Bloss keine falschen Schlüsse ziehen

Wenn sie sich fürchten, kommen sie nicht mehr in dein Bett gekrochen.

Ihre Geheimnisse vertrauen sie anderen an.

Haben sie sich auf irgend eine Weise weh getan, kommen sie nicht mehr weinend zu dir gerannt, um sich trösten zu lassen.

Ihre Bewunderung für dich bringen sie nur noch äusserst selten zum Ausdruck und wenn doch, dann meist als ironische Bemerkung kaschiert.

Wenn du abends weggehst, weinen sie dir keine Träne nach, es sei denn, du hättest die Fernbedienung mitgenommen, um sie vom fernsehen abzuhalten. 

Wühlst du in ihrem Beisein in deinen Kindheitserinnerungen, hören sie dir nicht mehr gebannt zu, sondern fallen dir irgendwann ins Wort, um zu sagen: „Ja, ich weiss, da hattest du ganz schreckliche Angst und deine Schwester musste dir wieder die Geschichte von der lustigen Watschelente erzählen, damit du einschlafen konntest. Hast du uns schon hundertmal erzählt…“

Seid ihr gemeinsam unterwegs, halten sie nicht mehr voller Stolz deine Hand. Viel lieber halten sie ein wenig Distanz, um nicht mit dir in Verbindung gebracht zu werden.

Was dir gehört, finden sie nicht mehr unglaublich toll, sondern ziemlich altbacken und peinlich. 

Machst du etwas falsch, sagen sie nicht mehr: „Schon okay, Mama“, denn dein Fehler liefert ihnen eine Gelegenheit, dir endlich einmal ins Gesicht zu sagen, was sie schon immer doof fanden. 

Nicht selten fällst du ihnen schlicht und einfach auf die Nerven.

Dennoch wäre es ganz und gar falsch, zu glauben, sie würden dich nicht mehr brauchen und hätten kein Bedürfnis mehr, von dir zu hören, dass du immer für sie da sein wirst und dass du sie über alles liebst. 

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Sammeln Sie Märkli? 

Neulich an der Kasse. Vor mir bezahlt ein Mann seine Ware.

Kassierin: „Sammeln Sie die Märkli?“

Kunde: „Nein, die können Sie der Dame hinter mir geben.“

Ich: „Danke, das ist nett, aber ich sammle auch nicht.“

Die Kassierin und ich unterhalten uns über die verschiedenen Sanmelaktionen und warum ich nicht sammle. Sie scannt derweilen meine Artikel, ich packe ein, wir reden weiter über meine Unlust am Märkli-Sammeln, sie nennt den Betrag und während ich im Portemonnaie krame, fragt Sie: „Sammeln Sie die Märkli?“ 

Ich: „Äääääh, nein…“

Kassierin: „Ach ja, stimmt. Darüber haben wir uns ja gerade unterhalten.“

Weil ich „Meinem“ noch ein paar Dinge für die Schule bringen muss, sind die nächsten Waren, die auf dem Band liegen, auch für mich. Sie scannt, ich packe ein und wir reden weiter über Märkli. Diesmal geht es darum, wie mühsam es für das Kassenpersonal ist, wenn alle paar Wochen etwas anderes verteilt werden muss. Manchmal sei es schwierig, da überhaupt noch den Überblick zu behalten, erklärt sie. Dann sind alle Artikel gescannt, sie nennt den Betrag, ich krame im Portemonnaie und sie fragt: „Sammeln Sie die Märkli?“

Ich: „“Äääääh, nein… Auch bei diesem Einkauf nicht.“

Kassierin: „Ach ja, stimmt. Darüber haben wir uns ja gerade unterhalten.“

Kopfschüttelnd verlasse ich den Laden. War das jetzt ein Roboter, der gelernt hat, sich wie eine echte Kassierin zu verhalten, oder eine Kassierin, die trainiert, sich wie ein Roboter aufzuführen, damit sie ihren Job auch in Zukunft behalten kann?

Mach kein Drama

Wenn lange genug eins nach dem anderen schief läuft, fängst du früher oder später an, auch dort Probleme zu sehen, wo gar keine sind. Dann gehst du, wenn es beim Kochen plötzlich knallt und der Backofen seinen Dienst quittiert, nicht in den Keller, um zu überprüfen, ob eine Sicherung rausgefallen ist. Nein, du brichst fast in Tränen aus, weil du dich nicht schon wieder mit dieser unsäglichen Firma rumärgern willst und du in Gedanken schon vor dir siehst, wie sie kommen, um deinen geliebten Herd abzutransportieren, weil er nicht mehr zu retten ist. Da die Herdplatten noch funktionieren, schiebst du den Anruf bei der Firma drei oder vier Tage vor dir her und nachdem du endlich zum Telefon gegriffen hast, siehst du dem Besuch des Technikers mit Bangen entgegen. Nicht schon wieder ein Stein im Weg, denkst du. Nicht schon wieder diese elende Jagd nach einem funktionierenden Haushaltgerät. 

Tja, und dann steht ein paar Tage später dieser Techniker in der Küche, verlangt den Sicherungskasten zu sehen und verkündet Augenblicke später, dass da, wo du schon wieder einen Berg gesehen hast, eigentlich nur eine kleine, doofe Sicherung war. Eine von zwei, die für den Betrieb von Backofen und Kochplatten zuständig sind.

Bevor du vor lauter Scham im Fussboden versinkst, denkst du noch, dass du dir dringend mal wieder eine Portion Optimismus besorgen solltest. Mindestens so viel, dass es reicht, um erst die paar Treppenstufen zum Sicherungskasten unter die Füsse zu nehmen, ehe du ein Drama machst. 

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Und jetzt bitte einen Muttertag…

  • Zwei Teenager, die sich beim Kochen des Mittagessens in die Haare geraten und deshalb die Küche in ein Schlachtfeld verwandeln
  • Ein Sohn, der nicht im Traum daran denkt, sich an das zu halten, was man ihm sagt, ganz egal, wie gut begründet die Vorgaben sind
  • Zwei kleine Jungs, die spät abends noch kichernd im Bett liegen und keine Anstalten machen, irgendwann die Klappe zu halten 
  • Zwei Mahlzeiten die durch endlose Sticheleien und Streitigkeiten unter Geschwistern verdorben werden
  • Viel unwilliges Murren über ein paar klitzekleine Aufgaben im Haushalt, die „Meiner“ und ich nicht ohne Hilfe erledigen wollen
  • Diverse hässliche pubertäre Wutausbrüche
  • Bruder, der seine Schwester aus dem Haus sperrt, einfach weil es angeblich so furchtbar lustig ist, wenn sie danach pausenlos Sturm läutet
  • Heftige Geschwisterrivalität inklusive lautstarker Auseinandersetzungen beim Fussballspiel auf der Quartierstrasse
  • Ein Papa, der irgendwann aus purer Verzweiflung damit anfängt, die Muttertags-Moralkeule zu schwingen

Eine geballte Ladung von all dem also, was das Elterndasein an manchen Tagen so anstrengend macht. Ein Muttertag, an dessen Ende du denkst, du hättest dir jetzt eigentlich einen Muttertag mehr als verdient. Nein, keinen mit rührseligen Gedichten, Pralinen und Selbstgebasteltem, sondern einen, an dem du dich mal ausgiebig von den oben aufgeführten Dingen erholen kannst. Dies bitteschön mindestens einmal pro Monat und nicht bloss an diesem einen Sonntag im Mai. 

Und weil du das Ganze ja nicht alleine durchstehst, sollte dem Mann an deiner Seite das Gleiche ebenfalls zustehen.  

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Hallo, hört hier überhaupt einer zu?

Freitagvormittag, Notfallstation: Ich werde gefragt, ob Schwiegermama es denn noch schafft, alleine zu leben. „Nein, eher nicht“, gebe ich zur Antwort. „Ich denke, wir müssen im Anschluss an den Spitalaufenthalt eine Lösung finden.“

Samstagnachmittag im Krankenzimmer: Die Pflegefachfrau tönt an, in ein paar Tagen dürfe Schwiegermama bestimmt wieder nach Hause gehen. Ich erkläre ihr, dass wir unsere Zweifel hätten, ob sie das schafft. Ob wir demnächst einmal mit dem Sozialdienst sprechen könnten.

Sonntagnachmittag, Stationszimmer: Schon wieder kommt das Personal auf den baldigen Spitalaustritt zu reden. Diesmal weist „Meiner“ darauf hin, dass wir fürchten, sie sei momentan nicht in der Lage, ihren Alltag alleine zu meistern. Ob wir vielleicht demnächst einmal mit dem Sozialdienst reden könnten?

Montagnachmittag, Telefongespräch mit der Ärztin: Sie denke, Schwiegermama könne demnächst wieder nach Hause gehen, erklärt man mir. Darüber möchte ich mich gerne mit… ach, ihr wisst schon.

Montagabend, Krankenzimmer: Schon wieder spricht man vom Spitalaustritt, schon wieder erklärt „Meiner“, weshalb wir uns gerne darüber unterhalten möchten, wie es danach weitergehen soll.

Dienstagabend, Krankenzimmer: Wieder so eine Unterhaltung…

Mittwochmittag, Vendittis Küche: Telefon – der Sozialdienst. Die Ärzte hätten ernsthafte Bedenken, ob Schwiegermama es alleine zu Hause schaffen würde. Vielleicht sollten „Meiner“ und ich uns mal ernsthaft mit der Frage auseinandersetzen, ob sie nicht wenigstens vorübergehend in ein Pflegeheim gehen sollte. Natürlich sei das kein leichter Entscheid, aber so gehe das nun wirklich nicht.

Unzufriedenheitstraining

Wiedermal ein ungeplanter Arzttermin. Wie jedes Mal vor der Untersuchung wird das Kind gebeten, sich wiegen und messen zu lassen. Die Praxisassistentin notiert sich Gewicht und Grösse und bemerkt genüsslich: „Beim letzten Besuch warst du genau gleich gross, aber zwei Kilos leichter.“

Bravo! Solche Bemerkungen sollte man – völlig normalgewichtigen – weiblichen Teenagern viel öfter vor die Füsse knallen. Sonst lernen die ja nie, mit ihrem Körper unzufrieden zu sein. 

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Falsche Zielgruppe

Man sagt, Facebook wisse viel mehr über uns, als wir uns vorstellen könnten.

Man sagt auch, wir bekämen in unserer Timeline nur Dinge zu sehen, die auf unsere Interessen abgestimmt seien. 

Man lehrt uns, nur Leute, die zur definierten Zielgruppe gehörten, würden bestimmte Werbungen zu sehen bekommen. 

Ausserdem sagt man, diese Werbung sei eng mit dem verknüpft, was wir den lieben langen Tag im Netz suchen.

Warum um alles in der Welt bekomme ich dann seit ein paar Tagen andauernd die „Buy 2 + 1 Free“-Anzeige für modische Hidschabs eingespielt? Habe ich vielleicht jemals den Eindruck erweckt, ich hätte demnächst vor, nur noch verhüllt aus dem Haus zu gehen? 

Ach, übrigens: Bei dem Angebot handelt es sich um ein „Mother’s Day Special Offer“. Ich müsste also wohl schnell zuschlagen, wenn ich wollte…

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Andere Phase

Als sich bereits am Dienstag abzeichnete, dass ich spätestens am Donnerstagabend auf dem Zahnfleisch gehen würde, verkündete ich: „Der Freitag gehört ganz alleine mir!“ Dann könnte ich endlich wiedermal…

den ganzen Tag intensiv an meiner Geschichte arbeiten, die schon so lange auf ihre Fertigstellung wartet,

oder mich mit einem guten Buch in den Garten setzen und das schöne Wetter geniessen, 

oder die Stelle, wo der Gartenteich hinkommen soll, mal richtig jäten und vorbereiten, 

oder Croissants backen. Und Brioches. Und Laugengebäck,

…. oder in den Wald gehen, 

oder in der Stadt einen Kaffee trinken und in den Buchhandlungen nach Lesestoff stöbern, 

oder gemütlich mit jemandem einen Tee trinken und ein wenig plaudern, 

oder mit dem Velo in die Stadtgärtnerei fahren, das lauschige Gartencafé geniessen und ein paar Blumen für den Balkon kaufen, 

oder sonst irgend etwas tun, was mir Freude macht, 

… oder Schwiegermama zur Nachkontrolle ins Spital begleiten und dann bis zum frühen Nachmittag mit ihr auf der Notfallstation warten, weil aus einer latenten Geschichte etwas Akutes geworden ist. 

Wann werde ich endlich begreifen, dass auf die „Bei uns dreht sich alles um die Kinder“-Phase nicht die „Jetzt bin aber ich wiedermal dran“-Phase folgt, sondern die „Schwiegermama braucht uns jetzt ganz dringend“-Phase? 

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Woran du erkennst,…

… dass du dringend wieder mal ein paar (arbeits- und haushalts)freie Stunden alleine verbringen solltest:

  • Wenn du auf dem Heimweg von einem Interviewtermin nicht nur die Autobahn meidest, sondern auch unter dem Vorwand, du müsstest unbedingt jetzt gleich sehen, wie sich die Orte deiner Kindheit verändert haben, zahlreiche Umwege machst.
  • Wenn du es vorziehst, in einer Tiefgarage ein kaltes Stück Pizza zu essen, anstatt dich zu Hause mit allen anderen an den Mittagstisch zu setzen.
  • Wenn du dir durchaus vorstellen könntest, in dieser Tiefgarage auch noch ein wenig zu lesen, was du nur deshalb nicht tust, weil du fürchtest, die Gratis-Parkzeit laufe demnächst ab.
  • Wenn dein Herz höher schlägt, als sich die Bahnschranke vor dir langsam senkt. Jawohl, genau die Bahnschranke, über die du in der Regel schimpfst, weil sie bekannt ist dafür, endlose Staus zu verursachen.
  • Wenn du ganz betrübt bist, dass nur ein einziger kurzer Güterzug durchfährt, bevor sich die Schranke wieder hebt.
  • Wenn du zwar den ganzen Heimweg voller Zuneigung an deinen Lieben und ihren Bedürfnissen herum studierst, du aber doch ungemein dankbar bist, dass mal keiner von ihnen mit Dauergequassel deine Gedanken durcheinander bringt. 
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Spazieren für Fortgeschrittene

Spaziergänge mit Kleinkindern sind eine zeitraubende Angelegenheit. Alle paar Schritte bleibt man stehen, um eines der vielen kleinen Naturwunder zu beobachten, Mauern wollen erklommen werden und spätestens nach einer halben Stunde sind die kurzen Beinchen so müde, dass Tragen angesagt ist.

Auf Spaziergängen mit mittelgrossen Kindern kommt man zwar schneller voran, bis sie aber bereit sind, das Haus zu verlassen, muss so viel Überzeugungsarbeit geleistet werden, dass die Energie nicht mehr für weite Strecken reicht. 

Erst wenn einige Kinder schon gross sind, liegen anständige Spaziergänge drin und zwar abends, wenn die Kleineren im Bett sind und Mama und Papa alleine aus dem Haus gehen können.

Oder könnten. Wenn da nicht die Katze wäre, die laut klagend hinter ihnen her rennt und jedes Mal in Panik gerät, wenn sie ihre Menschen für einen Augenblick aus den Augen verliert. Um nichts in der Welt lässt sie sich abhängen und so bleibt einem am Ende nichts anderes übrig, als noch einmal nach Hause zu gehen, das Tier mit List ins Treppenhaus zu locken und dann heimlich still und leise noch einmal abzuschleichen. Dann endlich kann es losgehen mit dem Abendspaziergang. 

Man muss dann allerdings damit leben können, dass man bei der Rückkehr von einer zutiefst beleidigten Katze in Empfang genommen wird. 

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