Heldenhaft

Wäre ich nicht bereits mit ihm verheiratet, dann wäre heute der Tag, an dem ich ihm einen Heiratsantrag machen würde. Das Erste, was ich heute Morgen sah, als ich gegen neun Uhr die Augen aufschlug, war „Meiner“, der den abgeschmückten Tannenbaum aus dem Fenster beförderte. Als ich deutlich später endlich widerwillig das Bett verliess, dämmerte mir rasch einmal, dass der Tannenbaum erst der Anfang gewesen war und dass mein Herr Gemahl das allgemeine Chaos zum Kampf herausgefordert hatte. Da stand er mit Möbelpolitur und Staublappen und holte das Beste aus unseren alten Fensterbrettern heraus. Und so ganz beiläufig auch aus unseren Kindern: „Ich geh‘ mal nach oben und räume mein Zimmer auf“, verkündete Karlsson nach dem Mittagessen, das für einmal ganz gesittet in einem sehr aufgeräumten Esszimmer stattfand. „Luise und ich haben vorgestern Abend noch gespielt und jetzt sieht es ein wenig unordentlich aus“, erklärte unser Ältester, als ich ihn erstaunt ansah. Ich hatte dann aber keine Zeit mehr, mich länger um den Gesundheitszustand unseres Sohnes zu sorgen, denn am Nachmittag fegte die allgemeine Aufräumwut mit solcher Wucht durch unsere vier Wände, dass ich mich im Büro in Sicherheit brachte.

Als ich irgendwann spät abends wieder nach Hause kam, glaubte ich zuerst, ich hätte mich in der Adresse geirrt. Jedes Zimmer piekfein aufgeräumt, das Prinzchen und der Zoowärter im neuen gemeinsamen Schlafzimmer friedlich schlummernd, das Elternschlafzimmer dort, wo ich es immer gerne gehabt hätte und dazu noch in jedem erdenklichen Winkel Kerzen, Blumen, Schnickschnack – die Wohnung, die ich mir immer mal wieder erträume, die ich aber nie so hinkriege, wie „Meiner“ das mit Leichtigkeit und vor allem ohne schlechte Laune und Gemotze schafft. Ein wahrer Held, wenn ihr mich fragt. Ob ich ihn fragen soll, ob er mein Haushälter werden will?

Lucy kann’s

Ein wenig neidisch bin ich ja schon. Wenn ich nach dem Mittagessen sage: „Kinder, räumt bitte den Tisch ab, putzt euch die Zähne und dann machen wir alle eine Pause“, dann tut keiner nur den kleinsten Wank. Wenn aber Lucy mit breitem Amerikanischem Akzent sagt: „Kiddies, ic mochte, dass ihr jetst gleic die Tisch abraumt, die Säne burstet und dann machen wir alle eine kleine Break“, dann ist sofort alles auf den Beinen, um zu tun, was Lucy von ihnen erwartet. Klage ich: „Kinder, seid bitte etwas leiser. Ich habe so schreckliche Kopfschmerzen“,geht das Geschrei in der gleichen Lautstärke wie zuvor weiter. Wenn aber Lucy jammert „Ic habe so eine furchterliche Headache ic kann euer Gebrull nict mehr langer ertragen“, dann herrscht plotzlic, äähm, ich meine natürlich plötzlich, absolute Stille.

Noch erstaunlicher ist, welche Wirkung Lucy auf „Meinen“ hat. Er, der weder Gerlinde, noch Rosa Müller noch Maggie leiden kann, liegt Lucy zu Füßen. Ach so, ich muss vielleicht noch erklären, wer Gerlinde, Rosa Müller und Maggie sind. Die drei schauen regelmäßig bei uns vorbei. Gerlinde, die raubeinige Arbeitsimmigrantin aus Deutschland, beschimpft unsere Kinder bei jeder Gelegenheit als „kleine Rotznasen“, motzt über die Schweizer Küche und ist bei unseren Kindern dennoch erstaunlich beliebt. Rosa Müller lebt im nahen Altersheim und verirrt sich hin und wieder an unseren Mittagstisch, wo sie sich über ihre missratenen Kinder und die knausrige Heimleitung auslässt. Nichts ist ihr gut genug und doch betteln die Kinder immer und immer wieder: „Mama, wann kommt endlich Rosa wiedermal?“. Maggie, die erst seit Kurzem mit uns verkehrt, ist ein unausstehlicher Snob. Sie prahlt mit ihren Shopping-Exzessen und mit ihren Jet-Set-Bekannten. Durch und durch unsympathisch, aber auch sie äußerst beliebt bei den Kindern, nicht aber bei „Meinem“ und mir.

Gestern dann ist vollkommen aus dem Nichts Lucy aufgetaucht, stellt alle ihre Vorgängerinnen in den Schatten und erobert das Herz meiner Familie im Sturm. Und das alles nur, weil sie einen amerikanischen Akzent hat und so unglaublich fröhlich ist, dass man sie einfach gern haben muss. Lucy muss nur den Mund aufmachen, schon werden alle ganz freundlich und kooperativ, das Zusammensein am Mittagstisch wird plötzlich zur reinsten Freude. Sie schafft mit Links, was ich so oft vergeblich versuche.

Ich bin wirklich versucht, neidisch zu werden, aber wenn ich mir es recht überlege, muss ich mich wohl eher über mich selber ärgern. Hätte ich Lucy nämlich früher erfunden, unser Familienleben wäre schon längst viel friedlicher. Auf der anderen Seite wäre es auch furchtbar langweilig, immer nur die fröhliche Lucy zu sein, denn ein wenig kratzbürstige Gerlinde und ein wenig nörgelnde Rosa Müller steckt ja auch in mir drin. Nur woher Maggie, diese Nervensäge, kommt, kann ich mir beim besten Willen nicht erklären.

War das ein Jahr?

Wie es sich gehört, halte auch ich in diesen etwas ruhigeren Tagen Rückschau auf das Jahr, das schon bald nichts mehr ist ausser ein paar Erinnerungen. Und genau bei diesen Erinnerungen hapert es diesmal ganz gewaltig. Nun gut, da gibt es schon den einen oder anderen denkwürdigen Moment – Spaziergänge durch Prag mit der ganzen Horde, Rigoletto im Avenches mit Karlsson, der Einzug von Leone und Henrietta, entspannende Tage im Piemont, die Aufführung von „Leone & Belladonna“ – aber sonst ist mir nichts geblieben als das Gefühl, dass mir das Leben stets mindestens drei Schritte voraus war und ich verzweifelt versuchte, doch noch alles in Griff zu bekommen.

Dieses Gefühl zog sich wie ein roter Faden durch alles, was ich in diesem Jahr erlebte, angefangen jeweils am Morgen, wenn ich eigentlich etwas früher zur Arbeit hätte gehen wollen, es aber wieder nur gerade rechtzeitig schaffte, weil das Prinzchen die Windel voll hatte. Oder am Mittag, wenn ich mir so fest vornahm, nicht erst zu Hause anzukommen, wenn alle anderen bereits am Tisch sassen und es dann doch wieder nicht fertig brachte, weil ich noch dieses und jenes „nur schnell“ erledigen wollte.

Dieses Gefühl hatte ich aber nicht nur in den kleinen Banalitäten des Alltags, ich litt überhaupt darunter. Da wollte ich nichts lieber, als endlich einmal die blühenden Bäume geniessen und musste feststellen, dass aus den Blüten bereits Früchte geworden waren. Ich freute mich auf gemütliche, laue Sommerabende mit „Meinem“ und merkte erst als ich endlich draussen saß, dass der Sommer vorbei war. Ich schwor mir, dass „ab nächster Woche“ alles anders, alles ruhiger, alles geordneter würde und wurde dann doch wieder mitgerissen von einer Welle von Aufgaben und Verpflichtungen, die ich in diesem Ausmass nicht vorhergesehen hatte.

Jetzt, wo dieses Jahr fast zu Ende ist, erkenne ich erst, wie ausgelaugt und müde ich bin, wie weit ich mich entfernt habe von dem, was ich mir eigentlich unter Leben vorstelle. Nein, ich träume nicht vom süßen Nichtstun, das wäre mir zu öde. Aber etwas mehr Ausgewogenheit, ein gesünderer Wechsel von Aktivität und Ruhe und vor allem das Gefühl, dass ich mehr oder weniger überschauen kann, was in mir drin und um mich herum geschieht, das alles wünsche ich mir.

Oh nein, ich erwarte nicht, dass in drei Tagen, wenn das neue Jahr beginnt, alles anders sein wird, so naiv bin ich dann doch wieder nicht. Aber ich werde alles daran setzen, das Schiff wieder in ruhigere Gewässer zu steuern. Und weil ich weiss, dass mir nach diesem aussergewöhnlich anstrengenden Jahr die Kraft dazu fehlt, bete ich schon mal fleißig für günstigen Wind.

 

Geschafft

Nichts gegen Weihnachten, aber ich bin froh, dass wir es für dieses Jahr hinter uns haben. Unser Tannenbaum sieht ja ganz nett aus, das Essen war wunderbar, jeder hat bekommen, was er sich sehnlichst gewünscht hat und durch den Einzug von fünf Wachteln namens Carla, Elisha, Foirenza, Josefine und Waldemar Leopold – von dem noch keiner weiß, ob er tatsächlich ein Hahn ist – kommt endlich etwas Abwechslung in unser ach so beschauliches Familienleben. Sogar die Weihnachtsgeschichte konnte ich ohne Unterbrüche im Sinne von „Mach mal vorwärts, ich will endlich Geschenke auspacken!“ aus. Ein durchaus gelungenes Fest also.

Zu dumm nur, dass viel kochen, viel essen und viel auspacken auch viel Arbeit mit sich bringen. Nach jedem Gang sieht die Küche wieder aus, als hätte sie seit drei Wochen keinen Lappen mehr gesehen. Mit jedem Geschenk, das ausgepackt wird, steigt die Gefahr eines Zimmerbrandes, weshalb entweder „Meiner“ oder ich die Müllabfuhr übernehmen müssen, währenddem sich die Kinder ins Spiel vertiefen. Und weil Playmobil-Kran, Mikroskop und Siegelwachs noch nicht ganz ohne elterliche Hilfe bedient werden können, bräuchte man mindestens zehn Arme, um überall auf der Stelle helfen zu können. Und auf dem Herd kocht schon das Wasser für den nächsten Gang über…

Ja, Weihnachten war schön und doch bin ich froh, dass es vorbei ist. Denn wenn die Familie Weihnachten feiert, gibt es nur zwei Rollen zu besetzen: Verzauberte, auf Wolke sieben schwebende kleine Menschen und überarbeitete, sich nach mehr Besinnlichkeit sehnende grosse Menschen.

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Fast bereit – oder auch nicht

DONE

  • Geschenke gekauft
  • 88 % (oder so) der Geschenke eingepackt
  • Tannenbaumstamm abgeschliffen, damit er in den Ständer passt und dabei zum ersten Mal überhaupt mit einer Schleifmaschine hantiert. Das war ein Bild: Ich von Kopf bis Fuss in Pink auf dem orangefarbenen Sofa mit dem Baumstamm auf dem Schoss und der Schleifmaschine in der Hand. Damit unsere Kinder später etwas zum Lachen haben, wenn sie über die guten alten Zeiten reden.
  • Stall für die Wachteln soweit fertig gebaut, dass die Tierchen ihre erste Nacht im Hause Venditti katzensicher versorgt sind. 
  • Patenkind beschenkt
  • Nachbarn beschenkt
  • Geschenke für die Patenkinder von „Meinem“ eingekauft
  • 7 Guezlisorten gebacken
  • Vorweihnachtliches Chaos angerichtet, damit wir alle noch ein wenig nervöser werden: Schaffen wir es, die Wohnung aufzuräumen, bevor es mit all dem Geschenkpapier noch schlimmer wird?
  • To Do – Liste geschrieben
  • Eine E-Saite für Karlssons Geige gekauft (und zu Hause erst gemerkt, dass die uns eine A-Saite mitgegeben haben)

TO DO

  • Endlich entscheiden, was ich zur Familienfeier mit meinen Eltern, Geschwistern & Co.  morgen Abend zum Essen mitbringen werde
  • Endlich das Weihnachtsmenü planen. „Meiner“ wäre für Paella oder asiatisch aber wir anderen finden, dass so etwas überhaupt nicht geht. Und er findet, wir seien alle stockkonservativ und langweilig, weil wir lieber Suppe im Brot, Morcheln und Bûche de Noël wollen.
  • Wirklich einmal früh aufstehen und nicht nur davon reden. Damit ich die Erste bin in der Migros, um endlich das Essen für die Festtage einzukaufen. Und dann vor lauter Weihnachten das Katzenfutter, die Feuchttücher und den Essigreiniger nicht vergessen
  • Herausfinden, ob der Geigenbauer morgen noch offen hat, damit wir doch noch eine E-Saite auftreiben können. Karlsson will morgen vor der gesamten Verwandtschaft auftreten, was ohne E-Saite relativ schwierig sein dürfte. Und ein Karlsson, der nicht vor der ganzen Verwandtschaft auftreten darf, dürfte ebenfalls etwas schwierig sein. 
  • Endlich entscheiden, ob die Katzen auch etwas zu Weihnachten bekommen. Und wenn die Katzen etwas bekommen, warum dann die Wachteln nicht? Oder reicht es, wenn die armen Tierchen zu Weihnachten einen eigenen Stall, ein Futtergeschirr und sieben Vendittis bekommen?
  • Die restlichen 12 % (oder so) der Geschenke einpacken
  • Geschenke, die im Trubel der Vorweihnachtszeit ihr Papier schon wieder verloren haben,  wieder einpacken.
  • Weitere Geschenke für Nachbarn und Freunde verteilen
  • Tannenbaum gerade richten
  • Nicht vergessen, dass wir noch weitere Kerzenhalter kaufen müssen. „Meiner“ hat ausnahmsweise mal einen grossen Baum gekauft.
  • Tannenbaum schmücken
  • Den Stall für die Wachteln fertig bauen und endlich entscheiden, ob er vorerst mal auf den Balkon kommt, oder bereits in den Garten
  • Einstreu für den Stall kaufen
  • Mit „Meinem“ ausdiskutieren, wer sich sich morgen Abend frühzeitig davonmachen darf, um bei der Christanchtfeier zur Ruhe zu kommen 
  • Aufräumen, aufräumen und nochmals aufräumen
  • Putzen, putzen und nochmals putzen
  • Eine Strategie entwickeln, wie wir die Kinder motivieren können, damit sie mitmachen beim Aufräumen, aufräumen und nochmals aufräumen. Das Putzen, putzen und nochmals putzen dürfte einfacher sein, denn das machen sie gern.
  • Scharf nachdenken, ob wir beim Geschenkekauf wirklich niemanden vergessen haben und Notfallszenario entwickeln, falls uns doch noch jemand in den Sinn kommt
  • Endlich in Festtagsstimmung kommen, damit ich nicht wieder erst an Ostern Zeit finde, über den tieferen Sinn des Weihnachtsfestes nachzudenken
  • Endlich begreifen, dass morgen wirklich schon der Heilige Abend ist und nicht der 24. Juli 2011

Und falls mir dann noch etwas Zeit bleibt, können wir ja noch die Spitzbuben backen, bevor der Teig, der schon längst im Kühlschrank wartet, vor lauter Kummer schlecht wird.

Inkonsequent

Am Vormittag bei der Zeitungslektüre ärgere ich mich über die Schweizer, die ihre Weihnachtsgeschenke im benachbarten Ausland einkaufen und damit Arbeitsplätze in der Schweiz gefährden. Ich rege mich auf über die SBB, die diesen Irrsinn auch noch mit Extrazügen unterstützen. Wie kann man bloss? Wir würden so etwas nie tun.

Doch was tun wir am Abend des gleichen Tages? Wir buchen eine Woche Skiferien in Österreich, weil es dort zur Unterkunft gleich noch den Skikurs, Bergbahnbillett und die Ausrüstung für die Kinder gibt. Weil man dort auch mit fünf Kindern eine bezahlbare Unterkunft findet, was hierzulande zwar nicht unmöglich, aber doch nicht ganz einfach ist. Weil wir uns Skiferien in der Schweiz nur schwerlich leisten könnten und unsere Kinder allmählich Skifahren lernen sollten, da schon bald das erste Skilager auf dem Programm steht. Ich persönlich tue das auch, weil mir Wintersport so unwichtig ist, dass ich das Geld lieber für Dinge ausgebe, die mir mehr am Herzen liegen.

Alles mehr oder weniger ehrenwerte Gründe und doch kann man uns zu Recht vorwerfen, dass wir genau das Gleiche tun wie jene, über die ich mich bei der morgendlichen Zeitungslektüre so sehr geärgert hatte.

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Mehr als erträumt

Wenn unsere Kinder auf der Bühne ihr Bestes geben, dann erfüllt uns Mütter das mit Stolz, auch wenn wir das nicht gerne offen zugeben. Man möchte ja nicht zu den Müttern gezählt werden, die überall Talente und Erfolge ihrer Sprösslinge zur Schau stellen müssen. Solche Mütter sind nicht nur peinlich, sie stürzen auch andere Eltern in tiefe Zweifel. Warum kann mein Kind nicht, was das andere, das offenbar ein Genie ist, mit Leichtigkeit schafft? Haben wir etwas falsch gemacht? Müssten wir sie mehr fördern? Wenn ich also heute von einer für mich ganz besonderen Sternstunde erzähle, dann nur deshalb, weil es einer der schönsten Momente meines Mutterseins war und nicht, weil ich sagen will „Schaut mal her wie grossartig wir doch sind…“.

Es ist nämlich so, dass heute gleich fünf meiner Kinder einen grossen Auftritt hatten. Karlsson mit seiner Geige und als Opa im Theaterstück, Luise als eine der Hauptrollen im Katzenkostüm, der FeuerwehrRitterRömerPirat als Feuerwehrmann, der Zoowärter zum ersten Mal überhaupt als Teil einer fröhlich singenden Kindergruppe und schliesslich – der Grund für all diese Auftritte – „Leone & Belladonna“ als Theaterstück.

Als ich vor ein paar Jahren als überforderte Mutter von drei Vorschulkindern im Morgengrauen am Computer sass, um die Geschichte der beiden Katzen für eben diese drei Vorschulkinder zu schreiben, hätte ich mir das nie und nimmer träumen lassen. Ein ganzer Trupp begeisterter Kinder – darunter vier eigene – die auf der Bühne umsetzen, was in meinem Kopf entstanden ist, nein, damit hätte ich nie gerechnet und so verwundert es wohl nicht, dass mir am Ende fast die Tränen der Rührung kamen. Es ist nicht Stolz im Sinne von „Hach, bin ich nicht toll?“ sondern einfach Freude, dass da etwas herangewachsen ist, worauf ich sehr wenig Einfluss hatte, was aber dennoch nur werden konnte, weil ich einmal etwas angefangen habe. Das gilt für die Kinder und für die Geschichte, die ja auch irgendwie mein Kind ist.

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Wo steckt sie bloss?

Als Erwachsene sage ich mir, dass unsere Katze Henrietta den Heimweg bestimmt bald wieder finden wird, dass sie sich wohl einfach irgendwo vor Joachim in Sicherheit gebracht hat und wieder nach Hause kommt, wenn es endlich ruhiger wird. Ich beruhige mich damit, dass die meisten Katzen mal für ein paar Tage verschwinden. Und ausserdem hat sie den Heimweg auch bei den anderen Ausflügen wieder gefunden, wenn auch schneller.

Als Mutter von fünf Kindern, die miterleben muss, wie die Kinder weinen, weil Henrietta seit gestern Vormittag nicht mehr aufgetaucht ist, kann ich dennoch nicht ruhig bleiben. Was, wenn sie doch nicht mehr zurückkommt? Klar, es gibt noch viele Katzen auf der Welt, aber die sind eben nicht Henrietta. Und wenn die Kinder nervös werden, überträgt sich das auch auf uns Eltern. Denn sie fehlt ja nicht nur den Kindern, auch wir vermissen es, wie sie frühmorgens an unseren Zehen knabbert.

Ja, und dann ist da noch Henriettas Bruder Leone, der kläglich miauend nach seiner Schwester ruft. So traurig wirkt er, dass unsere Kinder, die sich seit Tagen nur noch in den Haaren liegen, nur noch staunen, wie sehr sich Bruder und Schwester lieben könnten, wenn sie denn wollten. Da behaupte noch einer, Haustiere hätten keinen pädagogischen Nutzen…

Henrietta

Prinzchens Grosseinkauf

Ein sehr überdrehtes Prinzchen und eine sehr übermüdete Mama gehen am Donnerstagabend eine knappe Stunde vor Ladenschluss einkaufen. Hauptziel dieses Einkaufs: Das Prinzchen so richtig müde zu machen, damit der Feierabend endlich kommen kann. Weitere Ziele: Den ziemlich leeren Kühlschrank wieder auffüllen, Koffeinnachschub besorgen, den einen oder anderen kleinen Frustkauf tätigen, weil das Leben gerade so anstrengend ist. Nun ja, das zumindest sind die Ziele aus mütterlicher Sicht, diejenigen des Prinzchens sehen etwas anders aus: Möglichst alles, was Mama sonst nie kauft, in den Einkaufswagen schmuggeln, dabei alles ohne Mamas Hilfe schaffen und so ganz nebenbei noch all die „Ach, ist der Kleine aber süss“-Kommentare  ernten, die es so kurz vor Feierabend noch zu holen gibt. Dreimal raten, wer seine Ziele zuerst erreicht hat…

Man muss aber auch sagen, dass das Prinzchen alles gegeben hat und seinen Sieg voll und ganz verdient hat. Das soll ihm zuerst mal einer nachmachen, wie er wagemutig vom Einkaufswagen auf den Rand des Kühlers kletterte und mich dabei konstant beschwatzte, bis ich ihm seufzend erlaubte, die Vanille- und Schokoladencrème, zu der er sich so hartnäckig hochgekämpft hatte, in den Wagen zu legen. Seine Parodie auf sämtliche einkaufenden Mamas war schon nahezu bühnenreif. Da stand der Dreikäsehoch vor dem Wurstregal und brummte: „Wurst haben wir auch keine mehr. Dann nehmen wir doch die und dann noch die…“ Ich weiss nicht, wann wir zuletzt so viel Wurst gekauft haben, aber kann man denn einem, der mit so viel Eifer bei der Sache ist, die Wurst verbieten? Und dann erst sein Versuch, aus der ganzen Spielwarenauslage das perfekte Geschenk für jeden herauszupicken: „Das hier wünsche ich mir und das auch und das auch und das auch, nein, das nicht, das wünscht sich bestimmt Luise, aber das wünsche ich mir und das und das und das wünscht sich der Zoowärter und ich natürlich auch und der FeuerwehrRitterRömerPirat auch und das wünsche ich mir und das auch noch und das ist für Karlsson und das für mich und das auch für mich und das auch noch…“ Damit zauberte er auch noch der griesgrämigsten, abgekämpftesten und ungeduldigsten Hausfrau, die an diesem trüben Donnerstagabend ihren Einkauf so schnell als möglich hinter sich bringen wollte, ein Lächeln ins Gesicht. Also auch seiner eigenen Mutter…

 

Prävention oder so

Die Frage, die mich heute umtreibt: Wie ernst kann man eine erwachsene Frau nehmen, die sich zum Mittagessen mit ihren Arbeitskollegen ein Happy Meal bestellt und zuerst das Spielzeug auspackt? Nun mag man sich natürlich fragen, wie ich als gesundheitsbewusste Mutter, die ihren Kindern auch eine Art ökologisches Bewusstsein einpflanzen möchte, überhaupt dazu komme, eine solche Beobachtung zu machen. Und da muss ich gestehen, dass „Meiner“ und ich heute dem Prinzchen zuliebe unser allwöchentliches fast-kinderloses Mittagessen bei McDonald’s eingenommen haben. Verwerflich aber dennoch  Teil unseres pädagogischen Konzepts, wenn wir denn je eines niedergeschrieben hätten. 

Es ist nämlich so, dass wir ziemlich überzeugt sind davon, dass alles, was verboten ist, umso reizvoller wird für die Kinder und dass sie eine Sache bald einmal uninteressant finden, wenn man nicht allzu viel Geschrei darum macht. Bei Luise und Karlsson hat das ganz gut funktioniert, nicht nur bei Fast Food. Auch Barbie haben wir so mehr oder weniger schadlos überstanden und ich hoffe, dass wir es dereinst beim Alkohol ähnlich werden handhaben können. Nicht verteufeln, aber klar aufzeigen, weshalb man nicht einfach bedenken- und grenzenlos dazu ja sagen kann. Natürlich dürfen solche erziehungsbedingten (Fast Food-)Eskapaden nicht allzu oft vorkommen, denn sonst besteht die Gefahr der Gewöhnung und das wollen wir natürlich auf gar keinen Fall. 

Nun gut, mir ist natürlich auch bewusst, dass dieser Grundsatz spätestens dann versagt, wenn es um Dinge wie Kokain und dergleichen geht und man kann mir auch jetzt schon vorwerfen, dass mein Verhalten nicht ganz konsequent ist. Aber nachdem ich sehr viele Jugendliche gekannt habe, die vor lauter Verboten erst recht über die Stränge geschlagen haben, sehe ich nicht allzu viele andere Wege, mit dem Problem von wollen und besser nicht sollen umzugehen. Am Ende verfolge ich doch nur das Ziel, dass die Kinder den faulen Zauber von Happy Meal & Co. durchschaut haben werden, bevor sie erwachsen sind. Denn die Frage, ob man einen erwachsenen Menschen, der sich zum Mittagessen ein Happy Meal bestellt und zuerst das Spielzeug auspackt, muss ich eindeutig mit Nein beantworten.