Kindergartenkinder

Kindergarten – das war für mich als Kind irgendwie schwierig. So viele fremde Kinder und ich so schüchtern, Lieder, die mir nicht gefielen, langweilige Zeichnungen und alles, was Spass machte, war verboten. 

Als ich ein Teenager war, fand ich Kindergärtner einfach nur nervig und doof. Immer diese Witze, die überhaupt nicht lustig sind, die Reime, die nicht passen, der ewige Lärm.

Als ich achtzehn war, glaubte ich einen Frühling lang, ich müsste Kindergärtnerin werden. Die Aufnahmeprüfung schaffte ich mit Bravour, im Praktikum eroberten die Kinder mein Herz im Sturm, doch als ich am zweiten Ausbildungstag eine Stunde lang wie ein Baum durchs Zimmer gehen musste, schmiss ich die Ausbildung hin. Ein Entscheid, den ich noch keine Sekunde bereut habe.

Als meine Neffen und Nichten im Kindergartenalter waren, sorgte ich mich furchtbar um sie. Diese kleinen, zerbrechlichen Wesen, die sich nun plötzlich gegen böse, grosse Schüler behaupten mussten, taten mir so schrecklich leid. Doof fand ich Kindergartenkinder übrigens schon längst nicht mehr, nur etwas nervig zuweilen, wenn sie mich nicht in Ruhe über meinen Büchern brüten liessen. 

Als Karlsson in den Kindergarten kam, war ich unendlich froh, endlich ein Kleinkind weniger im Haus zu haben. Natürlich hing ich auch viele Stunden an der Strippe, um mich mit anderen Müttern über die Sorgen und Nöte unserer Kindergartenkinder auszutauschen und manchmal fürchtete ich, unser schüchterner Sohn könnte eines Tages zum Aussenseiter werden. Dass ich inzwischen jeden noch so missratenen Kindergärtner-Witz zum Brüllen komisch fand, versteht sich von selbst.

Luise im Kindergarten, das war irgendwie wie Ferien. Ein glückliches Kind, umgeben von anderen glücklichen Kindern, alles geblümt und rosarot und verträumt. Eine schöne Zeit. 

Die Kindergartenjahre des FeuerwehrRitterRömerPiraten waren für alle Beteiligten eine Qual, am meisten wohl für ihn selber, obschon niemand so richtig wusste, woran es lag. Ob der Junge überhaupt je ein Kindergärtner war? Für alle Beteiligten war es eine Erleichterung, als die zwei Jahre um waren und das Kind endlich lesen lernen konnte. Seither ist er glücklicher. 

Der Zoowärter war ein Kindergärtner, wie er im Buche steht: Fröhlich, verspielt und überglücklich mit seinen zahlreichen Freunden. Keiner erzählte so viele misslungene Witze wie er, keiner reimte so wackelig und doch hätte er von mir aus ewig im Kindergarten bleiben dürfen, weil er einfach zum Anbeissen war. Er sieht das übrigens ähnlich, noch heute trauert er der unbeschwerten Zeit nach.

Wenn ich morgen zum zehnten und letzten Mal in Folge mit einem Kind in ein Kindergartenjahr starte, werde ich dies schweren Herzens tun. Längst habe ich gelernt, Kindergartenkinder nicht nur zu mögen, sondern fast schon zu vergöttern, weil ihr Humor einfach einzigartig ist, ihre Weltoffenheit wohltuend, ihre Vertrauensseligkeit herzerwärmend. Das Prinzchen wird sein letztes Kindergartenjahr geniessen, des bin ich mir sicher. Ich hingegen werde mir hin und wieder wünschen, ich dürfte noch ein paar Jahre länger mit Kindergartenkindern unterwegs sein. 

Nein, sagt jetzt bitte nicht, ich könnte ja doch noch Kindergärtnerin werden. Ihr glaubt doch nicht etwa, ich würde heute mit mehr Begeisterung wie ein Baum durchs Zimmer gehen? Wo doch jedes Kindergartenkind weiss, dass Bäume nur in missratenen Witzen können…

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Nicht so mein Ding, aber…

„Loom Bandz“, „Rainbow Loom“, „Loom Bands“ oder wie auch immer die verschiedenen Hersteller ihr Produkt nennen mögen – Der aktuellste der unzähligen Trends, denen ich mich in meiner langen Karriere als Tante und Mutter ausgeliefert finde. Natürlich Kunststoff, „Made in China“, grelle Farben, von den Läden als „der Trend 2014 für Mädchen“ angepriesen, unausweichlich und je nachdem, an welchen Lieferanten man gerät stinkbillig oder überrissen teuer. Nicht so mein Ding, eigentlich.

Die Kehrseite:
Fast der gesamte Venditti-Nachwuchs inklusive Cousins – also überwiegend Jungen – beschäftigt sich an langen Ferientagen stundenlang damit. Man knüpft sich gegenseitig Bänder, hilft bei der Farbauswahl, zeigt einander, wie es geht, lässt dich bei Youtube auf Chinesisch erklären, was man sonst noch machen könnte, trägt mit Stolz zur Schau, was man gemacht hat.

So kommt es, dass man im Hause Venditti einmal mehr mit Begeisterung einen – von aussen eingeschleppten – Trend mitmacht, den Mama zwar im Grundsatz nicht so toll, aber in seiner Wirkung doch nicht so schlecht findet.

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Stundenplanwunder

Prinzchens Montag: 8:15 bis 11:40 und 13:30 bis 15:05

Zoowärters Montag: 8:15 bis 11:40 und 13:30 bis 15:40

Montag des FeuerwehrRitterRömerPiraten: 7:45 bis 11:40 und 13:30 bis 16:10

Luises Montag: 7:45 bis 11:40 und 13:30 bis 15:05

Karlssons Montag: 7:20 bis 11:40 und 13:30 bis 16:05

„Meiner“s Montag: 8:00 bis 11:45 und 13:30 bis 15:05

Mein Montag: Was auch immer auf MEINEM Programm steht und wehe, einer wagt es, montags krank zu sein oder sich von seinem Lehrer eine Stundenplanänderung unterjubeln zu lassen!

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Nichtlesetipp

Neulich empfahl mir jemand ein Buch von Nele Neuhaus, das Buch las sich nach einigen Anfangsschwierigkeiten ganz angenehm, „Meiner“ und Karlsson waren auch angetan davon und so dachte ich, ich hätte vielleicht eine Autorin gefunden, die mir in den „Ich brauche Lesestoff, der unterhaltsam, aber nicht ganz blöd ist“-Momenten gelegen kommen könnte. Einen solchen Moment hatte ich neulich, als zufällig gerade eine Buchhandlung in der Nähe war und in dieser Buchhandlung priesen sie den neuesten Neuhaus – also eigentlich den neuesten Löwenberg, denn unter diesem Namen hat sie das Buch geschrieben – ganz gross an. Mit der Ausrede, dass Karlsson und „Meiner“ den Schinken bestimmt auch gerne lesen würden, kaufte ich ihn. Ausserdem handelt die Geschichte im ländlichen Nebraska der Neunzigerjahre des letzten Jahrhunderts und da ich mich genau in jenen Jahren elf Monate lang auf einer Farm im ländlichen Nebraska gelangweilt habe, freute ich mich auf ein Wiedersehen mit einer mir bekannten und doch eigenartig fremden Welt.

Dumm nur, dass ich mich schon nach einigen Seiten fragen musste, ob die Autorin denn überhaupt schon mal in Nebraska gewesen ist. Kein Wort über die platte, weitgehend baumlose Prärielandschaft, über die im Schachbrettmuster angelegten Mais- und Sojafelder, die endlosen, schnurgeraden Kieselstrassen, die unscheinbaren, farblosen Farmhäuser. Dafür aber steinalte Eichen, ein (heimlich) querdenkender Farmer, der in einem stilvoll gebauten Haus lebt, sich seit Menschengedenken der Monokultur widersetzt  und unter anderem auch tonnenweise Tomaten anbaut. Mal unterläuft der Autorin der Schnitzer, dass sie Omaha für die Hauptstadt des Staates hält, später erinnert sie sich aber wieder daran, dass das ja Lincoln wäre. Die Protagonistin hat Zoff mit den Eltern, weil sie als Vierzehnjährige heimlich Auto fährt, obschon in Nebraska jedes Farmkind, das weiter als 1.5 Meilen von der Schule entfernt lebt, in diesem Alter ganz legal fahren darf, wenn bestimmte Bedingungen erfüllt sind. Zwar sind die Leute Methodisten, dennoch besuchen sie die Messe und ein armer Aussenseiter beklagt sich bitter, weil er als Kind nie hat Messdiener sein dürfen. 

Nun könnte man natürlich sagen, wer Nebraska nicht kenne, brauche sich an solchen Details ja nicht zu stören, ich solle also gefälligst meine Klappe halten, das Buch sei ansonsten bestimmt ganz gut. Ist es aber nicht. Eine rebellische Jugendliche, die unglaublich viel verkanntes Talent sowie zahlreiche Affären mit viel älteren Männern hat – Farmarbeiter, angeblicher Schriftsteller, der sich dann als Lehrer entpuppt, Rodeoreiter, der aber leider schwul ist und deshalb keine Affäre haben will, Pastor -, zwei versuchte und eine wirkliche Vergewaltigung, ein ungewollter Mord, der sich problemlos vertuschen und ebenso problemlos vergessen lässt, eine Abtreibung, eine bigotte Adoptivmutter und heuchlerische Puritaner, die wirken, als hätte sie die Autorin bei Nathaniel Hawthorne abgeschaut.

Okay, das Ganze ist immerhin so geschrieben, dass man wissen will, wie es ausgeht, doch wenn die Sache durchgestanden ist, werde ich mich leider nach einer neuen Autorin für „Ich brauche Lesestoff, der unterhaltsam, aber nicht ganz blöd ist“-Momente umsehen müssen.

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Bahngejammer

Liebe Deutsche Bahn

Nachdem ich mich von den Strapazen der Heimreise erholt habe, möchte ich gerne ein wenig von meinen Erfahrungen berichten, die ich mit dir gemacht habe. Da ich dir mitsamt Familie und Gepäck viele Stunden lang voll und ganz ausgeliefert war, ist es meiner Ansicht nach nicht mehr als anständig, wenn ich dir eine Rückmeldung gebe. 

Es fing alles sehr vielversprechend an, an einem heissen Juliabend vor etwas mehr als zwei Wochen. Pünktlich fuhr dein Zug im schweizerischen Baden ein, voller Vorfreude auf die Ferien in Schweden machten meine Familie und ich es uns auf unseren reservierten Sitzplätzen bequem. Bald einmal mussten wir allerdings feststellen, dass es im Zug warm war. Sehr warm. So warm, dass einem der Schweiss in die Augen lief. Die Klimaanlage sei leider ausgefallen, liess man uns Passagiere irgendwann wissen. Im Normalfall würde mich das nicht im Geringsten stören, bin ich doch keine Freundin von Klimaanlagen. An einem heissen Juliabend in einem voll besetzten Nachtzug, in dem man die kommenden zehn Stunden eingepfercht sein wird, wäre ein kühlendes Lüftchen dennoch ganz nett. Na ja, nett war immerhin deine Geste, den schwitzenden Gästen je einen halben Liter gekühltes Wasser zu schenken. Noch netter wäre es gewesen, wenn man ein Fenster hätte öffnen können, so wie man das früher, als Klimaanlagen noch nicht so üblich waren, noch tun konnte. 

Trotz Hitze fielen den meisten Fahrgästen irgendwann die Augen zu und sie wären auch zugeblieben, wäre nicht mitten in der Nacht ein betrunkener Fahrgast zugestiegen, der im Vorraum krakeelte, weil einer deiner Kondukteure – ich glaube, du nennst das lieber Schaffner – laut, deutlich und sehr ausführlich erklärte, in diesem Zug dürfe nur mitfahren, wer reserviert habe. Der Mann hatte nicht reserviert, mitfahren liessest du ihn dennoch und krakeelen durfte er auch so lange und so laut er wollte, obschon die Fahrgäste, die alle brav einen hohen Preis für ihre Reservation bezahlt hatten, nicht mehr schlafen konnten. Ich finde es ja eigentlich okay, dass du den Mann nicht aus dem Zug geschmissen hast. Vielleicht hat er gerade etwas Schweres durchgemacht und war deshalb so besoffen. Soll er doch mitfahren, der arme Kerl. Aber zur Ruhe hätte man ihn schon ermahnen können, nicht wahr?

Wäre alles andere reibungslos abgelaufen, könnte man gnädig über die Hitze und den Lärm hinwegsehen, doch leider war das nicht alles. In Hamburg, wo der Zug nach Kopenhagen wartete, wurde es nämlich erst richtig chaotisch. Der Zug war kurz, bot nur Platz für die Fahrgäste mit Reservation, doch auf dem Perron – du, liebe Deutsche Bahn, nennst das Bahnsteig, wenn ich mich nicht irre – warteten auch solche, die nicht reserviert hatten und zwar sehr viele. Und alle versuchten, sich in den winzigen Zug zu zwängen. Irgendwann dämmerte deinem Personal, dass das nicht gut gehen konnte und so wurde verkündet, wer nicht reserviert habe, müsse den Zug verlassen. Natürlich ging keiner raus, es wollten ja alle irgendwie weiterkommen. Also zwängte sich dein Personal durch den proppenvollen Zug, um die Fahrkarten zu überprüfen. Wer jung und unrasiert und ohne Reservation war, wurde rausgeschickt. Wer älter und gepflegt und mit irgend einer Bahnkarte aber ohne Reservation war, durfte bleiben, auch wenn er damit einem, der für die Reservation bezahlt hatte, den Sitzplatz wegnahm. Nicht ganz fair, finde ich, aber da diejenigen von uns, die auf ihren Sitz verzichten mussten, in einer Ecke kauern konnten, will ich mich nicht weiter über dieser Ungerechtigkeit aufhalten. Immerhin mussten wir die vier Stunden bis Kopenhagen nicht stehen.

Wobei wir gar nicht bis Kopenhagen fahren konnten, denn irgend eine ominöse „Technische Panne“ – mehr wolltest du partout nicht preisgeben – zwang uns alle dazu, mit Sack und Pack zu Fuss auf die Fähre nach Dänemark umzusteigen. Was drüben in Dänemark noch alles schief lief, will ich dir, liebe Deutsche Bahn, nicht ankreiden, obschon du mit der satten Verspätung, die du uns mit dem Chaos in Hamburg beschert hattest, nicht ganz unschuldig warst.

Weil ich ein optimistischer Mensch bin, traute ich dir durchaus zu, dass es auf der Heimfahrt anders sein würde. Und es war anders. Diesmal fuhr dein Zug nämlich bereits mit einer Verspätung ab, was ich dir aber auch nicht vorhalten möchte, weil diese Verspätung ja von den Dänen verursacht war. Die Dänen wollten dann auch partout nicht mit den zahlreichen nervösen Gästen darüber reden, ob man den Anschlusszug in Hamburg noch erwischen werde. Das würden uns die Deutschen sagen, hiess es lapidar. Doch in Deutschland sagte man uns auch nicht mehr als: „Fünfzehn Minuten vor Ankunft in Hamburg wissen wir mehr.“ Dafür versprach die Leuchtschrift über der Tür zum Abteil, alle Infos zu den Anschlusszügen könne man im Faltprospekt nachlesen. Dumm nur, dass der Faltprospekt nicht nur keine Ahnung von der Verspätung hatte, sondern auch für die Strecke Hamburg-Kopenhagen war und nicht für die Strecke Kopenhagen-Hamburg. Das Papier hättest du dir also sparen können. Und die Leuchtschrift auch.

Nun, wenige Minuten vor Ankunft in Hamburg erfuhren wir endlich, wie es weiter gehen würde: Wer in die Schweiz wolle, müsse den Zug nach Wien nehmen und in Göttingen umsteigen. Der Zug nach Wien stehe entweder auf Gleis dreizehn oder vierzehn, bitte rasch umsteigen! Mit Mühe und Not schafften wir es, fünf Kinder und zehn Gepäckstücke rechtzeitig in den Zug nach Wien zu verfrachten. Zur Begrüssung wurden wir von einem deiner Mitarbeiter angefahren: Wir hätten gefälligst hinten im Zug einsteigen sollen. Ich muss gestehen, dass ich ob dieser Unfreundlichkeit ziemlich ungehalten wurde und zwei deiner Kondukteure ankeifte. Darauf bin ich nicht unbedingt stolz, aber Karlsson hat mir gesagt, er finde es ganz in Ordnung, dass ich nicht immer Ruhe bewahre und freundlich lächle und ich gebe sehr viel auf Karlssons Meinung. Ein Teenager lobt seine Mama schliesslich nicht alle Tage.  

Im Laufe der Fahrt teilte man uns mit, man sei sich doch noch nicht sicher, ob wir unseren Zug in Göttingen erwischen würden, oder ob wir vielleicht an einem anderen Ort umsteigen müssten. Man versprach uns aber, man werde alle Fahrgäste, die in die Schweiz wollten, auf dem Laufenden halten. Man hielt dann allerdings nur einige von uns auf dem Laufenden, so dass wir erst nach viel Herumfragen erfuhren, dass wir vermutlich etwa zwanzig nach elf in Göttingen eintreffen würden. Ob es von Göttingen aus tatsächlich Richtung Schweiz gehen würde, wusste keiner von uns mit Sicherheit, denn keiner deiner Mitarbeiter sah sich dazu verpflichtet,  noch einmal zu informieren. Göttingen war richtig, auf welchem Perron unser Zug einfahren würde, konnten uns deine Zugbegleiter aber nicht sagen. Also mussten wir es selber herausfinden, so ganz nebenbei, zwischen Gepäckschleppen und schlaftrunkene Kinder zum Rennen antreiben. 

Ich weiss nicht, wie wir es geschafft haben, aber irgendwann sassen wir doch noch in den Liegesesseln, die wir reserviert hatten. Zum ersten Mal auf dieser Reise trafen wir auf Personal, das uns nicht nur freundlich begrüsste, sondern auch bereitwillig anbot, uns mit dem Gepäck zu helfen. Du darfst mir glauben, liebe Deutsche Bahn, dass ich an diesem Punkt bereit war, dir alles zu verzeihen, was du auf unserer Reise vermasselt hattest. Jetzt, wo alle meine Kinder tief und fest schliefen, wollte ich nur noch dankbar sein, dass wir friedlich schaukelnd unserem Zuhause entgegen rollten. Ich wollte meinen Frieden mit dir schliessen, aber ich konnte nicht, denn im Zug war es so kalt, dass sogar ich, die ich sonst nie friere, beinahe zu schlottern begann und dies trotz wärmender Decke. Während unseren zwei Wochen in Schweden war es dir offenbar gelungen, die Klimaanlage zu reparieren. Dumm nur, dass die jetzt nicht mehr gebraucht wurde, weil es keine heisse Julinacht, sondern eine eher kühle Augustnacht war. 

Man mag sich fragen, weshalb ich dir, liebe Deutsche Bahn, all dies vorhalte, wo man derzeit doch einfach froh und dankbar sein kann, wenn man in einem Teil der Welt lebt, wo man nicht um sein Leben fürchten muss. Sind ja eigentlich alles nur Luxussorgen. Für uns als Grossfamilie war es allerdings auch ein Luxus, mehr als 1600 Franken hinzublättern, um uns von dir in den Norden und wieder zurück fahren zu lassen und darum habe ich beschlossen, dennoch ein wenig über meine Reise mit dir zu jammern. Auch wenn mir sehr wohl bewusst ist, wie privilegiert wir sind, aus freien Stücken und einzig zu unserem Vergnügen reisen zu dürfen. 

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Reisenotizen

Der Dänische Kondukteur kann mich zusammenstauchen, weil ich es versäumt habe, die Tickets schön brav in der von ihm gewünschten Reihenfolge zu ordnen. Ob unser Anschlusszug in Hamburg auf uns warten wird und wie viel Verspätung wir haben werden, kann er mir aber leider nicht sagen. Ist ja auch nicht weiter wichtig. Hauptsache, die Tickets sind schön geordnet.

Die sommerliche Völkerwanderung scheint einem Zweiwochen-Rhythmus zu folgen. Wer vor zwei Wochen auf dem gleichen Weg wie wir gereist ist, kommt heute auf dem gleichen Weg wie wir wieder zurück. Und sowas nennt sich „Individualreise“.

Interessant, einem Schweden und einem Kanadier dabei zuzuhören, wie sie das Wesen der Schweizer ergründen. In der Schweiz waren sie übrigens beide noch nie. Dennoch lagen sie gar nicht so sehr daneben mit ihren Ausführungen. Nur in der Interpretation „unserer“ Eigenschaften waren sie meiner Meinung nach etwas zu gnädig mit „uns“.

Die Deutsche Bahn hat also doch klimatisierte Wagen. Hätte auf der Hinreise den Glauben daran beinahe verloren.

Wenn sich einer auf unsere reservierten Plätze setzt, reagiere ich zu meinem eigenen Entsetzen ziemlich kleinkariert. Peinlich, wenn ich feststellen muss, dass das gar nicht unsere Plätze waren…

Egal, wie viel mehr wir nach Hause bringen, als wir mitgenommen haben, wir bringen es jedes Mal fertig, alles in die gleichen Koffer zu stopfen. Möchte bloss wissen, weshalb wir immer einen oder zwei Koffer ruinieren, wenn wir reisen.

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Småland-Gewitter

Ich kenne das noch aus meiner Kindheit: Wenn ein Gewitter naht, sofort alle Stecker ziehen, bevor es gefährlich wird. „Wir müssen ausziehen!“, brüllte ich jeweils und rannte panisch in die Küche, um den grossen Stecker des Kochherds zu ziehen. Soweit war ich also vorbereitet auf das Gewitter am Waldrand.

Alles andere traf mich heute früh eher überraschend. Die Blitze, die fast pausenlos rund um das Haus zuckten, das Krachen, wenn es wieder irgendwo einschlug, das fast endlose Grollen des Donners, die Lichtblitze, die im Wohnzimmer an der fest installierten Lampe zuckten und gespenstisches Licht an den Wänden aufleuchten liessen, der brenzlige Gestank, der vom Kochherd ausging.

Momente, in denen man froh wäre, man hätte in der Schule besser aufgepasst, als es um Blitz und Donner ging. Momente, in denen man sich zwar nicht fürchtet, aber doch wieder einmal eine gewaltige Ehrfurcht vor den Kräften der Natur empfindet. Momente, in denen man sich überlegt, was zu tun wäre, wenn das Haus zu brennen anfinge, was hierzulande in den letzten Tagen offenbar öfters geschehen ist, wenn man den reisserischen Schlagzeilen Glauben schenken kann. Momente auch, in denen mal wieder das eine oder andere Kind Schutz suchend ins elterliche Bett gekrochen kommt.

Ein Gutes hat so ein Sommergewitter am Waldrand aber doch, wie das Prinzchen treffend bemerkt hat: „Wenn es so blitzt, kommen ganz sicher keine Räuber. Die können nämlich nicht aus ihren Autos ins Haus kommen, weil sie sonst unter den Bäumen durch müssten und das wäre gefährlich.“

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Kleine Pause

Seien wir doch ehrlich: Trotz aller unvergesslichen Erlebnisse stellen Familienferien die Nerven ganz schön auf die Probe. Oh ja, es ist wunderbar, unbeschwerte Tage mit deinen Liebsten zu verbringen, aber wenn plötzlich alle rund um die Uhr ein gemeinsames Programm haben sollten, wird alles irgendwie,… na ja, sagen wir… kompliziert.

Nach dem gemütlichen Abendessen am Meer noch kurz in den Wald, um ein paar Blaubeeren zu pflücken? „Ich esse nur gewaschene Blaubeeren! Noch nie etwas vom Fuchsbandwurm gehört?“ „Ohne Zeckenspray setze ich keinen Fuss in diesen Wald!“ „Ich möchte aber unbedingt auf den Hochsitz!“ „Und wann sehen wir endlich Elche?“ Es sind natürlich nicht nur die anderen, die sich so aufführen, auch ich trage meinen Teil zum Stimmengewirr bei: „Himmel, kann man denn nicht einmal ein paar Minuten ungestört in den Wald gehen und Beeren sammeln?“

So geht das pausenlos, egal, ob es ums Essen geht, um den Strand, ums Museum oder um den Feierabend. Familientheater ohne Unterbruch, zum Glück mit erstaunlich wenig Streit. Sonst müsste ich am Ende noch die Menschen verstehen, die ihrer Familie nach den Sommerferien den Rücken kehren.

Nun, ich habe keineswegs vor, meiner Familie den Rücken zu kehren, doch ein paar Stunden ohne sie weiss ich dennoch zu schätzen. Darum war ich ganz dankbar, dass ein kaputter Schuh – „Mit diesen kaputten Schuhen kann ich auf gar keinen Fall in den Wald!“ – mich heute Morgen dazu zwang, ins nächst gelegene Einkaufszentrum zu fahren. Ein paar Stunden lang nur ich, meine Gedanken, Georg Friedrich Händel – und Hunderte von Schweden, die sich die Zeit an einem gewitterhaften Sonntag offensichtlich am liebsten mit. Shopping vertreiben.

Na ja, immerhin kann ich getrost weghören, wenn die sich mit ihren Blagen darüber zanken, ob man bei Ikea isst, oder erst später zu Hause.

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Eigenarten

Gehst du nach vier Uhr nachmittags an den Strand, triffst du dort mit ziemlicher Sicherheit keinen einzigen Schweden, denn gegen vier Uhr brechen alle Schweden wie auf ein geheimes Zeichen hin auf und lassen Deutsche, Holländer und Schweizer alleine am Strand zurück. Das ist jeden Tag so, auch samstags.

Egal, wie weit im Nirgendwo du dich auch befinden magst, solange es einen Wegweiser dorthin gibt, wirst du am Ziel auch ein WC finden. In 99% der Fälle ein sauberes.

Wenn ihr mich fragt, haben die Schweden die Briten in Sachen Understatement längst abgehängt. Je grossartiger eine Sache ist, umso bescheidener wird darauf hingewiesen. Du liest irgend eine Beschreibung, suchst verzweifelt, wie du dorthin gelangen könntest und wenn du endlich am Ziel bist, findest du dich in einem Museum wieder, das deine Kinder nie mehr verlassen wollen, weil es so toll ist. Oder in einer kleinen, feinen Kunstausstellung. Oder in einem traumhaften Café. Oder in einem verwunschenen Garten, der einem verschrobenen Künstler gehört. Oder an sonst irgend einem himmlischen Ort, den du beinahe verpasst hättest, weil die Schweden wenig Lärm um viel machen.

Schwedische Kinder brüllen und toben nie, wenn ich zugegen bin. Ich könnte daraus natürlich den voreiligen Schluss ziehen, schwedische Kinder würden gar nie brüllen und toben, weil die das nicht nötig haben, da sie als selbstverständlicher und wichtiger Teil der Gesellschaft akzeptiert sind. Ich ziehe es vor, zu glauben, die schwedischen Kinder hätten sich alle gegen mich verschworen und würden brav wie die Lämmer, sobald ich mich nähere, damit ich mich als miserable Mutter fühle.

Nirgendwo auf der Welt gibt es so ehrliche Lokalpolitiker wie hier. Die verschenken den Kindern Bonbons, die aussen herrlich süss, innen aber abscheulich nach Salmiak schmecken.

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Strandgut

Was so alles zusammenkommt, wenn die zwei jüngsten Vendittis sich eine Stunde lang am Strand tummeln:

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