Liebe Miteltern

Können wir bitte endlich wieder ehrlich sein miteinander? Einfach damit aufhören, so zu tun, als hätten wir fehlerlosen Wesen das Leben geschenkt? Ja, sie sind toll unsere Kinder, sie versetzen uns immer wieder in Staunen mit ihren einzigartigen Fähigkeiten. Immer mal wieder geben sie uns guten Grund, stolz auf sie zu sein. Unser Herz möchte zerspringen vor lauter Liebe, wenn wir sie anschauen. Es ist ein unbezahlbares Privileg, sie beim Aufwachsen begleiten zu dürfen. 

Aber Himmel, es gibt doch auch eine andere Seite. Die Momente, in denen wir im Boden versinken könnten vor lauter Scham. Die Tage, an denen sie uns so lange reizen, bis wir platzen möchten vor lauter Wut. Die Lebensphase, in der sie so leise wie nur immer möglich sind, um das riesige, wunderbare Potential, das in ihnen schlummert, nicht aufzuwecken. 

Liebe Miteltern, mich dünkt, wir hätten offener miteinander reden können, als sie noch klein waren. Damals hinderte uns die abgrundtiefe Übermüdung daran, einander ein Theater vorzuspielen. Wir konnten gar nicht anders, als hin und wieder laut und tief zu seufzen. Heute aber, wo wir alle wieder besser schlafen, achten wir sorgsam darauf, dass nur noch das Lobenswerte nach aussen dringt. Die tiefen Seufzer aber… na ja, ich weiss gar nicht so recht, ob die bei euch noch vorkommen. Bei mir gehören sie weiterhin zum Alltag, genauso wie die Momente des puren Glücks, aber wenn ich euch so zuhöre, komme ich mir manchmal vor, als sei ich die Einzige, die unvollkommenen – und trotzdem wunderbaren – Menschen das Leben geschenkt hat.

un; prettyvenditti.jetzt

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Ist der Kuchen ruiniert…

An Luises 11. Geburtstag habe ich endlich verstanden, dass ich nicht mitzumachen brauche beim Wettlauf um den schönsten Geburtstagskuchen aller Zeiten. Heute, an Prinzchens 7. Geburtstag, habe ich mir bewiesen, dass ich nicht nur verstanden habe, sondern inzwischen auch lebe, was ich glaube. Das ging so:

Prinzchen wollte zu seinem Geburtstag einen Ritterburg-Kuchen und zwar einen mit viel Schokolade. Schokoladenkuchen ist nicht mein Ding, ich werde wohl bis zu meinem Lebensende nicht verstehen, was die halbe Welt so toll daran findet. Aber wenn ein Kind etwas zum Geburtstag wünscht, ist mir das Befehl – es sei denn, es wünschte sich einen Hund – und darum suchte ich mir aus den unzähligen „Bester Schokoladenkuchen aller Zeiten“-Rezepten das am wenigsten unsympathische aus, mischte den Teig, schmierte das Zeug in die Ritterburg-Backform und glaubte, für einmal einen ganz annehmbaren Geburtstagskuchen kreiert zu haben. Das dachte ich leider nur so lange, bis der Kuchen ein wenig abgekühlt und aus der Form war. Da stand nämlich keine Ritterburg auf dem Kuchenteller, sondern eine Burgruine.

Vor meinem Gesinnungswandel zu Luises 11. Geburtstag habe ich in solchen Momenten je nach Stimmungslage ein paar Tränchen verdrückt, oder aber den elenden Kuchen an die Wand geschmissen. Heute jedoch betrachtete ich den unansehnlichen Haufen mit kühler Distanz, griff zur Glasur, schmierte alles voll und als ich die goldenen Zuckerhalbmonde darüber streute, die ich gestern einer Eingebung folgend gekauft hatte, war mir auch klar, wie ich dem Prinzchen die Sache schmackhaft machen kann. Die Osmanen hätten die Ritterburg angegriffen, würde ich erklären, doch die tapferen Ritter hätten mutig gekämpft, darum sei die Burg zwar ziemlich lädiert, nicht aber dem Erdboden gleich gemacht. Wie man an den Halbmonden unschwer erkennen könne, sei es den Osmanen aber gelungen, die Burg zu erobern. (Es komme mir jetzt keiner mit Erklärungen, die Osmanen hätten keine Ritterburgen angegriffen. Und erst recht komme mir keiner mit kruden Interpretationen im Zusammenhang mit der aktuellen Weltlage.)

Ich freute mich richtig, dem Prinzchen meine missratene Torte zu präsentieren, doch der liess mich nicht mal bis zu den Osmanen kommen. „Macht nichts, dass die Torte nicht so schön geworden ist“, sagte er, als er von der Schule nach Hause kam „darf ich jetzt endlich mein Geschenk auspacken?“

Um den Geburtstagskuchenstress weiter zu mindern, plane ich deshalb demnächst ein familieninterne Meinungsumfrage zum Thema „Braucht es am Geburtstag überhaupt einen Geburtstagskuchen?“

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Ich könnte brüllen vor Lachen, wenn…

…ich dran denke, wie ich kurz vor der Matura glaubte, ich würde in meinem ganzen Leben nie mehr Hausaufgaben machen.

…ich mich erinnere, wie ich jeweils grossspurig erklärte, wenn wir mal Kinder hätten, würden „Meiner“ und ich abends, wenn einer von uns von der Arbeit nach Hause käme, erst einmal ein Viertelstündchen miteinander ein Tässchen Tee trinken und über den Tag plaudern, ehe wir uns ins familiäre Feierabendgetümmel stürzen.

…ich mir vor Augen führe, wie ich jeden Abend Karlssons Playmobil-Zoo in Ordnung brachte, damit auch ja jedes der kleinen Tierchen die Nacht in seinem Gehege verbringen würde. 

…man mir erzählt, wie ich in Vorkinderzeiten jeweils sofort zum Lappen griff, weil sich einer an meinem blitzblank geputzten Küchentrog die Hände gewaschen hatte. (Von meiner Überzeugung, ich würde diese Marotte durch die Familienjahre hindurch retten und bis ans Ende meiner Tage beibehalten, wollen wir erst gar nicht reden.)

…ich mir in Erinnerung rufe, wie ich Tag für Tag darauf wartete, endlich ruhig und ausgeglichen zu werden, bloss weil meine ruhigen und ausgeglichenen Verwandten beteuert hatten, ich würde dann schon auch ruhig und ausgeglichen werden, wenn ich erst mal Mutter sei.  

…mir in den Sinn kommt, dass ich nach meinem Austauschjahr in den USA überzeugt war, ich würde meiner Familie mal jeden Tag ein warmes Frühstück servieren, um einen gemütlichen Start in den Tag zu zelebrieren. 

…man mich dran erinnert, dass ich früher laut herausposaunte, ich würde mir meine Privatsphäre von niemandem rauben lassen, auch nicht von meinen Kindern. 

…ich an den Tag zurückdenke, an dem ich heulend, schniefend und stillend mit Karlsson auf dem Sofa sass und glaubte, ich hätte mich in eine Milchkuh verwandelt und mein Leben würde für die nächsten zwanzig Jahre so bleiben. 

…ich mich erinnere, wie „Meiner“ und ich jeweils sagten, wir würden nie, aber auch wirklich gar nie in Gegenwart unserer Kinder das Verhalten einer Lehrperson kritisieren. 

…ich mir überlege, wie lange ich felsenfest davon überzeugt war, unsere Kinder würden ohne Mama-Taxi über die Runden kommen müssen. (Na ja, wenn ich mir’s recht überlege, bin ich davon noch immer überzeugt, aber unsere Kinder sehen das leider anders.)

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Dokumentiert

Das Prinzchen hat endlich herausgefunden, dass es vor seiner Geburt schon Menschen gab auf diesem Planeten, dass diese Menschen schon vor seiner Existenz so etwas wie ein Leben führten und dass er selbst, als er dann endlich dazu berufen ward, diese Menschen etwas fröhlicher zu stimmen, davon rein gar nichts mitbekommen hat, weil er noch zu klein war, um irgend etwas zu verstehen. Also will er jetzt wissen, wie das so war, als er noch nicht war, wie es kam, dass er zu werden begann und was für ein toller Hecht er war, als er zwar schon war, von sich und den Seinen aber noch nichts wusste. Furchtbar aufregend findet er das, furchtbar schön fände ich es, hätte ich in seinen Anfängen nicht den Fehler begangen, den ich als jüngstes Kind bei meinem Jüngsten nie hatte begehen wollen, nämlich zu wenig Buch zu führen über seine grandiosen Taten. Zugegeben, auch bei den grösseren Geschwistern wurden es immer weniger Worte, je mehr Kinder unsere vier Wände bevölkerten, aber wenigstens ist da noch was. Beim Prinzchen aber sind wohl alle Ultraschallbildchen – von denen er immerhin eine ganze Menge mehr hat als Karlsson – fein säuberlich in sein Buch geklebt, ausführliche Berichte über den ersten Windelinhalt und den letzten Löffel Babybrei hingegen sucht man vergeblich.

Fast hätte ich mich dazu hinreissen lassen, deswegen ein schlechtes Gewissen zu haben, als ich auf die Idee kam, in diesem Blog mal gezielt nach dem Stichwort „Prinzchen“ zu suchen. Und siehe da, auch Prinzchens Anfänge sind dokumentiert, einfach ein wenig anders als bei den Grossen. Ich müsste sie nur endlich mal ausdrucken und einkleben, dann wäre auch Prinzchens Buch bald voll. 

piatto pieno due; prettyvenditti.jetzt

piatto pieno due; prettyvenditti.jetzt

Geht doch auch so

2007, Karlsson ist ein Zweitklässler und zwar einer von der eher schüchternen Sorte. Ein neuer Schüler kommt in die Klasse, setzt sich neben unseren Ältesten, sagt: „Du Arschloch!“ und von da an geht es bergab. Beim Elterngespräch sprechen wir die Lehrerin auf das schlechte Klassenklima an, erzählen ihr, dass unser Sohn immer wieder über üble Hänseleien klagt. Sie werde die Sache im Unterricht thematisieren, verspricht sie, aber ändern tut sich nichts. Wie auch, wenn nur geredet wird?

2011, der FeuerwehrRitterRömerPirat ist ein Zweitklässler, auch eher schüchtern, hin und wieder auch mal rabiat. Ein Mitschüler, der ihm körperlich überlegen ist, macht ihm das Leben schwer und zwar so schlimm, dass mich andere Mütter darauf ansprechen. Beim Elterngespräch bringt der FeuerwehrRitterRömerPirat die Sache selber vor, er möchte, dass sich etwas ändert. Sie werde die Sache im Unterricht thematisieren, verspricht die Lehrerin, meint dann aber auch, das Schicksal habe es eben so gewollt, dass unser Sohn mit diesem Jungen zur Schule gehe, darum müsse er lernen, mit der Sache klarzukommen. Natürlich ändert sich nichts. Wie auch, wo doch unser Sohn selber Schuld ist, wenn er sein Schicksal nicht annehmen kann?

2015, das Prinzchen ist ein Erstklässler, nicht unbedingt schüchtern, aber ein Kind, das Konflikte lieber mit endlosen Diskussionen als mit den Fäusten austrägt. Ein paar Zweitklässler haben es auf unseren Sohn abgesehen, machen ihm seit der ersten Schulwoche das Leben schwer. Kurz vor den Herbstferien kommt er mit einem blauen Auge nach Hause. Ich schreibe der Lehrerin, weil die Sache ein Ausmass angenommen hat, das ich nicht mehr tolerieren kann. Die Klassenlehrerinnen würden sich während der Herbstferien treffen, um sich in der Angelegenheit zu beraten, antwortet sie. Seit Montag ist wieder Schule,  seit gestern hat das Prinzchen einen Plan, auf dem er jeden Tag mit Smileys eintragen kann, wie die Stimmung auf dem Pausenplatz war, ob es wieder zu Konflikten gekommen ist. Zeichnet er traurige Gesichter, wird eingegriffen. Ob sich die Situation dadurch ändert, wird sich weisen, aber immerhin erfährt das Kind, dass man nicht einfach wegschaut und es „seinem Schicksal“ überlässt. 

Das ich so etwas auf meine alten Muttertage noch erleben darf.

torre temporanea; prettyvenditti.jetzt

torre temporanea; prettyvenditti.jetzt

Bon appétit!

Inzwischen sind wir also soweit, dass wir, wenn Karlsson in der Abenddämmerung den Kopf aus dem Fenster streckt, um seine im Garten buddelnden Eltern daran zu erinnern, dass er Hunger hat, zu ihm sagen können: „Könntest nicht du heute das Kochen übernehmen? Wir müssten das hier noch ganz dringend fertig machen.“ Vielleicht zögert er dann einen Augenblick lang, weil man als Teenager ja nicht einfach ohne zu zögern ja sagen kann, wenn die Eltern etwas von einem verlangen, doch dann fragt er zurück: „Was soll ich denn kochen?“ Zwei oder dreimal kommt er danach noch ans Fenster, um zu fragen, ob es so, wie er es macht, auch sicher richtig ist und nach einer halben Stunde ruft er zum Essen, als wäre es schon immer seine Aufgabe gewesen, die Familie zu füttern. Klar, er kocht nicht zum ersten Mal, aber bis jetzt waren das immer Dinge, die man halt so kocht, wenn man kochen lernt. Tomatensauce oder Risotto oder Toast Hawaii. Jetzt aber schmeckt das Essen nicht mehr nach „Ich lerne gerade kochen und Mama hat mir gesagt, wie man das macht“, sondern nach „Mama hat gesagt, ich soll etwas aus dem Kürbis machen, der im Kühlschrank liegt und ich finde, dass auf diese Weise sein Aroma am besten zur Geltung kommt.“ Also ein richtiges Abendessen, mit eigener Karlsson-Handschrift, so gut, dass man sich viel mehr schöpft, als der Hunger eigentlich gebieten würde. 

Eines von unzähligen Erziehungszielen wäre somit also erreicht. 

nell'acqua; prettyvenditti.jetzt

nell’acqua; prettyvenditti.jetzt

Blödes, infantiles Ich

Wir lernten uns kennen, als sie ein junges Ding war. Fast hätte ich „ein junges, dummes Ding“ geschrieben, aber sowas schreibt man nicht, wenn man ein Gutmensch ist und zu den Gutmenschen gehöre ich ganz zweifellos, das haben die aus der rechten Ecke im Gott sei Dank zu Ende gehenden Wahlkampf eins ums andere Mal klar gemacht. Aber zurück zu ihr. Sie war also jung und lebensunerfahren, als ich sie kennen lernte. Was nicht weiter schlimm gewesen wäre, hätte ihr nicht zugleich an dem gemangelt, was man gemeinhin Intelligenz nennt. Da sie nicht gerade hässlich war, ich aber zu jenem Zeitpunkt von fünf Schwangerschaften und zig durchwachten Nächten ziemlich mitgenommen aussah, fühlte sie sich mir haushoch überlegen, weshalb sie sich nicht genierte, mir gegenüber jede Sinnlosigkeit, die ihr gerade auf der Zunge lag, frei heraus zu äussern. Zum Beispiel: „Wollt ihr den FeuerwehrRitterRömerPiraten nicht in ein Heim geben? Der hat doch immer so schlimme Trotzanfälle.“ Oder: „Frauen, die Grösse 38 tragen haben voll versagt.“ Oder, als sie merkte, dass ich auch zu diesen Versagerinnen gehöre: „Also, bei dir ist das etwas anderes. Du darfst schon so aussehen, du hast ja ein paar Kinder geboren.“ Bei jeder Begegnung solche und ähnliche Bemerkungen, die mich zwar im Moment ärgerten, die ich aber nach einigem Grummeln in der Schublade „jung und unerfahren, irgendwann vielleicht nützlich für einen satirischen Text“ archivierte.  

Inzwischen ist sie etwas älter, nicht unbedingt viel weiser, aber auf bestem Wege, Mutter zu werden. Das bringt zwei Probleme mit sich. Erstens hat sie nun das Gefühl, sie sei in meiner Welt angekommen, weshalb sie keine Gelegenheit auslässt, um mit mir Gespräche zu führen, wie sie ihrer Meinung nach reifere Frauen miteinander führen. Also Wetter-, Haushalt- und Einkaufsgespräche. Zweitens – und das ist viel schlimmer – stelle ich fest, dass ich ihre Bemerkungen von früher doch nicht ganz verdaut habe, weshalb ich mich in Gedanken ähnlich infantil aufführe wie sie damals. So erfüllt es mich zum Beispiel mit einer beschämenden Genugtuung, dass sie zu jenen Schwangeren gehört, die wohl am Hintern und im Gesicht zunehmen, nicht aber am Bauch. „Na, wie war das nochmal mit Grösse 38?“, lästert mein infantiles Ich, wenn ich ihr begegne. Und dann fängt es an, sich auszumalen, wie sich ihr Nachwuchs eines nicht mehr allzu fernen Tages in seinem ersten Trotzanfall schreiend und tobend am Boden windet und wie es dann süffisant bemerkt, ob ein Kinderheim nicht vielleicht die beste Lösung wäre.

Blödes, infantiles Ich. Nimmt mir einfach die Illusion, dass ich inzwischen zu einem halbwegs vernünftigen Menschen herangereift bin. 

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Eine Handvoll Absurditäten

  • Mahnungen sind doof. Noch doofer ist es, wenn du am 10. Oktober gemahnt wirst, doch bitte deine Rechnung umgehend zu begleichen, die sei nämlich am 1. November fällig. Nein, das war kein Tippfehler, die wollen mir doch tatsächlich Dampf machen, weil ich 21 Tage vor dem Fälligkeitsdatum und vier Tage nach der Lieferung noch immer nicht bezahlt habe. Und dies trotz einer Zahlungsfrist von 30 Tagen. 
  • Die Schweiz und ihre Familien: „Grossfamilien mit mehr als zwei Kindern“, lese ich heute in der Tageszeitung und einmal mehr frage ich mich, ob demnächst alle, die mehr als null Kinder haben, zu den Grossfamilien gezählt werden. Wäre ja eigentlich logisch, wo man heute schon zur Familie wird, wenn man sich als Single einen Goldhamster zulegt. 
  • Eine Mama, die am Rande des Spielplatzes steht, gefühlte hundertmal lauthals „Eneeeeeeaaaaaa!“ schreit, und nicht begreift, dass Eneeeeeeaaaaa auch nach dem 101. Ruf nicht zu ihr kommen wird, weil Eneeeeeeaaaaa nicht zu ihr kommen will und dass sie sich deshalb besser einen anderen Weg ausdenken sollte, um Eneeeeeeaaaaa vom Spielplatz weg zu bekommen. 
  • Da steht plötzlich dieser Mann in deinem Garten, vielleicht siebzig oder fünfundsiebzig Jahre alt, und will von dir wissen, wie du es hingekriegt hast, dass dein Feigenbaum so viele Früchte trägt. Er verstehe ganz und gar nichts vom Gärtnern, sagt er, aber er würde halt auch furchtbar gerne so viele Feigen an seinem Baum haben. Aber eben, ein Gärtner sei er nicht, seine Mama hätte leider immer alles selber machen wollen, da habe er nichts lernen können. Du sagst, du hättest eigentlich auch nicht viel von der Sache verstanden, aber man könne sich in die Thematik einlesen. Tja, mit dem Lesen sei das so eine Sache. Das habe ihm nie zugesagt, schon damals in der Schule nicht, Fernsehen sei ihm lieber. Schlechter Lehrer halt… Er geht und du denkst: Mit der falschen Mama und dem falschen Lehrer hat man ein Leben lang eine Ausrede, um nichts Neues in Angriff nehmen zu müssen. 
  • Noch so eine Gartenbegegnung: Tag für Tag schuftest du in deinem Garten, bemühst dich darum, aus der ehemaligen Einöde eine wirklich schöne Sache entstehen zu lassen und eines Tages steht da diese Nachbarin, die zu dir sagt: „Wissen Sie, ich kenne diesen Gärtner, der würde aus Ihrem Grundstück einen wunderschönen Garten zaubern.“ Vielen Dank auch für das liebe Kompliment, meine Dame! 

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Konsumrausch

Samstag Nachmittag, ich fahre mit Luise in ein Kaff ennet der Grenze, um ein Päckchen abzuholen, das man mir nicht in die Schweiz hat liefern wollen. (Nicht ganz konsequent für eine, die ziemlich grün denkt, ich weiss.) Autos aus der Schweiz – darunter ziemlich dicke Karossen – verstopfen die Strassen. Einen Parkplatz ergattert man nur mit grösster Mühe, in den Läden hamstern die Massen, als stünde demnächst eine schlimme Hungersnot bevor. Die Wegzehrung, die wir uns vor der Rückfahrt kaufen, scheint mir keinen Cent weniger zu kosten, als ich zu Hause bei der Migros bezahlt hätte und ich frage mich, ob meine Landsleute, die sich die Einkaufswagen bis obenhin voll beladen, tatsächlich so viel sparen, wie sie immer sagen, oder ob sie am Ende gleich viel liegen lassen, weil sie im Kaufrausch Dinge kaufen, die sie gar nicht brauchen. Diesen Ort des Grauens wieder zu verlassen, ist gar nicht so einfach, denn vom Parkplatz bis zur Grenze geht es nur im Schritttempo.

Als wir endlich wieder drüben sind, weiss ich einmal mehr: So lange ich es mir irgendwie leisten kann, tue ich mir solche Einkaufstouren ganz bestimmt nicht freiwillig an. Mag sein, dass man in der Schweiz etwas mehr Geld an der Kasse liegen lässt, dafür hat man nach dem Einkauf noch ein paar Nerven übrig. 

41 minutes; prettyvenditti.jetzt

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Plaisir d‘ amour ne dure qu’un moment…

Er traf sie auf dem Spielplatz des Freilichtmuseums und es war Liebe auf den ersten Blick. Ihre sanften Augen und das glänzende schwarze Haar taten es ihm ebenso an, wie ihr fröhliches Wesen. Immer wieder zog es ihn zu ihr hin, sogar dann, als er eigentlich hätte essen sollen – und Essen verschmäht er sonst nie. Als wir ihn dazu überredeten, doch etwas zu essen, teilte er seine Karotten mit ihr. Bevor wir nach Hause gingen, musste er sie unbedingt noch einmal sehen. Nur mit Mühe liess er sich vom Spielplatz weglocken, danach sass er schluchzend und schniefend im Auto. Sein Herz, das sie im Sturm erobert hatte, wollte brechen vor lauter Trennungsschmerz. So unsterblich liebt er sie, dass er, kaum wieder zu Hause, damit anfing, Zukunftspläne zu schmieden. Okay, zuerst malte er noch ein paar Herzen, schrieb mit verträumtem Blick ihren Namen und erzählte unablässig davon, wie toll sie ist.

Ja, und dann rückte er eben mit seinen Zukunftsplänen raus: Sie soll zu uns ziehen, am besten schon an Weihnachten, wenn das zu früh ist, halt spätestens an seinem Geburtstag. Über den Platz soll ich mir mal keine Sorgen machen, meinte er, wir würden das schon irgendwie hinkriegen. Und sie würde auch ganz bestimmt nicht zu viel essen, sie sei da ganz bescheiden. So glücklich war er, als er von der gemeinsamen Zukunft mit ihr sprach, dass ich beim besten Willen nicht weiss, wie ich dem Zoowärter beibringen soll, dass mir eine Ziege nicht ins Haus kommt und sei sie noch so schön und liebenswert und anhänglich und sanft und lustig und verfressen und treu und schlau und anspruchslos und und und….

(Ich hab‘ mir ja immer vorgenommen, eine ganz und gar tolerante Schwiegermama zu werden…aber eine Ziege?!?!)

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