Käfer-Variationen

Als Familie kann man sich Käfer auf ganz unterschiedliche Varianten einfangen. Da gibt es zum Beispiel die komfortable Variante:

Papa hat Ferien, Mama hat Ferien, die Kinder haben Ferien und alle liegen krank im Bett. Keiner stört, um den Kindern Hausaufgaben vorbeizubringen, die Erwachsenen brauchen kein schlechtes Gewissen zu haben, weil sie ihre Arbeitskollegen hängen lassen und weil alle nur wie halbtote Fliegen herumliegen, braucht man sich höchstens mal aufzuraffen, um Tee oder Grießsuppe zu kochen. 

Auch nicht schlecht ist die folgende Kombination:

Wochenende, Mama (oder wahlweise Papa) ist krank, die Kinder haben Programm und die kranke Mama (oder der kranke Papa) kann sich umsorgen lassen.

Ebenfalls akzeptabel ist es, wenn ein Elternteil und ein paar Kinder krank sind. Dann können die Kranken fläzen und die Gesunden für alles Nötige sorgen. 

Ziemlich viel mühsamer wird es, wenn die folgende Situation eintritt:

Die Kinder haben Ferien, das Wetter ist saumässig, Papa muss arbeiten und Mama wird krank. 

Auch ziemlich blöd:

Papa und Mama müssen arbeiten, die Kinder werden krank und zwar schön einer nach dem anderen, damit man auch wirklich lange damit herausgefordert ist, alle Verpflichtungen irgendwie unter einen Hut zu bringen. 

Die dümmste aller Möglichkeiten aber ist diese hier:

Papa und Mama sind krank, Papa muss trotzdem arbeiten, weil er Praktikantinnen zu betreuen hat, der Haushalt bräuchte ganz dringend Zuwendung, ein Kind liegt ebenfalls im Bett, aber alle anderen sind a) quietschfidel und b) auf Chauffeurdienste, Hilfe bei den Hausaufgaben und warme Mahlzeiten angewiesen. 

„Meiner“ und ich haben uns heute für diese letzte Variante entschieden. Ein bisschen Spass hin und wieder muss doch einfach sein. 

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Einfach unersättlich, diese Majestäten

Okay, ich weiss, ich bin ein Feigling. Ich bringe es einfach nicht übers Herz, einem einzigen Familienmitglied die Krone für einen Tag zu gönnen. Jeder Aufwand ist mir recht, wenn ich mir damit den Anblick enttäuschter Kinderaugen ersparen kann. Schief geht es trotzdem jedes Jahr. Am heutigen Dreikönigstag lief das alljährliche Drama folgendermassen ab:

Sonntag, 5. Januar 2014, ca. 22:00 Uhr

Mama Venditti schiebt den fairsten Königskuchen aller Zeiten in den Ofen und legt fest, welcher Brötcheninhalt für welchen Titel steht:

  • Rosine = König Christian I. von Dänemark, Schweden und Norwegen
  • Erdnuss= Queen Elizabeth I.
  • Kaffeebohne = Lous XIV.
  • Roter Bonbon = König Carl XIV Johan von Schweden
  • Gelber Bonbon = King Arthur
  • Getrocknete Rose = Zarin Katharina die Grosse
  • Kandierte Früchte = Kaiser Karl der Grosse

Ja, ich weiss, ein echter Adelskenner würde in dieser Aufstellung schon einige Standesunterschiede ausfindig machen, aber wir wollen es mal nicht übertreiben, gekrönt ist gekrönt. Auf das Basteln von Kronen wird übrigens verzichtet, der Titel muss reichen. 

Sonntag, 5. Januar 2014, ca. 22:05 Uhr

Luise kommt verbotenerweise noch einmal aus dem Bett und lässt mich wissen, dass ein Dreikönigstag ohne  „richtigen“ Königskuchen auch kein „richtiger“ Dreikönigstag sei. Und ein „richtiger“ Königskuchen sei einer, der im Laden gekauft wird. Mama Venditti beschliesst, ihrer Tochter den Gefallen zu tun und einen zusätzlichen Kuchen zu kaufen, weil das arme Kind in der letzten Zeit doch immer wieder geklagt hat, man würde sie zu wenig ernst nehmen.

Montag, 6. Dezember, 07:05 Uhr

Queen Elizabeth I., in diesem Hause besser bekannt als Zoowärter, tauscht ihren Titel mit König Carl XIV. Johan, im Alltag Luise genannt. Nach diesem Tausch schauen beide gekrönten Häupter deutlich fröhlicher aus der Wäsche. Wenig später dankt König Christian I., manchmal auch Prinzchen genannt, freiwillig ab und bittet seinen Vater untertänigst, er möge ihm den Thron von King Arthur überlassen. Der Vater, in royalen Dingen vollkommen unbedarft, gewährt seinem Sohn diesen Wunsch und macht sich auf, um seinem ganz und gar bürgerlichen Broterwerb nachzugehen. Wie zu erwarten war, ist Louis XIV. mit seiner Rolle voll und ganz zufrieden, dafür widerstrebt es ihm, als FeuerwehrRitterRömerPirat in die Schule gehen zu müssen. Karl der Grosse ist leider krank und Katharina die Grosse zieht sich nach durchwachter Nacht noch einmal in ihr Schlafgemach zurück, nachdem sie in der Migros zwei „richtige“ Königskuchen mit Papierkronen erstanden hat. Ja, zwei, weil einer alleine nur sechs potentielle Königsbrötchen hat. Also doch Potential für Streit, weil nur zwei eine Krone haben können. 

Montag, 6. Dezember, 11:45 Uhr

King Arthur, vormals König Christian I, kommt freudenstrahlend vom Kindergarten nach Hause. Er, sein bester Freund und „so ein Mädchen“ haben einen König und damit auch eine Krone ergattert. Katharina die Grosse, von ihren Kindern noch immer als Mama angesprochen, atmet hörbar auf. Einer ist bereits gekrönt, also einer weniger, der enttäuscht werden kann. 

Montag, 6. Dezember, 12:35 Uhr

König Christian I., auch „Meiner“ genannt, darf sich eine Krone aufsetzen. Mist! Die hätte doch eines der Kinder bekommen sollen! Wer die zweite Krone bekommt, wird sich beim Zvieri zeigen.

Montag, 6. Dezember, 15:11 Uhr

Queen Elizabeth I. kommt verschwitzt und hungrig von einer freiwilligen Joggingrunde zurück – fragt mich bloss nicht, was in sie gefahren ist – und der Zufall belohnt sie für diesen Einsatz mit einer Krone. Weil sie von der sportlichen Betätigung so ausgehungert ist, verschlingt sie zu viel Königskuchen und muss deshalb in der Bäckerei Nachschub holen. Sonst reicht es nicht für alle zum Zvieri.

Montag, 6. Dezember, 15:30 Uhr

Queen Elizabeth I. kehrt mit zwei überteuerten Königskuchen aus der Bäckerei zurück. Die Augen von Louis XIV. glänzen hoffnungsfroh. Vielleicht wird er doch noch eine Krone bekommen.

Montag, 6. Dezember, 15:56 Uhr

Louis XIV. sitzt schluchzend am Tisch. Karl der Grosse und König Carl XIV. Johan haben sich die zwei letzten Kronen geschnappt. König Christian I., der ja ohnehin kein echter Royalist ist, bietet dem traurigen Sonnenkönig seine Krone an, doch dieser schlägt das Angebot aus, weil zu dieser Krone eine Königinnenfigur gehört. Katharina die Grosse, die übrigens auch auf eine Krone verzichten musste, bittet Queen Elizabeth I., sie möge doch bitte mit dem armen Sonnenkönig Erbarmen haben und ihm ihre Königsfigur überlassen. Im Gegenzug dürfe sie König Christians Königinnenfigur haben. Doch Queen Elizabeth I. zeigt sich unnachgiebig und so bleibt dem armen Sonnenkönig nichts anderes, als sich mit einem Säcklein Süssigkeiten aus der Bäckerei zu trösten, das er sich erst noch hinter Katharinas Rücken und mit dem eigenen Taschengeld kaufen musste. King Arthur findet das trotzdem vollkommen unfair und muss wegen lauten und andauernden Heulens auf sein Zimmer geschickt werden. 

Montag, 6. Dezember, 23:48 Uhr

Alle gekrönten Häupter haben sich zur Ruhe begeben. Alle? Nein, Zarin Katharina die Grosse ist noch wach und fragt sich, was sie nun wieder falsch gemacht hat, an welchem Punkt die Sache aus dem Ruder gelaufen ist, ob sie es wagen soll, den Dreikönigstag im Reiche Venditti um des lieben Frieden Willens abzuschaffen, oder ob sie damit riskiert, auf dem Schafott zu landen. 

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Keine Vorsätze, aber…

Das mit den guten Vorsätzen ist nicht so mein Ding, einerseits, weil ich dem Jahreswechsel keine allzu grosse Bedeutung beimesse, andererseits, weil ich wohl einfach zu bequem bin, mir selber irgendwelche Vorschriften zu machen, die ich dann ohnehin bald einmal missachten werde. Nun ergibt es sich aber, dass ich mich nach Jahren der Überlastung endlich wieder einmal energiegeladen genug fühle, um etwas bewusster zu leben, anstatt mich von den äusseren Umständen treiben und einengen zu lassen.

Dass dieser Wandel ausgerechnet mit dem Start des Jahres, in dem Menschen mit Jahrgang 1974 vierzig werden, zusammenfällt, ist purer Zufall und wenn ich nun aufschreibe, was ich in den kommenden Wochen und Monaten angehen möchte, hat das nichts mit guten Vorsätzen zu tun, sondern mit meinem Wunsch, keine frustrierte Mittelalterliche zu werden, die immer nur jammert, was sie alles täte, wenn sie sich doch bloss dazu aufraffen könnte und wenn man ihr doch nicht immer Steine in den Weg legte.

Einen ersten kleinen Schritt zum bewussteren Leben habe ich heute unternommen, indem ich google den Rücken zugekehrt habe und fortan mit ecosia.org das Internet durchforste, in der Hoffnung natürlich, dass die auch wirklich halten, was sie versprechen. Weitere Schritte sollen folgen, zum Beispiel:

  • Diese nervtötende Hauptfigur aus einer meiner unfertigen Texte in den Griff bekommen, damit ich endlich ihre Geschichte erzählen kann. Jedes Mal, wenn ich denke, ich hätte sie jetzt endlich an dem Punkt, an dem ich sie haben will, entwischt sie mir und stellt irgend eine Dummheit an, die sie in ihrer Entwicklung um Jahre zurückwirft. Und meinen Text, mit dem ich nun auch schon seit Jahren ringe, reisst sie gleich mit sich. In den kommenden Monaten, das habe ich mir geschworen, werde ich die Dame kleinkriegen.
  • Wie zwanzig kann und will ich nicht aussehen, aber ein bisschen mehr Sorge tragen zu meiner Gesundheit und dabei ein paar Kilos – alle überschüssigen zu beseitigen schaffe ich wohl nicht –  liegen zu lassen, wäre keine schlechte Idee und ich habe sogar einen Hauch von einer Ahnung, wie das gehen soll. 
  • Wer ein Kind bekommt, steckt vorher mal grob die erzieherischen Grenzen ab. Natürlich sind diese Grenzen in erster Linie dazu da, fröhlich niedergerissen zu werden, wenn die Grundsätze mit der Realität in Berührung kommen, aber immerhin hat man sich mal Gedanken gemacht. Bei Teenagern ist das nicht mehr so einfach, denn erstens kündigt sich der Übergang vom Kind zum Teenager nicht so deutlich an wie der Übergang von Schwangerschaft zu Elternsein und zweitens lässt einem das Familienleben wenig Zeit, in aller Ruhe zu überlegen, welche Grenzen gelten sollen. Plötzlich reagiert man nur noch, anstatt in groben Zügen vorzugeben, in welcher Richtung es gehen soll. Es soll kein umfangreiches Regelwerk werden, das auf ewige Zeiten gelten soll, aber ein paar Dinge müssen geregelt werden, auf die Gefahr hin, dass es zu lautem Protestgeheul kommt. 
  • Alt fühle ich mich nicht, aber das Bewusstsein, dass wir nicht ewig Zeit haben, um das zu verwirklichen, was uns wichtig ist, steigt. Darum gilt es, bei den Träumen auszumisten. Die einen müssen in konkrete Ziele umgewandelt werden, andere werden wohl auf ewig ins Reich der Fantasie verbannt, wo ich sie gelegentlich besuchen und sehnsüchtig betrachten werde. 
  • Der neu geschaffenen Ordnung Sorge tragen. Auch wenn ich dem Perfektionismus – bis auf wenige Bereiche – abgeschworen habe, so weiss ich es doch wieder zu schätzen, zu wissen, welches Ding wohin gehört. Und da die ganze Familie auf wundersame Weise zur gleichen Erkenntnis gelangt ist, stehen die Erfolgschancen für einmal erstaunlich gut.

Natürlich ist nichts davon in Stein gemeisselt, denn die vergangenen Jahre haben mich zur Genüge gelehrt, dass sich das Leben nicht gängeln lässt, doch das soll mich nicht davon abhalten, wieder etwas überlegter durch die Tage zu gehen. 

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Völkerverständigung im Hauseingang

Schwiegermama, Schwiegertante und Schwiegercousin – alle drei vorwiegend Italienisch sprechend – gehen die Treppe runter, von unten her kommt a) der Papa von Prinzchens bestem Freund – ein Grieche -, der seinen Sohn abholen will und b) meine älteste Schwester, die ihr Töchterlein abholen will. Am Briefkasten steht meine Mama. Schwiegermama, Schwiegertante und Schwiegercousin begrüssen meine verdutzte Mama mir südländischem Überschwang und Küssen, obschon man sich gegenseitig kaum kennt, geschweige denn versteht. Derweilen stelle ich meiner Schwester den Papa von Prinzchens bestem Freund vor, dessen aus Marokko stammende Frau sie bereits getroffen hat. Kater Leone kommt hinzu, worauf Schwiegertante fragt, ob dies „die andere“ sei und meint damit „die andere Katze“. Schwiegermama verneint. Das sei meine Mama, nicht „die andere“. Meine Mama, die eigentlich kein Italienisch spricht, versteht und alle brechen in Gelächter aus. 

So einfach könnte es sein mit der Völkerverständigung. 

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Ferienpläne

Karlsson will nach Paris. Vielleicht auch mal nach Spanien. Ja, Mamas Reisepläne wären auch in Ordnung, aber nur, wenn wir zuerst nach Paris fahren denn „es kann doch nicht sein, dass ich noch nie in Paris war!“. 

Luise will nach London. Oder sonst irgendwo auf die andere Seite des Ärmelkanals. Nirgendwo ist es so schön wie in England, das weiss Luise genau, obschon sie bei ihrem ersten und einzigen Besuch gerade mal sechs Monate alt war. 

Der FeuerwehrRitterRömerPirat kann sich Schweden durchaus noch einmal vorstellen, hätte aber auch gegen Malta nichts einzuwenden. Deutschland wäre auch okay, oder Frankreich. Hauptsache, er kann viele Bücher mitschleppen und findet einen ruhigen Ort zum Lesen. 

Der Zoowärter will nach Stockholm und zwar in das vierstöckige Haus im Vasaviertel, auf dessen Dach ein winziges Häuschen steht, in  dem Karlsson vom Dach lebt. Aber auf gar keinen Fall nach Dänemark, nie mehr im ganzen Leben, denn dort hat man ihm seine Karlsson-Puppe geklaut. Behauptet er. 

Das Prinzchen will ins Astrid Lindgren-Land. 

Ich will nach Stockholm. Oder nach Göteborg. Und aufs Land, irgendwo in Südschweden, nicht zu weit vom Wasser entfernt. 

„Meiner“ will mehr oder weniger das Gleiche wie ich, könnte aber auch damit leben, zu Hause zu bleiben, wenn es dem Budget besser bekommt.

Kater Leone äussert sich nicht zum Thema, aber ich weiss genau, dass er uns bei sich behalten will. Meine Gartenbeete werden seine Meinung teilen. 

Mein Kopf sagt, dass wir bald buchen müssen, wenn es nicht zu teuer werden soll, „Meiner“ und die Stimme der Vernunft pochen aber darauf, dass zuerst das Budget stehen muss. 

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Wunderbare faule Tage

Ausschlafen, bis man das Frühstück als Mittagessen durchgehen lassen kann.
So lange lesen, bis das Buch oder zumindest die spannende Passage zu Ende ist.
Sich in Zürich nicht durch die Massen stören lassen, sondern mit Karlsson in aller Ruhe die Geschenke aussuchen, die er sich nicht wünschen konnte, weil er noch gar nicht wusste, dass er grünen Kaviar und Schweizer Trüffel bekommen könnte.
Sich von Panettone, Orangen, Tonic Water und Gruyère ernähren, weil alles andere zu viel Arbeit macht.
Sich mit Mann, Kind und Katzen im Wohnzimmer fläzen und einen Familienfilm reinziehen.
Zwischendurch ein Kaffee oder einen Tee aus einer Tasse schlürfen, die noch niemand hat kaputt machen können, weil ich sie gerade erst bekommen habe.
Sich über unerwartete Geschenke freuen, zum Beispiel über edlen Tee und Maldon Salt, die wir im im Delikatessengeschäft geschenkt bekommen haben, bloss weil dort der Vater von Prinzchens bestem Freund arbeitet.
Immer wieder einen verträumten Blick auf den in diesem Jahr so wunderschön geratenen Weihnachtsbaum werfen.
Ab und zu einen Streit schlichten, aber damit muss man wohl leben.
Zeit haben für spontanen Besuch.
Kein Problem haben damit, wenn der Besuch dann doch nicht kommt. Dann fläzen wir eben weiter im Pyjama rum.

Seitdem unsere Kinder grösser sind, sind die Tage zwischen den Jahren wieder das, was sie früher mal waren: Wunderbare faule Tage.

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Weihnachtsüberraschung

Versteht mich bitte in den folgenden Zeilen nicht falsch. Ich zähle mich nicht zu den Christen, die jedes Mal wutschnaubend im Kindergarten antraben, wenn von Hexen oder Feen die Rede ist. Ich beschwöre auch nicht gleich die Apokalypse herauf, wenn die Kinder ein „Zaubersprüchlein“ lernen. Schon gar nicht erwarte ich, dass der Kindergarten- und Schulunterricht konfessionell ausgerichtet sind. Wünschte ich dies, dann hätte ich unsere Kinder schon längst an einer christlichen Schule angemeldet, was mir persönlich aber zu einseitig wäre. Womit ich natürlich wiederum niemanden kritisieren möchte, der für seine eigenen Kinder anders entscheidet… Ich sehe schon, ich bewege mich auf dünnem Eis, obschon ich gar nichts Provokatives schreiben will. Vielleicht sollte ich einfach mit meiner Erklärung aufhören und erzählen, was mich heute so überrascht hat.

Da kommt das Prinzchen vom Kindergarten nach Hause – seit einigen Tagen schafft er das jetzt alleine – und präsentiert mir seine Weihnachtsbasteleien. Ein kleines Geschenkpaket, das „Meiner“ und ich natürlich erst am Heiligen Abend auspacken dürfen, einen Schutzengel mit Kerze im Heiligenschein und ein längliches Etwas, das in einer Art Schüssel liegt, die mit blauer Wolle ausgepolstert ist. Was das sei, fragte ich. „Das ist Jesus in seinem Bett“, erklärte das Prinzchen. „Jesus in seinem Bett?“, fragte ich ungläubig, aber nicht etwa, weil das Prinzchen so schlecht gebastelt hätte, dass man das längliche Etwas nicht mit ein wenig Fantasie als Baby hätte erkennen können. „Ja, das ist wirklich Jesus in seinem Bett und daneben ist ein Schutzengel“, beharrte unser Jüngster.

Ich war vollkommen baff. Zum ersten Mal in den acht Jahren, in denen wir nun kindergarten- und schulpflichtige Kinder haben, brachte eines unserer Kinder ein Kind in der Krippe nach Hause. Schutzengel haben wir schon haufenweise, Samichläuse und Sterne ebenfalls, ein paar Rentiere befinden sich auch in unserer Sammlung und wenn ich mich nicht irre, gab’s auch schon irgendwelche Wichtel. Alles mit viel Liebe gebastelt und es käme mir nicht im Traum in den Sinn, die Sujetwahl der Lehrerinnen zu kritisieren, obschon mir das rotnasige Rentier offen gestanden ziemlich auf die Nerven fällt mit seinem ewigen Geblinke. Dass heute, nach all den Jahren zum ersten Mal ein Jesuskind dabei war, stimmt mich aber doch irgendwie nachdenklich. Zu Weihnachten überhaupt nicht über die Weihnachtsgeschichte zu reden ist doch irgendwie ähnlich extrem, wie sie jedem ungefragt um die Ohren zu hauen. 

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Wie schwierig kann es denn sein…

…Gabeln, Messer, Esslöffel und Kaffeelöffel in der Besteckschublade ins richtige Fach einzuordnen? Nein, kein ausgeklügeltes System, das nur Eingeweihte verstehen können. Einfach nur Gabeln zu Gabeln, Messer zu Messer und so weiter. Und nicht etwa Messer zu Kaffeelöffel, Gabel zu Rüstmesser und quer obendrauf noch ein Esslöffel oder so.

…die Zähne zu putzen, ohne eine halbe Tube Zahnpaste im Lavabo zu verschmieren? Ich will ja nicht pingelig sein, aber mit Zahnpaste bringt man das Lavabo einfach nicht sauber, egal, wie viel man davon verschmiert. 

…die Wäsche in den Wäschekorb zu schmeissen und nicht 22,5 Millimeter daneben? 

…den Deckel zurück auf die Flasche zu schrauben, nachdem man sich eingeschenkt hat? Ja, ich weiss, gewisse Kinder können prima basteln mit Flaschendeckeln, man kann auch ganz tolle Glotzaugen machen damit, aber kann man damit nicht warten, bis alles aus der Flasche raus ist, nicht bloss die Kohlensäure?

…schmutziges Geschirr in den Geschirrspüler zu räumen und sauberes in den Schrank und nicht umgekehrt? Ich würde ja behaupten, der Unterschied zwischen Küchenschrank und Geschirrspüler sei so deutlich zu erkennen, dass selbst der verschlafenste Venditti das richtig hinkriegen sollte. Und auch der Unterschied zwischen schmutzig und sauber wäre kaum zu übersehen, würde man genau hinschauen.

…einen leeren Joghurtbecher die drei Meter vom Esstisch zum Abfalleimer zu tragen? Ja, ich weiss, so ein Becher kann ganz schön klebrig sein, wenn man nicht sauber gegessen hat, aber in jedem anständigen Schweizer Haushalt hat es über dem Abfalleimer einen Wasserhahn. Auch in unserem Haushalt, obschon der von Anstand keine allzu grosse Ahnung hat. 

…leere Milchkartons in den Abfalleimer zu schmeissen und nicht zurück in den Kühlschrank zu stellen?

…zu sagen „Ja, Mama, du hast Recht, das ist wirklich eine Sauerei. Ich bringe das sofort in Ordnung“? 

…es beim nächsten Mal besser zu machen, wo man doch gesehen hat, wie hoch man die Mama wieder auf die Palme getrieben hat mit diesem Mist?

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Machtübernahme

Sie muss sich irgendwann in unser Haus geschlichen haben, vielleicht als wir mal weg waren oder zu viel um die Ohren hatten, um zu bemerken, was vor sich ging. Wie auch immer, irgendwann war sie da und fing an, sich auszubreiten. Zuerst im Vorratsraum, ab und zu steckte sie ihre Nase auch in eines der Badezimmer, wagte sich aber nie richtig über die Schwelle. Später machte sie einen kurzen Abstecher ins Dachgeschoss, zog sich jedoch bald wieder von dort zurück. Warum, weiss ich nicht. Vielleicht, weil es dort zu zugig ist im Herbst, vielleicht auch, weil sie sich mit dem Zoowärter und Luise, die dort hausen, nicht sonderlich gut versteht. Danach hielt sie sich eine Zeit lang still, vermutlich war sie eingeschnappt, weil wir ihr nicht genügend Beachtung schenkten.

Vermutlich war sie drauf und dran, uns wieder zu verlassen, doch offenbar wollte sie uns noch einen letzten Versuch starten, ehe sie sich enttäuscht aus dem Staub machte. Und dieser letze Versuch hatte es in sich: Zuerst machte sie sich im Büro zu schaffen, dann riss sie die Macht in meiner Traumküche an sich, anschliessend stürmte sie in den Eingangsraum, um dort nach den Rechten zu sehen. Gestern schliesslich ertappte ich sie in unserer Alltagsküche und es gibt deutliche Anzeichen dafür, dass sie sich auch in Prinzchens Zimmer aufgehalten hat. Heute Abend nun hat sie uns mitgeteilt, dass für Samstag ein Sturm auf alle übrigen Zimmer angesagt ist und dass sie auf unsere uneingeschränkte Mithilfe zählt.

Kein Zweifel, die Ordnung hat die Macht an sich gerissen und wir haben keine andere Wahl, als zu kuschen. Und das Schlimmste daran ist: Nach anfänglichem Widerstand fange ich nun an, ihr herrisches Regime gutzuheissen und gar aktiv zu unterstützen.

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Moralkeule

Es kommt immer alles zu mir: Die Klagen über den FeuerwehrRitterRömerPiraten, der immer so nervige Geräusche von sich gibt, das Gemotze über „Meinen“, der immer nur ans Aufräumen denkt, das Gejammer über die Kinder, die nie ans Aufräumen denken, das Geheule über das Prinzchen, der schon wieder Zoowärters Spielzeug entwendet hat, das Gezeter über die kleinen Geschwister, die sich immer an Karlssons Preziosen vergreifen, das Zetermordio, weil Luise beim FeuerwehrRitterRömerPiraten wieder einen Allergieschub ausgelöst hat, der Trotzanfall, weil die Grossen viel mehr dürfen als das Prinzchen, das Donnerwetter, weil „der andere“ wieder etwas hat verschwinden lassen oder gar etwas kaputt gemacht hat, das Affentheater, weil irgend einer irgend einem anderen wegen irgend einer Sache ins Gehege geraten ist. Mit allem bestürmen sie mich, jeder erhofft sich, dass ich für ihn Partei ergreife, jeder will verstanden und getröstet werden und jedem versuche ich zu erklären, er solle doch mal versuchen, die Dinge aus der Warte des anderen zu betrachten. Tag für Tag versuche ich zu schlichten, zu vermitteln, gut zuzureden und zu kitten und meist rede ich mir dabei bloss den Mund fusselig.

Heute ist mir der Kragen geplatzt, darum habe ich die sechs Streithähne – ja, auch „Meiner“ musste antraben – zu einer Moralpredigt inklusive „Geht so mit den anderen um, wie ihr selber behandelt werden möchtet“ und „Es schmerzt mich, wenn die Menschen, die ich am meisten liebe so miteinander umgehen“ verdonnert. Ich bezweifle, dass ich damit mehr bewirkt habe als eine zeitweilige Betroffenheit. Aber, hach, tat das gut, mal so richtig die Moralkeule zu schwingen!

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