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Eindeutig noch zu früh…
Seit Jahren schon liegen uns unsere Kinder mit dem Wunsch in den Ohren: „Wann dürfen wir endlich ein Haustier haben? Eine junge Katze vielleicht, oder zwei Häschen, oder Meerschweinchen.“ „Meiner“ und ich reagieren auf diese Bitte so, wie schon unsere Eltern reagiert hatten: „Natürlich sind Haustiere süss. Aber wer wird dafür sorgen, dass das Gehege sauber bleibt?“ Worauf uns unsere Kinder, wie alle Kinder auf diesem Planeten, uns mit treuherzigen Kulleraugen anschauen und sagen: „Wir werden immer dafür sorgen, dass das Gehege sauber bleibt. Und wir werden die Tiere immer füttern. Und immer streicheln. Und immer alles für sie machen. Alle anderen haben ja auch ein Haustier. Warum dürfen wir nicht?“ Bis vor Kurzem hatten „Meiner“ und ich ein Totschlägerargument im Sack, welches das Flehen unserer Kinder zum Verstummen brachte: „Wir haben zwar keine Haustiere, dafür haben wir ein Baby und das haben alle anderen nicht und das ist viiiieeeel spezieller.“ Doch seitdem das Prinzchen fleissig mitstreitet, wenn sich unser Knöpfe in die Haare geraten, seitdem er einen Tobsuchtanfall bekommt, wenn er kein Eis haben darf, seitdem er laut und deutlich sagen kann, was er will, seither zieht das Argument mit dem Baby nicht mehr, denn unsere Kinder haben schneller als wir Eltern begriffen, dass das Prinzchen kein Baby mehr sein will.
Und deshalb haben „Meiner“ und ich uns erweichen lassen und wir haben uns Haustiere angeschafft. Nun ja, zumindest eine Haustierzucht, oder vielleicht eher eine Gartentierzucht. Wir haben nämlich ein Marienkäfer-Aufzuchtset gekauft. Schaffen es unsere Kinder, gut für die Eier, die Larven und später die Marienkäfer zu sorgen, dann können wir im nächsten Sommer vielleicht zu den Pantoffeltierchen übergehen. Und wenn das auch gut läuft, dann können die Kinder allenfalls mit uns darüber reden, ob wir vielleicht, aber nur vielleicht, dazu bereit sind, eine jener schrecklichen Zuchtstationen für Urzeitkrebse zu kaufen und wenn auch das gut läuft, dann…. bin ich sicher, dass Karlsson spätestens zu seinem fünfundzwanzigsten Geburtstag einen Zwerghasen bekommt und Luise zum Zweiundzwanzigsten vielleicht eine junge Katze.
Doch leider muss ich sagen, dass das mit den Marienkäfern nicht ganz so läuft wie erhofft. Schon am ersten Tag liess der FeuerwehrRitterRömerPirat das Zuchtset auf den Boden fallen, worauf sich Marienkäfereier und Mehlmotteneiner, die eigentlich als Nahrung für die Larven vorgesehen sind, auf dem Fussboden verteilten. Worauf Karlsson, der in der Schule bereits Erfahrungen mit dem Züchten von Marienkäfern gesammelt hat, in Tränen ausbrach, weil er fürchtete, jetzt seien alle Eier kaputt. Ich wäre ebenfalls fast in Tränen ausgebrochen, denn ich sah vor meinem inneren Auge bereits die Maden, die aus den Mehlmotteneiern schlüpfen würden, was mich dazu trieb, den Fussboden mit kochendem Wasser zu reinigen, damit garantiert kein Mehlmottenei auf unserem Fussboden überleben würde.
Gott sei Dank haben trotz dieses Unfalls ziemlich viele Marienkäfereier überlebt, was sich gestern eindeutig bestätigte: Die ersten Larven sind geschlüpft. Aber die armen Larven haben bei uns kein glückliches Larvenleben. Immer wieder müssen sie an einen neuen Ort umziehen, weil Karlsson fürchtet, sie seien zu sehr dem Sonnenlicht ausgesetzt. Sobald Karlsson einen besseren Ort gefunden hat, macht das Prinzchen diesen ausfindig und bald schon werden die armen Larven hin und her geschüttelt und sie müssen ganz schön aufpassen, dass sie nicht versehentlich auf dem Fussboden landen, wo sie der sichere Tod durch Zertreten erwartet. Wenn das so weitergeht, dann wird vielleicht ein einziger Marienkäfer unser Haus lebend verlassen und im Garten den Kampf gegen die Blattläuse aufnehmen können.
Man sieht also: Vendittis Kinder sind noch nicht reif für Haustiere. Wir werden dann wohl noch eine Weile bei den Stofftieren bleiben.
Das darf doch nicht wahr sein!
Als Karlsson noch ganz winzig war und ich, kaum hatten wir das Spital verlassen, wieder für eine Woche einrücken mussten, weil das kleine Kerlchen es nicht schaffte, alle Milch zu trinken, die ich in meiner mütterlichen Überschwenglichkeit im Angebot hatte, da hatte ich noch kein Problem damit. Klar, die Brustentzündung war äusserst schmerzhaft, aber für meinen lieben kleinen Karlsson war ich noch so gerne bereit, trotz wiederholter Entzündungen acht Monate lang zu stillen, bis er eines Morgens im Urlaub die Brust von sich schob und jeden weiteren Tropfen Muttermilch verweigerte. Und mir damit prompt eine weitere Entzündung bescherte.
Auch als Luise unter Tränen stillen musste, weil sich da heimlich still und leise ein riesiger Abszess gebildet hatte, der entfernt werden musste, nahm ich das noch so gerne auf mich. Hauptsache, ich konnte meine Tochter so lange wie möglich stillen. Was dann leider nur drei Monate dauerte, aber immerhin. Ich hatte auch kein Problem damit, für den FeuerwehrRitterRömerPiraten zuerst voll abzustillen, um dann die Milch in der für ihn richtigen Menge wieder kommen zu lassen. Hauptsache, ich konnte meinem dritten Kind, für das so wenig Zeit blieb im aufreibenden Alltag, diese Stillzeiten mit mir ganz alleine schenken. Auch für den Zoowärter und das Prinzchen nahm ich es noch so gerne in Kauf, dass ich hin und wieder mit schmerzhaften Milchstaus und Brustentzündungen flach lag und das eine oder andere Familienfest sausen lassen musste. Ich möchte nie und nimmer behaupten, dass jede Mutter das so sehen muss, aber für mich war das Stillen enorm wichtig und ich scheute keinen Schmerz, wenn ich dafür diese ganz spezielle Zeit mit jedem meiner Kinder geniessen konnte.
Soweit so gut, aber das ist jetzt wirklich zu viel: Da quäle ich mich heute früh aus dem Bett und spüre dieses vertraute Gefühl. Lange Zeit dämmert mir nicht, was mit mir los ist. Warum sollte es auch, habe ich doch vor einem guten Jahr abgestillt. Als ich mich aber immer schlapper fühle, die Schmerzen in der Brust immer schlimmer werden, als ich schliesslich laut aufheule, als das Prinzchen auf mir rumklettert, da geht mir endlich ein Licht auf: Ich habe eine Brustentzündung. Ohne Stillen, ohne Baby, einfach so. Während ich all die anderen Brustentzündungen mehr oder weniger klaglos auf mich genommen habe, weigere ich mich diesmal, das einfach so hinzunehmen. Leiden für meine Kinder ist okay, aber leiden, einfach weil mein Körper findet, er könne mal wieder meine Schwachstelle angreifen, das geht zu weit. Entweder bekomme ich jetzt gleich das Baby, das zur Brustentzündung einfach dazugehört, oder ich mache nicht mehr mit.
Verstanden, mein guter alter Körper?
Und dann noch eine Bemerkung am Rande: Wer darf sich ins Bett legen? Das Au-Pair, das einen Angina-Rückfall hat, weil sie die Antibiotika nicht nach ärztlicher Vorschrift eingenommen hat oder die Mama, die sich ohne Stillen eine Brustentzündung zugezogen hat? Ist doch klar: Das Au-Pair, denn sie hat ja auch noch nicht erleben dürfen, dass Frau immer auf die Zähne beisst, egal, wie elend ihr ist. Und wer rennt am Nachmittag wieder im Garten herum? Das Au-Pair oder die Mama? Beide natürlich. Die Mama, weil sie verhindern muss, dass sich das Prinzchen unter ein Auto wirft, das Au-Pair, weil sie den Rest des unerwarteten freien Tages geniessen darf.
Mist!
Dass ich als Mutter schon viel falsch gemacht habe, ist mir klar und ich habe auch kein grundsätzliches Problem damit. Fehler gehören für mich einfach dazu und ich habe mir auch schon damals, als Karlsson noch in der Wiege lag, daran gewöhnt, mich bei ihm zu entschuldigen, wenn ich ihm Unrecht getan hatte. Damit ich lerne, meinem Kind gegenüber zu meinem Versagen zu stehen, bevor ich zu stolz bin dazu und verbissen auf meinem Standpunkt beharren muss. Bis heute habe ich mich in der Illusion gewiegt, dass ich mit diesem Grundsatz für meine Kinder mein Bestes gegeben habe.
Aber mit dieser Illusion ist jetzt Schluss. Ich habe nämlich einen Katalog zugeschickt bekommen mit vielerlei Krimskrams, der viel kostet, der aber das Leben um so viel lebenswerter machen wird, dass kein Geld der Welt den wahren Wert dieser Dinge aufwiegen könnte. In diesem Katalog also, auf Seite 45 unten, werde ich mit meinem Versagen konfrontiert: „Manchen Kindern wird die Musikalität in die Wiege gelegt. Aber eben nur manchen. Das ist uns nicht zuverlässig genug, und so lange wollen wir auch nicht warten“, steht da geschrieben. „Mist!“, denke ich. „Ich habe vielleicht doch nicht mein Bestes gegeben“ und lese weiter: „Unseren Nachwuchs versorgen wir schon Monate vor der Geburt mit lieblichen Klängen und lehren ihn auf unterschiedlichste äussere Reize zu reagieren sowie schön zu entspannen. Dass unser Music Belt nicht nur äusserst kleidsam, sondern auch bequem und individuell einstellbar ist, versteht sich von selbst.“ Wer jetzt denkt, es könne mir doch vollkommen schnurz sein, ob manche Mütter glauben, sie müssten ihre Ungeborenen bereits im Mutterleib mit Hintergrundmusik berieseln und dazu eigens einen hellblauen Gurt mit weissen Punkten tragen, der irrt. Es ist durchaus von Beduetung, ob man das getan hat oder nicht, denn der nächste Satz macht klipp und klar, dass dieses Gadget für eine gute Mutter unverzichtbar ist: „Schliesslich geht es hier um die besten Mütter der Welt!“ Jawohl! Die besten Mütter der Welt, die wissen eben, worauf es ankommt und die geben von Herzen gerne 99.90 Franken aus, um dafür zu sorgen, dass ihre Kleinen optimale Startbedingungen haben.
Ach, was bin ich doch für eine dumme Mutter! Da glaube ich doch allen Ernstes, ich würde meinen Kindern das Beste bieten, indem ich ehrlich bin mit ihnen und ihnen offen meine Liebe zeige. Und bei all meinen Bemühungen, eine leidenschaftliche Mama zu sein, habe ich das nicht getan, was die besten Mamas der Welt tun: Ich habe im letzten Schwangerschaftsdrittel jeweils keinen hellblauen Gurt mit weissen Punkten getragen, der meinen Nachwuchs mit Musik versorgt. Sollte aus meinen Kindern nichts werden, dann wisst ihr jetzt, warum.
Wer sucht,….
…. der findet auch bei uns irgend etwas, aber leider meistens nicht das, wonach er gesucht hat. So tauchten zum Beispiel heute Morgen die Au-Pair-Unterlagen, die ich seit drei Tagen verzweifelt gesucht hatte wider auf ausserdem der Schlüsselbund von „Meinem“, den am Sonntag so ziemlich jedes Familienmitglied mal in der Hand gehabt hatte, so dass nicht mehr nachvollziehbar war, wer ihn zuletzt wo liegen gelassen hatte. Nun, seit heute früh wissen wir, wo der Kerl gesteckt hat: Auf dem Wickeltisch, unter einem Berg von Kleidern verborgen. Was mich darauf schliessen lässt, dass das Prinzchen zuletzt damit gespielt hat, denn er ist der Einzige, der auf dem Wickeltisch überhaupt noch etwas zu suchen – oder wohl eher liegenzulassen – hat. Man sieht also: Unsere Suchaktion war äusserst erfolgreich. Bloss half uns das nicht weiter, denn Karlsson brach trotzdem in Tränen aus, weil seine Streifen verschwunden blieben und er den Zorn der Lehrerin fürchtete.
Ich kann gar nicht verstehen, warum Karlsson immer so sehr in Panik gerät, wenn er etwas nicht finden kann. Für ihn ist jeder kleine Misstritt der Anfang des Weltuntergangs und er malt sich dann jeweils in den schwärzesten Farben aus, was mit ihm alles passieren könnte, bloss weil mal wieder etwas daneben gegangen ist. Dabei hat er doch stets eine Ausrede zur Hand: Er kann seinen kleinen Brüdern die Schuld geben am ganzen Schlamassel. Aber nein, Karlsson nimmt alle Schuld auf sich, macht sich Vorwürfe und zittert vor der Strafe, die dann meist gar nicht eintritt, weil er bei der Lehrerin einen grossen Stein im Brett hat. Also ich war ja ganz anders in dem Alter. Ich machte nie ein solches Geschrei. Musste ich auch gar nicht, denn aus lauter Angst, dass ich etwas falsch machen könnte und dass die Lehrerin mir deswegen böse sein könnte, war ich stets darauf bedacht, nur ja nichts zu vergessen, kein Blatt zu zerknittern, keine Papierschnipsel zu verlegen. Ich hatte ja auch keine jüngeren Geschwister, denen ich den Fehler in die Schuhe schieben konnte und so musste ich eben im Vornherein dafür sorgen, dass alles war, wie es sein sollte. Um stets den nötigen Druck zu haben, alles richtig zu machen, malte ich mir jeweils in den schwärzesten Farben aus, was mit mir passieren würde, wenn ich einen Fehler beginge. Das ist dann wohl der Grosse Unterschied zwischen Karlsson und mir: Ich zitterte vorher, er zittert nachher. Aber perfektionistische Angsthasen sind wir beide.
So, aber jetzt muss ich los. Die Papierstreifen sind wieder aufgetaucht, als ich nach der Kabelrolle suchte, um die Pumpe des Schwimmbeckens in Betrieb zu nehmen. Wenn ich jetzt ganz schnell zur Schule renne, dann schaffe ich es noch, Karlsson die Streifen in der grossen Pause in die Hand zu drücken und dann können wir vielleicht noch verhindern, dass die Lehrerin schimpft….
Unmöglich?
Sind denn unsere Vorstellungen so unrealistisch, dass es einfach nicht klappen will? Man sollte doch meinen, dass es in der Schweiz ein oder zwei, vielleicht sogar drei, junge Frauen gibt, die gerne mal für ein Jahr als Au-Pair arbeiten. Ich meine jetzt nicht Sklavenarbeit, sondern bloss dreissig Stunden die Woche ein paar Wäscheberge beseitigen und die Küche aufräumen, mit dem Zoowärter und dem Prinzchen spazieren gehen, dafür sorgen, dass die Kinder am Nachmittag eine Zwischenmahlzeit bekommen, wenn Mama Venditti sich im Büro verschanzt hat und dergleichen. Nett wäre ausserdem, wenn sie unsere Kinder nicht als lästiges Ungeziefer, sondern als nette kleine Menschen ansähe, die natürlich auch ihre Macken haben. Als Gegenleistung bekäme sie von uns ein sauberes Zimmer, ein eigenes Bad, warme Mahlzeiten, Bezahlung nach den gängigen Richtlinien und Familienanschluss. So schlimm kann das doch nicht sein, oder?
Nun, mag ja sein, dass es Ausnahmen gibt, aber die Kandidatinnen, die sich bis jetzt gemeldet haben, scheinen etwas andere Vorstellungen von einem Au-Pair-Job zu haben. Schimpft mich ruhig eine Pessimistin, aber wenn die erste Frage lautet, wie weit es denn von uns bis nach Zürich sei, dann werde ich misstrauisch. Vielleicht bin ich in euren Augen ja ein Snob, aber wenn ich erfahre, dass die junge Dame in keiner Schule tragbar war, dann beschleichen mich ernsthafte Zweifel, ob sie der richtige Umgang für unsere Kinder sei. Ihr dürft auch sagen, ich sei kleinlich, aber wenn die junge Dame schon zum ersten Kennenlernen nicht erscheint, dann schrillen bei mir die Alarmglocken.
So langsam habe ich das Gefühl, dass ich mal wieder das Unmögliche will. Und deshalb habe ich heute Nachmittag kurzerhand beschlossen, unser Au-Pair-Suche auf den ganzen Planeten auszuweiten. Irgendwo auf dieser Welt wird es bestimmt eine junge Dame geben, – und weiblich muss sie sein, denn noch mehr Testosteron kann unser Haushalt nicht mehr ertragen – die es Zwölf Monate mit Vendittis aushält. Wir sind ja keine Monster, bloss etwas laut und chaotisch, aber damit sollte man leben können. Immerhin halten wir es auch aus mit uns selber und wir müssen uns selber schon ein ganzes Leben lang ertragen.
Uuufffffff
Am Anfang sah es ja noch so aus, als würde dieser Fronleichnam gar nicht so schlimm wie gestern befürchtet. Ein Tag, der erst um neun Uhr morgens damit beginnt, dass dir ein freudenstrahlendes Prinzchen seinen Nuggi an den Kopf wirft, kann ja nicht wirklich schlimm werden, oder? Ha, von wegen! Natürlich kann er, auch wenn er anfangs noch so tut, als sei er ganz nett. Wie ein Tag so tun kann, als sei er nett? Na eben, indem er erst um neun Uhr damit beginnt…, ach, ich wiederhole mich. Aber das Riesenpaket von La Redoute, das kurz darauf in unserer Wohnung landete, war auch nicht schlecht. Im Gegenteil, es war perfekt, denn für einmal passen alle Kleider wie angegossen. Und billig sind sie obendrein.
Das war’s dann aber mit dem netten Tag, denn kaum war ich in meine hübschen neuen Kleider geschlüpft, ging es nur noch bergab. Die Details erspare ich meiner geschätzten Leserschaft. Nur ein paar Stichworte, damit ihr euch vorstellen könnt, womit mich der heutige Tag erfreut hat: Stempeltinte auf dem frisch geputzten Bürotisch, auf dem Bürostuhl und an den Prinzchenhänden, dazu 150 Büroklammern über den ganzen Bürofussboden verteilt; Joghurtessen mit Strohhalm; ein Glas Confiture im freien Fall; eine äusserst zickige Luise und ein äusserst unkooperativer Zoowärter; Regenwetter; PMS; brüllende Kinder, die das Prinzchen aus dem Schlaf reissen, bevor er ausgeschlafen ist und das gleich zweimal; ein Anruf einer Mutter zur besten Tageszeit, nämlich abends um Viertel vor sechs und noch Einiges mehr, aber das habe ich verdrängt. Deshalb nur noch das Schlimmste am Ganzen: Keine Hefe im Haus und kein Laden offen, wo ich Hefe hätte kaufen können, damit ich Teig zum Abreagieren hätte machen können. Also blieb mir nichts anderes übrig, als meine Wut an der armen Wohnungstüre auszulassen und zwar heftig.
Am Ende eines solchen Tages kann ich nur sagen: Gott sei Dank bin ich nicht katholisch. Sonst müsste ich auch noch ein schlechtes Gewissen haben, weil der Feiertag so gar nicht feierlich war. Aber Fronleichnam kann mir zum Glück egal sein, so dass ich mir jetzt nur ein Gewissen machen muss, weil ich den ganzen Tag eine mies gelaunte, ungeduldige, unausstehliche Mama war.
Um aber den Tag nicht ganz so pessimistisch zu beenden hier noch die neuste Glanzleistung des Prinzchens: Das schlaue Kerlchen hat heute zum ersten Mal seinen Teller abgeräumt, als er mit dem Essen fertig war. Hach, was bin ich stolz auf meinen Jüngsten!
Einige Gedanken an einem ganz gewöhnlichen Mittwoch
1. Ist es ein Zeichen von unverbesserlichem Optimismus, wenn man morgens, kaum sind die drei Grossen aus dem Haus, das Prinzchen und den Zoowärter ins Auto packt, um Sommerkleider für die Kinder einzukaufen? Oder wurde der Sommer für dieses Jahr offiziell abgesagt und ich bin die Einzige, die es nicht mitbekommen hat?
2. Manchmal ist es so schwierig, ein benachteiligtes Kind zu lieben. Nicht, weil es nicht liebenswert wäre, sondern weil es alles tut, um zu verhindern, dass deine Liebe sein Herz berühren und verletzen könnte. Meistens kann ich gut damit leben. Aber zuweilen, wenn meine Liebe zu oft ins Leere gelaufen ist und meine Tochter auch noch darunter leiden muss, dann möchte ich den Bettel nur noch hinschmeissen und mich den Kindern zuwenden, die es schätzen, von mir geliebt zu werden. Es gibt Tage, da zweifle ich daran, ob es richtig war, die Türen unseres Hauses so weit zu öffnen, dass nicht nur wir und unsere Kinder darin Platz haben.
3. Wie schafft man es, innert 5 Minuten eine Flasche Bio-Olivenöl zu verschütten, eine randvolle Dose Rohrzucker zu zerschlagen und einen halben Liter Orangensaft auf dem Fussboden zu verteilen? Wenn ihr jetzt glaubt, es habe etwas mit dem Prinzchen zu tun, dann irrt ihr gewaltig. Zuweilen sorgen auch die drei ältesten Mitglieder des Venditti-Clans für Chaos. Und das sogar ohne, dass wir uns in die Haare geraten wären und mit Geschirr um uns geschmissen hätten.Und nein: Ich war nicht alleine Schuld an dem Desaster.
4. Fronleichnam ist nicht lustig. Schon gar nicht dann, wenn man in einem katholischen Gebiet lebt und der Papa in einem protestantischen Gebiet arbeitet. Das heisst: Fünf Kinder und eine übermüdete Mama, die morgen keinen Ausflug machen können, weil Mama zu genervt sein wird, um mit allen Fünfen auszufliegen. Und das alles an einem Donnerstag, wo ich doch Donnerstage leidenschaftlicher verabscheue als Garfield die Montage. Oder kurz gesagt: Ich freue mich nicht auf morgen.
5. Eigentlich möchte ich es ja nicht wahrhaben, aber es lässt sich dennoch nicht leugnen: Ich bin so viel zufriedener, wenn ich weiss, dass auf unserem Konto genug Geld ist. Ich möchte von mir behaupten können, dass ich rund um die Uhr singend und pfeifend durchs Haus tanze, egal, wie hoch oder tief der Kontostand ist. Doch leider erwische ich mich fast immer nur dann beim spontanen Singen und Pfeifen, wenn ich weiss, womit ich den nächsten Wocheneinkauf bezahlen werde.
6. Wie viele Putzkessel hat meine Mutter wohl in ihrem ganzen bisherigen Leben kaufen müssen? Drei vielleicht, oder vier? Was mache ich bloss falsch, dass ich heute bereits den vierten Putzkessel in diesem Jahr habe kaufen müssen, weil schon wieder einer kaputt gegangen ist? An meinem Putzfimmel kann es nicht liegen. Ich habe nämlich gar keinen.
7. Manchmal zweifle ich daran, ob ich gerade die passende Rolle erwischt habe. Ist jetzt gerade die liebevolle, verständnisvolle Mama gefragt oder hätte ich die gestrenge Übermutter herauskehren müssen? Warum spricht man mich als Projektleiterin an, wo ich doch ganz offensichtlich als übermüdete Hausfrau beim Monsterwocheneinkauf unterwegs bin? Muss ich jetzt wirklich die top organisierte Familienfrau spielen, wo ich doch für die Rolle der redseligen Kaffeetante vorgesprochen habe?
8. Sieht er nicht grossartig aus in weiss, mein Karlsson? Und ist es nicht wundervoll, mal nur mit ihm alleine unterwegs zu sein? Welche Brille sich Luise wohl aussuchen wird? Die Zeiten, wo man ein Kind wegen einer Brille auslacht sind doch vorbei, oder muss ich sie vielleicht darauf vorbereiten, dass es dumme Sprüche geben könnte? Wie schön, der FeuerwehrRitterRömerPirat hat mich umarmt. Freiwillig. Armer Zoowärter! So süss und so trotzig. Hoffentlich merkt er bald, dass man im Leben nicht um alles kämpfen muss. Ach, mein Prinzchen! So klein und schon so übermütig! Wenn er bloss nicht vom Stuhl fällt. Unglaublich: „Meiner“ und ich haben heute ganze zehn Minuten ungestört miteinander reden können!
9. Hätte ich vielleicht doch ein paar Flaschen Cola kaufen sollen? Die nächsten Tage könnten anstrengend werden.
So ist mein Leben: Ein Spagat zwischen den verschiedenen Welten. Immer. Auch an einem ganz gewöhnlichen Mittwoch. Wobei, so gewöhnlich war der Mittwoch gar nicht. Ich habe nämlich den Wocheneinkauf um einen Tag vorgezogen, weil morgen Fronleichnam ist, worauf ich mich gar nicht freue. Aber das hatten wir ja bereits.
Krisenmanagement
Halb fünf Uhr Nachmittags, ein beschaulicher, fast schon ein wenig langweiliger Büronachmittag neigt sich seinem Ende zu. „Meiner“ hat um fünf seine erste Sitzung am zukünftigen Arbeitsort und deshalb lasse ich meine Arbeit zu einem Ende kommen. Gerade will ich mich innerlich auf das Chaos vorbereiten, das vor der Bürotür auf mich wartet, da öffnet sich dieselbe Tür und unser Gast meldet, dass er mich ganz dringend braucht, weil er sich eine Verletzung zugezogen hat. Der Zoowärter braucht mich auch ganz dringend, weil er beschlossen hat, dass er mit seiner Freundin nach Hause gehen will, was Papa aber nicht einsehen will. Aber ich will es auch nicht einsehen und deshalb haben wir bald schon einen heulenden Zoowärter. Und einen FeuerwehrRitterRömerPiraten, welcher dem übermüdeten Prinzchen den Bä! wegschnappt, worauf wir auch noch ein heulendes Prinzchen haben. Und eine Luise, die nicht dann zu Hause ist, wenn sie zu Hause hätte sein sollen. Und einen Karlsson, der seine Hausaufgaben erst später machen will, was aber nicht geht, weil er später eine Konzertprobe hat.
Irgendwann wird klar, dass der Gast ärztliche Behandlung braucht, worauf die halbe Horde mit mir im Auto verschwindet, während „Meiner“ mit dem Auto meiner Mama zur Sitzung düst und Karlsson zu Hause die Stellung hält. Gast in ärztliche Behandlung übergeben, dann wieder zurück nach Hause, die Rückführung von Luise veranlassen, Pizzateig herstellen, Karlsson zur Konzertprobe fahren, Pizza backen, Prinzchen ins Bett bringen und kontrollieren, ob der inzwischen auf dem Fussboden eingeschlafenen Zoowärter noch tief genug schläft, „Meinen“ anrufen um ihm zu sagen, dass er Karlsson abholen soll, weil ich jetzt den Gast abholen werde, wieder zu Hause allen Pizza servieren und dafür sorgen, dass alle Hausaufgaben gemacht sind, Luises Probleme beim Häkeln lösen, dem FeuerwehrRitterRömerPiraten von den Wikingern erzählen und ihn danach beruhigen, weil der Zoowärter heute nicht bei ihm im Zimmer schlafen wird, weil er ausnahmsweise bei uns schlafen darf, damit wir ihn nicht wecken müssen, Augenblicke später einen Zoowärter trösten, der mit nasser Hose völlig verschlafen aus unserem Schlafzimmer kommt und noch immer nach seiner Freundin brüllt, Karlsson vom Computer loseisen, weil jetzt fertig ist mit „Fritz & Fertig“, Küche aufräumen, jedem Kind ein Liedchen singen, Luise ermahnen, dass jetzt Schluss sei mit dem Herumgerenne, Karlsson trösten, weil der Schmetterling, den er vor zwei Jahren in der Schule gemacht hat, kaputt gegangen ist und sonst noch ein paar kleinere und grössere Krisen, wie zum Beispiel eine Taschenlampe, die neue Batterien braucht.
Jetzt scheint das Haus langsam zur Ruhe zu kommen. Endlich hätte ich Zeit, mich in mein Lehrbuch zum Thema Krisenmanagement zu vertiefen. Aber ob ich diesem Thema überhaupt gewachsen bin?
Was kann ich denn schon dafür?
Habt doch bitte endlich Erbarmen mit uns und lasst die Sommerferien beginnen! Nicht, dass ich ferienreifer wäre als gewöhnlich. Ich lechze immer gleich stark nach Erholung. Nicht dass ich mich danach sehne, fünf Wochen lang eine Horde unterbeschäftigter Kinder daran zu hindern, einander die Köpfe abzureissen. Aber so langsam habe ich die Nase voll davon, mich jeden Morgen anraunzen zu lassen, weil die Kinder nicht mehr aufstehen mögen. Als ob ich Schuld daran wäre, dass die Knöpfe jetzt einfach ausgelaugt sind vom langen Schuljahr. Als ob ich die Sommerzeit eingeführt hätte, die abends das Einschlafen erschwert. Als ob ich dafür gesorgt hätte, dass in den letzten Schulwochen noch alles rein muss: Sporttag, Schulreise, Elterngespräch, Jugendfest, verpassten Schulstoff aufarbeiten, Fussballturnier, Schülerkonzerte, Schnuppermorgen, Abschlussfeiern und was einem sonst noch in den Sinn kommen könnte, um auch noch den letzten weissen Fleck auf dem Kalender zu füllen.
Es ist einfach zum Heulen im Moment und das, bevor die Post-it-Tage offiziell begonnen haben. Und so kommt es, dass ich momentan mal wieder den Abfallkübel der Familie mache: „Mama, wo hast du meine Schuhe versteckt?“ „Mama, ich will jetzt einfach nicht zur Schule gehen, also lass mich schlafen.“ „Mama, warum hast du mir meine Lernzielkontrolle nicht in den Schulsack gelegt, nachdem du sie unterschrieben hast?“ „Mama, warum hast du keine ganz roten Äpfel gekauft?“ „Mama, wegen dir komme ich noch zu spät.“ Meine sonst so lieben und bescheidenen Kinderlein, die mich an gewöhnlichen Tagen vergöttern, haben mich zum Sündenbock auserkoren und das alles nur, weil sie ihren Frust und ihre Übermüdung nicht an der Lehrerin auslassen können. Oder am Schulleiter. Oder am Bildungsdirektor.
Dabei hätten die Bildungsdirektoren eigentlich die Schelte verdient. Die bringen es nämlich tatsächlich fertig, dass „Meiner“, der im Aargau unterrichtet, eine Woche früher Schulferien hat als unsere Kinder, die im Kanton Solothurn zur Schule gehen. Ich fürchte, das wird eine sehr sehr schwierige letzte Schulwoche. Vielleicht frage ich mal den Bildungsdirektor, ob an den letzen Schultagen bei uns zu Hause das Wecken und Kinder-zur- Schule-schicken übernimmt.








