz in diesem Bereich zu bieten hat. (Er kramt in seinen Unterlagen.) Ich habe da einen interessanten Bericht über die wirtschaftlichen Auswirkungen des Vatersch…“

SL, unterbricht ihn: „Entschuldigen Sie bitte, wenn ich Ihnen das Wort abschneide, aber soweit sind wir noch nicht. Natürlich muss das Thema Vaterschaftsurlaub ganz weit oben auf unserer Liste stehen, wenn Sie mich aber vielleicht erst einmal meine Begrüssungsworte zu Ende reden lassen. Also, wo war ich? Ja, genau…nehmen wir zum Beispiel das Dauerthema Mutterschaftsurlaub…“

Eine gestandene Mutter um die Vierzig fällt ihr ins Wort: „Möchten Sie damit sagen, dass Familienfreundlichkeit für Sie vor allem bedeutet, die Frauen so rasch als möglich wieder zurück ins Berufsleben zu schleusen? Ich möchte betonen, dass ich hier nur mitmache, wenn die Anliegen der Mütter, die freiwillig zu Hause bleiben, ebenso ernst genommen werden wie die Anliegen der berufstätigen Mütter.“

SL: „Nein, das möchte ich damit nicht sagen. Ich möchte eigentlich noch gar nichts weiter sagen, als dass das Thema Mutterschaftsurlaub eines der vielen Beispiele ist, das zeigt, wie schwierig es ist, in der Schweiz in Sachen Familienpolitik etwas zu bewegen…“

Junge Mutter mit Baby im Tragetuch, vermutlich leicht esoterisch angehaucht: „Wenn wir jetzt schon auf die Schwierigkeiten starren wie das Kaninchen auf die Kobra, werden wir es nicht weit bringen. Ich möchte uns allen Mut zusprechen. Die Geburt unserer Kinder hat Urkräfte in uns freigesetzt, die uns nun auch die Kraft verleihen, dieses geldgierige Land zu verwandeln in ein Land, in dem Kinderlachen den Lärm der Baumaschinen übertönt und in dem…“

Anzugträger mittleren Alters, Typ „Meine Frau hält mir den Rücken frei, damit ich mich auf die Karriere konzentrieren kann“: „Wir sind doch hier keine Selbsthilfegruppe. Wir wollen eine ernst zu nehmende Interessengemeinschaft bilden, die Hand in Hand mit den bürgerlichen Parteien eine wirtschaftsfreundliche Familienpolitik er…“

Ein entrüstetes Raunen geht durch die Runde, die SL stoppt den Redefluss des Anzugträgers: „Ich glaube, wir sind uns alle darin einig, dass diese Interessengemeinschaft nur darum ins Leben gerufen werden musste, weil sowohl Politik als auch Wirtschaft kläglich darin versagt haben, eine kinder- und elternfreundliche Schweiz zu gestalten. Wenn ich jetzt auf meine Eröffnungsworte zurückkommen dürfte… also…nehmen wir zum Beispiel das Dauerthema Mutterschaftsurlaub, den Kampf um bezahlbare Krippenplätze…“

Die gestandene Mutter um die Vierzig räuspert sich: „Wenn das hier darauf hinausläuft, dass Eltern dazu verdonnert werden sollen, ihre Kinder in die Krippe zu geben, bin ich sofort raus hier. Wir Mütter, die auf ein zweites Einkommen verzichten, die unsere berufliche Karriere in den Hintergrund stellen, die Tag und Nacht für unsere Kinder da sind…“

SL, inzwischen leicht gereizt:  „Da interpretieren Sie etwas in meine Worte hinein, was ich nicht gesagt habe…also, wo war ich schon wieder, ach ja, beim Kampf um bezahlbare Krippenplätze… nehmen wir auch das Beispiel der steuerlichen Benachteiligung von verheirateten Eltern…

Eine bis anhin stille Sitzungsteilnehmerin unterbricht die SL forsch: „Und was ist mit uns Alleinerziehenden? Wisst ihr eigentlich, wie hart das Leben ist, wenn man niemanden an seiner Seite hat, bei dem man sich ausheulen kann, wenn die Kinder mal wieder verrückt spielen? Wisst ihr, was es bedeutet, auf Alimente warten zu müssen? Wisst ihr, wie es schmerzt, wenn der Vater sich einen Dreck um seine eigenen Kinder schert? Wisst ihr…

Anzugsträger, entnervt: „Wieder mal die alte Leier der ach so armen alleinerziehenden Mütter. Wenn Sie wüssten, wie viele Väter ich als Anwalt vertrete, denen das Besuchsrecht vorenthalten wird und die jeden roten Rappen ihrer geldgierigen Ex abliefern müssen…“

SL: „Wenn wir jetzt bitte zum Thema zurückkommen könnten…“

Gestandene Mutter um die Vierzig, ignoriert den Einwand der SL: „Was sind wir denn eigentlich hier? Eine Kampfgemeinschaft für jene, die es nicht hingekriegt haben, ihrem Partner treu zu bleiben und den Kindern ein harmonisches Zuhause zu bieten. Also wenn das so ist, bin ich raus hier…“

Blasser junger Mann, knapp zwanzig, meldet sich zum ersten Mal zu Wort, wird aber von den anderen ignoriert: „Mich würde ja noch interessieren, wie wir hier den schwammigen Begriff ‚Familie‘ überhaupt definieren. Ich als Single mit Goldhamster fühle mich trotz meiner Kinderlosigkeit sehr stark als Familie…“

Alleinerziehende Mutter: „Diese Vorurteile sind ja mal wieder typisch. Möchte wissen, wie viel Ihnen Ihre Ehe noch bedeuten würde, wenn der Kerl, der Sie dreimal geschwängert hat, drei Wochen nach der Geburt seines dritten Kindes etwas mit dem Babysitter anfängt…“

Gestandene Mutter um die Vierzig, gehässig: „Wenn man sich keine Zeit nimmt für sie, kommen Männer eben auf solche Gedanken. Vielleicht wenn Sie ihm mehr Bewunderung und Wertschätzung entgegengebracht hätten…“

Anzugträger: „Und vor allem, wenn Sie sich nicht so hätten gehen lassen. Gewisse Frauen sind doch einfach selber Schuld, dass sie sitzen gelassen werden…“

Mutter mit Tragetuch-Baby: „Hören wir doch auf, einander mit Vorwürfen einzudecken. Wir alle sind Mütter und Väter, wir alle haben diese unendliche Kraft in uns, die Schweiz zu verändern. Ich schlage vor, wir fassen uns jetzt alle bei den Händen und…“

SL, aufgebracht: „Nichts da, wir fassen uns nicht bei den Händen, wir tun überhaupt gar nichts mehr, die Sitzung ist aufgehoben. In meinen Eröffnungsworten hätte ich eigentlich darauf hinweisen wollen, dass es noch unglaublich viel zu tun gibt, um die Schweiz zu einem Land zu machen, in dem es allen Familien – egal ob traditionell, alleinerziehend, berufstätig oder was auch immer – besser geht. Doch wie ich sehe, schaffen wir es nicht einmal, diese Tatsache festzuhalten, ohne einander an die Gurgel zu gehen. Somit erkläre ich das Projekt ‚Interessengemeinschaft für eine familienfreundliche Schweiz‘ für gescheitert.“

SL verlässt den Raum, ohne dass dies die anderen Sitzungsteilnehmer bemerken. Man munkelt, die anderen hätten weiter gestritten, bis der Wirt – ein vierfacher Vater, der das Sitzungszimmer für den ehrenwerten Zweck gratis zur Verfügung gestellt hatte – die Polizei aufgeboten habe, um den Saal räumen zu lassen. 

IMG_5150

Wachsendes Selbstbewusstsein

Motivationsrede an Karlsson, ab einem Alter von fünf Jahren bis kurz vor dem Übertritt an die Oberstufe fast wöchentlich auf diese oder ähnliche Weise vorgebracht:

„Du kannst das, glaub mir. In dir drin steckt so viel, dir fehlt nur der Mut, es zu zeigen. Nur weil die anderen lauthals prahlen, heisst das noch lange nicht, dass sie es auch wirklich besser können als du. Du bist ein feiner Kerl mit viel Fantasie, Humor und spannenden Interessen. Und dass du etwas im Kopf hast, beweisen dien Zeugnisse immer wieder aufs Neue.“

Motivationsrede an Luise, ab einem Alter von fünf Jahren bis Mitte fünfte Klasse regelmässig auf diese oder ähnliche Weise vorgebracht:

„Im Elterngespräch hiess es, du dürftest dich in der Klasse ruhig etwas deutlicher bemerkbar machen. Warum so schüchtern? Zu Hause fehlt es dir doch auch nicht am Mut, zu sagen, was du denkst. Du brauchst dich nicht zu verstecken. Du hast Power und bist nicht nur drauf aus, hübsch auszusehen. Zeig, was du kannst! Wir stehen hinter dir.“

Motivationsrede an den FeuerwehrRitterRömerPiraten, ab Kindergarten bis heute regelmässig auf diese oder ähnliche Weise vorgebracht:

„Trau dich, laut und deutlich zu sagen, was du weisst. Du bist so belesen, hast so viele interessante Dinge in deinem Gedächtnis gespeichert. Du brauchst keine Angst zu haben, dich einzubringen. Und wenn dir einer frech kommt, stell dich ihm entgegen, so wie du dich deinem Gegner im Fechten entgegenstellst. Was auch immer geschieht, wir sind für dich da.“

Rede an den Zoowärter, immer mal wieder vorgebracht, seitdem er in der Schule ist:

„So toll, dass du so viele Freunde hast und dass ihr in der Pause so viel Spass habt miteinander. Ein wunderbares Gefühl, andere zum Lachen bringen zu können, nicht wahr? Aber du gehst nicht nur zum Spass zur Schule, du solltest auch dran denken, die Hausaufgaben mit nach Hause zu bringen. Ich will nicht andauernd Mails von der Lehrerin bekommen.“

„Nun komm mal auf den Boden“-Rede an das Prinzchen, einmal vorgebracht, seitdem er im zweiten Kindergartenjahr ist:

„Okay, du sagst, ihr habt im Landhockey nur wegen dir gewonnen? Wenn du 2 von 19 Toren geschossen hast, ist das natürlich toll, aber die anderen haben auch zum Sieg beigetragen. In einer Mannschaft braucht es mehr als einen, der gut spielt, damit man siegen kann. Ach ja, und dann noch zu deiner Bemerkung, nur der liebe Gott habe mehr Haare als du…“

IMG_3492

Konservative Bande!

Gestern war Kolumnen-Tag und wie so oft begann er damit, dass morgens um acht die Schreibblockade an der Tür klingelte. „Du schon wieder?“, fragte ich entgeistert, als sie vor mir stand. „Wir haben uns doch schon soooooo lange nicht mehr gesehen“, säuselte sie mit Unschuldsmiene und drängte sich rasch an mir vorbei, ehe es mir gelang, ihr die Tür vor der Nase zuzuknallen. „Machst du mir einen Kaffee?“, fragte sie. „Vergiss es“, gab ich unfreundlich zur Antwort. „Wenn ich erst anfange, mit dir Kaffee zu trinken, dann werde ich dich den ganzen Tag nicht mehr los. Von mir aus kannst du mit mir in die Sauna kommen. Hab‘ mir beim Stricken die Schulter verspannt, ich brauche ein wenig Wärme…“ „Ach, was bist du doch gemein!“, protestierte die Schreibblockade. „Du weisst genau, dass ich es in der Sauna nie lange aushalte. Kaum bin ich da drin, muss ich flüchten und dann schleichst du dich davon, um an deinen Texten zu arbeiten.“ Die Schreibblockade sah mich mit traurigem Hundeblick an und fuhr dann fort: „Warum willst du mich immer so schnell als möglich loswerden? Magst du mich etwa nicht?“ „Na ja, wenn ich ganz viel Zeit habe, stören mich deine gelegentlichen Besuche nicht. Aber ich hab‘ nun mal selten Zeit, mit dir rumzuhängen. Meistens gibt es da einen Abgabetermin. Oder das Essen muss auf den Tisch. Oder…“ „Alles faule Ausreden“, unterbrach mich mein ungebetener Gast. „Du magst mich einfach nicht. Punkt. Aber glaub bloss nicht, dass ich mich einfach abschütteln lasse. Heute werde ich die Hitze der Sauna ertragen, das verspreche ich dir…“ 

Wie meistens, wenn sie mir damit droht, bei mir zu bleiben, machte die Schreibblockade ihre Drohung wahr. Sie, die gewöhnlich schon nach fünf Minuten in der Sauna das Weite sucht und mich dem Schreibfluss überlässt, hielt ganze drei Saunagänge durch, ehe sie das Weite suchen musste. Endlich hätte ich ungehindert schreiben können, doch leider musste ich jetzt an den Herd. Natürlich auch später als geplant und darum würde die Suppe nicht rechtzeitig fertig sein und ich würde mir wieder das Gemotze der hungrigen Meute anhören müssen. Darauf hatte ich nach diesem elenden Vormittag mit der Schreibblockade wirklich keine Lust, also beschloss ich, meine Familie mit einem Sauna-Zmittag zu besänftigen. „Hört mal, ihr setzt euch jetzt ein wenig in die Sauna währenddem ich die Suppe fertig mache. Dann kommt ihr hoch, esst eine Portion, kühlt euch ein wenig ab und macht Pause. Dann wieder zurück in die Sauna, wieder ein wenig essen und wenn die Zeit vor der Schule noch reicht, ein dritter Saunagang.“ 

Tolle Idee, nicht wahr? Meine Familie, die mir gewöhnlich in den Ohren liegt, endlich wieder mal die Sauna einzuheizen, sah das anders. Luise motzte, sie wolle doch nachmittags nicht mit nassen Haaren in die Schule gehen. Der Zoowärter wollte zwar in die Sauna, aber „noch nicht jetzt, sondern erst am Nachmittag, wenn ich von der Schule nach Hause komme“. Der FeuerwehrRitterRömerPirat verschanzte sich sofort hinter seinem neuesten Buch und sagte gar nichts. Das Prinzchen hatte noch unverdaute Legosteine und „Meiner“, der sonst keine Gelegenheit zum Schwitzen auslässt, faselte etwas von „viel zu tun heute Nachmittag“. Einzig Karlsson zeigte sich flexibel und wechselte fröhlich zwischen Sauna, Esstisch und Sofa, genau so, wie ich es mir vorgestellt hatte. Der Rest der Familie bestand darauf, das Mittagessen gutbürgerlich und gesittet einzunehmen. Was für eine konservative Bande!

(Und falls mir jetzt jemand sagen möchte, Sauna und Essen gingen nicht zusammen, dann muss ich ihn leider darauf aufmerksam machen, dass Mrs. Perfect mir das schon vor langer Zeit gesagt hat, was mich aber schon damals nicht interessiert hat.)

image21

Dankbar

Als er sich vor sechs Jahren und neun Monaten anmeldete, konnten „Meiner“ und ich uns schlicht nicht vorstellen, wie wir das schaffen sollten. Woher sollten wir die Kraft nehmen für ein fünftes Kind, wo wir doch mit vier schon auf dem Zahnfleisch gingen? Natürlich freuten wir uns über ihn, aber würden wir in unserem gesundheitlich angeschlagenen Zustand in der Lage sein, ihm zu geben, was er brauchte?

Als das Herzchen seines Zwillings schon sehr früh in der Schwangerschaft zu schlagen aufhörte, bekam ich es mit der Angst zu tun. Was, wenn er es auch nicht schaffen würde?

Als ich ihn heute vor sechs Jahren zum ersten Mal in die Arme schliessen durfte, staunte ich über seine Stärke. Keines unserer fünf Kinder hatte im Bauch einer derart gestressten und erschöpften Mama heranwachsen müssen und doch strotzte er vor Kraft. 

Als er noch ganz klein war, machte ich mir Vorwürfe, weil wir uns so viele Sorgen gemacht hatten. Man liest ja immer wieder, so etwas habe negative Auswirkungen auf das Baby.

Als er etwas grösser war, merkten wir bald einmal, dass wir mit einem ausserordentlich fröhlichen Kind gesegnet worden waren. An Selbstbewusstsein schien es ihm auch nicht zu mangeln. Und geliebt wurde er ohnehin von allen in der Familie. Sogar von Luise, die auf gar keinen Fall einen vierten Bruder hätte haben wollen. 

Als er etwa drei Jahre alt war, fing er an zu singen, immer und überall. Er tut es noch heute fast pausenlos.

Als wir heute früh ums Bett herum standen, um ihm sein Geburtstagsständchen zu bringen, überrollte mich eine Welle der Dankbarkeit. Nicht alleine, weil er da ist und unser Familienleben bereichert. Sondern auch, weil unsere Sorgen sich als vollkommen unbegründet erwiesen haben.

Als er heute von Mittag bis kurz vor Mitternacht mit Engelsgeduld an seiner Lego-Polizeistation baute, dachte ich: „Der kleine Kerl weiss genau, was er will und lässt sich durch nichts von seinem Ziel abbringen. Kein Wunder, dass er den ganzen Stress der Schwangerschaft so unbeschadet überstanden hat.“

IMG_4041

Das Dümmste, was mir heute begegnet ist

Werbeaufschrift auf einem Güterwaggon: „Schweizer Zucker. Weil aus der Schweiz“. – Der Spruch klingt ja schon in der (schweizerdeutschen) Fernsehwerbung saublöd, aber auf Schriftdeutsch und dann noch so gross gedruckt, dass man von weither lesen kann, wie beschränkt der Werbetexter war….

Schild bei einer Tankstelle: „Oil – tank & go“ – Wenn schon unbedingt Englisch, dann bitte (bitte, bitte, biiiiiiittttteeee!) korrekt – also mit einem angehängten „up“- , damit man nicht Panzer erwartet, wo Gott sei Dank keine sind. Okay, es könnten auch Aquarien sein, aber was haben die an einer Tankstelle zu suchen?

Das (Un)Wort „Laufbahnregelung“ im Einladungsbrief für den Elternabend der vierten Klasse. Ja genau, der Elternabend der Viertklässler, die jetzt gerade mal etwa zehn oder elf Jahre alt sind. 

Dieser wunderbare Abschnitt in dem Brief, den uns die Kirchen im Dorf haben zukommen lassen, weil zwei unserer Kinder den Religionsunterricht besuchen, obschon wir als konfessionslos angemeldet sind: „Nach Ablauf dieses Schuljahres werden Sie sich gemeinsam entscheiden müssen. Für den Fall, dass Ihre Kinder den ökumenischen Religionsunterricht nicht mehr besuchen möchte (sic!), wünschen wir weiterhin alles Gute. Sollten sie jedoch den ökumenischen Religionsunterricht weiterhin besuchen wollen, dann wird eine Kindermitgliedschaft in der jeweiligen Kirche notwendig sein…“ Und was, bitte sehr, wünschen die uns, falls unsere Kinder sich Ende Schuljahr dazu entscheiden, reformiert oder katholisch zu werden? Pest und Cholera, weil wir uns weigern, gemeinsam mit unseren Kindern in die Landeskirche einzutreten? 

Der Zeitungsartikel über den Bildungsdirektor unseres Kantons. Der gute Herr möchte durch Änderungen der „Selektions- und Leistungskriterien“ alles dran setzen, möglichst viele Schüler vom Gymnasium fern zu halten. Könnte ja am Ende noch einer auf die Idee kommen, Intelligenz, gute Noten und eine anständige Arbeitshaltung würden ausreichen, um in die heiligen Hallen der höheren Bildung eingelassen zu werden. 

98% des Sortiments und 73,5 % der Kundschaft in diesem schrecklichen Ami-Spielwarengeschäft, in dem ich heute war. Was ich dort zu suchen hatte? Na ja, sagen wir es so: Das Prinzchen hat am Donnerstag Geburtstag und ich war zufällig gerade in der Gegend, da hat es sich halt so ergeben. Immerhin weiss ich jetzt wieder, warum ich gewöhnlich unter gar keinen Umständen dort einkaufe. 

image18

 

 

Bilderbuch-Prinzchen

Heute in der Stadt: Unzählige weihnachtlich geschmückte Schaufenster, Regale voller Weihnachtskugeln und „Starbucks“ bereits wieder mit den eindeutigen Gewürzen auf dem Kaffee. Irgendwann hat das Prinzchen genug. „Mama, ich will nicht, dass die schon so tun, als wäre Weihnachten“, sagt er traurig. „Erst will ich jetzt mal meinen Geburtstag feiern und dann will ich mich am Herbst freuen. Ich finde es so schön, wenn die Blätter bunt werden. Wenn sie von den Bäumen fallen, kann man mit den Füssen so schön rascheln darin. Und Sachen bauen aus Blättern…Ich will jetzt einfach den Herbst geniessen, der ist so schön… Wie ist das eigentlich mit den Blättern? Wachsen die wieder, wenn sie vom Baum gefallen sind?“

Ach, mein Prinzchen, sag: Bist du echt, oder bist du einem dieser traumhaften Bilderbücher entsprungen?

IMG_1693.JPG

Was ich durch 4 x Open House gelernt habe

Wenn um unseren Esstisch die verschiedensten Menschen, die sich ohne unsere Einladung vielleicht nie begegnet wären, versammelt sind, dann bin ich zutiefst glücklich.

Egal, wie viele Desserts man zubereitet, man wünscht sich jedes Mal, man müsste – und könnte – noch ein paar Dinge mehr machen, weil die Auswahl an verführerischen Rezepten einfach zu gross ist.

Noch nie im Leben ist es mir so leicht gefallen, auf Süsses zu verzichten. Nach so vielen Stunden in der Küche habe ich mich schlicht und einfach sattgerochen.

„Meiner“ und ich arbeiten so reibungslos zusammen, dass wir in Versuchung stehen, solche Anlässe öfter mal durchzuführen.

Wenn ein Mensch, den ich noch nie getroffen habe und den „Meiner“ seit einem Vierteljahrhundert nicht mehr gesehen hat, uns mitteilt, Sonntag sei für ihn generell nicht so günstig, er würde lieber am Samstag kommen, aber nicht an dem Samstag, an dem wir auch noch eingeladen haben, sondern bitte an einem anderen, vielleicht im Dezember, kurz vor Weihnachten, dann ist mein flauschiges „Ich liebe alle Menschen und möchte alle um meinen Tisch versammelt sehen“-Gefühl auf einmal wie weggeblasen.

Irgendwann ist der Punkt erreicht, an dem man hausgemachte Pains au Chocolat als ähnlich alltäglich empfindet wie ein Butterbrot.

Genau so, wie es Bad-Hair-Days gibt, gibt es auch Bad-Frosting-Days. Zum Glück hat man hin und wieder auch einen Good-Frosting-Day…

Egal, wie sehr wir uns um Ordnung und Sauberkeit bemühen, unsere Gäste werden sich immer mit einem Hauch Venditti-Chaos abfinden müssen.

Ich brauche ein anständiges Rezept für Vanillie-Pudding.

Wenn morgen die letzten Gäste nach Hause gegangen sind, werde ich vermutlich eine leise Wehmut empfinden. Es war viel Arbeit, aber es war auch wunderschön.

IMG_1692.JPG