Kater Leone weiss 

Fragt mich nicht, woher, aber er weiss. „Bald wirst du für lange Zeit weggehen“, scheint er zu mir zu sagen, „also lass mich dich noch ein wenig geniessen.“ Und  weicht er kaum mehr von meiner Seite. Schläft wieder wie in Anfangszeiten jede Nacht auf meinem Rücken, lässt sich auch dort nieder, wenn ich ausnahmsweise mal Zeit für einen Mittagsschlaf habe, krallt sich an meinem Rücken fest und legt mir den Kopf besitzergreifend auf den Nacken, wenn ich aufstehen will. Seine tagelangen Ausflüge zum Bahnhofsareal hat er eingestellt, gerade so, als wollte er jede kostbare Minute in meiner Nähe auskosten.

Leone weiss aber auch, wo er in den kommenden Wochen zu Hause sein wird. An dem Tag, an dem meine Mutter und ich uns darüber unterhielten, dass die Katzen bei ihr Asyl bekommen, spazierte er wie selbstverständlich in ihre Wohnung und nahm alles genau unter die Lupe. Noch nie zuvor hatte er sich für die Wohnung meiner Mutter interessiert, obschon er tagtäglich daran vorbeigeht. Jetzt aber hält er auf der Treppe vor ihrer Tür kurz inne, ehe er ein Stockwerk höher nach Hause kommt. 

Ganz klar, Leone weiss und das beruhigt mich ungemein. Ich hatte nämlich schon befürchtet, er würde uns verlassen, wenn wir eine Weile lang nicht hier sind. 

 

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Bye bye, Büsi

„Auch Katzen leben nicht ewig“, mögen die einen vielleicht sagen.

„Es passieren viel schlimmere Dinge auf dieser Welt“, die anderen.

„Damit muss man rechnen, wenn man Haustiere hat“, die Dritten.

Das alles mag stimmen, aber sie war halt auch Teil unserer Familie. Wurde unter unserem Sofa geboren, als die Familie am Nebentisch Mittagessen ass. Begleitete Karlsson regelmässig treu zur Schule und wollte mehr als einmal gar mit zum Elterngespräch. Heimste mit ihrem einmalig gemusterten Fell unzählige Komplimente ein. Tanzte so possierlich auf unseren Nerven herum, dass man ihr nie richtig böse sein konnte, nicht mal, wenn sie eine Lieblingstasse runterschmiss oder ihr Geschäft am falschen Ort verrichtete. War uns allen lieb und teuer, auch wenn sie „nur“ eine ganz gewöhnliche Hauskatze war.

Nun ist sie weg, aus dem Leben gerissen durch einen rücksichtslosen Autofahrer, der nicht mal den Anstand hatte, sich um sie zu kümmern. Hätte nicht eine Fussgängerin das leidende Tier gefunden, sie wäre wohl elend in der Kälte verendet, doch so konnte sie zumindest in Karlssons Begleitung aus dem Leben scheiden.

Solche Dinge passieren eben, ich weiss. Aber weh tut’s trotzdem. 

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Inkonsequent

„Sie tun mir aber leid“, sagte ich zu der Kassiererin, die mir kurz vor Weihnachten erzählte, samstags sei das Geschäft jetzt jeweils bis 20 Uhr offen. „Irgendwann müssen Sie doch auch Feierabend haben und an den Bahnhöfen gibt es ja genügend Läden, die bis spät geöffnet sind.“

„So ein Schwachsinn“, sagte ich etwas später zu „Meinem“. „Wollen die denn eine 24-Stunden-Gesellschaft wie in den USA? Man kann seine Einkäufe doch planen, dann braucht man nicht am Samstagabend noch in die Läden zu rennen.“

„Du willst mir doch nicht weismachen, dass du zu keiner anderen Tageszeit einkaufen gehen kannst?“, sagte ich ein paar Tage später zu einer Freundin, als sie mir erklärte, sie sei ganz froh um die verlängerten Öffnungszeiten am Samstag. 

„Wir brauchen ganz dringend noch Katzenfutter, WC-Papier, Katzenstreu und Haushaltpapier. Ich glaube, ich fahre am besten noch schnell ins Einkaufszentrum. Die haben doch jetzt am Samstag bis 20 Uhr offen und wenn ich mich recht erinnere, haben sie alles im Sonderangebot, was wir brauchen“, sagte ich heute Abend, als ich mit Schrecken feststellte, dass gleich vier ziemlich unentbehrliche Dinge fürs Wochenende fehlten. 

Na ja, immerhin war ich konsequent genug, nicht an der Kasse anzustehen, an der die Kassiererin sass, die ich kurz vor Weihnachten dafür bemitleidet hatte, dass sie jetzt samstags bis 20 Uhr arbeiten muss. 

(Und eigentlich ist das alles gar nicht meine Schuld. Hätte Karlsson den Katzen nicht bei jedem kläglichen Miauen den Fressnapf gefüllt, wären die Futtervorräte nicht heute kurz nach 18 Uhr aufgebraucht gewesen. Katzenstreu hätten wir dann auch keine gebraucht. Und folglich auch kein Haushaltpapier, aber da gehe ich jetzt lieber nicht ins Detail.)

pasta al zafferano

pasta al zafferano; prettyvenditti.jetzt

Glückseligkeitshäppchen

Zuweilen bietet auch der grauste Alltag das eine oder andere Häppchen Glückseligkeit. Zum Beispiel wenn…

…du beim Waschen – für einen kleinen Moment zwar nur, aber immerhin – den Boden des Wäschekorbs siehst. Okay, übertreiben wir’s nicht: Den Boden von einem der vielen Wäschekörbe, aber man muss nehmen, was man bekommen kann.

…du ohne lang zu suchen dein Uralt-Handy aufspürst, den PUK ohne Wartezeit in der Warteschlaufe wieder bekommst und du fröhlich dein eben gewonnenes Fairphone in Betrieb nehmen kannst.

…du unbemerkt einen ganzen Rettich in der Gemüsesuppe verschwinden lassen kannst. Das Hochgefühl, das du empfindest, wenn der FeuerwehrRitterRömerPirat genüsslich schmatzend vor sich hin löffelt und dreimal nachschöpft, ist durch keine Droge dieser Welt hinzukriegen (Nicht dass ich in diesem Bereich allzu viel Erfahrung vorweisen könnte, aber wer braucht denn schon Drogen, wenn er Kinder hat, die mit Genuss drei volle Teller „Ätsch, wenn ihr wüsstet, dass es hier Rettich drin hat“-Suppe in sich hinein schaufeln?).

…die Katze nicht bemerkt, dass die Kinder den Frischkäse offen haben stehen lassen.

… die drei Kinder, die derzeit am meisten Chaos verursachen, den ganzen Samstag ausser Hause sind. Und dies sogar an einem dieser elenden Samstage, an denen „Deiner“ Kurs hat und du nicht die geringste Lust verspürst, den Karren alleine durch den Dreck zu ziehen. (Ja, ich schreibe mit Absicht „durch“den Dreck, denn die Sache mit „aus dem Dreck“ schiebe ich mir für die Pensionierung auf.)

…es für einen Moment lang so still ist im Haus, dass du deinen eigenen Brummschädel, der mal wieder zu wenig Schlaf abbekommen hat, brummen hörst.

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Schlechtes Vorbild

Zuerst war’s ja noch ganz in Ordnung. Mit dem Anschleppen von Regenwürmern anstelle von Mäusen und Singvögeln zeigte sie meiner Meinung nach sogar so etwas wie ein ökologischen Bewusstsein. Es sah fast so aus, als ahnte sie, dass die Unmengen von Katzen, die in unseren Quartieren spazieren, das ökologische Gleichgewicht allmählich etwas überstrapazieren. 

Auch die Phase mit den Plastiksäcken konnte ich ihr noch halbwegs nachsehen. Gut, ich war nicht gerade erfreut über die zerfetzten Znünisäckli, die jeden Tag vor unserer Wohnungstür lagen. Immerhin aber nahm sie mir so die Arbeit ab, selber durchs Gebüsch zu kriechen um aus unserem Garten zu entfernen, was meine eigenen und die unzähligen fremden Schulkinder, die an unserem Haus vorbeigehen, liegen lassen. 

Die Holzphase, die dann folgte, war sogar ganz in Ordnung. So musste „Meiner“ nicht immer alles selber anschleppen, was er für seine Fotoprojekte braucht. 

Jetzt aber geht sie eindeutig zu weit. Nach dem zweiten Päckli „Marlboro Gold“ vor der Tür unseres Nichtraucherhaushaltes wird es Zeit für ein klärendes Gespräch mit Katzenmama Henrietta. Was gibt sie denn ihren Teenie-Töchtern für ein Vorbild ab? Und sie soll mir bloss nicht mit der Ausrede kommen, sie sei eben die überschüssigen Pfunde von der letzten Schwangerschaft nicht losgeworden und hätte darum angefangen. 

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Verfolgungsjagd

Ich: „Schnell, Zoowärter, renn! Sonst sieht sie uns.“

Zoowärter: „Mist! Sie hat uns schon gesehen.“

Ich: „Komm über die Strasse. Vielleicht können wir sie so abschütteln.“

Zoowärter: „Mama, sie kommt rüber…“

Ich: „Oh nein…“

Zoowärter: „Soll ich ihr hinterher?“

Ich: „Ja, mach das. Vertreib sie einfach.“

Zoowärter (leicht verzweifelt): „Mama, sie kommt mir trotzdem hinterher…Was soll ich machen?“

Ich: „Komm, wir laufen! Schnell! So sollten wir es schaffen, sie abzuhängen…“

Wir werfen einen Blick zurück.

Zoowärter: „Sie kommt…“

Ich: „Lauf schneller!“

Wieder ein Blick zurück.

Ich: „Ich glaube, jetzt haben wir sie abgehängt.“

Zoowärter: „Oh Mann, das war knapp!“

Ein klägliches Miauen aus Nachbars Garten bestätigt uns, dass wir es geschafft haben, das schwarz-weisse Kätzchen zurückzulassen, das jedes Mal nachfolgt, wenn ein Venditti das Haus verlässt.

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Vielseitigkeit

An Tagen wie heute merke ich, dass ich eben doch vielseitiger bin, als mir bewusst ist. Ich kann nämlich:

  • Gute Miene zum bösen Spiel machen, wenn mir der Techniker mitteilt, er könne unsere Telefonleitung nicht reparieren, da müsse der Hauselektriker her. Sogar die bissige Bemerkung, auf eine solche Nachricht hätte ich nicht vier Tage warten müssen, kann ich mir verkneifen. 
  • Meinen ganzen Frust über einen vergeudeten Arbeitsmorgen – der nette Herr Techniker hat mich fast zwei Stunden vom Internet abgehängt – an hausgemachtem Kartoffelbrei auslassen.
  • Meinen Ekel überwinden und Kalbsschnitzel panieren. Ohne Handschuhe.
  • Den Hauselektriker anrufen und die Dame am Empfang ganz nett bitten, doch bald jemanden zu schicken, weil ich schon furchtbar lange ohne Telefon sei. Was daran so besonders ist? Nun, zuweilen gerate ich in Versuchung, meinen Frust an Unschuldigen auszulassen.
  • „Meinem“ technische Probleme aus dem Weg räumen, damit er heute Abend einen einwandfreien Vortrag halten kann. Okay, ob der Vortrag wirklich einwandfrei war, werde ich erst wissen, wenn er wieder zu Hause ist. 
  • Den Zoowärter ganz furchtbar ungerecht behandeln und ihn nie zu Wort kommen lassen. Dies zumindest seine Sicht der Dinge.
  • Mich dezidiert dafür einsetzen, dass der Zoowärter nicht immer unterbricht, wenn Karlsson mir von einer Begebenheit in der Schule erzählen will. Dies meine Sicht der Dinge.
  • Ungerührt dabei zusehen, wie der Elektriker den ganzen Wandschrank ausräumt, weil er nach langem Suchen herausgefunden hat, dass die kaputte Telefonleitung sich dort befindet.
  • Nicht in Tränen ausbrechen, wenn mir der Elektriker mitteilt, er habe soeben eine Telefonleitung entsorgt, die schätzungsweise aus den Dreissigerjahren des letzten Jahrhunderts stammt.
  • Meinen Kaffee lauwarm geniessen, weil ich gefühlte hundertmal davon abgehalten worden bin, als er noch heiss war.
  • Mir durchaus bewusst sein, wie dumm es ist, sich über das andauernde Klingeln des Telefons aufzuregen, wo ich doch unbedingt wollte, dass die Leitung so schnell als möglich wieder repariert wird. (War irgendwie ruhiger, als das Ding eine Woche lang stumm blieb.)
  • Karlsson beinahe ungerührt sagen, ich wüsste beim besten Willen nicht, wie ich ihn heute ins Nachbardorf chauffieren solle, wo ich doch das Haus voller Kinder hätte.
  • Den ganzen Tag mit einer Scherbe im Fuss rumlaufen und so rund, als würde es mir überhaupt nichts ausmachen, dass ich keine Zeit habe, mich darum zu kümmern.
  • Beinahe platzen vor Freude, weil sich sechs Schulkameraden dafür stark machen, dass der FeuerwehrRitterRömerPirat mitspielen darf und damit bewirken, dass derjenige, der unseren Sohn ausschliessen wollte, sich freiwillig entschuldigt.
  • Der Katze ein übrig gebliebenes Kalbsschnitzel servieren, weil das Futter ausgegangen ist und sie so fürchterlich klagt.
  • Einem hinreissenden kleinen Mädchen sagen, sie dürfe heute leider nicht in unserem Garten spielen, weil ich vor lauter Kindern nicht mehr wüsste, wo mir der Kopf steht.
  • Einen kleinen Taugenichts, der im Vorbeigehen dem Prinzchen „Arschloch!“ zugerufen hat, so zusammenstauchen, dass alle seine Freunde finden, ich hätte voll und ganz recht und er solle sich beim nächsten Mal gefälligst anständig aufführen. 
  • Eine Dreijährige einen ganzen Nachmittag lang mehr oder weniger geduldig davon abhalten, sich aus meinem Blickfeld zu begeben und irgendwelche Dummheiten anzustellen.
  • Mit einem riesigen, geliehenen Auto durch die Gegend kutschieren und sogar dann ruhig bleiben, als einer meinen Vortritt missachtet und beinahe das riesige, geliehene Auto zu Schrott macht.
  • Einhändig bloggen, weil gerade eine kleine Katze auf meinem Arm schnurrt.
  • Trotz vieler weiterer Kleinigkeiten, die meinen Tag zu einem Dauerlauf im Hamsterrad gemacht haben, abends noch immer wissen, wie ich heisse, wo ich wohne und wie alt ich bin. (Hundertdreissig, wenn ich mich nicht irre.)

Ist doch gut, wenn einem das Leben ab und zu die eigene Vielseitigkeit vor Augen führt. Aber muss das alles unbedingt an einem einzigen Tag sein?

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